Ich mache einen neuen Laden auf

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Karl Reinecke-Altenau
Illustrator: Karl Reinecke-Altenau
Titel: Ich mache einen neuen Laden Auf
Untertitel:
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Karl Reinecke-Altenau
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: Vorlage:none
Verlag:
Drucker:
Erscheinungsort: Clausthal-Zellerfeld
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender 1939
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: [1]
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
unkorrigiert
Dieser Text wurde noch nicht Korrektur gelesen. Allgemeine Hinweise dazu findest du bei den Erklärungen über Bearbeitungsstände.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[57]
Ich mache einen neuen Laden auf.
Von Reinecke-Altenau.


     Es geht wirklich nicht mehr anders. Man muß sich nach was umgucken, das mehr einbringt als die Pinselquälerei.

     Ich hatte schon an Gelegenheitsgedichte gedacht. Zum Beispiel Hochzeitsgedichte machen und so. Eins habe ich neulich schon mal angefangen:

     Heut' an diesem Feste strahlt des Bräutgams weiße Weste…

     Der Besteller blieb leider aus. Deshalb ließ ich es liegen. Ein Eventualinteressent meinte, das Gedicht finge zu anzüglich an. Er hätte schon die Nase voll. – Sowas lohnt sich wohl überhaupt nicht heutzutage. Ich will die Finger davonlassen.

     Aber irgendwas muß geschehen, muß!

     Ich bin bereits sämtliche Berufe durchgegangen, um eine Zaunlücke zu entdecken, die meinem Genius ein aussichtsreiches Wo-hinein-Schlüpfen gestattet. Alles faul. Und ich säße heute noch mit dem dicken Kopfe da, wenn einem nicht zuweilen ein gütiges Geschick auf die Beine hülfe, respektive einen mit der Nase auf was drauf stieße, bei dem einen dann ein Talglicht aufgeht und man strahlend ruft: Donnerwetter, da ist was zu machen!

     Eine solche schicksalhafte Erleuchtung also ist mir neulich gekommen, und der gute Mensch, dem ich sie verdanke und dem ich dafür meinen Dank durch zwohundert und Stücke dreißig Jahre in die Vergangenheit zurückreiche, heißt Michael Erdmann[WS 1].

     Es braucht keiner im Lexikon nachzuschlagen. Michael Erdmann steht nicht darin. Er zeichnete damals nur verantwortlich für einen sehr löblichen Zeit-, Schreib-, Haus- und Bergkalender, „Darinnen enthalten die ordentlichen Monathe / Wochen- und Feyertage / wie der Planeten Lauff / Aspecten / Witterung ( Tag- und Nacht-Länge / der Sonnen Auff und Untergang nebst beygefügter Berg-Nemmer-Quartal-Schluß / auch wenn auff denen Chur- und Fürstlichen Harbischen Bergwerken die Kuxe retadiret und caduciret werden.“

     Wegen dieser Kuxe freilich interessierte mich der Kalender nicht. Ich besitze leider keine. Manches andere erschien mir doch ergötzlicher. Zum Beispiel die „Geschichte von den zween Satyrn oder wilden Menschen, so man 1240 auf dem Harz gefangen“. Auch das mit den Paradiesvögeln auf den Moluckischen Insuln, die keine Füße haben und sich darum nie hinsetzen können, war mir neu. Man lernt nie aus. Es gibt überhaupt vielerlei unerhörtes unter der Sonne, leuchtende Fische um die Gegend Bibiribi im Königreich Brasilien, Schlangen auf Java Mayor, die ganze Nilpferde als Mittagsmahl verdrücken, Hirsche mit versteinerten Schlangen im Bauch und so. Und dann dies Fabelkraut, das auf einem hohen Schneegebürg zwischen Tirol und Salzburg, Meerantzer Berg genannt, zu finden ist: „goldfarb / wie ein fünffeckigter Klee / Das ist pur Gold …“

     Solche unterhaltsamen Geschichten las ich gern. Die mit dem Goldkraut erregte richtig meinen Neid. Was für märchenhaft glückliche Zeiten waren das doch früher!

     Aber auch das alles brachte mich noch nicht auf die fruchtbringende Idee, um derentwillen ich das Andenken Michael Erdmanns segne. Das war was anderes. Es wäre mir beinah überhaupt entgangen, weil es ganz kleingedruckt und ganz zuunterst unter jeder Monatsseite stand. Da stand beispielsweise bei [58] Januar: Knaben, in diesem Monat geboren, haben langen Kopf und Angesicht, schöne Augenbrauen, sind von guten Geberden und höflichen Sitten. Überleben sie das zwölfte Jahr, werden sie ihr Alter auf sechzig bringen ....!

     Haha! ich guckte auf: die Erleuchtung begann.

     Gierig las ich weiter. Jeder Knabe und jedes Mädchen bekam sein durch die Geburt in dem oder jenem Monat bedingtes und wohlabgestempeltes Aspectlein mit auf den Lebensweg.

     Sie möchten mehr davon wissen, wie? Alles kann ich Ihnen, in Wahrung berechtigter Interessen natürlich nicht verraten. Aber einiges sollen sie noch hören.

     Februarknaben z. B. sind schwacher Natur, gelangen aber durch Heirat zu Reichtum. Märzknaben legen unkeusche Art an den Tag und kriegen drei Frauen. Von Maienmädchen steht fest, daß sie subtilen und scharfen Sinnes sind und Geschick zu allen weiblichen Künsten besitzen, mit deren Hilfe sie dann wohl auch die zween Männer ergattern, die ihnen das Schicksal vorausbestimmt hat. Juniknaben werden mit Podagra geplagt werden und bekommen noch dazu ein zorniges Weib, die Ärmsten. Julimädchen sind stolz und hoffärtig. Sie werden das Ihrige bei den Männern zusetzen und schließlich am hitzigen Fieber sterben. Das haben sie dann davon. Von den im August geborenen Knaben wäre zu sagen, daß sie sinnreich und „wunderlichen Humours“ sind. Den Augustmädels wird vom Mannesvolk nachgestellt, denn sie sind schön und weiß von Gestalt und tragen weiße Kleider. Den – nein, alles kann ich denn nun doch nicht ausplaudern. Bloß das von den Novembermädchen will ich aus Reklamegründen noch zum besten geben: „Ein Mägdelein in diesem Monath gebohren / hat freche Sitten und Gebehrden /sie kömmt in Trübsal und leidet viel Anfechtung / ist sonsten bulerischen Gelmüths / bekömmt zween Männer / erreichet auch ein ziemliches Alter ....“

     So grob würde ich natürlich manches nicht sagen, – ich will nämlich auch sowas unternehmen, damit Sie es nunmehr wissen.

     Ich will einen kleinen Aspektenladen nach Michael Erdmann aufmachen, darin jedem sein Lebenslauf „mit fonderbahrem Fleiß calculieret und beschrieben“ wird. Ein Prophetenlädchen mit Einheitspreisen, wissen Sie, – eine Art Schicksalsepa sozusagen oder eine Woolworth-Wahrsage A. G. ...

     Finden Sie den Gedanken nicht fabelhaft?

     Ich rücke schon auf meinem Stuhl hin und her und reibe mir die Hände.

     Ganz warm werde ich bei diesem neuartigen Plan. Das ist was, Donnerwetter! Das lohnt sich anders als Gelegenheitsgedichte von weißen Westen!

     Heran, meine Damen und Herren!

     Keine Horskope mehr, keine Chiromatie, keine Kaffeesatzpropheterie mehr. Fort mit allem Schwindel. Persönliche Vorstellung nicht mehr notwendig. Postkarte genügt. Angeben, in welchem Monat geboren und ob männlich oder weiblich. Streng reel. Langjährige schriftliche Garantie. Ein Versuch, und Sie sind mein Kunde. Einheitspreise. Grüne Rabattmarken.

     Und beehre ich mich also mit Gegenwärtigem, schon jetzt auf die demnächstige Eröffnung meines diesbezüglichen neuen Ladens ergebenst aufmerksam zu machen ...

     Hach, Mensch, – die Nasie!!!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Um 1700 Herausgeber des Harz-Berg-Kalenders