Hundertzwanzigtausend Francs

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Textdaten
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Autor: Alexander Weimann
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Titel: Hundert­zwanzig­tausend Francs
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 356–359
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[356]
Hundertzwanzigtausend Francs.


Eine Erinnerung aus dem Kriege.     Von Alexander W–nn.


Seit Wochen lagen wir nun schon vor dem mit so großen Erwartungen ersehnten Paris, ohne mehr davon zu sehen als einige nebelhafte Thürme, abwechselnd in erster oder zweiter Linie, es wurde verzweifelt langweilig. Wir waren drei Officiere bei der Compagnie, Hauptmann Hardt, meine Wenigkeit und Vicefeldwebel Wendt. Seit sieben Tagen waren wir in der zweiten Linie, hatten Quartier in einem der reizenden, jetzt verlassenen Landhäuschen, mit denen die Umgegend von Paris so reich garnirt ist, und füllten unsere Zeit abwechselnd mit sehr wenig Dienst, mit mäßigen Mahlzeiten und sehr viel Schlaf aus. Besonders Wendt leistete Hervorragendes in dem letzten Punkt, obgleich er auch den Dejeuners und Diners volle Berücksichtigung zu Theil werden ließ.

Unser Koch, zugleich Bursche des Hauptmanns, Kippke genannt, von Profession Schlächter, machte seine Sache nicht übel und hatte namentlich in der Bereitung der Hammelbraten, an welchen er am meisten Gelegenheit hatte, seine Kunst zu entwickeln, eine bedeutende Virtuosität erlangt, befriedigte aber den Vicefeldwebel, welcher aus Pommern stammte, noch besonders durch die sehr reichliche Zubereitung der Kartoffeln, welche Wendt für das erste und beste Gemüse der Welt erklärte, und für welche er eine so bedeutende Vorliebe hatte, daß er auf die Frage etwa sich vorfindender Hauswirthe, was er zu essen beliebe, stets nur energisch erklärte: „Tout égal, tout égal, mais beaucoup, beaucoup de pommes de terre.“ (Ganz gleich, ganz gleich, aber viel, sehr viel Kartoffeln.)

Französisch sprach er nur brockenweise und behauptete, der Sieger müsse verlangen können, in seiner eigenen Sprache verstanden zu werden. Da wir übrigens fast nie Wirthe trafen, so hatte er wenig Gelegenheit, die Durchführbarkeit seines Princips zu erproben.

Wir lagen in Ermangelung eines Sophas auf den bequemen Betten, von den Strapazen eines halbstündigen Appells auszuruhen. Wendt bewohnte mit mir ein Zimmer, nebenan residirte Hauptmann Hardt, dort war zugleich der Speisesalon. Kippke trat ein und meldete in militärischer Haltung: „Das Dejeuner ist angerichtet.“

Wendt hatte ihm diese bezüglichen Redensarten mühsam beigebracht und warf mir einen triumphirenden Blick zu, um den Eindruck dieser Worte auf mich zu genießen; da ich mich aber in eine acht Tage alte Zeitung vertieft hatte, und dadurch sein Zweck gänzlich verfehlt wurde, räusperte er sich auffallend und fragte, nachdem ich aufgesehen hatte, den Burschen mit heuchlerisch harmloser Miene: „Was sagten Sie, Kippke?“

„Ich sagte man, dat dat Mittag fertig is, Herr Feldwebel,“ sagte Kippke arglos.

Wüthend sprang Wendt auf: „Mensch,“ rief er, „wirst Du das niemals begreifen? Habe ich Dir nicht gesagt, diese Mahlzeit heißt nicht Mittag, sondern Dejeuner? Mittag essen wir um sechs Uhr und das heißt Diner! Was habe ich Dir gesagt, wie sollst Du melden?“

Kippke hatte diesen Anprall mit unerschütterlicher Ruhe ausgehalten und sagte mit einer Miene, deren Ernst unendlich komisch wirkte: „Das Dejeuner ist angerichtet.“

Hauptmann Hardt war eine baumlange Figur mit entsprechender Schulterbreite, etwas aufbrausend, aber im Allgemeinen sehr gutmüthig, mit einer ausgesprochenen Neigung für geistige Getränke.

Das Menu unserer Dejeuners und Diners war seit mehreren Tagen stehend dasselbe: Erbssuppe und Hammelbraten.

Kippke balancirte eine tiefe Schale mit Suppe glücklich bis zu der Seite des Tisches, an welcher Wendt seinen Platz hatte. Letzterer rückte in diesem Moment unerwartet seinen Stuhl etwas [357] zurück und erschütterte dadurch die schwierige Lage unseres Kochs so unglücklich, daß sich ein reichlicher halber Teller Erbssuppe über die Hand des Vicefeldwebels ergoß.

„Gott verdamm’ mich,“ rief Wendt wüthend, indem er die heiße Brühe heftig von der Hand schleuderte, „es ist wahrhaftig nicht mehr auszuhalten mit dem Kerl!“

Es war förmlich wunderbar, wie sich seine Mienen in demselben Augenblick besänftigten, als der zweite Bursche mit dem Hammelbraten und einer mächtigen Schüssel dampfender Kartoffeln eintrat.

„Wieder Hammelbraten? Es ist gräßlich,“ sagte der Hauptmann, „was giebt es morgen, Kippke?“

„Hammelbraten, Herr Hauptmann.“

„Was! wieder Hammel?“

„Zu Befehl, Herr Hauptmann.“

„Läßt sich denn im Dorf gar nichts auftreiben, mal ’ne Ente oder so etwas?“ fragte Hardt unmuthig.

Kippke kniff sein linkes Auge zu, um damit anzudeuten, daß er die Frage für durchaus scherzhaft halte.

Hardt fischte in schlechtester Laune die Speckstücke aus seiner Suppe. „Kommt mir jetzt für’s Erste nicht wieder mit Erbssuppe!“ brauste er auf.

„Zu Befehl, Herr Hauptmann.“

„Mach’, daß Du hinauskommst, und schick’ uns Wein herauf. Na! worauf wart’st Du noch?“ fuhr der Hauptmann ihn an, als Kippke noch stehen blieb.

„Der Wein is alle, Herr Hauptmann.“

Wir sahen entrüstet auf: „was! alle?“ riefen wir einstimmig.

Hardt sah ihn einen Augenblick sprachlos an, dann sprang er zornig auf ihn zu: „Das sagst Du heute erst,“ rief er, „während wir gestern Gelegenheit nach der Stadt hatten? Hinaus jetzt, sage ich Dir, und wenn nicht binnen einer Viertelstunde Wein hier ist, dann Gnade Dir Gott, Bursche!“

Kippke kannte den Hauptmann, und wenn er auch durchaus nicht sicher war, Wein auftreiben zu können, so benutzte er doch die Gelegenheit, um mit Gedankenschnelle aus der Thür zu schlüpfen.

Ich entsann mich, in unserer Stube noch eine angeschenkte Flasche gesehen zu haben, und als Wendt sie auffand und brachte, klärte sich das gewitterschwüle Antlitz Hardt’s wieder etwas auf und wurde ganz heiter, als er den ungeheuern Berg von Kartoffeln sah, den der Vicefeldwebel sich aufgelegt hatte.

„Ich möchte wissen, was die Kerls unten zu klopfen haben,“ sagte der Hauptmann, indem er sich den Löwenantheil aus der Flasche in ein sehr großes Wasserglas schenkte.

In der That hörte man unten ein auffallend lautes Pochen und Hämmern.

Wir sollten nicht lange darüber im Unklaren bleiben. Die angesetzte Viertelstunde war kaum vorüber, als Kippke eintrat, von oben bis unten mit Kalkstaub und Spinnweben bedeckt, unter dem rechten Arm eine Pendule von schwarzem Marmor, unter dem linken Arm einen Armleuchter, in der Hand zwei Flaschen. Unmittelbar hinter ihm folgte der Bursche des Vicefeldwebels mit vier Flaschen und einem Armleuchter unter jedem Arm, dahinter mein Bursche mit einem großen Kasten voller Stearinlichter. Wir sahen erstaunt auf diesen Aufzug.

„Was ist das?“ sagte Hardt.

„Das haben wir gefunden, Herr Hauptmann,“ sagte Kippke triumphirend, „hier ist der Wein.“

„Wie und wo habt Ihr denn das gefunden?“ fragte Hardt ernsthaft.

„Wir suchten nach Waffen, Herr Hauptmann,“ sagte Kippke etwas zögernd, „und da war das im Keller vermauert, es ist noch viel Wein dort,“ sagte er schlau begütigend.

Er erreichte auch seinen Zweck vollkommen, der Hauptmann brach das Verhör sofort ab, und wir eilten hinunter, den Fund zu inspiciren.

Die Burschen hatten wirklich ein großes Loch in eine übrigens sehr dünne Mauer gebrochen, und man sah in einen dadurch verborgenen Theil des Kellers hinein, welcher mit allem möglichen Hausrath angefüllt war.

„Nun, da Ihr das einmal aufgemacht habt, so räumt es aus und tragt es in unsere Stuben, aber seht Euch vor, daß Ihr nichts zerbrecht,“ sagte Hardt, welcher mit Befriedigung ein ziemlich umfangreiches Weinlager entdeckt hatte.

Es dauerte nicht lange, so waren unsere Stuben mit diversen Uhren, Vasen, Leuchtern und Nippsachen decorirt; Wendt brachte sogleich sämmtliche Uhren in Gang und schlug vor, aus unserm Stearinreichthum die Leuchter mit Lichtern zu versehen, die Laden zu schließen, und das Dejeuner, welches durch die Fülle des aufgefundenen Weins noch eine angenehme Perspective bot, bei Licht fortzusetzen. Kerzenbeleuchtung! – Das war ein lange entbehrter Luxus und der Vorschlag wurde beifällig angenommen, ein Effect, den die Vorschläge Wendt’s sehr selten erzielten.

Die künstlich hergestellte Dunkelheit ließ nichts zu wünschen übrig, und das flackernde Kaminfeuer überaus freundlich erscheinen. Es gelang dreißig Lichter anzubringen, und als in ihrem Schein der Wein aus unsern Gläsern uns rubinfarben entgegenfunkelte, die Uhr auf dem Kamin gerade aushob, die volle Stunde zu schlagen, und dabei ganz überraschend mit unglaublicher Geschwindigkeit des Tempos den Walzer aus dem Freischütz spielte, da war vergessen die Erbssuppe und der Hammelbraten, vergessen die langweilige Cernirung von Paris, vergessen das leise nagende Heimweh, und die hellglänzende Gegenwart ließ einen Strahl warmer freundlicher Behaglichkeit in unsere Herzen fallen. –

„Das ist ein reizendes Weinchen,“ sagte Hardt schmunzelnd, indem er den alten feurigen Burgunder mit Kennermiene langsam schlürfte und das Glas freundlich lächelnd gegen das Licht hielt, das funkelnde zitternde Farbenspiel zu betrachten, „lassen Sie uns aber,“ fügte er behaglich spottend hinzu, „die Pflichten der Höflichkeit nicht vergessen und des abwesenden Wirthes als des gütigen Gebers gedenken, widmen wir ihm einen stillen Schluck, meine Herren!“ und er ließ die That den Worten folgen.

Wendt hatte bereits verschiedene stille Schlucke genommen und begleitete den jetzigen mit einem so glänzenden Lächeln, als wenn er wirklich mit der größten Zärtlichkeit des geflüchteten Franzosen dächte.

In diesem Augenblick trat Kippke ein, seine Augen hatten einen verrätherischen Glanz und seine Nase hatte etwas von der Farbe der Morgenröthe. Mit einem höchst vergnügten Lächeln meldete er, es sei ein Bauer unten, der einjährige Freiwillige hätte mit ihm gesprochen und gesagt, es sei der Besitzer dieses Hauses, welcher gern die Herren Officiere sprechen möchte.

„Bravo, der Wolf in der Fabel!“ rief der Hauptmann, „bringt ihn ’rauf, Kippke und schaff’ noch ein Couvert und den Braten her.“

„Und beaucoup de pommes de terre,“ sagte Wendt mit etwas schwerer Zunge.

„Oui, monsieur“, sagte Kippke, um sich dann sofort erschreckt mit einem „zu Befehl, Herr Hauptmann“ zu verbessern.

Auf das zaghafte Klopfen an der Thür donnerte Hardt ein so gewaltiges „entrez!“, daß ich gar nicht überrascht war, die Gesichtsfarbe des alten Franzosen bei seinem Eintritt etwas blaß zu sehen.

Es mochte ein Mann von fünfundfünfzig bis sechszig Jahren sein, eine kleine, aber trotz der blauen Blouse feine und sogar elegante Erscheinung, mit freundlichen Gesichtszügen, welche aber jetzt das deutliche Gepräge des Kummers trugen. Die klaren grauen Augen blickten unverkennbar mit dem Ausdruck lebhafter Besorgniß auf unsere ihn wohl überraschende Situation.

Er machte uns eine verbindliche Verbeugung und lächelte, obgleich er schmerzhaft zusammenzuckte, als Hardt ihm bieder die Hand schüttelte; der Druck mochte für seine Hände wohl etwas zu deutsch gewesen sein.

Es machte ihm augenscheinlich einen eigenthümlichen Eindruck, in seinem eigenen Hause aufgefordert zu werden, Platz zu nehmen und sich als Gast behandelt zu sehen; er folgte indessen der Einladung mit vollendeter Höflichkeit, und bezwang sich sogar, etwas zu essen und auch mit offenbarer Ueberwindung sein volles Glas auf die Anforderung Hardt’s zu leeren.

Wendt hatte ihm nur mit stummem Lächeln die Schüssel mit den Kartoffeln zugeschoben und blickte dann träumerisch vor sich hin.

Ich bemerkte, wie des Alten Auge scheu über die soeben aus ihrem unterirdischen Verließ gehobenen Schätze schweifte. Hardt bemerkte es ebenfalls und war zu gutmüthig, um nicht zu glauben, ihn über die Conservirung seines Eigenthums beruhigen zu müssen. Seine Kenntniß des Französischen beruhte auch nur auf schwachen Reminiscenzen aus der Schulzeit, und [358] er glaubte, seinen Vorsatz vollkommen ausgeführt zu haben, als er mit einer Handbewegung auf die ringsum aufgestellten Geräthe zu dem Alten sagte: „Ce n’a rien à dire, monsieur“ (das hat Nichts zu sagen), und diese Worte mit einem Schütteln des Kopfes und einem gutmüthigen Lächeln begleitete.

Diese Beruhigung erreichte ihren Zweck bei unserm Wirth jedenfalls nicht, er warf wieder einen lebhaft bewegten Blick ringsumher und fuhr mit seinem Taschentuch über die Stirn, auf welcher dicke Schweißtropfen perlten. „Oui, monsieur, bien chaud ici“ (ja, mein Herr, es ist sehr warm hier), sagte der Hauptmann, ihm zunickend. „Ja, Herrschaften,“ wandte er sich zu uns, „es ist eine afrikanische Temperatur hier. Wendt, bitte, machen Sie ein Fenster auf.“

Wendt fuhr zusammen und sah den Hauptmann fragend an; dann sagte er plötzlich: „Ja wohl!“ und stand auf, das Fenster zu öffnen.

Hardt forderte den Alten auf, wieder auszutrinken; als derselbe dankend ablehnte, stampfte er heftig mit dem Fuße auf die Diele.

Der Franzose glaubte wohl, er habe ihn durch seine Weigerung beleidigt, und stürzte erschreckt sein Glas herunter; der Hauptmann aber dachte gar nicht daran, er gab damit nur ein Signal an Kippke, welcher unter uns wohnte, heraufzukommen, und bestellte bei seinem Eintreten den Kaffee.

Dem Alten aber hatte der Wein Muth gemacht, und er fragte höflich den Hauptmann, ob sämmtliche Sachen aus dem Keller geräumt wären.

„Oui, monsieur!“ sagte Hardt gleichmüthig und offerirte ihm eine Cigarre.

Unterdeß trat die Ordonnanz ein, den neuesten Befehl zu überbringen. Er enthielt die Ordre, am nächsten Morgen wieder in die Vorpostenstellungen einzurücken.

„Dacht’ ich’s mir doch,“ sagte der Hauptmann, „sowie unser Nest mal anfängt, warm zu werden, müssen wir heraus; aber Kippke,“ donnerte er, „der Wein wird mitgenommen! Avec votre permission“ (mit Ihrer Erlaubniß), wendete er sich zu unserm Alten.

Der Franzose, welcher die Scene mit großer Theilnahme beobachtet hatte, sah ihn fragend an.

„Nous marchons demain,“ sagte der Hauptmann, „et nous voulons – nous voulons prendre avec nous – quelque chose.“ (Wir marschiren morgen und wollen – wollen uns Etwas mitnehmen.)

„O mon dieu,“ rief der Franzose erschreckt und hob bittend die Hände empor, „o monsieur, ne me rendez pas malheureux!“ (O mein Gott, machen Sie mich nicht unglücklich!)

„Ah,“ sagte Hardt unmuthig, „– argent? – tout bon!“ (Geld? – ganz gut), und machte die Geberde des Geldzählens.

Der Franzose machte eine wahrhaft bejammernswerthe Miene und sprudelte dann seine Angst und Sorge in so lebhafter Weise heraus, daß der Hauptmann ihn ganz erstaunt ansah. „Was will er denn?“ sagte er ärgerlich zu mir. Ich erwiderte, er fürchte, wir wollten alle seine Sachen mitnehmen.

„Gott bewahre,“ sagte Hardt sich zu ihm wendend, „non, non, monsieur, soyez tranquille, pas ces choses“ – und er wies auf die Leuchter – „le vin, le vin!“ (nein, nein, mein Herr, seien Sie ruhig, nicht diese Sachen, den Wein, den Wein!)

Der Alte beruhigte sich sofort. „Ah, monsieur,“ sagte er, „Sie wollen den Wein mitnehmen, ah, mit dem größten Vergnügen, er steht ganz zu Ihrer Verfügung; aber werden Sie mich wieder in den Besitz meines sämmtlichen Eigenthums setzen?“ fragte er zögernd.

„Versteht sich, natürlich,“ sagte Hardt, nachdem er sich die Rede hatte verdolmetschen lassen, „es bleibt ja Alles hier, wir werden ja nicht mit dem Möbelwagen auf Vorposten ziehen, sagen Sie ihm doch das.“

Der Alte sah mich an, ich sagte es ihm.

„Mais, monsieur,“ sagte er, „es werden Andere an Ihre Stelle treten und ich bitte Sie, daß Sie wenigstens das Geld direct in meine Hände legen.“

Ich glaubte, es könne nur von der Bezahlung für den Wein die Rede sein, und sagte das dem Hauptmann.

„Fragen Sie den Knicker, was er haben will,“ sagte Hardt unangenehm berührt.

Ich fragte ihn, wie viel Geld er beanspruche.

„Mais, monsieur,“ sagte der Alte wie befremdet von meiner Frage, „cent vingt mille francs!“ (Aber, mein Herr, hundertzwanzigtausend Franken!)

„Was!“ rief Hardt aufspringend, „ist der Mensch verrückt?!“

Selbst Wendt war aufgestanden, betrachtete den Alten mit feindlichen Blicken und murmelte: „Infame Bande!“

„Das kann ja nur ein Mißverständniß sein,“ warf ich ein und fragte den Franzosen lächelnd: „Hundertzwanzigtausend Franken?“

Der Alte war auch aufgestanden, mit zitternder Stimme, offenbar sehr eingeschüchtert durch unsere Heftigkeit, sagte er, er würde auch mit hunderttausend Franken zufrieden sein, aber er bäte um Himmelswillen, ihm diese Summe zu geben, der Keller enthielte sein ganzes Vermögen und er sei Vater einer zahlreichen Familie

„Aber, Herr,“ sagte ich, „was wollen Sie denn, wir nehmen ja nicht Ihren ganzen Weinkeller, höchstens zwanzig Flaschen, und wenn wir Ihnen zwei Franken für die Flasche geben, so werden Sie mit vierzig Franken reichlich bezahlt sein!“

Jetzt sah der Franzose uns erstaunt an. „Aber mein Gott,“ sagt er, „ich spreche nicht von dieser Bagatelle, ich bitte Sie nur, mir mein baares Geld wiederzugeben.“

„Ihr Geld, Monsieur?“ fragte ich, ich begriff ihn gar nicht. „Aber wir haben ja doch kein Geld von Ihnen!“

„O mon Dieu!“ rief der Alte verzweifelt und fuhr mit beiden Händen in seine kurzen grauen Haare. „Mein ganzes Vermögen, hundertzwanzigtausend Franken befanden sich ja im Keller mit diesen Sachen, welche Sie ausgeräumt haben!“

„Was!“ rief ich überrascht.

Im höchsten Schreck theilte ich dem Hauptmann die Sachlage mit. Hardt wurde sehr ernst, er stampfte mit dem Fuß auf die Erde.

Kippke erschien.

„Wo hast Du das Geld?“ fuhr der Hauptmann ihn an.

Kippke machte ein unglaublich dummes Gesicht. „Was für Geld, Herr Hauptmann?“ fragte er.

„Nun,“ sagte Hardt heftig, „das Geld, welches unten in dem Keller gelegen hat, den Ihr ausgeräumt habt – hundertzwanzigtausend Franken!“

Kippke wurde ganz blaß. „Herr Hauptmann,“ sagte er entrüstet, „ich habe kein Geld genommen.“

Hardt winkte uns in eine Ecke. „Die Kerls sind betrunken,“ sagte er leise, „ich will sie nicht unglücklich machen, ich werde Kippke den Befehl ertheilen, nochmals nachzusuchen, dann werden sie das Geld wohl bringen.“

Er wandte sich zu Kippke und sagte in ernstem Tone: „Da Ihr das Geld nicht gefunden habt, so muß es also noch im Keller liegen, gehen Sie jetzt aber sofort hinunter und suchen Sie mit den beiden anderen Burschen nochmals nach, und wenn Sie es gefunden haben, so bringen Sie es her.“

Kippke machte Kehrt und ging, ich glaube, er war mehr bestürzt darüber, daß der Hauptmann ihn „Sie“ genannt hatte, als über die vermißte Summe.

Wendt flüsterte mir in’s Ohr: „Der Hauptmann ist eine Seele von Mensch.“

Hardt wandte sich zu dem Franzosen, welcher mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem Vorgange gefolgt war und jetzt dem Burschen nacheilen wollte.

„Non monsieur, restez ici,“ sagte er zu ihm, „tout bon, ce n’a rien à dire“ (Nein, mein Herr, bleiben Sie hier. Es ist Alles gut – das hat Nichts zu sagen), und er schob ihm das Tablett mit dem Kaffee zu.

Dem Alten tropfte der Schweiß von der Stirn, „quel malheur!“ (welches Unglück!) sagte er tief seufzend.

„Oui monsieur,“ sagte Wendt in der Absicht, ihn zu trösten.

Wir tranken schweigend unseren Kaffee, es verging eine sehr unbehagliche Viertelstunde, dann kamen schwere Tritte die Treppe herauf, alle drei Burschen traten in’s Zimmer.

„Nun?“ fragte der Hauptmann ruhig.

„Herr Hauptmann,“ sagte Kippke in einem Ton und einer Haltung, der eine gewisse Würde nicht abzusprechen war, „im Keller ist kein Pfennig Geld, also auch nicht hunderttausend Thaler.“

[359] „Gut,“ sagte der Hauptmann und erhob sich. „Rien trouvé, monsieur“ (Nichts gefunden, mein Herr), wandte er sich an den wachsbleichen Alten, „venez maintenant, chercher ensemble (kommen Sie jetzt mit, wir wollen zusammen suchen). Begleiten Sie mich, meine Herren,“ wandte er sich zu uns, „die Burschen kommen auch mit.“

Wir versahen uns jeder mit einem der Armleuchter und so ging die Procession hinunter in den Keller. Einzeln kletterten wir durch das Loch in der Mauer, leuchteten überall umher und stießen den Schutt mit den Füßen bei Seite. Wir sahen nichts. Plötzlich stieß der Franzose einen Schrei aus, warf sich an einer Stelle auf die Kniee, an welcher die Ecke eines farbigen Papierbogens aus dem Schutt hervorsah, und warf die Mauertrümmer hastig mit den Händen auseinander. Ein großes mit Bindfaden zusammengeschnürtes Bündel Papiere wurde sichtbar, mit einem Jubelruf zog der Alte es hervor, Thränen stürzten ihm aus den Augen, „oh messieurs,“ rief er, „hier ist das Gesuchte, unverletzt, o messieurs,“ o welch’ Glück!“

Wir standen erfreut und überrascht. „Pas de l’or?“ (Kein Gold?), fragte Hardt staunend.

„O non monsieur,“ rief der Alte glückselig, „Eisenbahn-Obligationen!“

„Jetzt verstehe ich,“ sagte Hardt erleichtert, „da haben wir den Burschen bitter Unrecht gethan,“ und kletterte mühsam durch die Maueröffnung zurück.

Draußen stand das Burschenkleeblatt.

„Jungens“, sagte der Hauptmann, „das Geld ist da, und zur Entschädigung für Euere Angst bekommt Ihr Jeder eine Flasche Wein und von mir fünfundzwanzig Cigarren extra.“

„Wenn der Herr Hauptmann erlauben,“ sagte Kippke wieder sehr vergnügt aufschauend, „ick möcht’ gern mal die hunderttausend Thaler sehen, so viel Geld wer’ ick nich wieder zu sehen kriegen.“

Der Hauptmann nahm dem Franzosen, welcher einen vergeblichen schüchternen Versuch machte, sich dagegen zu sträuben, das Bündel Papiere aus der Hand. „Da, Kippke,“ sagte er, „faß es an, das sind hundertzwanzigtausend Francs.“

„Wat,“ sagte Kippke enttäuscht, „dat is dat Geld?“ Die Schafsmiene, welche Kippke in diesem Augenblick machte, werde ich in meinem Leben nie vergessen.

Als wir am nächsten Morgen zum Abmarsch antraten, fuhr ein zweirädriger Wagen zu uns heran, von dessen Sitz sich unser Alter von gestern mit jugendlicher Gewandtheit herabschwang.

„Pardon, monsieur,“ sagte er zu dem Hauptmann, indem er den Hut zog, „erlauben Sie mir, Sie zu Ihrem Marschziel mit meinem Fuhrwerk zu begleiten, ich habe mir erlaubt, Ihnen einige Vorräthe zu bringen.“

Als wir in den Karren hineinsahen, waren wir wirklich überrascht. Da standen Körbe mit Hühnern, Enten, Eiern, Kaffee, Zucker, Wein und sogar Citronen.

„Hurrah,“ rief Wendt, „Punsch!“ und bat in seinem Innern dem Franzosen seine heimliche Insulte von gestern ab.

Als wir angelangt waren, und der Alte sich von uns verabschiedete, rief ihm der Hauptmann noch nach: „Aber nicht wieder vermauern, Alterchen!“ Der Alte verstand es natürlich nicht, aber er wendete sich lächelnd zurück und schwenkte grüßend den Hut.