Kino privat

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Autor: Kurt Tucholsky
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Titel: Kino privat
Untertitel:
aus: Lerne lachen ohne zu weinen, S. 387-389
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1932 (EA 1931)
Verlag: Ernst Rowohlt
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Scans auf commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck in: Weltbühne, 15. April 1930
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 Kino privat

Für Emil Jannings

In vielen Prokuristen steckt ein Perser-Schah,
der ruht, verzaubert. Aber manchmal, im Bureau,

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wenn schläfrig nebenan die Schreibmaschinen schnattern,
so kurz nach Tisch … schlägt er im Traum die Augen auf und atmet.

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 Dreimal klatscht er leise

in die Hände. Ibrahim erscheint
und kreuzt die Arme, neigt sich, schweigt.
„Die Mädchen!“ sagt der Prok… der Schah.
 Und sieben Mädchen trippeln

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um ihn herum, jung, schlank, mit Öl gesalbt,

und eine ist dabei, feist wie ein praller Sack.
Der Schah versinkt in Weiberfleisch, in Brüste, die ihn streicheln,
er weiß nichts mehr, sieht rot, ist sieben Male Mann …
Wach auf, Gehirn! Das Hirn erwacht,

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und aller Unflat, den er je gelesen

und je erträumt, bricht aus dem Prokuristen-Schah.
Er schaut, er schmatzt, er schmeckt, er wittert …
„Fatme! Suleima! Ah, du bist …“
 Entzwei

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reißt ihn ein Klingellaut, der hart verzittert.

 Schah ab. Der Prokurist:
     „Hier Lützow siebenundsiebenzignulldrei!
     Am Apparat. Der Skonto? Wie gewöhnlich!
     Na, unser Doktor Freutel hat persönlich …“

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In vielen Angestellten wohnt ein Dschingiskhan,

der schläft, verzaubert.
 Aber manchmal, wenn
der launenhafte Chef den Angestellten piesackt,
bis dem die Galle hochsteigt, bis er kocht

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und bis er platzt –: dann steht der Kriegsmongole

wild in ihm auf. Er stürzt sich auf den Chef,

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pfeift seinen Leuten, und die packen
den Herrn Direktor, binden ihn mit Lassos
und werfen ihn auf ihre Pferde,

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nein: er wird am Sattel festgebunden

und muß nun laufen. Laufe! Willst du laufen!
Du Hund! Die Peitsche saust. Es stöhnt der Chef!
Dann wirbeln ihn die Reiter auf die Erde
und schneiden ihm … nein: nadeln ihn …

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nein: braten ihn in Kohlenfeuer

und streuen Salz und Pfeffer in die Wunden.
Und Mostrich.
 Und der Dschingiskhan
streicht seinen Seidenbart und lächelt: „Na, Herr Zaschke …?“

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Und während der Gefangene sich am Boden ringelt,

ergreift der Dschingiskhan den vollen Silberhumpen,
tut einen tiefen Schluck …
 „Der Alte hat geklingelt!“
„Sie! Könn Sie mir nicht Ihre Zinstabelle pumpen?“

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 – „Gewiß, Herr Direktor!

 Jawohl, Herr Direktor Zaschke!
 Bis morgen früh, Herr Direktor!
 Seppfaständlich, Herr Direktor –!“

So laufen manche Filme tief in Finsternissen.

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Kino privat. Der Regisseur siegt immer über das Geschick.

Du lächelst, Lottchen. Und ich möchte gerne wissen:
Was denkst du dir in diesem Augenblick?
Du machst dir viele Filme aus den Dingen.
Das tun sie alle. Laß sie ruhig drehn.

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Denn sagts der andre nicht wie Götz von Berlichingen –:

das, was er denkt, kann man zum Glück nicht sehn.