Jugendleben und Wanderbilder/Band 2 Gerhard von Kügelgens Portraits von Goethe, Wieland, Schiller, und Herder

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von: Johanna Schopenhauer
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[263]
Gerhard von Kügelgens Portraits
von
Goethe, Wieland, Schiller und Herder.


Fragment 1809.

Gerhard von Kügelgen verlebte diesen Winter zwei Monate in Weimar und benutzte diese Zeit, um die vier Portraits[WS 1] zu beginnen. Er schickte sie kürzlich vollendet hierher, seinen und der Kunst Freunden zur Freude, zur Beurtheilung, kurz zum Anschauen. –

Goethe ist auch hier, wie auf allen Gemälden, die ich noch von ihm sah, fast ganz en face genommen. Nach der rechten Seite, von welcher das Licht einfällt, ist der Kopf ein ganz klein wenig gewendet, so auch der Körper; er blickt gerade zum Bilde heraus, das dunkele Haar ist nur leicht durchgekämmt und läßt die Stirn ganz frei; es ist nicht gelockt, aber doch weich, wellenartig, obgleich es etwas in die Höhe strebt. Aber wie Dir das geschickt beschreiben? [264] Seine Züge kennst Du, Jeder kennt sie, denn alle Portraits von ihm sind in dieser Hinsicht nicht ohne Aehnlichkeit.

Unserm Künstler gelang, was noch keinem in diesem Grade gelungen ist, er faßte einen glücklichen Moment auf und hielt ihn fest, mit Einfachheit, Wärme und Klarheit. Goethe spricht nicht, aber er hat eben gesprochen und ist im Begriff zu antworten, was er hört, freut ihn, er hat den Sprecher lieb, aber er ist nicht ganz seiner Meinung. So wollte ihn uns der Künstler geben, den höhern Menschen unter Menschen, nicht den schaffenden Geist in der Stunde der Begeisterung, und doch sieht man es dieser prächtigen Stirn, diesen Augen an, wie alle die großen und lieblichen Gestalten, die er hervorrief, ihn umschweben, und wie er im hohen Bewußtsein sich ihrer freut.

Die Behandlung des Bildes ist, wie wir sie von diesem Künstler gewohnt sind, ausgeführt ohne Aengstlichkeit, lebendig und reich an Farben, ohne bunt zu sein. Warm und kräftig ist das Colorit, wie es das Original fordert, die Draperie sehr schön, die Wäsche höchst zierlich und sauber; ein einfacher, schiefergrauer Rock, das breite Band des Annenordens sieht halb daraus hervor, so auch der Stern auf der rechten Seite, den ein schöner grüner, mit purpurrothem [265] Sammet gefütterter Mantel halb bedeckt. Im Knopfloch ist das Band der Ehrenlegion sichtbar, der Mantel sinkt von beiden Schultern ein wenig zurück und ist vorn über einander geschlagen, das Unterfutter fällt breit über, besonders an der linken uns zugewandten Seite, und macht einen prächtigen Effekt. Sehr geschickt hat der Künstler die drei brennenden und doch unter sich verschiedenen Farben der rothen Bänder und des Sammets so zu stimmen gewußt, daß sie einander nicht Schaden thun, so wenig als die Orden der hohen Würde und Einfachheit des Ganzen. Der Grund ist bläuliche, ins Röthliche spielende Abenddämmerung; um doch auch etwas zu tadeln, muß ich bemerken, daß ich ihn gern einen Ton wärmer sehen möchte. Das Ganze ist ein in aller Hinsicht erfreuliches Bild, und werth der Nachwelt zu zeigen, in welcher Gestalt dieser Genius unter uns wandelte.

Jetzt zu Schiller. Der Künstler sah ihn nur einmal im Leben, vor langer Zeit. Außer einer schönen Marmorbüste von Dannecker[WS 2] giebt es kein ganz ähnliches Bild von Schiller. Die meisten sind zu krank und zeigen ihn unter dem Drucke körperlicher Leiden, die dieser hohe Geist weit edler zu tragen wußte als es dargestellt wird; übrigens theilt er auch [266] hierin Goethe’s Schicksal, daß keines dieser Portraite ganz unähnlich ist.

Der Künstler benutzte nur die Büste und Beschreibungen, von Schillers innigsten Freunden ihm gegeben; dazu leitete eignes Gefühl ihm die sichere Hand und er hat ein Wunder hervorgebracht. Nach dem Urtheile Aller, die Schillern genau kannten, sogar nach dem seiner Gattin, ist dies Gemälde das einzig befriedigende, es sind nicht nur seine Züge, sondern sein eigenstes Dasein strahlt auch daraus hervor. Der Kopf steht fast ganz im Profil, nur wenig sieht man von der linken Augenbraune. In dieser Stellung tritt am vortheilhaftesten die Adlernase unter der gewölbten bilderreichen Stirn hervor. Der Uebergang von der Nase zum schön geformten Munde herab bis ans Kinn ist höchst ähnlich und unbeschreiblich lieblich. Im blauen Auge strahlt gemildertes Feuer, doch sieht man, daß dies Auge auch blitzen kann, und daß es jetzt nur ruhend in dämmernde Ferne blickt. So sah Schiller aus, wenn er eins seiner unsterblichen Lieder gesungen hatte, und nun, den Nachklang im Herzen, unter seine Lieben trat; noch schweben die Göttergestalten vor seinem Blick und sein Mund will sich zur freundlichen Anrede öffnen. Er ist etwas jünger und weniger leidend, [267] als er kurz vor seinem Hinscheiden war, und dies ist vom Künstler zart gefühlt. Warum sollte uns ewig der Anblick des Hinwelkens verwunden? Auch das Colorit ist nicht krank, nur zart, und eine sanft angeflogene Röthe färbt ein wenig die sonst blasse Wange. Das ins Rothe fallende Haar ist durchgepudert, in großen wellenförmigen Massen lockt und biegt es sich, so wie Schiller es trug, weich und seiden. Er trägt einen hellbraunen, ins Gelbliche spielenden Rock mit dunkelem Sammetkragen, nur Wenig von der blau und weiß gestreiften Weste erscheint aus dem zugeknöpften Rocke, das Halstuch ist leicht geknüpft; das Ganze hat einen Anstrich ungekünstelter Nachlässigkeit. Auf der abgewandten linken Schulter hängt ein scharlachrother Mantel, der unterm rechten Arm durchgeht und vorn zusammen gehalten wird. Der Grund ist wie auf Goethes Gemälde; auch von der Behandlung kann ich nur das oben Gesagte wiederholen.

Wende Dich gleich mit mir zu Herder’s Bildniß, auch hier konnten nur einige nicht gerathene Portraite, zwei Büsten von Klauer und Weiser, und eigne Ahnung den Künstler leiten, nächst dem, was die nachgebliebenen Freunde Herder’s ihm noch durch Beschreibungen andeuten konnten, und wunderbar [268] traf er auch hier das Rechte. Nach dem Urtheile Aller, die Herder kannten, ist dies Portrait bei Weitem das ähnlichste von allen, die je von ihm gemacht wurden, selbst seine Wittwe und Tochter sahen es mit wehmüthiger Freude und erkannten es an. Nur diese hellen, schön geschweiften Augen waren in der Natur durch Krankheit lange Zeit verdunkelt, er litt an einer Augenkrankheit, dies trübte den Blick und zog die Augenlieder herab; aber mußte Kügelgen uns die Krankheit malen? Nein, so blickte Herder in gesunden Tagen, und so gab ihn uns der fühlende Künstler. Von allen läßt dies Bild sich am wenigsten beschreiben, es ist so einfach, so voll Wahrheit, Du mußt es sehen, oder Du erfährst nichts davon; die herrlich gewölbte, im hellsten Licht fast verklärte Stirn, welche Gedanken mußten in diesem Tempel hausen! Die braunen lebensvollen Augen blicken unter den gewölbten dunkeln Augenbraunen hervor, als sähen sie in ein besseres Land; auf diesen Lippen thront die Beredsamkeit. Sie geben uns Griechenlands und Spaniens Gesänge und das Lebensreichste aller Zeiten.

Das Bild ist mit eben der Liebe gemalt, als die andern; Stellung und Anordnung sind höchst einfach und das Ganze spricht zum Herzen, wie Herder einst [269] selbst. Der hochgewölbte Scheitel ist ganz kahl, an den Seiten schlägt das bräunliche versilberte Haar sich über dem Ohr zum Nacken leicht in Locken, in geistliche Locken möchte ich sagen, denn sie bezeichnen deutlich den Stand, zu welchem Herder gehörte. Ueber ein schwärzlich graues Kleid, unter welchem sich nur wenig von einer lilla Weste zeigt, schlägt sich ein dunkler, bläulicher Mantel mit breit übergeschlagenem Unterfutter von violetten Sammet. Der Grund ist wie bei den andern Gemälden, der Ausdruck des Ganzen, himmlische Liebe und Trost.

Meinen Liebling habe ich mir zuletzt gespart, denke nur nicht in Deinem argen Sinn, daß ich mich deshalb zu den Grazien drängen will. So muß das Alter dargestellt werden, wenn wir alle Lust bekommen sollen alt zu werden, oder was noch mehr sagen will, darüber trösten sollen, daß wir alt sind. Liebenswürdigeres läßt sich nichts denken, als Wieland in diesem sprechend ähnlichen Bilde ist. Wie schön steht das schwarz sammetne Käppchen über den silbernen seidenen Locken, über der verklärten Stirn zu dem schwarzen Kleide und dem zierlich ausgemalten, brillantenen Annen-Orden an dem rothen Bande um den Hals! Es giebt ihm das Ansehen eines gefürsteten Prälaten, und doch sieht man gleich mit einem [270] Blick in dieses Gesicht, daß sein Reich nicht unter jenen ist. Die breite, hohe Stirn, die geistreichen bläulichen Augen, die so voll Huld, so großväterlich uns anblicken, daß keine Falte unsers Herzens ihnen verborgen bleiben könnte, der lächelnde Mund, der Ausdruck des Ganzen, wer beschreibt das? Er sieht Amanden und Psyche, Musarion und alle seine holden Schöpfungen vor sich im leichten Tanze schweben, und unter ihnen liebe Gestalten, die seine Jugend und sein Alter umgaben und noch umgeben. Wahrheit und Dichtung werden ihm eins, halb schon dieser Welt und ihren beengenden Sorgen entrückt, sieht er nur ein leichtes lustiges Jugendspiel und nickt ihm Beifall zu.

Die Kleidung habe ich Dir schon beschrieben, sie ist einfach, würdig und zierlich, der Grund fällt mehr ins Grünliche, und stimmt schöner als bei den andern Bildern zum Ganzen. Der Kopf ist etwas gegen die rechte Seite gewendet. Das Licht fällt gerade in der Mitte auf die Stirn herab, so daß sich der Schatten auf beiden Seiten vertheilt.

Nun weißt Du Alles, was ich von diesen mir unvergeßlichen Bildern sagen kann, möchte ich nur eine Ahnung von ihrem Werthe und der Freude, die ihr Anschauen mir gewährte, Dir gegeben haben! –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Drei dieser Porträts finden sich auf Commons: Goethe, Schiller und Herder.
  2. Johann Heinrich Dannecker (* 15. Oktober 1758; † 8. Dezember 1841)