Keller über Jeremias Gotthelf

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Textdaten
Autor: Gottfried Keller
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Titel: Jeremias Gotthelf
Untertitel:
aus: Gottfried Keller’s Nachgelassene Schriften und Dichtungen, S. 93–164.
Herausgeber: Jakob Baechtold
Auflage:
Entstehungsdatum: 1849–1855
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Wilhelm Hertz
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Scans auf commons
Kurzbeschreibung:
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Einführung

Kellers Rezensionen von Erzählwerken seines Landsmannes Jeremias Gotthelf erschienen in längeren Abständen zwischen 1849 und 1855 in Brockhaus’ Blättern für literarische Unterhaltung. Nach Kellers Tod führte Baechtold die vier Abhandlungen samt Nachschrift in der Reihenfolge ihres Erscheinens zusammen, und gab dem Ganzen den Titel „Jeremias Gotthelf“.[WS 1] Die Schrift stellt eine Hauptquelle für Kellers Anschauungen zur Dichtkunst und zur politisch-gesellschaftlichen Verantwortung des Dichters dar. 1956 nahm Hans Mayer sie in seine Anthologie Meisterwerke deutscher Literaturkritik auf.[WS 2]

Während die Vers- und Prosadichtungen Kellers heute fast ausnahmlos auch in digitalisierter Form erreichbar sind, Litlinks zu Keller, suchte man im Internet nach seinen literaturkritischen Schriften bisher vergebens.

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  • Der Seitenwechsel erfolgt bei Worttrennung nach dem gesamten Wort.

Text

[93]
Jeremias Gotthelf.
I.[1]
(1849)
Die Verlobten gingen miteinander über die Wiese, da raufte Reinhard jene Pflanzen aus und zeigte Lorle den wundersam zierlichen Bau des Zittergrases und die feinen Verhältnisse der Glockenblume. „Das gehört zu dem Schönsten, was man sehen kann,“ schloß er seine lange Erklärung. „Das ist eben Gras,“ erwiderte Lorle, und Reinhard schrie sie heftig an: „Wie du nur so was Dummes sagen kannst, nachdem ich schon eine Viertelstunde in dich hineinrede.“

Diese gute Stelle kommt vor in Auerbach’s „Frau Professorin“. Sie machte mich augenblicklich stutzen. Wie, dachte ich, sollte diese Stelle am Ende bezeichnend sein für die ganze Dorfgeschichten-Literatur? „Das ist eben Gras!“ Sollte das Volk vielleicht den Schilderungen seines eigenen alltäglichen Lebens einen ähnlichen Titel geben, nachdem wir Gebildeten und Studirten schon eine Viertelstunde und länger in dasselbe hineingeredet haben? Wenigstens haben wir keinen Beweis vom Gegentheil; denn wir haben überhaupt noch gar keinen Bericht, ob unsere Volksschriftsteller in den Hütten des Landvolks ebenso bekannt seien, wie in den Literaturblättern [94] und allenfalls bei den Bürgerklassen der Städte, und wenn sie es sind, welche Wirkung sie gemacht haben. Nur von Hebel weiß man, daß er in den alemannischen Gauen populär geworden ist. Es kann auch nicht anders sein. Die wohlfeilste Ausgabe von Pestalozzi’s „Lienhard und Gertrud,“ dem unübertroffenen Muster, kostet, trotzdem daß das Buch vor einem halben Jahrhundert geschrieben wurde, heute noch über einen Gulden; Auerbach’s verschiedene Auflagen sind bis jetzt noch sämmtlich von dem gewöhnlichen belletristischen Publikum konsumirt worden, gleichwie Geßner’s „Idyllen“ nicht von Schafhirten, sondern von Marquisen und Patriziern gelesen wurden, ohne daß ich übrigens eine weitere Vergleichung hier beabsichtigte. Die angeführten zwei Bücher von Gotthelf: „Uli der Knecht“ und „Uli der Pächter“, kosten zusammen beinahe vier Gulden. Wie lange es geht, bis ein Bauer für ein Buch, das nicht gerade die Bibel ist, vier Gulden disponibel hat, weiß jeder selbst, der mehr in einem Bauernhaus verweilt hat, als bloß um an einem heißen Sommertage eine frische Milch darin zu essen. Und vollends ein armer Bauer oder gar ein Knecht! Und wenn sich endlich ein solcher Sonderling und Verschwender findet, gewiß eine Vogelscheuche für das ganze Dorf: wie soll das Buch zu ihm gelangen, oder er zu dem Buche? Er bekommt keine Bücherpackete „zur gefälligen Einsicht,“ und ebenso wenig hat er Muße und Gelegenheit, sich in den Buchläden herumzutreiben und nach „Novitäten“ zu fragen; und auf den Büchertischen am Jahrmarkt, wo der „Eulenspiegel“ und der „Gehörnte Siegfried“, der „Trenk“ und das Kochbuch liegen, sind obige Volksschriften leider nicht zu finden. Ich übertreibe zwar: ich weiß wohl, daß hier und [95] da ein Schullehrer, ein aufgeklärter Pfarrer oder sonst ein ordentlicher Mann sich dergleichen hält und diesem oder jenem strebsamen Jüngling oder Mädchen in die Hände gibt; aber das ist erst ein schwacher Anfang, der auf eine fernere Zukunft deutet.

Auf obige Stelle nun, das „Gras“ betreffend, hat Auerbach selbst in „Schrift und Volk“ (S. 72) sehr gut geantwortet:

Das Volk liebt es nicht, sich seine eigenen Zustände wieder vorgeführt zu sehen; seine Neugierde ist nach Fremdem, Fernem gerichtet, wie sich das auch in andern Bildungskreisen zeigt. Erst wenn sich die Überzeugung aufthut, daß man in sich selbst neue Bekanntschaften genug machen kann, wenn höhere Beziehungen in dem alltäglich Gewohnten aufgeschlossen werden, lernt man das Alte und Heimische neu lieben.

Es handelt sich eben darum, daß das „Volk“ so gut zu sich selbst zurückgeführt werde wie überhaupt alle Menschheit, und auch bei ihm der Geschmack am Fremden und Sonderbaren vertrieben werde. Denn vieles, was man für ursprünglich Volksthümliches hält, die Lust an allerlei gepfeffertem Abenteuer- und Sagenspuk, ist ebenfalls nur ein Hinzugekommenes und in den tiefen Grundschichten und Spalten länger Hängengebliebenes. Es ist sehr natürlich, daß der Görres des neunzehnten Jahrhunderts dasjenige für urvolksmäßig und ewig erkläre, was ein Görres des zehnten Jahrhunderts ausgestreut hat; aber nicht so natürlich ist es, daß wir andern Leute darauf schwören. Und was vor tausend Jahren da oder dort volksthümlich gewesen sein mag, es ist es jetzt nicht mehr. Das Volk streift zeitweise alte geborstene Rinden von sich ab, und man wird vergebens diese Bruchstücke trocknen, zu Pulver stoßen, und ihm wieder [96] unter die Nahrung mischen wollen; sie werden entweder sogleich ausgespieen, oder die gute Natur hilft sich durch Geschwüre und Ausschläge.

Ewig sich gleich bleibt nur das, was rein menschlich ist, und dieß zur Geltung zu bringen, ist bekanntlich die Aufgabe aller Poesie, also auch der Volkspoesie, und derjenige Volksdichter, der ein gemachtes Princip braucht, um arbeiten zu können, thut daher am besten, die Würde der Menschheit im Volke aufzusuchen und sie demselben in seinem eigenem Thun und Lassen nachzuweisen. Gelingt ihm dieß, so erreicht er zugleich einen weitern Zweck, und deckt eine Blöße im Getriebe der Kultur. Es ist nämlich die laute Klage der Retrograden und wirklich eine häufige Erscheinung, daß durch die sogenannte Aufklärung, d. h. durch die Verbesserung und Ausbreitung der Volksschule, ein unnatürlicher Ehrgeiz, allerlei windiges Wesen und Unzufriedenheit mit seinem Stande geweckt werden. Mancher Bauer, dessen Sohn einen guten Brief schreiben, eine Wiese ausmessen gelernt, oder in Erfahrung gebracht hat, daß die Gewächse sich auch geschlechtsweise fortpflanzen, oder der über 1812 und 1798 hinauf noch einige historische Jahreszahlen mehr kennt, der sagt: „Potz Blitz! Mein Bub muß ein Gerichtsschreiber oder gar ein Advokat, ein Ingenieur, ein Doktor, ein Lehrer werden“. Und statt eines tüchtigen, kundigen Bürgers, der mit Rath und That bei der Hand und eine Zierde seiner Gemeinde ist, erzieht er mit seinem sauer erworbenen Gelde dem Staate ein mißlungenes Subjekt, einen Winkeladvokaten und käuflichen Geschäftsmacher, einen versoffenen Geometer, welcher nichts zu thun hat, weil er über das Ausmessen der Wiese hinaus zu nichts Weiterm das Zeug im Kopfe hatte, einen [97] Quacksalber und einen aufgeblasenen Schulmeister, der sich auf alles versteht, nur nicht auf die Kinder.

An dieser Kalamität ist aber nicht die Aufklärung schuld, sondern die menschliche Schwachheit, und die Abhülfe liegt in der Bildung selbst: einestheils dadurch, daß dieser falsche Ehrgeiz eben einfach ein erstes Stadium ist, welches durch den steten Fortschritt von selbst überwunden wird; anderntheils durch die Volkspoesie, von der wir sprechen. Wenn die Bewohner der Bauernhütten erfahren, daß ihr Herz gerade auf die gleiche Weise schlägt, wie das der feinen Leute, wenn sie sehen, daß ihre Liebe und ihr Haß, ihre Lust und ihr Leid so bedeutungsvoll ist, wie die Leidenschaften der Prinzen und Grafen, wenn der kräftige Bauernbursche fühlt, daß seine Faust ihr bestimmtes Gewicht und Ansehen hat, und daß seine frischen Augen im Lande so guten Schein geben als irgend andere Augen, wenn die einsame graue Großmutter weiß, daß ein Dorfkirchhof so gut eine adelige Burg der Trauer und des geheimnißvollen Schicksals ist, wie der Kreuzgang einer alten Abtei, wenn das ländliche Dirnchen merkt, daß sein Kränzlein grüner ist und höher im Werthe steht als manches andere: – dann wird endlich jene Sucht nach Carrière und Vornehmheit wie ein trüber Nebel verschwinden, und für jeden Kopf, welcher dennoch, mit Berechtigung, aus seinem Stande sich herausarbeitet, wird alsdann ein anderer aus andern Ständen sich einfinden. Aus manchem vornehmen Feldverderber und Branntweinbrenner, der jetzt nicht Fisch und nicht Vogel, nicht Herr und nicht Bauer ist, wird dann ein tüchtiger Ackersmann werden, wenn die Vorurtheile verschwunden sind, und er nicht mehr gemeiner zu werden braucht, indem er endlich [98] den Zwillichrock anzieht und die Hand wirklich an den ersehnten Pflug legt. Dann wird es hoffentlich auch dahin kommen, daß es nur noch Eine Poesie gibt.

Man wende nicht ein, daß der fleißige Bauer und sonstige Arbeiter mit einer veredelten Anschauungs- und Empfindungsweise, mit einem solchen poetischen Bewußtsein ein schlechter Arbeiter und Geschäftsmann sein werde. Die religiösen Sekten verschiedener Art haben bewiesen, daß man sogar durch unnatürliche fanatische Schwärmerei die Arbeitstüchtigkeit nicht verliert, und gerade die Pietisten mit ihrer krankhaften Empfindelei und näselnden Religiosität sind es nicht, welche sich ökonomisch am übelsten zu stehen pflegen. Waren Cromwell’s Rundköpfe weniger gute Soldaten, weil sie vor der Schlacht geistliche Seufzer ausstießen und nach der Schlacht predigten? Und warum sollte ich auch die Kraft verlieren, eine Eiche zu fällen, weil ich weiß, daß der grüne Wald schöner ist als der Salon eines Banquiers? Warum die Besonnenheit, ein Schifflein zu lenken, weil ich mit klarem Blick in die Tiefe des Wassers zu dringen vermag? Warum die Fähigkeit, einen Pflug zu führen, weil ich mich auf dem weiten Acker unter dem blauen Himmel so recht glücklich und andächtig fühle? Warum mit minderm Eifer ein Hufeisen schmieden, weil ich weiß, daß ein wohlgeschwungener Hammer dem Schmied gut ansteht? Und sollte ich das Geld, welches ich aus zehn Scheffel Weizen gelöst habe, wohl nicht so gut zählen und zusammenhalten können, als mancher Schriftsteller das Honorar für seine empfindsamen Romane? Es gibt Leute, welche in der Ästhetik drin stecken wie ein Wurm im Mehle, und aus lauter ästhetischen Gedanken große Häuser bauen und ihr [99] Pult mit Eisenbahnaktien anfüllen: – und ein Landmann sollte nicht mit einigem menschlichen Anstand seinen Beruf erfüllen können?

Wenn man gegenwärtig von Volksschriftstellern spricht, so stehen Berthold Auerbach und Jeremias Gotthelf (Pfarrer Bitzius zu Lützelflüh im Kanton Bern) obenan. Auerbach ist von der Höhe der jetzigen Bildung aus zu der Volksschrift gelangt. Er hatte einen philosophischen Roman geschrieben, ehe er an seine „Dorfgeschichten“ gerieth, und auch von diesen vermag ich nicht zu berichten, ob ihn ein bewußter Beruf, für das Volk zu schreiben, dazu trieb, oder ob es mehr ein glücklicher Wurf des Künstlers war, welchen Lust und Talent auf dieß Gebiet führten, wie etwa ein frischer Morgenwind eine heitere Wolke am Himmel dahintreibt. Sei dem wie ihm wolle, die „Dorfgeschichten“ sind, mit Ausnahme des miserabeln Reinhard in der „Frau Professorin“, alle frisch und gesund und ein festtägliches Weißbrot für das Volk. Sie sind schön gerundet und gearbeitet; der Stoff wird darin veredelt, ohne unwahr zu werden, wie in einem guten Genrebilde, etwa von Leopold Robert; und wenn sie auch ein wenig lyrisch, oder wie ich es nennen soll, gehalten sind, so thut das meines Erachtens der Sache keinen Eintrag. Nicht so verhält es sich mit Gotthelf. Dieser besitzt die gleiche Intensität des Talents, den Sinn für Haushalt und Leben des Volks, für die Durchdringung besonders ländlicher Zustände; er vermag vielleicht noch tiefer herabzusteigen in die Technik und Taktik des Bauernlebens, gibt dasselbe mit allem Schmutze des Kostüms und der Sprache mit der größten Treue wieder, und gleicht hierin einem Niederländer. Aber er ist dabei ohne ästhetische Zucht geblieben, und wenn [100] er als Pfarrer über seinem Publikum steht, so steckt er wieder als Schriftsteller wie ein Naturdichter mitten unter demselben und scheint ohne Nachdenken und Mäßigung zu arbeiten. Wie Auerbach sich im heimatlich schwäbischen Schwarzwalde bewegt, so nimmt Gotthelf Stoff und Scene seiner Erzählungen aus dem Kanton Bern, und sie bekommen dadurch ebenfalls die lokale Färbung und Wahrheit, welche in guten Volksschriften von je gefunden worden und, kann man hinzusetzen, überhaupt eine Lebensbedingung der ursprünglichen klassischen Dichtungen fast aller Zeiten und Völker sind. Denn es ist ein bedeutsamer Wink, daß alles, was einem gesunden Volksbuch zu gute kommt, bei Licht besehen jedem poetischen Produkt, da wo ein reiner Geschmack herrscht, zum Vorzug gereicht.

Wenn aber bei Auerbach Herz und Gemüth die erste Rolle spielen, und daher seine Geschichten durch den Konflikt, in welche jene auch im Dorfe gerathen, zu artigen Romanen, lieblichen Dichtungen werden, so sucht Gotthelf seinen Beruf darin, daß er einen der Charaktere, welche im Volksleben sich am stärksten auszubilden pflegen, herausgreift und dann in einem etwas eintönigen Verlaufe, ohne künstliche Verwickelungen, zeigt, wie dieser Charakter zum Guten oder Bösen gedeihen könne. Dabei sind indessen alle andern Personen, welche sich an denselben anschließen, alle Sitten und Gebräuche so wahr und schlagend gezeichnet, daß auch der alltäglichste Lebenslauf und trockenste Haushalt dadurch interessant und mannigfaltig wird. Gotthelf hat zwar auch „Schweizerische Sagen und Bilder“ geschrieben, worin immer mit der Dorfgeschichte eine alte Zwingherren- und Gespenstergeschichte verflochten ist. Diese letzern sind aber in einem so übertriebenen [101] ungeschickten Breughel-Stil geschrieben, er hält sich so gewaltsam an einen verdorbenen Volksgeschmack, daß sie keine Bedeutung haben können. Sein eigentliches Element dagegen ist z. B. sein „Hans Joggeli, der Erbvetter“, und „Harzer Hans, auch ein Erbvetter“. Im erstern schildert er einen alten reichen Bauer, ein kluges, feines Männlein, welches, umlagert von Erbschleichern aller Art und beiderlei Geschlechts, durch ihre Zudringlichkeiten und Intriguen schlau hindurchsteuert, ohne sich verwirren zu lassen, ihre eigennützigen Geschenke und Dienstleistungen sich wohlweislich schmecken läßt, und am Ende ein armes Pärlein, welches als Knecht und Magd getreu ihm diente, unbeachtet und ohne Ansprüche, mit Haus und Hof und dem ganzen reichen Erbe beglückt, während er jenen Erbschleichern in seinem Testamente, jedem durch ein anzügliches Legat, noch einen Possen spielt. Im „Harzer Hans“ schildert er einen andern reichen Bauer, der aber ein gräßlicher Geizhals ist, welcher sich in der abnormsten Schinderei herumwälzt, seine Frau durch seinen gottlosen Geiz wahnsinnig macht, und nach dessen Tod die hohnlachenden Erben die aufgespeicherten Reichthümer auseinanderzerren. Oder er schildert in „Käthi, die Großmutter“ eine Frau, welche in weiser Sorge und Liebe für ihr Haus ergraut ist. Alle diese Sachen gründen sich, und darin liegt allerdings eine tiefe Kenntniß des Bauers und dessen, was ihm mangelt, auf seine materiellen Interessen, auf seine Gewinn- und Ränkesucht, und Gotthelf sucht das Volk von diesem trübseligen und sterilen Boden ab zu einem erhöhten Bewußtsein zu bringen. Ob er es auf die beste Weise thut, werden wir weiter sehen.

Schon vor mehreren Jahren schrieb Gotthelf „Uli der Knecht“, welcher vielen Beifall fand, und nun hat er eine [102] Fortsetzung des Buchs herausgegeben: „Uli der Pächter“. Es sind zwei ziemlich starke Bände und können gewissermaßen Gotthelf’s Hauptwerk genannt werden. Es ist ein großes Verdienst dieses Volksbuchs, daß die Fortsetzung nicht etwa ein abgeschwächter zweiter Theil zum „Faust“, oder zum „Meister“, oder eine mißlungene Fortsetzung des „Geisterseher“ u. s. w., sondern in ihrem vollen Rechte eine wahre nützliche Fortsetzung ist. In diesem Uli ist das Schicksal eines Bauers dargestellt, welcher sich vom armen hoffnungslosen Knechte herauf zu einem tüchtigen Pächter, und zuletzt zum großen Bauer und Eigenthümer hinaufschwingt. Es handelte sich hier nicht darum, einen brillanten Charakter zu wählen, welcher im Kampfe mit finstern Dämonen und feindlichen Mächten Heldentugenden im großen Maßstabe entfaltet und mit einem Effekt von der Bühne tritt; sondern mit meisterhafter Hand hat Gotthelf einen ganz gewöhnlichen Menschen genommen, gesund und kräftig an Leib und Seele, aber eher etwas beschränkt als geistreich, wenigstens allen Einflüssen offen, und für das Gute und das Böse fast gleich empfänglich. Nicht große geniale Thaten können eine solche Natur auf einen grünen Zweig bringen, sondern Fleiß, Gewissenhaftigkeit und die unbedingteste Ehrlichkeit; ohne diese wird er ein Stümper in seinem Berufe, ein kümmerlicher Geselle, welcher den Fleiß durch Spekulationen, Sachkenntniß durch grundsatzloses Experimentiren, Gewissenhaftigkeit durch erbärmliche Kniffe und Schlauheiten ersetzen will und daher zu Grunde geht. Hat der Schriftsteller einen solchen Charakter zu einem guten Ziele geführt, so kann jeder Leser ihm folgen, und hat die gerechte Hoffnung, ebendahin zu gelangen.

[103] Uli ist ein junges blutarmes Knechtlein, welches, in der Überzeugung, daß es sein Leben lang ein solches bleiben müsse, arbeitet, so schlecht und recht es eben muß, seinen spärlichen Lohn durchbringt, spielt, trinkt und sich darein ergeben hat, dieß immer so zu machen. Sein Meister, ein reicher kluger und wohlgesinnter Bauer, welcher den Grundsatz befolgt, einen Dienstboten womöglich bessern zu wollen, ehe er ihn fortjagt, nimmt ihn in die Schule. Uli wehrt sich hartnäckig. „Was soll ich“, meint er, „meinen Lohn zur Seite legen und sparen? Aus nichts wird nichts! Was soll ich mir Mühe geben, ein einsichtsvoller und gewandter Landwirth zu werden, da ich keinen Menschen auf der Welt habe, und niemals zu einem eigenen Stück Land komme?“ Der wackere Meister gibt aber nicht so bald nach, und es gelingt ihm endlich, dem Burschen die schöne Wahrheit beizubringen, daß ein gewissenhafter und tüchtiger Bauernknecht zu sein, keinem Menschen mehr zu gute komme, als ihm selbst, und daß, wer sich Arbeitsliebe und Arbeitskenntniß erworben habe, und dadurch in seiner Art berühmt sei, schon in diesem guten Namen ein Kapital besitze, welches unschätzbar sei, und er werde, wenn er seinem Rathe folge, dieses schon noch erfahren. Und so wird denn Uli wirklich ein Knecht, welchem man alles anvertrauen darf, zu des Bauers großer Freude; und für sich selbst hat er mit seinem Lohne, welcher mit seinen Leistungen gern vergrößert wurde, eine schöne Summe beiseite gelegt, der erste Grund zu einstiger Selbständigkeit. Aber der Bauer beweist auch, daß er nicht nur auf eigenen Nutzen bedacht ist. Als ein alter Vetter zu ihm kommt, welcher ebenfalls einen großen Hof besitzt, der aber aus Mangel an Leitung und durch angehäuftes [104] Gesindel von schlechten Dienstboten zu zerfallen droht, als ihn dieser nach einem zuverlässigen erfahrenen Meisterknechte fragt, dem er alles übergeben könne: da denkt der brave Mann an seinen Zögling und daß jetzt der Zeitpunkt gekommen sein möchte, denselben in einen weitern Wirkungskreis zu versetzen und eine Stufe höher zu heben. So ungern er den liebgewonnenen Knecht vermißt, so schlägt er ihn doch dem alten Vetter vor, und so wird Uli als Meisterknecht, der allem andern Gesinde zu befehlen hat, auf jenem Hofe installirt. Hier hat er nun volle Gelegenheit zu zeigen, daß er etwas geworden ist. Ein umfangreiches Bauernwesen, aber in der größten Unordnung, böswillige neidische Dienstboten, welche ihm alle Hindernisse in den Weg legen, und endlich Bosheiten und Ränke aller Art von Seite des neuen Herrn selbst, welcher, mißtrauisch und launisch, in seiner eigenen Unfähigkeit Uli seine Tüchtigkeit nicht gönnen mag und zum eigenen Schaden die bösen Knechte gegen den guten aufhetzt. Trotz alledem bringt aber Uli den Hof in Aufnahme, und es wird auf demselben geschafft und gewirkt, daß es eine Art hat. Uli bekommt ein Ansehen und wird berühmt. Da der Bauer selbst mißrathene Kinder hat und ihm die Oberaufsicht immer schwerer wird, so entschließt man sich endlich, sich ganz zurückzuziehen und Uli das Ganze in Pacht zu geben. Man gibt ihm zugleich ein schönes braves Weibchen zur Frau, welches als Pflegetochter im Hause erzogen und als eine Art Magd gehalten wurde. Da diese Person den Haushalt seit Jahren geführt hat und alles kennt, was eine rechte Bäuerin wissen muß, so ist die Geschichte nun abgerundet, und der arme hoffnungslose Knecht ist ein Mann geworden, dem man viele Tausende anvertraut, [105] der zu befehlen, zu regieren, selbständig zu handeln und zu entschließen hat, und eine hübsche junge Frau ist seine Gefährtin. Das ist aber nicht romantisch schnell gegangen, sondern er ist darüber bedächtlich dreißig Jahre alt geworden, kennt den ganzen Umfang seiner Aufgabe und ist durchaus nicht sorglos. Indessen steht sein früherer Meister noch immer mit Aufmunterung und Rath, selbst mit Bürgschaft zur Seite.

Damit schließt „Uli der Knecht“, und, sollte man denken, überhaupt dieser Stoff. Denn daß Uli nun im Stande ist, ein guter Pächter zu sein, wissen wir schon und verlangen keinen neuen Beweis in Form eines Buchs darüber. Nun schließt aber Gotthelf mit ebenso unerwarteter als trefflicher Wendung eine neue Bahn auf. Das Menschenleben ist eine fortgehende Schule. Der Staatsmann wie der Bauer muß jeden Morgen die Erfahrungen von gestern sammeln, das Verbrauchte umwenden und erneuen; unsere Seele muß, wenn sie nicht verkommen will, jeden Tag ihre Wäsche wechseln. Der moralische Mensch hat so gut seine Respiration wie der physische, und nur durch dieselbe bleiben wir lebendig. Wir bleiben nicht gut, wenn wir nicht immer besser zu werden trachten, und zu diesem Zwecke bedarf es nicht einmal des Gedankens der Unsterblichkeit; schon für diese sechzig oder siebenzig Jahre müssen wir immerwährend wach sein, wenn wir für die Dauer derselben glücklich, d. h. gut bleiben wollen. Diejenigen, welche dieses leugnen, erfahren es doch täglich an sich selbst am besten, seien sie Nihilisten par excellence, oder seien sie religiöse Heuchler. Uli ist nun ein blühender Dreißiger geworden. Kinder umgeben ihn. Arbeits- und Ordnungsliebe sind ihm zur andern Natur [106] geworden, und er weiß mit fester Hand ein Haus zu führen. Ist er nun fertig? Nein! Jetzt kommt er erst in die Jahre, wo der Mensch Gefahr läuft, in die gröbste Selbstsucht und Engherzigkeit zu versinken, über Arbeit und Sorge alle höhere Bedeutung seines Wesens zu vergessen, mit Einem Wort: zum Philister zu werden. Uli, von Natur aus ängstlich und kurzsichtig, verliert sich in die ärgste Klauberei, und die Sucht, reich zu werden, quält ihn unaufhörlich. Obgleich er weiß, daß gute, obgleich theuere Knechte nützlicher sind als schlechte und wohlfeile, so hat er doch keine Ruhe, da es nun auf seine eigene Rechnung geht, bis er sein vertrautes solides Gesinde, welches er sich selbst mit großer Mühe herangezogen, verdrängt und wohlfeiles fahrendes Gesindel angestellt hat, in der Hoffnung, dasselbe bald für wenig Lohn ebenso wohl ausnutzen zu können wie jene guten Knechte. Er verwickelt sich in jenes ungerechte, schmutzige Proceßführen, welches, da es leider keine Schande ist, die Bauern leidenschaftlich betreiben, so lange sie triumphiren können. Seine liebsten Freunde sind Schwätzer und Ränkeschmiede, welche ihn aussaugen, während er glaubt, bei ihnen ein grundgescheiter Kerl zu werden. Daher geht es überall schief; er wird mürrisch und unzufrieden, und ist gar nicht im Stande, sich seiner Errungenschaft zu freuen. Seine liebenswürdige und grundtüchtige Frau redet ihm vergeblich zu, von diesem eiteln Treiben abzulassen: es entsteht ehelicher Kummer, obgleich von der edlern und feinern Art; denn die gute Gesellschaft, welche bis unter einen gewissen Punkt nie herabsinkt, verbreitet sich durch alle Stände und ist in den niedern Regionen ebenso oft zu finden als in den hohen. Auch versteht Gotthelf trefflich, ihre feinen Sitten zu schildern. Man lese nur, [107] hier nebenbei gesagt, jene Stellen, wo er den diplomatischen Anstand eines rechten Berner Bauers beschreibt. Ein solcher, so ungehalten er auch ist, wird nie einen Knecht öffentlich anfahren und beschämen; sondern er macht nur im Vorbeigehen, ohne daß es jemand weiter hört, eine ruhige Bemerkung, wie zufällig; und wenn das nicht hilft, so nimmt er ihn nach Feierabend oder sogar erst gelegentlich ins Nebenstübchen, und sagt ihm daselbst ohne grobe zornige Worte, aber entschieden seine Meinung. Noch unerhörter wäre es, daß die Familie unter sich öffentlich zanken würde. Ebenso wenig wird ein solcher Mann in fremden Händeln seinen Rath aufdrängen wollen oder nach Verhältnissen fragen, die ihn nichts angehen. Diese edle Sitte haben freilich die Bauern vor den Diplomaten voraus.

Uli geräth immer tiefer in sein untröstliches Wesen hinein, bis das Unglück ihn aufrüttelt. Ein Hagelwetter zerschlägt seine Jahreshoffnungen, er kann seine Pacht nicht bezahlen und steht auf dem Punkte, da endlich auch der Hof verkauft werden soll, gänzlich auf die Straße gesetzt, und wieder zum ärmsten Knecht degradirt zu werden, nur mit dem Unterschied, daß er jetzt Frau und Kinder hat. Durch dieß Unglück wird er dem Einfluß seiner Frau wieder empfänglich gemacht, er bessert sich, lebt wieder auf und wird ein vernünftiger Mensch, und alles geht gut, da noch ein deus ex machina hinzukommt, der ihn zum reichen Eigenthümer des Hofs macht.

Fragen wir nun nach dem Princip, zu welchem hinauf und durch welches Gotthelf seinen Uli gerettet hat, so finden wir ein strenges, positives Christenthum. Darüber ist nicht mit ihm zu rechten. Etwas ist besser als gar nichts, und [108] mit einem Menschen, welcher den gekreuzigten Gottmenschen verehrt, ist immer noch mehr anzufangen als mit einem, der weder an die Menschen noch an die Götter glaubt. Wo reine Humanität fehlt, da muß die Religiosität das Fehlende ersetzen; wenn sie nur erwärmt und erhebt. Aber die Art und Weise, wie Gotthelf seinen Zweck verfolgt, ist zu verwerfen, nicht nur, weil sie pfäffisch und bösartig ist, sondern auch weil sie seine Schriften verdirbt.

Bitzius sagt in einer Vorrede: man werde ihm wenigstens nicht ein gedankenloses und feiles Segeln mit herrschenden Winden vorwerfen können. Das ist allerdings sehr wahr; er verfällt aber in das andere Extrem und sucht mit dem größten Eigensinn gegen den Strom zu schwimmen, und das ist für einen Volksschriftsteller auch nicht klug und weise. Ein solcher hat vom Volke ebenso viel zu lernen, als es von ihm lernen soll, und es ist seine Pflicht, auch ein wenig zu merken, was die Stunde geschlagen hat, wenn er segensreich wirken will.

Von welcher Art die Religiosität ist, welche Gotthelf zu seiner Verbündeten macht, mag man am besten aus folgender Geschichte ersehen, welche er in seinem „Pächter“ erzählt. Ein Bauer hat zur Zeit der Ernte seine ganze Jahresfrucht geschnitten auf dem Felde liegen. Es ist Sonntag und ein Gewitter im Anzug. Da macht der Bauer Anstalt, die Ernte zu retten und heimzuführen, ehe es zu spät ist. Eine uralte Großmutter beschwört ihn, nichts zu thun, denn solches sei auf diesem Hofe noch nie vorgekommen; so lange er bestehe, sei am Sonntag nichts gearbeitet worden. Der Mann mochte aber etwas von dem Esel, welcher in eine Grube gefallen und von der Jünger Ährenrupfen gelesen [109] haben: er läßt sich durch die Lamentationen der Alten nicht einschüchtern, und bringt glücklich sein Korn unter Dach. Kaum ist aber das letzte Fuder in die Scheune gefahren, so kommt ein Blitzstrahl und verzehrt Haus und Habe, und der Bauer, ein trauriges Exempel des göttlichen Zorns, bleibt blödsinnig. Diese Geschichte schmeckt mehr nach dem Judenthum als nach dem Christenthum. Gotthelf führt die Worte Sünde und sündlich fortwährend im Munde; fühlt er wohl nicht, daß es ebenfalls sündlich sein dürfte, dem christlichen Gott solch krasse Erfindung unterzuschieben? Ebenso spielen der Teufel und seine Hölle eine große Rolle in Gotthelf’s Schriften. Folgende Stelle nimmt sich z. B. sehr trübselig aus im Munde eines reformirten Geistlichen:

Es ist schrecklich, im Feuer zu erwachen; wer es erlebt hat, zittert, so oft er dessen gedenkt. Wie muß es den Sündern erst sein, wenn sie erwachen in der Hölle: Feuer ringsum und nirgend eine Thür zum Entrinnen, gefesselt auf ewig mit feurigen Ketten im ewigen Brand!

und die gleiche Erzählung, wo diese Süßigkeit vorkommt, („Harzer Hans“) schließt mit der erbaulichen Versicherung, daß der Teufel eine Seele geholt habe.

Möchte sich Gotthelf doch ein wenig an seinem berühmten und braven Vorgänger spiegeln, an Hebel, welcher ebenfalls Geistlicher war. Wie verschieden behandelt dieser sowohl als Künstler wie als Moralist den Teufel in seinem „Karfunkel“! Diese pietistische Tendenz thut den Volksbüchern großen Eintrag; auf jeder Seite wird gepoltert und gepredigt und oft im abenteuerlichsten Stil.

Aus allem diesem geht nun natürlich hervor, daß Gotthelf auch gegen Volksschule und Aufklärung eifert. Und er thut dieß bis zum Überdruß. Auf jeder Seite eifert er [110] über Lehrer, Professoren, Seminardirektoren u. s. w. Besonders führt er immerfort das Wort Professor auf verächtliche Weise in der Feder. Wenn es nach ihm ginge, so würden heute noch sämmtliche Professoren und Doktoren aller Fakultäten, ausgenommen der theologischen, beseitigt; sie sind ihm ein Dorn im Auge und das mit Recht; denn wenn diese abscheulichen Bücherwürmer nicht wären, so gäbe es auch keine Volkslehrer mit ihren verhaßten Naturgeschichten, Landkarten, populären Physikbüchern, astronomischen Leitfaden u. dgl. m. Man sieht, der gute Jeremias hält sich an die Quelle; er ist hierin kein gewöhnlicher Aristokrat.

Wenn Gotthelf in Sachen der Kultur überall Opposition gegen die Zeit macht, so wird er in politischen Dingen häufig geradezu zum Wühler. Er gehört der konservativen Partei des Kantons Bern an, welche schon seit mehreren Jahren gründlich in Ruhestand versetzt ist. Daher wimmeln seine Schriften von Invektiven gegen die jetzigen Regenten und alles, was von ihnen ausgeht. Alles Unheil, alles Schlechte, alles Ärgste vindicirt er ihnen. Wenn die Gerichtshöfe nach den neuern mildern Grundsätzen verfahren, und nicht mehr jeden Dieb hängen, der eines Strickes Werth gestohlen hat, so kommt es daher, daß die Regierenden selbst Diebe und Hallunken sind und alle Missethäter aus purer Sympathie verschonen, und – drückt Gotthelf sich ziemlich aufmunternd aus – es wird nicht besser werden, bis diese Erzhallunken selbst an den Galgen gebracht, resp. zum Teufel gejagt sind. Man rechnet es dem Aristophanes nicht hoch an, daß er in ähnlicher Weise die Leute durchhechelte, welche er nicht leiden konnte; die Athenienser selbst lachten ihm zu, krönten seine Stücke und – ließen [111] ihren Kleon am Staatsruder. Aristophanes schrieb aber seine Komödien absichtlich und allein zu diesem Zwecke, und wenn sie gut sein sollten, so mußte er die Realität verhöhnen. Wenn Gotthelf ein satirisches Buch schreiben würde, in welchem er alle seine Parteiansichten niederlegt, so würde man nichts dawider haben; daß er aber seine Malice durch alle seine Schriften gleichmäßig zerstreut, auf der einen Seite das Pathos von Treu und Glauben hervorkehrt, und hinten herum den negativen Hohn und die parteiliche Verdrehung hervorschiebt, das ist keine Art und schadet ihm selbst am meisten.

Der einzige permanente Zorn, welcher an Gotthelf zu billigen, ist seine Antipathie gegen die Juristen. Der Kanton Bern ist nämlich seit einer Reihe von Jahren durch eine Unmasse von Advokaten, Rechtsagenten, Schreibern u. dgl. überschwemmt worden, welche, angelockt durch die neuerrichtete Universität und einen echt demagogischen Professor, von der Dorfschule weg einige Semester in Bern herumrutschten, und dann als halbgebackene Juristen und Sykophanten großen Unfug im Bernischen Volk anrichteten. Diese Erscheinung ist nun zwar eine vorübergehende, indem der radikale Große Rath, das Volk im weitesten Umfange vertretend, selbst den Anfang zur Abhülfe gemacht und kürzlich durch einen Beschluß sämmtliche Rechtsagenten aufgehoben hat. Er bewies damit, daß die wahre Volksaufklärung sich selbst von ihren Krankheiten heilen kann ohne reaktionäre Beihülfe. Indessen hat das Übel einmal seine Wirkung gethan, und Pfarrer Bitzius, welcher einen unversöhnlichen Haß auf die ganze Juristerei geworfen, mag sich, wenn er an einem Orte sich beklagt, daß die Juristen von den Geistlichen [112] immer nur per Pfaffen sprechen, erklären, wie es kommt, daß man einen ganzen Stand mit einer solchen Antipathie ansehen kann.

Durch diese Tendenzen Gotthelf’s haben nun seine Schriften das schöne Ebenmaß verloren; die ruhige, klare Diktion wird unterbrochen durch verbittertes, versauertes Wesen; er überschriftstellert sich oft und gefällt sich darin, überflüssige Seiten zu schreiben, indem er seine eigene Manier sozusagen nachahmt und damit kokettirt. Man erhält nicht ein gereinigtes Kunstwerk, durch die Weisheit und Ökonomie des geschulten Genies zusammengefügt, man erhält auch nicht das frische naive Gewächs eines Naturdichters, denn Gotthelf ist ein studirter und belesener Mann; sondern man erhält ein gemischtes literarisches Produkt, das sich nur durch das vortreffliche Talent Bahn bricht, welches sich darin zeigt.

Von den Unebenheiten des Stils nur einige Beispiele. Während der Verfasser sich bestrebt, die drastische Sprache des Volks zu führen und seine Frauen im Scherze per „Unflath“ tituliren läßt, und fortwährend eine höhere Erziehung und Bildung verhöhnt, gebraucht er selbst, um psychologische Zustände zu bezeichnen, Bilder vom Brechen der Lichtstrahlen auf verschiedenen Körpern, von elektrischen Schlägen u. dgl. Wie kann er von dem Volke, das er haben will, das Verständniß solcher eleganten Metaphern verlangen? Er beschreibt ferner sehr gut renommistische Schlemmer, aufgedunsene Hasenfüße:

Johannes hatte eine von den brüllhaften Naturen, welche die ganze Welt voll himmeldonnern, daß man glauben sollte, in ihnen sei die Macht aller wahren und falschen Gottheiten, von Saturn bis [113] auf Hegel, welche bekanntlich darin große Ähnlichkeit haben, daß sie ihre eigenen Kinder auffressen, koncentrirt. Betrachtet man diese Naturen in der Nähe, so sind sie zumeist ohne alle innere Kraft und Macht, ihr ganzes Vermögen geht eben in ihrer Brüllhaftigkeit auf. Man sieht zuweilen Menschen in Kaffeehäusern bei Spiel und Champagner die bedeutendsten Rollen spielen, daß man meinen sollte, sie wohnten in Palästen, schliefen auf Schwanenfedern unter seidenen Decken, und es sind die ärmsten Schlucker von der Welt, wohnen zur Miethe, oder wohnen auch gar nicht, und wenn sie Kinder haben, so haben diese oft gar nichts, um die Nase zu wischen, als was sie auf die Welt gebracht. Hört man sie, so glaubt man, Gott habe einmal statt Frösche, wie er zuweilen thut, Helden regnen lassen, hageldick, die halbe Welt voll; prüft man sie, so sind es lauter Windbüchsen; bläst man nichts hinten ’rein, kömmt nichts vornen ’raus, sind ohnmächtige Wesen, unterthan jeglichem Winde, der über sie hinfährt, haben aber große Fähigkeit, den Wind zu fassen, große Fähigkeit, ihr verfluchtes Ding wieder von sich zu geben; wäre aber kein Wind, so wären sie auch nichts. Es sind moderne Naturen, oder etwas vulgär gesagt, die Schweinsblasen des Zeitgeistes, oder jedes andern Geistes der sein Maul an ihr Röhrchen wagt. Derlei Naturen stolpern zu Tausenden in der Welt umher, vom Himmel geregnete Frösche, brüllen die Welt voll, daß man in Versuchung geräth, sich zu ducken, als wäre eine Herde von zehntausend Büffeln im Anzug.

Hier liegt nun die Nachlässigkeit des „Stils“, sage ich absichtlich, darin, daß er dergleichen Kerle dem Jahrhundert in den Schuh schiebt; hätte er ein wenig nachdenken mögen, so würde er sich ohne Zweifel an Falstaff erinnert und noch weiter hinauf bis in die Bibel genug solche Bursche gefunden haben, wie z. B. den wackern Goliath, welche just nicht moderne Naturen sind. Gotthelf’s Stil mit seinem kecken Gepolter ist selbst ein solcher Schreckteufel, welcher einem bange machen könnte, wenn man ihm nicht auf den Leib ginge. In „Uli der Knecht“ handelt der Verfasser, [114] nachdem er von Arbeit und Mühe gesprochen hat, von den Freuden, welche allerdings auch ein Dienstbote haben müsse als Erholung nach der Arbeit, und er verweist sie – wieder auf die Arbeit! Darin nämlich müsse ein rechter Dienstbote seine Erholung finden, daß er sich am Gedeihen und Floriren der Angelegenheiten seines Meisters freue, und daß er sein Vergnügen an einem wohlbestellten Acker, an einem gutverpflegten schönen Stück Vieh finde. Wenn man dieß näher besieht, so heißt es nichts weiter, als man müsse eben gern und freudig arbeiten, und für die Erholung von der Arbeit, welche er versprach, ist nicht gesorgt. Ich bin überzeugt, daß Bitzius auch noch andere Erholungen braucht, als daß er etwa seine Predigt wieder liest, wenn er aus der Kirche kommt, oder daß er sich, nachdem er den ganzen Tag geschrieben hat, durch die Lektüre seiner eigenen Schriften erfrischt. Und doch hätte der Verfasser nur einige Seiten weiter einen prächtigen Ausweg gefunden. Er beschreibt dort ein gymnastisches Spiel der jungen Bauernbursche und sagt selbst, es sei eins der schönsten nationalen Spiele, welche an Sonntagen hin und wieder aufgeführt werden. Auch stammt es aus der belobten alten Zeit und hat in dieser Beziehung also seinen gültigen Stammbrief. Wenn irgendwie eine ehrbare Erholung aufzutreiben gewesen, so war es hier. Was thut aber Jeremias? Er läßt seinen Uli von dem Besuche dieses Volksfestes Schaden und Verdruß nehmen, und räth hierdurch seinen jungen Lesern ernstlich ab, dergleichen Ergötzlichkeiten mitzumachen. Es wäre die Aufgabe des Dichters gewesen, allfällige eingeschlichene Roheiten und Mißbräuche im poetischen Spiegelbild abzuschaffen und dem Volk eine gereinigte und veredelte Freude wiederzugeben, da [115] es sich einmal darum handelt, in der gemeinen Wirklichkeit eine schönere Welt wiederherzustellen durch die Schrift. Gotthelf’s Scheu vor den Volksspielen mag es auch erklären, warum man in seinen sonst so ausführlichen Erzählungen nirgend eine Spur vom Volksliede findet. Auerbach hat dieß Element reichlich ausgebeutet, und die leichten schwäbischen Liedlein klingen lustig durch Wald und Flur; auf der einsamen Feldhöhe sind sie der Ausdruck für Wohl und Weh. Gotthelf hätte uns mit wahren Kabinetsstücken aufwarten können; denn im Bernervolk sind uralte Lieder mit den prächtigsten Mollmelodien gang und gäbe, Lieder, welche die Zierde des „Wunderhorn“ und von Uhland’s Sammlung sind, zum Theil auch noch nicht einmal darin stehen. In diesem Punkt ist aber das tausendjährige Volk dem konservativen Literaten von heute wahrscheinlich zu modern und zu weltlich.

Wenn ein tüchtiges Gewitter im Anzug ist, so sieht man in den weiten Bernischen Matten wunderliche Gestalten herumhantiren; es sind die Wässerbauern, welche, in uralte Röcke und Hüte gekleidet, dem zu erwartenden reichlichen Wassersegen Weg und Bahn durch ihre Wiesen bereiten. Gotthelf sagt:

Das hat wohl auch zu der Sage Anlaß gegeben, daß, wer ein Frohnfastenkind sei, vor dem Ausbruch der heftigsten Gewitter alte längst verstorbene Wässerbauern, welche sich gegenseitig um’s Wasser betrogen, in den Wiesen wässern sehe, Graben aufthun, Bretter einschlagen, dann stehen hinter diesem oder jenem Strauch oder Baume, Feuer schlagend und ihr Pfeifchen rauchend. Man denkt dabei nicht an die Sitte der rechten Wässerbauern, die alten, hundertjährigen währschaften Röcke ihrer Großväter anzuziehen, und uralte Hüte aufzusetzen, da modernes Zeug in’s Wasser hinaus nichts taugt. So sieht man [116] von ferne allerdings ein uralt längst zu Grabe gegangenes Geschlecht in den Wiesen hantiren, und manche Gestalt mag sich vor der andern fürchten, hinter einen Dornstrauch sich bergen. Ginge man den Gestalten zu Leibe, würde man ganz bekannte Gesichter sehen, deren Beine noch auf Erden wandeln, aber in den Schuhen der Väter, gehüllt in ihre Röcke, übend ihre Sitten.

Die Sache ist einfach die, daß die Bauern alte verdorbene Kleider anziehen zu diesem nassen Geschäft, um die neuen zu schonen. Die Besitzer jener alten Gewänder haben zu ihrer Zeit zu dem nämlichen Geschäfte noch ältere Kleider angezogen, als diese noch neu waren. Der Stoff, welchen heute die Bauern zu ihren Kleidern verwenden, ist noch immer selbst gesponnen und dauerhaft. Wenn man aber so einfache Geschichten fortwährend verdreht und benutzt, um Hiebe auf die Gegenwart anzubringen, so nenne ich das einen schlechten Stil führen. Auch einen unbesonnenen Stil; denn Gotthelf scheint bei dieser Anpreisung der vergangenen Zeit schon nicht mehr daran zu denken, wie er soeben erzählt hat, daß die alten Wässerbauern, die soliden Besitzer jener „uralten Hüte“, die „Väter“, einander um’s Wasser betrogen haben und daher in den Augen des Volks noch spuken müssen.

Man verzeihe mir, daß ich an diesen Kleinigkeiten so weitläufig herumklaube. Ich halte es aber von der größten Wichtigkeit, daß gerade ein Volksbuch durch und durch wahr und klar, in allem Detail ohne Verwirrung und Sophistik gehalten sei. Das Volk hat ohnehin einen Hang, alles zu mißverstehen, zu verspotten, was ihm nicht geläufig ist, sich selbst und seine Ungezogenheiten zu hätscheln, und alles nach Belieben zu verdrehen, so oder so zu deuten. Das darf nicht noch genährt werden.

[117] Doch verlassen wir endlich dieß unerquickliche Gebiet und kommen wir auf Gotthelf’s Vorzüge zurück. Diese sind die Hauptsache, sonst wäre ich gar nicht im Fall, diese Recension zu schreiben. Daß Gotthelf ein vortrefflicher Maler des Volkslebens, der Bauerndiplomatik, der Dorfintriguen, des Familienglücks und Familienleids ist, daß er Feld und Stall, Stube und Küche und Speicher genau kennt, ist schon gesagt und versteht sich eigentlich bei vorliegendem Stoffe von selbst. Aber, wenn wir doch noch von einer abgeschlossenen Volkspoesie sprechen müssen: er hat Vorzüge darüber hinaus, welche in jeder Gattung, auch der höchsten, wenn es eine gibt, nur dem bevorzugten Talente eigen sind. Er hat gar keine charakterlosen schwankenden Figuren. Jeder ist bei ihm an seinem Platz und gut durchgeführt, und er hat sich einer großen Mannichfaltigkeit zu rühmen, und ganz feine Nuancen kommen vor. Er weiß einen Unterschied zu machen zwischen zwei schlauen verschmitzten Bauern, und, durch die zartesten Linien getrennt, neigt sich der eine auf liebenswürdige Weise zum Guten, der andere zum Bösen. Hauptsächlich auch auf die Frauen versteht er sich sehr gut. Was für vortreffliche alte, dicke Bäuerinnen schildert er, die Zuflucht der ganzen Gegend, wohlwollend und klug! Wie lustig wissen die behaglichen und doch fein organisirten Frauen ihre störrischen Männer zu ihrem eigenen Besten an der Nase herumzuführen, daß Einem das Herz lacht und man sich selbst unter ihre Fürsorge versetzt wünscht! Und wie schön sind die jungen Mädchen und Weiber gezeichnet! Der beste Beweis ist, daß man sich immer selbst mit verliebt, oder wenigstens, um in Gotthelf’s Sprache zu reden, sich „sauwohl“ bei ihnen befindet. Die Liebesverhältnisse sind überaus fein und meisterhaft [118] angelegt. Sie entwickeln sich vor unsern Augen, ohne daß ein Wort davon geplaudert wird, und auf einmal – wir wußten es schon lange, daß es so kommen müsse, ersahen aber den Augenblick nicht – ist das Glück da. In wenig treffenden Zügen wird es abgemacht.

An epischen, lyrischen und dramatischen Momenten der schönsten Art fehlt es auch nicht. Uli’s junge Frau ist, obgleich sie Pferd und Wagen zur Verfügung hatte, in ländlicher Bescheidenheit und Rüstigkeit mehrere Stunden weit zu Fuß gegangen, um einer Jugendfreundin ein Kind aus der Taufe zu heben. Sie hat dieselbe im größten Elend angetroffen, hat gemildert und getröstet, wo sie konnte, und ist nun, gedankenvoll und aufgeregt, auf dem Heimwege. Ihre Kräfte erschöpfen sich aber doch und die ungewohnten engen Sonntagsschuhe machen ihr viel Beschwerde; so schleppt sie sich mühsam auf der einsamen Straße dahin, auf den Boden schauend und seufzend: da weckt sie eine liebe Stimme, sie schaut auf, und ihr kräftiger schmucker Mann sitzt, das stattliche Pferd zügelnd, auf dem bekannten leichten Fuhrwerke vor ihr. Er ist aus eigenem Drange ihr entgegengeeilt. Die einfache, wahrhaft antike Schönheit dieses Moments fühlt sich übrigens nur, wenn man das Ganze selbst liest. Vom allerbesten Korn ist ferner die Stelle, wo die jungen Pachtleute zum ersten mal ein Erntefest geben müssen. An diesem Tage ist es Sitte, daß nicht nur alle möglichen Arbeiter und wer in irgend einer Berührung zum Hause steht verschiedene reichliche Mahlzeiten erhalten, sondern alle Bettler, welche sich melden und welche um die Erntezeit eigentlich darauf reisen, müssen mit Kuchen abgespeist werden. Vreneli hat schon verschiedene Sträuße mit ihrem knauserigen Manne [119] bestanden, und ihm endlich das Nöthigste, was der Anstand erfordert, abgerungen, und sie glaubt so ziemlich gut zu bestehen. Aber

als das Sieden und Braten anging, die Feuer prasselten, die Butter brodelte und zischte, die Bettler kamen, als schneie es sie vom Himmel herunter, die Pfannen zu alles verschlingenden Ungeheuern wurden, – Vreneli, so viel es auch hineinwarf, immer frisch wieder angähnten mit weitem, ödem, schwarzem Schlund: da kam die Angst über ihns; aber sie half ihm halt nichts; wie die Sperlinge den Kirschbaum wittern, welcher frühe Kirschen trägt, weit hergezogen kommen mit ihren raschen Schnäbeln und nimmersatten Bäuchlein, so kamen die Bettler daher, vom Duft der brodelnden Butter gezogen, schrien heißhungrig von weitem schon: „Ein Almosen, de tusig Gotts Wille!“ und trippelten ungeduldig an der Thür herum, weil sie vor süßer Erwartung die Beine nicht stille halten konnten. Vreneli begann Schnittchen zu backen, daß es sich fast schämte, so klein und so dünn die Kruste, und alles half nichts; es war, als ob sie Beine kriegten und selbst zuliefen einem Schreihals vor der Thür. Es ward ihm immer himmelängster, für die eignen Leute könnte es gar nicht sorgen. In der größten Noth erschien die Base unter der Küchenthür, wahrhaftig wie ein Engel, und zwar einer von den schwerern, denn sie wog wenig unter zwei Zentnern. Sie stellte einen bedeutenden Butterkübel, den sie hinter Joggeli’s Rücken aus ihrem Keller stibizt hatte, dem besten Schmuggler zum Trotz, auf den Küchentisch.

Schön ist auch Uli’s Hochzeitsfahrt beschrieben. Allein mit seiner Braut fährt er auf einem leichten Wägelchen in den dämmernden Morgen hinaus. Ihr Gesichtchen blüht in der Morgenfrische wie eine Rose, und die zarten schwarzen Spitzen ihrer Haube sind mit noch zarterm silbernem Reif besetzt.

Welche elegische Stimmung weht durch die Scene, wo der alte Erbvetter Hans Joggeli begraben wird! Die Leiche ist auf dem Wege nach dem weit entfernten Kirchhof, und [120] der ganze Troß der Vettern und Basen, erblüstern, ist gefolgt, Rührung heuchelnd. Nur das treue Gesinde ist allein im Hause geblieben und hält aufrichtig trauernd Wache, obgleich sie nichts zu erben hoffen.

Wenn aus Ost oder Südost der Wind geht, so hört man im Nidleboden das Geläute von der Kirche her, hört das Mittagsgeläute, hört die Schläge der Todtenglocke. Von dort her kam am selben Tage der Wind um’s Haus in den Baumgarten hinaus. Jedes für sich, damit keins das andere störe im Horchen und Sinnen, standen die Zurückgebliebenen, lauschten auf die Töne vom Kirchlein her, sahen einander fragend an, schüttelten verneinend die Köpfe. Das Läuten beginnt, wenn der Sarg dem Kirchhof sich naht. Sie wollten im Geiste bei seinem Grabe sein, wollten beten in’s Grab hinein, wollten mischen ihr Gebet mit der über ihm zusammenrollenden Erde, den andern gleich, die am Grabe standen. Da hob das Mädchen, welches als äußerster Vorposten auf einem großen Erdhaufen stand, die Hand empor und rief: „Hört, hört!“ Da klang es wirklich durch die Lüfte, leise, wie Geisterwehen; lauter schwebten dann einzelne Glockentöne heran, Geisterstimmen, welche die Kunde brachten, jetzt nahe der selige Kirchmeier seinem Grabe, jetzt werde der müde Leib in die Erde gesenket, um wieder zur Erde zu werden, aus welcher er genommen worden.

Dadurch, daß Gotthelf so sehr an der Vergangenheit hängt, gewinnen seine Darstellungen einen Reiz, welchen Auerbach’s Geschichten nicht haben. Er gleicht hierin vielmehr Immermann, welcher in seiner westfälischen Idylle das Volk mit seinem ehrwürdigen historischen Roste vorführt. Das Leben auf den alten großen Bernischen Bauerngehöften hatte etwas ungemein Ehrwürdiges, und Gotthelf schildert mit schöner Wehmuth die alte Art und Weise. Aber alle Formen wechseln auf Erden, und eben dieser Wechsel ist es, welches das Vergangene mit einem verklärenden Lichte bestrahlt. [121] Es würde vor unsern Augen vergehen und verdunkeln, wenn unsere Sehnsucht erfüllt würde und wir wirklich zurückkehren könnten. Hin ist hin!

II.[2]
(1851)

Pfarrer Bitzius steht als Schriftsteller nicht über dem Volke, von welchem und zu welchem er spricht; er steht vielmehr mitten unter demselben und trägt an seiner Schriftstellerei reichlich alle Tugenden und Laster seines Gegenstandes zur Schau. Leidenschaftlichkeit, Geschwätzigkeit, Spottsucht, Haß und Liebe, Anmuth und Derbheit, Kniffsucht und Verdrehungskunst, ein Bischen süße Verleumdung: alle diese guten Dinge sind nicht nur in dem Leben und Treiben seiner Helden, sondern auch in seiner beschreibenden Schreiberei zu schmecken. Insofern ist er viel mehr, als die kunstgerechten und objektiven idealisierenden Dorfgeschichtendichter, ein wahrer Leckerbissen für jeden Gourmand und wahren Kenner des Volkslebens. Ob dabei der beste Zweck hinsichtlich der ästhetischen Forderungen sowohl als der pädagogischen erreicht werde, ist freilich eine andere Frage. Er sticht mit seiner kräftigen scharfen Schaufel ein gewichtiges Stück Erdboden heraus, ladet es auf seinen literarischen Karren und stürzt denselben mit einem saftigen Schimpfworte [122] vor unsern Füßen um. Da können wir erlesen und untersuchen nach Herzenslust. Gute Ackererde, Gras, Blumen und Unkraut, Kuhmist und Steine, vergrabene köstliche Goldmünzen und alte Schuhe, Scherben und Knochen, alles kommt zu Tage, stinkt und duftet in friedlicher Eintracht durcheinander. Er baut ein Berner Bauernhaus mit allen Vorrathskammern, mit Küche und Keller und den stillen Gaden der Töchter stattlich auf; aber vor allem fehlen auch Schweinestall und Abtritt nicht, und besonders in der „Käserei“ ist soviel von dem animalischen Verdauungs- und Sekretionsproceß die Rede, daß der verzärtelte Leser mehr als einmal unwillkürlich das Taschentuch an die Nase führt, insonderlich wenn er hinter der nordischen Theetasse sitzt, deren gern gesehene Zierde Jeremias Gotthelf gegenwärtig zu sein scheint.

Wahrscheinlich hat Bitzius einst Theologie und mithin auch etwas Griechisch u. dgl. studirt; von irgend einer schriftstellerischen Mäßigung und Beherrschung der Schreibart ist aber nichts zu spüren in seinen Werken. Das edle Handwerk der Büchermacherei hat verschiedene Stufen in seiner Erlernung, welche zurückgelegt werden müssen. Zuerst handelt es sich darum, daß man so einfach, klar und natürlich schreibe, daß die Legion der Esel und Nachahmer glauben, nichts Besseres zu thun zu haben, als stracks ebenfalls dergleichen hervorzubringen, um nachher mit langer Nase vor dem mißrathenen Produkte zu stehen. Alsdann heißt es hübsch fein bei der Sache zu bleiben und sich durch keine buhlerische Gelegenheit, viel weniger durch einen gewaltsamen Haarzug vom geraden Wege verlocken und zerren zu lassen. Beide Disciplinen fließen öfter ineinander, und Herr Jeremias benutzt alsdann reichlich die Gelegenheit, sie [123] mit einem Griffe beim Schopfe zu fassen und siegreich in eine Pfütze zu werfen. Erstlich ist seine Rede so wunderlich durch: wohl, aber, daneben, jedoch, durch unendliche Referate im Konjunctiv Imperfecti gewürzt und verwickelt, daß man oft ein altes Bettelweib einer neugierigen Bäuerin glaubt Bericht erstatten zu hören. Sodann läßt er sich alle Augenblicke zu einer süßen Kapuzinerpredigt, zu einer Anspielung mit dem Holzschlägel, zu einem feinen Winke mit dem Scheunenthor verleiten, welcher weit hinter die Grenze der behandelten Geschichte gerichtet ist. In „Die Käserei in der Vehfreude“, welche nur von Bernern ganz deutlich gelesen werden kann und wo es sich nur um Käs und Liebe handelt, wird wenigstens ein halbes Dutzend mal auf das Frankfurter Parlament gestichelt. Hat man gelernt, nicht wie eine alte Waschfrau, sondern wie ein besonnener Mann zu sprechen und bei der Sache zu bleiben, so ist es endlich noch von erheblicher Wichtigkeit, daß man auch diejenigen Einfälle und Gedanken, welche zu dieser Sache gehören mögen, einer reiflichen Prüfung und Sichtung unterwerfe, zumal wenn man kein Sterne, Hippel oder Jean Paul ist, welches man durchaus nicht sein darf, wenn man für das Volk schreibt, für das „Volk“ nämlich mit Gänsefüßchen eingefaßt. Denn obgleich wir jene Herren gehörig verehren, besonders den letzten, so wird uns doch mit jedem Tag leichter um’s Herz, wo ihre Art und Weise zum mindern Bedürfniß wird. Es war eine unglückselige und trübe Zeit, wo man bei ihr Trost holen mußte; und verhüten die Götter, daß sie nach der Olmützer Punktation und den Dresdener Konferenzen noch einmal aufblühe.

Was die Einfälle betrifft, so ist es eine eigene Sache [124] mit denselben, und es gehört ein Rafael dazu, jeden Strich stehen lassen zu können, wie er ist. Wie manche Blume, die man in aufgeregter Abendstunde glaubt gepflückt zu haben, ist am Morgen ein dürrer Strohwisch! Wie manches schimmernde Goldstück, welches man am Werktage gefunden, verwandelt sich bis an einen stillen heitern Sonntagmorgen, wo man es wieder besehen will, in eine gelbe Rübenschnitte! Man erwacht in der Nacht und hat einen sublimen Gedanken und freut sich seines Genies, steht auf und schreibt ihn auf beim Mondschein, im Hemde und erkältet die Füße: und siehe, am Morgen ist es eine lächerliche Trivialität, wo nicht gar ein krasser Unsinn! Da heißt es aufpassen und jeden Pfennig zweimal umkehren, ehe man ihn ausgibt! Da hilft weder blindes Gottvertrauen noch Atheismus; es passirt jedem, der nicht feuerfest oder vielmehr wasserdicht ist. Goethe hat gut sagen: „Gebt ihr euch einmal für Poeten, so kommandirt die Poesie!“ welchen Spruch ein tüchtiger Prosaiker meiner Bekanntschaft jungen Dichtern unter die Nase zu reiben pflegte, wenn sie von Stimmung sprachen. Der wackere Mann dachte nicht daran, daß Goethe den „Faust“, wo selbiges Sprüchlein geschrieben steht, ein ziemliches Stück Leben lang mit sich herumtrug, ehe er ihn drucken ließ. Und seltsam! gerade die Stimmung ist manchmal die gefährlichste Schlange für hoffnungsvolle Dichter. Wie manches Blatt Papier, welches man in „guter Stunde“ vollgeschmiert, kommt Einem nach einem halben Jahre so schauerlich vor, daß man vor sich selbst in die Erde kriechen möchte, roth wie ein Krebs, und dem Himmel dankt, daß man selbst und nicht etwa ein Nachlaßherausgeber hinter die Sache gekommen ist!

[125] Von solcherlei Seelenkämpfen scheint der glückselige Jeremias keine Ahnung zu haben. Während der Dichter sonst im Leben unbesonnen, leidenschaftlich, ja sogar unanständig sein kann, wenn er nur hinter dem Schreibtische besonnen, klar und anständig und fest am Steuer ist, macht es Gotthelf gerade umgekehrt: ist äußerlich ein solider gesetzter geistlicher Herr; sobald er aber die Feder in die Hand nimmt, führt er sich so ungeberdig und leidenschaftlich, ja unanständig auf, daß uns Hören und Sehen vergeht. Aber wie gesagt, in diesem Falle gewinnen die echten Liebhaber nur dadurch; sie erhalten um so unverfälschtere Waare, welche sie beliebig verwenden können. So ist z. B. jedes Buch Jeremias Gotthelf’s eine treffliche Studie zu Feuerbach’s „Wesen der Religion“. Der Gott, der diese Bauern regiert, ist noch der alte Donnergott und Wettermacher. Sie hangen ab von Regen und Sonnenschein, von Licht und Wärme und fürchten Hagel und Frost. Sie zittern vor dem Blitzstrahl, der in ihre Scheune schlägt, und halten ihn für die unmittelbare Folge einer bösen That. Besitz und irdisches Wohlergehen verlangen sie von Gott und sind zufrieden mit ihm in dem Maße, als er dieselben gewährt. Er ist der Gewährsmann und Gehülfe aller ihrer Leidenschaften. Ein ruchloses verleumderisches Weib in der „Vehfreude“ will ihn durch Gebet zwingen, ihre Feindin zu tödten, und zweifelt an seiner Gerechtigkeit, wenn ihre Dorfintriguen mißlingen. Da ist nie die Rede von der „schönen symbolischen Bedeutung“ des Christenthums, von seiner „herrlichen geschichtlichen Aufgabe“, von der Verschmelzung der Philosophie mit seinen Lehren.

Dagegen spielt der Teufel eine gewichtige Rolle und [126] Jeremias Gotthelf läßt uns diplomatischerweise im Unklaren, ob er nur als poetische Figur oder als baare Münze zu nehmen sei. Seine tugendhaften Helden sind alles konservative Altgläubige, und der Gott Schriftsteller mit der schicksalverleihenden Feder weiß sie nicht anders zu belohnen, als daß sie entweder reich und behäbig sind, oder es schließlich werden. Die Lumpen und Hungerschlucker aber sind alle radikale Ungläubige und ihnen ergeht es herzlich schlecht. Spott und Hohn treffen sie um so schärfer, je länger ihnen der Bettelsack heraushängt und je dürrer ihre Felder stehen. Dieß ist ganz in der Ordnung; denn nicht anders verhält es sich in der Wirklichkeit. Das Volk, besonders der Bauer, kennt nur Schwarz und Weiß, Nacht und Tag, und mag nichts von einem thränen- und gefühlsschwangeren Zwielichte wissen, wo niemand weiß, wer Koch oder Kellner ist. Wenn ihm die uralte naturwüchsige Religion nicht mehr genügt, so wendet es sich ohne Übergang zum direkten Gegentheil, denn es will vor allem Mensch bleiben und nicht etwa ein Vogel oder ein Amphibium werden. Und damit wollen wir uns zufriedengeben und es nicht stark zu Herzen nehmen, wenn die weisen Herren vom Stuttgarter „Morgenblatt“ unlängst sagten: der Atheismus (oder was sie darunter verstehen) werde in der guten Gesellschaft Deutschlands nun schon nicht mehr geduldet. Wo diese „gute Gesellschaft“ zu suchen ist, weiß ich freilich nicht. Vielleicht ist etwa ein Stuttgarter Abendkränzlein damit gemeint, wo man den schwäbischen Jungfräulein aus dem ungeschickten und flachen Buche des Herrn Oersted vorliest; oder vielleicht besteht die gute Gesellschaft aus jenen erleuchteten germanischen Kreisen, in welchen man deutsche Literaturgeschichte in den [127] lächerlichen und naseweisen Arbeiten des Herrn Taillandier studirt!

Analog seiner religiösen ist auch Jeremias Gotthelf’s juristische Weltanschauung. Er ereifert sich heftig über den eingerissenen Humanismus im Rechtsleben und sehnt sich nach der Blüthezeit des Galgens und der Ruthe zurück. Und ganz liebenswürdig naiv sind ihm die heutigen Richter nichts anderes als ausgemachte Schelme und Spitzbuben, welche mit den ungehängten Verbrechern unter Einer Decke stecken. Nicht aber, daß er sich sehr um die Gesetze kümmerte, wenn sie gegen ihn sind. Seine Helden üben ein kräftiges Faustrecht und prügeln unter dem sichtbaren Beifallslächeln des Verfassers ihre radikalen Widersacher weidlich durch. Diese sind natürlicherweise immer höchst erbärmliche und nichtswürdige Gesellen, und Jeremias Gotthelf schildert sie als solche mit großer Trefflichkeit. Leider muß man gestehen, daß es im Gefolge des Zeitgeistes eine Menge solcher schofeln Hallunken gibt; indem wir aber sagen: des Zeitgeistes, so ist zugleich gesagt, daß, wenn dieser konservativ wird, ihm jene armen Teufel ebenfalls nicht fehlen. Sie schließen sich jeder Partei an, welche an’s Agiren kommt und Aussichten hat oder verheißt. Die deutschen Treubünde der Gegenwart haben ein schönes Kontingent Ritter von der traurigen Gestalt in sich aufgenommen. Halbherrenthum bei hartnäckigem Geldmangel sind ihre Triebfedern. So wenig der christliche Gott es verhindern kann, daß sich Wucherer, Heuchler und Erzschelme zu ihm bekennen, so wenig kann irgend eine Partei solchen Kameraden verbieten, ihre Fahne aufzustecken.

Doch wollen wir es unserm Dichter Dank wissen, daß [128] er solche Misère so trefflich zeichnet; denn es ist noch besser, wenn sie einseitig geschildert wird als gar nicht, da sie einmal vorhanden ist; und selbst unserer Partei kann es nur frommen, wenn manche ihrer Mitläufer der untern Schichten sich ein wenig bespiegeln können. Für Charakterisirung der politischen Tröpfe in den obern Regionen, der unklaren und eigensüchtigen Gemüther von feinerm Korne, leistet in neuerer Zeit Gutzkow Ausgezeichnetes in seiner merkwürdigen Durchdringungs- und Anempfindungskunst.

Die „Käserei in der Vehfreude“ schildert den bäuerlichen Associationsgeist, wie er eine gemeinschaftliche Sennhütte für ein ganzes Dorf errichtet. Früher wurde der gute Schweizerkäse nur auf den Alpen von einzelnen Kühern ausschließlich producirt, indem man der Meinung war, seine Feinheit und Würze sei die einzige Folge der Alpenkräuter. Seit aber die Chemie nachgewiesen hat, daß es wie bei mehreren andern Erzeugnissen, so auch beim Käse mehr auf die Behandlungsweise ankomme, haben in der Schweiz viele Dörfer der Niederungen sich diesem Produktionszweige zugewendet. Sie bestellen sich einen erfahrenen Senn; jeder Theilnehmer liefert vom Frühjahr bis zum Herbste alle entbehrliche Milch in die gemeinschaftliche Hütte, und die auf diese Weise den Sommer hindurch entstandene Menge von Käsen wird dann auf Einen Schlag an einen Händler verkauft und der bedeutende Erlös unter die Theilnehmer vertheilt, je nach der Milch, welche sie geliefert haben. Dieses Thema gab nun Jeremias Gotthelf die Veranlassung, alle kleinen Leidenschaften des Dorfes spielen zu lassen: die Ungeschicklichkeit und Naseweisheit bei der Konstituirung und Vielherrschaft, den Ehrgeiz, Neid, Eigennutz, Mißtrauen, das [129] durch die Finger Sehen und wie alle die artigen Dinge heißen mögen, nebst vielen komischen Zügen. Vorzüglich zwei Momente ragen aus der Jugendgeschichte vorliegender „Käserei“ hervor: die gewaltige Revolution, welche unter den Frauen entstand, als sie, die seit Jahrhunderten über den Überfluß an süßer Milch und Butter unbeschränkt gewaltet, darin geschwelgt, Gastfreundschaft geübt und auch ein ansehnliches Nadelgeld bestritten hatten, nun plötzlich sich auf das Unentbehrlichste beschränkt sahen und die reinliche, weiße, so ganz weibliche Domäne den harten Händen der industriellen Männer übergeben sollten. Ferner als die Käserei endlich zustandegekommen, die volksthümliche oder menschliche Art und Weise, wie jeder einzelne, fast ohne Unterschied, sich beeilte, die Gemeinschaft zu betrügen durch verfälschte Milch, welche er lieferte, und nicht daran dachte, wie er sich nur selbst betrog, indem bald das Ganze darüber zu Grunde gegangen wäre.

Mit diesem Verlaufe ist nun noch eine hübsche Liebesgeschichte verbunden. Ein schöner überkräftiger und übermüthiger Magnatensohn, der Fürst und Herzog der wilden faustgerechten Jugend, liebt ein armes schüchternes, aber überaus feines Mädchen und wird von ihr wiedergeliebt; doch sind sich beide in ihrer Unschuld unklar darüber. Sie erfahren es aber durch einen ebenso überraschenden als hochpoetischen Zug des Dichters. Die Jünglinge des Dorfes kehren in sechs stattlichen Wagen, jeder von vier schweren stolzen Bauerpferden gezogen, von der Stadt zurück, wohin sie den Käse geliefert haben, und sprengen nun, vom Weine aufgeregt, in stolzem Übermuth auf der nächtlichen Straße daher, der Held voran als ein wahrhaft antiker Wagenlenker. [130] Er ist bestrebt, das jämmerlich-komische Fuhrwerk eines liberalen Windbeutels, der vor ihnen herfährt, mit seinem feurigen Gespanne zu überholen und ein wenig auf die Seite zu drücken, schmettert es aber nicht nur zu Boden, sondern überfährt auch seine Geliebte, welche in der Dunkelheit ungesehen denselben Weg wandelte. Sie wird ohnmächtig auf seinen Wagen gelegt, schlägt ihre Augen ein wenig auf und schließt sie wieder ganz selig, als sie ihn erblickt; während er durch seinen Kummer um sie ebenfalls über seine Liebe gewisser wird. Die Lösung des Knotens wird ebenso originell herbeigeführt, indem der ritterliche Bursche eines Sonntags in der Kirche, mitten in der Predigt, eingeschlafen ist und in süßen Träumen laut von seinem Liebchen einen Kuß verlangt. Um das Mädchen nicht in Schande zu bringen, muß er sich sogleich erklären und heirathet es.

Die „Erzählungen und Bilder aus der Schweiz“ enthalten theils solche ähnliche Geschichten in kürzerer Novellenform, meistens das Werben eines rüstigen Bauernsohns um ein Weib oder umgekehrt, theils Anekdoten und Schwänke in der Art des „Rheinischen Hausfreundes“, auch einige Visionen à la Jean Paul. Die Anekdoten wie die Visionen erscheinen nicht so ungezwungen und eigenthümlich und hätten füglich unterdrückt werden mögen. Die Novellen aber sind alle vom gleichen guten Stoffe wie die größern Arbeiten Gotthelf’s. Vorzüglich fällt es auf, und jeder Leser wird es gestehen, wie, abgesehen von der überladenen Polemik und den Geschmacklosigkeiten in vielen Bildern, es doch so wahrhaft episch hergeht in dieser Welt. Viele Züge könnten ebensowohl dreitausend Jahre alt sein wie nur eines, und in [131] beiden Fällen gleich wahr und treffend. Die Frauen sind schlau, wohlwollend und vorsorglich; die kräftigen Männer sind geschwätzig und rühmen sich selbst unbekümmert, gleich den Homer’schen Helden. Es ist der Stolz der Väter, wenn sie nach einem Volksfeste einige hundert Taler an die von ihren Söhnen Verwundeten auszahlen müssen, und dieses bringt That und Bewegung in die Geschichten. Die Söhne sind große Pferdekenner und fahren voll Stolz durch das Land.

Ein weiterer alterthümlicher Reiz ist in einigen dieser Geschichten, wo eine Brautwerbung vor sich geht: daß gar nie von Liebe die Rede ist. Die Leute gehen aus, ein Weib oder einen Mann zu suchen, der auf ihren Hof paßt, und doch empfindet der Leser jedesmal am Schlusse eine Genugthuung, wie kaum im empfindsamsten Romane. Wenn ein Mädchen die einer tüchtigen Bäuerin nöthigen Tugenden und einen schönen Leib besitzt, so ist sie das, was der Werber gesucht hat; und es beruht diese Weise auf der Erfahrung, daß, wo ein recht gesunder Mann mit einem ditto Weibe zusammenkommt und beide auf einander angewiesen sind, auch eine gesunde Liebe nie ausbleibt. In den Städten, wo eine Unzahl Verschiedenheiten in der Geschmacksrichtung und Geistesbildung ebenso viele „Mißverhältnisse“ veranlaßt, wo eine Frau eine unglücklich Getäuschte ist, weil es sich erweist, daß der Mann keine Symphonie zu genießen im Stande ist: – dort ist diese Weltanschauung allerdings nicht mehr am Platze; aber auf dem Lande, wo alle Bedingungen der Harmonie noch einfacher und gleichmäßiger sind, ist sie weit poetischer, als man glauben möchte. Wenigstens ist die Stimmung des Lesers in Jeremias Gotthelf’s einfachen und [132] hübschen Werbegeschichten so poetisch wie in jedem andern Romane, und bei mir war sie es mehr, als wenn ich im Petrarca gelesen hätte.

Zu Bodmer’s und Breitinger’s Zeiten und bis tief in unser Jahrhundert hinein pflegte die deutsche Kritik jeden Schweizer, der etwa ein deutsches Buch zu schreiben wagte, damit zurückzuscheuchen, daß sie ihm die Helvetismen vorwarf und behauptete, kein Schweizer würde jemals Deutsch schreiben lernen. In jetziger Zeit, wo die Königin Sprache die einzige gemeinsame Herrscherin und der einzige Trost im Elende der deutschen Gauen ist, hat sich dieß geändert, und sie begrüßt mit Wohlwollen auch ihre entferntesten Vasallen, welche ihr Zierden und Schmuck darbringen, wie sie dieselben vor fünfhundert Jahren noch selbst gesehen und getragen hat. Jeremias Gotthelf mißbraucht zwar diese Stimmung, indem er ohne Grund ganze Perioden in Bernerdeutsch schreibt, anstatt es bei den eigenthümlichsten und kräftigsten Provinzialismen bewenden zu lassen. Doch mag auch dieß hingehen und bei der großen Verbreitung seiner Schriften veranlassen, daß man in Deutschland mit ein Bischen mehr Geläufigkeit und Geschicklichkeit als bisher den germanischen Geist in seine Schlupfwinkel verfolgen lerne. Wir können hier natürlich nicht etwa die philologisch Gebildeten, sondern nur diejenige schreibende und lesende Bevölkerung Norddeutschlands meinen, welche so wenig sichern Takt und Divinationsgabe in ihrer eigenen Sprache besitzt, daß sie gleich den Kompaß verliert, wenn nicht im Leipziger oder Berliner Gebrauche gesprochen oder geschrieben wird.

[133]
III.[3]
(1852)

Das politische Leben der Schweiz hat lange vor 1848, und als man noch keine Ahnung von der Möglichkeit eines Redwitz in Deutschland empfand, die konservativen und reaktionären Parteien die Brauchbarkeit der Belletristik einsehen lassen, und zu einer Zeit, wo Freiligrath’s und Herwegh’s gereimter Handschuhwechsel noch ganz vereinzelt dastand, besaßen die Schweizer schon umfangreiche poetische oder vielmehr unpoetische Manifeste, welche mit geharnischtem Zorn gegen den Radikalismus auftraten. Es war beiläufig gesagt sonderbar, daß diese „Dichter“ vorzüglich auch gegen die unpoetische Tendenz der radikalen Poesie auftraten und doch wieder diese ihre Tendenz gegen die Tendenz zum nachhaltigen Gegenstand ihrer Ergüsse machten. Diese doppelte Ableitung kommt indessen heute noch vor und ist zuletzt allerdings die allertrockenste und poesieloseste Tendenz. Vorzüglich Fröhlich, der Fabeldichter, nach Bitzius das intensivste und kernigste Talent der poesiebeflissenen Schweiz, warf in den wiederholten Auflagen seines „Jungen Deutschmichels“ einen Regen von Invektiven gegen das eingewanderte Fremdenthum, wobei indessen der Schweizer, die dazumal in einem harten Ringen um ein erneutes eidgenössisches Princip begriffen waren, nicht geschont wurde; vorzüglich war es auf das eidgenössische Festleben, auf das Pokuliren und Toastiren, Schießen und Singen abgesehen; und die eidgenössische [134] Schützenfahne, welche zur Zeit jenes wilden Kampfs unter dem Trotz und Hohn der Sonderbündler, Baseler und Neuenburger Stabilisten, unter den Drohungen und Noten der großen Mächte den nach bessern Zuständen sich sehnenden Schweizern ein Symbol war, das sie mit lärmendem, aber wahrem und liebevollem Enthusiasmus begrüßten, wo es sich zeigte, wurde von Fröhlich ein seidener Fetzen gescholten, von Lumpen getragen oder dergleichen. Nun, der Fetzen hat seitdem für einmal gesiegt, und der schmollende Poet hat ihn am großen Schießen von 1849 selbst höflich in Reimen begrüßt; und ein Extrakt jener liederlichen Toastirer sitzt dermalen noch in Bern, angenehm beschäftigt dem urwüchsigen Konkretismus der Kantone die Haare zu strählen, die vornehmen Noten von draußen anständig abzunehmen und den Boten den nicht wohl angehenden Inhalt der besagten Zettel auf die höflichste Weise zu erläutern, andererseits die muntere Heerde der praktischen Völkersolidaritätler aller Zonen zu hüten, welche die ebenso einsichtsvolle als männliche Forderung stellen, daß zwei Millionen Schweizer garantiren und ausfechten sollen, was vierzig Millionen Deutsche, vierzig ditto Franzosen u. s. f. nicht die Lust, den Charakter oder die Einsicht hatten, aufrechtzuerhalten und zu entwickeln. Es ist überhaupt ein seltsames Ding um diese Anforderungen von allen Seiten und kommt daher, daß man immer anderswo kratzt, als wo es juckt, um die eigenen Sünden zu verbergen. Sogar das Frankfurter Parlament, soeben aus der Begeisterung von vierzig Millionen hervorgegangen, (diese hinter sich mit der Macht über die Reichsarmee) behauptete, daß der Heckerputsch von der Schweiz ausgegangen sei und wollte deßwegen heftig an derselbigen [135] kratzen, bloß aus Ärger, daß es ein gut deutsches Gewächs war, entstanden aus reinem Reichsblute. Die Reaktion nennt die Schweiz einen Heerd des Kommunismus; die deutsche Demokratie nennt sie ein egoistisches filziges Krämernest, mit dem nichts anzufangen sei. Darüber werden die Schweizer selbst in müssigen Stunden unschlüssig und glauben es am Ende auch, so daß sie je nach den Parteien sich gegenseitig für die ausgemachtesten Teufelsbraten halten, bis die Arbeit sie wieder von dem nutzlosen Geträtsche wegruft.

Unterdessen setzt Fröhlich gelegentlich seinen alten Krieg fort und das auf die seltsamste Weise. Er schreibt nämlich dann und wann eine ästhetische Tendenznovelle, worin viel von gemalten Glasscheiben, altdeutschen Bildern und vorzüglich von Musik die Rede ist. Da werden dann die Radikalen nicht als Schelme wie früher, sondern als künstlerische Barbaren dargestellt, welche in gemüthlicher Tölpelei und musikalischer Roheit und Frivolität eine gar schlechte Figur spielen müssen, gegenüber den vornehm und streng gebildeten Conservateurs und ihren Töchtern, welche die Händel’schen Oratorien verstehen und zu schätzen wissen. So kommen die Männergesangfeste, wo radikalisirt wird, schlecht weg gegen die schweizerischen Musikfeste, welche von den zusammengetretenen Dilettantenorchestern und gemischten Chören gefeiert werden und wo, da Damen hierzu gehören und der Grundstock schweizerischen Orchesterwesens immer noch an die städtische Aristokratie geknüpft ist, naturgemäß ein exklusiverer Ton herrscht. Da werden die Freiheitslieder singenden plebejischen Schweizersänger, welche nach des Tages Hitze einen guten Schluck ziehen aus den silbernen Preispokalen, in ein höchst unvortheilhaftes Licht gesetzt gegenüber den Händel’sche [136] und Mendelssohn’sche Lieder singenden Fräuleins von Bern oder Aarau und ihren violinekratzenden Anbetern.

Jeremias Gotthelf aber führt den Krieg mit alter Energie auf dem alten Boden nicht des ästhetischen, sondern des moralischen Schlechtmachens fort, wo er als Parteimann des Kantons Bern vollkommen berechtigt ist; ob er es aber auch als Schriftsteller, Dichter und Christ ist, wollen wir ein wenig näher ansehen.

Er sagt in der Vorrede zu seinem „Zeitgeist und Berner Geist“, Freunde hätten ihm gerathen, die Politik endlich beiseite zu lassen; er aber setze, diesem Rathe schnurstracks entgegen, hiermit ein neues Buch in die Welt, welches von Politik strotze. Darin hat er als Bürger wie als Schriftsteller u. s. w. durchaus Recht; denn heute ist alles Politik und hängt mit ihr zusammen von dem Leder an unserer Schuhsohle bis zum obersten Ziegel am Dache, und der Rauch, der aus dem Schornsteine steigt, ist Politik und hängt in verfänglichen Wolken über Hütten und Palästen, treibt hin und her über Städten und Dörfern.

Jeremias Gotthelf erklärt ferner, daß sein Büchlein kein Kunstwerk sein soll. Ein solches ist es allerdings nicht, und wir befürchten, er sei nunmehr unter die Literaten gegangen, welche dem Teufel ein Ohr wegschreiben; und darin hat er Unrecht. Denn als Christ hat er die Pflicht, sein Pfund nicht zu vergraben und ein dem Herrn gefälliges Kunstwerk zu schaffen mit Fleiß, Reinlichkeit und Selbstbeherrschung, da er das Zeug dazu empfangen hat; als Bürger und Parteimann hat er diese Pflicht ebenfalls, weil ein wohlproportionirtes und schöngebautes Werk seinen Zweck besser erreicht als das entgegengesetzte, und gerade beim Volke [137] allererst. Gebildete können am Ende an einem wilden Produkte ein pathologisches Interesse nehmen und überhaupt Roßnägel verdauen, wie die tägliche Erfahrung zeigt; auf das Volk hingegen wirkt nur solide Arbeit, wenn es darüber auch keine gelehrte Rechenschaft gibt. Jeremias Gotthelf’s Hauptstärke ist einmal nicht die geistliche und politische Rhetorik an sich, so fest auch seine Gesinnung ist, sondern eben das stofflich Poetische; darum sollte er dieses in den Vordergrund treten lassen, wie er es früher auch gethan, als er noch nicht so von der Tendenz besessen war. Die Wahrheiten, welche er gern sagen möchte, alsdann an den rechten Stellen als Schlaglichter aufgesetzt oder vielmehr als organische Blüthen nothwendig erwachsen, würden so, wenigstens für den naiven Leser, eher eine überzeugende Wirkung gewinnen. Hierin liegt aber der Knotenpunkt, wo das Wollen mit dem Können auseinandergeht und welchem auch ein Talent wie Jeremias Gotthelf machtlos unterworfen ist.

Ein Parteimanifest zu verfassen, welches, sei es ein rhetorisches oder plastisch-poetisches, zugleich ein reines und gediegenes Kunstwerk sein soll (und wie gesagt, noch jedes aus alter und neuer Zeit ist ein solches gewesen und hat es sein müssen), dazu gehört eine über der Befangenheit der Partei schwebende unbefangene Seele, eine über die Leidenschaft sich erhebende Ruhe, welche aber jene kennt, durchlebt hat und zur Energie veredelt wieder in den Kampf führt; es gehört so viel guter Grund und Boden dazu als nöthig ist, nicht zur förmlichen Entstellung und Inkonsequenz greifen zu müssen; es gehört dazu eine gewisse Achtung des Gegners, um dessen Gefährlichkeit zu beweisen, ohne die eigene Partei [138] oder das Volk, welches diese beschützen will, verächtlich und lächerlich zu machen; endlich gehört dazu eine gewisse innere Wahrheit und Berechtigung, welche den vorgebrachten Meinungen, seien sie, welche sie wollen, einen anständigen Ernst verleihen und verhindern, daß dieselben in bloß marottenhafte oder gar possenhafte Vorbringungen ausarten, die am Ende gar nirgend hingehören und nirgend zu Hause sind.

So lange Jeremias Gotthelf die Sache aller rechtlichen und ordentlichen Leute, die Sache des gesunden Volksthums gegen die Liederlichkeit und Narrheit verfocht, hatte er einen guten Grund und Boden und war ein tüchtiger Künstler, wenn seine schönen Erzählungen auch „strub“ und naturwüchsig geschrieben waren. Seine Parteiseitenhiebe konnte man dabei hinnehmen, zumal sie nicht immer ungerecht waren gegen manche Narrheiten und Lumpereien des Liberalismus, wo dieser mit Renommage und halbgebildetem Herrenthum Hand in Hand geht; denn Wahrheit schadet nirgend und ist in allen Dingen gut. So lange er ferner das Menschenschicksal und dessen Ertragung an sich betrachtet und darstellt, wie er es vorfindet, so lange ist er ein ehrenwerther und verdienstvoller Meister, und auch da müssen wir es hinnehmen, wenn das Übel, welches von mißverstandenem politischen Leben hereinbricht, deutlich beschrieben wird. Seit er aber alle Rechtlichkeit und Weisheit, alle Ehre und Wohlgesinntheit, kurz alles Gute Einer Partei vindicirt und alle Ehrlosigkeit, Schelmerei und Narrheit, alles Übel der andern, seit er das Menschenschicksal ausschließlich abhängig macht vom Bekenntniß dieses oder jenes Parteistandpunkts: seitdem hat er den Boden unter den Füßen verloren und liefert uns leidenschaftlich-wüste, inhalt- und [139] formlose, stümperhafte Produkte. Denn ohne ein Maß von Weisheit und Gerechtigkeit gibt es keine Kunst; und wenn Jeremias Gotthelf sagt, daß sein Buch kein Kunstwerk sein soll, so ist dieses die Resignation des Fuchses, welchem die Trauben zu sauer sind. Daß sie ihm aber zu sauer sind, ist seiner verletzten Pflicht hart vorzuwerfen; wäre er nicht von dem Schemel der Weisheit und Gerechtigkeit heruntergestiegen, so würden seine Beine nicht zu kurz sein und er könnte heute noch an den schönen Weinstock hinaufreichen.

Als das schweizerische Volk durch die neue Bundesverfassung im Jahre 1848 einen vorläufigen Abschluß und Sieg errungen hatte nach langen politischen Kämpfen um die schmale Linie, auf welcher Centralisation und Föderalismus einander am füglichsten die Hand reichen, ruhte es auf diesen Lorbeern nicht träge und selbstzufrieden aus, sondern es begann in den einzelnen Kantonen sofort ein munteres Revidiren der Verfassungen. Seit zwanzig Jahren hatte dieß Volk um Ideen gestritten und seine Verfassungsproduktion vorzüglich den Charakter dieses Streits getragen; es hatte durch das Hinauswerfen der Jesuiten (was eine ehrenwerthe und gesunde That war, welche es wiederholen wird, sobald die zurückgebliebenen Wurzeln wieder geile Schosse treiben, trotz aller zur Mode gewordenen lächerlichen Blasirtheit in Beziehung auf den Jesuitenhaß) und durch die zeitgemäße Beschränkung der Kantonalsouveränität sein Schwert im Ideenkampfe bewährt und konnte es für einmal einstecken. Hingegen machten sich nun in dem begonnenen Revidiren die materiellen Fragen mit aller Macht geltend; das gemüthliche Schlagwort hierfür hieß: von dem ewigen Politisiren über Formen, wie man die Ideen nannte, habe man [140] am Ende nicht gegessen! Wie aber dieser Punkt gerade nicht specifisch-schweizerischer Natur, sondern von allgemeiner Zeit- und Weltnatur war und von deren Einflüssen herrührte, so konnte er auch nicht unabhängig davon, inselhaft so zu sagen, in’s Reine gebracht werden. Es kam auch nicht viel Rechtes dabei heraus, und der Nutzen dieser muntern Thätigkeit liegt lediglich in dem wohlthätigen Sauerteige, den sie in das öffentliche Leben brachte. Man hatte seit zwanzig Jahren, um nur von dem letzten Abschnitte der Geschichte zu sprechen, Verfassungen gemacht, beschützt, angegriffen, gebrochen, geflickt und revidirt, und glaubte in diesem Metier etwas Erhebliches zu leisten, was man mit Recht politische Bildung nennt. Diese Bildung zeigte sich aber urplötzlich als eine echt Sokratische, indem das höchste Wissen darin bestand, daß man beinahe nichts zu wissen bekannte, und dieß ist eben der wohlthätige Sauerteig, von dem wir sprachen. Die Aargauer laborirten vier Jahre an einer Verfassung, verwarfen den Entwurf ein halbes Dutzend mal und brachten schließlich noch wenig genug heraus. Ein allgemeiner Krieg von Grundsätzen gegen Grundsätze entspann sich auf dem unblutigen Boden der Wahlkirchen und Vetokirchhöfe und auf den grünen Wiesen der vorzeichnenden Volksversammlungen. Alte Matadore geriethen in Mißkredit; neue liefen sich die Hörner ab; das Volk verharrte als eine friedlich, aber halb unruhig wogende, halb räthselhaft stumme Masse und zeigte in dieser holden Verwirrung vielleicht zum erstenmal, daß es anfange zu merken, daß eine Verfassung kein Schuhnagel sei. Dieß ist schon sehr viel; anderwärts wird man eine Strecke zu laufen haben, bis man dieß Stadium erreicht; denn nicht sowohl in der Geläufigkeit, [141] mit welcher man ein Gesetz entwirft und annimmt, sondern in der Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit, mit welcher man es zu handhaben gesonnen ist, zeigt sich die wahre politische Bildung. Daß diese den Schweizern größtentheils eigen ist, insofern sie auch in einem richtigen Verhältniß der öffentlichen Arbeit zur Privat- oder häuslichen Arbeit besteht, haben sie auch auf der Londoner Industrieausstellung bewiesen.

Im großen Kanton Bern hatte diese Revisionslust mit materieller Tendenz schon zwei Jahre früher begonnen, in’s Leben gerufen durch die junge Rechtsschule und die allgemeinst radikal Gesinnten, welche dadurch die etwas stagnirende und unentschiedene Regierung des ältern Liberalismus aus dem Sattel warfen. Die großen Bauern sowohl, denen man Grundzins und Zehnten abnahm, wie die Armen, denen man gründliche Hülfe versprach, waren bei der Sache, und die neue Verfassung mit kühnen Änderungen und Neuerungen ward fertig. Allein es war eben vor dem Abschluß des Sonderbundskriegs und vor dem Jahre 1848, daher auch ohne die Sokratische Weisheit geschehen, welche diese beiden Erfahrungen erst gebracht haben. Denn wenn die Schweizer auch den Erscheinungen der letzten Jahre ruhig zusehen konnten, so mußte doch der Geist der Geschichte über ihre Grenzen wehen und ihnen ihre eigene Bedeutung und Stellung mächtig zur Erkenntniß bringen. Sie haben sehen können, daß sie nicht die ausschließlichen Pächter der Freiheitsliebe in Europa sind, daß sie aber durch den alten Besitz und Gebrauch der Freiheit die doppelte Verpflichtung haben, keine Dummheiten zu machen. Die Berner Verfassung ward noch in dem alten unbekümmerten Sinne mit [142] wenig Respekt gemacht und in’s Leben geführt. Man näherte sich darin der „reinen Demokratie“ durch das Abberufungsgesetz, wonach das Volk jederzeit die gewählte Regierung zwischen den Wahlterminen abberufen kann. Dieß geschah nicht als Nachahmung der kleinen demokratischen Kantone, sondern als Ausfluß kosmopolitischer, vorzüglich deutscher Freiheitstheorien, welche eher auf einem sklavenhaften Pessimismus als auf einem männlichen Idealismus beruhen.

Die Berner sind eine schwer in Fluß gerathende, grobkörnige, aber kräftige Masse, welche, einmal in Wallung nicht so leicht wieder glatt wird und sich in ungeheuerlichem Excediren gefällt, am liebsten mit den Fäusten auf den Köpfen der Opponenten politisirt. Es gab allerlei Unfug und Unbehaglichkeit; alte, konservativ gewordene Volksführer thaten sich wieder hervor, die Zeitumstände benutzend, und es entstand jene widerliche Verbindung von ehemaligen liberalen Magnaten vom Lande mit den eigentlichen Aristokraten, die überall, kein reelleres Band zwischen sich vorfindend, Religion und Sittlichkeit zu ihrem Schibboleth macht. Sie erzeugten einen Umschwung in der Volksstimmung; das Volk wählte 1850 wieder konservativ, zeigte sich aber bald darauf den Radikalen wieder günstiger, da die konservative Regierung nichts Absonderliches vorzubringen wußte. Die Radikalen wollten nun jenes Abberufungsgesetz benutzen, um das eingedrungene Regiment vollends zu beseitigen; es entstand eine gewaltige Agitation, wo auf beiden Seiten die ausgebildetste Demagogie betrieben wurde. Das Volk berief nicht ab, nicht sowohl aus reaktionärem Sinne, als um zu zeigen, daß es Manns genug sei, ein einmal [143] gewähltes Regiment seine Zeit ausdienen zu lassen, und daß es aus Respekt gegen seine eigene Wahlfähigkeit sich bis zum nächsten Termin gedulden wolle. Die radikalen Führer aber hatten sich durch das verfehlte Manöver im eigenen Netze gefangen und der Regierung Raum gegeben, um ihre Klauen zu zeigen und ein Bischen zu krebsen, bis ihre Zeit ebenfalls wiederum erfüllt ist.

Jeremias Gotthelf’s „Zeitgeist und Berner Geist“ enthält eine polemisirende Schilderung der Berner Zustände vor jenem Umschwunge und den Anfang dieses Umschwungs, indem er das erwachte politische Leben mit den schwärzesten Farben ausmalt und es den Zeitgeist nennt; während die Rückkehr zum Bessern, zu patriarchalischen religiösen Zuständen, der Berner Geist sein soll. Der Titel ist allerdings gut und richtig gewählt, indem er das Verhältniß bezeichnet, nur nicht wie Jeremias Gotthelf es gemeint hat. Im Zeitgeist liegt allerdings die Forderung politischen Bewußtseins, möglichste Ausgleichung drückender und unnatürlicher Zustände, Sicherstellung gegen religiösen Terrorismus; daß diese Forderungen aber in Bern in’s Ungeheuerliche und Plumpe ausarteten, indem eine halbzugeleckte Generation sich plötzlich in einem wilden Rodomontiren und Peroriren gefiel, ist derselbe Berner Geist, in welchem früher die großen Bauernsöhne zum Vergnügen halbe Dorfschaften lahm schlugen und von denen Jeremias Gotthelf mit so viel wohlgefälligem Stolze sonst zu erzählen weiß. Indessen hat er das Recht, solch tolles Gebahren zu schildern und zu seinen Zwecken zu benutzen; nur ist auch hier die Übertreibung und förmliche Entstellung unzweckmäßig. Nach seiner Darstellung hat der Zeitgeist unter dem radikalen Berner Regiment unter anderm [144] folgende Ergebnisse hervorgebracht: Advokaten zanken ungescheut und öffentlich, gleich vor den Richtern, ihre Klienten aus, weil diese sich sträuben, einen Meineid abzulegen; Beamtenfrauen und sonstige weibliche Honoratioren, an einem Badeort versammelt, erklären unverhohlen, daß nunmehr, wo die Religion abgeschafft sei, eine Frau ihrem Manne Hörner aufsetzen dürfe und solle; die Radikalen veruntreuen nicht nur die Gelder des Staats, sondern auch als Gemeindevorsteher versaufen und verhuren sie das ihnen anvertraute Gut der Wittwen und Waisen, alles mit fortwährenden Reden von Humanität und Aufklärung u. s. f. Diese Thatsachen kommen zwar im Verlaufe des komponirten Romans vor, welcher diesen Auslassungen als Gerippe dient; da jedoch der Verfasser an andern Orten bestimmte Namen lebender Staatsmänner und Parteiführer bezeichnet, so kann man jene Artigkeiten nicht als poetische Licenzen, sondern nur als wahren Stoff betrachten, der dem Verfasser vorgelegen habe.

Wenn man nun die dem Buche zu Grunde liegende Dorfgeschichte betrachtet, an welche Jeremias Gotthelf seine Meinungen und Mahnungen knüpft, so trägt diese an sich schon in ihrem Motiv den Stempel der Unwahrheit. Zwei Bauern, reich, hoch und ansehnlich, männlich und christlich, sitzen auf ihren alten großen Höfen, befreundet und verwandt unter sich; einer kann sich auf den andern verlassen und beide stehen der Gemeinde mit Rath und That vor, tüchtig und besonnen. Da wird der eine vom Zeitgeist ergriffen; er geräth, indem er in ein Gericht gewählt wird, unter die Schriftgelehrten und Phrasenmacher, Regierungsstatthalter, Präsidenten u. s. f., wird als reicher und einflußreicher [145] Bauer als gute Beute erklärt und in den Schwindel hineingezogen. Zuletzt wird er Großrath und eine politische Größe, d. h. ein eitler und aufgeblasener Esel, der zu allen schlechten Zwecken benutzt wird. Zugleich wird er ein liederlicher Schlemmer, Hurer und Religionsleugner und bringt sein Haus an den Rand des Abgrunds. Die Frau liegt schon im Grabe; der eine Sohn, welchen er ebenfalls zu diesem Leben angeleitet hat, wird über einer Blasphemie vom Tode ereilt, als er schlemmend und brüllend den politischen Gelagen nachzieht, das Geld von Wittwen und Waisen in der Tasche. Hierdurch wird die Katastrophe herbeigeführt. Der niedergeschmetterte Vater weiß sich nicht zu helfen, und nun tritt der andere Bauer zu ihm, welcher fromm und konservativ geblieben ist, und richtet ihn auf, mit Rath und That in dem zerrütteten Hause hantierend.

Das Ausschlagen des gefallenen Sohnes ist nicht unmöglich, hingegen das des Vaters vollständig, insofern es die Wirkung des politischen und religiösen Zeitgeists auf einen sonst tüchtigen Bauer vorstellen soll. Wer die Bauern kennt, weiß zu gut, daß diese sich nicht so leicht aus dem Häuschen bringen lassen, und es geht gerade über die schweizerischen Bauern die Klage, daß bei ihnen der Liberalismus keinen sonderlichen Einfluß auf den Geldbeutel ausübt. Es gibt aller Orten Leute, welche, von Haus aus liederlich, das politische Behaben als Beschönigung ihrer Zerstreuungssucht benutzen; abgesehen, daß solche überhaupt nicht hierher gehören, sind sie leider bei allen Parteien zu finden, und ein konservativer betrunkener Heulmeier, der hinter dem Schnapsglase die Religion für gefährdet erklärt, ist auch keine anmuthige Erscheinung.

[146] Am wunderlichsten nimmt sich in Jeremias Gotthelf’s Buche die geschlechtliche Ausschweifung aus, welche er dem Zeitgeist vindicirt. Er will damit offenbar auf die ländlichen Ehefrauen wirken, indem er die politischen Geschäftsgänge ihrer Männer stark verdächtigt. Überhaupt streichelt er den Weibern in einem wahren Hebammenstile den Bart: „Sie kam in die beschwerlichen weiblichen Zustände, welche körperlich und gemüthlich oft große Beschwerden bringen und in welchen oft das arme Weib es besser hat, als das reiche. Das alles mißstimmte Gritli und die Mißstimmungen überwand es nicht.“ O du feiner Gotthelfli! Wie wahr! Wie muß das den reichen stolzen Bauernfrauen munden, welche ein Bettelweib um seine leichte Niederkunft beneiden! Mißstimmungen! Hoffen wir indessen, daß die ehrenwerthen Berner Frauen männlicher und gesünder gesinnt sind und einen solchen Stimmungsjargon nicht annehmen und solchen den Blaustrümpfen deutscher Salons überlassen. Auch in anderer Weise verfällt Jeremias Gotthelf in’s Unmännliche, indem er immer wieder mit breiter Geschwätzigkeit die Interessen von Küche und Speisekammer behandelt und seine genaue Kenntniß der Milchtöpfe, der Hühner- und Schweineställe auskramt. Auch hierdurch glaubt er die Gunst der Hausfrauen zu gewinnen und durch die Küchenweisheit die politischen und religiösen Grundsätze einzuschmuggeln. Es ist aber nicht zu begreifen, wie ein so tiefer Kenner des Volkslebens in letzter Linie das Volk mißkennt und nicht weiß, daß dieses das allzu Nahe und Gewöhnliche kindisch findet, wenn es ihm gedruckt in einem Buche entgegentritt. Das kommt alles von dem unwahren Standpunkte, von welchem Jeremias Gotthelf ausgeht; der krasse Materialismus, [147] mit welchem seine Religiosität verquickt ist, läßt ihn zu solchen falschen Mitteln greifen.

Er sagt in der Vorrede, daß er ein geborener, nicht ein gemachter Republikaner sei, daß aber sein Verlangen auf einen christlichen Staat und daher all sein Schreiben und Wirken auf dieses Ziel gerichtet sei. So ist denn die Religionsgefahr der eigentliche Inhalt seines Buchs, vorzüglich wie sie durch die Berufung des Tübinger Professors Zeller über den Kanton Bern gekommen und durch die freisinnige Einrichtung und Leitung des Lehrerseminars befördert worden ist. Zunächst versteht er unter dem christlichen Staate die alte Republik Bern, welche aus alten christlichen Bauerndynastieen besteht, die so lange auf ihren fetten Höfen sitzen dürfen, als sie Christum bekennen. Thun sie dieß nicht mehr, so kommen sie um Haus und Hof. Es steht indessen im Evangelium kein Wort davon, daß der rechte Christ ein reicher Berner Bauer sein müsse. Nebenbei haben diese Bauern noch die schöne Prärogative, einem Armen um Gotteswillen ein Stück Brot zu geben, „denn“, klagt Einer, welcher darüber weint, daß er nun seine Religion „abgeben müsse“: „am meisten könnten mich die Armen dauren, die um Gotteswillen bitten und denen man um Gotteswillen gibt und hilft, denen bliebe nichts anderes übrig, als Hungers zu sterben oder Gewalt zu brauchen!“ Wir trauen Bitzius gern zu, daß er einem Armen, auch wenn er als ein blinder Heide geboren wäre, doch von Herzen ein Stücklein Brotes gäbe und denselben nicht unbedingt verhungern ließe, auch wenn er nicht um Gotteswillen bäte; daß er aber mit obiger Bauernlogik zu Felde zieht, gibt einen glänzenden Beweis seiner demagogischen Fähigkeiten. Einen atheistischen, [148] von der Zeller’schen Aufklärung angefressenen Kerl läßt er sagen: „Gott ist ein Kalb!“ Es hat allerdings schon Jahrhunderte vor uns eine Art konfusen Volksatheismus gegeben, welchem einzelne wüste Subjekte verfielen, die von der allgemeinen Idee Gottes nicht loskommen konnten und daher Blasphemien gegen sie ausstießen, weil sie ihnen in ihrem Treiben unbequem war. Solche Erscheinungen haben mit der Geschichte der Religion und Philosophie nichts zu thun und sind eben krankhafte Auswüchse, die jederzeit vorkommen. Das Volk hingegen, dieselben im Gedächtniß, stellt sich dann die freie Denkart, welche vom Zeitgeist herrührt, gern unter jener Form vor, wozu das unsinnige und boshafte Wort „Gottesleugner“, das es im Munde der Pfaffen hört, das seinige beiträgt. Lügen heißt gegen seine Überzeugung von der Wahrheit einer Sache aussagen, Gottleugnen also, Gott innerlich voraussetzen und äußerlich leugnen: daher der widerliche Klang des schlau erfundenen Worts. Wenn nun aber Gotthelf die Sache zusammenfaßt in der holdblühenden Blasphemie: „Gott ist ein Kalb!“, dieselbe für eine Folge der Aufklärung ausgibt, so mag dieß in harten Berner Schädeln von Wirkung sein, seiner christlichen Phantasie gereicht es aber zu geringer Ehre.

Wenn man das Buch zuschlägt, so hat man den Eindruck, als sähe man einen Kapuziner, nach gehaltener Predigt den Schweiß abwischend, sich hinter die kühle Flasche setzen mit den Worten: „Denen habe ich es wieder einmal gesagt! Eine Wurst her, Frau Wirthin!“

Ein Beweis von der frivolen und materialistischen Ader, die als Religiosität mehr und mehr in Jeremias Gotthelf’s Sachen zu Tage tritt, ist auch ein in Leipzig erschienenes [149] Volksbüchlein mit Holzschnitten und in Traktätchenform, also eigentlich für das Volk berechnet. Es enthält die Geschichte zweier Leutchen, welche einander blutjung und blutarm geheirathet, durch unermüdliche Thätigkeit und Sparsamkeit aber bis zu ihrem Alter ein artiges Vermögen zusammenscharren. Sie erreichen ein hohes Alter in Weisheit und Wohlstand; der Mann stirbt aber vor der Frau und sie lebt in seinem frommen Andenken den Rest ihrer Tage hin. Bis jetzt ist sie als ein Muster eines weisen und christlichen Lebenslaufs dargestellt worden. Nun bekommt sie auf einmal am Rande des Grabes schwere Sorgen, wem das zusammengescharrte Vermögen zufallen solle; ihre Erben konveniren ihr nicht, daher heirathet sie noch vor Torschluß ein blutjunges Knechtlein, welcher sie auf dem Holzschlitten zur Trauung zieht. Nachdem sie also fünfzig Jahre mit dem Manne ihrer Jugend in Eintracht gelebt, benutzt sie das christliche Institut der Ehe, wie man eine Mausfalle benutzt, um ihrer Sorgen wegen ihres zu hinterlassenden Guts ledig zu werden. Schon daß sie diese Sorgen hat als alte weise Christin, die sich vom Irdischen ab- und dem Himmlischen zuwendet, ist ein sonderbares Ding.

Es steht einstweilen nicht mehr in der Macht der Kirche, ihre Gegner körperlich zu verbrennen; daß man hingegen mit Vergnügen ein moralisches Scheiterhäufchen unter den Füßen Andersdenkender anzündet, davon ist Jeremias Gotthelf ein neues Beispiel, und dieß moralische Verbrennen ist kaum menschlicher. Doch soll einmal das Geschäft betrieben werden, so wäre zu rathen, vorher sich nach einem festern und gediegenern Princip und einer eigenen konsequenten Moral umzusehen; mit Possen und thörichten [150] Witzen ist nichts gemacht. Wenn solche in dem wirklichen Kriege der Parteien manchmal Dienste leisten, da es allerlei Sorten Leute gibt, denen man auf ihre Weise dienen muß, so ist es am Ende nicht zu verübeln; und wenn Jeremias Gotthelf, der Pfarrer und Bürger, in seinem Dorfe damit ausreicht, so fahre er tapfer fort, es gibt was zu lachen nach der Wahl u. s. w. Nur in einem Buche, welches er ein paar hundert Meilen weit weg drucken läßt, und in welchem seine Freunde Erholung und Freude zu finden hofften, sind sie nicht am Platze. Es herrscht eine solche Unfruchtbarkeit und Öde auf dem Acker deutscher Gestaltungskraft, daß man nur ungern eine so schöne ursprüngliche Fähigkeit abscheiden sieht.

IV.[4]
(1855)

Die „Erlebnisse eines Schuldenbauers“ zeigen die alten Tugenden und alten Fehler des unerschöpflichen Bitzius im alten vollen Maße. Er bleibt sich immer gleich, und wenn man sein neuestes Werk liest, so hat man nicht mehr noch weniger als bei dem frühesten seiner Bücher. Es ist aber ein mächtiger Beweis von der Echtheit und Dauerbarkeit der Gotthelf’schen Muse, daß trotz aller Wiederholung, aller Einseitigkeit und Eintönigkeit man seine Werke, seien sie noch so breit und geschwätzig, immer mit der alten Lust [151] fortliest; sie werden mit Ausnahme einzelner wirklich kopfloser Tiraden (welche von dem sophistischen Tendenzfanatismus herrühren) nie langweilig, weil die Natur und die wahre Poesie selbst eben nie langweilig werden. Die ethische und politische Grundlage, auf welcher auch dieß Buch aufgebaut ist, ist falsch und gedankenlos, da sich wieder die Frage um den irdischen Besitz mit christlichen Redensarten und mit der Verleumdung der Liberalen verbindet. Doch eigentlich gedankenlos nicht; denn es ist ein tiefgreifender Parteikunstgriff Gotthelf’s, daß er in das leichte Geplänkel seiner frömmelnden und konservativen Schnurren und Ungezogenheiten immer diesen schweren Klotz des materiellen Besitzes, der Scholle und des Thalers hüllt: dieser ist es, welcher auf den Bauersmann wirkt, die wahre christliche Seligkeit der Gemeinde und ihres Herrn Pfarrers. Sieht man von diesem unsittlichen Parteikniff ab, welcher die Grundlage bildet, so wird die üble Absicht sogleich im Einzelnen zur trefflichsten und wahrsten Ausführung. Werth und Heiligkeit von Arbeit, Ordnung und Ausdauer, den Haupttugenden der Ackerbauer, werden so dichterisch verklärt, wie wir es nur in wenigen besten Werken der ganzen Literatur finden können, und vorzüglich die Ehe, das Zusammenleben und -Wirken von Mann und Frau, ihr gemeinschaftliches Arbeiten, Dulden, Hoffen, Sorgen und Genießen weiß Gotthelf mit unübertrefflichem Reize zu schildern.

Auch in den „Erlebnissen eines Schuldenbauers“ ist wieder solch ein trefflich gezeichnetes Ehepaar in dem Aufbau seiner irdischen Welt, seines leiblichen Glücks mit jener Bedeutung und Schönheit geschildert, welche jüngst Hermann [152] Hettner mit Recht als den Schwerpunkt in Defoe’s Urbild des „Robinson“ und als den ersten Reiz aller Robinsonaden nachgewiesen hat. Schon „Uli der Knecht“ und „Uli der Pächter“ besitzt seinen Hauptreiz in diesem Schauspiele, welches uns das Entstehen, Anwachsen und Gedeihen einer Familienexistenz fast aus dem Nichts unter günstigen und schlimmen Einflüssen vorführt; und das sichtliche Gelingen der Arbeit im unmittelbaren Boden, die sich sammelnden Vorräthe, der schließliche Besitz eines wohlbestandenen, in allen Ecken belebten und angefüllten Bauernhofs verursachen dem Leser das gleiche ursprüngliche Behagen, wie jenes glückliche Gedeihen der Robinsone. Im „Schuldenbauer“ ist wieder der ganz gleiche Vorgang, indem ein Knecht und eine Magd sich heirathen und von unten auf anfangen, jedes mit einem individuellen hinzugebrachten Charakter; allein der Verlauf ist ein verschiedener, indem der Verfasser hier zeigen wollte, wie sich die Kenntniß und Liebe der Arbeit und Ordnung – welche nichts weiter will und zu müssen glaubt, als sich selbst genügen und ehrlich durch sich selbst bestehen, welche nicht begreifen kann, wie sie dabei nicht bestehen sollte, während ein anderer, der nichts thut und eigentlich auch nichts versteht, den Gewinn davon hat durch ganz einfältig und thöricht scheinenden Schwindel – zu eben diesem Schwindel, d. h. zur Spekulation mit müßigen Händen, verhält. Der Bauer arbeitet mit seiner Frau, ist betriebsam, kenntnißreich und fleißig von früh bis spät, alles gelingt ihm, aber nicht für ihn, sondern für die Güterkäufer, Agenten, Spekulanten und Hallunken, in deren Händen er ist und welche alle Radikale und liberale Lumpe sind; bis ein alter adeliger Grundbesitzer und Patricier ihn [153] rettet. Die wilden Bestien und Kannibalen, mit welchen Robinson sich herumschlägt, sind hier die civilisirten Menschen, die Elemente die Menschenkniffe und gesellschaftlichen Verhältnisse, und das Schauspiel mitten im alten Festlande, in der alten Republik Bern, das gleiche wie auf jener Insel des Weltmeers, bis auf die innere Moral, durch welche Gotthelf’s Schriften zu großartigen Parteipamphleten werden.

Das Buch Hiob bestreitet in seinem prachtvollen und majestätischen Rhythmus und dialektischen Wogenschlag den althebräischen Glaubenssatz, daß Gott ausschließlich und zum Kennzeichen die Rechtschaffenen, Frommen auf Erden glücklich mache und mit Besitz und leiblichem Gedeihen ausdrücklich vor den Schlechten auszeichne, welchen es auch schlecht ergehe. Alle Gotthelf’schen Werke nehmen eben diesen Mosaischen Glaubenssatz in ihrem Kerne gegen das tapfere Buch Hiob in Schutz, mit einer kleinen Modifikation. Nach ihnen sind alle Frommen und Gerechten entweder schon mit Wohlstand und Glück gesegnet und sind zugleich gut konservativ, oder sie verdienen es zu werden, und es ist ersichtlich, daß dieß Gottes Absicht ist; aber die Schlechten, die Sünder, die Lumpenhunde, welche alle liberal, aufgeklärt, zugleich aber höchst miserabel, ärmlich, bettelhaft und unglücklich sind, hindern die konservativen Gerechten an ihrem irdischen Floriren und bringen sie fortwährend um das Ihrige. Während also die drei zänkischen und kritischen Freunde im Buch Hiob diesen grausamerweise damit trösten wollen, daß er schlechtweg an seinem Unglücke als Lump und Sünder zu erkennen sei, gibt die linnengeschürzte Muse Gotthelf’s zu, daß allerdings auch der Gerechte zuweilen unglücklich sein könne, daß aber hieran nur die Aufgeklärten [154] und Liberalen schuld seien. Sehen wir ab von dieser Modifikation, welche wir mit der apokryphischen Einmischung des Teufels im „Hiob“ vergleichen können, so stellen Bitzius’ Werke vollkommen ein umgekehrtes Buch Hiob dar, worin die drei streitenden Freunde mit ihrer Kritik Recht behalten, und zwar zu dem Zwecke, die liberale Hälfte der specifisch Bernerischen Bevölkerung mit ihren Führern zu verdammen und zu stempeln. Aber der Weg, auf welchem der Dichter an dieß komische kleine Zielchen gelangt, ist ein so schöner und reicher, daß er ein Genuß und Gewinn für uns alle ist, und darum sei ihm verziehen.

V.[5]
(1855)

Seit obige Zeilen geschrieben sind, ist die unerwartete Nachricht von dem schnellen Tode Jeremias Gotthelf’s (22. Oct. 1854) eingetroffen. Obgleich wir die aufrichtigste Theilnahme empfinden an diesem unersetzlichen Verluste und obschon man über einen Todten anders spricht wie über den rüstig Lebenden, so mag doch obige Expektoration unverändert stehen bleiben, da das Buch, gegen welches sie zum Theil gerichtet ist, mit seiner vehementen muntern Polemik ja auch noch da ist und vermöge seiner Vorzüge wohl länger bestehen wird als unsere flüchtigen Tadelzeilen. Wer sich bewußt ist, unparteiisch zu sein, der braucht weder gegen Todte noch gegen Lebende eine wohlfeile Pietät hervorzukehren.

[155] Einen Nekrolog können und wollen wir nicht schreiben, da uns dieß nicht zukommt. Alles, was wir von dem äußern Leben des verstorbenen Dichters wissen, ist, daß er am 4. October 1797 geboren, Theologie studirte und in der Gemeinde Lützelflüh in seinem Heimatkanton Bern als Pfarrer lebte; daß er erst gegen sein vierzigstes Jahr hin als Schriftsteller auftrat, aber dann eine solche Bedeutung gewann, daß sein Berliner Verleger ihm schon vor einiger Zeit 10 000 Taler für das Verlagsrecht seiner sämmtlichen Werke anbot, nach seinem Tode aber seiner Witwe, wie wir hören, eine große süddeutsche Buchhandlung sogar 50 000 Gulden für das gleiche Recht.

Dagegen wollen wir versuchen, noch einmal den Gesammteindruck zusammenzufassen, welchen Gotthelf und sein Wirken auf uns machte, und da müssen wir sogleich bekennen, daß er ohne alle Ausnahme das größte epische Talent war, welches seit langer Zeit und vielleicht für lange Zeit lebte. Jeder, der noch gut und recht zu lesen versteht und nicht zu der leider gerade jetzt so großen Zahl derer gehört, die nicht einmal mehr richtig lesen können vor lauter Alexandrinerthum und oft das Gegentheil von dem herauslesen, was in einem Buche steht, wird dieß zugeben müssen. Man nennt ihn bald einen derben niederländischen Maler, bald einen Dorfgeschichtenschreiber, bald einen ausführlichen guten Kopisten der Natur, bald dieß, bald das, immer in einem günstigen beschränkten Sinne; aber die Wahrheit ist, daß er ein großes episches Genie ist. Wohl mögen Dickens und andere glänzender an Formbegabung, schlagender, gewandter im Schreiben, bewußter und zweckmäßiger im ganzen Thun sein: die tiefe und großartige Einfachheit Gotthelf’s, [156] welche in neuester Gegenwart wahr ist und zugleich so ursprünglich, daß sie an das gebärende und maßgebende Alterthum der Poesie erinnert, an die Dichter anderer Jahrtausende, erreicht keiner. In jeder Erzählung Gotthelf’s liegt an Dichte und Innigkeit das Zeug zu einem „Hermann und Dorothea“; aber in keiner nimmt er auch nur den leisesten Anlauf, seinem Gedichte die Schönheit und Vollendung zu verschaffen, welche der künstlerische, gewissenhafte und ökonomische Goethe seinem einen, so zierlich und begrenzt gebauten Epos zu geben wußte. Und hierin liegt die andere Seite seines Wesens. Kein bekannter Dichter oder Schriftsteller lebt gegenwärtig, welcher so sein Licht unter den Scheffel stellt und in solchem Maße das verachtet, was man Technik, Kritik, Literaturgeschichte, Ästhetik, kurz Rechenschaft von seinem Thun und Lassen nennt in künstlerischer Beziehung. Und wenn wir uns nicht gänzlich irren, so liegt der Grund dieser seltsamen widerspuchsvollen Erscheinung weniger in einem unglückseligen Cynismus, als in der religiösen Weltanschauung des Verstorbenen. In der That scheint es mehr eine Art ascetischer Demuth und Entsagung gewesen zu sein, welche die weltliche äußere Kunstmäßigkeit und Zierde verachten ließ, ein herber puritanischer Barbarismus, welcher die Klarheit und Handlichkeit geläuterter Schönheit verwarf. Es hängt damit zusammen, daß er nie die geringste Koncession machte an die Allgemeingenießbarkeit und seine Werke unverwüstlich in dem Dialekte und Witze schrieb, welcher nur in dem engen alemannischen Gebiete ganz genossen werden kann. Er schien nichts davon nehmen noch hinzuthun zu wollen zu dem, was ihm sein Gott gegeben hatte, und alles künstlerische Bestreben für eine weltliche [157] Zuthat zu halten, welche weniger in die Kirche als vor die heidnische Orchestra führe. Aber der gleiche Gott, der den Menschen die Poesie gab, gab ihnen ohne Zweifel auch den künstlerischen Trieb und das Bedürfniß der Vollendung, und wenn er schon in der Blume, die er zunächst selbst machte, Symmetrie und Wohlgeruch liebt, warum sollte er sie nicht auch im Menschenwerke lieben? Da müssen wir jene katholischen Dichter loben, welche ihren geistlichen Dichtwerken alle erdenkliche irdische Liebenswürdigkeit zu verleihen suchten ad majorem Dei gloriam.

Es wäre hier noch auszuführen, wie diese übelangebrachte Ascese doch nur zum Theil der Grund von Gotthelf’s äußerer Formlosigkeit gewesen, wie dieser Grund sich vervollständigte in einer nicht durchgebildeten, kurzathmigen Weltanschauung, insofern diese unser heutiges Thun und Lassen betrifft, wie aus diesem mangelhaften vernagelten Bewußtsein von selbst ein mangelhaftes Formgefühl hervorgehen muß, da wir heutzutage zu tief mitleidend darin stecken, als daß ein schiefes und widersprechendes ethisch-politisches Princip nicht auf alle geistige Thätigkeit einwirken sollte. Es wäre ferner auszuführen, inwiefern manche der Übelstände, welche Gotthelf der Zeit zuschrieb, allerdings in dieser vorhanden sind, wie aber gerade die Ungeheuerlichkeiten und Auswüchse, welche er in allen seinen Schriften als das Unglück des Bernervolks und als Liberalismus zeichnet, nicht sowohl die Kennzeichen und Attribute des Liberalismus als eben die Art und Weise sind, wie das kräftige derbe, aber etwas ungeschickte Bernervolk in seinem Parteileben den Liberalismus handhabte, verfocht und bekämpfte; wie also in dem Umstande, daß Gotthelf dieß nicht [158] auseinanderzuhalten wußte, der Zeit zuschrieb, was im gährenden und ringenden Charakter gerade seines auserwählten Volks lag, und daß er neulich noch zu den leidenschaftlichen Gegnern der sogenannten Fusion gehörte, d. h. der wahrhaft bewußten und im antiken Sinne tugendhaften Versöhnungsbewegung der Bernischen Parteien, welche in jedem Falle ein großer Fortschritt im dialektischen Parteileben der Schweizer ist: – wie also in allem diesem der beste Beweis liegt, daß Gotthelf als Seher und Dichter nicht über den Gegensätzen stand, sondern tief in ihnen und unter ihnen steckte. Dieß alles wäre zu lehrreichem Beispiel zu untersuchen; aber in diesen Dingen wollen wir dem geehrten Todten das letzte Wort lassen.

Wir können dieß um so eher thun, als Jeremias Gotthelf bei aller Leidenschaftlichkeit kein Reaktionär im schlechtern Sinne des Worts und mit allen gangbaren Nebenbedeutungen war. Trotzdem er in seinem Genie und in seiner gewonnenen Verbreitung die besten Mittel dazu hatte, that er nie den unschuldigsten Schritt, jenen schlechten Kreisen der großen Welt, welche für so viele literarische Reaktionärlinge die Lebensluft liefern, entgegenzukommen; keinen einzigen derben oder unästhetischen Ausdruck strich er, um sich für den Salon der hochmögenden Residenzdame möglicher zu machen; nie schielte er mit servilem Blicke nach fremder Gunst und nie verleugnete er seinen angeborenen Republikanismus und das Schweizerthum, welches er meinte, und nie lobte er anderes auf dessen Kosten. Was er sündigte, sündigte er vollständig en famille und mit dem Wahlspruch: „Euch andern geht es nichts an!“

Er monärchelte nicht, er katholisirte nicht, jesuiterte [159] nicht, pietisterte nicht (denn sein Frömmeln war wieder etwas anderes und ungleich Frischeres und Reineres, gewissermaßen etwas handwerklich Praktisches); er brummte und grunzte manchmal, aber er pfiff und näselte nie.

Sehen wir nun davon ab, daß seine Werke für ihr ganzes Dialektgebiet eine reiche Quelle immer neuen Vergnügens bleiben und durch zweckmäßige Anwendung und Übertragung, welche die Zeit früher oder später erlauben wird, auch für die weitesten Grenzen sein werden; betrachten wir dagegen, was dieselben uns Literaturmenschen insbesondere für ein bleibendes Gut darbieten, so dürfen wir uns freudig sagen, daß wir daran ein ganz solides und werthvolles Vermögen besitzen zur Erbauung und Belehrung. Denn nichts Geringeres haben wir daran, als einen reichen und tiefen Schacht nationalen, volksmäßigen poetischen Ur- und Grundstoffs, wie er dem Menschengeschlechte angeboren und nicht angeschustert ist, und gegenüber diesem positiven Gute das Negative solcher Mängel, welche in der Leidenschaft, im tiefem Volksgeschick wurzeln und in ihrem charakteristischen Hervorragen neben den Vorzügen von selbst in die Augen springen und so mit diesen zusammen uns recht eigentlich und lebendig predigen, was wir thun und lassen sollen, viel mehr als die Fehler der gefeilten Mittelmäßigkeit oder des geschulten Unvermögens.

Um anzudeuten, was wir mit der Bezeichnung eines großen epischen Talents oder, wie man will, Genies eigentlich verstehen, mögen hier statt einer theoretischen Abhandlung nur ein paar empirische Aphorismen stehen. Zu den ersten äußern Kennzeichen des wahren Epos gehört, daß wir alles Sinnliche, Sicht- und Greifbare in vollkommen [160] gesättigter Empfindung mitgenießen, ohne zwischen der registrirten Schilderung und der Geschichte hin- und hergeschoben zu werden, d. h. daß die Erscheinung und das Geschehende in einander aufgehen. Ein Beispiel bei Gotthelf. Nirgends verliert er sich in die moderne Landschafts- und Naturschilderung mit den Düsseldorfer oder Adalbert Stifter’schen Malermitteln (welche uns andern allen mehr oder weniger ankleben und welche wir über kurz oder lang wieder werden ablegen müssen); und doch wandeln wir bei ihm überall im lebendigen Sonnenschein der grünen prächtigen Berghalden und im Schatten der schönen Thäler und sehen die dräuende Gewitternacht der tapfern Gebirgswelt über die hellen Höfe hereinziehen. Und wo er das Naturereigniß an sich selbst zum Gegenstande epischer Dichtung macht, wie in der „Wassernoth im Emmental“, da wird es zur lebendigen Person und in seinem gewaltigen Einherbrausen Eins mit den Leidenschaften der Menschen, über welche es hereinbricht; sowie überhaupt dieß kleine Büchlein ein wahres Muster- und Lehrbüchlein zu nennen ist für unsere heutigen Pfuscher und Producenten aller Art. Denn es enthält in richtig und glücklich abgewogenen Gegensätzen alle Momente eines reichen Stoffs selbst mit trefflich eingestreutem sachgemäßen Humor; und nichts fehlt als die gereinigte Sprache und das rhythmische Gewand im engern Sinne (im weitesten Sinne ist Rhythmus da in Hülle und Fülle), um das kleine Werkchen zum klassischen mustergültigen Gedicht zu machen. Man lese es und man wird uns Recht geben, erstaunend, wie arm und unbeholfen die Dutzende von gereimten Büchelchen sind, die uns alle Tage auf den Tisch regnen, mit und ohne Firma.

[161] Auch mit der behaglichen Anschaulichkeit des Besitzes, der Einrichtung von Haus und Hof, der Zahl und Art der Hausthiere, der fest- und werktäglichen Gewandung, des Essens und Trinkens weiß Gotthelf überall seine einfachen Schöpfungen sattsam zu durchtränken, ohne in das einseitige Schildern zu verfallen.

Von den innern und edlern Kennzeichen wollen wir nur an die Höhepunkte in seinen Geschichten erinnern, welche immer wiederkehren und immer so neu und schön sind: nämlich an jene schweren oder frohen Gänge, welche seine Männer und Frauen thun in das Land hinaus, wenn sie bei entfernten Blutsfreunden oder bei den ihnen durch ihre guten Eigenschaften erworbenen Freunden und Getreuen Rath, Hülfe in der Noth oder Theilnahme an ihrem Wohle suchen. Man betrachte nur eine dieser herrlich gezeichneten Wanderungen, und man wird durch ihren ausführlichen Verlauf und die daraus hervorstrahlende durchaus gesunde und begründete Rührung an die besten Zeiten der Poesie erinnert.

Überhaupt ist es der seltene Vorzug unsers Mannes, daß er seinen Stoff immer erschöpft und entweder mit einer zarten und innigen Befriedigung oder mit einer starken Genugthuung zu krönen versteht, mit einer Befriedigung von solcher ursprünglichen beseligenden Tiefe, daß sie mit der Erkennungsscene zwischen Odysseus und Penelope aus einem und demselben Quell zu perlen scheint.

Welch rüstiges und liebliches Gestaltungsvermögen dem Verstorbenen zu Gebote stand, zeigt er fast mehr noch als in seinen größern Sachen in kleinern Erzählungen und Bildern aus der Schweiz. Wie durchaus werth, an innerm [162] Gehalt „Hermann und Dorothea“ an die Seite gesetzt zu werden, nur einen tragischen Verlauf nehmend, ist seine schöne Erzählung „Elsi, die seltsame Magd“. In der aufgährenden Zeit der neunziger Jahre, als die französische Revolution auch die Sitten und die Verhältnisse des Schweizervolks von Grund aus aufwühlt, in dieser Übergangszeit geht auch ein hundertjähriges Besitzthum zu Grunde, und der letzte der bäuerlichen Dynasten zieht als ein Lump in die Welt hinaus. Mit ihm aber verläßt, eine andere Straße ziehend, seine Tochter das verlorene Ahnenhaus. Deren Vorfahrinnen alle gewaltet, gesorgt und geherrscht haben, geehrt im Land, wandert die erste als Magd ihre Straße, ihr Bündelchen unter dem Arme, alle guten Eigenschaften, alles Ehrgefühl und allen Besitzesstolz der Mütter in der Brust, aber ohne Erbe und Vaterhaus, die Tochter eines Heruntergekommenen, eines Landstreichers. Daher beschließt sie in stolzem Sinne, den Namen des alten Hofs untergehen zu lassen, und niemand ist im Stande, ihre Herkunft zu erfragen. Alles ihr entgegenkommende Wohlwollen, alle Liebe weist sie zurück und hält ihr Geheimniß fest verschlossen, bis der sie liebende und wiedergeliebte Mann den Tod sucht in dem Feuer der andrängenden Neufranzosen, welche die alte morsche Bernerrepublik mit blutiger Anstrengung über den Haufen werfen und das neurepublikanische Wesen darauf pflanzen. Im Landsturme zogen bekanntlich Greise, Weiber und Kinder gegen die Franzosen aus, und so fand es seine angemessenste Begründung in diesem „historischen Hintergrunde“, daß das edle Mädchen in seinem Leide mit auszog und den Geliebten im Gefecht aufsuchte, um an seiner Seite zu sterben. Will man die Echtheit des [163] Gotthelf’schen Stoffs recht schätzen lernen, so vergleiche man damit den „Sonnenwendhof“, welchen Mosenthal daraus gemacht hat. Nachdem er erst die Geschichte in steirische Jodelei übersetzt hat, trug er mit eifrigster Wegwerfung aller guten und begründeten Gotthelf’schen Motive ein melodramatisches Effektsammelsurium zusammen, wie es nur der Kram des gewinnlüsternsten und verschmitztesten Schacherjuden aufweist.

Auch die heitern Erzählungen Gotthelf’s haben schon zur dramatischen Bearbeitung angeregt und mit Recht. Um aber die unsägliche Niaiserie der Herren Modedramatiker bei dieser Gelegenheit einmal recht deutlich zu sehen, müssen wir auf besagten „Sonnenwendhof“ und seinen Hauptspaß zurückkommen. In den Gotthelf’schen Schriften kommt im Dialoge oft die Bernerische Redensart „He nu sode“ vor, welches ein Ausruf ist, den die Berner mit vieler Anmuth in ihrer Rede verwenden. In allen möglichen Fällen rufen sie: „He nu sode“. Bald hat es den Sinn von „also“, „gut denn“, „nun denn“, bald von „ei ei“, „à la bonne heure“, „allons“, „vorwärts“; kurz, es ist ein an sich sinnloses Wörtchen, welches vollkommen so gebraucht wird wie etwa das „na nu“ der Berliner. Manchmal hat Gotthelf die Laune, es hochdeutsch zu geben, nämlich „Je nun so dann“ und zwar ohne Komma nach dem „nun“, und dieser vollkommen sinn- und bedeutungslose Ausruf, wenn er nicht mit einer Rede verbunden ist, ist es, welchen Mosenthal herausgegriffen hat aus all den guten und bessern Dingen der Erzählung, und aus welchem er das Motto, die Pointe und Moral seines Dramas machte. Wie staunten wir, beim Aufzuge des Vorhangs das unschuldige Bernerische [164] „He nu sode“ als „Je nun, so dann“ groß über der Thür des steirischen Bauernhofs geschrieben zu sehen! Es war gerade, als ob man über einem Rathhause die Inschrift „Na nu!“ angebracht hätte. Aus diesem „Je nun, so dann“ fließt die Lebensweisheit, die Maxime der Bäuerin und das Stück schließt bedeutsam mit dem gleichen Wörtchen. Das heißt, im Gebirge eine jener zierlich geschnitzten hölzernen Salatgabeln kaufen und auf dem flachen Lande dieselbe als Theaterdolch verwenden und ist ein hinreichendes Beispiel von dem Geist und Geblüt unserer Propheten.

Wenn wir in diesen Zeilen alle Bedeutung des Gegenstandes in einer poetisch allgemeinem und höhern Bezeichnung suchten, so wollen wir damit nicht den Charakter Gotthelf’s auch als Volksschriftsteller im engern und gewöhnlichen Sinne des Worts verkennen; denn er hat zu absichtlich und zu ausdrücklich in diesem Sinne gewirkt, als daß es irgend zu verkennen wäre. Aber er war nur darum ein guter Volksschriftsteller, weil er ein guter, von innen heraus produktiver Dichter war.


  1. Blätter für literarische Unterhaltung 1849, No. 302–305. (Besprechung von „Uli der Knecht“ 1846, und „Uli der Pächter“ 1849).
  2. Blätter für literarische Unterhaltung 1851 Nr. 76–77. (Besprechung der „Käserei in der Vehfreude“ 1850 und der „Erzählungen und Bilder“ 1849).
  3. Blätter für literarische Unterhaltung 1852 Nr. 47. (Besprechung von „Zeitgeist und Berner Geist.“ Berlin, Springer. 1852.)
  4. Blätter für literarische Unterhaltung 1855, Nr. 9. („Erlebnisse eines Schuldenbauers“ 1854.)
  5. Zusammen mit IV. a. a. O.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Diesen Titel behielten spätere Ausgaben bei. Alle unterscheiden sich von den Druckfassungen 1849–55 durch angepasste Rechtschreibung. In Bd. 22 von Kellers Sämtlichen Werken (Bern 1948) änderte der Hrsg. stellenweise auch den Wortlaut, indem er Gotthelf nach einer andern Auflagen zitierte als Keller. Bächtolds Text kommt den Druckfassungen am nächsten.
  2. In Bd 2: Von Heine bis Mehring. Rütten & Loening, 1. Aufl. Berlin 1956.