Roland Schildträger (Uhland)

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Textdaten
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Autor: Ludwig Uhland
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Titel: Roland Schildträger
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aus: Gedichte von Ludwig Uhland, Seite 299–306
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1815
Verlag: J. G. Cotta’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Stuttgart und Tübingen
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Quelle: MDZ München = Commons.
Kurzbeschreibung:
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[299]
Roland Schildträger.

Der König Karl saß einst zu Tisch
Zu Aachen mit den Fürsten,
Man stellte Wildbrät auf und Fisch
Und ließ auch Keinen dürsten.

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Viel Goldgeschirr von klarem Schein,

Manch rothen, grünen Edelstein
Sah man im Saale leuchten.

Da sprach Herr Karl, der starke Held:
„Was soll der eitle Schimmer?

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Das beste Kleinod dieser Welt,

Das fehlet uns noch immer.
Dies Kleinod, hell wie Sonnenschein,
Ein Riese trägt’s im Schilde sein,
Tief im Ardennerwalde.“

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Graf Richard, Erzbischof Turpin,

Herr Heimon, Naims von Baiern,
Milon von Anglant, Graf Garin,
Die wollten da nicht feiern.
Sie haben Stahlgewand begehrt

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Und hießen satteln ihre Pferd’,

Zu reiten nach dem Riesen.

[300]

Jung Roland, Sohn des Milon, sprach:
„Lieb Vater! hört, ich bitte!
Vermeint Ihr mich zu jung und schwach,

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Daß ich mit Riesen stritte,

Doch bin ich nicht zu winzig mehr,
Euch nachzutragen Euern Speer
Sammt Eurem guten Schilde.“

Die sechs Genossen ritten bald

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Vereint nach den Ardennen,

Doch als sie kamen in den Wald,
Da thäten sie sich trennen.
Roland ritt hinter’m Vater her;
Wie wohl ihm war, des Helden Speer,

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Des Helden Schild zu tragen!


Bei Sonnenschein und Mondenlicht
Streiften die kühnen Degen,
Doch fanden sie den Riesen nicht
In Felsen noch Gehegen.

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Zur Mittagsstund’ am vierten Tag

Der Herzog Milon schlafen lag
In einer Eiche Schatten.

Roland sah in der Ferne bald
Ein Blitzen und ein Leuchten,

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Davon die Stralen in dem Wald

Die Hirsch’ und Reh’ aufscheuchten;
Er sah, es kam von einem Schild,
Den trug ein Riese, groß und wild,
Vom Berge niedersteigend.

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Roland gedacht’ im Herzen sein:

„Was ist das für ein Schrecken!
Soll ich den lieben Vater mein
Im besten Schlaf erwecken?
Es wachet ja sein gutes Pferd,

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Es wacht sein Speer, sein Schild und Schwerdt,

Es wacht Roland, der junge.“

Roland das Schwerdt zur Seite band,
Herrn Milons starke Waffen,
Die Lanze nahm er in die Hand

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Und thät den Schild aufraffen.

Herrn Milons Roß bestieg er dann
Und ritt erst sachte durch den Tann,
Den Vater nicht zu wecken.

Und als er kam zur Felsenwand,

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Da sprach der Ries’ mit Lachen:

„Was will doch dieser kleine Fant
Auf solchem Rosse machen?
Sein Schwerdt ist zwier so lang als er,
Vom Rosse zieht ihn schier der Speer,

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Der Schild will ihn erdrücken.“


Jung Roland rief: „Wohlauf zum Streit!
Dich reuet noch dein Necken.
Hab’ ich die Tartsche lang und breit,
Kann sie mich besser decken;

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Ein kleiner Mann, ein großes Pferd,

Ein kurzer Arm, ein langes Schwerdt,
Muß eins dem andern helfen.“

[302]

Der Riese mit der Stange schlug,
Auslangend in die Weite,

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Jung Roland schwenkte schnell genug

Sein Roß noch auf die Seite.
Die Lanz’ er auf den Riesen schwang,
Doch von dem Wunderschilde sprang
Auf Roland sie zurücke.

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Jung Roland nahm in großer Hast

Das Schwerdt in beide Hände,
Der Riese nach dem seinen faßt’,
Er war zu unbehende;
Mit flinkem Hiebe schlug Roland

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Ihm unter’m Schild die linke Hand,

Daß Hand und Schild entrollten.

Dem Riesen schwand der Muth dahin,
Wie ihm der Schild entrissen,
Das Kleinod, das ihm Kraft verliehn,

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Mußt’ er mit Schmerzen missen.

Zwar lief er gleich dem Schilde nach,
Doch Roland in das Knie ihn stach,
Daß er zu Boden stürzte.

Roland ihn bei den Haaren griff,

100
Hieb ihm das Haupt herunter,

Ein großer Strom von Blute lief
In’s tiefe Thal hinunter;
Und aus des Todten Schild hernach
Roland das lichte Kleinod brach,

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Und freute sich am Glanze.
[303]

Dann barg er’s unter’m Kleide gut,
Und ging zu einem Quelle,
Da wusch er sich von Staub und Blut
Gewand und Waffen helle.

110
Zurücke ritt der jung’ Roland,

Dahin, wo er den Vater fand,
Noch schlafend bei der Eiche.

Er legt’ sich an des Vaters Seit’,
Vom Schlafe selbst bezwungen,

115
Bis in der kühlen Abendzeit

Herr Milon aufgesprungen:
„Wach auf, wach auf, mein Sohn Roland!
Nimm Schild und Lanze schnell zur Hand,
Daß wir den Riesen suchen!“

120
Sie stiegen auf und eilten sehr,

Zu schweifen in der Wilde,
Roland ritt hinter’m Vater her
Mit dessen Speer und Schilde.
Sie kamen bald zu jener Stätt’

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Wo Roland jüngst gestritten hät,

Der Riese lag im Blute.

Roland kaum seinen Augen glaubt’,
Als nicht mehr war zu schauen
Die linke Hand, dazu das Haupt,

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So er ihm abgehauen,

Nicht mehr des Riesen Schwerdt und Speer,
Auch nicht sein Schild und Harnisch mehr,
Nur Rumpf und blut’ge Glieder.

[304]

Milon besah den großen Rumpf:

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„Was ist das für ’ne Leiche?

Man sieht noch am zerhau’nen Stumpf,
Wie mächtig war die Eiche.
Das ist der Riese! frag’ ich mehr?
Verschlafen hab’ ich Sieg und Ehr’,

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Drum muß ich ewig trauern.“ –


Zu Aachen vor dem Schlosse stund
Der König Karl gar bange:
„Sind meine Helden wohl gesund?
Sie weilen allzu lange.

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Doch seh’ ich recht, auf Königswort!

So reitet Herzog Heimon dort,
Des Riesen Haupt am Speere.“

Herr Heimon ritt in trübem Muth,
Und mit gesenktem Spieße

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Legt’ er das Haupt, besprengt mit Blut,

Dem König vor die Füße:
„Ich fand den Kopf im wilden Hag,
Und fünfzig Schritte weiter lag
Des Riesen Rumpf am Boden.

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Bald auch der Erzbischof Turpin

Den Riesenhandschuh brachte,
Die ungefüge Hand noch drin,
Er zog sie aus und lachte:
„Das ist ein schön Reliquienstück,

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Ich bring’ es aus dem Wald zurück,

Fand es schon zugehauen.“

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Der Herzog Naims von Baierland
Kam mit des Riesen Stange:
„Schaut an, was ich im Walde fand!

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Ein Waffen, stark und lange.

Wohl schwitz’ ich von dem schweren Druck;
Hei! bairisch Bier, ein guter Schluck,
Sollt’ mir gar köstlich munden!“

Graf Richard kam zu Fuß daher,

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Ging neben seinem Pferde,

Das trug des Riesen schwere Wehr,
Den Harnisch sammt dem Schwerdte:
„Wer suchen will im wilden Tann,
Manch Waffenstück noch finden kann,

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Ist mir zu viel gewesen.“


Der Graf Garin thät ferne schon
Den Schild des Riesen schwingen.
„Der hat den Schild, deß ist die Kron’,
Der wird das Kleinod bringen!“

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„Den Schild hab’ ich, ihr lieben Herrn!

Das Kleinod hätt’ ich gar zu gern,
Doch das ist ausgebrochen.“

Zuletzt thät man Herrn Milon sehn,
Der nach dem Schlosse lenkte,

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Er ließ das Rößlein langsam gehn,

Das Haupt er traurig senkte.
Roland ritt hinter’m Vater her
Und trug ihm seinen starken Speer
Zusammt dem festen Schilde.

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Doch wie sie kamen vor das Schloß

Und zu den Herrn geritten,
Macht’ er von Vaters Schilde los
Den Zierath in der Mitten;
Das Riesenkleinod setzt’ er ein,

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Das gab so wunderklaren Schein,

Alswie die liebe Sonne.

Und als nun diese helle Glut
Im Schilde Milons brannte,
Da rief der König frohgemuth:

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„Heil Milon von Anglante!

Der hat den Riesen übermannt,
Ihm abgeschlagen Haupt und Hand,
Das Kleinod ihm entrissen.“

Herr Milon hatte sich gewandt,

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Sah staunend all die Helle:

„Roland! sag an, du junger Fant!
Wer gab dir das, Geselle?“
„Um Gott, Herr Vater! zürnt mir nicht,
Daß ich erschlug den groben Wicht,

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Derweil Ihr eben schliefet!“