Karl Johann und ein deutscher Mann

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Textdaten
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Autor: L. v. A.
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Titel: Karl Johann und ein deutscher Mann
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 458-459
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[458]
Karl Johann und ein deutscher Mann.
Aus meinen Erinnerungen. Von L. v. A.


Es war im Jahre 1813. Preußen hatte sich, nachdem des Landes Jugend dem Aufrufe des Königs, die Waffen zu ergreifen, voll Enthusiasmus entsprochen, offen gegen den Kaiser Napoleon erklärt, und während ganz Europa den kommenden Ereignissen mit gespannter Erwartung entgegensah, begrüßte man in ganz Deutschland, wenigstens in ganz Preußen, die Nachricht mit Freuden, daß Bernadotte, der damalige Kronprinz von Schweden, sein Vaterland verläugnend, sich feindlich gegen dieses, sowie gegen den Mann erklärt habe, dem er den fremden Thron verdankte. Man sah in ihm nicht den Ueberläufer, nicht den Undankbaren, der den Empfang einer Krone durch Feindschaft lohnte, sondern nur einen willkommenen Verbündeten, der materiell, noch mehr aber moralisch ein bedeutendes Gewicht zu Gunsten der nach der Wiedererlangung ihrer Freiheit ringenden Völker in die Waagschale des Kampfes warf.

Unter solchen Umständen war es nicht zu verwundern, daß Karl Johann überall, wo er in Preußen sich zeigte, mit Huldigungen empfangen, ja oft überschüttet wurde, daß man ihn feierte, wie einen Triumphator nach errungenem Siege.

So war es auch, als er auf seinem militärischen Spaziergange, auf dem er das Bereich französischer Kugeln glücklich zu vermeiden wußte, nach Schwedt kam, dem freundlichen Städtchen, das außer seinem stattlichen Schlosse, welches ihm ein Ansehen der Größe verleiht, noch zahlreiche Spuren von dem segensreichen Wirken der Markgrafen von Schwedt trug, deren Residenz es so lange gewesen.

Doch nicht in dem markgräflichen Schlosse, das zu dem Empfange des Unerwarteten nicht eingerichtet war, nahm der Kronprinz sein Absteigequartier, sondern in dem ersten Gasthause der Stadt, welches die Ehre und den Gewinn seiner Anwesenheit nur wenige Stunden genießen sollte.

Ehrfurchtsvoll hatten sich hier die Behörden, der Bürgermeister, die Geistlichkeit eingefunden, den gefeierten Reisenden zu begrüßen, aber unter all' den Civilröcken sah man nicht eine einzige Militäruniform, und dies fiel dem Kronprinzen in dieser kriegerischen Zeit um so mehr auf, da er während seiner Fahrt durch die Stadt mehrere Husaren bemerkt hatte.

„Ist gar keine Garnison hier?“ fragte er daher den Bürgermeister.

„Doch, Eure Königliche Hoheit,“ entgegnete der Bürgermeister. „Wir haben seit einigen Tagen zwei Schwadronen Husaren von der russisch-deutschen Legion hier.“

„Wer kommandirt sie?“ fragte der Kronprinz weiter, und seine Stirn verfinsterte sich.

„Der Major von A..., Eure Königliche Hoheit.“

„Wie kommt es, daß ich weder ihn selhst, noch einen seiner Offiziere hier sehe?“

„Ich bin den Husaren begegnet, wie sie zum Exerziren ausrückten,“ sagte einer der anwesenden Herren.

„Ich wünsche den Major zu sprechen!“ wendete sich der Kronprinz zu einem seiner Adjutanten, und dieser eilte hinweg, den Befehl zu vollziehen.

Etwa eine Viertelstunde später, während welcher Zeit sich der Kronprinz mit den Anwesenden sehr leutselig und liebenswürdig unterhalten hatte, trat der Major von A... in das Zimmer, im Ueberrock, die Feldmütze in der Hand, Stiefel und Beinkleider mit Koth bespritzt. Er warf suchend die Blicke umher und als er den Kronprinzen aus seiner Umgebung herausgefunden hatte, trat er auf denselben zu und sagte, eine dienstmäßige Haltung annehmend:

„Eure Königliche Hoheit haben befohlen, mich zu sprechen.“

Der Kronprinz betrachtete mit ernster Miene und zusammengezogenen Augenbrauen den männlich-schönen [459] Krieger, der in stolzer Haltung vor ihm stand, und dessen Blicke etwas Trotziges, Herausforderndes zu haben schienen.

„Weshalb waren Sie bei meiner Ankunft nicht zugegen, wie alle diese Herren hier?“ fragte er nach einer Pause mit ziemlich ungnädigem Tone, denn er hatte erkannt, daß ein Mann mit feindlichen Gesinnungen ihm gegenüberstand.

Die Frage war in französischer Sprache gethan, und obgleich der Major diese sehr gut verstand, erwiederte er:

„Ich spreche nicht französisch!“

Einige der zunächststehenden Herren traten erschrocken zurück, denn sie wußten, daß der Major Französisch sprach, und sie erblickten daher in seiner Antwort einen herausfordernden Trotz, der sie erbeben machte. Der Kronprinz jedoch hatte keinen Grund, die Wahrheit dieser Behauptung zu bezweifeln; er winkte daher einem Offiziere seines Gefolges, und dieser wiederholte die Frage in deutscher Sprache, indem er von nun an den Dolmetscher machte. Der Major von A. benutzte diesen Umstand, um sich gegen diesen Dolmetscher zu wenden, so daß er nur mit ihm und gar nicht mehr mit Kronprinzen zu sprechen schien.

Als die Frage, weshalb er bei der Ankunft des Kronprinzen nicht zugegen gewesen sei, dem Major wiederholt wurde, antwortete er kurz:

„Weil ich meine Husaren exerziren ließ.“

„Wußten Sie nicht, daß ich kommen würde?“ lautete die zweite Frage des Kronprinzen, der das Gespräch durch den Mund seines Dolmetschers beinahe nach Art eines Verhöres fortsetzte.

„O ja!“

„Weshalb versäumten Sie es dann, mir Ihre Aufwartung zu machen?“

„Weil ich von Ihrer Ankunft nicht offiziell in Kenntniß gesetzt war und es deshalb nicht für Pflicht hielt, über einem unnützen Besuche bei einem Durchreisenden die Ausübung meiner Leute, die ihnen sehr Noth thut, zu vernachlässigen.“

„Ich wünschte einen bessern Grund zu hören,“ sagte der Kronprinz, der nur mit Mühe die äußere Ruhe bewahrte, während man ihm den unterdrückten Zorn nur allzudeutlich ansah.

Doch auch der Major von A. befand sich unverkennbar in einer heftigen Aufregung. Er fühlte sich empört darüber, einem solchen Verhöre unterworfen zu werden, und nach kurzem Besinnen, während dessen er zu überlegen schien, wie weit er in seinen Antworten gehen dürfe, sagte er: „Wenn Sie denn die Wahrheit wissen wollen – weil ich die Franzosen, deren Bekämpfung ich mein ganzes Leben gewidmet habe, aus tiefster Seele hasse.“

Der Kronprinz zwang sich zum Lächeln und erwiederte: „Sie wissen, daß auch ich den Franzosen als Feind gegenüberstehe.“

„Ja, jetzt,“ sagte mit dem Tone des Hohnes der Major, „doch ist es noch gar nicht lange her, seitdem meine Güter durch die Franzosen unter dem Befehle des General Bernadotte geplündert wurden.“

Als der Dolmetscher diese Worte zagend übersetzte, biß sich der Kronprinz auf die Lippen; dann sagte er nach einer kurzen Pause:

„Ich ehre eine solche Freimüthigkeit des deutschen Mannes, so verletzend sie auch für mich sein mag, und weit entfernt, Ihren Privatgefühlen Zwang anthun zu wollen, verzeihe ich Ihnen das Beleidigende Ihrer Worte.“ Dies Alles hatte er in unverkennbar gereiztem Tone gesagt; ruhiger fügte er nach wenigen Sekunden hinzu: „Ich wünsche Ihre Husaren zu besichtigen. Wann können Sie dazu bereit sein?“

„Binnen einer Viertelstunde im Exerziranzuge, binnen einer Stunde im Paradeanzuge!“ entgegnete der Major.

„Im Exerziranzuge,“ sagte der Kronprinz; „denn ich wünsche zu sehen, was Ihre Leute können.“

Der Major verbeugte sich und eilte zu seinen Husaren. Durch wenige Worte unterrichtete er seine Offiziere von dem Vorgefallenen, und diese gaben ihm die Versicherung, daß der Kronprinz nicht zu dem geringsten Tadel Veranlassung finden sollte.

Und sie hielten Wort. Der Kronprinz, der die Husaren die schwierigsten Manöver ausführen ließ und sie auch im Einzelnen streng prüfte, sah sich gezwungen, ihnen das unbedingteste Lob zu zollen, und entließ den Major mit den, unter den obwaltenden Umständen sehr huldvollen Worten:

„Grob, aber ein tüchtiger Soldat!“