Indianer auf dem Kriegspfad

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Autor: Balduin Möllhausen
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Titel: Indianer auf dem Kriegspfad
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 324–327
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Indianer auf dem Kriegspfad.
Von Balduin Möllhausen.

„Nehmt dem nordamerikanischen Continent die eingeborenen Jäger und die wandernden Bisonheerden, und er verliert die letzte Poesie, mit welcher ihn die freigebige Natur so reich bedachte und die weder durch Eisenbahnen, noch durch weithin sichtbare Schornsteine von Brennereien und Fabriken, weder durch eine nach manchen Richtungen hin gewissenlose innere Politik, noch durch salbungvolle Lehren fanatischer Priester ersetzt werden kann.“ Diese Ansicht sprach ich in einem frühern Werke aus, als ich des rücksichtslosen Vordringens der Civilisation und des in Folge dessen fast unvermeidlichen Unterganges einer ganzen Menschenrace erwähnte.

Ganz dieselben Worte wiederhole ich hier, indem ich meine Blicke auf die bildliche Darstellung einer Gruppe von Assineboin-Indianern hefte; aus inniger, fester Ueberzeugung wiederhole ich sie, unbekümmert darum, ob der in denselben liegende harte, aber gerechte Vorwurf nur einzelne Individuen oder ganze Nationen trifft. – Oder sind die rothhäutigen Krieger und die zottigen Bisons vielleicht nicht würdig, als die Poesie bezeichnet zu werden, welche die endlosen Wildnisse, die oceanähnliche Prairie wie den undurchdringlichen Urwald, die anmuthigen, reich bewässerten Thäler wie die majestätischen, eisgekrönten Gebirgszüge so entsprechend, so romantisch belebt?

Schon die Erinnerung daran ist gewissermaßen Poesie, denn

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Die Gartenlaube (1862) b 325.jpg

Indianer als Pfadsucher.
Nach der Natur aufgenommen von Fred. Kurz.

[326] wenn ich mich in die Erinnerung an mein unstetes Wanderleben versenke, dann tauchen Bilder und Scenen vor mir auf, so frisch, so lebhaft und geschmückt mit so grellen Farben, als ob die Zeit zwischen dem „Früher“ und dem „Jetzt“ nicht wüchse, gar nicht vorhanden wäre: ich höre das Stampfen von Tausenden von Hufen, die Gras und dürres Erdreich in die feinsten Atome zermalmen; ich sehe die gelbe Staubwolke, die über den mächtigen Heersäulen wandernder Büffel emporwirbelt; ich sehe die Thiere selbst, diese Urgebilde physischer Kraft, wie sie dumpf brüllend sich gegenseitig im Scheingefecht oder im ernstlichen Kampf anfallen, oder mit gemessenen Bewegungen behaglich einherschreiten. Die langen Bärte fegen die Erde, die buschigen Mähnen verbergen fast die kurzen dicken Hörner, und aus den glühenden, halbverschleierten Augen wie aus der ganzen, gleichsam selbstbewußten Haltung leuchtet hervor, dem empfänglichen Gemüth leicht verständlich, der Begriff unbegrenzter, süßer Freiheit. –

Ich sehe, wie die riesenhaften Köpfe sich heben und die schwarzen Nüstern dem Winde entgegenrecken; die kurzen Schweifbüschel richten sich empor, und Alles steht wie gebannt. Die Staubwolke trennt sich von den gekrümmten dunkelbraunen Rücken, doch nur auf Augenblicke, denn schon in der nächsten Minute erneuert sie sich wieder, dichter und undurchdringlicher; die Masse der kolossalen Leiber wirbelt durcheinander, der Erdboden dröhnt und bebt, und donnernd stürmt der mächtige Keil dahin, seine Spuren gleichsam verhüllend in Staub und Flugsand, der noch lange über der betretenen Bahn träge in der stillen Atmosphäre hängt.

Weiter schweifen die Blicke in der Vergangenheit: ich sehe vor mir einen Trupp der stattlichen Wüstenjäger; theils zu Fuß, theils zu Pferde kommen sie daher; ihre Waffen funkeln in den Strahlen der Morgensonne; phantastischer Schmuck umgiebt die schwarz behaarten Häupter und die geschmeidigen Glieder, und farbige Linien und gräßliche Malereien verleihen dem nackten Oberkörper und den finstern Zügen einen furchtbar drohenden Ausdruck. – Ich beobachte sie, wie sie vor dem gestampften Boden anhalten und der fliehenden Heerde theilnahmlos nachschauen. Das ist nicht die Art der Büffeljäger, nicht die Malerei, die zum fröhlichen Jagdzuge der glatten Haut aufgetragen wurde. Kein Büffeljäger ist so schwer bewaffnet, kein Büffeljäger umgiebt sich und sein Pferd mit schönem kriegerischem Schmuck und Zierrathen, die dazu dienen sollen, auf prahlende Weise die Kampflust der Feinde aufzustacheln.

Da trennen sich zwei Reiter von dem Trupp und beschreiben galoppirend, nach verschiedenen Richtungen hin, weite Kreise, während drei Fußgänger die Kreise bedächtig durchschneiden. Erwartungsvoll schauen die Zurückbleibenden den Davoneilenden nach, welche, die Blicke fest auf den Boden geheftet, nach den verwischten feindlichen Spuren forschen.

Dergleichen Scenen, dürfen sie nicht als Poesie betrachtet werden? Was wäre es denn sonst, das der beängstigenden Einsamkeit der Urwildniß einen so eigenthümlichen Reiz verleiht? Steht doch Alles im schönsten Einklang mit einander, die unabsehbare Steppe wie die vereinzelten Baumgruppen auf dem Ufer des nahen Flüßchens, die in der Ferne auftauchenden blauen Gebirgszüge wie die phantastisch geschmückten rothen Krieger und die schwarzen Wogen fliehender Bisons. –

Sacrcé mille tonnerre! Da gehen sie hin und mit ihnen der fette Büffelhöcker, den wir uns zu Mittag rösten wollten!“ So sagte mein grauköpfiger Jagdgefährte, ein so beweglicher Canadischer Trapper, wie nur je einer sein Gewehr auf den grimmigen Gebirgsbären abfeuerte; „ja, da gehen sie hin, beim heiligen Napoleon! Aber scalpiren will ich mich lassen von einem Ohr bis zum andern und nie wieder das Mark aus dem Beinknochen einer jungen Kuh saugen, wenn das dort drüben nicht eine Kriegsabtheilung der Assineboins ist!“

Mit diesen Worten legte er die Büchse, die er schon zur Hetzjagd in die Hand genommen, quer vor sich auf den Sattel welchem Beispiel ich mechanisch folgte, und deutete mit seinem langen Reserveladestock auf eine Bande von ungefähr dreißig Indianern, die eben aus dem Bett eines kleinen Nebenarm des Yellow-Stone-Flusses nach der Ebene hinaufgeklettert und geritten waren und offenbar die Büffel verjagt hatten.

„Ja, eine richtige Kriegsabtheilung,“ wiederholte er sinnend. „Die Burschen haben sicherlich die Spuren von Schippewä-Räubern im Sande des Flusses verfolgt, oder wir hätten sie eher bemerken müssen. Aber kommt, es ist oft nicht gerathen, selbst befreundeten Indianern auf dem Kriegspfade zu begegnen; wir thun am besten, ohne sie zu beachten, unseres Wegs zu ziehen.“

Ich machte natürlich keine Einwendungen gegen die Ansichten meines gediegenen Gefährten, drückte meinem Pferde die Sporen in die Weichen und ritt an seine Seite.

Wir hatten noch keine zehn Schritte zurückgelegt, als ein lautes Gellen zu unsern Ohren drang, und indem wir uns umschauten, gewahrten wir einen einzelnen Reiter, der mit größter Eile auf uns zugesprengt kam und zum Zeichen friedlicher Absichten seine flache Hand emporhob.

Der Fremdling, eine echte Matoreh-Gestalt, welche durch den flatternden Federschmuck, durch das weite hellblaue Jagdhemde und durch die mit Glasperlen und Messingnägeln reich verzierten Waffen noch bedeutend gewann, galoppirte dicht vor uns hin und forderte uns, wenn nicht mit feindlichem, doch sehr entschiedenem Wesen auf, vorläufig nicht an die Weiterreise zu denken.

Mein Gefährte, der Sioux-Sprache kundig, richtete einige Fragen an den wilden Krieger, erhielt aber nur sehr kurze Antworten, die noch obendrein mit so viel Stolz und einem solchen Ausdruck von Uebermuth auf den schwarz, gelb, blau und roth marmorirten Zügen, aus welchen über der scharfen Adlernase zwei tiefliegende Augen unheimlich hervorfunkelten, gegeben wurden, daß dem leicht erregbaren Franzosen ein Mal über das andere ein „mille tonnerre“ über die bärtigen Lippen rollte.

„Wenn’s nur sechs oder sieben wären, parbleu!“ grollte er in seinem Eifer, „dann wollten wir ihnen schon zeigen, wer hier zu befehlen hat, aber fünfundzwanzig bis dreißig? Beim heiligen Napoleon, das ist zu viel für uns!“

Ich erklärte abermals, daß ich vollständig seiner Meinung sei, konnte aber doch nicht umhin, eine innere Befriedigung darüber zu empfinden, daß es gerade ihrer dreißig und nicht ein halbes Dutzend waren; denn ich kannte meinen Gefährten zu genau, um nicht befürchten zu müssen, daß er im letzteren Falle, trotz seiner friedfertigen Natur, wenn auch nur aus Laune oder um sich etwas Aufregung zu verschaffen, dem Willen der Indianer gerade zuwider gehandelt hätte, obgleich es lauter Krieger waren, die einzeln, Mann gegen Mann, zu bekämpfen, gewiß nicht zu den leichtesten Aufgaben gehört hätte.

Die zuerst abgeschickten Reiter hatten unterdessen ihren Kreislauf beendigt, ohne auf eine Fortsetzung der von der Büffelheerde vernichteten Fährte gestoßen zu sein; die Pfadsucher waren, scheinbar ohne uns zu beachten, dicht bei uns vorübergeschritten und hatten sich, eine Biegung abschneidend, dem Flüßchen wieder genähert, und noch immer verharrte der Haupttrupp auf seiner alten Stelle.

Da ließen die Späher plötzlich ein jubelndes Gellen vernehmen. Sie hatten die Fortsetzung der Spuren am Abhange des Ufers entdeckt, und augenblicklich schickte sich die ganze Bande an, ihnen zu folgen.

Langsam und ihre noch muthigen Rosse nicht ohne Mühe bändigend, näherten sich die malerischen Gestalten. Sie wollten die Späher offenbar einen Vorsprung gewinnen lassen und hielten deshalb, sobald sie bei uns eingetroffen waren, an.

Der Häuptling, ein noch junger Mann, der sich in seinem Aeußern vorzugsweise durch einen prächtigen Kopfschmuck von den Schweiffedern des Kriegsadlers bemerklich machte, wechselte einige Worte mit dem Krieger, der uns so lange bewacht hatte, und nachdem er meinen Gefährten und mich etwa eine Minute lang aufmerksam betrachtet, wendete er sich zu Ersterem. „Meine weißen Brüder werden mich eine Strecke auf dem Kriegspfad begleiten,“ hob er in der Sioux-Sprache an, „sie werden mich begleiten, bis die Sonne den Rand der Steppe berührt, und dann ihr Pulver mit uns theilen. Wir gebrauchen viel Pulver und Kugeln, wenn wir die Pferde zurück erbeuten wollen, welche die Schippewä-Hunde unsern Weibern raubten. Die Schippewä’s sind feige, sie stehlen die Pferde der Weiber, wagen aber nicht die Hand nach den Rossen von Kriegern auszustrecken.“

„Verdammt!“ rief mein Gefährte lachend auf Französisch aus, „glaube nicht, daß die Schippewä’s es anders machen, als die Assineboins; denke, sie nehmen, wo sie können, ohne zu fragen, von wem es kommt. Pulver sollt Ihr dennoch haben,“ fügte er in der Sioux-Sprache hinzu, die er aber reich mit französischen Ausdrücken vermischte; „werdet uns wohl nicht ohne dem aus den Fingern lassen, Ihr die Hälfte, wir die Hälfte, aber mit Euch [327] ziehen? Sacré tonnerre, nicht einen verdammten Schritt! Glaubt wohl, ich habe nichts Besseres zu thun, als spazieren zu reiten?“

„Meine jungen Leute werden die Pferde der beiden weißen Jäger führen,“ entgegnete der Häuptling stolz, „sie werden die Pferde nicht eher von der Hand lassen, als bis der Schatten eines Büffels eine Tagereise lang ist!“

Dem alten Trapper schwebte eine heftige Antwort auf den Lippen, ich ließ ihn aber nicht beginnen, sondern wendete mich mit der Aufforderung an ihn, den Wünschen der Indianer zu willfahren, indem es vom größten Interesse für mich sei, sie auf ihrem Kriegspfad zu beobachten.

„Wohlan denn, wenn Euch darum zu thun ist, dann ziehen wir mit,“ versetzte er, die kurze Geißel auf sein Pferd fallen lassend und so das Zeichen zum Aufbruch gebend. „Möchte im Grunde auch nicht gerathen sein, Streit mit ihnen anzufangen. Tonnerre! Wenn’s nur ein halbes Dutzend wären, aber dreißig ist doch etwas zu viel.“

So grollte und fluchte der alte, unter Gefahren und Entbehrungen ergraute Canadier ununterbrochen fort, bis wir, zusammen mit der wilden Gesellschaft, die Fortsetzung der Schippewä-Fährten erreicht hatten, wo dann eine andere Art des Reisens begann.

Nachdem wir nämlich angewiesen waren, in gleicher Höhe mit ihnen das Ufer zum Wege zu wählen, begaben sich die Indianer in den seichten, mit Hindernissen mancher Art angefüllten Fluß hinab und folgten dann behutsam dessen Lauf gegen Nordosten. Die Räuber, denen sie nachsetzten, mußten ihre Spuren in dem Wasser zu verbergen, mitunter auch ihre Verfolger durch Umwege irre zu leiten getrachtet haben, denn bald nach den Uferabhängen hinauf, bald quer durch das Flüßchen hindurch sah man die Späher, deren Pferde von ihren Cameraden nachgeführt wurden, eilen, während der Haupttrupp dann immer so lange vorsichtig auf derselben Stelle halten blieb, und nur hin und wieder ein Reiter sich eine kurze Strecke zurück begab, um seine Blicke prüfend über die Uferwände gleiten zu lassen.

Unsere Reise ging daher nur sehr langsam von statten. Mein alter Gefährte, der seinen guten Humor wiedergefunden hatte, erging sich in spöttischen Bemerkungen über den nach seiner Ansicht noch immer nicht vollständig ausgebildeten Scharfsinn der Indianer, oder erzählte mit manchen scherzhaften Ausschmückungen irgend eins seiner zahllosen erlebten Abenteuer; ich selbst dagegen beobachtete mit regster Theilnahme die gewandten Krieger, die sich so gänzlich in die Verfolgung ihrer Feinde vertieft hatten.

In den Bewegungen der Späher, die sich unstreitig großen Ruf als Pfadsucher erworben hatten, lag viel, das an das Wesen guter Schweißhunde erinnerte, nur daß, wie die Thiere einzig ihren feinen Geruchsnerven vertrauen, bei diesen Leuten die ganze Kraft, das ganze Empfindungsvermögen allein in den Augen zu liegen schien. Hierhin und dorthin blitzten die von den Lidern halbverhangenen Pupillen; keine Spur außerhalb des Wassers, und wenn sie noch so leise ausgeprägt war, entging ihnen. Es ist oft wunderbar, wie weit der Scharfsinn und die Combinationsgabe dieser Naturkinder in Beurtheilung der kleinsten Merkmale geht. Ein flüchtiger Feind sucht seine Verfolger oft dadurch irre zu leiten, daß er eine Zeitlang seinen Weg rückwärts gehend verfolgt, so daß der Späher in den Abdrücken der Füße eine ihm entgegenlaufende Spur findet. Aber ein rückwärtsschreitender Mensch tritt anders auf, als ein vorwärtsgehender; der Erstere setzt nothwendigerweise zuerst die Zehen nieder, während der Letztere dies mit der Ferse thut. Und nicht nur im Sande, sondern auch im Grase der Prairie, an jedem gebrochenen oder niedergetretenen Halme erkennt der Indianer die ihm bereitete Täuschung. Einige im Gebüsche abgestreifte grüne Blätter erregen seine Aufmerksamkeit, er sieht die Erscheinung an andern ähnlichen Orten sich wiederholen, und er weiß daraus, zu welchem Stamme der Fliehende gehört – eine Zierrath an der Kleidung des letzteren hat die Spur hervorgebracht. Er vermag aus der Beschaffenheit der Fährte zu beurtheilen, wo der Verfolgte stillgestanden und gelauscht, wo er langsam geschritten oder flüchtig davon geeilt; jede verschiedene Biegung eines Grashalmes erregt Gedanken und Schlüsse in ihm, die fast nie fehlgehen; und so genügten bei den Spähern vor uns meist nur wenige gewechselte Worte, um sich über die wahren Absichten ihrer Feinde einverstanden zu erklären.

Der Häuptling und seine Krieger folgten in kurzer Entfernung, und so groß war das allgemeine Vertrauen auf die Fähigkeit und den Scharfsinn der Späher, daß von keiner Seite eine Frage an sie gerichtet wurde, und nur selten, wenn keine Gefahr vorhanden war, die fremden Spuren durch die der eigenen Pferde zu verwischen, sprengten einzelne heran, um die racheglühenden Blicke kurze Zeit auf den Abdrücken der Schippewä-Mocassins ruhen zu lassen.

Meile auf Meile hatten wir zurückgelegt. Mittag war längst vorüber, und die Geduld schien meinen Gefährten verlassen zu wollen, denn häufiger wurde das „tonnerre“ und kürzer wurden seine Erzählungen. Da plötzlich stieß er ein so lautes Lachen aus, daß die Indianer überrascht zu uns emporschauten, und mehrere sogar über die Uferränder lugten, um sich von der Sicherheit der Umgebung zu überzeugen.

Sacré mille tonnerre!“ rief er fröhlich aus, indem er sich, ohne die drohenden Gebehrden der Indianer einer Beachtung zu würdigen, zu mir wendete. „Jetzt will ich Euch sagen, warum die bunten Einfaltspinsel uns ersucht haben, sie freiwillig zu begleiten! Carajo! wie der Spanier sagt; unterscheidet Ihr dort die Büffelheerde, die in der Nähe des Flüßchens lagert? Gut also; sie sehen ein, daß dieselbe bei ihrer Annäherung die Flucht ergreifen wird. Weil aber nun Schippewä-Späher in der Ebene lauern können, sie selbst aber dort unten unentdeckt bleiben wollen, so soll es den Anschein haben, als wenn wir die Bestien verjagt hätten. Beim heiligen General Washington! Schlau ausgedacht! Ja, ja, nur aus diesem Grunde mußten wir – verdammt! ich wollte sagen, baten sie uns, so breit auf dem Ufer zu reiten.“

„Wie wär’ es, Camerad,“ entgegnete ich, nunmehr vollständig über die Absichten der Indianer beruhigt, „wie wär’ es, wenn wir uns dort einen Büffelhöcker oder auch ein paar Zungen holten; ich muß gestehen, daß ich mehr als gesunden Appetit fühle.“

„Um den Buntspechten, die übrigens ganz gute Jungens sind, einen Gefallen zu erweisen? Nein, nein; schnürt Euern Gurt fester, wenn Euer Magen knurrt, aber heute noch Büffel hetzen? Sacré mille tonnerre! Nimmermehr! Sie können uns zwingen, sie zu begleiten, aber Büffel zu hetzen und ihre Feinde auf diese Weise täuschen zu helfen? Caramba! Nimmermehr. Ist einmal mein Grundsatz, neutral zu bleiben; werden so wie so früh genug vom Erdboden verschwinden, die armen Teufel; habe nicht Lust, ihren Hader zu schüren, wird schon mehr wie zu viel von den weißen klugen Leuten geschürt, um ihnen demnächst das Ihrige rauben zu können.“

Bei den letzten Worten war der treuherzige Canadier ernst geworden, und ich bemerkte, daß ein theilnahmvoller Blick aus seinen von buschigen Brauen beschatteten Augen über die Gruppe der Assineboins hinstreifte. Ich wagte nicht, irgend etwas zu erwidern, aus Achtung vor den eben ausgesprochenen Ansichten. Und so ritten wir denn schweigend dahin, bis nach einer Stunde die Büffel auseinander stoben und der Häuptling uns zu sich herabwinkte, um das Pulver in Empfang zu nehmen.

Mit allen Zeichen der Freundschaft trennten wir uns von der kampflustigen Bande und schlugen den Rückweg nach unserer Lagerstelle ein. Unsere Schatten waren mit der nächtlichen Dunkelheit zusammengefallen, aber lange dauerte es noch, eh’ mein Gefährte wieder in der ihm eigenthümlichen leichtfertigen Weise zu erzählen begann; dafür vernahm ich, daß er mehrfach, wie im Selbstgespräch, vor sich hinmurmelte: „die armen, armen Indianer!“