Herrn Müller’s Sylvesterabend

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Autor: unbekannt
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Titel: Herrn Müller’s Sylvesterabend
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51-52, S. 689-693,701-706
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[689]
Herrn Müller’s Sylvesterabend.
Erstes Kapitel.

Einige wenige Tage vor dem Weihnachtsfeste des Jahres 1757 – also gerade vor hundert Jahren – hatte Herr Müller, einer der wohlhabendsten Kaufleute und Hausbesitzer der guten Stadt Leipzig, zusammengerechnet, wie viel ihm seine Häuser in dem nun bald abgelaufenen Quartale an Miethzinsen einbringen würden. Es war ein ganz artiges Sümmchen, denn außer dem schönen großen Hause in der Reichsstraße, in welchem er sein Geschäft hatte und selbst wohnte, hatte er auch noch eine ganze Reihe Häuser auf der damals sogenannten Bettelgasse – jetzt, mit Respekt zu sagen, Johannesgasse benamset – angekauft, in welchen freilich lauter arme Leute wohnten, von denen er aber den Zins gewöhnlich in eigener hoher Person mit der rücksichtslosesten Strenge einzutreiben wußte.

Herr Müller war, wie wir schon angedeutet haben, mit dem Resultate seiner Berechnung sehr wohl zufrieden. Es war schon über zehn Uhr Abends, als er noch so beschäftigt in seinem einsamen Zimmer saß und als er die Rathhausglocke halb elf schlagen hörte, dachte er als ordentlicher an ein regelmäßiges Leben gewöhnter Mann, es sei nun wohl Zeit, sich zur Ruhe zu begeben.

Er sank von dem Gedanken an seinen immer höher steigenden Wohlstand sanft eingewiegt, in einen so behäbigen Schlaf, daß er es trotz seiner Liebe zum Gelde sicherlich als eine nicht angenehme Störung betrachtet hätte, wenn er jetzt von einem seiner Miethsleute aufgeweckt worden wäre, um den erst in einigen Tagen fälligen Zins schon heute in Empfang zu nehmen.

Um desto größer war begreiflicherweise seine Entrüstung, als er auf einmal durch ein dicht unter seinem Fenster anhebendes Gedudel und Getrompete aus seinem süßen Schlummer aufgeschreckt ward.

Es herrschte nämlich vor hundert Jahren – und Gott sei Dank, daß es jetzt nicht mehr der Fall ist, denn wir haben an der Meßmusik genug! – in Leipzig wie in vielen andern deutschen Städten die Gewohnheit, daß einzelne sogenannte Musikchöre in den letzten Tagen vor Weihnacht, gewöhnlich in den späten Abendstunden von neun bis elf Uhr, wohlhabenden oder vornehmen Bürgern der Stadt ein „Ständchen“ brachten.

Natürlich wünschten sie dafür belohnt zu werden, denn die Musik war damals in vielen Fällen weiter nichts, als eine andere Form der Bettelei.

Diese Serenaden waren übrigens nicht blos musikalischer, sondern auch deklamatorischer Art, denn nachdem ein oder zwei Stücke gespielt waren, trat ein hierzu besonders befähigtes Mitglied des Musikchors vor, um den gewöhnlich an der Hausthür oder am Fenster erscheinenden Hausherrn mit einer Anrede zu begrüßen, auf welche dann ein auf das Fest bezügliches Gedicht folgte. Nach Beendigung desselben ward gewöhnlich das Geschenk verabreicht, die Musikanten spielten noch ein, oder nach Befinden, wenn die Spende besonders reichlich ausgefallen war, zwei Stücke und trollten sich dann weiter.

Bei dem ersten Geschmetter der gurgelnden Hörner und Trompeten sprang Herr Müller aus dem Bett und riß das Fenster auf.

Da standen sie, die bettelnden Künstler bis an die Knöchel im Schnee und musicirten wacker d’rauf los.

„Ihr nichtswürdigen Kerle!“ schrie Herr Müller, „wollt Ihr Euch fortpacken oder soll ich auf die Polizei schicken und Euch alle einsperren lassen?“

Diese Drohworte waren keine aus der Luft gegriffenen, denn schon im vorigen Jahre hatte der wohlweise Magistrat, eben auf Ansuchen einiger ähnlicher reichen Isegrimme, wie unser Freund Müller war, dieses nächtliche Musiciren untersagt und wenn man es auch noch stillschweigend duldete, so war doch keinem Zweifel unterworfen, daß die armen Teufel sofort bei den Ohren genommen werden würden, sobald eine Beschwerde über diesen noch fortdauernden Unfug einliefe.

Hätten daher die Musikanten Herrn Müller’s Drohung sogleich verstanden, so würden sie mit ihrer Musik wohl kaum über die ersten Takte hinausgekommen sein. Aber ihre gellenden Instrumente übertäubten die Stimme des so unsanft aus seinem Schlafe geweckten reichen Mannes und da sich über seinem Fenster noch ohnehin ein sogenanntes tief herabgehendes Wetterdach befand, so sahen sie ihn anfangs gar nicht gleich. In der rauhen kalten Nachtluft aber im bloßen Hemd am offenen Fenster stehen und sich von einer elenden Musikantenbande Trotz bieten lassen zu müssen – das war in der That nicht zum Aushalten.

„Wollt Ihr Euch gleich packen, daß Ihr fortkommt?“ schrie er. „Wart’ – Euch will ich’s eintränken!“

Und er tastete in dem finstern Zimmer nach einer Wurfwaffe umher, fand aber keine. Das machte ihn noch wüthender und gern wäre er hinunter in den Hof geeilt, um den Kettenhund loszumachen und mit diesem die ungebetenen Gäste fortzuhetzen, aber dann hätte er sich doch erst müssen anziehen. Hastig scharrte er nun den draußen auf dem Fenstergesims liegenden Schnee zusammen, ballte ihn hart und fest und warf damit nach den Musicirenden, aber zu hoch, so daß der Ball unschädlich an das gegenüberstehende Haus anflog. Seine Wuth stieg nun so hoch, daß er für den Augenblick sogar seine angeborene Liebe zu seinem Besitzthum vergaß, nach seinem Waschtische lief und ein Stück Seife, eine Bürste, [690] ein Barbierbecken, einen Streichriemen und zuletzt, um vollständig Bresche zu schießen, einen wuchtigen Stiefelknecht in rascher Folge unter das Belagerungskorps hineinschleuderte.

Ein so wohlgezieltes und wohlunterhaltenes Feuer mußte die Tonbatterien des Feindes bald zum Schweigen bringen. Die Instrumente verstummten und die Musikanten blickten nach dem Fenster auf.

„Ihr sollt Euch fortpacken, Ihr Kerle! Hört Ihr nicht?“ schrie Herr Müller, indem er sich so weit als möglich aus dem Fenster neigte.

Noch wollten die erschreckten Künstler nicht gehen und der Sprecher und Direktor der Gesellschaft fand es vielmehr angemessen, erst sein Heil mit der wohleinstudirten Anrede zu versuchen.

„Altem löblichen Gebrauche zufolge,“ begann er vortretend, indem er zugleich seine Querpfeife wie einen Marschallstab in die Höhe hob, „haben wir, Ihre gehorsamsten Diener, in dieser fröhlichen festlichen Zeit des Jahres uns die Freiheit genommen, Ihnen unsere musikalische Aufwartung zu machen und Sie zu bitten, uns zu erlauben, Ihnen das neue Gedicht über die Freude der Schäfer von Bethlehem vorzutragen. Getrieben von dem aufrichtigen Wunsche –“

„Haltet Euer Maul, sage ich!“ schrie Herr Müller wieder. „Ihr seid Lämmermann, der verdorbene Schustergesell, der nicht Sitzefleisch genug hatte, um bei seiner Profession zu bleiben und nun mit seiner Querpfeife und seinen einfältigen Gedichten die Leute anbettelt. Wenn Ihr Euch nicht augenblicklich fortpackt, so hole ich die Polizei und dann könnt Ihr die Feiertage über im Hundeloche stecken.“

Der arme Lämmermann strich vor dieser Drohung, deren inhaltschwere Bedeutung er wohl kannte, sofort die Segel und schlich sich davon, während seine Collegen ihm folgten.

Herr Müller kroch vor Frost schaudernd wieder in sein Bett, wo er noch eine Zeit lang wach lag, ehe er wieder einschlafen konnte.

Am andern Morgen erwachte Herr Müller noch vor Tagesanbruch, aber seine Tochter Barbara war noch früher auf als er.

Sie war bereits seit ein paar Stunden mit ihrer alten Dienstmagd Margarethe beschäftigt, die Wohnzimmer zu säubern und denselben hier und da durch Aufstecken einiger grünen Tannenreiser ein weihnachtliches Ansehen zu geben. Im Ofen prasselte ein lustiges Feuer und das Frühstück stand auf dem Tische, als ihr Vater eintrat.

„Dich haben die Musikanten wohl auch aus dem Schlafe geweckt, Barbara?“ fragte Herr Müller.

„Nein, Vater,“ sagte Barbara; „ich war mit Fleiß aufgeblieben, um sie zu hören und es that mir Leid, daß Du sie wieder fortjagtest. Ich wußte, daß sie kommen würden; Lämmermann hat ein neues Gedicht gelernt, welches Friedrich verfaßt hat.“

„Friedrich thäte besser, wenn er sich um seine Schule bekümmerte,“ sagte Herr Müller. „Seine neumodische Lehrmethode will ohnedies vielen Bürgern, die ihre Kinder zu ihm schicken, nicht recht zusagen.“

Barbara ward, ohne daß ihr Vater etwas davon bemerkte, feuerroth und machte sich, um ihre Verlegenheit zu verbergen, mit dem Ofen zu schaffen.

„Ich habe heute viel Gänge zu gehen, Barbara,“ sagte der Alte, „und werde wahrscheinlich vor Abend nicht wiederkommen.“

Barbara hörte ihn kaum, bis er sie bat, ihm seinen Mantel umzugeben.

„Na, sei nur gut,“ sagte er, indem er sie noch auf der Schwelle küßte. „Siehe zu, daß Du mit Deiner Hausarbeit fertig wirst, ehe ich wiederkomme.“ Barbara versprach ihm zu gehorchen.

Herr Müller war diesen Morgen keineswegs auf angenehmer Laune. Als er zur Hausthür heraustrat, fiel sein Blick auf den Streichriemen, den die alte Margarethe, als sie die Wurfgeschosse ihres Herrn hereingeholt, übersehen hatte und dies erinnerte ihn wieder an den Aerger der vorigen Nacht. Die kalte scharfe Morgenluft sagte seiner Stimmung zu und er beschloß zuerst hinaus in die Bettelgasse zu gehen und dort seine Miethzinsen einzukassiren, die er sich von diesen armen Leuten allwöchentlich bezahlen ließ, um nicht eine für sie unerschwingbare Summe zusammenkommen zu lassen. Es war dies ein Geschäft, welches er sehr gern verrichtete, obschon er unabänderlich sagte, es sei ihm im höchsten Grade zuwider.

Als er die Grimmaische Gasse entlang ging, fühlte er sich von dem Anblick der verschiedenen das Weihnachtsfest verkündenden Erscheinungen höchst unangenehm berührt. Alles ärgerte ihn, die an den Fenstern der Victualienhändler aufgeputzten Butterstückchen, die Pfefferkuchen der Bäcker, die hübschen grünen Tannen, das mit Blumen verzierte Fleisch der Metzger – über Alles raisonnirte er, und nannte es Verschwendung und unnöthigen Luxus.

So war er bis dicht an das Grimmaische Thor gelangt und blieb hier vor einem Hause stehen, welches ebenfalls sein gehörte. Er trat hinein und pochte an die Thüre der Parterrewohnung.

„Niemand zu Hause!“ rief er, indem er nochmals und derber anpochte. „Niemand zu Hause? Niemand, wie gewöhnlich; gewisse Leute riechen einen Hauswirth, der nach seinem Zinse kommt, schon von weitem!“

Er bückte sich und guckte durch das Schlüsselloch, da er aber Niemanden sah und selbst auf das lauteste Pochen mit seinem Hakenstocke keine Antwort bekam, so ging er brummend und scheltend die Treppe hinauf.

„Hier auch Niemand da?“ rief er, indem er an dir Thür pochte.

„O ja, Herr Müller, wir sind zu Hause und stehen Ihnen zu Diensten,“ sagte ein hagerer Mann von mittleren Jahren und feinem Anstande, indem er die Thür öffnete. „Bitte, treten Sie ein.“

Das Zimmer war nur dürftig meublirt und das im Ofen brennende Feuer machte sich nicht allzubemerkbar; die Wände aber waren ringsum mit Gemälden behangen und an dem Fenster stand eine Staffelei.

„Sie sind immer pünktlich, Herr Lukas,“ sagte der Hauswirth. „Bei Ihnen kann man darauf rechnen, daß man nicht vergebens geht.“

„O ich weiß, daß die Bezahlung des Miethzinses eine Sache ist, die keinen Aufschub leidet,“ erwiederte der Maler mit Beziehung.

„Ich wollte, es dächten alle Leute so, Herr Lukas,“ sagte Herr Müller, indem er in das ihm vorgelegte Buch quittirte. „Es ist nichts mit solchen großen Häusern, wie dieses, wo man so viele Miethparten hat. Meine kleinen Häuser in der Bettelgasse machen mir nicht halb so viel Schererei.“

„Werden Sie die Auktion besuchen, die gleich nach dem Feste in dem Hause des verstorbenen Dr. Rivinus stattfindet?“ fragte der Maler.

„Ja wohl,“ sagte Herr Müller. „Der alte Dr. Rivinus hatte sehr hübsche Sachen und ich glaube, es wird sich ein Geschäftchen machen lassen.“

„Hier liegt der Katalog,“ äußerte der Maler. „Auf Gemälde werden Sie doch nicht bieten, wie?“

„Auf Gemälde? Das wäre noch besser!“ entgegnete Herr Müller und wunderte sich, wie ihm Jemand zutrauen konnte, daß er für so unnütze Dinge, wie Gemälde, Geld ausgeben werde.

„Nun dann kann ich Ihnen sagen,“ fuhr der Künstler fort, „daß sich unter diesen Sachen ein kleines Bild befindet, welches ich selbst zu erstehen hoffe. Wenn es nicht höher hinaufgetrieben wird, als zwanzig bis fünfundzwanzig Thaler, so kann ich es kaufen. Hier steht es ganz bescheiden in dem Kataloge aufgeführt: Nr. 1123, eine Landschaft.“

„Ich sehe es,“ grunzte Herr Müller.

„Dieses Bild,“ sagte der Maler und erwartete offenbar, daß sein Hauswirth durch seine Mittheilung nicht wenig überrascht werden würde, „dieses Bild, mein guter Herr Müller, ist ein echter Cornelius Schuyt!“

„Wirklich?“ rief Herr Müller, indem er mit gerunzelter Stirn eine andere Seite des Katalogs überblickte.

„Jawohl,“ fuhr der Maler mit steigender Wärme fort. „Es ist eins der anmuthigsten Gebilde, die je aus dem Kopfe und unter den Händen eines Malers hervorgegangen – eine reizende, stille Thalgegend, deren Anblick das Herz erfreut. Nicht um ein Rittergut möchte ich mir dieses Bildchen entgehen lassen.“

„Was Sie nicht sagen!“ entgegnete Herr Müller gleichgültig, indem er fortfuhr, den Katalog zu durchblättern.

„Sie können mir glauben,“ sagte der Maler. „Es ist mir so bange, daß es Jemand anders bekommen könne, daß ich schon mehrere Nächte nicht im Stande gewesen bin, zu schlafen und ich weiß, daß ich nicht eher wieder Ruhe haben werde. Ich muß das Bild bekommen, Herr Müller. Schauen Sie, hier gedenke ich es herzuhängen.“

Herr Müller hob seine Augen mechanisch zu der Stelle empor, welche der Maler an der Wand bezeichnete und fuhr dann fort, in dem Kataloge weiter zu lesen.

[691] „Hier werde ich es aufhängen,“ fuhr der Maler fort, „so daß gleich die ersten Strahlen der Morgensonne darauf ihr Licht werfen. Wie freue ich mich schon darauf, wenn meine Augen beim Erwachen auf dieses Kunstwerk fallen.“

„Auf etwas Anderes werden Sie nicht bieten?“ fragte der Hauswirth.

„Nein,“ antwortete Herr Lukas; „auf dieses Bild werde ich bieten, so lange meine Börse zureicht, aber auf sonst weiter nichts.“

„Dann werden wir auch einander nicht in den Weg kommen,“ sagte Herr Müller, „denn auf Ihren Cornelius Schuyt biete ich nicht acht Groschen. Guten Morgen, Herr Lukas.“

„Guten Morgen, Herr Müller,“ sagte der Künstler, indem er die Thüre schloß und sich wieder an seine Staffelei setzte.

Herr Müller wanderte, während er an die Auktion bei Dr. Rivinus und an die Einkäufe dachte, die er dort würde machen können, seines Weges durch das Grimmaische Thor weiter fort nach der Bettelgasse. Dieselbe bestand damals aus einer doppelten Reihe sogenannter Pfahlbürgerhäuser, die, wie schon der Name bezeichnet, blos aus Lehm und Pfählen erbaut waren, um, weil sie außerhalb der Festungsmauern lagen, in Kriegszeiten, wenn die Stadt bedroht war, mit leichter Mühe weggerissen werden zu können. Es wohnten hier fast durchgängig sehr arme Leute und Herr Müller, dem fast eine ganze Reihe dieser Häuser gehörte, ging mit dem Buche in der Hand von Thür zu Thür und kassirte seinen Wochenzins ein.

„Niemand zu Hause hier?“ rief er, indem er an die Thür des letzten seiner Häuser pochte.

„Oja, ich bin da, Herr Müller,“ rief eine weibliche Stimme. „Ich bin immer zu Hause. Wie sollte man denn mit der Näherei etwas verdienen, wenn man nicht vom frühen Morgen bis in die späte Nacht darüber säße!“

„Nun wie steht’s heute? Ihr habt vor acht Tagen keinen Zins bezahlt und vor vierzehn Tagen auch nicht; das sind nun zusammen drei Wochen – habt Ihr das heute beisammen?“ fragte der Hauswirth.

„Nein, noch nicht ganz,“ sagte die Frau; „mein Mann hat jetzt Stückarbeit, mit welcher er erst nach den Feiertagen fertig wird und wir müssen Sie daher bitten, sich noch acht Tage zu gedulden.“

Herr Müller hätte sich vielleicht bewegen lassen, diese Frist zu bewilligen, unglücklicherweise aber fielen seine Augen auf eine auf der Ofenbank in einer Pfanne liegende ausgeschlachtete fette Gans.

„Also zum Zins habt Ihr kein Geld,“ rief er, „wohl aber zu solchen Prassereien!“

„Prassereien!“ rief die Frau. „Wenn ein paar Leute, die das ganze Jahr kein ordentliches Gericht auf den Tisch bekommen, sich einmal zu Weihnacht eine Gans braten, so wird das wohl keine große Verschwendung sein.“

„Jawohl ist dies Verschwendung,“ entgegnete der Hauswirth. „Ich nenne es Prasserei und Verschwendung und Unehrlichkeit obendrein, so lange Euer Zins noch nicht bezahlt ist.“

„Na, Herr Müller, nehmen Sie den Mund nur nicht gar zu voll. Wir sind Ihnen bis jetzt noch nichts schuldig geblieben und werden Sie auch diesmal bezahlen.“

„Ei, seht doch, meine liebe Graupnerin,“ sagte Herr Müller höhnisch, „Ihr sprecht ja in einem ganz besondern Tone mit einem Manne, der Euch sofort auf die Gasse setzen kann. Wahrscheinlich wollt Ihr mich gar nicht bezahlen und bei Nacht und Nebel Eure Sachen forträumen, damit ich das Nest leer finde, wenn ich nach den Feiertagen wiederkomme, aber dafür wollen wir schon sorgen.“

Heftig die Thür hinter sich zuschlagend, entfernte er sich und schon nach wenigen Stunden erschien ein Gerichtsdiener, welcher die sämmtlichen Habseligkeiten der Graupner’schen Eheleute aufschrieb und erklärte, daß er beauftragt sei, nicht eher aus dem Hause zu gehen, als bis der Miethzins berichtigt sei.

Herr Müller war etwas müde ehe er seine Wohnung wieder erreichte. Die Kaufläden, an denen er jetzt vorüberkam, waren alle bunt aufgeputzt und erleuchtet. Er wünschte in seinem Herzen, daß ihre Besitzer sämmtlich Miethsleute von ihm wären, die ihren Zins nicht bezahlen könnten.

Nicht weit von seiner Hausthür kam er an einem zerlumpten vor Kälte zitternden Weibe vorüber, welches mit nackten Füßen mitten auf der Straße im Schnee stand und ein Weihnachtslied sang, um dadurch von den Vorübergehenden eine milde Gabe zu erbetteln. Ein alter Herr in einer ihm bis auf die Schulter herabfallenden Lockenperrücke ging auf die frierende und singende Bettlerin zu und gab ihr eine kleine Münze. Es war der Magister Zinkelmann, Lehrer an der Thomasschule.

„Herr Magister,“ sagte Müller, indem er den Almosengeber an der Schulter berührte, „wissen Sie, wer dieses Weib ist?“

„Allerdings,“ entgegnen der Magister; „sie heißt Marie Schirmer.“

„Ja, aber wissen Sie auch, daß sie vor einigen Wochen Holz gestohlen hat und wahrscheinlich so eben erst wieder aus dem Gefängniß entlassen worden ist?“ sagte Herr Müller.

„Auch das weiß ich,“ entgegnete der Magister, „aber deswegen kann man sie doch nicht verhungern lassen.“

„Na, wenn solches Gesindel noch unterstützt wird, dann werden die Bürger von Leipzig wohlthun, wenn sie sich noch ein paar Extrariegel an ihre Thüren machen lassen,“ meinte Herr Müller.

„Die arme Frau hat wahrscheinlich nur, von der bittersten Noth getrieben, jenen Holzdiebstahl begangen,“ entgegnete der Magister; „aber wenn sie auch noch zehn Mal mehr gefehlt hätte, als wirklich der Fall ist, so würde ich ihr doch bei dieser kalten Weihnachtszeit ein kleines Geschenk nicht verweigern. Hören Sie mich an, Herr Müller,“ fuhr der Magister fort, „wir sind alte Bekannte und ich kenne Sie besser, als Sie sich selbst kennen. Sie sind nicht glücklich, trotz des vielen Geldes, welches Sie in Ihrem Leben zusammengescharrt haben. Sie sind von jeher mit Ueberlegung und Vorsatz rauh und unfreundlich gegen ihre Mitmenschen gewesen und dafür hat der Himmel Sie gestraft. Sie können den Anblick einer guten That nicht ertragen, weil es Ihrer Natur widerstrebt, selbst eine zu üben. Die heitere Stimmung, welche das fröhliche Weihnachtsfest unter den Menschen verbreitet, berührt Sie unangenehm – nicht weil Sie diese Stimmung verachten, wie Sie zu thun vorgeben, sondern weil Sie in Ihrem innersten Herzen sie mit Ihrer eigenen Abgeschlossenheit und mürrischen Laune vergleichen und beneiden. Von Grunde meines Herzens bemitleide ich Sie und möchte Ihnen helfen, wenn ich könnte, denn Sie haben noch nie die Freude empfunden, andern Menschen eine Freude zu machen. Versuchen Sie es und es wird sich Ihnen eine neue Welt erschließen. Verlassen Sie sich darauf, es ist weit leichter glücklich zu sein, als Sie glauben.“

Nachdem der Magister diese Rede gehalten, setzte er seinen Weg weiter fort und ließ den alten Mann so überrascht durch diese unerwartete Zurechtweisung stehen, daß er gar nicht sogleich Worte der Erwiederung fand.

„Nicht übel,“ grollte er in hämischem Tone, als der Magister schon eine Strecke weit fort war. „Diese Schwarzkittel denken, sie haben das Recht, allen Menschen den Text zu lesen.“

Aber dennoch fühlte Herr Müller die Wahrheit der gehörten Worte und konnte sie nicht wieder vergessen.


Das Weihnachtsfest war in Herrn Müller’s Hause still und einsam vorübergegangen, wie gewöhnlich. Es fehlten nur noch wenige Tage bis zum neuen Jahr. Herr Müller war wieder den ganzen Tag herumgelaufen, um Gelder einzukassiren und andere Geschäfte zu besorgen. Als er unter seinen bereits geschlossenen Fensterläden wegging, vernahm er Stimmen im Zimmer, die er sogleich erkannte.

„Haha,“ murmelte er bei sich selbst, „Friedrich, der Schulmeister, ist schon wieder da und schwatzt mit meiner Tochter. Dem muß ich nun nächstens das Haus verbieten.“

„Ich muß mit meinem Vater darüber sprechen,“ hörte er Barbara mit leiser Stimme sagen, „und wenn er böse auf uns ist, so dürfen Sie mich nicht wieder besuchen.“

„Und was wird er wohl sagen, Barbara?“ fragte der junge Schullehrer im Tone der Besorgniß. „Wird er nicht schmähen, daß ich nicht reich genug sei, um mich um die Hand seiner Tochter bewerben zu können?“

„Das weiß ich nicht,“ antwortete Barbara. „Er sprach neulich von Ihnen und war ärgerlich, weil Sie ein Gedicht für die Weihnachtsmusikanten geschrieben. Wenn Sie mir nur nichts davon gesagt hätten.“

„Ach, Barbara,“ rief Friedrich, „das wird das traurigste Neujahr, welches ich jemals erlebt habe.“

[692] „Ja, das ist leicht möglich,“ murmelte der alte Müller, indem er sich zugleich einige Schritte entfernte, denn er hörte drinnen die Stubenthür gehen. Gleich darauf öffnete sich die Hausthür und er sah die Gestalt eines Mannes herauskommen und in dem Nebel verschwinden. Herr Müller wartete noch einige Augenblicke und zog dann die Klingel. Die alte Margarethe öffnete. Er schritt durch die Hausflur in das Wohnzimmer, wo er Barbara antraf, die gedankenvoll am Ofen saß und ihre Näharbeit halb fertig auf einem kleinen Tische neben sich liegen hatte. Ihr Vater bemerkte Spuren von Thränen auf ihrem Antlitz, sagte aber nichts. Barbara sprach wenig über dem Abendessen und der Alte nahm sich vor, nichts von dem zu sagen, was er gehört, sondern zu warten, bis sie ihn von der Erklärung des Schullehrers in Kenntniß setzen würde.

„Jemand dagewesen, Barbara?“ fragte er endlich, um sie an ihren Vorsatz zu erinnern. Die arme Barbara bedurfte keiner Erinnerung. Sie hatte während des ganzen Essens daran gedacht, aber bis jetzt noch nicht Muth genug zusammenraffen können, um davon anzufangen.

„Niemand, als Herr Friedrich, lieber Vater,“ gegenredete Barbara mit unsicherer Stimme.

„Friedrich kommt seit einiger Zeit sehr oft,“ meinte der Alte. „Was will er nur immer?“

„Heute brachte er Dir und mir einen schön geschriebenen Text zu der Musik, die am Neujahrsfeste in der Nikolaikirche aufgeführt werden wird,“ antwortete Barbara immer noch zögernd.

„Und das war Alles?“ fragte ihr Vater.

„Nein, lieber Vater, es war nicht Alles,“ antwortete Barbara, indem sie sich ein Herz faßte. „Ich will Dir nichts verschweigen. Er sagte noch, er liebe mich.“

„Und was hast Du ihm denn darauf zur Antwort gegeben?“ entgegnete der Alte, bleich vor Zorn.

Barbara ließ den Kopf hängen und fing an zu weinen.

„Monsieur Friedrich soll einen Brief von mir bekommen, den er nicht hinter den Spiegel stecken wird,“ sagte der Alte. „Gib mir ein Licht!“

Barbara that, wie ihr geheißen ward und ihr Vater verließ sie, während sie weinend sitzen blieb und das Gesicht mit den Händen bedeckte.

Herr Müller ging aus dem Wohnzimmer quer über die Hausflur in seine Arbeitsstube. Dieselbe war ungemein lang, breit und hoch, denn sie hatte früher, als er noch Handelsgeschäfte betrieb, zugleich mit zum Waarenlager gedient. Jetzt aber, wo Herr Müller sich nur noch mit Häuservermiethungen und Geldgeschäften befaßte, war sie bis auf ein kleines Schreibpult an dem einen Fenster mit einer danebenstehenden, großen eisernen Geldkasse vollständig geräumt, und gewährte mit ihren moderfleckigen, kahlen Wänden und langen von der Decke herabhängenden Spinnweben einen öden, trostlosen Anblick. Hier saß Herr Müller oft Stunden lang allein und brütete über seinen Rechnungsbüchern bei einem einsamen Lichte, welches nur die Ecke erhellte, in welcher er saß, aber sonst das ganze übrige Zimmer dunkel ließ.

An diesem Abende schloß er sich wie gewöhnlich ein, steckte das im Ofen von der alten Margarethe schon in Bereitschaft gelegte Holz in Brand und setzte sich nieder, um den Brief an den unglücklichen Schulmeister zu schreiben. Er beendete diese Aufgabe zu seiner eigenen großen Zufriedenheit, und wollte sich eben an das weit angenehmere Geschäft machen, die an diesem Tage einkassirten Zinsen in sein großes Buch einzutragen, und die Gelder selbst in Rollen zu packen und in die eiserne Kasse zu legen, als die alte Margarethe an die Thür pochte und meldete, daß der junge Herr von Schönberg mit ihm zu sprechen wünsche.

Der junge Herr von Schönberg, ein Sprößling dieser altadeligen, vielverzweigten Familie, war Studiosus der Rechte. Seine Eltern waren schon vor mehreren Jahren gestorben, und hatten ihm ein nur mäßiges Vermögen hinterlassen, welches dem jungen flotten Manne nicht gestattet haben würde, so zu leben, wie er lebte, wenn ihn nicht eine alte, reiche, unverheirathete Tante, die er später beerben sollte, durch namhafte, regelmäßige Zuschüsse unterstützt hätte. Diese Zuschüsse erhielt er gewöhnlich durch Herrn Müller ausgezahlt, welcher mehrere in der Nähe von Leipzig gelegene, dem alten reichen Fräulein von Schönberg zugehörige Grundstücken zu verwalten hatte.

Daher rührte die Bekanntschaft zwischen zwei so ganz verschiedenen Naturen, wie der alte reiche Geizhals und der junge flotte Musensohn.

Herr Müller erhob sich sofort, um die Thür zu öffnen, denn mit einem jungen Manne von so glänzenden Aussichten, von dem es in der Folgezeit gewiß manchmal ein schönes Stück Geld zu verdienen gab, durfte er es keinesfalls verderben.

„Treten Sie gefälligst ein, mein werther junger Herr von Schönberg,“ sagte er. „Es ist freilich etwas dunkel und kahl hier, aber ich sitze gern ruhig und ungestört.“

„Donnerwetter, ist das eine gewaltige Scheune!“ rief der junge Mann, indem er sich verwundert umschauete, denn er sah dieses Heiligthum des Geizhalses jetzt zum ersten Male. „Wenn dieses Zimmer mein wäre, so verwandelte ich es binnen wenigen Stunden in einen ganz allerliebsten Tanzsaal. Die Spinnweben ließ ich herunterkehren, die Wände sodann mit grünem Tannenreisig tapezieren, rings herum ein paar Dutzend Lichter aufstecken und in der Mitte an der Decke einen Kronleuchter aufhängen, so groß ich ihn bekommen könnte. Dann ließ ich zum Sylvesterabend eine fidele Gesellschaft einladen, und es müßte hier lustiger zugehen, als irgendwo in ganz Leipzig.“

„Sie scheinen heute auf ganz vorzüglich guter Laune zu sein, mein werther Herr von Schönberg,“ sagte Herr Müller.

„Sehr richtig bemerkt, mein weiser Salomo,“ entgegnete der junge Mann, „und ich habe auch Ursache dazu. Hören Sie und staunen Sie: Fräulein Johanna Friederike Sophia Adelgunde von Schönberg hat gestern das Zeitliche gesegnet. Hier ist der Brief, den mir vor einer Stunde ein reitender Bote überbracht hat.“

Herr Müller überflog hastig den dargebotenen Brief.

„Ich condolire und gratulire,“ entgegnete er mit einer tiefen Verbeugung vor dem jungen Manne, der jetzt, als nunmehriger Besitzer eines großen Vermögens, in seinen Augen eine weit höhere Bedeutung gewonnen hatte. „Hoffentlich werden Sie mir die mir von dem seligen Fräulein zeither übertragen gewesenen Administrationen auch fernerhin belassen.“

„Ei, das versteht sich, mein bester Herr Müller,“ antwortete, der junge Mann. „Doch das sind Geschäftssachen, über welche wir später ausführlich sprechen werden. Was ich heute mit Ihnen verhandeln möchte, ist etwas Anderes, obschon ich durch den Glückswechsel, der mich, wiewohl längst erwartet, dennoch ganz unverhofft betroffen, ebenfalls darauf geführt worden bin.“

„Nun, womit kann ich Ihnen denn dienen, mein werther Herr von Schönberg?“ sagte Herr Müller in immer devoterem Tone. „Sie wissen, Sie haben mir zu befehlen.“

„Herr Müller,“ äußerte der junge Mann, indem er sich rittlings auf einen Stuhl setzte und die Arme auf die Lehne legte, „ich glaube, es fehlt in Leipzig nicht an armen Leuten.“

„Ja, leider haben wir deren mehr, als wir wünschen,“ sagte Herr Müller.

„Ich glaube, es gibt darunter nicht wenige, die ganz ohne ihr Verschulden in Armuth gerathen, und daher einer Unterstützung wohl würdig sind.“

„Meistentheils ist es faules, liederliches Gesindel,“ entgegnete Herr Müller.

„Na und wenn auch,“ hob der junge Mann wieder an, „da wir einen so strengen Winter haben, und jetzt die festlichen Tage sind, wo vorzugsweise jedem Menschen eine Freude zu gönnen ist, so glaube ich, ich kann die mir zugefallene Erbschaft nicht bester antreten, als wenn ich ein paar hundert Thaler unter die Armen vertheilen lasse. Leben und Lebenlassen!“

„Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, mein werther Herr von Schönberg,“ sagte der Alte, „so würde ich mein Geld anders anzuwenden wissen. Indessen, ich habe Ihnen keine Vorschriften zu machen, und wenn Sie das faule Bettelvolk unserer Stadt in seiner Faulheit noch mehr bestärken wollen, so kann ich es weiter nicht hindern. Wie viel wünschen Sie denn?“ setzte er hinzu indem er zugleich den Schlüssel zu seiner großen Kasse aus der Tasche zog.

„Lassen Sie stecken,“ entgegnete der junge Herr von Schönberg mit abwehrender Geberde. „Ich selbst will das Geld nicht austheilen, sondern wollte Sie eben ersuchen, dieses Geschäft für mich zu besorgen.“

„Mich?“ fragte Herr Müller verwundert.

„Ja, Sie; erstens möchte ich nicht wissen lassen, daß die Geschenke von mir kommen, weil ich eines Theils nicht prahlen, andererseits mich aber auch nicht der Gefahr aussetzen möchte, von dem gesammten Proletariat Leipzigs überlaufen zu werden; zweitens aber auch, weil ich die hülfsbedürftige Einwohnerschaft nicht [693] kenne, und daher auch nicht weiß, bei wem eine solche Unterstützung am besten angewendet ist.“

„Mein werther Herr von Schönberg,“ entgegnete der alte Geizhals, dem bei den Worten des jungen Mannes sehr unbehaglich zu Muthe ward, „ich würde es als eine große Gefälligkeit von Ihnen betrachten, wenn Sie mich mit einem solchen Auftrage verschonten. Unterstützung der Armen ist ganz gegen meine Grundsätze. Ich bin in der ganzen Stadt als ein Mann bekannt, der das Seine zu Rathe hält, und nicht unter die Bettelleute wirft. Was müßte man nun von mir denken, wenn ich auf einmal in der Stadt herumliefe und Geld austheilte! Da könnte ich am Ende noch gar auf meine alten Tage in den Ruf eines wohlthätigen Mannes kommen – einen Ruf, von welchem ich mich bis jetzt, Gott sei Dank, frei zu erhalten gewußt habe.“

Herr von Schönberg lachte, zog aber gleich darauf eine etwas verdrießliche Miene.

„Mein lieber Herr, Müller,“ sagte er, „was Sie da äußern, glaube ich Ihnen aufs Wort, aber es ist mir doch fatal, wenn ich nun erst noch lange nach Jemandem anders suchen soll, der meine Spenden besorgt. Ich hatte ganz gewiß darauf gerechnet, daß Sie mir diesen Gefallen thun würden.“

Herr Müller sah, daß der junge Erbe sich zum Fortgehen anschickte, und fürchtete in seiner Habgier schon, der für die Zukunft in Aussicht gestellten Geschäfte verlustig zu gehen, wenn er dem eigensinnigen jungen Manne nicht den Willen thäte.

„Nun gut,“ sagte er, „wenn Sie es durchaus wollen, so sei es. Wie viel befehlen Sie, daß ich austheile?“

„Nehmen Sie etwa hundert Speciesthaler,“ antwortete der sogleich wieder begütigte junge Erbe, „und geben Sie davon nach Ihrem Ermessen armen Familien drei bis vier, einzelnen Personen aber nur einen. In ein paar Tagen werde ich mir erlauben, Sie wieder zu besuchen, und hoffe dann von Ihnen zu hören, daß die Austheiluug meiner Spenden Ihnen mehr Vergnügen gemacht hat, als Sie jetzt davon zu erwarten scheinen. Gute Nacht!“

„Da sieht man’s“ sagte Herr Müller, nachdem er seine Thür sorgfältig wieder verschlossen und der junge Mann das Haus verlassen hatte, „da sieht man’s, was das Geld solchen jungen Sausewinden nützt, die in ihrem Leben nicht erfahren haben, wie sauer ein Thaler zu verdienen ist. Wenn’s der junge Herr so anfängt, so wird er mit seinem Erbe nicht lange feil halten.“

[701]
Zweites Kapitel.
Etwa eine Stunde vor Eintritt der Abenddämmerung am folgenden Tage machte Herr Müller sich auf den Weg, um sich des übernommenen, ihm so widerstrebenden Auftrages zu entledigen.

„Die Leute werden denken, ich sei verrückt geworden,“ murmelte er vor sich hin. „Ich wollte, ich hätte den jungen Gecken mit seiner Zumuthung zurückgewiesen. Ich weiß in der That gar nicht, wie man’s macht, wenn man Jemandem etwas schenkt, denn ich habe es in meinem Leben noch nicht versucht, und werde mich bei der ganzen Geschichte ungeheuer lächerlich machen. Nun und nimmermehr kann ich zugeben, daß es nützlich oder angemessen sei, Geld wegzugeben – ich bin aus Grundsatz dagegen und gleichwohl nun genöthigt, das Werkzeug dieses jungen Verschwenders zu sein. Magister Zinkelmann hatte ganz recht, als er sagte, ich hätte niemals das Vergnügen des Gebens gekannt. Ich gäbe gleich selbst zehn Spezies darum, wenn ich diese verwünschte Kommission los wäre. Der erste Bettler, der mir begegnet, bekommt seinen Speziesthaler, und so frisch weg darauf los, bis die ganze Summe glücklich zum Fenster hinausgeworfen ist.“

Herr Müller zog seinen Hut tiefer in’s Gesicht, um sich vor dem Schnee zu schützen, den der Wind ihm in’s Gesicht peitschte, und ging immer so vor sich hinbrummend weiter, bis er, als er eben um eine Ecke bog, an Jemanden anrannte.

„Heda!“ schrie er. „Seid Ihr es, Schirmer-Marie? Wartet einmal! Hört Ihr nicht?“

Die Frau aber erkannte seine Stimme, und fürchtete sich vor ihm viel zu sehr, als daß sie sich hätte versucht fühlen sollen, stehen zu bleiben.

„Ihr sollt warten, sage ich!“ schrie Herr Müller, indem er ihr nachlief. „Ich will Euch nichts thun! Seid doch nicht so einfältig!“

Das Weib blieb nun stehen, und hielt mit dem halb nackten blauen Arm den alten zerfetzten Mantel zusammen, den ihr der Wind fast zu entreißen drohte.

„“Hier,“ sagte Herr Müller; „Ihr habt gestohlen, ich weiß es, aber ehrliche Leute sind heut zu Tage einmal rar. Hier habt Ihr einen Speziesthaler; kauft Euch dafür Holz, damit Ihr keins wieder zu mausen braucht.“

„Wenn der Narr einmal sein Geld verschleudert haben will, so wollen wir das schon besorgen!“ murmelte Herr Müller, indem er weiter eilte, während das Weib mit dem Speziesthaler in der Hand stehen blieb, und ihrem unverhofften Wohlthäter mit sprachlosem Erstaunen nachsah.

Herr Müller ging die Reichsstraße hinunter, quer über den Brühl, durch das Halle’sche Gäßchen und dann auf die jetzt schon längst verschwundene, damals zu den Festungswerken gehörige sogenannte Hallische Bastei.

Hier waren in der Regel eine Menge schreiender, tobender, zerlumpter junger Proletarier versammelt, welche die Lust, die ihnen in ihren ärmlichen Wohnungen versagt war, durch lautes Umhertummeln und Balgen sich zu verschaffen suchten.

„Na, Ihr verworfene Brut,“ rief Herr Müller, „welcher von Euch ist denn der Aermste? Ich will ihm einen Speziesthaler geben.“

„Ich – ich – ich!“ schrieen die zerlumpten Buben wild durcheinander. „Mein Vater ist schon seit drei Monaten krank,“ rief der Eine.

„Meine Mutter ist vor acht Tagen bei dem Glatteis gefallen und hat das Bein gebrochen!“ schrie ein Zweiter.

„Wir sind neun lebendige Geschwister und haben schon seit drei Tagen keinen Bissen Brot im Hause!“ brüllte ein Dritter, und so suchte Jeder seine Verhältnisse mit möglichst schwarzen Farben zu malen.

„Lügen, nichts als Lügen!“ donnerte Herr Müller. „Ich wollte darauf wetten, wenn man zu Euch in’s Haus käme, so fände man Euren Vater, Eure Mutter und die sämmtlichen neun Geschwister wohlgemuth um die Schnapsbulle herumsitzen. Aber das geht mich weiter nichts an. Ein reicher Narr hat mir einmal aufgetragen, Euch einen Speziesthaler, zu schenken, und da ich nicht weiß, wer ihn von Euch am meisten verdient, so werde ich ihn auswerfen; wer ihn erwischt, dem ist er. Also aufgepaßt – eins, zwei, drei!“

Die Buben stürzten im wilden Durcheinander hinter dem blanken, über den Schnee hinkollernden Thalerstück her, und es entspann sich eine so wüthende Rauferei, daß Herr Müller wider Willen laut lachend in die Tasche griff und Frieden stiftete, indem er jedem der Kämpfer einen Speziesthaler verabreichte.

Dieser Auftritt hatte den alten Menschenfeind förmlich heiter gestimmt, und obschon er nicht umhin konnte, zu bedenken, daß er der Mahnung des jungen Herrn von Schönberg, diese Wohlthaten nur den Würdigsten zu spenden, bis jetzt eben nicht sehr eingedenk gewesen, so verweilte er doch nicht ohne innere Befriedigung bei dem Gedanken, welcher Jubel in den Hütten dieser Armen ausbrechen würde, wenn die Buben mit den großen Geldstücken nach Hause kämen!

Als er so bei sich denkend wieder den Brühl hinauf nach der Georgenpforte zu ging, um sich hinaus in die Vorstadt zu begeben, [702] kam er an ein paar hell erleuchteten, aber mit Gardinen versehenen Fenstern vorüber, die ihn bewogen, stehen zu bleiben.

„Halt,“ sagte er bei sich selbst, „da drinnen treffe ich ohne Zweifel lauter Leute, die einer Unterstützung nicht bloß bedürftig, sondern auch würdig sind. Hier wohnt mein Freund Dr. Stillner, auch so ein gutmüthiger Narr, der allen Menschen helfen möchte und seit ein paar Monaten angefangen hat, wöchentlich zwei Mal des Abends armen kranken Leuten seinen guten Rath unentgeltlich zu ertheilen. Wenn ich nicht irre, ist heute einer seiner Tage, und ich werde Gelegenheit bei ihm finden, mich meiner Speziesthalerlast, die mir fast die Taschen zerreißt, um ein Bedeutendes zu entledigen.“

Ach, leider fand er bei dem Eintritt in das Parterrezimmer, in welchem Dr. Stillner seine Gratis-Consultationen zu ertheilen pflegte, seine Vermuthung in hohem Grade bestätigt.

Auf der an der Wand hinlaufenden, langen Bank saßen eine Anzahl bleicher, abgezehrter Jammergestalten beiderlei Geschlechts, von denen man es Vielen ansah, daß sie sich nur mit Mühe bis hierher zu schleppen vermocht hatten, um bei dem guten Doktor Rath und Hülfe zu suchen.

„Ei, sieh da, Herr Müller,“ sagte Dr. Stillner, der eben mit einem Gehülfen beschäftigt war, einem Arbeitsmann vom Dorfe die Füße zu verbinden, die derselbe auf dem weiten Wege nach der Stadt erfroren hatte; „was führt Sie denn zu mir?“

„Ja, Sie werden sich wundern, Doktor,“ entgegnete Herr Müller, indem er die Speziesthaler in seinen Taschen umrührte, so daß die armen Leute längs der ganzen Bank hoch aufhorchten; „ich habe eine Menge Geld zu verschenken, und wollte fragen, ob ich hier bei Ihnen einiges loswerden könnte.“

Die Franzosen haben ein sehr wahres Sprüchwort: „Ce n’est que le Premier pas qui coute – nur der erste Schritt kostet Ueberwindung – und seitdem Herr Müller, der Zeit seines Lebens jeden Pfennig, den er ausgegeben, erst drei Mal umgewendet, sich auf der Hallischen Bastei vom Taumel des Augenblicks so weit hatte hinreißen lassen, daß er große, schwere, blanke Speziesthaler unter die Gassenbuben ausgeworfen, erschien ihm ein solches Verschleudern des edlen Metalls gar nicht mehr als etwas so Entsetzliches und Hirnverbranntes, als wofür er es früher angesehen.

„Sie haben Geld zu verschenken?“ fragte Dr. Stillner. „Da kommen Sie allerdings bei mir gerade zum rechten Manne, denn hier sitzen eine Menge Leute, die nur ihre Gesundheit noch nothwendiger brauchen, als Geld.“

„Das dachte ich mir,“ sagte der sich allmälig in das Gebiet der Humanität verirrende Menschenfeind, „und deshalb bin ich hereingekommen. Ein reicher junger Mann, der nicht genannt sein will – denn daß ich selbst kein solcher Narr bin, das wissen Sie, Doktor – hat mir aufgetragen, eine gewisse Summe Geldes als Neujahrsgeschenk an Arme, die es wirklich bedürfen und verdienen, auszutheilen. Hilfsbedürftiger aber kann nach meiner Ansicht Niemand sein, als der, welcher kein Geld hat und obendrein noch krank ist. Sie kennen diese Leutchen hier, Doktor, und werden eine angemessene Vertheilung zu treffen wissen. Hier haben Sie.“

Mit diesen Worten warf Herr Müller ein paar Hände voll Speziesthaler vor den noch ganz verwunderten Arzt auf den Tisch und entfernte sich dann rasch, aber nicht ohne vorher bemerkt zu haben, wie manche bleiche Wange unter den Kranken, welche Alles dies mit angehört, von freudiger, dankbarer Bewegung erröthete; wie manches halb erstorbene Auge, von neuer Hoffnung und neuem Muthe belebt, wieder Glanz und Kraft gewann und die Schritte des unerwarteten Helfers in der Noth mit stillen Segenswünschen begleitete.

Als Herr Müller wieder auf die Straße heraustrat, war ihm ganz merkwürdig zu Muthe. Hatte der Auftritt auf der Hallischen Bastei ihn auf eine Weise erheitert, wie er es früher gar nicht für möglich gehalten hätte, so hatte jetzt die Scene in dem Berathungszimmer des Arztes eine ebenfalls noch nie geahnte Saite seines Herzens erklingen lassen. Die dankbaren Blicke, womit die Kranken ihn beim Hinausgehen begleitet, schwebten ihm, so flüchtig er sie auch gesehen, immer noch vor den Augen, und so wie seine Taschen leichter wurden, schien auch sein Herz leichter zu werden. Das Schneewetter hatte aufgehört, und von dem dunkelblauen Winterhimmel begannen jetzt die Sterne hell und klar herabzuflimmern. Herr Müller wußte nicht, was er von sich selbst denken sollte. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie eine That aus reinem Mitleid geübt, und es war ihm nicht eher eingefallen, Wohlthaten auszutheilen, als bis er von einem Andern Auftrag dazu erhielt. Er wunderte sich über den Eifer, den er jetzt in einer Sache entwickelte, die ihm anfangs so widerlich und verhaßt erschienen war. Wieder gedachte er der Worte, welche Magister Zinkelmann zu ihm gesagt: „Sie haben noch nie die Freude empfunden, andern Menschen eine Freude zu machen. Versuchen Sie es, und es wird sich Ihnen eine neue Welt erschließen.“

In diesem Augenblicke ertönte das Abendglöckchen vom Nikolaithurme und schien die Worte des Magisters zu wiederholen. Er schämte sich, sich selbst gestehen zu müssen, daß so viel Wahrheit darin lag. Er wollte nicht glauben, daß er sich sein ganzes Leben lang geirrt – daß die bloße Vertheilung der Wohlthaten eines jungen Verschwenders ihm das Geheimniß des wahren Glückes gelehrt.

Aber das langjährige Eis seines Herzens war nun gebrochen. Er machte sich Vorwürfe, daß er von den Umständen der armen Kranken nicht nähere Kenntniß genommen, es drängte ihn förmlich, wieder umzukehren, und ehe fünf Minuten vergingen, sah er sich in dem Zimmer des Arztes. Er fragte die Patienten alle der Reihe nach aus, unterrichtete sich von ihren Verhältnissen, schrieb sich ihre Namen auf und forderte sie auf, zu ihm zu kommen, wenn sie fernerhin etwas brauchten.

Nachdem er auf diese Weise Dem genügt, was nun schon innerer Drang geworden, zog er wieder aus wie ein fahrender Ritter des Alterthums, um Hülfsbedürftige und Nothleidende aufzusuchen. Eine seltsame Aufregung hatte sich seiner bemächtigt und manchmal konnte er sich nicht der Furcht erwehren, daß er nahe daran sei, wahnsinnig zu werden. Es dauerte nicht lange, so erhob sich wieder ein furchtbarer Sturm, der Himmel umwölkte sich und der Schnee wirbelte wieder die Straßen entlang, aber er wanderte rüstig und unbeirrt weiter.

Als er an die Ecke der Nikolaistraße kam, vernahm er in diesem Eckhause lautes Pochen. Er schaute durch das Fenster hinein und sah, daß es eine Tischlerwerkstatt war, in welcher eben ein Sarg zusammengenagelt ward. Herr Müller ging hinein.

„Auch keine hübsche Arbeit während der Feiertagszeit,“ redete er den Meister an, welcher ein lustiges Liedchen zu seiner Arbeit pfiff.

„Das ist wahr,“ antwortete der Tischler, ohne in seiner Arbeit inne zu halten; „wenn die Menschen aber einmal auch in der Feiertagszeit sterben, so müssen sie auch Särge haben.“

„Für wen ist denn dieser da?“ fragte Herr Müller.

„Da steht’s,“ sagte der Tischler, und deutete damit auf ein daneben auf einem Tische liegendes Blechschild, welches später auf den Sargdeckel genagelt werden sollte, und worauf die Worte standen: „Johann Georg Walther, geb. den 11. Mai 1701, gest. den 26. December 1757.“

„Walther!“ sagte Herr Müller, „den kenne ich; es ist der Ziegelstreicher am Schönefelder Wege. Also der ist gestorben; der arme Mann! Gute Nacht.“

Mit diesen Worten verließ er die Tischlerwerkstätte und ging durch die Georgenpforte und Hintergasse nach der damals am Schönefelder Wege stehenden kleinen Ziegelei. Es war sehr finster und der wirbelnde Schnee blendete ihn fast, aber er steuerte rüstig weiter, bis er die Ziegelei erreichte. Er pochte an und die Frau des Ziegelstreichers öffnete.

Herr Müller schauderte, als er bei dem Eintritt in das Zimmer – die armen Leute hatten nur ein einziges – die Leiche, mit einem weißen Betttuche bedeckt, auf einer Bank liegen sah. Er sah ihre starren Umrisse und scharfen Winkel durch die Decke hindurch, und eine seltsame Vision seines eigenen Todes schien vor ihm aufzusteigen. Eine gewisse unheimliche Scheu zwang ihn, ganz leise zu sprechen.

„Ich habe gehört, daß Euer Mann gestorben ist,“ redete Herr Müller die Wittwe an.

Die Frau setzte sich auf einen der wenigen alten hölzernen Stühle, die in dem Zimmer standen, bedeckte das Gesicht mit den großen rauhen Händen, und fing an zu schluchzen.

„Na, nur den Muth nicht verloren, gute Frau,“ fuhr er fort. „Ich bin gekommen, um Euch zu unterstützen. Ein Menschenfreund – er sagte jetzt nicht mehr: „ein junger Narr und Verschwender“ – hat mir eine Summe übergeben, die ich zur Unterstützung von Nothleidenden verwenden soll. Habt Ihr Kinder?“

[703] „Ja, drei. Ich habe sie, um das Abendessen zu ersparen, schon zu Bett geschafft.“

„Na, hier sind vier Spezies. Wenn Ihr Euern Mann unter die Erde habt, so kommt zu mir, und wir werden weiter sehen, was sich thun läßt. Gute Nacht!“

Und Herr Müller, den seine neue Aufregung nicht ruhen ließ, verschwand plötzlich, um anderweites Unglück aufzusuchen. Draußen schüttelte er den Kopf nachdenklich und fuhr mit der Hand über die Augen. Es war ihm sonderbar zu Muthe. Was er seit seiner Jugend nicht gethan – er trällerte ein lustig fideles Liedchen.

Er schlug nicht denselben Weg wieder ein, den er gekommen, sondern wollte sich quer über die Felder nach der Bettelgasse begeben, um sich dort, in dieser Kolonie der Armuth und des Elendes, seiner doppelten Last zu entledigen und Herz und Tasche vollständig leicht zu machen. Bei dem heftigen Schneegestöber war es nicht leicht, auf dem richtigen Wege zu bleiben, denn der Thurm der Johanneskirche, nach welchem er sich hätte richten können, war vollständig unsichtbar. So war er schon eine Zeit lang fortgewandert und begann allmälig zu vermuthen, daß er vom richtigen Wege abgekommen sein müsse, als er eine lautrufende Stimme hinter sich vernahm. Er blieb stehen und horchte, bis er endlich hörte, daß sein eigener Name gerufen ward.

„Hier bin ich!“ rief er. „Was gibt es denn?“

Er sah ein Licht auf sich zukommen und hörte rasche Tritte.

Es war die Ziegelstreicherwittwe, die er so plötzlich verlassen und die ihm mit einer Laterne nachgelaufen war.

„Ach, Herr Müller,“ rief sie, „ich dachte mir gleich, daß Sie den rechten Weg verfehlen würden! Wo wollen Sie denn hin?“

„Ich will hinüber in die Bettelgasse und wollte gleich querfeldein gehen, um nicht erst den weiten Umweg durch die Hintergasse machen zu müssen.“

„Ach, du mein Himmel!“ sagte die Frau. „Wenn Sie noch sechs Schritte weit gegangen wären, so hätten Sie ertrinken müssen. Schauen Sie nur her.“

Sie hielt ihre Laterne vor sich hin und kaum ein Paar Schritte weit von der Stelle, wo er stand, sah er eine breite und tiefe Grube, aus welcher die Ziegelstreicher Lehm zu holen pflegten. In ziemlicher Tiefe unten sah er den trüben, von dem Wind leicht hin- und herbewegten Wasserspiegel.

Müller stand erstarrt; was er früher um keinen Preis gethan, er nahm die Hand der armen Wittwe und drückte sie recht herzlich.

„Eure Stimme hat mich gerade noch zur rechten Zeit aufgehalten,“ sprach er. „Es ist als ob die Vorsehung die Hand mit im Spiele hätte. Zeigt mir mit Eurer Laterne ein wenig den Weg; ich habe heute Abend noch mehr zu thun.“

Herrn Müller’s Aufregung stieg immer höher. Seine glückliche Rettung schien ihm ein wahres Wunder zu sein. Die hundert Spezies des Herrn von Schönberg waren ziemlich alle, aber er beschloß, seine wohlthätigen Wanderungen auf eigene Rechnung noch länger fortzusetzen.

„Alles dies war die Wohlthätigkeit eines Anderen,“ murmelte er. „Wie einem bei einer uneigennützigen That, die man auf eigene Kosten übt, zu Muthe ist, weiß ich ja immer noch nicht. – So ist’s gut,“ sagte er zu seiner Begleiterin, als er endlich die Johanniskirche erblickte, „nun weiß ich den Weg. Also kehrt nur wieder um und seid gutes Muthes. Gute Nacht!“

In der Bettelgasse angelangt, begab er sich zunächst zu der armen Frau Graupner, um sie von der eingelegten Exekution zu erlösen und ging dann von Haus zu Haus, bis nicht blos der letzte Spezies des Herrn von Schönberg, sondern auch der nicht unbedeutende Betrag Papiergeld, den er in seiner Brieftasche bei sich trug, ausgegeben war.

Wir wollen nicht alle die einzelnen Scenen malen, welche bei dem Erscheinen des unerwarteten Helfers in den Hütten der Armuth stattfanden, sondern erwähnen blos, daß Herr Müller, als er die letzte Schwelle hinter sich hatte, eine Nässe, die nicht von dem fallenden Schnee herrührte, seine Wangen herabrinnen fühlte.

Es war ziemlich spät, als er wieder durch das Grimmaische Thor in die Stadt einpassirte. Er kam an dem Hause vorüber, in welchem der Maler wohnte und bemerkte, daß derselbe Licht hatte. Er dachte daran, wie viel dem armen Künstler an der Erlangung jenes Bildes gelegen gewesen und besann sich, daß es nächstfolgenden Tag in der Auktion an die Reihe kommen würde.

„Hm!“ sagte er, „ich will doch einmal zu meinem Freund Stempler gehen.“

Advokat Stempler wohnte nicht weit und öffnete selbst die Hausthür, als Herr Müller geklingelt hatte.

„Stempler,“ fragte Herr Müller, „gehen Sie morgen in die Auktion bei Dr. Rivinus?“

„Jawohl,“ entgegnete der Advokat, „Sie doch auch?“

„Nein,“ erwiederte ersterer kurz, „ich habe keine Zeit, und wollte Sie eben deshalb bitten, einen kleinen Auftrag für mich zu übernehmen.“

„Was wünschen Sie denn?“ fragte der Advokat, dem es sehr sonderbar vorkam, daß sein Freund, der doch eher selbst dergleichen Aufträge übernahm, jetzt ihm einen ertheilen wollte.

„Es wird morgen ein kleines Gemälde mit an die Reihe kommen; es steht im Katalog unter Nr. 1123, eine Landschaft. Wenn Jemand mehr als fünfundzwanzig Thaler darauf bietet, so lassen Sie es nicht weg. Es ist ein echter Cornelius Schund oder wie der Maler sonst geheißen haben mag. Ich muß es haben. Ich kann nicht eher ruhig schlafen. Hören Sie wohl?“

Herr Stempler betrachtete seinen Freund mit forschendem Blicke und hielt ihm das Licht dicht vor die Nase.

„Sind Sie auch wohl?“ fragte er.

„Wohl!“ rief Herr Müller. „In meinem Leben habe ich mich weder an Geist noch an Körper so wohl befunden, wie heute. Kommen Sie morgen im Vorbeigehen mit zu mir herein und ich will Ihnen Geld mitgeben, wenn Sie es nicht einstweilen verlegen wollen.“

„Schon gut,“ entgegnete der Advokat; „ich werde mit zu Ihnen hineinkommen, nicht sowohl um des Geldes willen, als vielmehr um zu sehen, ob Sie noch bei derselben Laune sind wie heute Abend. Gute Nacht!“

Es schlug eben Zehn und alle Kaufläden waren bereits geschlossen, als Herr Müller nach Hause eilte. Wohl gingen ihm noch allerhand mildthätige Projekte im Kopfe herum, aber es war nun zu spät, um diesen Abend noch irgend etwas vornehmen zu können und überdies war er auch müde zum Umfallen.

Als er wieder vor seinem Hause stand, war es ihm, als wäre er aus einem langen Traume erwacht.

„Endlich bin ich hinter das Geheimniß gekommen,“ murmelte er still vor sich hin, „obschon ich sechzig Jahre alt geworden bin, ohne es zu wissen. Und alles dies durch die eigensinnige Grille des jungen Sausewindes, des jungen Herrn von Schönberg.“

Die alte Margarethe öffnete die Hausthür und Barbara kam ihm aus der Wohnstube entgegen.

„Wir sind in Sorge um Dich gewesen, lieber Vater,“ sagte sie. „Du bist schon so lange fort und hast noch nicht zu Abend gegessen.“

„Weiß wohl, meine gute Barbara,“ entgegnete er, indem er seine Tochter auf die Stirn küßte. „Ich habe aber so viel zu thun gehabt, daß ich weder an Essen noch an Trinken habe denken können. Ich kann Dir heute nicht erzählen, wo ich gewesen bin und was Alles vorgefallen ist. Trage mir mein Essen auf und gehe dann zu Bett, denn wir müssen morgen alle bei Zeiten wieder auf den Beinen sein. Morgen ist, wie Du weißt, Sylvester, und da wollen wir einmal thun, was wir noch nie gethan, und Gesellschaft zu uns bitten – eine so lustige Gesellschaft, wie sie in diesem alten Hause noch nicht beisammen gewesen ist. Wir wollen, so Gott will, mit dem neuen Jahre auch ein neues Leben beginnen. Ich bin nicht mehr – –“ er redete nicht aus, streichelte aber der Tochter freundlichst die Wangen.

Barbara legte ihr Gesicht auf seine Schulter und brach in Freudenthräuen aus.

„Geh’ nun zu Bette, Barbara,“ bat ihr Vater. „Du wirst morgen viel zu thun haben. Und noch eins, Barbara – denn ich möchte Dich gern ganz fröhlich und glücklich wissen – Friedrich soll auch mit kommen. Ich glaube, es gibt in Leipzig keinen besseren und rechtschaffeneren jungen Mann als diesen.“

Barbara stand am nächsten Morgen zeitiger auf als gewöhnlich.

Sie hatte die ganze Nacht von den Anstalten zu der bevorstehenden Festlichkeit geträumt und würde die rechte Stunde verschlafen haben, wenn Margarethe sie nicht geweckt hätte. Sie kleidete sich schnell an und verließ in freudiger Erregung ihr Schlafzimmer, als ob heute ihr Hochzeitsmorgen wäre. Es war dies das erste Mal in ihrem Leben, daß es ihrem Vater eingefallen war, einen Sylvesterabend zu feiern und sie freute sich darüber wie ein Kind.

[704] „Na flink, Barbara,“ sagte ihr Vater, nachdem sie ihm guten Morgen gewünscht; „wir müssen uns tüchtig rühren, wenn wir unsere Gäste heute Abend anständig empfangen wollen. Ich werde selbst so viel als möglich mit Hand anlegen und habe auch schon nach der alten Schirmer-Marie geschickt, die uns manche Gänge gehen und dies und jenes herholen kann. Ich halte sie für ganz ehrlich, wenn sie auch einmal ein paar Scheite Holz gestohlen hat; wenn sie nicht gefroren hätte, so hätte sie es auch nicht gethan.“

Nach dem Frühstück ging Barbara in den Materialladen, zu dem Fleischer, zu dem Bäcker, zu dem Conditor und anderen dergleichen Lieferanten und machte überall so bedeutende Bestellungen auf den Namen ihres Vaters, daß die Verkäufer sie zwei Mal fragten, um sich zu überzeugen, daß sie recht gehört. Herr Müller suchte aus seiner nicht sehr umfangreichen Bibliothek ein altes Kochbuch hervor und las die Recepte laut vor, während Barbara und Margarethe die Fleischpasteten und Salate zurecht machten.

„Barbara,“ äußerte der Alte, als ob ihm plötzlich wieder etwas einfiele, „Herr von Schönberg sagte, mein altes großes Arbeitszimmer müßte sich ganz gut in einen Gesellschaftssaal umwandeln lassen.“

„Das ist auch wahr,“ entgegnete Barbara. „Daran habe ich gar nicht gedacht. Wir wollen sogleich die Spinneweben abfegen und die Wände mit grünen Tannenreisern ausputzen.“

„Ja, wir wollen einen ganz schönen Tanzsaal daraus machen,“ rief freudig Herr Müller. „Schicke hinüber zu Meister Graul, dem Tapezierer, der mit seinen Gesellen wahrscheinlich schon für dieses Jahr Feierabend gemacht hat. Wenn sie herüber kommen und das alte Zimmer in Stand setzen wollen, so können sie noch heute zum Sylvester ein tüchtiges Stück Geld verdienen.“

„Ja, tanzen müßte es sich ganz herrlich in der alten Stube,“ wiederholte die alte Margarethe, die schon seit zwanzig Jahren auf dem linken Beine hinkte.

„Das wollte ich meinen,“ entgegnete Herr Müller. „Auf der hintern Seite neben meinem Schreibepulte wird eine kleine Erhöhung gebaut, auf welche die Musikanten zu sitzen kommen. Lämmermann und seine Leute sollen spielen, wenn sie nicht schon engagirt sind. Hoffentlich werden sie es mir nicht weiter nachtragen, daß ich sie an jenem Abend so unfreundlich fortwies.“

„Aber wer soll denn tanzen, Vater?“ fragte Barbara.

„Nun vor allen Dingen Friedrich und seine beiden Schwestern, sodann unsere Nachbarskinder von links und rechts und gerade über und außerdem noch eine Menge von Leuten, die ich gleich hernach einladen werde,“ bemerkte er.

Eine Stunde später ging Herr Müller aus, um die Gäste zu seiner Abendgesellschaft einzuladen. Er entschuldigte sich wegen Kürze der Zeit und obschon einige bereits anderweit versprochen waren, so sicherten ihm doch viele ihr Erscheinen zu. Der Fleischer, dessen Waare er nur erst vor einigen Tagen so heruntergemacht, wunderte sich nicht, wenig, als er Auftrag erhielt, einer Anzahl Leute, deren Namen auf einem langen Zettel standen, größere und kleinere Quantitäten Fleisch zuzusenden. Herr Müller vergaß seine Freunde vom vorigen Abend nicht und fand sogar Zeit, noch mehr Gegenstände seines Mitleids aufzusuchen. An diesem einzigen Tage übte er mehr Thaten wahrer Menschenliebe, als jemals zuvor in seinem ganzen Leben.

Meister Graul war mit seiner improvisirten Ausschmückung des alten Waarenlagers noch vor Abend fertig. Die Wände wurden mit Spiegeln behangen und mit vergoldeten Armleuchtern versehen, auf welchen weiße Wachskerzen aus grünen Zweigen hervorlugten. Herr Müller überwachte diese Anstalten mit vollkommener Zufriedenheit und stand eben auf der obersten Sprosse einer Leiter, um noch einige künstliche Blumen an den Leuchterhaltern zu befestigen, als sich die Zimmerthür ein wenig öffnete und ein schöner munterer Jünglingskopf hereinschaute.

„Wunderschön ausgeführt, Herr Müller,“ rief der junge Herr von Schönberg, indem er vollends hereintrat. „Ich freue mich, zu sehen, daß Sie meinen Rath befolgt haben, obschon ich mir, auf Ehre, gar nichts weiter dabei dachte. Ich hatte keine Ahnung, daß ich eine solche Veränderung finden würde. Ich komme eben blos im Vorbeigehen einen Sprung herein, um Ihnen für Ihre Mühe zu danken. Sie haben Ihre Sache ganz herrlich gemacht – die ganze Stadt spricht von Ihnen und dem unbekannten Wohlthäter, der noch hinter Ihnen steckt. Wenn ich Ihnen eine Gefälligkeit erzeugen kann, so stehe ich gern zu Diensten.“

„Wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen, mein werther Herr von Schönberg,“ entgegnete dieser, ohne von seiner Leiter herunterzusteigen, „so erzeigen Sie mir die Ehre, durch Ihre werthe Gegenwart die Gesellschaft zu vermehren, die ich heute Abend eingeladen habe. Es gibt Musik und Tanz und daß Sie ein flotter Tänzer sind, das weiß ich schon längst.“

„Ich komme, Herr Müller, mein Wort darauf!“ rief der junge Mann. „Ich wäre ja ein ganz undankbarer Mensch, wenn ich Ihre Einladung nicht annehmen wollte. Sorgen Sie nur hübsch für Tänzerinnen.“

„Ach, der Tausend!“ sagte Herr Müller, als der junge Mann sich wieder entfernt hatte; „ich habe ja ganz vergessen Herrn Lukas, den Maler, einzuladen; da muß ich gleich noch hin.“

Der Maler befand sich allein in seinem Zimmer. Es war schon ziemlich dunkel, aber er hatte noch kein Licht angezündet, sondern saß in einem Winkel und schien eben nicht bei der heitersten Stimmung zu sein.

„Guten Abend, Herr Lukas,“ rief eintretend der Hauswirth; „ich dächte, Sie nähmen von dem alten Jahre nicht eben den freundlichsten Abschied!“

„Guten Abend, Herr Müller,“ entgegnete der Maler; „allerdings bin ich gerade nicht sehr heiter, denn das alte Jahr hat mir noch zu guter Letzt einen Streich gespielt, der mir auch das neue verleidet.“

„Oho!“ rief ersterer, der aber lange wußte, was der Maler meinte; „was ist Ihnen denn passirt?“

„Eine meiner liebsten Hoffnungen ist mir zu Wasser geworden, Herr Müller,“ klagte der Maler. „Ich sagte Ihnen doch von dem Cornelius Schuyt, der niedlichen Landschaft, die heute Morgen in der Auktion bei Dr. Rivinus mit weggegangen ist und die ich so gern gehabt hätte.“

„Nun, haben Sie sie denn nicht bekommen?“ fragte Herr Müller, an welchen das Bild schon im Laufe des Vormittags abgeliefert worden war.

„Nein, ich habe es nicht bekommen. Mehr als fünfundzwanzig Thaler konnte ich nicht bieten, weil ich nicht mehr habe und der Advokat Stempler überbot mich – ein Mensch, der von der Malerei gerade so viel versteht, wie ein Wilder von dem Gebrauche einer Taschenuhr.“

„Na, lasten Sie das nur gut sein,“ tröstete der Alte. „Ich habe für heute Abend eine kleine fidele Gesellschaft zu mir eingeladen, beehren Sie uns ebenfalls mit Ihrem Besuch und ich will Ihnen ein Bild zum Geschenk machen, welches Ihnen eben so gefallen wird, wie Ihr Cornelius Schuyt.“

Der Maler lächelte wehmüthig und schüttelte den Kopf, Herr Müller aber nöthigte ihn so lange, bis er endlich versprach zu kommen.

Schlag sieben Uhr erschien der arme Lämmermann – dessen Anrede und Ständchen an jenem Abend vor Weihnacht auf so unhöfliche Weise unterbrochen worden – mit seinen Leuten in einem so netten Anzuge, daß die alte Margarethe sie für einige der eingeladenen Gäste hielt. Sie nahmen auf der für sie erbauten Erhöhung Platz und begannen ihre Instrumente zu stimmen. Nach und nach fanden sich auch Friedrich und seine Schwestern und die Nachbarsleute von rechts und links und gegenüber ein. Zuletzt kam auch, seinem Versprechen gemäß, der junge Herr von Schönberg, dessen freundliche Erscheinung und heiteres Wesen der allgemeinen freudigen Stimmung einen neuen Impuls gab. Herr Lukas, der Maler, war auch da, schaute aber etwas düster darein. Die arme Schirmer-Marie war von Margarethen mit anständiger Kleidung versehen worden und fungirte als Kellnerin.

Kurz nach acht Uhr war die ganze Gesellschaft beisammen und das Schmausen, Trinken und Tanzen nahm seinen Anfang. Friedrich tanzte mit Barbara sehr oft und es war leicht vorauszusehen, daß sie nächstens zur langen Lebensquadrille miteinander antreten würden. Der junge Herr von Schönberg bot seine ganze aristokratische Liebenswürdigkeit auf, die Gesellschaft zu bezaubern und Herr Müller war unaufhörlich bemüht, die heitere Stimmung seiner Gäste zu erhöhen. Dem guten Lämmermann that er wegen der Unterbrechung an jenem Abend förmlich Abbitte und forderte ihn auf, das von Friedrich verfaßte Gedicht noch nachträglich zu deklamiren, was auch zur höchlichen Erbauung aller Anwesenden geschah.

Nicht lange darauf nahm er den Maler bei Seite und ersuchte ihn, das mit einem Tuche bedeckte auf seinem Schreibepult liegende Gemälde anzusehen, von welchem er gesprochen; und als [706] er das Tuch wegnahm, sah Herr Lukas, daß sein Geschenk derselbe Cornelius Schuyt war, dessen Besitz ihm so sehr am Herzen gelegen. Wie der Maler darauf Herrn Müller umarmt und geküßt und an sein Herz gedrückt – das hat Herr Müller dann später noch oft und mit vieler Freude erzählt.

„Ruhig!“ rief plötzlich Herr Müller und riß die Fenster auf, als der Schlag der zwölften Stunde von dem Nikolaithurm herabdröhnte. Die Geigen und Flöten verstummten – die Tänzer hielten mitten im Tanze inne – und Alle standen, wie der Macht eines Zauberwortes gehorchend, lauschend und unbeweglich da wie ein lebendes Bild. Unmittelbar nach dem letzten Schlage begannen die Glocken auf sämmtlichen Thürmen der Stadt zu läuten und Alle falteten andächtig die Hände, denn jedem Einzelnen schienen diese Glockentöne von seinen innigsten und geheimsten Hoffnungen zu sprechen; dem Wirthe des heiteren Festes aber klangen sie wie die Stimmen unsichtbarer Engel in der Luft, frohlockend über das neue Jahr und über das neue Leben, mit welchem er beschlossen hatte, es zu beginnen.

Als das Geläute verstummte, wurden die Fenster wieder geschlossen, die Tänzer klatschten in die Hände, die Geigen und Flöten spielten wieder auf und Alles war wieder Leben und Bewegung. Und als endlich die Musik verstummt war, und alle Tänzer und Tänzerinnen das Haus verlassen hatten, da stand Herr Müller allein noch am geöffneten Fenster und sah hinauf nach den flinkernden Sternlein am Himmel, und hatte die Hände gefaltet. Wenn wir recht gehört, war es ein still Gebet, was er sprach und seine letzten Worte: „Herr Gott, wie’ dank ich dir!“ kamen so recht aus erleichtertem Herzen.