Im Congoland/In den Kukibuendi-Bergen

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Textdaten
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Autor: Dr. Pechuel-Loesche
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Titel: In den Kukibuendi-Bergen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 792–796
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: letzter Teil der Reisebeschreibung (von Vivi nach Kalubu)
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[792]
Die Gartenlaube (1883) b 792.jpg

Im Congoland: Zernagte Schieferklippen im Congobett.

[793]
Die Gartenlaube (1883) b 793.jpg

Im Congoland: Landschaft bei Kalubu.

[794]

Im Congoland.

Von Dr. Pechuel-Loesche.
Mit Illustrationen nach Originalaufnahmen Dr. Pechuel-Loesche’s auf Holz gezeichnet von Prof. A. Goering.
4. In den Kukibuendi-Bergen.
Stanley’s Weg. – Schwierigkeiten des Gebirges. – Böse Pfade. – Ein Negerdorf. – Grasbrände. – Reiche und öde Landstriche. – Wechselnde Gesinnung der Eingeborenen.

Von Vivi aufwärts bis zur zweiten Station Isangila bildet bei einer Lauflänge von etwa 90 Kilometer der Congo eine Reihe großartiger Stromschnellen.

Die zwischen denselben liegenden ruhigeren Flußpartien sind zwar für den Verkehr von Booten und Dampfern geeignet, doch würde die Verbindung eine äußerst langwierige und kostspielige sein. Die unüberwindlichen Stromstrecken müßten auf höchst beschwerlichen Pfaden am Ufer umgangen, die Güter viele Male aus- und eingeladen, zum Ueberfluß auf allen Abschnitten besondere Fahrzeuge unterhalten werden.

Obwohl nun Stanley bei seinem ersten Vordringen vor vier Jahren, wo immer der Strom sich zugänglich und fahrbar erwies, Dampfer und Boote von den Wagen nahm und zu Wasser vorwärts brachte, hat er doch in richtiger Würdigung der Verhältnisse für die regelmäßige Verbindung zwischen Vivi und Isangila den ununterbrochenen Ueberlandweg vorgezogen.

Freilich ist dieser Weg ein sehr primitiver und entspricht nicht den heimischen Vorstellungen von einer Straße. Er ist nicht befahrbar in unserem Sinne, nicht einmal bequem zu begehen. Kunstlos wie die allenthalben sich durch das Bergland schlängelnden Pfade der Eingeborenen und diesen vorzugsweise folgend, schmiegt er sich den Bodenformen an, führt über Höhen und durch tiefe, steilwandige Schluchten mit ihren Wasserläufen, ohne Umschweife die Hindernisse nehmend, die sich bei der eigenartigen Natur des Berglandes leider nicht umgehen lassen. Wo an geneigten Flächen die mächtigen Rüstwagen mit ihren unbehülflichen Lasten: Fahrzeugen, Dampfkesseln, seitwärts überzufallen drohten, ist das Erdreich etwas abgestochen und zu einer rohen Fahrbahn geebnet worden.

An einer Stelle war man gezwungen, hart über den vorübertosenden Gewässern des Stromes eine vortretende Felsecke des Ngomaberges wegzusprengen und einen Steinwall aufzuschichten. Die Sprengung, die natürlich den Eingeborenen gewaltig imponirte, wurde von Herrn Lieutenant Valcke geleitet; durch sie kam der Name Mbula Matari oder Matadi, „Steinbrecher“, auf, welcher dann auf Stanley übertragen wurde.

So entspricht der Weg nur den allernothwendigsten Anforderungen. Ihn zu einer schnellen und lebhaften Verkehr ermöglichenden Straße umzugestalten, würde einen außer Verhältniß zum Nutzen stehenden Aufwand an Zeit und Capital erfordern.

Unter solchen Umständen begnügt man sich damit, den sehr bedeutenden Güterverkehr in der in Centralafrika seit jeher üblichen Weise zu bewältigen: durch Träger, die durchschnittlich Lasten von 30 Kilo Gewicht auf den Köpfen fortschaffen.

Wenn wieder einmal ein Fahrzeug oder Dampfkessel, überhaupt ein nicht wohl tragbares Stück zu transportiren ist, dann wird abermals ein Rüstwagen in Dienst gestellt. Da Zugthiere weder vorhanden noch verwendbar sind, treten Menschen an ihre Stelle und rollen die schwer beladenen Maschinen langsam vorwärts. An steilen Berglehnen und den Wänden der Schluchten, in den felsigen Betten der Wasserläufe hilft man sich mit Tauen und Winden, mit Aufschichten von Steinen, Knütteln und Holzkloben. Diese an die Juggernaut-Procession[1] erinnernde langwierige und keineswegs gefahrlose, für große Stücke jedoch einzig mögliche Transportweise wird glücklicher Weise nur selten nothwendig.

Zwischen Isangila und der dritten Station, Manyanga, wird die Verbindung wieder zu Wasser aufrecht erhalten, obwohl diese mittlere Strecke des Congo der Befahrung nicht besonders günstig ist. Wir benutzten jedoch nicht diesen Wasserweg, sondern marschirten auf der Nordseite des Flusses in das Gebirge hinein, da es besonders wichtig war, das von de Brazza von Osten nach Westen durchzogene Gebiet, den Verlauf der Thäler und Flüsse zu untersuchen, die Höhen zu messen, um festzustellen, ob das Bergland der Anlegung einer guten Straße günstiger sei. Dieser Theil des Gebirges erwies sich jedoch größtentheils noch unwegsamer und schluchtenreicher als der westliche.

Mehrere Tage lang waren wir auf den Pfaden der Eingeborenen kreuz und quer marschirt, über öde, grasbewachsene Höhen, durch enge, mit Buschwald ausgekleidete Wasserrinnen, als wir endlich an einer nördlichen Biegung den Congo erreichten. Seine an tausend Meter breite glitzernde Fluth wälzte sich wie überall zwischen steil abfallenden waldlosen Bergen. An ihrem Fuße standen vereinzelt lockere Gruppen und Streifen von Bäumen.

Es war im August, der Zeit der größten Trockenheit und des niedrigsten Wasserstandes. Der Congo hatte sich aus seinem Ueberschwemmungsbette zurückgezogen. Weithin an den Ufern dehnten sich helle Sandbänke zwischen dunklen, zernagten Schieferklippen, und langgestreckte Felsriegel traten hier und dort gegen die Mitte des Flusses vor. Stromabwärts in blauer Ferne war das steile, vom Südufer scharf ausspringende Vorland zu erkennen, auf welchem in unvergleichlich schöner und günstiger Lage die englische Baptisten-Mission Baynesville errichtet wurde. Die Besitzer dieses Vorlandes vermögen die mittlere schiffbare Strecke des Congo vollkommen zu beherrschen und jedem Verkehre zu verschließen. Es ist auch ein historischer Platz: denn bis zu jener Stelle vermochte der von Isangila an auf dem Südufer vordringende Tuckey vor nun siebenundsechszig Jahren den Lauf des so lange räthselhaft gebliebenen Stromes zu entschleiern.

Im Nordosten überragten das eintönige Gebirgsland ungewöhnlich hohe Bergketten, die am besten die Kukibuendi-Berge zu benennen sind. Ein mühsamer Marsch durch den nachgiebigen Ufersand und quer über seltsam zernagte Schieferwälle (siehe Abbildung Seite 792) fand ein plötzliches Ende an mächtigen Schieferplatten, die glatt aufstrebend oder chaotisch durch einander geworfen den Uferweg weithin vollkommen absperrten.

Wir arbeiteten uns durch krauses Gebüsch am Uferhange hinauf und folgten einem Fischerpfade, der in weitem Bogen über Grasgelände wieder zum Congo führte. Hier begann nun eine Kletterpartie über Schieferfelsen, die uns in steter Angst um unsere Träger und ihre Lasten erhielt. Unter uns wogten die dunklen Fluthen des Congo. Auf schmalen Absätzen an glatten Wänden hin, zwischen mächtigen Platten und palissadengleich aufgerichteten scharfkantigen Pfeilern hindurch, über wüste Trümmerhaufen suchte ein Jeder seinen Weg, so gut es eben ging. Die sich einklammernden Hände fühlten schmerzlich die Gluth des schwarzblauen, vom Sonnenbrande übermäßig erhitzten Gesteins.

Endlich gelangten wir zum Wasserspiegel hinab. Wir standen an einem tiefen Einschnitte des Congo, in dessen äußersten Zipfel ein Flüßchen mündete. Mitten davor lag ein Eiland, das im Kleinen dieselbe Formation zeigte wie die Felsenmassen, über welche wir herabgestiegen waren. Wir nannten das wunderliche, bei Hochwasser überfluthete Gebilde die Palissadeninsel (siehe Abbildung auf Seite 796). Das Flüßchen, der Ntendesi, erwies sich als tief und reißend; es konnte weder durchwatet noch durchschwommen werden. Während wir unter den wenigen vorhandenen Bäumen nach denen suchten, die, richtig gefällt, als eine Nothbrücke dienen sollten, kamen etliche eingeborene Fischer zwischen den Felsnadeln hervor. Nach den unvermeidlichen, Geduld wie Humor gleich erschöpfenden Verhandlungen willigten sie ein, uns überzusetzen. Zu je Zweien auf den Boden niederhockend, wurden wir unter sich immer wiederholenden Erörterungen in ein paar winzigen, übermäßig zum Umschlagen geneigten Canoes zum andern Ufer befördert. Ich mit meinem Diener als der Erste, Herr Teusz mit dem seinen als der Letzte.

Die Fährleute wiesen uns nach dem nächsten Berghange, wo ein Pfad emporführen sollte. Der Aufforderung, uns zu geleiten, setzten sie die oft zu hörende Entschuldigung entgegen, daß da oben böse Menschen wohnten.

[795] Wir fanden endlich eine Art Pfad, aber von einer Beschaffenheit, die uns in Zweifel ließ, ob er je von Menschen oder nur von klimmlustigen Ziegen benutzt wurde. An Grasbüscheln uns haltend, von Staffel zu Staffel uns emporziehend, keuchten wir im Sonnenbrande den kahlen Steilhang hundertzwölf Meter hoch hinauf.

Auf der Höhe strich ein frischer Wind über die schwankenden, lockeren Halmgräser und fuhr sausend durch das krause Gezweig der verstreuten charakteristischen Zwergbäume. Der deutlicher gewordene Pfad führte in leichten Steigungen auf und ab, durch dürre, lästige Schilfgräser, die über dem Kopfe raschelnd zusammenschlugen, an einem spärlich über Felsplatten rieselnden Bach hin, dann durch ein die Nähe von Menschen verkündendes mit Erbsenbüschen (Cajanus indicus) bepflanztes Feld. Um einen Hügelsporn biegend gewahrten wir endlich auf einer nicht allzu fernen hohen Kuppe lichte Bestände von Bäumen und Oelpalmen und in deren Schatten fahlbraune Hütten.

Trompetenklänge meldeten unser Nahen, und wir zogen in das Dorf Mungombe ein. Es erschien wie ausgestorben. Die Hüttenthüren waren geschlossen, die Menschen entlaufen; man war nicht gewohnt, hier bewaffnete Fremdlinge, am wenigsten aber Europäer anlangen zu sehen.

Auf einem Platze fanden wir schließlich einige Männer und Hunde um ein Feuer gruppirt, die sich geberdeten[,] als ob sie Dorf und Besuch gar nichts angingen. Unser Gruß wurde zurückhaltend erwidert, unser Wunsch, im Dorfe zu nächtigen, mit dem Antrage beantwortet, wir möchten weiter ziehen, wir könnten in Mungombe nicht bleiben. Die Art und Weise der Leute war nicht ermuthigend, doch auch nicht abschreckend. Ein kurzes Palaver (so werden in Westafrika mit den Eingeborenen geführte Verhandlungen genannt), freundliche Worte, gewürzt mit einigen lustgen Bemerkungen, die ruhige Haltung der Meinen führten zu einer befriedigenden Verständigung. Der Hauptgrund gegen unsere Aufnahme war: es gab noch keinen Präzedenzfall, eine solche Karawane hatte Mungombe noch nicht betreten; der zweite: so lange wir blieben, durften die Weiber nicht in’s Dorf kommen, und das war unbequem. Wir schlugen vor, und wie sich bald zeigte, nicht ohne Erfolg, die Unbequemlichkeit aufzuheben, die Weiber zurückzurufen, da wir gute Menschen und ihnen gewiß nicht gefährlich wären.

Ohne es zu wissen, hatten wir mit dem Dorfherrn selbst verhandelt, mit dem ein ziemlich großes und reiches Gebiet beherrschenden Häuptling Nadeka Davunda, der sich bald auch als ein sehr respectabler Afrikaner entpuppte. Zunächst brachte er uns ein willkommenes Gastgeschenk, eine stattliche, sich sehr ungeberdig sträubende Ziege und eine große Kürbisflasche mit schäumendem Palmmost.

Während wir noch das Lager aufschlugen, kehrten allmählich die aus den benachbarten Dörfern gerufenen Weiber zurück; erst die alten, dann die jungen. Hübsche, wohlgehaltene Kinder wagten sich bald mit staunenden Augen in unsere Nähe und gaben uns Gelegenheit, die Herzen der Mütter zu gewinnen. In kürzester Zeit herrschte Freude und lustiges Leben im Dorfe. Die Bewohner stellten sich vollzählig ein; Ziegen, Schweine, Hühner, die man vorher wohl nach Kräften verborgen hatte, tauchten auf und das Feilschen um Lebensmittel begann. Eier, ölreiche Erdnüsse, Maniok, Süßkartoffeln und die nahrhaften Früchte des Erbsenstrauches wurden in zierlichen Körbchen herbeigebracht, geduldige Hühner mit zusammengebundenen Ständern zum Verkauf ausgelegt. Unser Reisegeld bestand neben vielen Kleinigkeiten aus blau und weiß gestreiften Stoffen und grellbunten Taschentüchern, für deren Eintausch das weibliche Geschlecht willig seine eßbaren Besitzthümer opferte.

Die Dörfler gehörten zu dem Stamme der Basundi, der hier weithin auf der Nordseite des Congo das Land besiedelt hat, und mußten selbst unter diesen als auffällig wohlgestaltete und gut genährte Leute gelten. Zwar wurde das warme Dunkelbraun ihrer Haut durch den grauen, fast landesüblich zu nennenden und die nächtliche Lagerstatt verrathenden Aschenanflug verunziert, doch sahen sie bei weitem nicht so kümmerlich und vernachlässigt aus wie manche Gemeinden ihrer Brüder in benachbarten Gebieten[.] Ihre Heimath war ein die Umgebung weit überragendes kleines Bergland, das reichlicheren Regen empfing und in den Einsenkungen wohlbewässerten fruchtbaren Boden besaß.

Man gewann den angenehmen Eindruck, sich unter ungewöhnlich arbeitsamen Menschen zu befinden, die in einem entsprechenden Wohlstande lebten. Jedenfalls trafen wir nirgends wieder am Congo eine so dichte Bevölkerung und gepflegte Plantagen von so überraschender Ausdehnung wie in den Kukibuendi-Bergen.

Mungombe liegt auf dem letzten südlichen Ausläufer der Hauptkette, an 150 Meter über dem Congo. Von seiner Höhe genoß man einen reizvollen Rundblick weit in das Congoland hinein. Nordwärts ragten die um 400 Meter höheren Berge auf, deren Gipfel ausnahmslos mit dichtem Wald wie mit einer Haube geschmückt waren und sich dadurch wesentlich von allen übrigen des Gebirges unterschieden. Nach Osten, Süden und Westen schweifte der Blick ungehindert bis in die blaue Ferne über die fast gleichförmigen waldlosen Hügel (siehe Abbildung auf Seite 796).

Gegen Abend entwickelte sich im Westen ein wundervolles Landschaftsbild. Am Horizonte waren die Grasbestände in Flammen gesetzt, und dunkle Rauchschichten lagerten über den Bergen. In sie tauchte die Sonne hinab, eine gluthrote, glanzlose Scheibe, und durchdrang den Dunst und Qualm mit purpurnem und violettem Lichte. Dazu der bläuliche Duft zwischen den Bergen, die Abstufungen von Braun, Gelb und Grün bis zu den kräftigen Farben des Vordergrundes und Alles überhaucht von dem wundersamsten Scheine – eine Märchenlandschaft lag vor uns, von immer sich erneuerndem zauberischen Reize, der erst allmählich mit dem Verschwinden der Sonne verblich.

Ein köstlicher windstiller Abend ist auf den heißen Tag gefolgt. Wir haben unser trefflich mundendes Abendbrod (Erbswurstsuppe, zähen Ziegenbraten und gebackene Süßkartoffeln) verzehrt, unseren Thee getrunken, zünden unsere Pfeifen an und schlendern durch die Dorfgass[e]n. Draußen umfängt uns dunkle Nacht. Unter einer Gruppe träumerischer Oelpalmen halten wir an und lauschen – aber nichts regt sich auf der Höhe, in der Tiefe, nur vom Dorfe her klingt gedämpftes Stimmengewirr. Ueber uns funkeln die südlichen Sternbilder; fern im Westen züngeln noch die Flammen wie leuchtende Bänder an den Berglehnen hin, langsam vorrückend, nun verschwindend, nun wieder auflohend und stetig weite Strecken der lästigen Grasbestände in Kohle und Asche verwandelnd.

Wir wandern nach dem Dorfe zurück, wo an dem Lagerfeuer die Unseren mit den Dörflern noch die halbe Nacht hindurch schwatzen werden, strecken uns auf das frisch geschüttete Graslager und schlafen einen beneidenswerthen Schlaf.

Schon vor Tagesgrauen lassen wir den Trompeter zum Aufbruch rufen. Rasch ist das Frühstück verzehrt und alles gepackt. Die Dörfler drängen sich um uns zum Abschied; hungerige Hunde schnüffeln zwischen den Lasten umher, einige stolz schreitende stattliche Hähne rufen ihre Hennen zusammen. Jämmerlich blökende Ziegen suchen einander und grunzende Schweine trollen sich vorüber. Auch eine Dorfkokette ist vorhanden, ein schlankes Mädchen, das mit gutgespielter Unbekümmertheit zierlich hin und wieder schreitet und mit einer Gerte fuchtelt, als wollte es soeben zu einem Morgenritt in den Sattel steigen.

Unser Gastfreund Nadeka Davunda gesellt sich zu uns. Er ist von dem empfangenen Gegengeschenk überaus befriedigt, hat nicht einmal – gänzlich unafrikanisch! – noch mehr verlangt und will uns nun selbst das Ehrengeleit durch sein kleines Reich geben. Würdig wandelt er vor mir her, hinter uns folgt die Karawane, untermischt mit den Dörflern, die sich noch immer nicht trennen können.

Bergauf, bergab schlängelt sich der Pfad, an steilen Hängen hin und lauschige Thäler entlang. Wo immer in den Senkungen sich günstiger Boden findet, da sind Felder angelegt, stehen Gruppen großblättriger Pisangs und Melonenbäume. Kräftige Oelpalmen wachsen allenthalben verstreut; in ihren Kronen hängen, fast wie Früchte anzuschauen, die Kürbisflaschen, in welchen der reichlich aus einer Schnittwunde sickernde Saft aufgefangen wird. Rieselnde Bäche und versumpfte Strecken sind von dichtem, von Schlingpflanzen durchwirktem Gebüsch umgeben. Dazwischen dehnen sich wieder öde Halden, auf welchen starres Gras und Gestrüpp ihr Dasein fristen. Streifen von Buschwald haben sich hier und dort erhalten, sowie schattige Haine von stattlichen Bäumen, unter welchen in großer Menge der stolze, edelbelaubte Baum, der die vielgepriesenen Kolanüsse hervorbringt, seinen vollästigen Wipfel ausbreitet.

[796] So ziehen wir stundenlang über ebene Grate, durch enge Schluchten und cultivirte Thälchen, an steilen Hängen hinauf und hinunter. Ueberall und oft auf künstlich angelegten Terrassen stehen einzelne Hütten, kleine Gruppen derselben, ganze Dörfer, zwischen Strauchwerk, Palmen und anderen Bäumen. Und wo immer ein Ausblick sich öffnet, da sieht man nah und fern noch viele mehr in ähnlicher Lage, selbst noch hoch oben an den Waldkappen der Alles überragenden Gipfel.

In hellen Haufen erwarten uns überall Menschen, oder kommen gelaufen, uns anzustaunen, zu begrüßen, passiren zu sehen. Viele schließen sich uns an und begleiten uns von Dorf zu Dorf, die Jugend beiderlei Geschlechts Allen voran.

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Im Congoland: Die Palissaden-Insel.

Der Reichthum an Kindern steht im schärfsten Gegensatze zu dem, was man sonst im Congoland beobachtet; manchmal schwärmen sie um uns, als ob sie eben aus der Schule entlassen wären. Die meisten sind hübsch, viele sogar sehr hübsch zu nennen; alle sind lustig und zutraulich und voller Muthwillen. Die kleinen Geschenke von Perlen und Messingschellen, die wir freigebig auszutheilen vermögen, nehmen sie froh entgegen. Sie könnten glauben, der Weihnachtsmann zöge durch ihre Heimath, und die dem Treiben zuschauenden Mütter gewinnen entschieden eine überaus günstige Meinung von uns. – Auch an Hausthieren ist Ueberfluß vorhanden. Die bekannten afrikanischen Köter findet man zwar überall, nicht aber solche Ziegenheerden wie in den Kukibuendi-Bergen. Man trägt aber auch Sorge für sie, wie die kleinen aus Knütteln und Stangen gefügten, gegen Leoparden gesicherten Ställe beweisen. In einzelnen derselben wälzen sich zufriedene Mutterschweine zwischen ihren Ferkeln. Viele andere Schweine laufen frei umher und fahren plötzlich vorüber, wo man sie am wenigsten vermuthet. Wir bemerken zwei Arten derselben: eine kleinere graue und gänzlich haarlose und eine große mit dickem schwarzem oder dunkelbraunem Borstenkeid. Die Zahl der Hühner ist gar nicht zu schätzen, und zum Ueberfluß giebt es ausnahmsweise auch wirklich stattliche Katzen in Menge. Sie sind weiß, schwarz, gelb, bunt; sie huschen über den Weg, schleichen zwischen den Hütten und ruhen mit Vorliebe auf den Dachfirsten. Die traditionelle Feindschaft zwischen ihnen und den Hunden scheint hier vollkommen beigelegt zu sein.

Endlich langen wir an der Grenze von des Häuptlings kleiner Herrschaft an. Dort nimmt er Abschied von uns. Inmitten eines großen, lautlos zuhörenden Zuschauerkreises setzen wir uns nieder und halten noch ein kurzes, feierliches Palaver ab. Wir versprechen Nadeka Davunda seinen Wunsch zu erfüllen und mit ihm und seinem Land recht bald eine dauernde Verbindung anzuknüpfen. Unter lebhafter Versicherung gegenseitiger Freundschaft werden die Hände geklappt und „mbote! mbote!“ (gut, schön) gerufen, welche Worte die Umstehenden emphatisch und mit beifälligem Grunzen wiederholen. Dann scheiden wir und wandern davon.

Meine Leute haben sich am Palmmost überaus gütlich gethan und sind in übermüthiger Stimmung; ebenso gut gelaunt sind auch unsere zahlreichen Begleiter, die sich an allen Wohnsitzen immer wieder erneuern. Wir sind in das Gebiet der Battadörfer gelangt und finden überall dasselbe Landschaftsbild, dieselben freundlichen Menschen.

Von einem letzten hohen Bergrücken erblicken wir unser heutiges Ziel: Kalubu. Dort zwischen den Uferhöhen der gleichnamigen Landschaft glitzert der breite gewundene Wasserspiegel des Congo (siehe Abbildung auf Seite 793); hinter uns liegen, zum Theil in Wolken gehüllt, die Kukibuendi-Berge. Nun geht es abwärts in eine Gegend, die zwar hügelig genug ist, aber jedes wechselvollen Reizes entbehrt. Das ist wieder echtes Congoland. Hohe, steife Halmgräser, verdorrt und geknickt, oft weithin von Bränden vernichtet, decken den trockenen, steinigen Boden; kaum, daß ein Zwergbäumchen eingestreut ist. Die Dörfer von Yanga, die wir nun passiren, liegen wie Oasen in den eintönigen Graswüsten.

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Im Congoland: Blick von Mungombe nach Nordosten.

In Kalubu, einem Fährplatz der Eingeborenen, zeigten sich die Leute widerwillig und mürrisch und waren erst sehr spät zu bewegen, uns einige Lebensmittel zu bringen; aber auch diese mußten wir schließlich der unverschämten Forderungen wegen zurückweisen.

Es erscheint auffällig, wie nahe bei einander in Afrika Gemeinden wohnen, deren Betragen schroffe Gegensätze aufweist. Sogar die nämlichen Menschen zeigen zu verschiedener Zeit und gegenüber verschiedenen Besuchern ein sehr abweichendes Verhalten. Mancherlei Einflüsse, aufregende Ereignisse, zufällige Umstände, die der Reisende nicht in seiner Gewalt hat, äußern ihre Wirkung.

Als ein Jahr zuvor die Herren Bentley und Crudgington der Baptisten-Mission von ihrer trefflich gelungenen Recognoscirungstour nach dem Stanley Pool auf der Karawanenstraße die Kukibuendi-Berge überschritten, fanden sie die Bevölkerung in sehr feindseliger Stimmung und verlebten dort angstvolle Stunden. Nicht besser erging es der zweiten Partie von Europäern, die wenige Monate vor uns wie die erste das Gebiet von Ost nach West durchzog: den Herren Lindner und Mahoney, Mitgliedern der Congo-Epedition.


  1. Juggernaut (Dschagarnaut) ist der Haupttempel des gleichnamigen Gottes in Ostindien. Im Juni oder Juli jeden Jahres findet hier das Tirunal, d. h. Wagenfest, statt, welches zehn Tage dauert. Das Götzenbild wird bei dieser Feier auf einen ungeheuer hohen und starken Wagen gesetzt, der, oft mit mehreren tausend Menschen bespannt, im tiefen Sand circa ein Kilometer weit fortgezogen wird.