Im Lande der Tuareg

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Titel: Im Lande der Tuareg
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aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 72
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1881) b 065.jpg

Tuareg in der Sahara.


[72] Im Lande der Tuareg. (Mit Abbildung Seite 65.) Immer mehr lichtet sich das Dunkel, welches früher über dem Innern Afrikas herrschte, und den Spuren wissenschaftlicher Forscher des „dunkeln Welttheiles“ folgen schon heute kühne Unternehmer, welche die fernen Länder dem Handel und Wandel der civilisirten Welt zu erschließen trachten. Auch die Sahara, das großartige Sandmeer, welches die alten Culturländer der nordafrikanischen Küste von den tropischen fruchtbaren Ländereien am Nigerstrome trennt und bis setzt für den Handel ein fast unüberwindliches Hindernis bildete, wird gegenwärtig von Ingenieuren durchforscht. Man plant nämlich in Frankreich, über die trockenen, viele Meilen umfassenden Sandstrecken von Algier aus eine Eisenbahn nach Timbuktu zu bauen und also einen neuen Handelsweg zu dem „französischen Indien“ am Niger zu schaffen. Die französische Kammer hat zu diesem Zwecke bereits 600,000 Franken bewilligt, und im Anfange vorigen Jahres suchten vier Expeditionen unter Führung der Ingenieure Choisy und Poyanne, des Obersten Flatters und des gelehrten Afrikaforschers Soleillet von verschiedenen Richtungen aus in die Wüste einzudringen und die zukünftige Route für die geplante Bahn festzustellen. Vom größten Erfolg waren die Bemühungen des Obersten Flatters gekrönt, welcher durch das Land der Tuareg bis Temassinin vorgerückt war. Schon früher durchstreiften Reisende dieses Gebiet, unter Anderem die durch ihr tragisches Geschick bekannt gewordene Alexine Tinne. (Vergl. Jahrgang 1869, Seite 696.[WS 1]) Dank ihren Berichten steht der Targi[1] in schlechtem Ruf bei den Europäern. Auf flinken Reitkameelen, Meharas, nomadisirt er von Oase zu Oase, Viehzucht treibend und das Räuberhandwerk ausübend. Der Stamm, welchen man auf ungefähr 300,000 Köpfe zu schätzen pflegt, gehört der kaukasischen Rasse an und zählt zu den Bekennern des Propheten Mohammed. Wo er sich mit Negern nicht gemischt hat, bildet er einen schönen bräunlichen Menschenschlag. – Am 12. April vorigen Jahres begegnete die Expedition Flatters’ der ersten Tuaregbande zwischen Ain el Hadjadi und dem See Menthough, bei Sonnenuntergang näherten sich die Männer dem französischen Lager und machten, von den Strahlen der Sonne beschienen, in ihren weißen und blauen Gewändern und mit dem Mundtuch, das sie in der staubigen Wüste stets umbinden, einen überaus malerischen Eindruck. Durch die Lanzen, die sie in der Faust hielten, und durch die an der Seite der Kameele herabhängenden Schilder hatten sie das Aussehen von Kriegern, wie sie der Europäer aus „Tausend und eine Nacht“ kennen gelernt. Sie nahmen die Gastfreundschaft der französischen Soldaten an und brachten weiter sogar zwei von ihren angesehensten Damen mit, von denen die ältere die Fremden mit Musik unterhielt. Auf ihrem Mehara um einen Tamarindenstrauch in der Runde reitend, spielte sie auf einem Instrument, welches einer Geige ähnlich ist, aber nur eine Saite hat. Die Dame war die Schwester des Häuptlings und die Mutter des künftigen Bandenführers, denn bei den Tuareg herrscht die merkwürdige Sitte, daß nicht, wie bei uns, der Sohn den Vater beerbt, sondern daß die monarchische Würde von dem Onkel auf den Neffen übergeht. Friedlich ließen sie die Expedition weiterziehen. – Bald wird die Welt von Neuem Gelegenheit haben, von den Tuareg zu sprechen, da der französische Minister Barroy das von Flatters begonnene Werk mit Nachdruck fortzusetzen gedenkt. Wenn aber früher oder später der Plan einer Saharabahn verwirklicht werden und das schnaubende Dampfroß als Rival des flinken Kameels auf dem Sande der Wüste erscheinen wird, dann werden wohl die Söhne der Wüste trübe Erfahrungen machen. Sie werden die Cultur aufhalten wollen, aber man wird ihre Angriffe mit wohlgezieltem Pelotonfeuer und Branntwein zurückweisen, bis sie wie die Indianer Amerikas ihr Land den Civilisirten überlassen.





  1. „Targi“ ist die Einzahl des Volksnamens, von dem die Mehrzahl „Tuareg“ gebildet wird.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. korrigiert, Vorlage: Seite 694