Inkle und Yariko

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Textdaten
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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Inkle und Yariko
Untertitel:
aus: Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 23–27
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1769
Verlag: M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck 1746/48
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[23]
Inkle und Yariko.


Die Liebe zum Gewinnst, die uns zuerst gelehrt,
Wie man auf leichtem Holz durch wilde Fluten fährt;
Die uns beherzt gemacht, das liebste Gut, das Leben,
Der ungewissen See auf Bretern Preis zu geben;

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Die Liebe zum Gewinnst, der deutliche Begriff

Von Vortheil und Verlust, trieb Inklen auf ein Schiff.
Er opferte der See die Kräfte seiner Jugend;
Denn Handeln war sein Witz, und Rechnen seine Tugend.

Ihn lockt das reiche Land, das wir durchs Schwerdt bekehrt,

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Das wir das Christentum und unsern Geiz gelehrt.

Er sieht Amerika; doch nah an diesem Lande
Zerreißt der Sturm sein Schiff. Zwar glückt es ihm, am Strande
Dem Tode zu entgehn; allein der Wilden Schaar
Fiel auf die Britten los; und wer entkommen war,

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Den fraß ihr hungrig Schwerdt. Nur Inkle soll noch leben;

Die Flucht in einen Wald muß ihm Beschirmung geben.
Vom Laufen athemlos, wirft, mit verwirrtem Sinn,
Der Britte sich zuletzt bey einem Baume hin;
Umringt mit naher Furcht und ungewissen Grämen,

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Ob Hunger oder Schwerdt ihm wird das Leben nehmen.


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Ein plötzliches Geräusch erschreckt sein schüchtern Ohr.

Ein wildes Mädchen springt aus dem Gebüsch hervor,
Und sieht mit schnellem Blick den Europäer liegen.
Sie stutzt. Was wird sie thun? Bestürzt zurücke fliegen?

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O nein! so streng und deutsch sind wilde Schönen nicht.

Sie sieht den Fremdling an; sein rund und weiß Gesicht,
Sein Kleid, sein lockicht Haar, die Anmuth seiner Blicke
Gefällt der Schönen wohl, hält sie mit Lust zurücke.

Auch Inklen nimmt dies Kind bey wilder Anmuth ein.

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Unwissend in der Kunst, durch Zwang verstellt zu seyn,

Verräth sie durch den Blick die Regung ihrer Triebe:
Ihr Auge sprach von Gunst, und bat um Gegenliebe.
Die Indianerinn war liebenswerth gebaut.
Durch Mienen redt dieß Paar, durch Mienen wirds vertraut.

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Sie winkt ihm mit der Hand, er folget ihrem Schritte;

Mit Früchten speist sie ihn in einer kleinen Hütte,
Und zeigt ihm einen Quell, vom Durst sich zu befreyn.
Durch Lächeln räth sie ihm, getrost und froh zu seyn.
Sie sah ihn zehnmal an, und spielt an seinen Haaren,

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Und schien verwundernsvoll, daß sie so lockicht waren.


So oft der Morgen kömmt: so machte Yariko
Durch neuen Unterhalt den lieben Fremdling froh,

[25]
Und zeigt durch Zärtlichkeit, mit jedem neuen Tage,

Was für ein treues Herz in einer Wilden schlage!

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Sie bringt ihm manch Geschenk, und schmückt sein kleines Haus

Mit mancher bunten Haut, mit bunten Federn aus;
Und eine neue Tracht von schönen Muschelschalen
Muß, wenn sie ihn besucht, um ihre Schultern pralen.
Zur Nachtzeit führt sie ihn zu einem Wasserfall;

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Und unter dem Geräusch und Philomelens Schall

Schläft unser Fremdling ein. Aus zärtlichem Erbarmen
Bewacht sie jede Nacht den Freund in ihren Armen.
Wird in Europa wohl ein Herz so edel seyn?

Die Liebe flößt dem Paar bald eine Mundart ein.

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Sie unterreden sich durch selbst erfundne Töne.

Kurz, er versteht sein Kind, und ihn versteht die Schöne.
Oft sagt ihr Inkle vor, was seine Vaterstadt
Für süße Lebensart, für Kostbarkeiten hat.
Er wünscht, sie neben sich in London einst zu sehen;

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Sie hörts, und zürnet schon, daß es noch nicht geschehen.

Dort, spricht er, kleid ich dich; und zeiget auf sein Kleid,
In lauter bunten Zeug, von größrer Kostbarkeit;
In Häusern, halb von Glas, bespannt mit raschen Pferden,
Sollst du in dieser Stadt bequem getragen werden.

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Vor Freuden weint dieß Kind, und sieht, indem sie weint,

Schon nach der offnen See, ob noch kein Schiff erscheint.
Es glückt ihr, was sie wünscht, in kurzem zu entdecken;
Sie sieht ein Schiff am Strand, und läuft mit frohem Schrecken,
Sucht ihren Fremdling auf, vergißt ihr Vaterland,

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Aus Treue gegen ihn, und eilt, an seiner Hand,

So freudig in die See, als ob das Schiff im Meere,
In das sie steigen will, ein Haus in London wäre.

Das Schiff setzt seinen Lauf mit gutem Winde fort,
Und fliegt nach Barbados[1]; doch dieses war der Ort,

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Wo Inkle ganz bestürzt sein Schicksal überdachte,

Als schnell in seiner Brust der Kaufmannsgeist erwachte.
Er kam mit leerer Hand aus Indien zurück;
Dieß war für seinen Geiz ein trauriges Geschick.
So hab ich, fieng er an, um arm zurück zu kommen,

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Die fürchterliche See, mit Müh und Angst, durchschwommen?

Er stillt in kurzer Zeit den Hunger nach Gewinn,
Und führt Yariko zum Sklavenhändler hin.
Hier wird die Dankbarkeit in Tyranney verwandelt,
Und die, die ihn erhielt, zur Sklaverey verhandelt.

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Sie fällt ihm um den Hals, sie fällt vor ihm aufs Knie,

Sie fleht, sie weint, sie schreyt. Nichts! Er verkaufet sie.
Mich, die ich schwanger bin, mich! fährt sie fort zu klagen.
Bewegt ihn dieß? Ach ja! Sie höher anzuschlagen.
Noch drei Pfund Sterling mehr! Hier, spricht der Britte froh,

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Hier, Kaufmann, ist das Weib, sie heißt Yariko!




O Inkle! du Barbar, dem keiner gleich gewesen;
O möchte deinen Schimpf ein jeder Welttheil lesen!
Die größte Redlichkeit, die allergrößte Treu
Belohnst du, Bösewicht! noch gar mit Sklaverey?

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Ein Mädchen, das für dich ihre eigen Leben wagte,

Das dich dem Tod entriß, und ihrem Volk entsagte,
Mit dir das Meer durchstrich, und, bey der Glieder Reiz,
Das beste Herz besaß, verhandelst du aus Geiz?
Sey stolz! Kein Bösewicht bringt dich um deinen Namen;

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Nie wird es möglich seyn, dein Laster nachzuahmen.

  1. Barbados ist eine von den carabischen Inseln, welche den Engländern zugehöret. Es wird ein großer Sklavenhandel daselbst getrieben.