Hotel Park in Newyork

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Textdaten
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Autor: Theodor Griesinger
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Titel: Hotel Park in Newyork
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 193-196
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Hotel Park in Newyork.

Wenn in Deutschland ein Handwerksbursche reist, so weiß er, wo er einzukehren und zu übernachten hat, in der Herberge nämlich; wenn ein ehrlicher Bürgersmann sich über Feld macht, und fremder Herren Länder besucht, so geht er, falls er sich müde gelaufen und ein gutes Bett sucht, in ein Gasthaus, sei es nun das Gasthaus zum schwarzen Mohren oder zum rothen Ochsen; ist’s ein Student oder ein Weinreisender, oder Einer, der in Leder macht, oder sonst einer der auf der ersten Stufe der Bildung Stehenden, so wird ein Gasthof aufgesucht, denn wenn auch die Herberge vielleicht dem Inhalt des Geldbeutels mehr entspräche, so ist doch nur der Gasthof dem Range entsprechend, den man in der Gesellschaft einnimmt; macht aber vollends ein Adeliger, oder ein Officier oder ein hoher Würdenträger oder sonst ein Mann, der auf Rang und ein eigenes Fuhrwerk Anspruch macht, eine Reise, so thut’s nicht einmal ein Gasthof, wenigstens keiner zweiten Ranges, sondern ein Hotel muß her und zwar ein Hotel de Russie oder d’Angleterre.

So ist im lieben Deutschland Alles recht hübsch eingetheilt, und es weiß ein Jeder, wo er hingehört, beinahe schon gleich nach seiner Geburt. Wie spanisch muß es ihm also vorkommen, wenn er in ein Land geräth, wo man von dieser wohllöblichen Ordnung nichts weiß, ja, wo man diese Ordnung ganz und gar umkehrt und auf den Kopf stellt! Da weiß man ja wahrhaftig gar nicht, wo man nur einkehren und sein müdes Haupt zur Ruhe niederlegen soll; denn wenn z. B. jedes Einkehrhaus „Hotel“ getauft ist, so kann einen das Schicksal bei Nacht und Nebel in ein Haus führen, wo man zwei Thaler für’s Uebernachten zahlen muß, während das ganze Vermögen in dreißig Kreuzern besteht! Und doch ist’s so, in Newyork wenigstens, denn dort heißt jedes Wirthshaus, in dem man Nachtherberge finden kann, „Hotel“!

Aber lieber Himmel! Welcher Unterschied zwischen Hotel und Hotel! Da stehst Du vor einem. Es führt den stolzen Titel: „European Hotel“, „Europäischer Hof.“ Du siehst Dir’s an. Es kommt Dir accurat vor, wie eine erbärmliche Holzbaracke, die über’s Jahr von selbst einfällt. Du gehst hinein. Eine Wirthsstube voll Schmutz und Unrath, eine Wirthin mit ungemachtem Haar, ein Wirth mit betrunkener Nase empfangen Dich. Du verlangst ein Zimmer. Ein Zimmer? Es sind nur zwei Fremdenzimmer im ganzen Hause vorhanden! Man führt Dich die wankende Stiege hinauf; drei Betten stehen in jedem Zimmer, drei große breite Betten, je für zwei, zur Noth drei Personen; Du kannst wählen, mußt Dir’s aber jedenfalls gefallen lassen, einen Schlafkameraden in’s Bett zu bekommen, der vielleicht vergißt, wenn er Nachts ankömmt, auch nur seine kothigen Schuhe auszuziehen; Du deckst den Teppich auf, unter dem Du die Nacht zubringen sollst (denn ein amerikanisches Bett, wie man sie in solchen Gasthäusern hat, besteht aus nichts, als aus einer Grasmatratze, einem Graskopfkissen, einem Teppich und einem Leintuch), um zu sehen, ob das Leintuch reinlich sei, aber schnell wendest Du Dich ab, damit es Dir nicht übel werde, denn das Linnen ist von unzähligen Wanzenmalen gesprenkelt. Das ist das European Hotel, und Du darfst darauf schwören, daß es ein Irländer ist, der es hält.

Da stehst Du vor einem andern Hotel. Es führt keinen so stolzen Titel, wie das vorige; es heißt nur „Sanct-Nicolashotel.“ Aber es steht im Broadway; es ist fünf Stockwerke hoch und zweihundertfunfzig Fuß lang; es ist ganz aus Marmor gebaut und die [194] Front ist von eleganten Fuhrwerken belagert. Du betrittst die Treppe, sie ist von Marmor und doch mit Teppichen belegt; Du betrittst den Herrensalon, Du staunst ob der Pracht und Herrlichkeit; Du betrittst den Damensalon und Du bebst zurück vor dem Reichthum und Luxus; Du trittst auf nichts, als auf Sammet und Seide, Du siehst nichts, als Gold und Goldeswerth; Du nimmst ein Zimmer, schwellende Teppiche zieren den Boden, der Spiegel reicht von der Decke bis auf die Teppiche, die Möbel sind von Palisanderholz, das Bett ist blendend weiß überzogen, und auf solcher Matratze mit solchen Springfedern hast Du in Deinem Leben noch nicht geschlafen. Du gehst in den Speisesalon, das Frühstück besteht aus Thee oder Kaffee oder Chocolade und dazu hast Du Eier, Beefsteaks, Cotelettes, Schinken, Fische, Geflügel; ganz im Verhältniß fällt das Mittag’ und Abendessen aus; wolltest Du von Allem nur versuchen, Du müßtest einen herculischen Appetit haben. Du willst ein Bad, eine ganze Reihe Badezimmer steht parat und keine Secunde brauchst Du zu warten, bis das Bad fertig ist. Du willst Dich rasiren und frisiren lassen, Du darfst Dich nur ein paar Zimmer weiter bemühen, und der Barbier mit seinen Gehülfen nimmst Dich in Behandlung, denn ihm ist ein besonderes Local im Souterrain angewiesen, und eine solche Barbierstube findest Du in ganz Deutschland nicht. Die ganze Nacht schimmert das Hotel in einem Gasmeer, denn das Gas wird im Hotel selbst bereitet; es hat seinen eigenen Gasometer, feine eigene Gasfabrikation. Tausend Personen können alle Tage logirt werden, und vierhundert Dienstboten sind in den Zimmern und in Küche und Keller aufgestellt, um die Gäste zu bedienen. Fünfhundert Fremde müssen jeden Tag hier verkehren, wenn das Hotel nicht fallit gehen soll; so groß ist der tägliche Aufwand! Eine Person zahlt täglich von 3 1/2 bis 7 Dollars für Kost und Logis, je nachdem dieses Letztere feiner oder einfacher! Das ist das Sanct-Nicolashotel in Newyork, und kein Hotel in der Welt wird es an Größe und Luxus (möglicherweise aber an Geschmack und Bequemlichkeit) übertreffen.

Mitten inne zwischen dem European Hotel und dem Sanct-Nicolashotel liegen die übrigen Gasthöfe und nicht wenige nähern sich dem Nicolashotel, so das Metropolitanhotel, das Girardhouse, das Astorhouse, das Lafargehotel, das Delmonicohotel, das Howardhotel und wie sie Alle heißen.

Doch ein Hotel haben wir vergessen, ein Hotel, wie es kein zweites gibt auf Gottes weiter Erde, das berühmte Hotel Park.

Saubere und unsaubere, theuere und wohlfeile, großartige und winzige Gasthäuser findest Du in Leipzig wie in Paris, in Stuttgart wie in Katzenellenbogen, aber ein Hotel Park findest Du nur in Newyork. Nicht einmal Amerika hat ein zweites der Art aufzuweisen, nur die einzige Stadt Newyork besitzt es. Es ist das größte und besuchteste, das wohlfeilste und frequentirteste in der ganzen Welt, und so weit Du reisen magst, es findet nicht seines Gleichen.

Vor dem großen Marmorrathhause in Newyork, der Cityhall, dehnt sich ein ziemlich weitläufiger Park aus mit grünen Wiesen und schattigen Bäumen. Er mag wohl zehn Acker groß sein, dieser Park, und im Sommer, wenn die Sonnenstrahlen glühend herabfallen, ergehen sich täglich Zehntausende in demselben. Es ist eine grüne Oase mitten in dem ungeheuren Häusermeere. Hier säuseln Dir die hohen Bäume frische Luft entgegen und die Wasserwerke inmitten der grünen Umgebung erfrischen Deinen lechzenden Mund. Breite Marmorstufen führen zu der Cityhall hinauf, dorische Säulen schmücken den Eingang. Herrliche Fußwege, von grünem Rasen eingefaßt, führen im Zickzack um das weißglänzende Rathhaus herum. Du bist im Freien, bist in Gottes Natur, mitten in der geschäftsdurchwühlten, von Luxus und Elend gepeitschten Stadt. Und wenn die Sonne längst hinunter im fernen Westen, wenn das Regiment des Mondes und der Sterne begonnen, wenn das Gewühl in den Straßen sich gelegt und die Spaziergänger alle in ihren Wohnungen der Ruhe genießen, wenn man nichts mehr hört, als die fernen Carossen, die die Reichen vom Theater und Concert heimführen, oder den Tritt der leichtfüßigen Nymphe, die dem Blick des wachhabenden Sicherheitswächters zu entgehen sucht, wenn man nichts mehr sieht, als den lauernden Dieb, der an einer Straßenecke sich niederduckt, oder den faulen Polizeischutzmann, der das Auge kaum offen zu halten vermag, dann sammelt sich’s wieder an im Park von Cityhall. Von allen Seiten kommen sie herbei, leise und unsichern Trittes, denn das Elend tritt kraftlos auf. Vom Broadway und der Chathamsstreet, von der Centrestreet und von der Williamsstreet, von überall her nahen sie sich und lassen sich im Parke nieder. Lautlos, ohne ein Wort zu sprechen, schleichen sie sich heran, und der Eine setzt sich auf die breiten Marmorstufen, die zum Rathhaus hinaufführen, der Andere lehnt sich a» die dorischen Säulen, der Dritte macht sich’s in einer Ecke bequem und der Vierte streckt sich unter einen Baum. Wohl denen, die einen bevorzugten Platz bekommen haben! Viele müssen sich, damit begnügen, auf dem Grasboden oder den Steinplatten zu liegen, wenn die andern Plätze schon alle besetzt sind. Ein Stein ist das Kopfkissen, auf welches das müde Haupt niedersinkt, der nackte Erdboden ist die Matratze, auf welcher sich der Leib dehnt, der abgeschabte Rock ist die Bettdecke, mit der sie sich vor Sturm und Regen schützen.

Und nicht Einzelne sind’s, die sich allda ihr Nachtquartier suchen; auch nicht Dutzende sind es, sondern nach Hunderten kannst Du sie zählen. Freilich im Winter geht ihre Zahl etwas zusammen. Die meisten suchen eine Unterkunft in den Stationshäusern. Denn die Polizei in Newyork hat in jedem District vier oder fünf Stationshäuser und in jedem dieser Häuser, das gewissermaßen als Hauptquartier für diesen Unterdistrict gelten mag, befindet sich ein großes geheiztes Zimmer für die „Mühseligen und Beladenen“, die kein Nachtquartier fanden. Aber oft sind deren über Fünfhundert, und die Stationshäuser können sie nicht alle fassen! Oft werden so viel Vagabunden, Betrunkene und Diebe eingefangen, daß die „Andern“, die „Armen“, die „Mühseligen und Beladenen“ keinen Raum mehr haben. Wo sollen sich nun diese hinwenden? Wohin anders, als in ihr altes Quartier, den Park von Cityhall! Haben sie eine Stunde da geschlafen, so weckt sie der Hunger; dann richten sie sich auf, und recken die erfrornen Glieder und rennen durch ein paar Straßen, bis sie warm sind, und dann treffen sie sich wieder auf den harten Marmorstufen von Cityhall. Der Hunger allein rettet sie vor dem Erfrieren! Und doch sind deren nicht wenige, die man allmorgentlich im Winter halb erfroren findet und die dann das Spital von ihren Leiden erlöst, denn nur Wenige kehren vom Spitale in’s Leben zurück!

Das ist das berühmte Hotel Park, der besuchteste Gasthof in ganz Newyork!

„Und wer sind nun diese Unglücklichen, die allda ihr Nachtquartier suchen? Sind’s Bettler und Vagabunden, oder Diebe und Räuber?“

O nein, es sind keine Bettler und Vagabunden, keine Diebe und Räuber! Der Bettler in Newyork ist nicht schlecht daran. Gibt man ihm nicht gern, so gibt man ihm doch ungern, nur um den Zudringlichen los zu werden. Er hat seine Heimath, seine Familie und lebt nicht selten in Saus und Braus, wenn er ein gutes Tagewerk gehabt hat. Noch besser ist der Dieb in Newyork daran. Ihm darf es nicht bange sein, etwas „Stehlbares“ zu finden und an Absatzwegen für’s Gestohlene fehlt’s noch weniger. Der Schlechte, der Nichtsnutzige, der, dem alle Mittel recht sind, kommt durch in Newyork, er hat sogar ein gutes Leben. Ihm braucht nicht bange zu sein, einmal die Marmorstufen von Cityhall benutzen zu müssen. Die, welche hierzu genöthigt sind, sind ehrliche Leute, aber Leute, die keine Arbeit finden; es sind Leute, die zu viel Schamgefühl haben, um eine milde Gabe zu erflehen, zu viel Rechtlichkeitsgefühl, um sich etwas „Fremdes“ als Eigenthum anzueignen; es sind Leute, die den ganzen Tag von einem Platz zum andern gehen, um sich ein Geschäft zu verschaffen, Leute, die keine Mühe scheuen, um nur ein Stückchen Brod auf ehrliche Weise zu erwerben. Nicht Schneider und Schuhmacher sind’s, auch keine Tagelöhner und Bauernknechte von Hause aus; diese finden fast alle Arbeit oder wenigstens (auch in den schlechtesten Zeiten) so viel, daß sie ihr „Warmes“ verdienen und ein Eckchen in der Stube zum Schlafen.

Aber wie ist’s mit den Gebildeten und Halbgebildeten? Den Gelehrten und Halbgelehrten? Den Provisoren und Schulmeistern, den Theologen und Juristen, den Künstlern und Kaufleuten? Das schwindelt und windbeutelt in den Zeitungen, wenn’s Frühjahr herankommt! Das lospreist und lobhudelt in den Anlockungsannoncen zur Auswanderung! Das lügt und betrügt in den Reisehandbüchern und anderen im Solde der Ländereienbesitzer in Amerika geschriebenen Schriften! Und wenn dann einer, dem die Luft zu schwül wurde im alten Vaterlande, wenn einer, der fein Glück nicht fand auf dem heimischen Boden, wenn solch’ einer sich verlocken [195] läßt, hinüber zu gehen in’s Eldorado, nicht der Auswanderer, sondern der Auswanderungsagenturen, was bleibt ihm gewöhnlich? Das Loos, ein Handarbeiter zu werden, ein Bauernknecht oder ein Schneider, wenn er nicht das Schreinerhandwerk vorzieht. Und Monate braucht er, um sein neues Handwerk gewohnt zu werden, Monate, es zu erlernen! Und wenn ihm das Geld inzwischen ausgeht, so ist sein Loos: – ein Nachtquartier im Hotel Park!

Amerikaner sieht man keine, jedenfalls nur sehr Wenige unter den Gästen von Hotel Park. Wenn ja sich einer darunter befindet, so ist es einer, der vor Jahren vielleicht Hunderttausende besessen und durch einen speculativen Wurf um Alles gekommen ist, auch um den letzten Freund! Oder einer, der früher als Stadtbeamter oder Kaufmann hochgeachtet die Stufen zur Cityhall hinanstieg, nunmehr aber durch Spiel und Freudenhäuser ruinirt, durch Betrug und Schlechtigkeit blamirt, keinen Weg findet, in die alte Gesellschaft zurückzukehren. Wenn’s ein Amerikaner ist, so ist’s jedenfalls ein Auswürfling, ein von Freund und Feind Verlassener. Weit öfter sieht man allda Irländer, aber diese wissen sich auch hier zu trösten und ihr Trost ist der Whiskey, der Branntwein. Der Irländer ist von Hause aus, ohne Ausnahme, an harte Arbeit gewöhnt, und so kann es ihm, auch in den geschäftslosesten Zeiten, wo Tausende brodlos sind, nicht fehlen, daß er sich als Lastträger, Holzspalter, Kohlenfahrer, beim Ein- und Abladen der Schiffe, beim Reinigen der Straßen u. dergl. wenigstens etwas verdient. Er verdient vielleicht in solchen Zeiten, die sich übrigens in Amerika regelmäßig alle drei bis vier Jahre wiederholen, nicht so viel, um sich ehrlich und redlich in einem Kosthause durchzuschlagen, aber er verdient doch immer so viel, daß er sich ein Brod und Whiskey kaufen kann. Und hat er Whiskey, hat er Branntwein, was will er mehr? Zwei Gläser um einen Sixpence (zweit gute Groschen) machen ihn schon taumeln; fügt er das dritte Glas hinzu, so ist er toll, verrückt, wahnwitzig und dann sieht er die steinernen Stufen von Cityhall für ein Bett an, das die Houris des Paradieses gemacht haben. Der andere Morgen findet ihn wie zerschlagen, gerädert, zermalmt, seine Augen triefen, seine Zunge klebt ihm am Gaumen, seine Glieder zittern vor Frost und Hitze, aber – ein Glas Whiskey und Alles ist wieder im Blei, und er bringt die nächste Nacht eben so vergnügt im Hotel Park zu, als im Hotel Sanct Nicolas! –

Aber nicht Amerikaner und auch nicht Irländer sind die Hauptbesucher von Hotel Park. Deutsche sind’s, und zwar zu mehr als drei Vierteln Deutsche! Diese sind die eigentlichen Stammgäste. Und wie kann es anders sein? Sie kommen hinüber in’s ferne Land, ohne der dort herrschenden Sprache mächtig zu sein. Sie sind also die Letzten, auf die ein Amerikaner beim Beschäftigunggeben Rücksicht nimmt! Sie kommen hinüber zum Theil ohne ein praktisches Geschäft, ohne ein Handwerk zu verstehen, wie sollen sie sich fortbringen in einem Lande, das durch und durch praktisch ist, in einem Lande, wo Wissenschaft und Kunst erst anfangen, Wurzeln zu schlagen? Wißt Ihr, wie viel Professoren und Doctoren (nicht Medicinae, aber Philosophiae und Juris utriusque) in Newyork und Pennsylvanien an Canälen und Eisenbahnen arbeiten, weil es für sie unmöglich war, mit geistiger Beschäftigung ihr Fortkommen sich zu erwerben? Ihre Anzahl beträgt viele Hunderte und das Ende ihres traurigen Geschicks ist: Stammgast im Hotel Park zu werden! Nie erfahren ihre Verwandten und Angehörigen in Deutschland ihr Loos, denn sie schämen sich, die Wahrheit heraus zu berichten. Sie sterben unbekannt und unbeweint. „Es ist nur ein armer Dutchman, der auf dem Armenkirchhofe in Pottersfield eingescharrt wurde!“

Noch immer sehe ich ihn vor mir, den dicken Professor aus M. Er verstand Latein, Griechisch und Hebräisch. Er verstand Mathematik, Numismatik und noch vieles Andere. Er kam herüber, weil er sich drüben im alten Vaterlande mit seiner Behörde überworfen hatte; er wollte den Amerikanern Unterricht geben. Wie konnte es einem Manne mit so vielen Kenntnissen fehlen? Er hatte auch etwas Englisch gelernt, nach der Grammatik; aber wie er nach Newyork kam, sah er ein, daß er eigentlich gar nicht Englisch verstehe, denn er vermochte es nicht, auch nur den einfachsten Satz zu sprechen. Er glaubte Englisch zu verstehen, aber kein Mensch verstand ihn! Zwar gib er sich Mähe, unsägliche Mühe, und nach einem Vierteljahre konnte er sich erträglich ausdrücken und das Allergewöhnlichste auf Englisch verlangen, aber was nützte es ihm? Kein Mensch wollte Griechisch oder Lateinisch oder gar Hebräisch lernen; kein Mensch dachte daran, Mathematik oder Numismatik zu studiren. Er wandte sich an Dutzende von Instituts- und Collegien-Vorstehern. Alle Stellen waren besetzt und Viele, Viele hatten sich vor ihm gemeldet, die auf die erste vacante Stelle mit Schmerzen warteten. Vor Jahr und Tag war gar nicht daran zu denken, placirt zu werden, und wenn er sich in eine andere Stadt gewandt hätte, so hätte er hier wieder mit dem Suppliciren von vorn anfangen müssen. So blieb er, aber von Tag zu Tag wurde er magerer, von Tag zu Tag blässer. Er logirte so wohlfeil, als nur immer möglich; er speiste in dem gewöhnlichsten Eßhause, ja, am Ende schränkte er sich so ein, daß er nur noch einmal des Tages aß. Vom Trinken, d. h. vom Bier- oder Weintrinken war ohnehin schon lange keine Rede mehr. Diesen Luxus hatte er schon nach den ersten vier Wochen aufgegeben. Aber dennoch schrumpfte sein Geldbeutel immer mehr zusammen und er konnte den Tag genau voraussehen, wenn förmliche Ebbe eintreten mußte. Auf einmal war er verschwunden. Kein Mensch wußte, wo er Hingerathen sein konnte. Wer kümmerte sich auch viel darum? In einem so selbstsüchtigen Lande, wie Amerika, hat Jeder für sich selbst zu sorgen, und wenn man auch hier und da nach einem Andern fragt, so geschieht’s mit solcher Gleichgültigkeit, daß man wohl sieht, es kommt nicht vom Herzen. Plötzlich war er wieder da, aber, Gott im Himmel, wie sah er aus! War er vorher schon blaß und mager gewesen, so war er jetzt zum Skelett geworden. Er hatte am Canal gearbeitet, aber nur drei Wochen lang hatte er es ausgehalten, dann warf ihn die ungewohnte Arbeit und die ungesunde, sumpfige Luft in ein Fieber und mit dem Fieber in’s Spital, daß er nicht mehr hoffen konnte, lebendig davon zu kommen. Und doch kam er davon! Er schleppte sich nach Newyork, ohne Geld, ohne Hoffnung, mit gebrochenem Herzen. Das Hotel Park ward jetzt sein Boardinghouse (d. i. Kost- und Logishaus). So trieb er’s noch vierzehn Tage. Da fand man ihn eines Morgens halb erstarrt, halb verhungert, halb erfroren. Man brachte ihn in’s Spital. Einige Landsleute hörten von ihm und sammelten einige wenige Gaben. Noch einmal konnte er sich gütlich thun an deutschem Wein, aber nur noch einmal. Er starb schon den zweiten Tag; seine Kräfte, so wie sein Muth war gebrochen. Man schleppte seine Leiche nach Pottersfield, wo die „Lumpen und Selbstmörder“ liegen. Was kann ein deutscher Professor in Amerika mehr verlangen?

Einem Andern ging’s besser, ja, das Hotel Park wurde der Gründer seines Glückes. Er war zwar kein Professor, auch kein Doctor, wohl aber ein Kaufmann, und noch dazu ein sehr junger und sehr geschickter, der verschiedene lebende Sprachen verstand und sogar ziemlich viel vom Englischen. Seine Eltern waren reiche Leute in Deutschland, und somit wurde er im Reichthum erzogen und lernte Ansprüche machen, wie es die Reichen thun. Da starb sein Vater und es zeigte sich, daß der Reichthum desselben auf einem hohlen Grunde gestanden hatte. Man sprach den Bankerott über seinem Grabe aus und die Mutter folgte ihm dahin in kurzer Zeit nach. Der reich erzogene Sohn schämte sich, im alten Vaterland« eine Stelle anzunehmen; er glaubte, man deute dort mit Fingern auf ihn. So ging er nach Amerika. Natürlich dachte er, es könne ihm bei seinen kaufmännischen Kenntnissen nicht fehlen. Allein der Mensch denkt, Gott lenkt. Er fand keine Stelle, wie er eine ansprechen zu dürfen glaubte, und als er einmal einen geringeren Platz auf einem Comptoir, der ihn doch wenigstens ernährt hätte, erhalten konnte, schlug er ihn als „zu gering“ aus. Der deutsche Hochmuth war ihm noch nicht vergangen! Aber bald verging es ihm. Das mitgebrachte Geld verschwand, ein Kleidungsstück nach dem andern verschwand ebenfalls, und als Nichts mehr zum Versetzen da war, wurde das Hotel Park sein Nachtquartier. Wie da sein Rock, der einzige, den er noch hatte, bald aussah, kann man sich denken! Eines Abends, als er sich eben in sein „Hotel“ zu früherer Stunde als gewöhnlich – er konnte vor Hunger kaum mehr gehen – zurückziehen wollte, begegnete ihm ein Mädchen. Es war die Tochter seiner Amme und fast mit ihm aufgewachsen.

„Sind Sie’s, Herr Wilhelm?“ rief das Mädchen erschrocken, denn der Jüngling, den sie sich nur als den Sohn des reichen Fabrikanten denken konnte, sah gar zu herabgekommen aus. Zwar hatten sie sich in Newyork schon öfter gesehen, – das Mädchen [196] war schon früher nach Amerika gegangen, weil es Verwandte da hatte, – aber damals hatte der junge Kaufmann noch Geld und lebte im Gasthof.

„Gewiß, Marie, ich bin’s,“ erwiderte der junge Mann. „Doch warum erschrickst Du so?“

Marie stotterte, sie mochte ihm nicht sagen, wie heruntergekommen er ihr vorkomme.

„O, ich sehe schon, Du willst mit der Sprache nicht herausrücken,“ sprach der junge Mann mit bitterem Grimm weiter. „Aber was ist da zu verhehlen? Du siehst’s ja, ich logire im Hotel Park.“

Wenn aber Jemand in Newyork zu einem Andern sagt, er logire im Hotel Park, so weiß dieser schon, wo Bartel den Most holt, und man braucht ihm nicht weiter mit dem Holzschlägel zu winken. Marie war daher tiefinnerlich bewegt. Thränen traten ihr in die Augen, aber sie unterdrückte sie schnell, daß er’s nicht merke und dadurch beleidigt sei. Er, ihr Milchbruder, der reiche, schöne Jüngling, der nur das Theuerste und Ausgesuchteste gewöhnt war, er im Hotel Park!

„Ich habe mir Etwas erspart,“ sagte sie endlich schüchtern. „Es ist zwar nicht viel, aber wenn Ihnen damit gedient sein sollte, so ....“

So konnte nicht fortfahren, denn er hielt ihr den Mund mit der Hand zu.

„Sprich nicht weiter,“ rief er, „beschäme mich nicht noch mehr. Ich weiß es, daß es eine Schande ist, daß ein kräftiger Mann, wie ich, es so weit kommen ließ. Aber Du weißt, daß ich lieber verhungerte, ehe ich eine Unterstützung annähme!“

„Allein,“ warf sie wieder mit ihrer schüchternen Stimme ein, „ich habe ein Stübchen für mich allein. Die Möbel drinnen sind mein Eigenthum. Ich könnte auf die nächsten paar Tage zu einer Freundin ziehen und dort schlafen, und Sie könnten dann mein Stübchen benutzen. Es ist zwar nicht so, wie Sie’s sonst gewohnt waren, aber .....“

Abermals lag seine Hand auf ihrem Munde.

„Du bist das beste, treueste Herz auf der Welt,“ rief er, ohne ihr jedoch eine Antwort auf ihren Antrag zu geben; denn er dachte, es verstehe sich von selbst, daß er diesen nicht annehmen könne. – „Wo arbeitest Du jetzt?“ frug er nach einer Weile.

„In einer Tintenfabrik in Duanestreet,“ erwiderte sie. „Ich muß da die kleinen Gläser (in solchen wird nämlich in Newyork die Tinte verkauft) füllen und petschiren und bekomme vom Dutzend vier Cents; aber man kann gut seine sechzehn Dutzend den Tag fertig machen. So kann ich ganz gut in der Woche vier Thaler verdienen. Nur sind wir gegenwärtig etwas aufgehalten, weil unser Chemiker, der die Tinte macht, krank geworden ist, und der Boß (der Inhaber der Fabrik) sich nicht recht darauf versteht.“

„Also ist die Stelle des Chemikers vacant?“ fragte der Jüngling hastig. „Wie viel Nummer ist Dein Shop (Arbeitslocal), Marie?“

Natürlich sagte es ihm Marie mit doppelter Freudigkeit, als sie vernahm, daß er sich um die Stelle bewerben wollte, da er die Tintenfabrication gut verstehe. Hätte man dem jungen Manne ein halbes Jahr vorher gesagt, er werde noch Tintenmischer werden, so hätte er einen die Treppe hinuntergeworfen. Jetzt aber war sein Stolz gebrochen, und zwar durch das Hotel Park. Vielleicht trug auch die Begegnung der Marie und sein Gespräch mit ihr Manches dazu bei, seinem Hochmuth Adieu zu sagen.

Dies war die letzte Nacht, welche der junge Mann im Hotel Park zubrachte. Den andern Tag war er in aller Frühe bei dem Tinten-Boß und erhielt die Stelle des „Chemikers.“ Abends aber begleitete er Marie nach ihrer Wohnung und genirte sich nun gar nicht, von ihr etliche Thaler zu borgen, damit er in einem anständigen Logishause sich einmiethen konnte. Er hatte ihr aber zuvor unumwunden erklärt, daß sie ein paar Wochen warten müßte, bis er im Stande sei, mit nur etwas Sicherheit in die Zukunft zu sehen. Jetzt erst hatte er bemerkt, wie unsäglich ihn das Mädchen liebe. Jetzt erst ließ e« der anerzogene Hochmuth zu, sich zu gestehen, daß auch er dem lieben Kinde gut sei, ob es gleich nur seiner Amme Töchterlein war.

Mit der Hochzeit – aber eine recht stille war’s – stand’s auch gar nicht lange an, denn der Tintenboß merkte bald, daß sein Chemiker noch andere Dinge verstehe, als das Tintenmischen, wie z. B. Waschblaufabrication und Stiefelwichse-Producirung. Dazu kam noch, daß er schon lange daran laborirte, eine Schwefelhölzchenfabrik zu errichten, und weil der junge Kaufmann derlei Dinge in seiner Jugend im Polytechnikum mit hatte laufen lassen müssen – damals schienen sie ihm ganz unnütz und jetzt ernährten sie ihn, – so kamen sie überein, sich zu vereinigen, und jetzt macht hier Wilhelm Schwefelhölzchen über Schwefelhölzchen, ganz nach Wiener Art und Färbung. Seine Frau aber führt die Aufsicht über die Sortirmädchen und verdient somit immer noch ihre vier Thaler in der Woche.

So hat das Hotel Park auch manchmal seinen Nutzen, weil es dem Stolz und Hochmuth das Genick bricht.

Th. Gries.