Land und Leute/Nr. 34. Kreuz- und Klostergänge auf der hohen Rhön

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Textdaten
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Autor: Friedrich Helbig
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Titel: Kreuz- und Klostergänge auf der hohen Rhön
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 359–362
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 34
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Die Gartenlaube (1872) b 361.jpg

Am Kreuzberg in der Rhön. Nach der Natur aufgenommen von H. Heubner in Leipzig.

[359]
Land und Leute.


Nr. 34. Kreuz- und Klostergänge auf der hohen Rhön.


Wie gut han’s die Leutle da droben auf der Rhön!
Da drückt Kein’ der Schuh: weil sie barfüßig gehn.

Dieser Volksreim und dazu Ortsnamen wie Dürrfeld, Sparbrod, Wildflecken, Wüstensachsen, Schmalenau, Dürrhof, Todtemann, Mordgraben, Rabennest, Rabenstein, Teufelsberg, Kaltennordheim etc. sind ein schlimmes Aushängeschild für das Gebirg, welches unsere Leser soeben betreten sollen. Die „Armuth auf der Rhön“ ist rings um die Berge derselben so sprüchwörtlich geworden wie die auf dem Westerwald und Vogelsberg; diese Armuth ist eine historische, sie gehört zu den „berechtigten Eigenthümlichkeiten“, die man fest hält, weil ihre Beseitigung ungewohnten Kampf kostet und die Natur es ist, gegen welche derselbe gerichtet sein müßte.

Die Rhön ist ein Stückchen Bergwelt, welches in den nördlichsten Winkel des bairischen Unterfranken so hineinschoben ist, daß die Ausläufer desselben gleichsam als Ueberläufer noch weit in die hessische, weimarsche und meiningensche getreue deutsche Nachbarschaft hineingedrängt erscheinen. Ihren höllischen Ursprung verräth die Rhön sofort, denn auf einer Unterlage von buntem Sandstein hebt sie ihre vulcanischen Gesteine, wie Basalt, Phonalith und selbst Trachyt, so keck und hoch empor, daß sie den Berghöhen des Fichtelgebirges nahe kommt und die der übrigen fränkischen Gebirge bedeutend überragt.

Wie das Völkchen der Berge, so trägt auch das Gebirg selbst seinen eigenen Charakter immer und ganz entschieden zur Schau. Dennoch zerfällt es, seiner deutschen Art getreu, in mehrere Parteien, die aber alle ihre Abzweigung vom Urstock, von der Gegend von Brückenau, dem berühmten Stahlbad, und dem Heiligen Kreuzberg beginnen, und deren größte sich vom Kreuzberg bis in das Eisenacher Amt Lichtenberg erstreckt. Das ist, wie gesagt, der größte Gebirgstheil und wird ebendeshalb die Hohe oder Lange Rhön genannt. Das Werrathal scheidet den schroffen und harten Gesellen mit Recht von dem sanften liebreichen Thüringer Wald, und wenn es die Rhön-Kolosse wohl auch bis zu 1900 Fuß Höhe bringen, wie sieht’s dafür auf ihrem Rücken aus! Felsige, kahle Einöden kaum hier und da von dürftigem Gesträuch unterbrochen oder mit einer Moosdecke bekleidet, deren Anblick bei der häufigen Nebel- und Wolkenfeuchtigkeit wahrhaft wohl thut. Von den beiden anderen, kurz nach Norden und Westen laufenden Zügen fällt der letztere mit dem Berge Dammersfeld ab, der eine so grasreiche Alp aufweist, daß die Bischöfe von Fulda eine Schweizerei dort unterhielten.

Trotz einzelner fruchtbarer Thäler und des zum Theil prächtigen Holzbestandes an den Bergabhängen und wenigen hohen Hügelrücken ist doch der Kartoffelbau vorherrschend, neben ihm der Flachsbau, und demgemäß Leinweberei und gröbere Holzschnitzerei Hauptbeschäftigung der Rhön-Leute.

Das ist die Lebensgewohnheit, die von Urväterzeiten her alljährlich, so oft die Kartoffel nicht zureichte, ein wenig Hungersnoth erdulden hieß, und für sich wird’s dort auch nicht anders. Es wird eben doch einmal der Geist der Industrie mit der Kraft des Dampfes auch dort einbrechen müssen, um der Romantik der Armuth endlich Halt zu gebieten.

Auf der höchsten Spitze des Rhöngebirgs erhebt sich ein mächtiges holzgefugtes Kreuz, seit Jahrhunderten knarrend und seufzend, aber voll siegreichen Widerstandes im Kampfe mit dem Sturmwinde, dem mächtigen Alleinherrscher aus jener unwirthsamen Höhe. Die es dahingestellt haben mitten in das Centrum Deutschlands, haben vielleicht mit ihm ein Symbol stiften wollen für des Kreuzes Herrschaft über die deutschen Lande. Und die nie aufgegebene Erbschaft jenes Gedankens, tritt sie nicht herausfordernder als je wieder in den Vordergrund?

Auch der Berg, der es auf seinem Rücken trägt, hat sich von dem Kreuze den Namen geben lassen müssen. – Es war ein sonniger Hochsommermorgen, an dem wir, ein Triumvirat profaner Jünger der Themis, von Bischofsheim, einem fränkisch bairischen Städtchen, den Gang hinauf zum Kreuzberg antraten. Ein Kreuzgang war es denn auch der That nach. Stete Kreuz- und Kniebeuge, Ströme „flüssigen Athems“ erforderten die zwei Stunden, deren es bedurfte, ehe wir das Kloster zum Heiligen Kreuzberg in Sicht hatten. Die Sonne war schon hoch gestiegen, als es nun vor uns lag mit seinen weißen Wänden und grauen Dächern. Nach ein paar Zügen an dem äußeren in die Form eines Kreuzes auslaufenden Klingelzuge öffnete eine braune Franziskanerkutte die verschlossene kleine Pforte und geleitete uns in das Gastzimmer.

Vier weißgetünchte Wände und eine lange hölzerne Tafel, [360] so klösterlich einfach, so ascetisch nüchtern war dies Entrée. Und doch – dort an der Wand hing ein bunt gemaltes Madonnenbild. Verführerisch schön, holdselig lächelnd schaute sie aus ihrem goldenen Rahmen, nicht die ernste hohe Königin des Himmels, sondern die Madonna des Gastzimmers, ganz im Gegensatz zu ihrer hehren Schwester, der wir später im Refectorium begegneten. Es blieb ihr vorbehalten, zunächst die Honneurs des Hauses zu machen, denn der dienende Bruder entfaltete ein sehr zurückhaltendes scheues Wesen, so daß wir anfangs glauben mochten, es habe sich ihm die Signatur des Mönchs von Wittenberg auf unserer Stirn verrathen. Auch der „Herrscher des Hauses“, der Herr Pater Guardian, verleugnete sich hartnäckig, und so konnten wir die ganze Heimlichkeit und Unheimlichkeit des klösterlichen Bannes auf uns wirken lassen. So konnten wir in einem Bilde des stillen Kreuzganges die Schrecken des jüngsten Gerichtes vor uns gezaubert sehen; dann wieder den milden freundlichen Eindruck einer reichgeschmückten Capelle mit ihren schillernden glänzenden Farben, Schnitzwerk und Bildnereien auf uns wirken lassen. Abwechselnd streiften unsere Blicke auch in dem aufgelegten Fremdenbuch umher mit seinen meist sehr profanen Bemerkungen und wie gewöhnlich recht geschmacklosen Reimereien, von denen wir uns nur die charakteristischen Worte eines katholischen Pfarrers hierher verzeichnen wollen, weil sie gewissermaßen eine Passionsgeschichte des ganzen Standes wiedergeben. Sie lauteten:

„Von dem Kreuze erlöst durch die Reise zum heiligen Kreuzberg,
     Kehre vom Kreuzberg ich wieder zum Kreuze zurück.“

Endlich war nach einem Gang auf die Spitze des Berges, welche jenes mächtige Kreuz trägt, als den Schlußstein der vierzehn steinernen Stationsbilder, in denen die Leidensgeschichte des Erlösers bildlich dargestellt ist, Mittag herangekommen, der Tisch gedeckt, das Mahl aufgetragen, und als wir nun lebhaft das Verlangen nach „kühlem Klosterwein“ äußerten, da trat endlich auch der Herr Guardian in den Gesichtskreis, um uns zuvörderst anzuzeigen, daß hingesehen auf ihre Eigenschaft als „Bettelmönche“ ihnen weiter nichts an Wein zu Gebote stünde, als die beim Terminiren eingeheimste vaterländische Species eines einfachen, aber reinen Frankenweins. Die Sorte wurde nothgedrungen acceptirt und der Herr Guardian mit zu Gaste geladen, eine Einladung, die sich allerdings etwas komisch ausnahm, da man in Klöstern eigentlich nichts bezahlt, d. h. nichts abverlangt erhält, sondern dort zu Gaste ist. Der Herr Guardian blieb indeß zur Stelle, auch der Terminswein kam zu Ehren und erwies sich trotz seiner frischen Herbe als ein trefflicher Herzenssprenger. Und so kamen denn auch alsbald aus der groben dunkeln Mönchskutte allerlei wundersame Offenbarungen zu Tage. Es war eine gedrungene, hartknochige, derbe Gestalt, wie er so vor uns saß, der Herr Guardian. Stirn, Nase und Wangen in dem breiten Gesichte leuchteten von gesunder Röthe, die runden Augen blickten anfangs etwas scheu, wie nach einem Halt suchend, und die eine Hand spielte mit der Tabaksdose. Dazu die einfache braune Kutte, welche ohne alle modische Zuthat den Leib gleich vom Halse an umschloß; diese ganze Erscheinung war wahrhaftig nicht dazu angethan, große Erwartungen auf dem Gebiete geistiger Ausbeute zu erfüllen. Und doch erwies sich dieser in seinem äußeren Habitus einer längst vergangenen Zeitepoche angehörige Mönch als ein gründlicher Gelehrter auf dem besonderen, übrigens auch von anderen katholischen Geistlichen ausgebeuteten Gebiete der vergleichenden Sprachkunde, als ein Forscher des Sanskrit, der semitischen und altindischen Sprachen. Und ehe wir’s uns versahen, saßen wir mit ihm an dem Ursitze der Menschheit und der Sprachstämme, da, wo der Ganges rauscht und die Lotosblume blüht. Rasch schloß sich so zwischen ihm und uns das Band geistiger Gemeinschaft, vor dem die Gegensätze der Confession schwanden. Das matte scheue Auge belebte sich zu einem ruhigen heiteren Glanze.

Wir waren des gewonnenen Terrains so sicher, daß wir die confessionellen Gegensätze selbst herausforderten und – es ist dies nun einmal die alte deutsche Art oder Unart – auf das religiöse Gebiet muthig hinüberdrangen. Willig folgte uns der braune Mönch auf den gefährlichen Boden. Auf dem von der Wissenschaft geebneten Wege freier Bekenntniß breitete er in seinem gemüthlich anheimelnden oberbairischen Dialecte, anfangs nur schüchtern, dann immer rückhaltloser vor unsern Augen das Bild eines tief erregten Lebens voll heißer Arbeit wie harter Entsagung aus, das Leben eines Geistes, der, als er einmal versucht hatte anzukämpfen gegen die schneidige Fessel, die in früher Zeit bewußtlosen Denkens sich um ihn geschlungen hatte, zu strenger Pönitenz an diesen Fels geschmiedet worden war. So stand er vor uns in verklärter Weihe, ein Kreuzträger des Mittelalters mitten im neunzehnten Jahrhundert. Dem freien Austausch der Erfahrungen und Meinungen stand nun nichts mehr im Wege.

In seiner drastischen Weise schilderte der Weltentrückte, offenbar froh, wieder einmal Fühlung mit der Welt da draußen gewonnen zu haben, die einförmig wechselnden Bilder des Lebens auf diesem deutschen Sanct-Bernhardskloster. Im Sommer war das Bild ein oft sehr belebtes. Da rückte das bunte Treiben der Welt sehr nahe heran, denn der Kreuzberg bildet in der zugängigen Zeit des Hochsommers das allgemeine Wallerziel für fast das ganze katholische Frankenland, namentlich an bestimmten Festtagen. Dann beleben sich die kahlen Scheitel des Berges mit fast zu Tausenden zählenden Pilgern. Kloster und Kirche können die Zahl nicht fassen. Von Station zu Station bis hinauf zur Statt des Kreuzes lagert die buntfarbige Menge, jeden Alters und Geschlechts. Das ist dann eine aufreibende Zeit für unsern Pater, es bleibt ihm nur der Weg zwischen Altar und Beichtstuhl. Zu letzterem drängen sich die Schaaren von Morgens früh bis zum späten Abend. Um ihn aber lagert’s in dichten Haufen singend und laut betend, kommend und gehend. Da ist’s dem hartbedrängten Priester oft nicht möglich, sein eigenes, geschweige das fremde Wort zu hören. Dann erhebt er sich von seinem Stuhle und heischt mit seiner gewaltigen Stimme Ruhe von der wildbethörten Menge. Vergebens: seine Stimme tönt mahnender und dräuender, die Zauberformel versagt, er kann den tosenden Strom nicht beschwören.

„Ja, glauben’s mir, da schreien’s vom Morgen bis Abend und die Nacht hindurch bis wieder zum Morgen, und so fort oft ganzer drei Tage. Da hilft kein Reden und Rufen. O, die Leute! Das Volk ist gar zu stock – dös ist,“ setzte er dann, als er die Wirkung seiner Rede auf unseren lächelnden Mienen verspürte, sich corrigirend hinzu, „dös ist die – Begeisterung.“

Nach der heißen Arbeit des Sommers kommt dann die harte des Winters, der aus diesen ungastlichen Höhen fast drei Viertheile des Jahres für sich in Anspruch nimmt, Kloster und Kirchlein bis hinauf zur Dachung in seine Schneedecke hüllt, und Weg und Stege tief vergräbt. Dazu heult und rast der Sturmwind und jagt die flockigen Massen in dämonischer Kurzweil auf-, über- und untereinander. Dennoch ist es dem Pater und seinen Genossen nicht vergönnt, in schützender Zelle bleiben zu können. Er muß hinab in die um den Berg herum liegenden Ortschaften und Gehöfte, dort Predigt und geistlichen Segen zu spenden. Es gilt dann einen Kampf mit den Gewalten der Natur zu führen oft um Leben und Tod. Es gehört dazu die ganze Spannkraft und robuste Zähigkeit eines Körpers wie des seinigen, denn mit der „Begeisterung“ allein wär’s da nicht gethan.

Westlich thalabwärts vom Kreuzberg führt ein klarer, allmählich zu einem Fluß sich erweiternder Waldbach, die Sinn, zu einem der lauschigsten Plätzchen auf diesem Erdenrund. Denn ein solches ist das Stahlbad Brückenau. In einem anmuthig frischen Wiesengrund, einbezirkt von mächtig zum Himmel anstrebenden Bergen, die aber nicht wie ihre anderen rauhen Brüder der nördlichen und östlichen Rhön kahl und unwirthsam, sondern mit den prächtigsten Eichen, Buchen und Tannen vom Scheitel bis hinab in das schmale Wiesenthal bedeckt sind, gegen den Brand der Sonne wie gegen den Andrang rauher Winde gleichmäßig schützend, da liegt es drinnen mit seinen paar Gebäuden, hingestreckt, bürgerlich einfach, aber traulich behaglich. Nur auf der südwestlichen Thalöffnung erhebt sich vor dem überraschten Auge der imposante, erhabene Bau eines säulengetragenen griechischen Tempels, den profanen Zwecken von Tanz und Spiel und Speisung geweiht. Er ist eines der gewaltigen steinernen Gedichte König Ludwig des Ersten von Baiern, die seine gedruckten wohl lange überdauern möchten.

Die Badegäste, denen wir auf dem blumigen Curplatz, anmuthigen Wiesenpfaden und schattigen Waldwegen begegnen, bestehen zum überwiegenden Theile aus Damen. Uns interessirt zunächst eine unter denselben dahin wandelnde braune Franziskanerkutte. Es ist das leibhaftige Seitenstück zu dem Pater des Kreuzbergs. Die Kleidung streng nach der Ordensregel, bis auf den die Lenden gürtenden Strick, aber wie blendend weiß, wie [362] fein und zierlich um die Taille geschlungen ist dieser Strick! Die Kutte braun wie jene andere, aber von feinerem Stoff, glänzender, von untadelhafter Reine. Ein schwarzes Sammtkäppchen verbirgt die Tonsur und eine Brille modernisirt das Gesicht. Die Kutte ist hier nur Folie für den modernen Menschen, der unten in wohlgepflegten Schnallenschuhen und oben in Kragen und Binde hervorlugt. Die Welt und zwar die profane eines Bades ist unserem Franziskaner auch nichts weniger als fernstehend. Sie umflattert ihn von allen Seiten, wenn er dahin schreitet durch die Alleen und auf den Promenadenplätzen. Und gerade Damen, junge, hübsche, glänzende Damen treten in den Zauberkreis der braunen Kutte und holen sich einen lächelnden Gruß von dem Herrn Pater Superior des Klosters Volkersberg, denn das ist er.

Das Kloster Volkersberg war immer ein sehr beliebter Wallfahrtsort für die Badegäste in Brückenau – und ist’s wohl auch noch. Was aber dahin zog, war nicht der Drang zu frommer Buße und Andacht, sondern der gute Kaffee und das schmackhafte Bier, welche der Bruder Koch und der Bruder Brauer dort zu bereiten verstehen. Dazu kommt dann noch die reizende Lage des Klosters. Wenn man in stetigem Waldesschatten den Saum des nördlichen Hochwaldes, des Hartwald’s erreicht hat, erhebt sich auf der freien Hochebene ein weiterer Hügel und von diesem, dem kleinen Sinni, herab lachen uns die weißglänzenden Wände eines stattlichen Gebäudes entgegen und weit in das Land hinein, eines Gebäudes, das weit eher einem Schlosse als einem Kloster sich vergleicht. Am Fuße des Berges streckt sich in buntem Gürtel das Dorf Volkers und dann ziehen sich gartenähnliche Terrassen rings um den Hügel bis an den Sockel des Baues heran.

Den Eintretenden empfängt der dienende Bruder mit gastgeberischer Freundlichkeit und geleitet ihn in das geräumige hohe und helle Gastzimmer. Mit geschäftiger Hand credenzt er den dunkeln Mokka nebst Zubehör und schleppt in großen Krügen den braunen Saft herbei. An schönen sonnigen Tagen bleibt das Haus nie ohne Gäste. In den hohen Fensternischen, die eine prachtvolle Aussicht auf die Gebirgslandschaft gestatten, an den breiten eichenen Tischen sitzen sie und plaudern in behaglichem Genuß. Der Kaffee macht geschwätzig und das Bier lebendig. Die Damen, wie immer die Mehrheit, führen das Wort. Die frommen Brüder aber gesellen sich dazu und sorgen für „bunte Reihe“. Der Bruder Gärtner versteigt sich sogar zu einem Acte der Galanterie und reicht beim Scheiden schöner Hand ein sinnig Sträußchen. Man scheidet lustig und fröhlich von dem gastlichen, von der Natur so verschwenderisch bedachten Ort und mit dem Gedanken, daß dort Mönch zu sein selbst für den modernsten Genußmenschen kein zu abschreckender Gedanke wäre.

Von den interessanten Formationen des Rhöngebirges ist die interessanteste indessen wohl die Milseburg, der höchste Fels in Franken, auf der Nordwestseite der Rhön, in der Richtung nach Fulda gelegen. In der Form eines riesigen Sarkophags erhebt er sich mitten aus dem fruchtbaren Ackerlande. Diese „Todeslade,“ wie der Volksmund sie nennt, tritt in ihrer isolirten Stellung viele Meilen weit in den Gesichtskreis. Auf dem Kopfende des steinernen Sarges, da wo derselbe in unnahbarer Steile kantig hinab fällt, tritt eine neue basaltene Kuppe heraus, zu deren Gipfelplateau der Weg durch eingehauene Stufen künstlich gebahnt ist. Diese Kuppe schwimmt gleichsam in der Luft und man meint auf ihr in den Himmel greifen zu können, so nahe glaubt man sich diesem. Sie gewährt deshalb auch eine der großartigsten Rundsichten. Trotz ihrer Beschränkung bot sie immer noch Raum genug zur Ausführung eines wahrhaft erhabenen Gedankens, den die katholische Kirche hier verwirklichte. Sie hat da hinauf eine Capelle gesetzt mit einer dem Freien zugekehrten Kanzel und sodann auf einem erhöhten Vorsprunge ganz hinaus ragend in die freie Luft des Himmels – das plastische Bild des gekreuzigten Erlösers mit den Figuren der Maria und des Johannes, ein überwältigendes Symbol der siegreichen Verbindung zwischen Himmel und Erde. Wahrlich, diese Kirche versteht sich auf Wirkungen. Der Eindruck ist der mächtigste.

Nun läutet’s auch schon in früher Morgenstunde in dem Kirchlein. Durch die klare Luft klingt der Ruf weit hinab in die umliegenden Dörfer, Weiler und Höfe. Bald regt sich’s lebendig auf den drei zugänglichen Seitenflächen des Berges und windet sich auf den steilen Pfaden durch Zweig und Busch näher und näher. Die hellfarbigen, weiß und rothen Kopftücher der Kirchgängerinnen tauchen immer zahlreicher aus Hag und Hecken auf, auch der schwarze Talar des Priesters wird schon sichtbar, der eilfertig seine Schritte nach der Höhe lenkt. Die niedrige Pforte des kleinen Heiligthums öffnet sich ihrem eintretenden Herrn; das Glöcklein verstummt, die Messe beginnt. Das Kirchlein kann die Menge der Anströmenden nicht fassen. Der größere Theil bleibt draußen auf dem Platze vor und neben der Capelle in mannigfachen Gruppen, sitzend, stehend, knieend, ein bunt belebtes Bild. Der charakteristische Gegensatz, welcher in der Kleidung dortiger Landleute Protestanten und Katholiken scharf scheidet, indem jene sich fast durchgängig nur in dunkle Farben, braun oder schwarz, kleiden, diese dagegen bunte, helle Farben tragen, grell verschieden bei Rock, Mieder, Schürze und Kopftuch, der Umstand dieses Gegensatzes tritt zu Gunsten der malerischen Wirkung des Bildes vortheilhaft hinzu. So paßt auch diese helle heitere Kleidung, die bei den Männern in dem blauen oder grünen Kittel eine gleiche Vertretung hat, weit eher zu der mehr nach außen als nach innen drängenden Stimmung des Ortes. Und die junge Büßerin, welche abseits von den Anderen und der geöffneten Kirchthür auf den paar Stufen, die nach der äußeren Kanzel führen, sich hineingekauert hat, tritt in ihrer allein dunkeln Gewandung um so schärfer in den Gegensatz.

Der Priester ging, die Messe war beendet.

Viele der Andächtigen blieben zurück. Ihr Blick war nicht mehr zu Boden oder nach dem glänzenden Bild der Monstranz gerichtet, er flog hinaus in das Weite und hinauf zum unendlichen Himmel.

Die Sonne stieg hoch und schien heiß hinab auf die glatten grauen Flächen des Gesteins. Der feuchte Thau, der auf ihnen lag, stieg brausend und brodelnd wie Opferdunst hinauf gen Himmel. Die Natur arbeitete unbeirrt weiter nach ihren heimlichen unsichtbaren Gesetzen. Die Menschen waren auf der Heimkehr zu der einförmigen Arbeit des Tages, zu Lust und Leid, dem alten, selbstgeschaffenen. Unterwegs grüßte sie aus einer vergitterten Nische ein holzgeschnitztes, buntbemaltes, goldbeflittertes Heiligenbild. Es war Sanct Kilian, der Schutzheilige der Rhön. Jetzt auf dem Heimweg ging Alles grußlos vorüber.

Fr. Helbig.