Die Erziehung des Feuerschwamms

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Autor: Berthold Sigismund
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Titel: Die Erziehung des Feuerschwamms
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 191–193
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Erziehung des Feuerschwamms.
Von Berthold Sigismund.

Der Feuer- oder Zündschwamm, der in England German tinder (deutscher Zunder) heißt und in Frankreich den zarten, an das sanfte familiäre Wort für Schmeicheln und Streicheln erinnernden Namen Amandou führt, ist ein aus dem Röhrenpilze Polyporus fomentarius hergestelltes Product.

Die Form des ausgewachsen Pilzes hat außer dem naturgeschichtlichen [192] auch ein ästhetisches Interesse. Wenn irgend die Annahme verstattet ist, daß der Mensch bewußt oder unbewußt für bildnerische Zwecke Formen der organischen Natur entlehnt hat, und der Akanthus des korinthischen Capitäls, sowie das Kleeblatt der gothischen Baukunst sind so dafür sprechende Beweise: so sieht man sich zu der Vermuthung gedrängt, daß auch die Pilze mancherlei plastische Modelle abgegeben haben. Wem fiele nicht bei den gewöhnlichen Hutpilzen. z. B. dem Champignon, sogleich ein Gartentisch, ein Schemel, ein Elfenbein-Sonnenschirm, ein Kiosk-Gartenhäuschen ein? Unser Feuerschwamm aber erinnert auf den ersten Blick an eine Console, die zum Tragen einer Bildsäule bestimmt ist. Er gleicht einem längs der Achse durchschnittenen Kegel und ist, ein je höheres Alter er erreicht, mit um so mehr concentrischen Rundstäbchen gar zierlich geschmückt. Der berühmte Bildhauer Schwanthaler sammelte gern im Walde holzartige Pilze und wußte diesen durch geringe Nachhülfe mit dem Messer so groteske Aehnlichkeiten mit Eremiten, Rittern und Jägern zu geben, daß sie als phantastische Decorationen seiner Humpenburg dienen konnten. Aber wer auch nicht die Gabe hat, diese Schwämme mit Callot’scher Phantasie zu gestalten, kann sie zum Zimmerschmucke verwenden; sie gehen, zumal wenn der Rand der Grundfläche mit Moostroddeln behangen wird, die zierlichsten Consolen für Statuetten.

Die ausgewachsenen Pilze jedoch, welche als reizende Ornamente für Gartenhäuser bestens zu empfehlen sind, eignen sich nicht zur Zunderbereitung, diese „Pferdehufe“ werden vom Schwamm- Mann gleichgültig weggeworfen. Sie sind zu sehr verholzt, um reichen Zunder zu geben. Sie erreichen eine ansehnliche Größe,

Die Gartenlaube (1858) b 192.jpg

Der Feuerschwamm.

ich habe deren von zehn Zoll Querdurchmesser und drei bis vier Zoll Höhe gefunden. Ihre Farbe ist sanft braungrau. Auf der breiten, ziemlich ebenen Fläche tragen sie eine Menge feiner Löcher, die Eingänge in zarte Röhrchen, in denen die staubähnlichen Sporen (Samen) gebildet werden. Sie wachsen, gleich den Baumstämmen, durch jährliche Zuwachsstreifen oder Jahresringe, welche auf dem Mantel des kegelförmigen Pilzes die Rundleistchen darstellen

Für den Schwamm-Mann brauchbar ist nur der junge Pilz, wie er auf unserer Abbildung einem Wappenschild ähnlich am spitzen Ende des Pferdehufes ansitzt. Dieser jugendliche Feuerschwamm ähnelt einem sehr runzligen und zähen, gelbbraunen Leder, welches oft die Dicke eines Zolles erreicht und in unregelmäßigen Lappen an den Baumstämmen anklebt. Dieses Pilzleder hat eine dünne, außen grauliche, innen tiefbraune, zähe Oberhaut; die von ihr bedeckte, lederbraune und korkartig sich anfühlende Masse ist die Substanz, welche den Zunder liefert.

Der Zunderpilz wächst nur an an Buchen und zuweilen an Ebereschen auf dem Gebirgen. Schon dadurch unterscheidet er sich hinlänglich von dem sehr ähnlichen Pilze Polyporus igniarius, der an alten Weiden- und Obstbaumstämmen vorkommt, aber nur ein elendes hartes Surrogat des echten Zunders abgibt. Unser Löcherpilz gleicht den gewöhnlichen weichen Pilzen nicht in der sprüchwörtlichen Schnelligkeit ihres Wachsthums, aber auch nicht in der raschen Vergänglichkeit. Er braucht zur vollen Entwickelung seiner Größe zehn bis zwanzig Jahre, trotzt aber auch nach seinem Tode noch lange der Verwesung. Ich habe Veteranen mit sechszehn Jahrringen gefunden, die noch rüstig vegetirten, obgleich mancherlei Insectenlarven sich in ihnen eingehaust hatten.

Die Herstellung des Zunders aus diesem Pilze ist ein einfache, seit unvordenklichen Zeiten aus dem thüringer Walde heimische Industrie. In der besseren Hälfte des Jahres, die auf dem Gebirge die kürzere ist, durchstreift der Schwamm-Mann den Forst, um sein Rohmaterial zu suchen. In manchen Revieren gehört der Feuerschwamm, wie die eßbaren Pilze überall, zu den herrenlosen Dingen, die jeder sammeln darf, wer Lust hat; in andern Forsten, wo man der Rückert’schen Weissagung, daß man zuletzt zum Fangen eines Schmetterlings eine Jagdkarte werde lösen müssen, näher gekommen ist, wird der Schwammertrag der Waldung verpachtet. In einem linnenen Quersacke führt der Feuerschwamm-Sammler seinen Proviant mit sich, denn er muß den ganzen Tag umherstreifen und dabei glücklich sein, wenn er seine Schubkarren mit einem Viertelcentner befrachten will. Wenn ein Pilz an einem niedrigen Buchenstocke sitzt, wird er leicht mit dem Messer abgeschält; zur Abnahme der hoch an den Stämmen lebender Buchen sitzenden Schwämme bedient man sich eines Meißels, der auf eine Stange gesteckt wird; zu den allerhöchsten Schwämmen klettert man empor, wozu oft Steigeisen an die Kniee gebunden werden müssen. Es erfordert einen Kennerblick, um die Reife eines Pilzes genau zu ermessen, da ein Schwammleder, dem man noch ein Jahr Frist gönnt, später einen ansehnlicheren Lappen Schwamm liefert. Ein auf die Zukunft denkender Sammler verfehlt nie, Etwas von der lederartigen Grundlage des Pilzes am Baumstammne sitzen zu lassen, da sich aus einem solchen Reste leichter eine Ernte regenerirt, als aus dem Pilzsamen ein ganz neuer entsteht.

Aber trotz alle Rücksicht auf die Zukunft reicht der Ertrag der thüringer Forsten lange nicht mehr aus, um den nöthigen Rohstoff zu liefern. Einmal sind seit der regelrechten Schlagwirthschaft der Forsten die alten Buchen, an denen die Pilze entstehen, seltener geworden; dann aber hat sich die Zahl der Consumenten seit dem dreißigjährigen Kriege, wo das Tabakrauchen in Thüringen und anderwärts allgemeine Sitte geworden ist, außerordentlich vermehrt. Die thüringer Fabrikanten beziehen des halb schon seit längerer Zeit große Massen von Rohmaterial aus dem Auslande. Namentlich kommen viele rohe Feuerschwämme aus den Wäldern Skandinaviens über Stralsund und aus denen der Apenninen über Triest, ehemals über Nürnberg nach Thüringen; auch der Böhmer Wald, der Schwarzwald, die schweizer Forsten und die Karpathenwaldungen Siebenbürgens haben manche bedeutende Sendung geliefert.

Der rohe Schwamm wird zuerst etwa vierzehn Tage lang in feuchte Asche gelegt, damit er „aufbrause und mild werde.“ Das dadurch mürbe und dehnbar gewordene Filzgewebe wird nun auf einem hölzernen Ambose mit einem hölzernen Hammer geklopft und dadurch das Pilzfell auf die drei- bis vierfache Flächenausdehnung ausgestreckt. Hierauf werden die „Lappen“ in Aschenlauge eingeweicht und getrocknet und zuletzt zwischen den Händen gedehnt und weich gerieben.

Da es unter den Schwamm,-Consumenten nicht Wenige gibt, die den dunkelfarbigen Schwamm für besser halten, als den leder- und honigbraunen, so sieht sich der Schwamm-Fabrikant oft genöthigt, einen Theil seiner „Lappen“ mit Blauholzbrühe zu färben. Salpeterauflösung wird zur Tränkung des Schwammes nicht verwendet, denn der mit Salpeter oder Schießpulver versetzte Schwamm versprüht zu rasch, um dem Raucher ein behagliches Anzünden seines Krautes zu gestatten. Und als Lunte für die Pfeife findet ja der Schwamm seine Hauptanwendung. Zwar verbrauchen auch die Chirurgen etwas Zündschwamm zum Blutstillen, zwar verarbeitet man auch zuweilen einen besonders großen Schwamm zu einer Mütze ohne Naht (und der schönbraune, sich wie Sammetplüsch anfühlende Pilzstoff sieht wirklich so hübsch aus, daß er Empfehlung verdiente, wenn eine solche Mütze nicht zu leicht Feuer finge): aber die hauptsächlichen Verbraucher des deutschen Zunders sind und bleiben doch die Raucher. Gleich der Tabakspfeife ist der Schwamm Privilegium der Männer geblieben; selbst die Bauersfrau, die anmaßlich genug ist, bei schlechtem Wetter ihres Mannes Stiefeln und Röcke ohne eingeholte Erlaubniß zu mißbrauchen, versteigt sich nie so weit, sich im seinem Feuerzeuge zum Küchengebrauche zu vergreifen, Ob sich die emancipirten Cigarrenraucherinnen, die hier und da auch in Deutschland aufgeschossen sein sollen, auch Das Mannslehn des Schwammes anmaßen, weiß ich nicht; aber die atmen Irländerinnen sah ich ihre Thonpfeifen stets nur mit einer Torfkohle anstecken.

[193] Wird sich der Feuerschwamm in der Gunst der Manner behaupten? Fast möchte dem Wanderer, der den thüringer Gebirgsort Neustadt am Rennsteige besucht, bange werden um die zahlreichen Familien in den armseligen Schindelhäusern, die seit den Zeiten der Urväter vom Schwammgewerbe leben, und deren Familienväter auf den thüringer Jahrmärkten so schwermüthig die braunen Lappen, die sie auf der Schulter hängen haben, feil bieten. Hat sich doch schon fast die Hälfte der Einwohnerschaft jenes Ortes zur Phosphorstreichholz-Manufactur wenden müssen; ist doch seit wenigen Jahren der Preis des Pfundes Schwamm von 32 auf 30 bis 28 Kreuzer gesunken!

Aber nur getrost! „Schwamm bleibt Schwamm!“ sagt der Raucher, der im Freien bei Wind und Regen seinen Nasenwärmer anzünden muß, der Holzhauer, Förster, Bauer und Landarzt; „die Stubenraucher mögen die neue Mode annehmen, wir bleiben der altväterlichen Sitte treu. Es macht ein wenig mehr Mühe, dem Feuerstahle Funken zu entlocken; aber ein ohne alle Mühe zu erreichendes Vergnügen ist gar kein rechter Genuß. Und dann der Duft, das süße Arom des brennenden Zunders gegen den infernalischen Gestank des Zündhölzchens!“

„Vater,“ sagte ein thüringer Knabe zum Alten, der seinen Ulmer in Brand steckte, „Vater, wenn ich nur ein Fürst wäre!“

„Warum?“

„Daß ich den ganzen Tag Schwamm rauchen könnte!“

„O Kindermund, o Kindermund, unbewußter Weisheit voll!“ singt Rückert mit Recht. Wie oft ist der Duft des Zunders lieblicher, als der des Rauchwerks selber!

Nein, der Schwamm wird nicht außer Gebrauch kommen. Für die Raucher, denen im Zeitalter der Eisenbahnen das alte Feuerzeug aus Stein und Stahl nicht geschwind genug Dienste leistet, lieferte Miram in Bettenhausen bei Cassel u. A. sichern trefflichen Streichschwamm, mit dem man für zwei Kreuzer hundert Cigarren anzünden kann bei Ersparung von zehn Minuten Zeit, und Zeit ist Geld.

Aber die hauptsächlichen Gönner und Erhalter des Feuerschwammes werden die gemüthlichen Conservativen abgeben, denen ein behagliches Leben lieber ist, als Zeit und Geld zugleich; vor Allen die Maurer, die da wissen, daß nur ein mit Aufopferung von Zeit und Mühe erkauftes Vergnügen wahren Genuß schafft.

Der witzige Schauspieler Devrient sah einst, als er mit seinen Freunden in einer Berliner Weinstube saß, einen Maurer auf dem Gerüste die Pfeife laden.

„Was gilt es,“ rief der alte Menschenkenner, „ich trinke eher meine Flasche durch mein Pfeifenröhrchen aus, ehe der da drüben den ersten Zug Rauch trinkt?“

Die Wette wurde eingegangen. Sowie die Pfeife gestopft war, ließ Devrient den Stöpsel knallen, schenkte ein und brach sein holländisches Pfeifchen entzwei. Der Maurer holte das Feuerzeug aus der Tasche und führte so resignirt, als wüßte er, daß kein Baum auf den ersten Hieb fällt, den ersten Schlag aus. Der Schauspieler beginnt in aller Ruhe seinen Champagner zu schlürfen, sowie die Südamerikaner ihren Maté saugen. Ein Glas ist leer.

„Ich brauche mich nicht zu übereilen,“ scherzt Devrient, „das Stück hat wenigstens fünf Acte!“

Ein zweiter Streich entlockt dem Stahle einige Funken, der Maurer schüttelt verwundert den Kopf und sieht sich stumm ringsum, um auszuruhen, Devrient aber schenkt sich lachend das dritte Glas ein. Da dreht der Maurer den Stein um, die Wettenden blicken mit beklommenem Athem bald den Maurer, bald den Schauspieler an, aber der Trinker bleibt kaltblütig. Jetzt regnet es Funken.

„Ja, ich müßte den Maurerschwamm nicht kennen!“ sagt Devrient und schenkt wieder ein.

Neuer Streich, frisches Glas; und so geht es fort, bis der Trinker lachend die Nagelprobe macht. Da endlich legt der Maurer höchst selbstvergnügt das Zündkraut auf seine Pfeife und bläst den süßen Schwammduft durch die Nase.

„Nun soll er aber auch die gewonnene Flasche haben!“ ruft der gutmüthige Schauspieler.

Wenn die thüringer Volksweisheit Recht hat, thun die Maurer in der That wohl, ihrem alten Brauche treu zu bleiben. Die Arbeit fördert freilich nicht sehr dabei; aber Bauleute, die echten Maurerschwamm führen, übereilen und verpfuschen auch nichts, wie die neumodischen Accordarbeiter. In großen Städten, selbst in solchen, wo Bauschulen blühen, sind nicht wenige eben errichtete Häuser zusammengestürzt; so etwas kommt in Thüringen nie vor. Das macht, die großstädtischen Maurer haben das unselige Fixfeuerzeug eingeführt, und dabei ist kein Segen. Wer aber Maurer hat, die echten Maurerschwamm führen, der hat wohlgebaut!