Kindergarten und Charakterbildung

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Autor: Angelika Hartmann
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Titel: Kindergarten und Charakterbildung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 314-315
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kindergarten und Charakterbildung.[1]
Von Angelika Hartmann, Seminar-Vorsteherin in Leipzig.


Bei der Besprechung des von mir gewählten Themas kann es sich nicht darum handeln, ein Bild weitgreifender pädagogischer Thätigkeit vor Ihnen zu entrollen, nein – in das stille, geheime Weben und Entfalten des Kindesgeistes möchte ich Sie schauen lassen, möchte die zarten Keime der ersten Thätigkeit dieses wunderbaren Mikrokosmos Ihnen zeigen und mit Ihnen in das Heiligthum unserer Lieblinge eintreten.

Ich bin nun – und das könnten Sie mir bei dieser Betrachtung zum Vorwurfe machen – keine Mutter, und nur der Mutter und dem Vater ist es, so meinen Sie vielleicht, möglich, diesen tiefen Blick in des Kindes Leben zu thun, weil diese es am meisten lieben und deshalb am besten verstehen müssen. Und doch glaube ich, giebt es noch ein Herz, das mit warmer Liebe für unsere Lieblinge schlägt, das mit Opferfreudigkeit und Hingabe für das Wohl derselben sorgt: es ist das Herz der Kindergärtnerin. Und wie die Familie ein Tempel der Liebe, der Ehrbarkeit und Heiligkeit sein, wie hier das Kind von Liebe umgeben und mit Verständniß für seine individuelle Veranlagung behandelt und beeinflußt werden soll, so muß der Kindergarten, der die Familie nicht ersetzt, wohl aber ergänzt, von dem Geiste pädagogischer Ueberzeugung getragen sein, muß eine allseitige Entwickelung der Menschennatur anstreben.

Dazu bedarf es einer Kindergärtnerin, die mit vollem Verständniß ihrer Aufgabe für die Erziehung des Kindes in den ersten Lebensjahren arbeitet, die, mit jenen Erziehungsgesetzen vertraut, sie in die Praxis überzuführen versteht.

Eine schöne, eine hohe Aufgabe! Aber nur die Kindergärtnerin erfüllt sie ganz, die dem Beispiele der liebenden und sorgenden, aber auch denkenden Mutter folgt und ihr Kind als ein sich fort und fort entwickelndes betrachtet, die diesen Erziehungsgang kennt und die Wonne der Mutter begreifen kann, wenn diese in den Augen des Säuglings zum ersten Mal, wie Jean Paul sagt, das zauberische Lächeln, das liebliche Morgenroth der beginnenden Vernunft wahrnimmt. Von diesem Augenblicke an geht es bergauf im schrittgemäßen Weiterentfalten, denn die Natur kennt keinen Sprung und belebt erst allmählich mit ihrem Zauberworte alle Thätigkeiten des aufbrechenden Geistes.

Und nun grünt und blüht es, als wollte der Frühling mit seinen Maientagen das Füllhorn seines Segens ausschütten. Täglich entdeckt die Mutterliebe ein neues Keimchen, das sich empor an’s Licht ringen will, und küßt es auf und pflegt es und behütet und wartet und liebt es Tag und Nacht.

Da gehe hin, Kindergärtnerin, und theile die Freude und siehe, wie Liebe reicher wird im Geben, und lerne, wie man Liebe durch Opfer verdient! Dort kannst Du auch die geheime Werkstatt der Natur belauschen und schauen, wie sich bei naturgemäßer Einwirkung von Nahrung, Luft und Licht die körperlichen Organe kräftigen und wie sie stützend den geistigen eine Basis bereiten.

In entwickelnder Thätigkeit zeigen sich jetzt die Sinnesorgane. Das Auge erfaßt den Gegenstand und erkennt bald den ihm liebsten, die Mutter; das Ohr unterscheidet ihre Stimme von anderen Tönen; die kleinen Hände greifen und versuchen festzuhalten; Geruch und Geschmack üben ihre Wirkungen aus.

Und parallel dieser allmählichen Sinnesentwickelung brechen im Geiste Anhänglichkeit, Wohlwollen, Nachahmungs- und Thätigkeitstrieb auf.

Aber auch die Triebe brechen sich jetzt Bahn, die, wenn sie nicht im Entstehen niedergehalten werden, späterhin das Kind zu einem eigensinnigen, zornigen, herrischen, sich weder den Anordnungen und Wünschen der Mutter, noch den Befehlen des Vaters fügenden machen. Willst Du, Mutter, Deinen Liebling vor diesen Fehlern, die seinen unschuldsvollen Blick trüben, bewahren, so gieb Acht, daß in der Zeit, in welcher die ersten Eindrücke seiner Umgebung auf den Säugling einwirken, nichts diese erwachenden Triebe Reizendes an ihn herantrete. Wie Du die ersten Empfindungen der Alles überdauernden Liebe in dasselbe hineinlebst, wie Dein Gebet, mit dem Du es Morgens vom Lager nimmst und des Abends in die Hände des Höchsten bettest, die ersten heiligen Gefühle bei ihm wachküßt, so wirken Heftigkeit, Laune, Willkür und maßloses Eingreifen schon in diesem zarten Alter zerstörend auf seine Willensäußerungen.

Sei darum vor Allem das selbst, wozu Du Dein Kind erziehen willst! Nichts wirkt in der Zeit, wo das Kind noch in der innigsten Gemeinschaft mit der Mutter lebt, mehr auf die Bildung des Charakters ein, als das Beispiel derselben. Mit der Mutter lacht und weint, trauert und jubelt das Kind. Von dem ersten Augenblicke an, in welchem das heilige Geschäft der Erziehung für sie beginnt, hat sie deshalb bewußt in ihrem eigenen Wollen, maßvoll und würdig in ihrem Handeln zu sein. Den Aeußerungen der Leidenschaftlichkeit des Kindes trete sie mit Ruhe, mit Geduld, aber auch mit unerbittlicher Consequenz entgegen, gewähre nicht ein Mal, was sie ein andres Mal versagt, strafe nicht heute, wo sie morgen liebkost.

Das unmuthige Schreien des Säuglings, die ungestüm fordernde Geberde, wie das befehlend ausgesprochene Wort des ältern Kindes sind Erzeugnisse derselben Geistesthätigkeit – sie sind natürliche Erscheinungen des noch nicht vom Denken beherrschten Willens des Kindes. Dieser Wille muß geleitet, geregelt und, wenn es nöthig ist, gebrochen werden, damit, wie Jean Paul sagt, Euren Kindern nicht späterhin das Herz darüber bricht.

Je früher und consequenter wir es an diese Selbstbeherrschung gewöhnen, je zeitiger wir es ein weises, vom höhern Standpunkte der Wissenschaft vorgeschriebenes Gesetz bei unserm Handeln hindurchfühlen lassen, um so fester werden wir die Grundpfeiler des Gehorsams in dem Charakter des Kindes aufbauen.

Aus der Natur, dem Borne, aus dem ewiges Leben quillt, wo Klarheit und Wahrheit, wo Gesetz und Entwickelung sich durchdringt, da müssen Mutter und Erzieherin schöpfen, wenn sie lebendiges Leben beim Kinde schaffen, wenn sie dasselbe auf jeder Altersstufe seinen Anlagen und Fähigkeiten entsprechend erziehen wollen. Verständniß für die Vorgänge der körperlichen und geistigen Entwickelungsphasen muß sich daher der Liebe zum Kinde zugesellen, denn nur der Erzieher, der diesen Gang der Entwickelung wahrhaft kennt, kann dieselbe naturgemäß leiten. Und hier fallen die Aufgaben der Mutter und Erzieherin zusammen.

Bedauernswerth, hohl und unersprießlich ist das Erziehungsgeschäft der Letzteren, wenn sie ihrem Kinde nicht ein Herz voll Liebe entgegenbringt, und die Mutter, welche sich nur von ihren Empfindungen, und seien es auch die höchsten und an sich edelsten, leiten läßt, giebt bald die Zügel aus der Hand und erzieht das Kind anstatt zum charaktervollen, dem höheren Gesetz sich unterordnenden Wesen, zu einem willenlosen, augenblicklichen Regungen sich hingebenden Menschen.

Das höchste Ziel der Erziehung aber, geistige Selbstständigkeit, die Möglichkeit einer freien Entschließung, aus der breitesten Grundlage sittlicher Reinheit und Kraft herausgewachsen, muß von Jugend an erstrebt und alle Hemmnisse, welche die Erreichung dieses Zieles hinausschieben oder unmöglich machen, müssen energisch bei Seite geschafft werden.

An die Stelle des Verbotes lasse deshalb schon beim kleinen Kinde das Gebot treten! Gebiete mit Liebe, kurz, und laß das Gebotene sofort vollziehen! Meistere nicht zu viel und schilt nicht über Angewohnheiten und Unarten, sondern hilf, daß diese Unarten vermieden werden! Hilf Deinem Lieblinge, das heißt zugleich, sei um ihn!

„ – – Geh fleißig um mit Deinen Kindern!
Sei Tag und Nacht um sie und liebe sie,
Und laß Dich lieben einzig schöne Jahre!
Denn nur den engen Traum der Kindheit sind
Sie Dein! nicht länger!“

singt Leopold Schefer.

So erwächst ihnen der kindliche Frohsinn, der die Saat des Guten zu doppelt reicher Frucht reifen läßt. Mt dieser strahlenden Fröhlichkeit folgt uns das Kind gern, wenn wir ihm Anweisungen zur Ordnung und Pünktlichkeit geben. Ordnung nach außen schafft ruhige Entwickelung nach innen. Mit dieser Fröhlichkeit wird es lernen einem lebhaften Wunsche entsagen, Kampf [315] und Entbehrungen ertragen. Bei solchen Einwirkungen bildet man feste Entschließungen, leitet das Kind gewohnheitsmäßig zur Bekämpfung dieser in dem zarten Alter vorwaltenden, die edleren Regungen vernichtenden Triebe an und stählt hierdurch seine Kraft zur Ausübung kindlicher Tugenden. Unter der leitenden Hand der Liebe bricht nun die Ahnung von seinem Gotte in dem Kinde auf.

Ein einfaches Morgen- und Abendgebet, das die Mutter bis dahin vor dem Kinde betete, beten sie jetzt in Gemeinschaft. Besser, als ich es Ihnen sagen kann, fühlen Mütter und Erzieherinnen die Größe eines solchen Augenblickes. Das Heiligste läßt sich eben nicht in Worte fassen und soll in dem Heiligthume des Kindesherzens feste, unausreißbare Wurzeln schlagen.

Liebe, Vertrauen, Verträglichkeit, Unterordnung unter das verständige Gebot, Milde und Freundlichkeit gegen Dienstboten, Theilnahme für die Armen und Freude, ihnen von dem eigenen Besitze mittheilen zu können, das sind die Tugenden, die den Charakter des Kindes schon in den ersten Jahren des Lebens zu einem sittlichen machen sollen, und die das, was Pestalozzi so treffend mit dem Namen „Kraftbildung“ bezeichnet, erzeugen.

Und das Mittel, dem Kinde die Grundzüge eines solchen Charakters recht tief einzuprägen, es auszurüsten mit jener Tüchtigkeit, die es nöthig hat, um in den Kämpfen des Lebens sich selbst nicht zu verlieren, um sich zu stählen gegen die An- und Eingriffe des Schicksals, die Keinem, auch dem Glücklichsten nicht, erspart bleiben – es ist die Arbeit. Wir haben die Liebe zu ihr von dem Augenblicke an, wo das Kind fähig ist zu arbeiten, in ihm zu pflegen.

Mit dieser Forderung, die ich als eine der wesentlichsten für die Charakterbildung des Kindes hinstelle, hat zugleich der Kindergarten seine Berechtigung neben der Familienerziehung. Er soll die Mutter nicht der Pflichten gegen ihr Kind entheben, nein – er soll sich anschließen an eine solide, von Mutterliebe und verständiger väterlicher Einwirkung getragene Familienerziehung und das dem Kinde reichen, was keine Familie bieten kann: eine regelmäßige Arbeit in Gemeinschaft gleichalteriger Genossen.

Wie die Arbeit uns gesund, fröhlich, zufrieden macht, wie sie Völker, Nationen zur sittlichen Kraft, zur Einheit und Stärke erzieht, so ist sie das Mittel, durch welches Familie und Kindergarten Hand in Hand gehend, auf die Charakterbildung des Kindes wirken sollen.

Diesen Segen einer regelmäßigen Körper und Geist bildenden Arbeit will der Kindergarten früh schon dem Kinde zu Theil werden lassen, will, indem er kindliche Beschäftigungen pflegt, den Zögling nicht allein vor den schädlichen Folgen der Langeweile bewahren, sondern bei ihm den Grund zu einer allseitigen Ausbildung der gesammten Kräfte legen. Und ein wesentlicher Hebel dieser harmonischen Gestaltung des kindlichen Wesens ist die Gesundheit. Der gute, unter umsichtsvoller Leitung stehende Kindergarten wird darum vor Allem dem körperlichen Leben des Kindes eine eingehende Pflege angedeihen lassen.

Luft, Licht, Bewegung heißen die Factoren, vermittelst deren wir diese Aufgabe lösen.

Deshalb schöne luftige Räume, Spaziergänge hinaus in’s Freie, und vor Allem körperliche Arbeit im Freien. Die Kindergärtnerin hat mehr, als dies bisher im Allgemeinen geschehen ist, mit ihren Kindern zu säen, zu pflanzen, Gartenanlagen zu machen, Hütten zu bauen, Thiere zu pflegen, hat überhaupt die Kleinen so zu diesen Arbeiten anzuleiten, daß sie wirkliche Resultate aus denselben hervorgehen sehen. Ein kleines Terrain, welches das Kind als das seinige bearbeiten und bebauen muß, wird hier einen Anziehungspunkt bilden, der seine Beschäftigung ihm zu einer freudigen und angenehmen macht. Neben einer erhöhten Herz- und Lungenthätigkeit, einer normalen Blut- und Muskelbildung, erwächst aus dieser Beschäftigung die Liebe zu und die Freude an der Arbeit, die kein Kind, selbst das vornehmste nicht, auch nicht das des Fürsten schändet, sondern die fröhliche Augen, frische Wangen, kräftige Arme und flinke Beine schafft.

Nach solcher Arbeit schmeckt das Frühstück, das, im Kindergarten in Gemeinschaft genossen, dem Kinde ein Labsal ist. Da werden keine Leckerbissen gereicht noch geduldet, und hier könnte, so glaube ich, manche Mutter lernen, daß das Verlangen des Kindes nach unregelmäßiger und schwerverdaulicher Nahrung nur der Ausdruck der Langeweile ist, daß aus diesem Uebelstande aber nicht allein körperliches Unwohlsein, sondern auch der Zustand entsteht, den Hippel so richtig beim Kinde „den Schnupfen der Seele“ nennt. Das weiß die verständige Kindergärtnerin, die den Trieb des Kindes, sein inneres Leben zu veräußerlichen, kennt und ihm, nach stattgehabter Ruhe und Erholung, neue Nahrung reicht.

Eines der reizenden Bewegungsspiele, in denen neben körperlicher Gewandtheit auch die verschiedenen Sinnesthätigkeiten und die Sprachfähigkeit des Kindes entwickelt werden, beginnt, oder die Zöglinge eilen an ihre kleinen Tische, wo ebenfalls die Arbeit ihrer harrt, bei der sie Hand und Finger geschickt machen, und durch welche sie sich und Anderen Freude bereitet sollen.

Hier wird nicht dem Principe der sogenannten guten Kindermädchen oder Bonnen gehuldigt, dem Kinde mit läppischen Spielereien die Zeit zu vertreiben, sondern die in des Kindes Wesen verständig blickende Erzieherin weiß, daß in diesen Arbeiten eine versittlichende und bildende Kraft liegt.

Indem das Kind das Schöne, das Harmonische selbst gestaltet, läßt es dasselbe einziehen in seine Seele und erarbeitet sich Anschauungen, welche die niederen Triebe unterdrücken und es sanfteren Regungen und Gefühlen zugänglich machen.

Ich könnte Ihnen aus meiner langjährigen Erfahrung hunderte von Beispielen anführen, die den Beweis liefern, daß rohe, unerzogene oder verbildete Kräfte auf diesem Wege allmählich in ein harmonisches Gleichgewicht gebracht worden sind.

Ein guter Kindergarten muß daher immerhin Ansprüche, wenn auch maßvolle, an die Kindeskraft machen, Leistungsfähigkeit schon bei den Kleinen hervorrufen, nicht zu viel und zu vielerlei den Kindern bieten, aber alle Erziehungsmittel auf ein einheitliches Ziel – auf die Selbstthat lenken.

So wirkt er diätetisch auf Körper und Geist, bildet gesunde Kinder, und aus der Gesundheit erwächst denselben Kraft und Entschließung zur sittlichen That. Diesen Segen empfindet auch das Kind unbewußt; deshalb eilt es, auch wenn es schon in der Familie nach bestimmten Grundsätzen erzogen, so gern und so freudig der Stätte zu, wo es die empfangenen häuslichen Eindrücke und Anschauungen in der Gemeinschaft, diesem wesentlichen Factor zur Pflege des Charakters, bethätigen kann; denn des Kindes Leben ist Thätigkeit, und nur das einseitig erzogene Kind gewöhnt sich zagend an diese kräftige Atmosphäre. Aber um so nothwendiger ist dann eine sorgsame Pflege der noch unentwickelten Seiten seines Charakters. Und hier thut eine ruhige Arbeit, von der Kindergärtnerin mit milder Freundlichkeit vorgeschrieben und überwacht, Wunder. Während sie dem herrschsüchtigen, wildanstürmenden, leidenschaftlichen Charakter Mäßigung und Beschränkung lehrt, macht sie das schüchterne, unselbstständige Kind selbstvertrauend und muthvoll, läßt es seine Anlagen erkennen und sie für seine vielseitigere Ausbildung verwerthen. So segnet planvolle Arbeit das kluge Bemühen.

Ueberall gestaltet sie maßvoll und deshalb harmonisch; „denn,“ sagt Goethe, „nur also beschränkt war je das Vollkommene möglich“. In solchem Sinne charakterbildend, wirkt der Kindergarten aber sicherlich auch auf die Familie segensvoll zurück, indem er die Eltern auffordert, mit seinen Grundsätzen Hand in Hand zu gehen und mit der Elternliebe eine der Kindesnatur angemessene diätetische Behandlung zu verbinden. Zugleich soll er jedoch durch seine Einwirkung auf die Charakteranlagen der Zöglinge diese tüchtig machen, sich schon in früher Jugend in einer sittlichen Gemeinschaft einen Platz, ein Feld nützlicher Thätigkeit zu erobern.

Mit solchen Principien ist er dann gewiß werth, als eine Basis der Schule angesehen zu werden, die es sich zur Aufgabe macht, Jünglinge und Jungfrauen in das Leben hinaus zu senden, welche nicht allein ihren Geist an veredelnden Kenntnissen bereichert haben, sondern die zugleich zu selbstständigen, mit weiser Beschränkung und sittlicher Würde handelnden Menschen erzogen sind. Charaktere verlangt das Leben, verlangt der Staat von seinen Bürgern. Nur dann wird auch unser deutsches Vaterland seine innere Größe und Einheit gewinnen und erhalten, wenn Familie, Kindergarten und Schule geistes- und charakterstarke Bürger und Bürgerinnen erziehen, Menschen, die wissen, was sie wollen und thun, was sie sollen, die Wahrheit und Sitte üben, die Schönheit und Tugend pflegen, die ihre volle Kraft daran setzen, Menschen im wahren Sinne des Wortes zu sein.



  1. Vortrag, gehalten am zweiten Tage der Leipziger General-Versammlung des deutschen Fröbel-Verbandes.