Johann Adolph Scheibe/Autobiografie 1740

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Textdaten
Autor: Johann Adolph Scheibe
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Titel: Scheibe
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Herausgeber: Johann Mattheson
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Erscheinungsdatum: 1740
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Erscheinungsort: Hamburg
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Originalherkunft:
Quelle: Grundlage einer Ehren-Pforte, woran der Tüchtigsten Capellmeister, Componisten, Musikgelehrten, Tonkünstler rc. Leben, Wercke, Verdienste rc. erscheinen sollen. Zum fernern Ausbau angegeben von Mattheson. In Verlegung des Verfassers, Hamburg, 1740, S. 310–315: Google
Kurzbeschreibung: Scheibes Autobiografie von 1740
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[310]

Scheibe.
*
(ex autogr.)


Johann Adolph Scheibens,

Marckgräfl. Brandenburg-Culmbachischen Capellmeisters,
Lebens-Lauff,

von ihm selbst entworffen.

Es ist keinesweges eine scheltenswürdige Eitelkeit, daß ich mir unternehme, die vornehmsten Umstände meines Lebens selbst zu entwerfen: es ist vielmehr das höfliche Ersuchen des berühmten Herausgebers der musikalischen Ehrenpforte, welches mich zu einem Entschlusse gebracht hat, den ich aus sehr viel Ursachen sonst nicht würde gefasset haben.

Sehr offt haben gewisse Zufälle, die uns in den jüngeren Jahren aufstossen, keinen gemeinen Einfluß in die folgenden Jahre. Leute, welche uns wohl ehmals gehasset haben, können uns, wenn man sich behutsam aufführet, zu einer andern Zeit wieder gewogen werden, und uns die grösten Dienste erzeigen. Zuweilen kan man auch dadurch, daß man gewisse merckwürdige Begebenheiten seines Lebens öffentlich bekannt machet, einige Personen, die daran Antheil haben, so starck aufbringen, daß sie nicht ruhen, biß sie uns gänzlich unterdrücket haben. Mir sind von dieser Beschaffenheit einige Exempel bewust, und ich könnte vielleicht von mir selbst einiges anführen, was dieses bekräftigen würde. Es ist dahero allerdings etwas bedencklich, wenn man seinen Lebens-Lauff gemein machen will, zumal, wenn man noch nicht dasjenige Ziel erreichet hat, nach welchem man rennet, und zu welchem zu gelangen, unsere eigene Kräffte nicht allein hinlänglich sind. Wer sein Glück zu machen suchet, hat doch allemal die Gewogenheit verschiedener Personen nöthig; am allermeisten soll derjenige dieses bedencken, welcher fast noch gar nicht weis, wo und auf was für Art er einmal sein Glück finden werde.

In Betrachtung dieser Warheiten, wird man mir auch nicht verargen, wenn ich einige wichtige Umstände meines nur noch kurtzen Lebens theils zu übergehen, theils nur überhaupt anzuführen gezwungen werde. Ich bin mir selbst diese Vorsorge schuldig Ausser dem aber bin ich auch noch niemals so rachgierig [311] gewesen, meine Feinde durch eine freye Erzählung dessen, was sie mir erwiesen haben, öffentlich zu beschämen. Indem ich aber ihnen diese Höflichkeit erzeige, so hoffe ich zugleich, daß sie vielleicht das Unrecht erkennen werden, daß sie mir etwa angethan haben; zumal wenn sie sehen, daß ich mir noch schmeichle, ihre Gewogenheit zu gewinnen, und daß mir selbst daran gelegen ist, so wohl mir, als ihnen, diese Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen.

Sachsen ist mein Vaterland, und das berühmte Leipzig meine Ge-Geburthsstadt. Daselbst bin ich im Jahr 1708. im Anfange des Maymonaths gebohren worden. Meine noch lebende Eltern sind Johann Scheibe und Anna Rosina Scheibin, gebohrne Heßin. Mein Vater hat sich sonst, durch seine gründliche Erfahrung in der Orgelbaukunst, sehr hervorgethan, und ist nun schon seit vielen Jahren Orgelmacher bey einer löbl. Universität zu Leipzig; wie er denn das grosse Orgelwerck in der Universitäts-Kirche daselbst, welches gewiß eines der grössesten und ansehnlichsten in gantz Deutschland ist, wiewohl unter vielen dabey vorgefallenen Verdrießlichkeiten, glücklich erbauet hat.

Diesen meinen Eltern habe ich also meine Geburth zu dancken. Und diese sind es zugleich gewesen, die mich zu den Gründen unserer Evangelisch-Lutherischen Religion, und zu allen andern einem jungen Menschen anständigen Beschäfftigungen angeführet haben. Ich hatte aber schon in meinem sechsten Jahre kein geringes Unglück, indem ich durch die Unvorsichtigkeit eines Jungens, der aus unserer Freundschafft und meinem Vater in seiner Werckstatt bedienet war, vermittels eines Bohrers, um mein rechtes Auge kam. Wiewohl es endlich noch so ziemlich wieder geheilet ward, daß mich der Verlust desselben nicht gänzlich verstellet hat, und daß ich solches, ob ich schon nichts damit unterscheiden kann, doch noch übrig behalten habe.

In meinem neunten Jahre fing ich an das Clavierspielen zu lernen; ich wurde aber nachdem sehr daran wieder verhindert, und ich war bereits über 14. Jahr alt, bevor ich solches auf gehörige Art fortsetzen konnte. Meine Neigung zur Musik ist aber schon von meinen ersten Jahren überaus starck gewesen. Ich kann mich noch erinnern, daß ich, von meinem sechsten Jahre an, keine Kirchenmusik, oder andere Gelegenheit, Musik zu hören, versäumet habe. Als ich auch nur einen gantz kleinen Anfang auf dem Clavier hatte, wollte ich schon comsponiren; ob ich schon noch nicht einmahl wuste, was solches auf sich hat. Dieser meiner natürlichen Neigung, die ich denn mit einem unermüdetem Fleisse verknüpfete, habe ich es auch eigentlich zu dancken, wenn ich einige Geschicklichkeit, in der Musik erlanget habe.

Mein Vater sandte mich in meinem eilften Jahre in Leipzig in die [312] Schule zu S. Nicolai, die ich denn sechs Jahr fleißig besuchte, und weil die Absicht meines Vaters war, daß ich mich mit der Zeit zur Rechtsgelahrtheit bequemen sollte, so war ich bemühet, mich zu allem demjenigen vorzubereiten, was einem jungen Studenten zu wissen nöthig ist, wenn er einmal die Lehrstunden seiner Professorn mit Nutzen besuchen und verstehen will. Bey meinen Nebenstunden aber übte ich mich sehr fleißig auf dem Clavier, und schaffte mir verschiedene musikalische Scribenten nach und nach an. Daraus bemühete ich mich, in Ermangelung eines Lehrmeisters, eine Einsicht in die Musik, vornemlich aber in die Composition, zu erlangen.

Mit Ausgang des 1725sten Jahres verließ ich endlich die Schule zu S. Nicolai, und ward unter dem Rectorate Sr. Magnif. Herrn L. Jenichens in die Zahl der academischen Bürger auf der Academie zu Leipzig gewöhnlicher massen eingeschrieben. Hierauf bemühte ich mich, die Absichten meines Vaters zu verfolgen, und war also gesonnen, mich auf die Jurisprudentz zu legen. Allein dieser Vorsatz ward gar bald unterbrochen, und ich muste mich zu etwas entschliessen, was ich vielleicht sonst nicht würde unternommen haben.

Mein Vater ward im Jahre 1726. ausserhalb Sachsen berufen, um in einem gewissen Fürstenthume einige Orgeln zu verfertigen. Man hielt ihm aber daselbst keinesweges das gethane Versprechen, er ward vielmehr nach und nach, durch die Betrügereyen eines gewissen Geistlichen, und durch andere damit verbundene Zufälle, in die äusserste Armuth versetzet. Dieses Unglück betraff mich am meisten mit. Ich ward dadurch verhindert, mich der Gelehrsamkeit so zu wiedmen, wie ich wohl sonst würde gethan haben. Denn, da es mir in Leipzig am genugsamen Unterhalt mangelte, und mich mein Vater gantz nicht unterstützen konnte, so ward ich durch diese Dürftigkeit, und durch verschiedene Reisen, die ich bald zu meinem Vater, bald wieder zurück thate, von meinen Vorsatze fast gantz und gar abgezogen. In diesen betrübten Umständen brachte ich bey nahe vier Jahre zu. Binnen dieser Zeit aber war ich nicht gantz ohne Beschäftigung. Ich besuchte, bey meiner Anwesenheit in Leipzig, die philosophischen Lehrstunden. Ich las für mich die dahin-zielende Schrifften. Und weil ich endlich einen ungemeinen Trieb zur Musik bey mir verspürte, so gab ich demselben gäntzlich nach, und fing an, mich mit dem grösten Fleisse auf diese holde Wissenschaft zu legen. Auf diese Art bin ich also zur Musik gekommen, und das ist die Gelegenheit gewesen, daß ich mich derselben gäntzlich gewiedmet habe. Ich werde diese Begebenheit allemal für die wichtigste in meinem gantzen Leben halten: weil sie mich eine Wissenschafft zu studiren bewogen hat, die mir nachdem ein ungemeines Vergnügen gewesen ist, und die mir alle Verdrieslichkeiten [313] meines Lebens nicht nur wircklich versüsset hat, sondern auch auf das angenehmste ertragen und überwinden helfen.

Nunmehro gehet eigentlich mein musikalisches Leben an. Denn, da ich die Musik sonst nur aus Lust, als ein Nebenwerck getrieben hatte, so war sie anjetzo mein Hauptwwerck geworden, und ich war also mit allem mögligsten Eifer bedacht, sie gründlich und vernünfftig zu verstehen und auszuüben.

Da es mir aber an lebendigen Lehrmeistern gebrach, so ließ ich mich von den Todten unterrichten. Dieses machte mir freilich sehr viel Mühe; allein die Geduld und meine Begierde überwanden alle Schwierigkeiten. Ich las also alles, was mir nur von den Schrifften der alten und neuern zu Gesichte kam. Ich machte mir daraus Regeln, und urtheilte darnach über meine eigene Arbeit von Jahre zu Jahre. Und da ich mich zugleich mitbestrebte, eine Einsicht in die Weltweisheit und ihre Theile zu erlangen, so erleichterte mir solches meine musikalische Bemühungen um ein grosses. Da ich auch nach und nach eine ziemliche Fertigkeit das Clavier und die Orgel zu spielen erlangte, mich auch bey allen Gelegenheiten öffentlich auf der Orgel übte; mich ferner um mancherley musikalische Stücke bewarb; die Partituren der grösten Componisten auf das fleißigste durchsahe, und mir die sonderbarsten und schönsten Sätze und Kunstgriffe anmerckte; und endlich keine Gelegenheit versäumte, allerhand Arten von Musik, und die Arbeiten verschiedener geschickten Männer zu hören: so vermehrte sich dadurch meine Einsicht mehr und mehr. Und da ich endlich zu allen diesen eine eigene tägliche Uebung in der Composition setzte, und beständig bemühet war, meine Unvollkommenheit zu verbessern: so lernte ich endlich, zu meinem nicht geringen Nutzen, die Schriften eines Matthesons, die alten Griechen, die Meibom und Wallis gesamlet haben, und dann andere nützliche Schriften verstehen und anzuwenden.

Mitten in dieser Beschäftigung war ich aber mehr gesonnen, einen Organisten abzugeben, als einmal durch die Composition mein Glück zu machen. Einige Kenner versicherten mich auch ihres Beyfalls, und ich hatte auch, über dieses noch, aus Erfahrung und Gewohnheit, von meinen ersten Jahren an, eine ziemliche Wissenschafft von der Orgelbaukunst erlanget: welches gewiß eine Eigenschafft ist, die, ungeachtet sie allerdings zur Geschicklichkeit eines jeden rechtschaffenen Organistens gehöret, dennoch die wenigsten Organisten besitzen. Ich machte mir also keine geringe Hoffnung, mit der Zeit ein Organist zu werden. Da mir aber durch die Falschheit und Verläumdung eines gewissen Mannes, der doch sein gantzes Glück meinem Vater zu verdancken hatte, und durch den Nachdruck seiner Freunde, bey einer gewissen Gelegenheit, ein Fremder vorgezogen [314] ward, den ich doch hernach in der Musik noch unterrichten muste; und einige Zeit nach dieser Begebenheit man mir ferner, bey der Bestellung eines andern Dienstes, einen andern, Vermöge der Schürtze, vorzog: so änderte ich auch endlich meinen Vorsatz, und beschloß nunmehr den Organisten gar zu vergessen; und mich hingegen in der Composition, und überhaupt in der Musik, desto fester zu setzen. Bey diesem Entschlusse bin ich auch schon seit sechs Jahren beständig geblieben, und binnen dieser Zeit habe ich nicht zwey oder dreimal die Orgel berühret.

Seit dem Jahre 1730, bis auf das Jahr 1735, ist meine geliebte Vaterstadt Leipzig beständig mein Auffenthalt gewesen. In diesen fünf Jahren habe ich daselbst, so wohl in der Composition, als auf dem Claviere, Unterricht gegeben, und auch mancherley so wohl starcke als schwache Musiken verfertiget, besorget und aufgeführet. Binnen dieser Zeit besuchte ich auch im Jahrmarck die Höfe zu Merseburg und Weissenfels. Endlich that ich in Ostern 1735. eine Reise nach Praag, um die Missen, mit aller ihrer Pracht, am Feste des heil. Nepomucenus zu hören. Daselbst hielt ich mich aber nur 14. Tage auf, und nachdem ich mein Verlangen gestillet hatte, so kehrte ich nach Leipzig wieder zurück. Den Winter darauf that ich eine Reise nach Gotha, und hielt mich daselbst den gantzen Winter auf. In Ostern 1736. ging ich von Gotha, über Sondershausen und Wolfenbüttel, nach Hamburg. Diese berühmte Stadt ist nun seitdem mein beständiger Auffenthalt gewesen. Ich habe aber allhier so wohl Freunde, als Feinde, gefunden. Unter den erstern habe ich sonderlich die Gewogenheit eines vernünftigen Mannes zu rühmen, die er mir bey allen Gelegenheiten erzeiget hat, und ich kann es nicht unterlassen, derselben dieses öffentliche Zeugniß abzustatten. Ich habe aber auch, binnen dieser Zeit, vermittelst meiner Schriften, die Bekanntschafft und den Briefwechsel verschiedener berühmten und gelehrten Männer erhalten; durch meine wenige Geschicklichkeit in der Musik aber habe ich mir auch die Gnade gewisser grosser, und erhabener Personen erworben.

Die Gnadenbezeugungen, die ich von Sr. Hochwolgeb. Excellentz, dem Herrn General-Leutenant von Amthor, der ein Bruder des berühmten deutschen Dichters dieses Nahmens ist, seit einiger Zeit genossen habe, und die gnädige Vorsorge, die mir Dieselben beständig bewiesen, wie auch das gnädige Gefallen, das Seine Hochreichsgräfl. Excellentz, der Hr. Graf von Ysemburg, an meinen musikalischen Arbeiten gefunden haben, sind es insonderheit, denen ich allhier nicht wenig zu verdancken habe. Dadurch ist mir der Weg eröfnet worden, die hohe Gnade eines grossen Fürstens zu erlangen, in dessen Diensten ich mich anitzo mit Vergnügen befinde. Sr. Hochfürstl. Durchl. Friederich [315] Ernst, Margraf zu Brandenburg-Culmbach, haben mich nemlich in diesem Jahre zu Dero wircklichem Capellmeister gnädigst ernennet, und mir die Bestallung hierüber ausfertigen lassen.

Ich habe nunmehro noch mit wenigen meiner theoretischen und practischen Arbeiten zu gedencken. Zu den erstern gehöret der critische Musikus. Der erste Theil dieser Schrifft ist im Jahre 1737. und 1738. heraus gekommen, und bestehet aus sechs und zwantzig einzelnen Stücken; einer Zuschrifft; Vorrede; einem Register und Anhange. Der zweete Theil desselben ist in diesem 1739sten Jahre angefangen worden, und nunmehro bey nahe auch vollführet: er wird 52. Stücke in sich begreiffen. Ferner ist in diesem Jahre noch von mir heraus gekommen ein kleiner Tractat, welcher den Titel, einer Abhandlung von den musikalischen Intervallen und Geschlechten, führet. Von practischen Arbeiten habe ich zwar noch niemals etwas durch den Druck bekannt gemacht; es sind aber derselben eine ziemliche Menge von mir verfertiget worden. Mehr, als 150. Kirchenstücke, in einer Zeit von 6. oder 7. Jahren; mehr, als 150. Concerten für die Flöte; und mehr, als 30. für die Geige; mehr, als 60. biß 70. Sinfonien; ohne Claviersachen, oder andere Vokal- und Instrumentalarbeiten: nemlich, an Trios, Solos, italiänischen und deutschen Cantaten und dergleichen zu rechnen, sind in eben dieser Zeit von mir gesetzet worden. Hierzu kommen noch einigen starcke Serenaten und Singgedichte, die ich bey unterschiedenen Begebenheiten gemacht habe, ein Paar starcke Passions-Oratoria, und eine Oper; welche letztere aber nicht aufgeführet werden konnte: weil die Opern allhier in Hamburg eben zu der Zeit eingingen, da sie zum Vorschein kommen sollte.