Ich ziehe mit!

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Reinhard Neuhaus
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ich ziehe mit!
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 810
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[810]

 Ich ziehe mit!*[1]

Vier Wände sind es nur, ein schlichtes Dach,
Doch fass’ ich’s kaum, soll ich von ihnen scheiden.
O, dieses Haus ruft Tage, Jahre wach,
Die froh uns sah’n und auch in bittern Leiden.
Mein Mann, nach Westen all’ dein Sinnen steht,
Wo eine bess’re Zukunft uns soll tagen –
Ich ziehe mit, doch wie an’s Herz mir geht
Der Abschied, kann kein Wort, kein Blick dir sagen.

Vier Wände nur, vom Sturme bald durchwühlt,
Doch bleiben sie mir ewig lieb und theuer.
Hier hab’ ich ja zuerst die Lust gefühlt
Zu wärmen mich an eig’nen Heerdes Feuer.
Hier saßen nach des Tages Müh’ wir oft
So froh zusammen, still in uns vergnüget, –
Ach! was wir damals all’ geglaubt, gehofft,
Wie anders, anders hat es sich gefüget!

Hier hab’ ich meine Kinder treu gewiegt;
O Gott! wie war ihr Lächeln lieb und sonnig!
Welch’ ein Gefühl, hielt ich sie fest geschmiegt,
Durchdrang mich hier, so unaussprechlich wonnig!
Doch hab’ ich hier mit Augen thränennaß
Auch oft an ihrem Bett gewacht mit Zagen;
Nun wächst ob zweien schon das kühle Gras,
Und, wo sie ruh’n, da soll ich nicht mehr klagen?

Wo sie gestanden, wo sie einst gespielt,
Von all’ den Orten soll ich fort, den lieben!
Hier stand so oft, das braune Haar zerwühlt,
Der ält’ste Bub, das Mädchen sinnend drüben.
Mein Mann, wird drüben über’m Ocean,
Wenn nach der Heimat unsre Blicke schweifen,
Auch Einer wohl uns mitempfindend nahn,
Auch Einer unsern tiefen Schmerz begreifen?

Zu Boden trüb’ und bang’ dein Auge blickt.
Ach, hab’ ich hier zuerst nicht auch empfunden,
Wie schmerzlich, wenn ein Weh’ den Liebsten drückt!
Ich hatt’ kein Kraut zu lindern deine Wunden –
Die theure Zeit, das böse Fieber kam,
Was sorgsam wir erspart in bessern Zeiten:
Zur Neige ging’s – ich sah den bleichen Gram
Mit finstrer Macht auf deiner Stirn sich breiten

Und konnt’ nicht helfen! O, den herben Schmerz!
Ich fühl’ ihn heut’, ich fühl’ ihn stets auf’s Neue,
Doch glaube nicht, es schwanke noch mein Herz;
Sieh, felsenfest bleibt meine Lieb’ und Treue.
Sie soll auch in der Fremde, über’m Meer,
In ungeschwächten Gluthen stets entbrennen.
Ich ziehe mit, doch schwer, o, bitterschwer
Wird’s mir, von dieser Scholle mich zu trennen.

 Reinhard Neuhaus.


  1. * Obiges Gedicht entnehmen wir der soeben bei Hartung und Sohn in Leipzig in zweiter Auflage erschienenen Sammlung lyrischer Poesien von Reinhard Neuhaus. Der Dichter hat sich bereits in den fünfziger Jahren unter dem Pseudonym Gustav Reinhart durch einen Band schwunghafter Gedichte zahlreiche Freunde erworben. Auf die nunmehr erschienene Sammlung haben schon vor einigen Monaten Emil Rittershaus, Ferdinand Freiligrath und andere rheinische Poeten in hervorragender Weise aufmerksam gemacht, indem sie in einem eigenen Circulär das Publicum auf diese werthvolle Musengabe hinwiesen. In der That dürfen sich diese Neuhaus’schen Gedichte, was Lebenswahrheit in den gestaltenden und Gemüthswärme in den rein subjectiv gehaltenen Dichtungen anbetrifft, getrost neben die besseren Erzeugnisse des jüngsten lyrischen Marktes stellen.
    D. Red.