Klein Roland (Uhland)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ludwig Uhland
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Klein Roland
Untertitel:
aus: Gedichte von Ludwig Uhland, Seite 293–298
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1815
Verlag: J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart und Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: MDZ München = Commons.
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[293]
Klein Roland.

Frau Berta saß in der Felsenkluft,
Sie klagt’ ihr bittres Loos.
Klein Roland spielte in freier Luft,
Deß Klage war nicht groß.

5
„O König Karl, mein Bruder hehr!

O daß ich floh von dir!
Um Liebe ließ ich Pracht und Ehr’,
Nun zürnst du schrecklich mir.

O Milon, mein Gemahl so süß!

10
Die Flut verschlang mir dich.

Die ich um Liebe Alles ließ,
Nun läßt die Liebe mich.

Klein Roland, du mein theures Kind!
Nun Ehr’ und Liebe mir!

15
Klein Roland, komm herein geschwind!

Mein Trost kommt all von dir.

Klein Roland, geh zur Stadt hinab,
Zu bitten um Speis’ und Trank,
Und wer dir gibt eine kleine Gab’,

20
Dem wünsche Gottes Dank!“
[294]

Der König Karl zur Tafel saß
Im goldnen Rittersaal.
Die Diener liefen ohn’ Unterlaß
Mit Schüssel und Pokal.

25
Von Flöten, Saitenspiel, Gesang

Ward jedes Herz erfreut,
Doch reichte nicht der helle Klang
Zu Berta’s Einsamkeit.

Und draußen in des Hofes Kreis,

30
Da saßen der Bettler viel,

Die labten sich an Trank und Speis’
Mehr, als am Saitenspiel.

Der König schaut in ihr Gedräng
Wohl durch die offne Thür,

35
Da drückt sich durch die dichte Meng’

Ein feiner Knab herfür.

Des Knaben Kleid ist wunderbar,
Vierfarb zusammengestückt;
Doch weilt er nicht bei der Bettlerschaar,

40
Herauf zum Saal er blickt.


Herein zum Saal klein Roland tritt,
Als wär’s sein eigen Haus.
Er hebt eine Schüssel von Tisches Mitt’
Und trägt sie stumm hinaus.

[295]
45
Der König denkt: „was muß ich sehn?

Das ist ein sondrer Brauch.“
Doch weil er’s ruhig läßt geschehn,
So lassen’s die Andern auch.

Es stund nur an eine kleine Weil’,

50
Klein Roland kehrt in den Saal.

Er tritt zum König hin mit Eil’
Und faßt seinen Goldpokal.

„Heida! halt an, du kecker Wicht!“
Der König ruft es laut.

55
Klein Roland läßt den Becher nicht,

Zum König auf er schaut.

Der König erst gar finster sah,
Doch lachen mußt’ er bald.
„Du trittst in die goldne Halle da

60
Wie in den grünen Wald.


Du nimmst die Schüssel von Königs Tisch
Wie man Äpfel bricht vom Baum;
Du holst wie aus dem Bronnen frisch
Meines rothen Weines Schaum.“

65
„Die Bäurin schöpft aus dem Bronnen frisch,

Die bricht die Äpfel vom Baum;
Meiner Mutter ziemet Wildbrät und Fisch,
Ihr rothen Weines Schaum.“

[296]

Ist deine Mutter so edle Dam’,

70
Wie du berühmst, mein Kind!

So hat sie wohl ein Schloß lustsam
Und stattlich Hofgesind?

Sag an! wer ist denn ihr Truchseß,
Sag an! wer ist ihr Schenk?“

75
„Meine rechte Hand ist ihr Truchseß,

Meine linke, die ist ihr Schenk.“

„Sag an! wer sind ihre Wächter treu?“
„Meine Augen blau allstund“
„Sag an! wer ist ihr Sänger frei?“

80
„Der ist mein rother Mund.“


„Die Dam’ hat wackre Diener, traun!
Doch liebt sie sondre Livrei,
Wie Regenbogen anzuschaun,
Mit Farben mancherlei.“

85
„Ich hab’ bezwungen der Knaben acht

Von jedem Viertel der Stadt,
Die haben mir als Zins gebracht
Vierfältig Tuch zur Wat.“

„Die Dame hat, nach meinem Sinn,

90
Den besten Diener der Welt.

Sie ist wohl Bettlerkönigin,
Die offne Tafel hält.

[297]

So edle Dame darf nicht fern
Von meinem Hofe seyn.

95
Wohlauf, drei Damen! auf, drei Herrn!

Führt sie zu mir herein!“

Klein Roland trägt den Becher flink
Hinaus zum Prunkgemach;
Drei Damen, auf des Königs Wink,

100
Drei Ritter folgen nach.


Es stund nur an eine kleine Weil’,
Der König schaut in die Fern’,
Da kehren schon zurück mit Eil’
Die Damen und die Herrn.

105
Der König ruft mit einem Mal:

„Hilf Himmel! seh’ ich recht?
Ich hab’ verspottet im offnen Saal
Mein eigenes Geschlecht.

Hilf Himmel! Schwester Berta, bleich,

110
Im grauen Pilgergewand!

Hilf Himmel! in meinem Prunksaal reich
Den Bettelstab in der Hand!“

Frau Berta fällt zu Füßen ihm,
Das bleiche Frauenbild.

115
Da regt sich plötzlich der alte Grimm,

Er blickt sie an so wild.

[298]

Frau Berta senkt die Augen schnell,
Kein Wort zu reden sich traut.
Klein Roland hebt die Augen hell,

120
Den Öhm begrüßt er laut.


Da spricht der König in mildem Ton:
„Steh auf, du Schwester mein!
Um diesen deinen lieben Sohn
Soll dir verziehen seyn.“

125
Frau Berta hebt sich freudenvoll:

„Lieb Bruder mein! wohlan!
Klein Roland dir vergelten soll,
Was du mir Guts gethan.

Soll werden, seinem König gleich,

130
Ein hohes Heldenbild;

Soll führen die Farb’ von manchem Reich
In seinem Banner und Schild.

Soll greifen in manches Königs Tisch
Mit seiner freien Hand;

135
Soll bringen zu Heil und Ehre frisch

Sein seufzend Mutterland.“