Juliane - Teil 1

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Titel: Juliane
Untertitel: Ein Lustspiel
aus: Thalia - Dritter Band,
Heft 9 (1790), S. 110-142
Herausgeber: Friedrich Schiller
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Erscheinungsdatum: 1790
Verlag: Georg Joachim Göschen
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Friedrich Schiller
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Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
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[110]
V.
Juliane.
Ein Lustspiel.




Personen die in diesem Akt auftreten.

Graf Elbau.

Gräfin Sophie Elbau, seine Gemahlin.

Major Stralen, ihr Vater.

Frau von Stralen, ihre Mutter.

Hofrath Waldorf.

Baron Felser.


Erster Aufzug.
Scene bei der Gräfin Elbau.
Erster Auftritt.

Gräfin Sophie Elbau, im Morgenhabit, sitzt an einem Tisch und mahlt. Frau v. Stralen tritt angekleidet herein.

Fr. v. Stralen. Du bist noch fleißig, mein Kind? Es ist schon spät; denkst du nicht an’s Anziehen?

[111] Gräfin. Nur ein Paar Striche noch, liebe Mutter, und ich höre auf.

Fr. v. Stralen. Du mußt schon weit gekommen seyn; laß mich sehen.

Gräfin. Es fehlt wenig, so bin ich ganz fertig. Meine Kunst wenigstens verläßt mich schon; aber er ist’s bei weitem noch nicht.

Fr. v. Stralen. Zeig nur her: wenn wärst du mit deinen Arbeiten zufrieden? – Allerliebst, und sehr ähnlich – ähnlich zum Verwechseln. Aber geschmeichelt, Kind, geschmeichelt hast du ihn doch.

Gräfin. O gewiß nicht, liebe Mutter! Wie? worinn? – Sie thun ihm und mir Unrecht. Sein Gesicht ist weit edler, ich hab’ es zu weibisch gemahlt. Und der Ausdruck in seinen Augen, die Güte, die Liebe – finden Sie das alles wieder?

Fr. v. Stralen. Liebe? – Hast du sie in seinen Augen gelesen?

Gräfin. Doch! – wenn sie auch nicht für mich geschrieben war. Aber das ist’s eben, was mir mein Bild [112] verleidet. Seine Liebe fehlt, ich konnte nur die meinige unterschieben.

Fr. v. Stralen. Wie du ihn hier gemahlt hast, meine Tochter, so wirst du ihn schwerlich jemals sehen.

Gräfin. (halb scherzhaft, halb betrübt) Nicht? – und doch söhnen Sie mich da mit meinem Bilde aus; mein Gedanke muß mir geglückt seyn, denn Sie verstehen ihn. Ich wollte ihn mahlen, wie er einst seyn wird, wenn unsre Herzen sich gefunden haben. Und dann sollte er sich schämen, daß er so lange kälter geblieben ist als sein Bild; und ich wollte triumpfiren, daß ich ihn gekannt habe, eh’ er gekannt seyn wollte.

Fr. v. Stralen. Und wenn er das nie wollte?

Gräfin. (traurig) Das wäre grausam! (schalkhaft) und die Bescheidenheit zu weit getrieben – (wieder übergehend) oder mich zu tief herabgesetzt! – Nein, beides kann er nicht. – Und bis dahin, (schwärmerisch gegen das Portrait) sei du mein Gemahl, mein Freund, mein Geliebter! Gieb du mir alles, alles was dein geitziges Original mir verweigert!

Fr. v. Stralen. Armes, gutes Weib! Du dauerst mich.

[113] Gräfin. O Dank, beste Mutter, tausend Dank für Ihre sorgende Zärtlichkeit. Aber zu bedauern bin ich ja nicht. Von der Seite des Eigensinns haben Sie mich noch nicht ausgelernt. Ich habe meinen Kopf darauf gesetzt, er soll mich lieben; und er wird mich lieben! Mir ist nicht einen Augenblick bange. Was wäre denn schon verdorben? Womit hätt’ ichs bis jetzt verdient daß er mich liebte? Vielleicht bin ich seiner Liebe werth, aber weiß er das?

Fr. v. Stralen. Er könnt’ es doch wissen, wenn –

Gräfin. (stehend) Mama, ich bitte! – Ihr wenn versteh’ ich wohl, aber haben Sie denn hier mehr Gewißheit als ich? – Und daß ich seine Frau geworden bin, nicht wahr? Aber wie bin ich’s geworden? So viel hat er gewußt, daß ich ein Mädchen von zwanzig Jahren und von zwanzig tausend Thalern war. Ein leidliches Lärvchen, einen erträglichen Wuchs, gesunde Gliedmaaßen – das konnte er an seiner Braut erkennen, das durfte er von seinen gebieterischen Verwandten fodern. Er hat nichts von mir gekannt, als meine Ahnen und meine Güter – und wahrhaftig, Mutter, hinter diesen konnte es ihm nicht leicht einfallen, ein Herz zu suchen. Mir war wohl in meinem Kloster so manches schöne, liebenswürdige von dem Grafen [114] erzählt worden, daß ich gern, und doch mit Angst, seinen Nahmen hörte, weil mir ein muthwilliges Mädchen immer vorwarf, ich würde roth, wenn man ihn nannte. Aber wer wäre so barmherzig gewesen, dem Grafen von der Fräulein Stralen, aus ihrem Kloster etwas liebliches zu erzählen? Um mich mit dem Mann zu verbinden, wurd’ ich aus dem Kloster geholt, O das Herz schlug mir, wie ich ihn zuerst sah, und als seine Braut! Ich weiß es noch als ob’s heute wäre; er mußte mich einfältig finden, der gute Graf. Nun hab’ ich mich doch eher erholt, und es ist nun mein Werk, ihn mit dem Zufall zu versöhnen.

Fr. v. Stralen. Ja gute Tochter, wenn du weiter nichts zu thun hättest, als ihm den Himmel zu zeigen, den der Zufall, wie du sagst, ihm zugeführt hat – dann würde ich deine Ruhe loben. Aber dieser glückliche Zufall, ich fürchte sehr, daß eine unglückliche Wahl ihn auf immer gegen seine Gunst verblendet hat. – Und was würdest du alsdann thun?

Gräfin. Alsdann – aber warum auch das Schlimmste sehen, Mutter?

Fr. v. Stralen. Auch nicht, wenn das Schlimmste das Wahrscheinlichste ist? – Nein, nein, täusche dich nicht länger. Sehr ungern arbeit’ ich gegen deine jetzige Stimmung, aber ich kenne dein Herz. Besser, du bist [115] vorbereitet, lernst beizeiten entbehren was dir nicht beschieden ist, als du gehst plötzlich zur Verzweiflung über. Der Graf liebt, meine Tochter; den edeln vortrefflichen Grafen hält eine unwürdige Kreatur in ihren Fesseln.

Gräfin. (mit dem Ton des sanftesten Vorwurfs) Eine Kreatur? Und Sie wissen ja noch nicht, wem Sie diesen Namen geben? – Freilich liebt sie wo sie nicht sollte, aber gute Mutter, ich fühle daß mir der Graf nicht gleichgültig seyn könnte, auch wenn’s nicht recht wäre, daß ich ihn liebte. Sehen Sie, das ist der Grund meiner Ruhe. Wenn das auch ist, wer sie immer seyn mag, sie hat sich seiner werth gezeigt. Ist er betrogen, so müssen wir sie entlarven. Mag ihn die Wunde auch schmerzen, ich werde sie heilen; in meine Armen soll er Ruhe und – wahre Liebe finden. Und wann sie’s verdient, daß ich mich mit ihr messe – desto besser! So will ich ihr diese schöne Beute abjagen. Seine Hand warf mir die Konvenienz unsrer Familien zu, um sein Herz will, ich gern kämpfen. Die Mühe soll mich nicht verdriessen, darum ward ich seine Frau. Die Frau darf um ihren Mann kämpfen, wo das liebende Mädchen verschmachten müßte. Wäre alles umsonst – nun so muß sie sich zu einer Theilung entschließen! Die Hälfte seines Herzens kann sie doch meinen Ansprüchen nicht versagen. – Wiewohl – warum sollte sie weniger geitzig seyn als ich? Ich möcht’ ihn nicht gern theilen! –

[116] Fr. v. Stralen. (sieht sie gerührt an) Wollte der Himmel, dieß wären deine letzten Thränen!

Gräfin. (fällt ihr um den Hals, mit dem Ausdruck der innersten Heiterkeit) O Mutter, Sie wünschen nicht gut: womit wollt’ ich dann meinen Triumpf feiern? – Und sehen Sie, er verkennt mich nicht, er hat Achtung für mich, das merk’ ich ihm an. Wir sind ja kaum einen Monat vermählt, bei unsrer Ehe werden die Flitterwochen nachkommen – und um so länger dauern. Auf seine Blicke versteh’ ich mich schon recht gut, und wissen Sie was ich in diesen gefunden habe? Betretung, schien es, Aerger fast, daß sich ein reiches Fräulein unterstand etwas besser als Ihresgleichen zu seyn. O liebe Mutter, sie ist auch nicht ohne Stolz, Ihre Sophie! Aber dieser Aerger soll den Wünschen meines Herzens wuchern.

Fr. v. Stralen. (wie vorhin) Deine Fröhlichkeit selbst vermehrt meine Sorgen um dich. Dein Vater hatte wohl Recht, dieses weiche Gefühl wird dich unglücklich machen. – Sie soll nicht werden wie du, sagte er immer, in der Welt soll sie leben, nicht in dem Elisium Eurer Poeten. – und siehe, du hast mich übertroffen.

[117] Gräfin. Uebertroffen, Mutter? Quäl’ ich mich etwa mehr um meinen Gemahl, als Sie sich um Ihre Tochter? – Nein, beruhigen Sie sich, beste theuerste Mutter, (ihr das Portrait vorhaltend) die Gemahlin dieses Mannes kann nicht unglücklich seyn. – Hören Sie nicht kommen? (Sie legt das Portrait in eine Schublade vom Tisch) du bist noch nicht für fremde Augen.

Fr. v. Stralen. Ihr habt ja Gäste diesen Mittag, und du bist noch im Negligee?

Gräfin. Mein Anzug wird mich nicht aufhalten. Sie haben doch die Güte hier zu bleiben? In einem Viertelstündchen lös’ ich Sie ab.

(Sie geht durch eine Nebenthüre)




Zweiter Auftritt.
Major Stralen, Frau v. Stralen.

Major. Das was ja wohl die Gräfin die in’s Kabinet schlüpfte? – Aber Sie, wie treffe ich Sie an? Das Schnupftuch noch in der Hand, die Augen naß – darf man nicht erfahren?

[118] Fr. v. Stralen. Sie irren sich, lieber Major. Meine Tochter war sehr aufgeräumt.

Major. Und das sagen Sie in dem kläglichen Ton? Hier haben sich schon wieder Unglücksfälle ereignet, ich wette! Ich wünsche Glück. Ihr Weiber seyd doch nie zufrieden bis Ihr Stoff zu Leiden habt. Aber wollen Sie Ihren Kummer nicht – warten Sie, wie sagt man doch? – in meinen Busen ausschütten? Was hat’s gegeben?

Fr. v. Stralen. Nichts, Herr Major – wenigstens nichts, worüber Sie mit uns weinen würden.

Major. Das glaub’ ich gern. Wahrscheinlich war es das alte Gespräch. Und die Gräfin ist also noch nicht vernünftiger? – Freilich, wenn ihre Mutter selbst –

Fr. v. Stralen. Ja, ich gestehe daß ich die Vernunft nicht habe, gegen das Unglück meiner Tochter gleichgültig zu seyn!

Major. Ich auch nicht, wenn ich nur erst belehrt wäre, worinn es eigentlich besteht. Sehen Sie, dann wollt’ ich herzlich gern klagen helfen. Vielleicht entschlöß’ ich mich auch, noch mehr zu thun.

[119] Fr. v. Stralen. Worinn? worinn es besteht? In jeder Minute ihres jetzigen Lebens! kann sie glücklich seyn, wenn ihr Gemahl ihre Liebe mit Höflichkeit, ihre Zärtlichkeit mit Komplimenten abspeist, wenn er vor ihrem vollen ihm entgegenspringenden Herzen sich verlegen zurückzieht, wenn er die Sprache des Gefühls im Weltton beantwortet?

Major. (nach einer Pause) Sind Sie unglücklich?

Fr. v. Stralen. Eine solche Frage? – und auf welche Sie die Antwort voraus wissen? Nun?

Major. Und hab’ ich je diese Sprache mit Ihnen gespochen, die wenn man Euch glauben wollte, das ganze Glück der Ehen macht? – Der Graf schätzt meine Tochter, und sie verdient es; sie war ein liebes Mädchen, ihrer Mutter werth, und soll noch, will’s Gott, ein braves Weib werden. Aber ist es ihres Mannes Schuld, daß sie sich in übertriebne, unwahre Begriffe gewiegt hat, eh’ sie ihn kannte? hat sie am Altar das Recht erhalten ihn nach sich zu richten? Der Graf ist ein gemachter Mann, nach ihrem Romanenschnitt kann sie den nicht mehr drehen.

Fr. v. Stralen. Aber, bester Mann –

[120] Major. Laß mich ausreden, liebes Weib. Das Glück unsrer Tochter ist mir nicht weniger angelegen als dir. – Aber die Wünsche, die Bedürfnisse ihres Herzens! Warum wünscht, warum bedarf ihr Herz mehr, als es sollte? Damit sie den sonderbaren Eigensinn durchsetze, die einzige zu seyn, die sich an ihrer Stelle uns glücklich glaubte! Nein, es ist nicht recht, daß eine Schwärmerin die ganze Welt meistern will. Sie weint weil sie unter Menschen lebt, und nicht mehr unter Puppen.

Fr. v. Stralen. Sie hätten sehr Recht, mein Gemahl, wenn dieses kalte, ewig nur artige, nur anständige Betragen dem Grafen natürlich wäre. Aber er zwingt sich dazu und wie anders mag er vor – Gott weiß wem? erscheinen!

Major. Ah nun war’s endlich heraus! Eifersucht also? – Aber Kinder, was wollt Ihr auch? Der Graf hat in keinem Karthäuserkloster gelebt, eh’ er meine Tochter kannte. Aus Leidenschaft hat er sie nicht geheirathet. Und gewisse Verbindungen brechen sich so geschwind nicht ab. Er handelt wie ein Mann von Ehre daß er die seinige incognito hält, und wie er sich benimmt, ist es nicht seine Schuld, wenn seine Frau das Ansehen einer verlassenen Taube bekömmt.

[121] Fr. v. Stralen. Ich dachte, Sie wollten ernsthaft seyn? – Möchten Sie wirklich daß Ihre Tochter es so leicht aufnähme? – Es giebt Menschen, denen diese männliche Philosophie an der Gräfin sehr willkommen wäre. Zum Beispiel –

Major. (heftig) Was? war zum Beispiel?

Fr. v. Stralen. Zum Beispiel, der Baron Felser –

Major. (sehr ernsthaft) Madame! – doch ich weiß, daß meine Tochter sich besser auf ihre Tugend, als auf die Tugend ihres Mannes versteht.




Dritter Auftritt.
Die Vorigen, Hofrath Waldorf.

Fr. v. Stralen. Ah der Hofrath! Sie überraschen uns hier in einem kleinen Ehezwist. Uebrigens, Herr Major, kann unser Freund wohl hören –

[122] Major. Niemand eher als er! Ich wurde zur Unzeit hitzig, aber den Hofrath hab’ ich auf meiner Seite. Was er [vom] Baron denkt, ist ja bekannt genug.

Hofrath. Also von meinem Baron war die Rede?

Major. Wissen Sie es auch, daß sich der Mensch untersteht, Absichten auf die Gräfin zu haben?

Hofrath. Und sehr ernsthafte, das versichre ich Ihnen. Aber ich hoffe nicht, daß Sie ihm die Ehre erweisen sich darüber zu ereifern. Der Zorn des Vaters gäbe ihm eine Wichtigkeit die er nicht verdient. Und dann bitt’ ich mir aus, daß Sie mir nicht in mein Gehege fallen. Dem Baron hab’ ich zu meinem Wilde ausersehen, und ich will ihn jagen nach Herzenslust. – Ich erwarte ihn diesen Mittag hier zu sehen.

Fr. v. Stralen. Er wird auch kommen; aber was, um des Himmels willen, haben Sie mit dem armen Baron vor? Kein Liebhaber drängt sich so zu seinem Mädchen, als Sie sich zu diesem Menschen.

Hofrath. Die Wahrheit zu sagen, gnädige Frau, ich habe einen Plan mit ihm. Ueberhaupt sind mir diese armen [123] Menschen, wie die Damen sie so gern nennen, im höchsten Grade zuwider – Verzeihung, gnädige Frau, Sie hat nur der Sprachgebrauch hingerissen – Unter diesem Titel läßt man sie überall durchschlüpfen, hält sie für unschädliche Geschöpfe die man allenfalls zu den täglichen Bedürfnissen braucht – (sehr heftig) und der Straßenräuber, den man gestern einbrachte, ist nicht so gefährlich als ein solcher Mensch! – daß er lange nicht so verächtlich ist, versteht sich von selbst.

Major. Sie sind zu streng, Hofrath –

Hofrath. Soll ich sagen daß Sie zu nachsichtig sind, lieber Major, sobald Sie nur sich aus dem Spiele gezogen haben? – Bei mir war es das Gegentheil. Ich ließ dieses Gezücht sich in meine Familie einschleichen. Einer von ihnen warf die Augen auf meine Frau. Seine Absicht gelang ihm nicht, aber die Mittel die er anwandte wirkten nur zu gut. Mißverständniß und Verstimmung waren die Folgen. Ich that ihr oft Unrecht. Sie verlernte die Sprache meines Herzens. Sie starb – und wie viel Antheil der Gram an ihrem Tode haben mochte –

Fr. v. Stralen. Ein trauriges Schicksal! – Womit hat es aber der Baron verdient, daß Sie es ihn entgelten lassen?

[124] Hofrath. Um mich, wenn Sie wollen, durch nichts. Ich habe keine Frau mehr, keine Schwester, keine Tochter. – Aber als ich hieher kam, erkannte ich an diesem Baron dasselbe Modell, in das mein Satan gegossen war. Er herrschte despotisch in vielen Häusern. Da überfiel mich der Don Quichote; ich beschloß mich an ihn zu hängen, und ihn zu verfolgen, wir seyn Schatten: Seitdem findet er mich überall in seinem Wege; ich laure auf jeden seiner Schritte – Er hat schon oft versucht mich abzuschütteln; aber einem hartnäckigen Sonderling wie ich, ist seine elende Weltklugheit noch nicht gewachsen. Ich habe ihm schon einige seiner Lieblings Plane vereitelt, und ich zweifle, daß er’s noch lange in dieser Stadt aushält. – Ob ich ihm nun weiter folge. –

Fr. v. Stralen. Sonderbarer Mensch! – Er fürchtet Sie auch wie die Pest. Neulich war er bei uns in der schönsten Laune von der Welt, alles lachte über seine Einfälle. Auf einmal erschienen Sie. Da verstummte er, stand da wie versteinert, und mußte endlich einen plötzlichen Anfall von Spleen vorschützen, um sich aus der Verlegenheit zu ziehen.

Hofrath. Das war damals! Jezt spannt er seine ganze Klugheit an, um mir einen Vortheil abzugewinnen. [125] Seit ein Paar Tagen – Herr Major, gnädige Frau, wir dürfen ja frei gegen einander sprechen. –

Major. Reden Sie, reden Sie. Wozu diese Vorbereitung? das Gespräch über welchem Sie uns antrafen. –

Hofrath. Er liebt die Gräfin. – wenn ich das Liebe nennen darf, was diese Menschen noch kleiner, noch schlechter macht. Die Spannung zwischen ihr und ihrem Gemahl ist seinem Falkenblick nicht entgangen. Seit ein Paar Tagen bemerk’ ich daß er Unheil brütet. Gegen mich ist er unausstehlich freundlich; was ich ihm auch sagen mag, er windet sich wie [ei]n Wurm um mich nicht zu verstehen. – Von Ihrer Tochter kann die Rede nicht seyn; nur Sie, Herr Major, bitt’ ich daß Sie mir ihn ganz überlassen. Bei dieser Gelegenheit können wir ihn auf immer los werden. Und hier ist mir auch nicht der Baron bloß wichtig. –

Fr. v. Stralen. Haben Sie etwa mehr erfahren? Wissen Sie etwas vom Grafen?

Major. Was wird er wissen sollen? Daß der Graf eine Verbindung hat, weiß die ganze Stadt. Was soll er mehr wissen? Und was könnt’ es helfen?

[126] Hofrath. Nein, Herr Major. Ich kenne den Grafen, es ist sicher mehr als was die ganze Stadt weiß. Ich sah’ ihn kämpfen. Die Gräfin bestürmt ihn mit der ganzen Macht ihrer Reize, ihre ehrwürdige Koketterin würkt auf sein Herz, und er widersteht nur noch halb. Warum er aber widersteht – über diesen einzigen Punkt ist er zurückhaltend gegen mich geblieben. Aber mir ahndet, daß der Baron mit seinen Ränken mehr Gutes stiften wird, als wir alle bisher konnten. Diese ausgesuchte Strafe bereite ich ihm; verderben Sie mir die Freude nicht – und die Freude nicht, zwei Herzen wie diese mit einander zu verbinden!

Fr. v. Stralen. (drückt ihm die Hand.) Braver Mann!




Vierter Auftritt.
Die Vorigen, Baron Felser.

Baron. Unterthänigen guten Morgen, meine gnädige Frau – guten Morgen, bester Major – Stets der Hofrath! Ich verzweifelte fast, Sie heute noch zu sehen.

[127] Hofrath. Nun Baron, meinen Eifer sollten Sie doch endlich besser kennen. Ich habe mich selbst bei’m Grafen eingeladen, weil ich hörte daß Sie erwartet würden.

Baron. (drückt ihm lächelnd die Hand.) Bester Freund, Sie errathen meine Wünsche! – (zur Frau v. Stralen) Und die Gräfin ist noch nicht erschienen? Darf man bald hoffen? –

Fr. v. Stralen. Sie ist noch an ihrer Toillette. – Haben Sie den Grafen heute gesehen?

Baron. Ich? mein Gott, nein! Wer sieht jezt den? Bei Hofe fragte neulich alles nach ihm; indessen, ihm erlaubt man von gewissen Regeln abzuweichen. Man muß ihm Zeit lassen, sein ganzes Glück kennen zu lernen.

Major. Man ist sehr gütig, aber diese Bekanntschaft mag er längst gemacht haben, denn niemand sieht ihn seltner als seine Frau.

Hofrath. Lieber Major, das weiß ja der Baron besser als wir!

[128] Baron. Wie so? wie so? Ich weiß gar nichts. –




Fünfter Auftritt.
Die Vorigen, die Gräfin angekleidet.

Gräfin. Verzeihen Sie, meine Herren – der Graf, wie ich sehe, ist auch nicht da – Ach lieber Papa, guten Morgen.

Major. Nun, Sophie, wie ist’s? wie steht’s? Laß dir in’s Auge sehen. – So! dein Aug ist ja hell und heiter.

Gräfin. Warum sollt’ es auch nicht, bester Vater?

Major. Das sprech’ ich auch, aber deine Mutter –

Baron. Ich mache die nämliche Bemerkung. Mit jedem Tag blühen Ihnen neue Rosen auf, und ich befürchtete Sie möchten krank seyn.

Gräfin. Ich krank? warum?

[129] Baron. Es hieß gestern so, weil man Sie nicht auf der Redoute sah. Jede weibliche Maske mußte mir Rede stehen, und Sie waren gewiß nicht da.

Gräfin. Ein andermal dürfen Sie sich die Mühe ersparen, Baron. Ich kann mich würklich sehr wohl befinden, und nicht auf die Redoute gehen.

Baron. Leider weiß ich das, und die ganze übrige Welt die Ihre Gegenwart so oft vermißt. (halblaut.) Aber Gräfin, Sie wissen nicht was Sie versäumt haben. Ich habe eine Entdeckung gemacht. –

Hofrath. (laut.) Eine Entdeckung, Baron? O geschwind, geschwind theilen Sie uns mit. Man kennt Ihre Entdeckungen auf der Redoute, nichts kann lustiger seyn. Nun? – Sie lassen sich bitten?

Baron. Das ist meine Art nicht, lieber Hofrath. Aber Sie machen mich in der That verlegen. Es ist eine Kleinigkeit, wirklich die armseligste Kleinigkeit. –

Hofrath. Die Sie der Gräfin allein aufgehoben hätten? Ausflüchte! – Nicht wahr, gnädige Gräfin, Sie sind großmüthiger?

[130] Gräfin. Ich will wahrhaftig niemanden seines Antheils berauben; und es kann nichts auf der Welt geben, das der Baron nur mir zu entdecken hätte.

Hofrath. Gnädige Frau, Herr Major, vereinigen Sie sich mit mir. –

Major. Nun, Baron, Sie sehen daß Sie nicht entkommen.

Baron. Wenn mich die Gesellschaft dazu zwingt – aber ich bitte daß Sie mir das strengste Incognito erlauben. Ich nenne durchaus keinen Namen –

Hofrath. Auch keinen Anfangsbuchstaben? nichts? – Oh fangen Sie nur an; das Errathen macht uns Ihr gutes Herz doch nicht schwer.

Baron. Gestern plagt mich die Langeweile. Ich schlendre auf den Straßen herum. In einem Fenster – näher kann ich’s nicht bestimmen – bemerk’ ich ein Gesicht, das mir des zweiten Blicks doch allenfalls werth schien. Es war ein – schönes Gesicht, wenn Sie wollen; aber kalt, nicht besonders pikant! Indessen gemein sind sie nicht, diese Gesichter. Das Geschöpf [131] sah heraus, und war sehr lebhaft in’s Gespräch verwickelt, mit jemanden der mir bekannt schien. Ich nehme mein Glas zu Hülfe, und erkenne. –

Fr. v. Stralen. Wen?

Baron. Tausendmal Vergebung, gnädige Frau. Das kann ich gerade am wenigsten sagen. – So viel muß ich aber bekennen, daß mir die Sache im Kopf herum gieng. Es bestätigte einen Verdacht – ich verglich, und fand es unverzeihlicher als jemals. – Sehen Sie, ich rede dunkel; ich hab’ es Ihnen zuvor gesagt. –

Hofrath. Beruhigen Sie sich, wir verstehen doch.

Baron. Nicht möglich, das behaupt’ ich! – Wo war ich geblieben? Ja – abends kam ich spät auf den Redouten-Saal. Der Ball war sehr brillant. Aber mir war alles zuwider, jener Zufall hatte mich zerstreut – endlich reißt mich eine zweite Entdeckung aus meinem Schlaf. Eine männliche Maske die sich sehr verstellt hatte, vergißt sich für eine halbe Minute und wird mir kenntlich. Es war derselbe, den ich im Fenster gesehen hatte. Ich geh’ ihm unbemerkt nach. –

[132] Fr. v. Stralen. Derselbe?

Baron. Eben derselbe, aber wissen Sie darum mehr? – daß er in einer gewissen Gesellschaft nicht da war, davon war ich – leider! schon zuvor überzeugt.

Hofrath. (drohend.) Baron, die Seitenblicke sind verboten.

Baron. Ich sah ihn endlich auf eine weibliche Maske zugehen, er setzte sich mit ihr nieder, sie trug nur eine halbe Maske – eine neue reconnoissance. Wer war es anders, als das Gesicht von vorhin? Ich stellte mich in einen Winkel wo mich niemand sehen konnte, einen köstlichen Winkel, den glaub’ ich kein Mensch auf dem Redoutensaal kennt als ich, wo ich schon so viele Abentheuer erlebt habe! – Kurz, das Gesicht sprach. – Und Ihre Frau ist würklich nicht hier, sagte es. – Nein, antwortete die männliche Maske, ich habe alles durchstöbert, sie kann nicht da seyn, sie muß sich anders besonnen haben. – Nun so hält mich auch nichts weiter hier. Ich bin das Getümmel so satt, und der mißlungene Versuch macht mich so verdrüßlich! – Wollen wir gehen, meine Juliane? sprach der – Liebhaber, muß ich glauben.

[133] Gräfin. (unwillkührlich wiederholend) Juliane!

Baron. Also ihr Name! – Sie standen auf, und verschwanden. –

Hofrath. Nun?

Major. Nun?

Baron. Mein Mährchen ist aus. – Was wollen Sie mehr? Ich habe voraus erklärt, daß es eine Kleinigkeit wäre.

Gräfin. Vielleicht ist der Erzähler Schuld, Herr Baron. Warum lassen Sie auch den Schluß weg?

Baron. Den Schluß? Ich kann Ihnen auf Ehre versichern, daß ich nichts weiter gehört, nichts weiter gesehen habe. Mit hinausgehen konnt’ ich doch wahrhaftig nicht! Uebrigens – läßt sich der Schluß solcher Geschichten allenfalls auch errathen.

Gräfin. Nein! Lassen Sie mich ihn erzählen. – Ich bleibe bei Ihrem Incognito. Ein sogenannter Freund [134] von der männlichen Maske lauerte auf jeden seiner Schritte, um sie einer andern Person zu hinterbringen, die er damit zu betrüben hofte.

Baron. Gnädige Frau. –

Gräfin. Hören Sie mich aus. Zum Glück hat sie ihre Ruhe besser aufgehoben, als sie jeder Ohrenbläserei der Bosheit oder des Müssiggangs preiszugeben; also mag das hingehen! – Aber nur eins noch muß ich Ihnen sagen, und wenn auch das ganze Geheimniß darüber auskömmt. Was Sie dem Grafen bei mir zum Vorwurf machen wollen, halten Sie selbst für sehr unschuldig – ich auch, Herr Baron, ob unsre Gründe gleich verschieden seyn möchten. Ich liebe diese Juliane, weil der Graf sie zu schätzen scheint; Ihre Beschreibung selbst interessirt mich für sie – und am Ende war das vielleicht auch nur Ihre ganze Absicht, und Sie hätten Dank von mir verdient, den ich Ihnen auch nicht vorenthalten würde?

Major. (umarmt sie.) Sophie, Kind! – (zum Baron) Wünschen Sie sich Glück, daß die Gräfin die Entwickelung Ihres Mährchens über sich genommen hat. Wär’s an mir gewesen, vielleicht hätte sie Ihnen noch weniger gefallen.

[135] Baron. Herr Major. –

Hofrath. St! st! Benuzen Sie die Lehre! In Zukunft rath’ ich Ihnen, Ihre Geschichten lieber aus dem Vademecum zu holen, als auf dem Redoutensaale.

Baron. (zur Gräfin.) Sie sind sehr glücklich, gnädige Frau. Eben können Sie den Dank für ein so verdientes Zutrauen ärnten. – (auf den Grafen zeigend, der hereintritt.)




Sechster Auftritt.
Die Vorigen, der Graf.

Graf. Ah, ich finde ja schon alles versammelt – Warten hab’ ich doch nicht auf mich lassen? (zur Gräfin, indem er ihr die Hand küßt.) Ihre Schnelligkeit beschämt mich. – Und einen so reitzenden Anzug hätte eine andre in einem halben Tag nicht ausstudiert.

Gräfin. Nun endlich doch! – Seit vier Wochen schon putz’ ich mich halb tode, und heute zum erstenmal hör’ ich etwas Schönes von Ihnen über meinen Anzug.

[136] Graf. Vielleicht, weil ich heute zum erstenmal über Ihren Putz Sie vergaß.

Gräfin. (sich komisch verneigend) Ja lieber Graf, uns von unserm Putz zu unterscheiden, fällt uns schwerer als Sie glauben! – Wissen Sie auch, Graf, daß ich nach Ihnen geschmachtet habe? Wo haben Sie geschwärmt gestern Abends?

Graf. Warum eben geschwärmt, gnädige Frau? – doch ja, ich ließ mich versuchen auf die Redoute zu gehen, in der Hoffnung –

Gräfin. Doch nicht mich zu sehen? – das hätten Sie näher haben können. Ich lag ja todtkrank zu Hause.

Baron. (mit heimlicher Schadenfreude, präsentirt dem Hofrath, der neben ihm steht, seine Tabatiere.) Beliebt Ihnen, Hofrath?

Hofrath. (beiseite, ironisch.) Sie sind ein feiner Beobachter, Baron!

[137] Major. Apropos, Herr Sohn, ich habe wegen des Pachtes mit Ihnen zu reden. (Er nimmt den Grafen auf die Seite, und spricht leise mit ihm.)

Gräfin. (zu ihrer Mutter, neben der sie steht) Er ist mir gut heute, Mutter! – Sehen Sie, sehen Sie, wie er herüber schielt!

Graf. (zum Major laut, wie aus dem Traum erwachend) Wie sagten Sie?

Major. O nichts, gar nichts. Sie scheinen heute nicht zu ökonomischen Geschäften aufgelegt.

Gräfin. (wie eben) Hören Sie? – O Mutter, liebe Mutter –

Fr. v. Stralen. Was willst du? du bist ja ausgelassen?

Gräfin. Ach nur einen Augenblick möcht’ ich ihn allein haben!

Fr. v. Stralen. Nun, dazu soll ich dir verhelfen? Eine sonderbare Zumuthung! – (Sie giebt dem Hofrath einen Wink) [138] Meine Herren, Sie haben das neue Pavillon noch nicht gesehen, seitdem es meublirt ist. Ist es gefällig –?

Hofrath. Ja freilich! Man soll nichts eleganteres kennen –

Fr. v. Stralen nimmt des Barons Arm, der Hofrath und der Major folgen; indem der Graf sich nach der Gräfin umsieht, winkt sie ihm zurück.)




Siebenter Auftritt.
Graf, Gräfin.

Gräfin. Verzeihen Sie, lieber Graf. Ich hab’ auch noch von Geschäfften mit Ihnen zu sprechen. Aber Ihre vorige Zerstreuung –

Graf. (scheint verlegen, daß er allein zurückbleiben muß) Wird für Ihr Geschäfft gewiß aufhören.

Gräfin. Und Sie versprechen mir, daß Sie nicht bös werden wollen?

Graf. Mein Gott, Gräfin, was könnten Sie mir zu sagen haben, das – wie können Sie glauben –

[139] Gräfin. Doch! Es wird Ihnen auffallen – Sie sehen eine Bettlerin vor sich – Sie müssen mir etwas geben – (Sie stellt sich verlegner, jemehr die Verlegenheit des Grafen zunimmt) Ich kann im Grunde doch nicht dafür, daß – kurz – um was ich Sie bitten muß – was ich brauche – ist – (lachend) Geld!

Graf. Geld? (gezwungen lachend) Und darum machten Sie so viel Umstände? Sagen Sie mir ob –

Gräfin. Sehen Sie? Meine Forderung kömmt Ihnen nicht gelegen – Aber wahrhaftig, lieber Graf, ich habe gut gewirthschaftet.

Graf. (immer bestürzter) Gräfin – was wollen Sie von mir?

Gräfin. Wahrhaftig nur Geld! – Sie sehen mich an? Ihre Verlegenheit hatte mich angesteckt vorhin. Ahndeten Sie denn, um was ich Sie zu bitten hätte? Oder Sie ahndeten etwas anders? – Gewiß! denn für geitzig kann ich Sie doch kaum halten.

Graf. – Darf ich auch eine Bitte wagen? – Nun – verschonen Sie mich! Sie haben einen muthwilligen [140] Hinterhalt. Ich verstehe Sie nicht, und das thut mir weh.

Gräfin. (mit innigem Ton) Thut Ihnen das weh, guter Graf, daß Sie mich nicht verstehen? – Beides sollte nicht seyn! – und wäre beidem nicht abzuhelfen?

Graf. (ergreift ihre Hand, und küßt sie feurig. Er läßt sie aber schnell wieder los, und schweigt bestürzt.)

Gräfin. – Sie wollten etwas sagen? Reden Sie – o ich möchte so gern von Ihnen verstanden werden.

Graf. (mit erzwungener Leichtigkeit und affektirtem Ton) O Sie nehmen meine Bitte auch zu ernsthaft! Ich habe längst darauf Verzicht gethan, die Launen, den Muthwillen der Damen zu verstehen. Das sind Heiligthümer, die wir anbeten müssen, ohne sie zu begreifen.

Gräfin. (fährt sich mit der Hand über die Augen, um eine Thräne zu verbergen.) Still, Herz!

[141] Graf. (ergriffen, umfaßt sie, mit dem ganzen Ton der Liebe) Sophie!

Gräfin. (fast zugleich) Ludwig, das erste Wort der Liebe – das wollt’ ich von dir! (der Graf scheint erschrocken; eine Pause während deren sie ihn beobachtet) Wollen wir nicht zur Gesellschaft? Man wartet auf uns –

Graf. (heftig) Kommen Sie – O nein, bleib! Verlängre die süße Folter, auf welche du mein Herz – du machst mich sündigen! (Er stürzt fort, an der Frau v. Stralen vorbei, die eben hereintritt.)




Achter Auftritt.
Frau v. Stralen, Gräfin.

Fr. v. Stralen. (sieht die Gräfin in Nachdenken versunken stehen)Das sind die Folgen Eurer Unterredung?

[142] Gräfin. (erwachend, faßt ihre Mutter bei’m Arm und reißt sie mit sich fort, im Abgehen triumpfirend) Er liebt mich! Mutter, er liebt mich!