Kirchenfest für Taubstumme

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Kirchenfest für Taubstumme
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 658
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[658] Kirchenfest für Taubstumme. Ende August dieses Jahres fand in Berlin ein großes Kirchenfest für Taubstumme statt, welches von beinahe tausendzweihundert Taubstummen aus allen Theilen Deutschlands und Oesterreichs besucht wurde. Es waren zu diesem Behufe mehr als neunhundert Freikarten zu Eisenbahnfahrten ausgegeben worden. Nach dem Gottesdienste, der in der Dorotheenstädtischen Kirche abgehalten wurde, fand eine gesellige Zusammenkunft aller von auswärts gekommenen Taubstummen statt, bei welcher im eigentlichsten Sinne des Wortes viel mit Händen und Füßen, also durch Geberden, gesprochen wurde. Sind auch die in deutschen Anstalten gebildeten Taubstummen fast sämmtlich in der Lautsprache unterrichtet worden, so bedienen sie sich doch im Verkehr unter einander meist der Geberdensprache, weil ihnen diese eine schnellere Unterhaltung gestattet. Im Umgange mit Hörenden gebrauchen sie dagegen die in den Anstalten erlernte Tonsprache.

Am Tage nach dem Feste fand ein Congreß der Vorstände und Deputirten der deutschen und österreichischen Taubstummenvereine statt, in dem etwa achtzehn Vereine vertreten waren. Als Vorsitzende fungirten der Geheimsecretär Fürstenberg aus Berlin und der Lehrer Rasch aus Leipzig, beide taubstumm. Man verhandelte über nähere Beziehungen der Vereine zu einander und machte Vorschläge, in welcher Weise das geistige und leibliche Wohl der Taubstummen mehr und mehr gefördert werden könnte, wobei besonders hervorgehoben wurde, daß es in Deutschland zur Zeit noch zu wenig Taubstummenanstalten gebe.

Sachsen ist in dieser Beziehung mit gutem Beispiele vorangegangen, denn durch die beiden großen Landesanstalten zu Dresden und Leipzig ist so ziemlich für die Bildung aller in Sachsen lebenden schulpflichtigen Taubstummen gesorgt worden. Bekanntlich war es auch ein sächsischer Fürst, der einst den edeln Samuel Heinicke nach Leipzig berief und daselbst die erste größere Taubstummenanstalt Deutschlands begründete. Im vergangenen Frühling waren es hundert Jahre, daß Heinicke’s erster taubstummer Schüler confirmirt und damit der menschlichen Gesellschaft zurückgegeben war. Die Leipziger erwachsenen Taubstummen feierten damals den Tag in würdigster Weise und verherrlichten durch prachtvoll ausgeführte lebende Bilder das Gedächtniß jenes Mannes, der zuerst die Taubstummen in der Lautsprache unterrichtet hat und nach dessen Grundsätzen noch heute in den deutschen Taubstummenanstalten gelehrt wird. Die Gartenlaube hat zu verschiedenen Malen von Heinicke erzählt und in Nr. 6 1870 sogar sein wohlgetroffenes Bild gegeben. Wir verweisen hier auf diese Artikel und erwähnen nur noch, daß unser Mitarbeiter, der Taubstummenlehrer Stötzner in Leipzig, das bewegte Leben dieses interessanten Mannes, der sich auch um die Volksschule große Verdienste erworben hat, in einer eigenen Schrift ausführlich geschildert hat. Wir empfehlen hiermit das lebendig und frisch geschriebene Werkchen, das für jeden Volks- und Menschenfreund Interesse hat, unseren Lesern. Es ist unter dem Titel „Samuel Heinicke. Sein Leben und Wirken dargestellt von Heinrich Ernst Stötzner“ bei Julius Klinkhardt in Leipzig erschienen.