In den Hallen des „Schweigens“ und des „Mirakels“

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Autor: Eugen Virmond.
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Titel: In den Hallen des „Schweigens“ und des „Mirakels“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 618–621
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[618]
In den Hallen des „Schweigens“ und des „Mirakels“.


Alljährlich, vom Monat Juni an bis um die Mitte des Monats Juli, wenn die Natur ihre Pracht und Herrlichkeit vor Millionen froher Wesen entfaltet, ziehen paarweise in Haufen von zehn bis zwanzig Personen Männer, Weiber und Kinder barhäuptig laut betend und singend durch die Dörfer der Eifel, um in Heimbach, einem Flecken an der Roer[WS 1] gelegen, ihre Andacht vor dem daselbst aufgestellten, weit und breit berühmten Muttergottesbilde zu verrichten. Stunden- und meilenweit kommen sie daher gewandelt, in der beschäftigtsten Zeit des Jahres, wo der ohnedies so wenig ergiebige Acker eine tüchtige und fortgesetzte Bearbeitung verlangt, manche einer alten Gewohnheit huldigend, andere wieder, um ein gethanes Gelübde zu erfüllen, die Mehrzahl beseelt von frommer Schwärmerei, Neugierde und dem Hange zum Müßiggange. Schaarenweise überfüllen sie die von ihnen passirten Ortschaften, wo Wirthe und Krämer durch Verkaufen von Speisen, Getränken und allerlei zum Haushalt gehörigen Gegenständen an die Wallfahrer die besten Geschäfte machen. Oft finden aber auch diese Züge in Begleitung des Ortsgeistlichen in ganzen Processionen statt, ja, mehrere der letzteren vereinigen sich manchmal, legen ebenfalls fast den ganzen Weg bis zu ihrem Ziele in gedankenloser Andacht, laut betend und singend, zurück und werden in den zwischenliegenden Dörfern mit Glockengeläute und allen möglichen Ostentationen empfangen. In den letzteren schließen sich ihnen dann gewöhnlich immer neue Theilnehmer an, so daß der Haufen zuletzt zu einer nicht unbedeutenden Masse anschwillt.

Der Weg nach Heimbach hin und zurück, teilweise über Chaussee, teilweise durch gebirgiges, bewaldetes und beschwerliches Terrain führend, wird nur zu Fuße abgemacht, und die Meisten gelangen, von der Hitze der Jahreszeit und den Strapazen der weiten Reise angegriffen, in einem schwer zu beschreibenden Zustande der Ermattung an dem Ziele ihrer Sehnsucht an, ja, haben oft wochen- und monatelang nachher an den Folgen ihres unsinnigen Verfahrens zu leiden, was sie aber Alles nicht beachten, weil sie, ihrer beschränkten Ansicht nach, es sich zur Ehre Gottes zugezogen.

Um mir die Sache selbst an der Quelle einmal anzusehen, stieg ich an einem schönen Julimorgen über die Berge, hoffend, noch vor Mittag die vielgepriesene Stätte des Heils zu erreichen. Steil aufwärts schlängelt sich der Pfad über bewaldete Höhen, und nach kaum einer Viertelstunde triefte mir schon der Schweiß in Strömen über Stirne und Wangen herab. Oben angelangt, sieht sich der Wanderer vom schattigen Dunkel eines Buchenwaldes empfangen, das ihn köstlich entschädigt für die eben ausgestandene Mühe beschwerlichen Kletterns. Stärkend und belebend umweht ihn der Odem erfrischender Kühle; ein solches Bad in der mit dem aromatischen Dufte der Kräuter geschwängerten Atmosphäre wirkt jederzeit wohlthuend auf Nerven und Gemüth und läßt uns bald die drückenden Gedanken an die Alltagssorgen vergessen.

Der Morgen war herrlich. Vom wolkenlosen Himmel leuchtete die Sonne mit intensiv warmem Lichte und vergoldete magisch die in saftigem Grün glänzenden Blätter mächtiger Buchenstämme. Der ganze weite Wald wimmelte und lebte von dem rastlosen Treiben seiner Bewohner, und mit dem fröhlichen Gesang und Gezwitscher munterer Vögel mischte sich tausendfach das Zirpen und Summen schillernder Käfer und schwirrender Insecten. Leicht schritt ich durch schattige, dämmerhafte Laubgänge dahin, und als ich um die nächste Lichtung bog, lag das Kloster Mariawald vor meinen Blicken. Es ist dies der letzte vor Heimbach gelegene Ruhepunkt, an welchem die Pilger gewöhnlich Rast zu halten pflegen. Ehemals barg dieses Kloster das Marienbild, von dem es auch den Namen erhalten hat; als aber die Stürme der französischen Revolution auch über diese Gegenden hinbrausten, als das Schwert der Republik mit dröhnendem Schlag an die Pforten der Klöster pochte und die Mönche entflohen, da mochte man das Mirakel hier oben wohl nicht mehr recht sicher glauben und flüchtete es in die im Thale gelegene Kirche von Heimbach, woselbst es bis heute, zum großen Aerger der Mönche des Klosters Mariawald, geblieben ist. Auf schroffem Bergesrücken erbaut, malerisch von Feld, Wiesen und Gehölz umgeben, birgt dieses Kloster in seinem Innern ungefähr dreißig dienende Brüder, die zum Orden der Trappisten gehören. Das Gebäude selbst ist ein alter, ziemlich verwitterter Bau, an dem der Zahn der Zeit schon tüchtig seine Kraft erprobte. Da mir die Gastfreundschaft der Mönche und vermöge meiner Berufsgeschäfte mehrere derselben persönlich bekannt waren, beschloß ich, an diesem Orte des Schweigens auf Augenblicke zu verweilen.

Bei meinem Eintritte in den geräumigen Klosterhof bemerkte ich eine Schaar von Pilgern, die, schon vor mir hier angelangt, in anscheinend ziemlich erschöpftem Zustande um einen großen Brunnen lagerte und Eimer auf Eimer des köstlichsten Wassers aus dessen Tiefe schöpfte, um die schmachtende Zunge zu netzen. Männer und Weiber hatten sich in chaotischem Durcheinander auf der platten Erde niedergelassen und neben sich Kreuze, Laternen und Fahnen an die Mauer gelehnt. An dem hochgeschwungenen Portale empfing mich der mir schon bekannte Pförtner, der von dem Gelübde des Schweigens diesmal durch einen Dispens des Priors entbunden worden war, denn mit freundlichen Worten lud er mich zum Eintreten und zu einem kühlen Labetrunke des köstlichen Bieres ein, das hier an Ort und Stelle gebraut wird.

Durch weite Bogenhallen hindurch am Refectorium vorbei geleitete er mich in das Ansprachszimmer, wo er mich verließ, um mich dem Prior zu melden. Ich war allein und hatte Muße, die ziemlich kahle Ausstattung des Zimmers zu mustern, das außer einigen massiven alterthümlich aussehenden Stühlen, einem Tische von ähnlicher Façon und einigen an den nackten Wänden hängenden werthlosen Heiligenbildern nichts Bemerkenswerthes bot. [620] Der Prior begrüßte mich bald darauf. Sein Gesicht trug den ausgeprägtesten Stempel des vollendeten Asceten; die scharfgeschnittenen Züge verriethen Intelligenz und Strenge zugleich, und mit lauerndem Blicke musterte er meine ihm noch unbekannte Persönlichkeit. Im Laufe des Gespräches wurde er ziemlich mittheilsam und gab mir bereitwillig erwünschte Auskunft.

Das Kloster besteht nach den in Preußen geltenden Gesetzen als solches eigentlich nicht, ist vielmehr als eingetragene Genossenschaft angemeldet, deren Mitglieder zum Prior wie die Knechte auf jedem Bauernhofe zum Herrn in dienendem Verhältnisse stehen. Es ist dies nur eine Beobachtung kluger Vorsicht, eine leere Form zur Umgehung des Staatsgesetzes, da in Wirklichkeit sämmtliche Ordensbrüder einen Zweig des noch heute in Frankreich existirenden ausgedehnten Ordens der Trappisten bilden und die genaue Observanz der strengen Regeln dieser Congregation zu halten verpflichtet sind. Diese Regeln, aus einer Verschmelzung und Verschärfung der Gebote und Gelübde der Benedictiner und Cisterzienser hervorgegangen, legen jedem Mitgliede ewiges Schweigen auf, das zu brechen nur auf vorherige Erlaubniß des Priors in seltenen Fällen gestattet wird.

Die Nahrung der Mönche besteht in Kräutern, Gemüsen und Wasser, dann und wann in einem Zusatze von Bier, das, wie ich schon bemerkte, von ihnen selbst bereitet wird. Fleisch, Wein und andere geistige Getränke sind ihnen gänzlich untersagt; nicht einmal bei der Zubereitung der Gemüse dürfen sie sich irgend einer Art von Fett bedienen. Die Kleidung besteht bei den Laienbrüdern in einer groben dunkelbraunen, mit einer beweglichen Kapuze versehenen Kutte, die um die Lenden durch einen Strick zusammengehalten wird und worin sie, dieselbe auf dem bloßen Leibe tragend, Sommers und Winters arbeiten und schlafen. Die ordinierten Priester, die auch Messe lesen dürfen, sowie auch der Prior, tragen dieselbe Kutte, jedoch feiner gewebt und in weißer Farbe; alle ohne Ausnahme gehen in Holzschuhen. Sie stehen zu jeder Jahreszeit um zwei Uhr Morgens auf, beten eine ziemlich lange Zeit und bringen die übrigen Stunden des Tages bei harter ihnen bestimmt angewiesener Arbeit, der sich selbst der Prior und die übrigen Priester unterziehen, schweigend zu; meistens besteht diese Arbeit in der Urbarmachung, Aufbesserung und Bearbeitung der umliegenden Ländereien; doch da unter ihnen fast alle Handwerkerstände vertreten sind, so wird auch zur Ausführung der in’s technische Fach einschlagenden Verrichtungen selten ein Fremder zugezogen, und der Prior versicherte mich, daß Alles bis in’s Kleinste hinein, sogar die Anfertigung der Kleidungsstücke, von ihnen allein und selbstständig betrieben würde, wobei ich gestehen muß, daß Brod, Butter und Bier, die man mir vorsetzte, ihren Zubereitern alle Ehre machten.

Krankheiten kommen, was bei einer so diätetischen Lebensweise natürlich ist, selten unter ihnen vor; die meisten Todesfälle betreffen den Zeitabschnitt des Lebens zwischen zwanzig bis dreißig Jahren; hat sich aber der Körper einmal an die ihm auferlegte strenge Behandlung gewöhnt, so erreichen viele von den Mönchen, erprobt in Mäßigkeit und Abhärtung, ein hohes Alter, zu dessen Erreichung aber auch nicht wenig das an solchen Orten weit häufigere Verschwinden der Leidenschaften, die Ruhe und Ergebenheit des Gemüthes beitragen mögen.

Daß die Trappisten jeden Abend an der Herstellung ihrer Gräber arbeiten und dabei das sprüchwörtlich gewordene memento mori murmeln, bestritt der Prior ganz entschieden. Ihr ganzes Leben ist aber eine ununterbrochene Kette von Gebet, schwerer Arbeit und harten Bußübungen, der Tod der vornehmlichste Gegenstand ihrer Betrachtungen, und indem sie, abgeschlossen von der Welt, allen Freuden der Welt entsagen, die Zunge nur zum Lobe Gottes gebrauchen zu dürfen wähnen, geben sie, frömmelnder Beschaulichkeit nachhängend, in sclavischer Unterwürfigkeit und knechtischem Gehorsam gegen ihre Oberen verharrend, das Beispiel einer Classe von Menschen, deren Thun und Treiben nothwendig alles edlere Gefühl im Menschen ersticken und ertödten muß. Wahrhaft peinlich berührte es mich jedes Mal, wenn ich sie die geringste Erlaubniß vom Prior knieend erbitten sah. Wie mir der Letztere versicherte, rekrutiert sich die Gesellschaft der Mehrzahl der dienenden Brüder nach aus Oesterreich. Wie Mancher unter ihnen mag vor seinem Eintritt in’s Kloster ein bewegtes Leben geführt haben; beruht es doch auf der durch die Erfahrung bewiesenen Thatsache, daß getäuschte Hoffnungen, Unglücksfälle, gedemüthigter Ehrgeiz, in Ausschweifung verbrachte Jugend die Haupttriebmittel sind, die das Individuum dazu vermögen, solche der Abgeschlossenheit von der Welt und kränkelnder Frömmelei geweihte Orte als letzte Zufluchtsstätte, wo es den Verlockungen des Lebens entflohen zu sein wähnt, auszuwählen. Beim Eintritt in’s Kloster bringt Jeder demselben seine ganze Habe als Eigenthum zu; doch ist es auch jedem Einzelnen freigestellt, vor erfüllter Probezeit den Orden ebenso zu verlassen, wie er gekommen ist. Die Probezeit selbst ist, wie ja überhaupt der ganze Dienst, hart und anstrengend, doch versicherte mir der Prior, daß schwerer als die strengsten Bußübungen und die größte Enthaltsamkeit von den Meisten die Beobachtung fortwährenden Schweigens empfunden werde, zu welcher Behauptung er mir den sprechendsten Commentar lieferte.

Mit meinem besten Danke gegen den Aufschlußgeber schied ich von demselben, froh, die Mauern des düsteren Gebäudes hinter mir zu haben und wieder freier in Gottes schöner Natur zu athmen, einem Kreise von Menschen entrückt, die, anstatt sich als nützliche Glieder der Gesellschaft mitten im vollen Leben, in der großen Kette der Menschheit helfend und fördernd zu bewegen, in thörichter Verblendung ein verwerfliches Dasein führen und durch strenge Abgeschlossenheit, mystisches Formenwesen, durch Mißachtung des Höchsten, was uns vor der unvernünftigen Creatur verliehen wurde, durch Verstümmelung der Sprache, ihrem Schöpfer angenehm zu sein wähnen. –

Der Weg vom Kloster Mariawald nach Heimbach, sich immer bergab ziehend, läuft dicht am Abhange eines Berges an üppigen Wiesen und anmuthigen Fruchtfeldern vorbei, und plötzlich, ehe der Wanderer sich dessen noch versieht, liegt Heimbach, rings vom Gebirge umschlossen, wie in einem Kessel tief unten zu seinen Füßen. Bei meinem Eintritt in den Ort drängte und schob sich auf den Straßen desselben eine unglaubliche Menge von Menschen, so daß man häufig seine liebe Noth hatte, sich ungestoßen durch den Knäuel hindurch zu arbeiten. Alle Wirthshäuser und die meisten Privatwohnungen waren überfüllt, so daß man mit Mühe ein Unterkommen fand; Männer, Weiber und Kinder flutheten bunt durcheinander und boten, aus allen möglichen Orten der Eifel zusammengeworfen, dem Auge ein Bild der sonderbarsten Trachten und Moden dar. Procession nach Procession, von der manche meilenweite Strecken Weges zurückgelegt hatte, bewegte sich, Hymnen singend und Gebete murmelnd, zu dem in der Mitte des Fleckens stehenden reich bekränzten Kreuze, einem der primitivsten in seiner Art, um dort gemeinschaftlich die Andacht zu verrichten; wenigstens elf derselben sah ich in kurzem Zeitraume an mir vorüberziehen.

Unterdeß läutete es zur Kirche, die in ihrem Schooße das weit und breit berühmte Mirakel birgt und, obgleich dieselbe räumlich eine ziemliche Ausdehnung hat, doch kaum zur Hälfte die Anzahl der Seelen zu fassen vermochte, die sich mit gläubigem Verlangen zu ihr hindrängten, während die andere Hälfte, rund um das Gebäude gelagert, noch weit bis in die angrenzenden Straßen und Plätze hineinfluthete und dort während der ganzen Dauer des Gottesdienstes in knieender Stellung unter dem heißen Brande der Julisonne betend verharrte. An den Thüren des Gotteshauses waren große Placate angeheftet, die allen Wallfahrern, natürlich gegen Hinterlegung eines angemessenen Opfergeldes und nach Ableierung der vorgeschriebenen Anzahl von Gebeten, reichlichen Ablaß versprachen. Daß der Ortsgeistliche dabei nicht am schlechtesten wegkommt, versicherten mir einige Einwohner selbst, indem sie mir mittheilten, wie derselbe zur Zeit der Wallfahrt oft ganze Taschen voll Münze zu seiner Wohnung trage, und daß dies einen nicht unbeträchtlichen Zusatz zu seinem Gehalte ausmache, was bei der bedeutenden Menschenmenge, die an diesen Tagen in Heimbach verweilt, auch eben nicht allzu unglaublich klingt, da diese Menge doch oft so zahlreich ist, daß, wie mir ebenfalls Einwohner versicherten, es vorkommt, daß zwölf assistirende Geistliche bis spät in die Nacht hinein in Activität sind, um die sich zum Beichtstuhle Drängenden zu absolviren. Mag dieses größtentheils dem gemeinen unbemittelten Manne entlockte Geld auch fließen, wohin es will, jedenfalls verdient eine solche auf Kosten der religiösen Dummheit und Leichtgläubigkeit in Scene gesetzte Besteuerung des Geldbeutels des blöden Haufens keine andere Bezeichnung, als diejenige ist, welche man jenen Erpressungen beilegte, deren sich Tetzel im Anfange des sechszehnten Jahrhunderts theilhaftig machte.

[621] Am Nachmittage, nach beendigtem Gottesdienste, besuchte auch ich unter Begleitung des Küsters die Kirche, um mir den Gegenstand, der eine so starke Anziehungskraft auf die Gemüther Vieler ausübt, näher zu beschauen. Das Innere des Gotteshauses ist ziemlich geräumig, eben nicht allzu sehr überladen, und trägt den allgemein bekannten Charakter katholischer Kirchen zur Schau. Durch das Mittelschiff schreitend, gelangt man direct zum Hochaltare, der von zwei Seitenaltären zur Rechten und Linken eingefaßt wird. Der linke Seitenaltar birgt das gesuchte Marienbild, das eine höchst einfache, buntbekleidete Figur der Mutter Gottes, ungefähr zwei Fuß hoch, mit einer Krone auf dem Haupte, den todten Christus im Schooße haltend, sitzend darstellt. Das also war der Magnet, der seit Decennien die Kraft besaß, alle Jahre einen Strom von Andächtigen, und unter diesen viele selbst den gebildeten Ständen ungehörige, namentlich Damen, zu sich hin zu ziehen! Ich muß gestehen, daß ich meine Erwartungen betreffs seiner doch etwas höher gestellt und, wenn auch kein Kunstwerk im wahren Sinne des Wortes, doch nicht ein so rohgeschnitztes Machwerk zu sehen erwartet hatte, wie man solche täglich in den Jahrmarktsbuden der Kirchweihfeste antreffen kann. Ziemlich enttäuscht verließ ich den Gottestempel und schlenderte nachlässig die Straßen entlang, dem Marktplatze zu, wo sich Bude an Bude lehnte und speculative Krämer sich bemühten, durch Verkaufen von Kreuzchen, Rosenkränzen, Heiligenbildern und Amuletten, die zur Heilung für Gehauene und Gestochene angepriesen wurden, geweihten Kerzen etc. dem blinden Volke die Mutterpfennige noch aus der Tasche zu locken, die ihm die Habsucht des Pfaffen gelassen hatte, was ihnen auf alle Fälle gelingen mußte, da, wie ich bemerkte, die obengenannten Dinge reißenden Absatz fanden.

Wenn man bedenkt: erstens das Quantum von Arbeitskraft, das durch solche Wallfahrten manchen Ortschaften in der beschäftigtsten Zeit des Jahres durch die sich oft wochenlang von Haus und Hof entfernenden, sich nichtsthuend umhertreibenden Bewohner entzogen wird; zweitens die unsinnige, nutzlose, für blödsinnige Zwecke dahingeworfene vermehrte Geldausgabe der Letzteren; drittens die zunehmende Immoralität, die nicht ausbleiben kann, wo sich eine Menge von Menschen beiderlei Geschlechts an einem zum nothdürftigsten Unterkommen bei Weitem nicht Raum genug bietenden Platze aufeinander häuft, und viertens die durch allerhand blödsinniges Zeug und übernatürliches Gaukelspiel genährte Verdummung des Volkes: so kann man nicht länger zaudern, ein berechtigtes Verdammungsurtheil über diese Wallfahrten und ihre Urheber auszusprechen, und muß es lebhaft bedauern, daß solchen Extravaganzen staatlicherseits nicht längst Zaum und Zügel angelegt worden sind.

Der Ort Heimbach selbst, überaus freundlich an der Ruhr gelegen, an deren Ufer sich, weit hinausschauend und eine prächtige Aussicht bietend, die uralten Ruinen einer Ritterburg erheben und der seiner romantischen Lage wegen während der schönen Jahreszeit von vielen Freunden der Natur besucht wird, umfaßt ungefähr fünfzehnhundert Bewohner, die sich meistens von Ackerbau und Viehzucht ernähren, daneben aber allerhand Werkzeuge und Geräthschaften, namentlich Löffel und Stühle, aus Holz verfertigen, die weit und breit ihren Absatz finden. Fast an jeder Thür, an welcher man vorbeigeht, liegen kunstgerecht aufgeschichtet Haufen von viereckig und länglich geschnittenen Bretchen und Täfelchen aus Holz, und aus vielen Häusern tönt uns, von heiterem Flöten und Singen begleitet, Hämmern, Klopfen, Sägen und Schnitzen fleißiger Arbeiter entgegen. Das Dorf mag aber auch keinen kleinen Nutzen aus der wochenlang dorthin pilgernden Menge ziehen, die durch Ankauf von Kleidungsstücken, Nahrungsmitteln und Waaren sicher eine bedeutende Quantität an Geld dort zurück läßt, und man kann es den Heimbachern nicht verargen, wenn sie auf den Fremdenbesuch dieser Art recht gut zu sprechen sind und ihn auf alle mögliche Weise zu heben suchen; zählte ich doch in dem verhältnißmäßig unbedeutenden Orte fünf ansehnliche Ladengeschäfte, die trotz der Concurrenz, welche ihnen die öffentlich im Freien aufgestellten Krambuden machen, anscheinend im besten Flor standen und existenzfähig waren. Das Klima ist hier, wo Alles rings von Bergen eingeschlossen liegt, ein ziemlich mildes. Weizen, Korn, Gerste und Obst gedeihen hier durchschnittlich zu guter Reise und in Fülle.

Am Horizonte zogen schon die Schatten der Abenddämmerung herauf, als ich den freundlichen Ort verließ und, den Berg ersteigend, die Schritte der fernen Heimath entgegen wandte. Angelangt auf der Höhe, blickte ich noch einmal in das tief unter mir liegende Thal hinab, wo, von den scheidenden Strahlen der Sonne begrüßt, die Häuser und umliegenden Bergspitzen in röthlichem Lichte erglühten. Mit prachtvollem Schimmer umgossen, tauchten die Wipfel des nahen Waldes aus einer Fluth goldenem Glanzes empor; die Fenster des über mir liegenden Klosters Mariawald, den feurigen Sonnenstrahl wiederspiegelnd, warfen schimmernde Lichtreflexe zur Erde hinab. Tiefen Frieden, erhabene Ruhe athmete die Natur, während hier oben, wie dort unten ein durch fanatische Verdummungssucht nach Macht und Gewinn ringender Priester irregeleitetes Volk in unbegreiflichem Wahne hinter Mauern und schalem Flitterkram den Gott suchte, der, auch dem Geringsten verständlich, überall sich so herrlich in seinen Werken der Schöpfung offenbart.

Eugen Virmond.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: an der Ruhr; vergl. Berichtigungen (Die Gartenlaube 1873/45)