Jugendleben und Wanderbilder:Band 1:Einleitung

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Johanna Schopenhauer: Jugendleben und Wanderbilder
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Kapitel 1
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Einleitung.


[1] Où vont tous ces voyageurs?
Ils vont où va toute chose,
Où va la feuille de rose
Où va la feuille de laurier!

Schon unzählige Male, in Versen wie in Prosa, ist bis zum Ueberdruß der Menschen Leben einer Reise verglichen worden; die zwischen beiden obwaltende Aehnlichkeit drängt sich unwiderstehlich Jedem entgegen, und auch ich weiß dieses Vergleichs mich nicht zu erwehren, obgleich ich, eben seiner Vortrefflichkeit wegen, mich seiner schäme.

Da stehe ich nun, zwar etwas reisemüde, aber übrigens doch mit frischem Sinn und voll innerer Lebenskraft auf der Höhe der letzten Station vor dem Ziele. Ich blicke noch einmal hinab auf den zurückgelegten langen Weg, auf die lieblichen Thäler, die ich durchwandelte, auf die steilen dornigen Felsenpfade, durch die ich mich winden mußte; zwar will ein wunderbar weiches, aus Freude und Leid zusammengesetztes [2] Gefühl bei diesem Rückblicke sich meiner bemächtigen, doch bin ich im Ganzen wohl zufrieden, so weit gelangt zu sein.

Als vor sechzig bis siebenzig Jahren von Eisenbahnen und Chausseen noch gar nicht die Rede war, und Klopstock seiner um ihn bangenden Cidli aus der Ferne die tröstenden Worte zusang:

»Cidli, Du weinest, und ich schlumm’re sicher,
»Wo im Sande der Weg verzogen fortschleicht –«

Damals freilich schlich auch das Leben so langsam gemächlich mit dem Menschen dahin, wie Klopstocks Wagen im Sande; einige kleine, unterwegs nicht zu vermeidende Püffe abgerechnet, kam man, halb im Traume, ehe man sich dessen versah, an das uns Allen gesetzte Ziel, dem noch Keiner jemals ausgewichen ist.

Im wirklichen wie im figürlichen Sinne, wie ist doch das Alles in dieser letzten Zeit, in welche die bei weitem größere Hälfte meines Daseins gefallen ist, so ganz anders geworden! Mit verdreifachter und vervierfachter Schnelle gehen Leben und Reisen, in Eilwägen und auf Dampfschiffen vorwärts, sogar die Stunden galopiren. Was aus Armen und Beinen, besonders aber aus den Köpfen werden wird, wenn erst die Eisenbahnen die ganze Erde wie ein [3] Netz umziehen, und vollends Herr Green den Plan ausführt, in Zeit von drei Tagen mit seinem Luftballon nach Amerika überzusetzen und im Verlauf einer Woche die Welt zu umkreisen, das freilich ist eine Schwindel erregende Frage, deren Lösung nur die Zeit gewähren kann. Ob die Reisenden bei ihrer Heimkehr von ihren Erfahrungen soviel werden zu erzählen wissen, als ihre langsamer fortschreitenden Vorgänger, ist ebenfalls sehr zu bezweifeln, doch steht zu hoffen, daß sie in keinem Falle minder unterrichtet zurückkommen werden, als der größte Theil der englischen sogenannten Touristen, welche jetzt schaarenweise in der Welt umherziehen.

Erzählen! Des Alters liebste Unterhaltung; und warum sollte sie es nicht sein? »Daß jeder Narr jetzt seine eigne Geschichte hat, das eben ist keine der geringsten Plagen der jetzigen bösen Zeit,« seufzte freilich einst Göthe, als einige, übrigens ganz vortreffliche Personen, wenige Tage nach der Schlacht bei Jena, in etwas ungehöriger Breite von ihrem während derselben und den ihr unmittelbar folgenden drei Plünderungstagen erlittenen Drangsale uns unterhalten hatten; auch ich habe manches aus meinen früheren Erlebnissen, das ich gern mittheilen möchte, doch Göthe’s Ausspruch klingt abschreckend [4] genug, um wenigstens einiges Bedenken dabei zu erregen.

Ein im Unmuth ausgestoßenes Wort macht indessen doch noch kein Gesetz, auch kann man ein Buch, das nicht unterhält, leichter zuschlagen, als langweilige Schwätzer zur Thür hinausführen!

Nach der dem siebenjährigen Kriege nun folgenden dumpfen Ruhe fiel mein Leben in eine sehr ereignißreiche Zeit, und von dem ersten im Jahre siebenzehnhundert und fünf und siebenzig in Philadelphia erfolgten Aufstande der Amerikaner bis auf den heutigen zwei und zwanzigsten Januar des Jahres achtzehnhundert und sieben und dreißig, an welchem der unerwartete Ausspruch der Straßburger Jury über die Empörer, zu Gunsten des Prinzen Louis Napoleon, die vielbesprochene Tagesneuigkeit ist, hatte ich Zeit und Gelegenheit zum Ueberfluß, um manches zu sehen, zu erleben, zu bemerken, was nicht allein meiner eignen Erinnerung, sondern auch der Mittheilung nicht ganz unwürdig sein dürfte.

So sei es denn gewagt! Vielleicht gelingt es diesen meinen Erinnerungen aus meiner langen Lebensreise, sich eine nicht minder günstige Aufnahme zu erwerben, als sie meinen früheren, auf kürzeren Reisen gesammelten Erfahrungen geworden ist. Auch liegt [5] gewissermaßen in dieser Art von Wiedererleben des längst Vergangenen ein eigner anziehender Genuß; dem Schmerzlichen darunter hat die Zeit den verwundenden Stachel abgestumpft, und welcher Seefahrer gedächte nicht gern früherer überstandener Stürme! Die glücklicheren Tage hingegen, besonders die der Kindheit, erscheinen uns im verklärenden, Alles verschönenden Schimmer der sonnigsten Ferne.

Auch muß ich gestehen, ich wünsche durch diese meine Selbstbekenntnisse jenen oberflächlichen Biographien zu entgehen, die, bei seinem Erlöschen, jedem nur einigermaßen bekannten Schriftstellerleben drohen, und mit Hülfe einiger von indiscreten Freunden und Bekannten leicht zu erhaltenden Briefen, Notizen und Anekdoten sich schnell zusammen bringen lassen, wenn gleich die Verfasser derselben während der Lebenszeit des Gegenstandes ihrer Bemühungen, in keine Art von Berührung mit demselben jemals gestanden. Wahrscheinlich beabsichtigen sie nur zur Verewigung seines Namens beizutragen, mir aber erscheinen diese Herren wie Leichenfrauen, welche in Ausübung ihres Amtes den Todten, dessen Wiederbelebung nicht in ihrer Macht steht, wenigstens zum letztenmal mit traurigem Flitterstaat aufputzen, ehe er völlig dem Dunkel des Grabes anheimfällt. Und [6] wer, so lange Sonne und Mond ihm noch leuchten, möchte nicht Alles anwenden, um, wenn seine Zeit vorüber ist, solchen Händen sich zu entziehen?

Und so will ich denn versuchen, mit leichten aber sichern Zügen ein Sittengemälde meiner Zeit, in ihrem Fortschreiten mit mir, zu entwerfen; jener alten ehrlichen Zeit, deren Gebräuche und Lebensweise uns jetzt so fern zu liegen scheinen, als wären sie durch Jahrhunderte von uns getrennt, obgleich seit ihrem völligen Erlöschen kaum funfzig Jahre vorüber gezogen sind. Uebrigens bitte ich nicht zu viel von mir zu erwarten, aber auch nicht zu viel von mir zu befürchten, denn ich verspreche, mein Möglichstes zu versuchen, um die gefährlichste aller Klippen, die der Langweiligkeit, zu vermeiden.

Wahrheit will ich geben, reine, unverfälschte Wahrheit, ohne jede Beimischung von Dichtung, aber mit Auswahl, ohne auf eine ausführliche Darstellung aller Ereignisse meines Lebens einzugehen, die doch nur für die Wenigen einiges Interesse haben können, welche persönlichen Antheil an mir nehmen. Mit meinen Herzensangelegenheiten aber will ich die Welt ganz verschonen; behaupten, ich habe deren nie gehabt, wäre eben so nutzlos als albern, denn wer würde es mir auf mein Wort glauben?

[7] Es war damit eben wie gewöhnlich das alte Lied.

»Ä bißerl Liäb un ä bißerl Treu,
»Un ä bißerl Falschhheit war och mit dabei.«

Um indessen meine Leser so viel möglich auf den Gesichtspunkt zu stellen, von welchem aus ich wünsche, daß sie meine skizzenhaften Darstellungen betrachten mögen, erlaube ich mir noch einige Worte über das, was ich bin und nicht bin, oder vielmehr über das, was ich zu sein und nicht zu sein glaube; denn wer wäre noch jemals zur völligen Erkenntniß seines eignen rätselhaften S e l b s t gelangt?

Für’s erste bin ich keine mit philosophischem Blick und männlichem Muth in alle Verhältnisse des Lebens, des eignen wie des fremden, tief eindringende und tief eingreifende Rahel; aber auch kein excentrisch poetisirendes Kind, dessen übermächtige Phantasie Wahrheit und Dichtung dermaßen in einander wirrt, daß es selbst am Ende beide nicht mehr von einander zu sondern vermag.

Auch lief ich nicht als sechsjähriges Mädchen, wie meine berühmte Vorgängerin, schreibe seligen Andenkens, Frau von Genlis von sich selbst erzählt, in der Tracht eines Cupidon du siècle de Louis quinze, mit einem schön beflitterten Flügelpaar auf den Schultern in meinem elterlichen Hause umher. [8] Ihrer eigenen Versicherung zufolge war Frau von Genlis in dieser Tracht so überschwenglich allerliebst, daß sie viele Monate hindurch sie gar nicht ablegen durfte, sondern Sonntags und Werkeltags ein französirter Amorino blieb, was mitunter wunderlich sich ausgenommen haben mag. Ich war im nämlichen Alter, im kattunenen Kleidchen, mit einer feinen weißleinenen Schürze und einer kleinen Flor-Dormeuse auf dem Kopfe, unter welchem ein gepudertes Toupée hervorsah, herrlich geputzt, und nahm mich ungefähr aus, wie das kleine Louischen auf Chodowiesky’s Kupfern zur ersten Ausgabe des Weissischen Kinderfreundes, diesen treuesten Modebildern damaliger Zeit.

Soviel von dem, was ich weder war noch bin; viel von dem, was ich zu sein glaube, zu sprechen, steht mir nicht zu, auch werden meine Leser im Verlauf dieser Blätter es selbst wohl einsehen. Nur so viel noch nach dem Zeugniß derer, die mich persönlich näher kennen, bin ich eine heitre, anspruchslose alte Frau, der man im geselligen Umgange die Schriftstellerin gar nicht anmerkt.

Und darauf bilde ich mir etwas ein.