Hyperion an Bellarmin XXVII

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Autor: Friedrich Hölderlin
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Titel: Hyperion – Hyperion an Bellarmin XXVII
Untertitel: oder der Eremit in Griechenland – Erster Band
aus: Hyperion oder der Eremit in Griechenland von Friedrich Hölderlin. Erster Band. Tübingen 1797; S. 113–122
Herausgeber:
Auflage: 1
Entstehungsdatum: o. A.
Erscheinungsdatum: 1797
Verlag: J. G. Cotta'sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Tübingen
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Quelle: www.hoelderlin.de
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[113]
HYPERION AN BELLARMIN.


     Frägst du, wie mir gewesen sey um diese Zeit? Wie einem, der alles verloren hat, um alles zu gewinnen.

     [114-115] Oft kam ich freilich von Diotima’s Bäumen, wie ein Siegestrunkner, oft musst’ ich eilends weg von ihr, um keinen meiner Gedanken zu verrathen; so tobte die Freude in mir, und der Stolz, der allbegeisternde Glaube, von Diotima geliebt zu seyn.

     Dann sucht’ ich die höchsten Berge mir auf und ihre Lüfte, und wie ein Adler, dem der blutende Fittig geheilt ist, regte mein Geist sich im Freien, und dehnt’, als wäre sie sein, über die sichtbare Welt sich aus; wunderbar! es war mir oft, als läuterten sich und schmelzten die Dinge der Erde, wie Gold, in meinem Feuer zusammen, und ein Göttliches würde aus ihnen und mir, so tobte in mir die Freude; und wie ich die Kinder aufhub und an mein schlagendes Herz sie drükte, wie ich die Pflanzen grüsste und die Bäume! Einen Zauber hätt’ ich mir wünschen mögen, die scheuen Hirsche und all’ die wilden Vögel des Walds, wie ein häuslich Völkchen, um meine freigebigen Hände zu versammeln, so seelig thörigt liebt’ ich alles!

     Aber nicht lange, so war das alles, wie ein Licht, in mir erloschen, und stumm und traurig, wie ein Schatte, sass ich da und suchte das entschwundne Leben. Klagen mocht’ ich nicht und trösten mocht’ ich mich auch nicht. Die Hoffnung warf ich weg, wie ein Lahmer, dem die Krüke verlaidet ist; des Weinens schämt’ ich mich; ich schämte mich des Daseyns überhaupt. Aber endlich brach denn doch der Stolz in Thränen aus, und das Leiden, das ich gerne verläugnet hätte, wurde mir lieb, und ich legt’ es, wie ein Kind, mir an die Brust.

     Nein, rief mein Herz, nein, meine Diotima! es schmerzt nicht. Bewahre du dir deinen Frieden und lass mich meinen Gang gehn. Lass dich in deiner Ruhe nicht stören, holder Stern! wenn unter dir es gährt und trüb ist.

     O lass dir deine Rose nicht blaichen, seelige Götterjugend! Lass in den Kümmernissen der Erde deine Schöne nicht altern. Das ist ja meine Freude, süsses Leben! dass du in dir den sorgenfreien Himmel trägst. Du sollst nicht dürftig werden, nein, nein! du sollst in dir die Armuth der Liebe nicht sehn.

     Und wenn ich dann wieder zu ihr hinabgieng - ich hätte das Lüftchen fragen mögen und dem Zuge der Wolken es ansehn, wie es mit mir seyn werde in einer Stunde! und wie es mich freute, wenn irgend ein freundlich Gesicht mir auf dem Wege begegnete, und nur [116-117] nicht gar zu troken sein „schönen Tag!“ mir zurief!

     Wenn ein kleines Mädchen aus dem Walde kam und einen Erdbeerstraus mir zum Verkauffe reichte, mit einer Miene, als wollte sie ihn schenken, oder wenn ein Bauer, wo ich vorübergieng, auf seinem Kirschbaum sass und pflükte, und aus den Zweigen herab mir rief, ob ich nicht eine Handvoll kosten möchte; das waren gute Zeichen für das abergläubische Herz!

     Stand vollends gegen den Weg her, wo ich herabkam, von Diotima’s Fenstern eines offen, wie konnte das so wohlthun!

     Sie hatte vielleicht nicht lange zuvor herausgesehn.

     Und nun stand ich vor ihr, athemlos und wankend, und drükte die verschlungnen Arme gegen mein Herz, sein Zittern nicht zu fühlen, und, wie der Schwimmer aus reissenden Wassern hervor, rang und strebte mein Geist, nicht unterzugehn in der unendlichen Liebe.

     Wovon sprechen wir doch geschwind? konnt’ ich rufen, man hat oft seine Mühe, man kann den Stoff nicht finden, die Gedanken daran vestzuhalten.

     Reissen sie wieder aus in die Luft? erwiederte meine Diotima. Du must ihnen Blei an die Flügel binden, oder ich will sie an einen Faden knüpfen, wie der Knabe den fliegenden Drachen, dass sie uns nicht entgehn.

     Das liebe Mädchen suchte sich und mir durch einen Scherz zu helfen, aber es war wenig damit gethan.

     Ja, ja! rief ich, wie Du willst, wie Du es für gut hältst - soll ich vorlesen? Deine Laute ist wohl noch gestimmt von gestern - vorzulesen hab’ ich auch gerade nichts -

     Du hast schon mehr, als einmal, sagte sie, versprochen, mir zu erzählen, wie Du gelebt hast, ehe wir uns kannten, möchtest du jezt nicht?

     Das ist wahr, erwiedert’ ich; mein Herz warf sich gerne auf das, und ich erzählt’ ihr nun, wie Dir, von Adamas und meinen einsamen Tagen in Smyrna, von Alabanda und wie ich getrennt wurde von ihm, und von der unbegreiflichen Krankheit meines Wesens, eh’ ich nach Kalaurea herüberkam - nun weisst Du alles, sagt’ ich zu ihr gelassen, da ich zu Ende war, nun wirst Du weniger dich an mir [118-119] stossen; nun wirst Du sagen, sezt’ ich lächelnd hinzu, spottet dieses Vulkans nicht, wenn er hinkt, denn ihn haben zweimal die Götter vom Himmel auf die Erde geworfen.

     Stille, rief sie mit erstikter Stimme, und verbarg ihre Thränen in’s Tuch, o stille, und scherze über dein Schiksal, über dein Herz nicht! denn ich versteh’ es und besser, als Du.

     Lieber - lieber Hyperion! Dir ist wohl schwer zu helfen.

     Weisst Du denn, fuhr sie mit erhöhter Stimme fort, weist Du denn, woran du darbest, was Dir einzig fehlt, was Du, wie Alpheus seine Arethusia, suchst, um was Du trauertest in aller deiner Trauer? Es ist nicht erst seit Jahren hingeschieden, man kann so genau nicht sagen, wann es da war, wann es weggieng, aber es war, es ist, in Dir ist’s! Es ist eine bessere Zeit, die suchst Du, eine schönere Welt. Nur diese Welt umarmtest Du in deinen Freunden, Du warst mit ihnen diese Welt.

     In Adamas war sie Dir aufgegangen; sie war auch hingegangen mit ihm. In Alabanda erschien Dir ihr Licht zum zweitenmale, aber brennender und heisser, und darum war es auch, wie Mitternacht, vor deiner Seele, da er für Dich dahin war.

     Siehest Du nun auch, warum der kleinste Zweifel über Alabanda zur Verzweiflung werden musst’ in Dir? warum Du ihn verstiessest, weil er nur nicht gar ein Gott war?

     Du wolltest keine Menschen, glaube mir, Du wolltest eine Welt. Den Verlust von allen goldenen Jahrhunderten, so wie Du sie, zusammengedrängt in Einen glüklichen Moment, empfandest, den Geist von allen Geistern bessrer Zeit, die Kraft von allen Kräften der Heroën, die sollte Dir ein Einzelner, ein Mensch ersezen! - Siehest Du nun, wie arm, wie reich Du bist? warum Du so stolz seyn musst und auch so niedergeschlagen? warum so schröklich Freude und Laid Dir wechselt?

     Darum, weil Du alles hast und nichts, weil das Phantom der goldenen Tage, die da kommen sollen, Dein gehört, und doch nicht da ist, weil Du ein Bürger bist in den Regionen der Gerechtigkeit und Schönheit, ein Gott bist unter Göttern in den schönen Träumen, die am Tage Dich beschleichen, und wenn Du aufwachst, auf neu griechischem Boden stehst.

     Zweimal, sagtest Du? o Du wirst in Einem Tage siebzigmal vom Himmel auf die Erde [120-121] geworfen. Soll ich Dir es sagen? Ich fürchte für Dich, Du hältst das Schiksal dieser Zeiten schwerlich aus. Du wirst noch mancherlei versuchen, wirst -

     O Gott! und Deine lezte Zufluchtsstätte wird ein Grab seyn.

     Nein, Diotima, rief ich, nein, beim Himmel, nein! So lange noch Eine Melodie mir tönt, so scheu ich nicht die Todtenstille der Wildniss unter den Sternen; so lange die Sonne nur scheint und Diotima, so giebt es keine Nacht für mich.

     Lass allen Tugenden die Sterbegloke läuten! ich höre ja Dich, Dich, deines Herzens Lied, du Liebe! und finde unsterblich Leben, indessen alles verlischt und welkt.

     O Hyperion, rief sie, wie sprichst Du?

     „Ich spreche, wie ich muss. Ich kann nicht, kann nicht länger all’ die Seeligkeit und Furcht und Sorge bergen - Diotima! - Ja Du weisst es, musst es wissen, hast längst es gesehen, dass ich untergehe, wenn Du nicht die Hand mir reichst.“

     Sie war betroffen, verwirrt.

     Und an mir, rief sie, an mir will sich Hyperion halten? ja, ich wünsch’ es, jezt zum erstenmale wünsch’ ich, mehr zu seyn, denn nur ein sterblich Mädchen. Aber ich bin Dir, was ich seyn kann.

     O so bist Du ja mir Alles, rief ich!

     „Alles? böser Heuchler! und die Menschheit, die Du doch am Ende einzig liebst?“

     Die Menschheit? sagt’ ich; ich wollte, die Menschheit machte Diotima zum Loosungswort und mahlt’ in ihre Paniere dein Bild, und spräche: heute soll das Göttliche siegen! Engel des Himmels! das müsst’ ein Tag seyn!

     Geh, rief sie, geh, und zeige dem Himmel deine Verklärung! mir darf sie nicht so nahe seyn.

     Nicht wahr, Du gehest, lieber Hyperion?

     Ich gehorchte. Wer hätte da nicht gehorcht? Ich gieng. So war ich noch niemals von ihr gegangen. O Bellarmin! das war Freude, Stille des Lebens, Götterruhe, himmlische, wunderbare, unverkennbare Freude.

     Worte sind hier umsonst, und wer nach einem Gleichniss von ihr fragt, der hat sie nie erfahren. Das Einzige, was eine solche Freude auszudrüken vermochte, war Diotima’s Gesang, wenn er, in goldner Mitte, zwischen Höhe und Tiefe schwebte.

     [122] O ihr Uferweiden des Lethe! ihr abendröthlichen Pfade in Elysiums Wäldern! ihr Lilien an den Bächen des Thals! ihr Rosenkränze des Hügels! Ich glaub’ an euch, in dieser freundlichen Stunde, und spreche zu meinem Herzen: dort findest du sie wieder, und alle Freude, die du verlorst.