Joseph von Lassberg an Johann Caspar Zellweger

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Textdaten
Autor: Joseph von Lassberg
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Titel: Lassberg an Zellweger
Untertitel:
aus: Briefwechsel zwischen Joseph Freiherrn von Lassberg und Johann Caspar Zellweger, S. 72–74
Herausgeber: C[arl] Ritter
Auflage:
Entstehungsdatum: 1. Juli 1825
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Huber & Comp.
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Erscheinungsort: St. Gallen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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Bild
Lassberg zellweger martina 1.JPG
Bearbeitungsstand
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[72]
38. Lassberg an Zellweger.

Ich hoffe, dass es nicht Krankheit seie, was Sie, mein verertester Freund! verhindert hat, versprochener massen gestern in der Villa Epponis einzutreffen; das Wetter war so schön, dass ich mich schon frühe vor Mittag auf den Weg machte, um Sie recht bald zu begegnen; allein ich musste one Sie in meine Klause zurükkeren, noch bis abends wagte ich immer auf Ire Ankunft zu hoffen, nun aber habe ich darauf Verzicht getan.

.... Kommende Woche bin ich gesinnt, meine Schwieger-Tochter in Gais zu besuchen; wenn das Wetter es erlaubt, möchte ich Sie, mein teurer Freund! dann auch dort antreffen! Bei meiner Ankunft in Konstanz fand ich eine alte Pergamenthandschrift, [73] aus welcher mir abermal ein noch unbekannter schwäbischer Dichter des 13. Jarhunderts sich kund gab; er heisst Hugo von Langenstein, aus dem Höwgau, und war Teutschordens-Ritter. Dieser fromme Bruder dichtete im Jare 1223 über 30,000 Verse von dem Märtyrtum der Jungfrau Martina. Arnold von Langenstein schenkte im Jar 1282 die Insel Maynau samt mereren Besizungen, mit Bewilligung der Abtey Reichenau, von welcher sie zu Lehen ging, dem teutschen Orden; eine Sage unter dem Volke, die vor 30 Jaren noch im Gange war, erzält die Sache auf eine andere Weise. Ein Fräulein von Bodmann liebte einen jungen Ritter von Langenstein und wollte sich mit im vermälen, als eben ein Kreuzzug ausgerufen und gepredigt ward (warscheinlich der lezte von 1315), und der Ritter von Langenstein aus Frömmigkeit und Pflichtgefül sich entschloss, denselben mitzumachen. Er fiel in Gefangenschaft der Sarazenen und tat das Gelübte, in einen geistlichen Ritterorden zu treten, wenn er wieder frei würde; dies geschahe und er hielt sein Wort. Trostlos war das arme Edelfräulein, als sie den Freund ires Herzens in dem weissen Mantel mit dem schwarzen Kreuze erblikte; auch sie entschloss sich, ehelos zu bleiben und um irem Geliebten einen auch über ir Grab hinaus reichenden Beweis irer Liebe und Treue zu geben, vermachte sie seinem Orden die schöne Insel nebst dazu gehörigen Gütern, unter der Bedingung, dass der Ritter von Langenstein daselbst Komthur werden solle. Wirklich erscheint um das Jar 1319 einer von Langenstein als der sechste in der Reihe der Komthure zu Maynau. Schade, dass es nicht der im Jar 1223 dichtende Hugo von Langenstein sein kann! Ich sende Inen hir das Büchlein des Herrn Leichtlen[1], welches Sie, wie ich hoffe, unterhalten wird, da es unter vielem Neuem einiges Gute enthält. Können Sie mir die von dem verstorbenen Pfarrer Fuchs abgeschribenen Fabeln, welche Sie mir bei meiner lezten Anwesenheit in Trogen zeigten, auf einige Zeit leihen, so würde es mir ser angenem sein, besonders wenn Sie die gütige Erlaubniss hinzufügen wollten, selbe abschreiben und einst benuzen zu dürfen, was ich one ire ausdrükliche Bewilligung nicht tun würde. Ich habe wirklich einen Codex picturatus der Bonerschen Fabeln aus der öffentlichen Bibliotheke [74] zu Basel vor mir, und es wäre mir interessant, Fuchsens Apographum in Bezug auf die Sprache damit zu vergleichen. Von Herrn Pfarrer Kirchhofer fand ich auch einen Brief zu Hause, er trägt mir auf, Inen, wenn ich Sie sehe, viele Empfelungen auszurichten, und macht mir Hofnung, in diesen Sommer hier zu sehen. In Nürnberg wird mit dem August dieses Jares anfangend die Kunstsammlung des verstorbenen Hauptmanns von Derschau versteigert, darin kommen 72 alte Glasgemälde vor, unter welchen merere vorzüglich schöne von dem Stand Appenzell, besonders Ausser-Rhoden, und Appenzellischen Privaten; einige nach Holbeinischen Zeichnungen. Diese Gelegenheit, solche Kunst-Schäze wider ins Land zu bringen, kömmt wol nicht wider. Sie würden besonders dem neuen Pfarrhof zu Trogen zu einer bleibenden Zirde dienen. Hat Herr Oberst Honnerlag[2] keinen Katalog dieser Sammlung erhalten, so will ich Inen den meinigen schiken. Vielleicht findet die Appenzellische Vaterländische Gesellschaft etwas für sie brauchbares darin. Können Sie diesen in der höchsten Eile geschriebenen Brief nicht lesen, so sei dies die Strafe für Ir Ausbleiben; aber Sie werden nicht viel dabei verlieren. Leben Sie wol, aufrichtig geliebt und verert von Irem

ergebensten
J. V. Lassberg.     
Eppishausen, am 1. Juli 1825.

  1. Ernst Jul. Leichtlen, bad. Archivrat in Freiburg, geb. 1791, gest. 1830. Seine Arbeiten beschäftigen sich vorzüglich mit der Geschichte Badens. Vergl. Weech, Bad. Biographien, II, 16.
  2. Honnerlag, Joh. Konr., geb. 9. Juni 1777, gest. 14. Mai 1838. Er war Zellwegers Freund, ein eifriger Sammler von Kunstwerken, besonders Kupferstichen und Gemälden, Besitzer einer reichen Bibliothek, die mit den Bibliotheken Zellwegers und Freys heute die Gemeindebibliothek in Trogen bildet. Wahrhaft grossartig sind die Schenkungen und Vermächtnisse dieses seltenen Mannes an Gemeinde, Kirche und Schule in Trogen; besonders erwähnt sei ausser der Bibliothek nur das prachtvolle Pfarrhaus, ohne Zweifel das schönste der Schweiz. Mit ihm starb der letzte seines 1671 aus der Grafschaft Lippe eingewanderten, 1679 ins Appenzeller Landrecht aufgenommenen Geschlechtes in Trogen.

Anmerkungen (Wikisource)

Zur Mainau-Sage (spätere Version: Insel Mainau) siehe den Aufsatz Schwabensagen von Klaus Graf (online). Gedicht von Gustav Schwab: Die Maid von Bodmann.