Im Banne des Mittelalters

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Textdaten
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Autor: Victor Blüthgen
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Titel: Im Banne des Mittelalters
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 416–418
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Im Banne des Mittelalters.


Aus Spaniens fernen Tagen, aus der Zeit
Des Mittelalters, trotzig, wüst und blutig,
Klingt ein Geheul von ungeheurem Leid,
Bricht Flammenlodern, grell, zerstörungsgluthig;
Stets wächst das Elend, das zum Himmel schreit,
Und ob dein Auge noch so fest und muthig:
Die Wimper zuckt, willst du das Bild erfassen
Des Unglücksvolkes, das sein Gott verlassen.

Das ist der störr’sche Nachwuchs Ahasver’s,
Der inbrunststark der Väter Erb’ umfaßte;
Zerbrochen war der Schutz des Maurenspeers
Von jenen Christen, die sein Glaube haßte;
Kein Wunder hielt die Fluth des rothen Meers,
Bis daß Jehova’s Volk bei Palmen raste:
Zerfleischend traf’s, zum Christenschwert erkoren,
Das Kreuz der Liebe, das sein Schooß geboren.

Das schwang der Wahnwitz und die Beutegier
Und finstre Rachlust, glaubenshaßverbündet;
Das hob zerstörungsfroh die Rohheit hier,
Und dort die Lust der Sinne, frech entzündet;
Mit allen Lastern regte sich das Thier;
Und vor dem Zeichen, das Versöhnung kündet,
Vor dem Verrath, vor Folter und Vernichtung
Floh Israel in aller Winde Richtung, –

Jüngst träumte mir – mit Schaudern denk’ ich dran –
Als hätt’ in ihren weltverborgnen Grüften
Die Schreckenszeit gelöst des Todes Bann
Und stieg’ gespenstisch aus erbrochnen Klüften.
Nachtfinster kam’s – ein Brodem ging mich an,
Wie ein Gemisch aus Blut- und Moderdüften,
Und gräßlich sah ich jener Zeit Gestalten
Weithin und weiter ihres Wesens walten.

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Die Gartenlaube (1880) b 417.jpg

Aus der Zeit der spanischen Judenverfolgung.
Nach dem Oelgemälde von M. v. Zichy.

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Ein ferner Angstschrei scholl von allem Land,
Ein wilder Schrei, wie aus Verlorner Munde;
Und um mich rief’s nach Ketten und nach Brand,
Nach neuen Schlägen in die alte Wunde –
Und wie ich qualvoll vor dem Räthsel stand,
Da – – wacht’ ich auf; und tief von Herzensgrunde
Sog ich den Athem, noch des Spuks verwundert. –
Es war ein Traum – – im neunzehnten Jahrhundert!

O beßre Zeit – gelobt, gesegnet sei,
Und, heil’ge Duldung, du auf deutscher Erde!
Gesetz und Vaterland, die hehre Zwei
Faßt alle Bürger fest zu Einer Heerde;
Jedweder ringt, weß Glaubens er auch sei,
In seiner Weise, daß er glücklich werde,
Und jene Schmach barbarischer Gerichte
Versiegelt uns der Fluch der Weltgeschichte.

Victor Blüthgen.