Jörn Jäger

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Autor: v. G.
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Titel: Jörn Jäger
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[774]
Jörn Jäger.[1]
Eine Erinnerung aus dem schleswig-holsteinischen Feldzuge von 1850.

Das Bombardement von Friedrichsstadt war aufgegeben worden. Der Sturm auf den Platz am Abend des 4. Octobers, der Tausenden braver Schleswig-Holsteiner nutzlos das Leben kostete, hatte nur die Ehre der Armee retten sollen, wie man sich höhern Ortes damals ausdrückte.

Der allgemeine Rückzug begann, und auch unsere Batterie traf schon am 6. October wieder in Rendsburg ein. Es ist kein sehr erhebendes Gefühl für den Soldaten, wenn er sich nach jeder größeren Affaire immer von Neuem hinter den Mauern einer Festung verkriechen muß! Wir waren daher Alle mürrisch geworden und hätten weit lieber im offenen Felde mit dem Feinde Kugeln gewechselt, anstatt in der Festung nun wieder den Wachdienst versehen zu müssen. Mir, als Freiwilligem, war aber eine derartige Verwendung ganz besonders lästig; man wird sich daher denken können, wie freudig mir das Herz schlug, als mich nach wenigen Tagen schon die Nachricht ereilte, daß ich als provisorischer Feldwebel zu einer halben sechspfündigen Batterie versetzt sei und schleunigst an meine neue Bestimmung abzugehen habe.

Marschordre, – mit welcher beseligenden Empfindung erfüllt sie den jungen Krieger! Eifrig wird der Tornister gepackt, nur das Nothwendigste wandert mit in die Ferne, darunter ein letzter Abschiedsbrief an die Lieben, falls eine feindliche Kugel all’ unserem irdischen Kämpfen und Hoffen ein jähes Ende bereiten sollte. Alles Uebrige nimmt entweder den Weg durchs Fenster oder wird an Zurückbleibende verschenkt, weil uns stets der Gedanke, bald laut, bald leise, durch die Seele weht: Ich kehre ja doch nicht wieder.

So waren auch meine Habseligkeiten rasch geordnet, und rüstig und wohlgemuth schritt ich am Morgen des 10. October in Begleitung eines Cameraden, der mit mir zu jener Halbbatterie versetzt worden war, meiner neuen Bestimmung entgegen. Es war ein trüber Herbsttag. Dicke Nebel lagerten auf dem Boden. Nachmittags zogen sie sich höher und verkündeten dem Wanderer keinen guten Abend. Unser Marsch war ziemlich weit, denn unsere neue Abtheilung stand in Meggerdorf in der Nähe von Johannisberg, der Besitzung des weit und breit gekannten schleswig-holsteinischen Patrioten Tiedemann. Mein Camerad, ein Preuße, verkürzte mir die Zeit durch allerlei witzige Erzählungen und beschwor mich, als wir in ein Dorf gelangten, wo wir Mittagsrast zu halten gedachten, um Gotteswillen nur das Wirthshaus zu meiden, da man in jetziger Zeit das Geld sparen und bei den Bauern um freie Kost anklopfen müsse. Das geschah denn auch, und unsere Wirthe gaben uns nach beendigter Mahlzeit noch einen Schnaps mit auf den Weg und Auskunft, wie wir uns am schnellsten nach Meggerdorf hinüber finden könnten.

Wir mußten durch das Moor marschiren; da, diesseits der an Meggerdorf vorüberfließenden Aue, sollte ein Fischer wohnen, der zugleich die Jägerei betrieb. Er würde uns bereitwilligst über den Fluß setzen und uns so unserm Ziele auf die rascheste Art zuführen. Es dauerte auch nicht allzulange, so bekamen wir ein niedliches Bauernhäuschen in Sicht. Mutig schritten wir demselben zu. Natürlich hatten wir nach dem Namen des fischenden Jägers und jagenden Fischers gefragt, allein nirgends die gewünschte Auskunft erlangen können. Ueberall ward uns blos die Antwort, der Mann sei allgemein unter seinem Vornamen Jörn bekannt, den Zunamen aber wisse man nicht. Deshalb heiße er schlechtweg Jörn Jäger.

Nach kurzem Marsche standen wir vor dem Häuschen, dessen zierlich grün angestrichene Fensterrahmen mir sogleich verkündeten, daß wir den Weg nicht verfehlt haben konnten und daß hier unbedingt der Jäger und Fischer wohnen mußte. Bescheiden pochten wir an die Hinterthür, die auch hier, wie bei allen holsteinischen und schleswigschen Bauernhäusern, der Breite nach aus zwei sich zugleich oder einzeln öffnenden Theilen bestand. Bereits war es dämmerig geworden; das mochte der Grund sein, weshalb auf unser Klopfen vorsichtig nur die obere Luke aufgethan wurde. Ein bildschönes, einfach, aber äußerst reinlich gekleidetes Bauernmädchen fragte freundlich nach unserm Begehr.

Auf unsere Frage, ob hier Jörn Jäger wohne, den wir bitten möchten, uns über die Aue zu setzen, öffnete das Mädchen auch die untere Thür und erwiderte noch freundlicher: „Vadder kummt glieck to Huus, koamt man so lang’ rin.“

Wir ließen uns dies nicht zweimal sagen, und an dem rüstigen Vorwärtsschreiten meines Preußen merkte ich allsogleich, daß er hier wieder eine herz- und magenstärkende Aufnahme witterte. Bei unserm Eintritte in das ländlich schlichte Zimmer, das zugleich als Wohn- und Schlafstube diente, erhob sich Jörn Jäger’s Frau von ihrem Spinnrocken und lud uns ein, Platz zu nehmen. Mit stiller Wehmuth betrachtete ich die schmucklose, doch desto gemüthlichere Einrichtung des Zimmers, und schmerzlich süße Erinnernugen beschlichen den jugendlichen Soldaten. Hatte er sich einst doch auch der Försterei widmen wollen und war, heiligeren Gefühlen folgend, nur durch die Lage seines unglücklichen Vaterlandes auf das Feld der Ehre gerufen worden.

Da hingen in gehöriger Symmetrie die Gewehre an der Wand, neben ihnen Jagdtasche, Pulverhorn und Schrotbeutel. Rehkronen und Hirschgeweihe waren hier und da an der Wand befestigt, und statt Nägel oder Haken figurirten die Eckzähne von wilden Schweinen. Ein mächtiger Kachelofen reichte beinahe bis an die Decke des niedrigen Zimmers und verbreitete eine im October immerhin behagliche Wärme. Zwei Vorhänge an der Wand verriethen, daß hinter ihnen die Schlafstätten der Familie verborgen lagen, die auch hier, wie fast im ganzen Norden üblich, in der Zimmerwand eingelassen waren. Eine große Schwarzwälder Uhr stand in der Ecke und ließ ihre gemessenen Pendelschläge durch das Gemach ertönen. Ein umfänglicher eichener Schrank, ein Tisch und einige Stühle bildeten das übrige Geräthe in Jörn Jäger’s einfacher Behausung. Gott weiß es, war es die Vorahnung, hier einen wahren Freund meines armen Vaterlandes zu finden, oder hatte ich mich längst schon vergebens nach einer solchen ländlichen Gemüthlichkeit gesehnt, – ich empfand ein seltenes Behagen und fühlte mich immer froher, je länger ich in dem bescheidenen Stübchen weilte.

Jörn blieb heute Abend lange aus. Es war inzwischen völlig dunkel geworden, und Stina, seine Tochter, dieselbe, die uns aufgethan, trat mit Licht in die Stube. „Gooden Abend,“ wünschten wir uns allerseits – eine Sitte, deren Beobachtung im Norden nie unterlassen wird.

Darauf begann Stina den Tisch zu decken und bat uns, ein einfaches Abendbrod nicht zu verschmähen. Wie funkelte das sehnsüchtige Auge meines Cameraden, als das junge Mädchen Butter, Brod, Käse, Wurst, geräucherten Aal und Branntwein auftrug! Geräucherter Aal! Das überstieg seine kühnsten Erwartungen, und doch war es gerade dieser Leckerbissen, mit dem die Gäste im Hause Jörn Jäger’s in der Regel bewirthet wurden, weil der Alte jeden Morgen eine gehörige Portion Aale fing und dann selbst zu räuchern pflegte. Noch hatten wir unser Abendessen nicht beendigt, als Hundegebell und der Ruf Stina’s: „De Vadder kummt,“ uns Jörn’s Heimkehr verkündigten.

Die Thür ging auf, und herein trat der arme, aber echte Patriot, der trotz seiner kärglichen Mittel so viel that für die Krieger Schleswig-Holsteins und selbst lieber Hunger und Durst gelitten haben würde, als daß er einen Sohn des theuren Vaterlandes nicht nach Kräften mit Speise und Trank erquickt hätte.

Es war eine hohe Gestalt, die sich in etwas gebückter Haltung unsern Augen darbot. Das längliche, von einem dunklen Backenbarte eingefaßte Gesicht zeugte auf den ersten Blick von seltener Gutmüthigkeit, und aus dem graublauen Auge blickte eine Biederkeit, wie man sie nicht oft gewahr wird. Jörn trug einen dunkelgrünen kurzen Frack, Manchester-Kniehosen, lange Jagdstrümpfe, hohe Stiefeln und eine tuchene grüne Jagdmütze. Er mochte damals einige fünfzig Jahre alt sein, aber die gesunde Gesichtsfarbe, sein seltener Humor und seine ungewöhnliche Rüstigkeit hätten auf ein weit geringeres Alter schließen lassen.

„Gooden Abend, Kinners,“[2] rief er uns zu, indem er freundlich [775] die Hand zum Gruße bot, „wo schall dat hüt denn noch hengahn?“[3]

Wir theilten ihm unser Anliegen mit. „Vun Harten gern, Jungens,“ entgegnete Jörn, „aberst teerst will ick een beeten eeten, und denn möt Jü ook noch eenen drinken!“[4]

Er setzte sich zu uns an den Tisch, und unter vielen Erzählungen aus den jüngst vergangenen Tagen der Friedrichsstadt verstrich uns die Zeit geschwind genug. Als ich ihm mittheilte, daß ich früher ebenfalls hätte Waidmann werden wollen, da kannte seine Freude kein Ende. Nun müsse ich jeden Tag zu ihm kommen, meinte er, um mit ihm zu jagen, sobald und so oft es nur meine Zeit erlaube.

Der Biedermann schien mich sofort in sein Herz geschlossen zu haben, und war es mir in seiner Wohnung von Anfang an ganz eigenthümlich wohl zu Muthe, so dünkte es mir jetzt doppelt gemüthlich in dem schmucklosen Stübchen.

Aus allen Schilderungen Jörn’s leuchtete die innigste Vaterlandsliebe hervor, und zu wiederholten Malen äußerte er, wenn der Feind diese Gegend besetzen würde, so verließe er sie sofort und zündete sein schwererworbenes Besitzthum lieber selber an, als daß er unter den Dänen leben möchte.

Wie das Gerücht ging, hatte er die Stellungen des Feindes gar manches Mal ausgekundschaftet und dadurch der schleswig-holsteinischen Armee wesentliche Dienste geleistet.

Darüber sprach indeß Jörn kein Wort; kam man darauf, so schwieg er still und blies die großen blauen Rauchwolken desto stärker aus seiner kurzen Pfeife. Sein Handwerk setzte ihn in den Stand, über die Stellungen des Feindes genauer unterrichtet zu sein, als jeder Andere, und dies mochte die erwähnten Vermuthungen unterhalten. Daß er für die in dortiger Gegend stehenden Schleswig-Holsteiner that was er konnte, das war im ganzen Umkreise allbekannt. Jedem, der zu „seinen braven Söhnen“ gehörte, wie er sich auszudrücken pflegte, stand sein gastfreies Haus offen, und bei dem Mangel, der im Kriege so oft das Loos des Soldaten ist, wurde diese Gastfreiheit häufig genug in Anspruch genommen.

Seit Beginn des Feldzuges von 1850 hatte Jörn wirklich eine ganz besondere Thätigkeit entwickelt. Lag es früher in seinem Interesse, das Revier möglichst zu schonen, um auch für die Zukunft seine Kunden mit Wild versorgen zu können, und hatte er in vergangenen Tagen, wenn er Morgens seine Aalkörbe, sogenannte Bungen, aufhob, stets die kleineren Exemplare der gemachten Beute der Aue zurückgegeben, damit er später einen mehr die Mühe lohnenden Fang thun könne – jetzt achtete er nicht mehr auf diese Grundregeln seiner beiden Gewerbe.

Jörn war arm. Er konnte daher seine Kinder – so nannte er alle schleswig-holsteinischen Soldaten – nicht anders unterstützen, als daß er sie mit Wild und Fischen unentgeltlich bewirthete. Darum schoß er jetzt auch Alles, was ihm auf seinem Reviere vor die Flinte kam, und warf keinen Aal, selbst nicht den kleinsten, mehr in’s Wasser zurück. „Dat is dat Letzte wat ick för Jü dohn kann,“ sagte er dabei mit ernster ahnungsvoller Miene, „denn de Krieg duhrt nich mehr lang un denn kummt de Dän wedder; mit Sleswig-Holsteen is et dann uut.“

Wohl ist er ein Patriot gewesen, warm und brav wie einer, aber weil er nur ein armer, einfacher Bauer war, steht sein Name nirgends verzeichnet!

Es war spät geworden, als wir aus dem freundlichen Jägerhause aufbrachen, um uns von Jörn über das Wasser rudern zu lassen. Stina und ihre Mutter begleiteten uns bis vor die Thür und baten mich, ja recht bald wiederzukommen, was ich von Herzen gern versprach. Jenseit des Gartens hatten wir noch eine kleine Strecke des Moors zu durchschreiten, ehe wir den Kahn besteigen konnten; dann aber ging es blitzschnell dem andern Ufer zu.

Wir sprangen an’s Land. Der Alte reichte uns die Hand und fragte mich, ob und wann er mich am andern Tage mit seinem Nachen hier erwarten könne, von wo es nur noch zehn Minuten nach Meggerdorf sei. Wir verabredeten uns auf vier Uhr Nachmittags, und mit einem freundlichen: „Goede Nacht!“ fuhr Jörn nach seiner Behausung zurück.

Ich schaute dem Schiffe noch eine Weile nach, bis mein Camerad mich mit dem prosaischen Ausrufe: „Jöttliche Aale, dahin jehen wir recht bald wieder“, dem Träumen entriß, in welches mich die eben verlebten Stunden versetzt hatten. Hurtig schritten wir nun dem Dorfe zu, und nach einer Viertelstunde meldeten wir uns bei unserm neuen Battericeommandeur.

Ein glücklicher Zufall wollte es, daß dies gerade ein Officier war, der mir früher Privatunterricht in der Mathematik ertheilt hatte. So war ich denn wenigstens nicht gänzlich fremd in meiner neuen Umgebung. „Gut, daß Sie kommen, lieber Freund,“ redete mich der Lieutenant an, „’s giebt hier eine famose Jagd, und da augenblicklich nur wenig zu thun ist, so können Sie, als guter Schütze, mich dann und wann auf meinen Pirschgängen begleiten.“

Ich erzählte hierauf meinem Vorgesetzten, daß ich soeben die Bekanntschaft Jörn Jäger’s gemacht hätte und auch von diesem zur Jagd geladen worden wäre. „Desto besser,“ entgegnete der Officier, „dann gehen wir zusammen. Der Alte ist ein braver Kerl und hat viel Muth; das ist auf unserer Jagd die Hauptsache.“ Ich sollte später den Sinn dieser Werte deutlicher verstehen lernen. Mein Quartier war ein schlichtes Bauernhaus in Meggerdorf. Schon lange pflegte sich der Preuße auf dem Lager, als ich von Johannisberg, wo mein Lieutenant lag, zurückkam. Auch ich suchte alsbald das Bett auf und entschlief rasch nach dem derben Marsche.

Am nächsten Morgen wandten sich meine ersten Gedanken dem trauten Jägerhause zu, und sobald ich meinen Dienst gethan hatte, trat ich den Weg nach dem Damme an, der von der Aue bespült wurde. Es war inzwischen vier Uhr geworden, und an der verabredeten Stelle harrte schon Jörn mit seinem Kahne, auf dessen hinterem Ende er in tiefem Sinnen saß. Unsere Begrüßung war die herzlichste, und bald hielt das kleine Fahrzeug am jenseitigen Ufer. „Mien Oolsch hätt hüt een gooden Braden moakt, un da schast Du, mien Söhn, duch eenmal recht vergnügt mit mi leben,“[5] hub der Alte fröhlich an, als der Kahn angebunden war und wir dem Hause zugingen. Er hatte mich unter den Arm gefaßt und schien so glücklich zu sein, als gälte es heute seinem eigenen Sohne ein Fest zu bereiten.

Wieder verlebte ich unter den einfachen Leuten einen gemüthlich-heitern Abend. Jörn erzählte viel von dem unglückseligen Kriege und hatte manches Zorneswort für die deutschen Regierungen, welche das theure Vaterland, für das sie zwei Jahre hindurch mitgefochten, jetzt so schmachvoll im Stiche gelassen hatten. Auch die Art der gegenwärtigen Kriegführung war gar nicht nach seinem Sinne, und mehr als einmal jammerte er über das unnütz vergossene Blut so vieler tapferen Soldaten.

Draußen tobte der Sturm und peitschte dicke Regentropfen gegen die Fenster. Schon Nachmittags hatte sich der Himmel umwölkt, und nun war das volle Unwetter hereingebrochen. Bei dem Winde war es unmöglich über das Wasser zu kommen. Was blieb also anders übrig, als bei einem recht heißen Glase Grog den Eintritt besseren Wetters zu erwarten? Aber immer wilder tobte der Sturm, und selbst die Wände des solid erbauten Jägerhauses begannen bedenklich zu wanken. Mit dem Rücken gegen den großen Kachelofen lehnend und aus einer kurzen Thonpfeife rauchend, fühlte ich mich bei dem wilden Tosen, das draußen herrschte, in der trockenen Stube nur um so behaglicher; ja ich ertappte mich auf dem stillen Wunsche, daß das Wettergraus noch recht lange anhalten möge.

Gegen elf Uhr ging Jörn hinaus, um nachzusehen, ob die Rückkehr nach Meggerdorf heute überhaupt noch möglich werden würde. Bald war er wieder bei uns, hing seinen Südwester auf und erklärte, ich müsse diese Nacht bei ihm bleiben, denn an eine Ueberfahrt sei heute nicht mehr zu denken. War mir dies nun in einer Beziehung ganz lieb, so ängstigte mich’s doch in anderer Hinsicht nicht wenig; im Falle eines nächtlichen Alarms hätte ich ja meine Batterie nicht erreichen können. Der Alte beruhigte mich jedoch darüber und versprach mir, in solchem Falle Alles zu wagen. Uebrigens, setzte er gleichzeitig in bestimmtem Tone hinzu, wäre an einen Angriff gar nicht zu denken. Er habe heute Morgen noch die Stellung des Feindes beobachten können. Der hätte sich weit zurückgezogen und die erste Feldwache fast zwei Stunden von hier aufgestellt. Ich hatte seit zehn Wochen in keinem Bette geschlafen; Stroh war das beste Nachtlager gewesen, das ich gehabt, und oft hatte die liebe Muttererde meine Matratze und die auf den Boden gestellte Pickelhaube mein Kopfkissen abgeben müssen. Auch diese Nacht gedachte ich mir im Zimmer ein Strohlager zurecht zu machen. Solche Ideen aber nahm mir Jörn schier übel.

[776] „Hüt, mien Jung, slöpst Du in mien Bett, Di daiht de Ruh’ grood nödig,“[6] sprach er.

Meine Einwendungen halfen nichts: Jörn bugsirte mich in sein großes Federbett. Das Licht verlöschte, und ich lag noch eine Weile wach und lauschend unter der schweren Decke. Noch hörte ich das Heulen des Sturmes, den klatschenden Regen und das Brausen der Wogen in ungeminderter Stärke. Endlich legte sich das Tosen. Nur noch dann und wann ein gellender Sturmpfiff, ein letzter Windstoß, leises Plätschern der Wellen und ein vereinzelter Regentropfen, der an das Fenster klopfte. Endlich Alles ruhig, Frieden ringsum. Ich schlief ein.

Als ich erwachte, stand der Jäger vor mir mit einem freundlichen „Gooden Morgen, na, häst good sloapen?“

Nachdem wir gefrühstückt hatten, packte er noch die besten Leckerbissen zusammen und nöthigte mir die Erquickung auf. Stina aber überreichte mir zum Abschied ein Fläschchen Schnaps und meinte treuherzig, ich solle doch jeden Abend kommen, denn in ihrer Einsamkeit wär’s ihnen Allen eine große Freude, wenn sie Abends mit mir zusammensitzen und plaudern könnten.

„Häst Recht, Stina,“ ergänzte der Vater, „he kummt ook nu jeden Dag to uns.“

Der Wind hatte sich gelegt, auch fiel kein Regen mehr vom Himmel. Drüben machten wir aus, daß er nun allabendlich mit seinem Kahne auf mich warten sollte. Und so kam ich jeden Morgen an den Damm, wenn er seine Aalkörbe aus dem Wasser nahm, und begleitete ihn auf seinem Rundgange und dann zum Frühstück nach Hause. Regelmäßig ruderte mich der Alte zurück.

Zwar lagen wir in Meggerdorf auf Vorposten, dennoch aber glich unser dortiges Leben völlig dem in einer Friedensgarnison. Sowohl die dänische als unsere Armee unternahmen nur selten noch eine Operation, und unbelästigt standen sich beide Theile scheinbar friedlich gegenüber. Dies machte es möglich, daß wir in dienstfreien Stunden uns allerlei Zerstreuung hingeben konnten. Ich benutzte meine Muße ohne Ausnahme zu meinem Besuche bei Jörn, mit dem ich auch schon einige Male auf die Jagd gegangen war. Einst hatte der gute Alte zufällig von mir erfahren, daß ich in der Regel Nachts zwischen zwölf und ein Uhr unsere Schanze visitiren mußte, in der wir einen Posten aufgestellt hatten. Und als ich meine nächste Runde machte, traf ich Jörn, der auf mich wartete und mir fröhlich seine Flasche zum Trunke darbot. Von da an fand er sich fast jede Nacht bei der Schanze ein. So lebte ich die angenehmsten Tage. Es war mir, als sei Jörn’s Haus meine eigene Heimath. Wie Eltern und Schwester betrachtete ich die lieben Leute, und ihnen galt ich als Sohn und Bruder.

Eines Abends hatte mich mein Vorgesetzter rufen lassen und mich beauftragt, auf den morgenden Tag mit Jörn Jäger eine längere gemeinsame Jagdpartie zu verabreden. „Sagen Sie dem Alten, er solle Kugeln mitnehmen, und besorgen Sie auch für sich den nöthigen Bedarf,“ schloß der Lieutenant.

Auf meine Erwiderung, daß wir ja nur Becassinen, Hühner und Hasen antreffen würden, mithin durchaus keine Kugeln brauchten, versetzte Jener: „Wir brauchen Kugeln, sage ich Ihnen, deshalb sorgen Sie dafür.“

Ich eilte zu Jörn Jäger, der mich schon längst erwartet hatte, und theilte ihm das Betreffende mit.

„Is doch een bannigen[7] Keerl,“ murmelte Jörn vor sich hin.

Ich frug, was es mit den Kugeln für eine Bewandtniß hätte, erhielt aber die kurze Antwort, daß ich das morgen nur zu früh erfahren würde. Nun ahnte ich wohl, daß es sich um eine Jagd in der unmittelbaren Nähe des Feindes handelte. Dies war auch in der That die Absicht des Lieutenants, der den Dänen gar zu gern dann und wann einen Kugelgruß hinüberschickte.

[788] Nachdenkend und schweigend saß Jörn heut an dem großen eichenen Tische in seiner Stube und trommelte ab und zu einmal mit den Fingern auf die Platte, als quäle ihn ein beunruhigender Gedanke.

„Du schast leeber morgen nich mitgahn,“ wandte er sich endlich an mich.

Ich stellte ihm vor, daß ich unmöglich zurückbleiben dürfe und dies auch unter keiner Bedingung thun würde, jetzt, wo ich gemerkt, daß Gefahr mit im Spiele sei. Er schien zu überlegen, dann stand er auf, ging auf seine Gewehre zu und nahm eins derselben herunter.

„Denn nümm aberst düsse Flint’ mit, mien Jung’, de schütt’ am besten,“[8] sagte Jörn, mir das Gewehr überreichend.

Es war eine herrliche Doppelflinte mit damascirten Läufen. Während ich meine Augen an der prächtigen Waffe weidete, ordnete der Alte Kugeln und Schrot, Pulver und Zündhütchen, damit es mir am andern Tage an nichts fehle. Spät erst kehrte ich nach Meggerdorf zurück. Schlafen konnte ich nicht. Ich hatte es ja dem lieben Jörn deutlich genug angemerkt, daß er nichts Gutes

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Die Gartenlaube (1863) b 789.jpg

Schleswig-Holsteinische Truppen beim Ausrathen des Mittagfleisches.
Lagerbild aus dem Jahre 1850; nach der Natur aufgenommen und auf Holz gezeichnet von dem Freiwilligen Schmidt in Lübeck.

[790] ahnte, und selten täuschte er sich in seinen Befürchtungen. Bei guter Zeit brachen wir am andern Morgen auf. Am Damme luden wir unsere Gewehre und zwar je den rechten Lauf mit einer Kugel. Selten hatte ich meinen Lieutenant so heiter, den alten Jäger dagegen noch nie so einsylbig gesehen. Unsere letzte Feldwache war passirt, die Hühnersuche begann. Bald stand ein Volk Hühner auf. Mehrere wurden erlegt, ich hatte eins angeschossen, das sich in der Nähe von Kropp niederließ, einem Dorfe, wo beständig feindliche Husaren postirt waren.

„Das müssen wir haben,“ rief der Lieutenant.

Jörn und ich stellten ihm indessen vor, daß wir dem Feinde doch nicht so nahe kommen dürften.

„Haben Sie Furcht?“ fragte mich mein Commandant etwas spöttisch.

„Keineswegs,“ erwiderte ich; „gehen wir denn vorwärts!“

Und der Marsch begann. Am äußersten Flügel, dem Feinde zunächst, schritt ich, in der Mitte der Lieutenant, ihm zur Rechten Jörn, der weniger das Feld absuchte, als vielmehr besorgt bald auf mich, bald auf das Dorf schaute. Schon waren wir ganz in der Nachbarschaft des Ortes und hatten im Falle einer Attaque den Rückzug nach dem naheliegenden Moore beschlossen, um uns hinter den dieses einfassenden Dämmen zu verbergen und von dort aus dem anrückenden Feinde eine Salve entgegenzusenden.

„Se koamt, se koamt,“ rief plötzlich unser guter Alter, „kumm’ man gau her, mien leeve Söhn!“[9]

Fünf dänische Husaren hatten unsere Verfolgung begonnen. Jörn zeigte mir den Weg, indem er rasch dem Bruche zueilte und erst hinter einem zweiten Walle seinen Platz einnahm, wohl wissend, daß die Cavallerie dort versinken mußte, wo der Fußgänger Mühe hatte, über den wankenden Boden zu gleiten. Der Lieutenant war schon an Ort und Stelle; ich aber hatte den weitesten Weg zu machen und war daher der feindlichen Reiterei allein noch sichtbar.

Am Rande des Moors angelangt, gewahrte ich zu meiner Linken in einer Vertiefung eine verlockend schöne grüne Ebene, die mich sofort den Augen des Feindes entziehen konnte. Ich schickte mich also an, hineinzuspringen. Jörn war allen meinen Bewegungen aufmerksam gefolgt. Eben, da ich zum Sprunge ansetzen wollte, kreischte er auf: „Herr Jeses, holl in!“[10]

Aber der Ruf kam zu spät, der verhängnisvolle Sprung ward vollführt, und – bis an die Schultern stak ich im Sumpf, keinen Boden fühlend und tiefer und tiefer sinkend. Ich versuchte, mich mit der rechten Hand auf mein Gewehr zu stützen, aber da ich keinen Grund fand, stieß ich dasselbe nur noch tiefer in den Morast. Verzweiflungsvoll griff ich mit der Linken nach einem dünnen Schlehenstrauch, dem einzigen Rettungsanker in dieser fürchterlichen Lage. Es war eine sogenannte Treibwiese gewesen, die mich zu dem Unglückssprunge verlockt hatte, und schon ward mir das Athmen schwer in dem dicken Moore, in dem ich versunken war.

Bereits ging mir der Sumpf bis zur Kehle, noch wenige Secunden vielleicht und die grüne Fläche hätte sich lachend über einem lebendig Begrabenen wieder geschlossen.

Die Todesangst ließ mich unter unsäglicher Anstrengung noch einen Hülferuf ausstoßen. Allein Jörn hatte diesen nicht abgewartet. Sowie er meinen Sprung bemerkte und die Husaren von unserer vermeintlich nutzlosen Verfolgung abgestanden waren, stürzte er, in Voraussicht der Katastrophe, zu der Unglücksstelle. Es war die höchste Zeit. Vorsichtig bückte er sich nieder, ergriff meinen Rockkragen und zog mich mit fast übermenschlicher Kraft wieder aus dem Sumpfe hervor.

Als er mich gerettet sah, wischte er sich den Angstschweiß von der gefurchten Stirn, und erst nach und nach trat ihm das Blut wieder in die Wangen, die leichenblaß geworden waren. Während ich mich durch eine kurze Rast zu erholen suchte, hielt Jörn treu Wache bei mir, und als er wahrnahm, daß ich außer einer durchnäßten und beschmutzten Kleidung kein Leid davongetragen hatte, funkelte sein Auge vor Freude. Ich wollte ihm danken. Er schloß mich aber in seine Arme und stammelte gerührt die Worte: „Wie wöhlen tosamen Gott danken, mien Jung’, denn ick harr dat nich erleben kunnt’, dat du versugen daihst.“[11]

Die Wasserpartie hatte mir nicht geschadet. Ich eilte darum andern Tags alsbald nach dem Orte, wo Jörn’s Kahn gewöhnlich anlegte. Aus voller Kehle rief ich seinen Namen, aber er erschien nicht, sondern Stina löste den Nachen und ruderte herüber.

„Wo is Vadder? frug ich besorgt.

Stina erzählte mir, daß er unwohl sei und zu Bett liege. Er hatte sich bei der gestrigen Tour erkältet. Wir tauschten jetzt die Rollen, und ich machte den Fährmann. Ich fand Jörn ziemlich ernstlich krank. Was war da natürlicher, als daß ich fast meine ganze freie Zeit an seinem Bette zubrachte? War er mir doch lieb geworden, daß ich wie um meinen eigenen Vater für ihn sorgte. Der Gram mochte übrigens eine Hauptursache seines Leidens sein. Die Gerüchte von der baldigen Auflösung der schleswig-holsteinischen Armee verbreiteten sich nämlich mehr und mehr und gewannen täglich an Glaubhaftigkeit. Doch sollte noch ein Begebniß Jörn’s verdüstertes Gemüth auf kurze Zeit wieder erheitern.

Jeder schleswig-holsteinische Soldat mußte eben durch Handschlag das feierliche Gelöbniß ablegen, bis zum letzten Blutstropfen für die heilige Sache des armen Vaterlandes auszuharren. Dazu kam die Nachricht, daß Baiern und andere Regierungen sich geweigert hätten, die vom deutschen Bunde zur Besetzung Schleswig-Holsteins bestimmten Truppen marschiren zu lassen. Damit hatte sich ein letzter Hoffnungsstrahl in das bekümmerte Herz des Alten gestohlen. Nun konnte sich ja mit einem Schlage noch Alles wenden! Armer Jörn, wie eitel sind alle diese unsere Hoffnungen gewesen! Wie bald stürzten unsere Luftschlösser zusammen!

Am späten Abend des 6. November erhielt ich durch eine Ordonnanz den Befehl, beim Lieutenant zu erscheinen. Ich meldete mich sogleich und empfing den Auftrag, am andern Morgen nach Rendsburg zu fahren, um daselbst verschiedene Gegenstände für die Batterie zu requiriren. Gleichzeitig theilte mir mein Commandant aber auch mit, daß ich nach einer soeben eingelaufenen Nachricht nicht mehr den gewöhnlichen Weg passiren könne, der Deich sei gebrochen, und es bleibe daher nichts Anderes übrig, als mich zwischen den Vorpostenketten durchzuwagen. Ich hatte am 7. November vor Jahren einmal ein lebensgefährliches Jagdabenteuer bestanden und betrachtete seitdem den Tag gewissermaßen als ominös. So konnte ich auch jetzt eine böse Vorahnung nicht loswerden.

Vom Schlafe war keine Rede. Ohnedies war es schon beinahe zwölf Uhr geworden; ich beschloß also, meine nächtliche Runde zu machen. Ein glücklicher Zufall wollte, daß Jörn nach langer Unterbrechung heut’ zum ersten Male wieder in seinem Kahne auf mich wartete. Stina hatte ihn begleitet. In rabenschwarzer Finsterniß schüttelten wir uns gegenseitig die Hände, dann reichte mir Jörn, wie üblich, seine Flasche zu. Natürlich erzählte ich dem lieben Alten sofort von der sicherlich nicht gefahrlosen Reise, die mir bevorstand, und meinte, der 7. November würde mir wohl wieder ein Unglückstag sein.

„Du dröffst[12] nich alleen gahn,“ flüsterte mir Jörn zu, damit es Stina nicht hörte, „um Klock söß töw’ ick morgen fröh hier ob di.“[13]

Ich wollte dem guten Alten etwas erwidern, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten, allein er hielt mir den Mund zu, und ich schwieg, um ihn nicht zu erzürnen. Noch ein Zug aus der Flasche, dann ein herzliches „Goode Nacht“. Jörn ruderte mit Stina zurück, während ich meine Runde beendete und nach Meggerdorf heimkehrte.

Am nächsten Morgen gegen sechs Uhr bestieg ich ein Bauernfuhrwerk und rollte dem Damme zu, wo ich Jörn treffen sollte. Er war schon am Platze, schickte den Fuhrmann zurück, schwang sich selbst auf den Wagen und nahm Zügel und Peitsche, um mir Führer und Kutscher zugleich zu sein. Kein Mensch kannte aber auch die ganze Umgegend so wie er, und da er außerdem von der Stellung des Feindes immer genau unterrichtet war, so konnte ich mich in keiner bessern Hut befinden. Wir erreichten unsere letzte Feldwache, und ich zeigte meinen Passirschein dem commandirenden Officier vor. Dann legte ich mich auf Jörn’s Anrathen der Länge nach in den Wagen, damit der Feind die Uniform nicht erblicke, und im gestreckten Galopp sausten wir ganz in der Nähe von Kropp vorüber, wo nach des Alten Aussagen wieder fünf Husaren die Wacht hielten, indessen einfache Bauernfuhrwerke niemals belästigten. Unangefochten kamen wir an die zweite Vorpostenlinie, wiesen hier wieder den Passirschein auf und fuhren dann im Schritt bis nach Rendsburg. [791] Meine Geschäfte waren bald abgethan, und ich eilte zu Jörn, der mich in einem Wirthshause erwartete. Finsteren Angesichts saß der Biedermann da. Er hatte ein Zeitungsblatt in der Hand und starrte wie versteinert darauf. Kaum hörte er meinen Gruß. Ich nahm das Blatt, um mich zu überzeugen, was Jörn so tief erschütterte. Aber auch ich war sprachlos vor Entsetzen! Der deutsche Bund verlangte, daß wir die Waffen strecken und den Bundestruppen, Oesterreichern und Preußen, die sich bereits auf unangefochtenem Marsche nach Holstein befänden, die Schlichtung unserer heiligen Sache sowie die Besetzung des Landes bis an die Eider überlassen sollten.

Das war freilich eine Nachricht, die Einen von Sinnen bringen konnte! Jörn verharrte in seinem Schweigen, und so sehr ich mich auf einem längeren Spaziergange durch die Festung auch bemühte, ihn aufzuheitern, – es wollte mir durchaus nicht gelingen. Die vorgerückte Zeit mahnte endlich zur Rückkehr. Es war halb sechs Uhr geworden, als wir Rendsburg verließen. Jörn fuhr wieder langsam bis zur äußersten Feldwache, dann aber schneller, um an der gefährlichsten Stelle abermals im Galopp vorüberzujagen.

Noch waren wir eine halbe Stunde außerhalb der Feldwache, als er plötzlich die Pferde durch einen kräftigen Riß zum Halten brachte. Mäuschenstill standen die Thiere, als hätten sie eine Ahnung, welche Gefahr uns bedrohte. Es war inzwischen stockdunkel geworden, aber Jörn’s scharfes Auge hatte sich doch nicht täuschen lassen. Er hatte sich gebückt und deutete mit der Peitsche vor sich hin. Ich richtete mich hinter ihm im Wagen auf und sah nun auch, wie sich etwa fünfzig Schritte vor uns mehrere Gestalten bewegten. Anfangs schien es, als marschirten sie gerade auf uns los. Die Pferde blieben ruhig wie zuvor. Näher und näher kamen die Gestalten, und jetzt erkannten wir an den hochgetragenen Gewehren, daß es eine feindliche Schleichpatrouille war. Das Herz klopfte mir hörbar, denn ich hatte von Rendsburg aus Befehle mitgebracht, die mit mir unbedingt in Feindeshand gefallen wären. Doch es sollte bei dem Schrecken bleiben. Die aus vier Mann bestehende Patrouille zog sich links über den Weg, und bald verschwand eine Gestalt nach der andern im Dunkel der Nacht.

Als wir nichts mehr wahrnehmen konnten, schien es Jörn an der Zeit zu sein, das Weite zu suchen. Mit einem tüchtigen Peitschenhiebe setzte er die Pferde in Bewegung, mich aber drückte er, fortwährend auf die Gäule loshauend, in den Wagen zurück. Er hatte richtig geahnt, daß der Feind, wenn er das Rollen unserer Räder hörte, uns eine kleine Begrüßung nachsenden würde. Kaum zogen die Pferde an, so folgten uns auch schon zwei Kugeln, die pfeifend über das Fuhrwerk hinwegflogen. Im Carriere erreichten wir nach kurzer Zeit die erste Feldwache wieder. Abermals verdankte ich also dem treuen Jörn Jäger meine Rettung!

Hatte er auch heute so eine rechte Herzenslust gestillt, indem ihm nichts größere Freude bereiten konnte, als dem Feinde einen Possen zu spielen, so war er darum doch nicht aufzurütteln aus seinem Trübsinne. Gleichgültig ließ er den Pferden ihren Lauf und saß gedankenvoll und schweigend auf dem Vorderbrete des Vehikels.

Endlich waren wir an Ort und Stelle. Mit Thränen im Auge, doch wortlos drückte mir Jörn die Hand zum Abschiede. Ich vermochte es nicht, ihn zu trösten, beschloß aber, ihn morgen früh wieder aufzusuchen.

Bei meiner Ankunft fand ich Jörn beschäftigt, seine Aalkörbe aufzunehmen. Er legte sie in den Kahn, um sie nicht mehr auszuwerfen. Wir fuhren hinüber zur traulichen Jägerwohnung. Wie hatte ich mich dort sonst so behaglich und heimisch gefühlt! Heute war Alles in stille Trauer versunken. Schweigend saßen wir stundenlang im Zimmer. Kein heiteres Wort unterbrach die feierliche Ruhe. Jörn, der ehedem seine Gäste mit seltenem Humor zu unterhalten wußte, hatte heute nur Seufzer, welche von seiner tiefen Niedergeschlagenheit kündeten. Ganz ähnlich vergingen die folgenden Tage. Jörn wurde immer einsylbiger und düsterer.

Schon setzten sich die einzelnen Truppentheile in Bewegung, um das Material abzugeben und aufgelöst zu werden oder Cantonnirungen in der Umgebung von Rendsburg zu beziehen. Wohl war uns Allen das Herz gewaltig schwer, allein in dem cameradschaftlichen Lagerleben, das sich uns noch einmal auf kurze Zeit erschloß, wurde dennoch dann und wann vergessen, was uns drückte, und mit der Elasticität der Jugend noch manche heitere, selbst fröhliche Stunde verbracht. Die nächsten Wochen schon sollten uns ja in alle Winde verstreuen, hinausjagen in das Exil, in die freudlose Fremde. Also wollten wir unser letztes Zusammensein noch nach Möglichkeit ausnützen und genießen.

Die alte Lager-Tagesordnung begann wieder. Ihren Glanzpunkt bildet das Mittagsmahl, trotz des Spätherbstes noch manchmal im Freien genossen. Ein großer Wasch- oder Braubottich, den man glücklich aufgestöbert hat, dient der Compagnie zum Kessel, und Rindfleisch mit Grütze oder Graupen müssen das stehende Diner herstellen.

Zum Glück war an Rindfleisch kein Mangel, aber so weltberühmt unsere holsteinischen Ochsenstücke sonst sind, die uns gelieferten Rationen machten ihrem Ursprunge keine große Ehre. Der Knochen gab es immer mehr, als der eßbaren Theile; deshalb hatten wir, um der Gerechtigkeit ihr Genüge zu leisten, das Abkommen getroffen, die Fleischportionen ausrathen zu lassen. Von jeder aus zehn Mann und einem Unterofficier bestehenden Abtheilung mußte sich einer umdrehen; der Unterofftcier spießte eine Fleischration auf eine Gabel und frug dann den uns den Rücken Zukehrenden, wer der Eigenthümer des Fleischstückes werden sollte, bis jeder sein Loos gezogen hatte.

Unser Bild, das der Stift eines Cameraden gezeichnet, führt ein solches Felddiner vor Augen, so wie wir es im Sommer auf frischem, grünen Rasen einzunehmen pflegten. Im Vordergrunde geht eben das geschilderte Ausrathen vor sich. Freilich passirt’s hier ebenso, wie im Leben überhaupt: der dem Rathenden zunächst Sitzende macht allerlei Anstrengungen, der Gerechtigkeit ein Schnippchen zu schlagen und sich auf Kosten der Cameraden in den Genuß von Extravortheilen zu setzen.

Doch der Befehl zu unserm Rückmarsche ließ nicht lange auf sich warten. Das war für mich einer der traurigsten Tage meines Soldatenlebens, und im Hause Jörn Jäger’s war es gar todtenstill. Nur Stina’s Schluchzen unterbrach zeitweilig das Schweigen. Ich selbst konnte mich der Thränen nicht erwehren. Jörn war in der kurzen Zeit des Kummers um sein geliebtes Vaterland sichtbar gealtert. Sein Haar schien mir grauer geworden zu sein, und die Wangen waren von tiefen Furchen durchzogen. Um sein Revier hatte er sich kaum noch gekümmert. Oft ging er wochenlang nicht aus dem Hause.

Die unglückselige Abschiedsstunde schlug. Von Meggerdorf marschirte unsere Mannschaft durch das Moor bei Jörn’s Hause vorüber auf Rendsburg zu. Der Wackere hatte uns mit seinem Kahne erwartet und fuhr uns nach einander hinüber. In seiner Wohnung stand für uns ein letztes Abschiedsmahl gerüstet. Ich aber konnte keinen Bissen hinabbringen. Hatte doch auch Keiner von Allen hier so glückliche Tage verlebt und den trefflichen Jörn Jäger so gut kennen gelernt als ich! Desto vortrefflicher schmeckte es aber dem guten Preußen, der zum letzten Male von den köstlichen geräucherten Aalen schmauste.

Als wir aufbrechen wollten, zog mich Jörn in sein Zimmer. Aus alten Tagen besaß er eine merkwürdige Repetiruhr, sein teuerstes Andenken, wie er mir selbst oft sagte. Nassen Auges griff er in die Tasche. Er drückte mir diese Uhr in die Hand, fiel mir um den Hals und stotterte mit halb erstickter Stimme: „Vergitt’ mi un uns man nich to bald, mien Söhn!“[14] Mit größter Mühe nöthigte ich ihm sein Kleinod wieder auf. Erst nachdem ich ordentlich bös zu werden drohte, gab er nach und steckte die Uhr wieder ein. Noch ein Kuß, ein Händedruck dem guten Jörn, der weinenden Stina und ihrer Mutter – und dann ging es fort – fort in die weite Welt.

Lange winkten sie mir Alle noch nach, bis ich ihnen endlich von einem erhöhten Punkte mit meinem weißen Tuche den letzten Gruß zuwehte. Das niedliche Jägerhaus war meinen Augen entschwunden. Ich habe seitdem Jörn und seine Familie nicht wiedergesehen.

Lebst Du noch, alter braver Jäger? Oder wächst schon längst Gras auch über Deinen Gebeinen?

Schläfst Du bereits den ewigen Schlaf, möchten dann die Worte, die Dir Einer gewidmet, dem die Feder nicht das gewohnte Rüstzeug ist, dazu beitragen, daß Dein Name fortlebe in der Geschichte unseres unglücklichen Vaterlandes, für das Du einst so viel gethan hast! Lebst Du selbst aber noch, Du biedrer Patriot, dann halte Deine Büchse bereit. So Gott will, ziehen wir für Volk und Vaterland und mit einem jubelnden Hurrah auf unsern Herzog Friedrich bald wieder zusammen auf die – Dänenjagd.

v. G.

  1. Indem wir unsern Lesern vorläufig eine „Erinnerung aus dem frühreren Schleswig-Holsteiner Kriege“ mittheilen, fügen wir gleichzeitig die Versicherung hinzu, daß die nöthigen Veranstaltungen getroffen sind, die kommenden Ereignisse in dem Lande des „verlassenen Bruderstammes“ durch Wort und Bild in der „Gartenlaube“ zur Darstellung zu bringen. Selbstverständlich werden wir unsere Leser nicht mit Berichten ermüden, die sie in den Zeitungen und Tageblättern schon zur Genüge gefunden.               D. Red.
  2. Kinder
  3. Wo soll das heute noch hingehen?
  4. Von Herzen gern, Jungens, aber erst will ich ein wenig essen, und dann müßt Ihr noch Einen trinken.
  5. Meine Frau hat heute einen guten Braten gemacht, und da sollst Du, mein Sohn, doch einmal recht vergnügt mit mir leben.
  6. Heut, mein Junge, schläfst Du in meinem Bett, Dir thut die Ruhe groß nötig.
  7. Tüchtiger
  8. Dann nimm aber diese Flinte mit, mein Junge, die schießt am besten.
  9. Komm nur schnell her, mein lieber Sohn.
  10. Herr Jesus, halt ein!
  11. Wir wollen zusammen Gott danken, mein Junge, denn ich hätte das nicht erleben können, daß Du ertränkest.
  12. Darfst.
  13. Um sechs Uhr warte ich morgen früh hier auf Dich.
  14. Vergiß mich und uns nur nicht zu bald, mein Sohn.