Kriegserinnerungen an 1870–71

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Autor: Friedrich Leo
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Titel: Kriegserinnerungen an 1870–71
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Entstehungsdatum: 1905
Erscheinungsdatum: 1906
Verlag: W. Fr. Kaestner
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Erscheinungsort: Göttingen
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[1]
Kriegserinnerungen
an
1870–71
von
F. L.
Als Manuscript gedruckt.


Göttingen.
Druck der Univ.-Buchdruckerei von W. Fr. Κaestner.
1906.

[2] [WS: Signatur: 8° H. Germ. XI, 3482g]

[WS: Stempel der Bibliothek: Universitätsbibliothek Göttingen]

[WS: Zugangsnummer: 1943. 2932
c]

[3]
Oberhof in Thüringen 8. 8. 1905.


Als ich gestern Abend, eben angekommen, im Hotelgarten bei sinkender Sonne Thee trank und zusah, wie der Mond sich über den Bergen vergoldete, da hörte ich einen älteren Herrn an einem benachbarten Tisch seiner Familie vom Jahre 1870 erzählen: als der Kriegslärm entstand, seien die Papiere sehr gefallen, dann seien sie, als der Prinz von Hohenzollern auf das spanische Königreich verzichtete, auf einmal sehr gestiegen; das habe aber nichts geholfen, denn dann sei der Krieg doch gekommen. Da dachte ich, dass ich meinen Kindern ebenso gut meine Erinnerungen an den Krieg erzählen könnte. Um so näher lag mir das, als ich noch am Tage vor meiner Abreise darum gemahnt worden war; und Zeit habe ich hier, wenn auch weder eine Kriegsgeschichte noch eine Karte von Frankreich noch auch meine eignen Feldbriefe, die, so wenig und kurz sie sind, doch hier und da ein Erinnerungsfädchen hervorzupfen oder zwei anein­ander binden könnten. Ohnedies wird jeder Historiker Erinnerungen, die 35 Jahre alt geworden sind, mit Misstrauen ansehn. Aber diese Eindrücke drangen freilich tief, und es ist mir noch heute oft so, wie wenn die damals erlebten Dinge im Gedächtnis [4] jünger wären als vieles aus späterer Lebenszeit.

Im Sommer 1870 war ich Göttinger Student im vierten Semester und wollte erst neunzehn Jahre alt werden. Am 5. Juli klang der erste kriegerische Ton aus dem Pariser Parlament herüber, als der Herzog von Grammont erklärte, die französische Regierung werde nicht zulassen, dass ein Hohenzoller König von Spanien werde. Nebenbei gesagt, jener Prinz von Hohenzollern ist vor wenigen Wochen gestorben und hat wohl ein glücklicheres Leben gehabt, als es ihm auf oder unter dem spanischen Thron geblüht haben würde. In den nächsten Tagen stieg die Aufregung in Frankreich auf den höchsten Grad. Ich muss vor allem gestehn, dass ich bis zum 8., an dem es siedete, nichts gemerkt habe. Denn ich war zu einem Stiftungsfeste nach Marburg gefahren, und auf der Rückreise fiel mir in Kassel beim Mittagessen eine Zeitung in die Hand, auf deren erster Seite in fettem Druck mitgeteilt war, dass die Franzosen toll geworden seien und der Krieg unmittelbar bevorstehe. In demselben Moment stand es mir, ohne Ueberlegung und als etwas selbstverständliches, fest, dass ich mitgehen würde. Es war ein Wendepunkt in meinem Leben; vielleicht erzähle ich ein andermal, warum.

Die folgenden Tage verbrachte man in Göttingen auf dem Museum, dem akademischen Lesezimmer, das seitdem in der Union aufgegangen ist. Es wurde wieder ruhiger, der Prinz trat von seiner Candidatur zurück. Zum 10. hatte mir mein Vater [5] ein Fässchen Wein und meine Mutter einen Plumpudding geschickt, dazu lud ich alle meine Freunde und guten Freunde ein, es waren wohl zwanzig, wir sassen in dem Gärtchen am Wall hinter meiner Wohnung in der Unteren Masch 21, tranken sehr vergnügt Bowle so lange es reichte, liessen den Pudding verschwinden und die Geber hoch leben, telegraphirten diese Tatsachen nach Bonn und zweifelten nicht, dass Friede bleiben werde. Da stiegen auch die Papiere, von denen mein Hotelgenosse gestern seinen Kindern erzählte. Aber am 11. und 12. kam die Abweisung Benedettis und die Emser Depesche und der Krieg in leibhaftiger Gestalt.

Keiner liebt und wünscht den Krieg; selbst die, deren Handwerk er ist, wagen kaum ihn zu wünschen. Jener Krieg war der letzte, den wir erlebt haben. Ihr wisst was er uns gebracht hat, niemand der es nicht erlebt hat kann wissen was es uns bedeutete. Die Fackel dieses Krieges war uns der Aufgang einer neuen Sonne am Himmel unsrer Geschichte, mit unbeschreiblichem Glücksgefühl empfanden wir den Moment einer historischen Vollendung, es war ein Sturm, derselbe der den deutschen Süden und Norden zusammen führte und jedem von uns das Herz in die Höhe riss. Wenn wir auf der Kneipe ‚Wohlauf Kameraden‘ sangen (kein andres Lied traf wie dieses die Stimmung jener Tage), da konnten wir nicht sitzen bleiben, um dem in unsrer Seele tobenden süssen Feuer Luft zu geben. Nicht dass wir jeder hätten grosse Taten verrichten wollen. Aber da war auf einmal ein Ganzes, Volles, Gewaltiges, [6] und wir brauchten nicht zuzusehn, wir durften nicht nur, wir mussten und sollten mittun, mithandeln, wir waren ein Teil davon, die Seele jedes Einzelnen ein Teil der Seele des neuen, so alt es war, des auf einmal geoffenbarten Vaterlandes.

So war es als wir Soldaten wurden. Glaubt nicht, dass es bis zum Friedensschlusse so war. Das Ziel glänzte nie schöner, als da es auf der Höhe gezeigt wurde: dann kam ein mühseliges Klettern über Fels und Sumpf in Hitze und Kälte; und wohl dem der sein inneres Flämmchen hegte und nicht verglimmen ließ.

Am 15. kam der König durch Göttingen, auf dem Wege von Ems nach Berlin. Wir sahen ihn auf dem Bahnhof, er stieg aus und grüßte die Jubelnden, freundlich aber ernsthaft, wie ihm gar sehr zu Sinne war. In Brandenburg hat ihn dann Bismarck erwartet und auf dem Wege nach Berlin wurde die Mobilmachung des ganzen Heeres beschlossen.

Unser Regiment, das 7. Westfälische Nr. 56, rückte aus, es wurde ein Garnisonbataillon gebildet, zur Ausbildung der Mannschaften, die dem Regiment seine Verluste ersetzen sollten. In dieses Bataillon wollten wir eintreten. Meine Eltern wünschten, daß ich nach Bonn kommen und versuchen sollte, bei dem Königshusarenregiment, das in Bonn steht, anzukommen. Aber es war bekannt, daß die Kavallerieregimenter nur wenige Freiwillige nahmen und daß die Ausbildung dort länger dauerte, also auch die [7] Hoffnung, ins Feld zu rücken, hinausgeschoben wurde. Ich erreichte es, daß ich in Göttingen bleiben und mit allen meinen Freunden und Bekannten zugleich Soldat werden durfte.

Der 28. Juli war der Tag. Bei der Untersuchung ging es sehr einfach zu. Der Regimentsarzt sah mich an, fragte, wie alt sind Sie? Neunzehn Jahre. Wollen Sie mit? Ja. Wird genommen. Es ging eben anders zu als in Friedenszeiten, wo die meisten zusammensuchen was irgend dienen kann, von der Dienstpflicht loszukommen. Dann wurde ich noch an demselben Tage geschoren und eingekleidet.

Wir waren 250 Freiwillige, darunter wohl 25 aus meiner Verbindung; auch sonst zumeist Studenten, aber auch andere waren darunter, z. B. ein junger Duncker, der die Obersekunda verlassen hatte, um Soldat zu werden. Wir wurden als ein kleines Bataillon besonders ausgebildet, nicht mit den Ersatzreservisten zusammen. Das ging sehr rasch. Nachdem wir stehen, gehen und grüßen gelernt hatten, marschierten wir jeden Morgen auf die große Maschwiese hinaus und exerzierten bis gegen Mittag wo wir noch im Winter ahnungslos Schlittschuh gelaufen waren. Unsere Ausbildung leitete der Leutnant v. Landwüst, ein sehr tüchtiger junger Offizier, der durch sein ruhiges und bestimmtes, dabei freundliches Wesen rasch unsere Achtung gewann. Meine Abteilung war der besonderen Sorge eines Sergeanten anbefohlen, dessen Name mir entfallen ist; er verstand sein Metier nicht übel, ich vermute aber, daß der Leutnant ihm, ohne es uns merken zu lassen, [8] sehr scharf auf den Dienst passte. ‚Stramm im Dienst‘, pflegte der Sergeant zu sagen, ‚aber ausser Dienst habe ich nichts dagegen, mit den Herren auch einmal ein Glas Bier zu trinken‘. Er trank dann nämlich gewissenhaft so viele Seidel ihm vorgesetzt wurden. So ging es draussen auf der Maschwiese recht idyllisch zu, ich erinnere mich aus dieser Zeit keiner militärischen Unannehmlichkeiten, wohl aber der herrlichen Frühstücke. So hatte mir überhaupt noch nie etwas geschmeckt, wie die riesigen Semmeln mit Mettwurst (doppelt so groß wie die auf unserm Frühstückstisch), die ich mir zum Exerzieren morgens mitnahm, in der Frühstückspause schmeckten; dazu ein Feldfläschchen mit Nordhäuser, der eigentlich kein liebliches Getränk ist, aber dazu gehörte.

Das dauerte vier Wochen lang. In diese Wochen fielen die Schlachten bei Weissenburg und Wörth und die drei grossen vor Metz. Wie oft, wenn wir von der Masch nach Hause marschierten, fanden wir am Weender- oder Alleetor eine Siegesdepesche angeschlagen. Aber nur die erste grosse Nachricht, es war die vom Siege des Kronprinzen bei Wörth, regte zu lauten Ausbrüchen der Freude auf. Die Tage des 14., 16. und 18. August waren so furcht­bar blutig gewesen, dass dieser Ton gleich in den ersten Nachrichten vorklang; und wir erfuhren rasch, dass am 16., bei Mars la Tour, unser Regiment schwere Verluste gehabt hatte. Damit hing nun das nächste grosse Ereigniss zusammen, das uns selber betraf. Das Regiment brauchte Ersatz, und [9] es war der Befehl gekommen, einen Teil davon aus den Reihen der jungen Freiwilligen auszusuchen. Unser Bataillon trat an und unsere Herzen klopften, denn das war die erste Entscheidung; wir ahnten noch nicht, dass es für lange die letzte war.

Im ersten Gliede stehen die grössten, im dritten die halbgrossen, im zweiten die kleinen. Ich mass 4 Zoll 2 Strich (über 5 Fuss), und wir Einjährigen müssen wohl eine ziemlich grosse Nation gewesen sein, denn mit dieser Höhe war ich Flügelmann im zweiten Gliede. Nun kam der Kommandeur des Garnisonbataillons, die Glieder wurden auseinander­gezogen, er ging zuerst am ersten, dann am dritten, dann am zweiten entlang und suchte die grössten und stärksten aus; und er war kaum in der Mitte des dritten Gliedes, da waren die 24 Mann beisammen, die mitgeschickt werden sollten; und wir anderen durften nach Hause gehn, um am folgenden Morgen wieder auf der Masch zu exerzieren, während die glücklichen Auserwählten mobilgemacht wurden und schleunigst ausrückten. Am Abend auf der Kneipe brachten wir den zur Verbindung gehörigen den Abschied und priesen sie glücklich. Charles Jung war darunter, ein Halbamerikaner, mit dem ich gut befreundet war.

Diese Kameraden haben die ganze Belagerung von Metz mitgemacht, zwei Monate lang, meist bei Regenwetter, meist untätig in sumpfigen Zelten liegend. Gefallen ist dort keiner, aber mehrere haben sich den Keim zu tötlicher Krankheit geholt. Jung starb etwa sieben Jahre nach dem Kriege als [10] junger Rechtsanwalt an der Schwindsucht, deren Anfänge in den Feldzug reichten.

Dass Freiwillige nachgeschickt wurden, die erst so kurze Zeit ausgebildet, d. h. in der Tat unausgebildete Rekruten waren, hat dann bald aufgehört. Wir dachten natürlich, dass es in höchstens weiteren vier Wochen an uns sein würde. Da wurde eines Tages auf dem Appell ein Befehl von oben verlesen: der König hatte eine Truppe vorbeimarschieren sehen, in der ihm die jungen Freiwilligen durch ihre ungenügende Haltung auffielen; er hatte dann die allgemeine Bestimmung erlassen, dass kein Soldat ins Feld geschickt werden sollte, der nicht mindestens drei Monate lang ausgebildet wäre. Und so sahen wir uns auf die lange Bank geschoben und mit sinkendem Herzen berechneten wir, dass vor Ablauf der drei Monate alles aus sein würde; denn der Siegeszug des deutschen Heeres war gewaltiger als 1866, und da hatten wir erlebt, dass in wenigen Wochen der ganze Krieg zu Ende war.

Da kam Sedan und die Gefangennahme Napoleons; und wer von der Widerstandskraft des französischen Volkes und der politischen Lage überhaupt nicht mehr wusste als alle Welt, der musste freilich denken, dass nun bald der Sieger an die Heimkehr denken dürfe. Das sollte freilich anders kommen.

Wir waren nach den vier Wochen in die Kompagnien eingestellt worden, und damit hatte das Idyll ein Ende. Es wurde nun ein Garnisondienst ohne jeden Spass und gewiss mit viel mehr Ungemach als im Frieden. Nicht dass der Dienst [11] einen kriegerischen und darum rauheren Anstrich gehabt hätte; nein, nichts als Griffekloppen und langsamen oder auch zuweilen raschen Schritt auf dem damals geradezu sumpfigen Kasernenhof (es war natürlich der alte am Geismartor, denn die neuen Kasernen gab es noch nicht); nicht einmal Feld­dienst, den wir doch hätten lernen müssen, wurde ordentlich geübt. Das Unangenehme aber war, dass die Offiziere zurückgelassene Offiziere waren, also wahrscheinlich nicht die tüchtigsten, jedenfalls aber verstimmt über die Zurücksetzung; und so be­handelten sie uns schlecht. Mehr oder weniger war das in allen Kompagnien so, aber in meiner, der vierten, war es mehr. Der Kompagnieführer quälte uns greulich. Er liess uns, wenn Appell angesagt war, zwei Stunden lang auf dem Kasernenhof stehn, ehe er selber kam, hatte beim Exerzieren kein gutes Wort, keinen Witz, sah nicht wer sich Mühe gab, wer nicht, sondern lies alle Tage unterschiedslos ganze Abteilungen nachexerzieren, bekam vor jeder Besichtigung furchtbare Angst, unter der alle Untergebenen zu leiden hatten, und wurde von allen Vorgesetzten so schlecht behandelt wie er es verdiente. So lernte ich gleich nach dem Typus des tüchtigen Offiziers den des unfähigen kennen. Ins Feld hat man ihn, so viel ich weiss, überhaupt nicht kommen lassen. Würdig stand ihm ein Feldwebel zur Seite, der ein wahrer Teufel war und dabei neben einem hülflosen Kompagnieführer allmächtig.

Es war der Morgen des 2. September, die Kom­pagnie exerzierte auf dem Kasernenhof bis 10, dann [12] kam das gewöhnliche Nachexerzieren, diesmal wieder meines Zuges, und zwar unter dem Kommando des Feldwebels. Da ertönte von der Weenderstrasse her ein unbestimmtes dumpfes Geräusch – kein Zweifel, eine grosse Nachricht. Der Feldwebel merkte es, und obwohl die angesetzte Zeit um war, fing er ein neues Exercitium an. Da kam der Bataillonsadjutant durch das Kasernenhoftürchen am Geismartor und rief über den ganzen Platz hin­über einem Offizier, der in der Kasernentür stand, zu: ‚Der Kaiser ist gefangen!‘ Wir hörten es alle und der Feldwebel auch, aber er kannte nichts als die teuflische Lust, uns zu ‚zwiebeln‘; kommandirte ‚stillgestanden‘, so dass wir nicht einmal eine Miene verziehen durften, und liess uns noch eine Zeitlang hin- und hermarschieren. Dann entliess er uns, wir liefen auf die Weender und fanden schon aus allen Fenstern die Fahnen hängen, alles Volk jubelnd durch die Strassen ziehen, an den Ecken die Anschläge: Sieg, Kapitulation der feindlichen Armee, der Kaiser gefangen.

Am Abend war ein improvisirtes festliches Zusammensein der Bürgerschaft und Universität im Grethenschen Saal am Wilhelmsplatz (wo jetzt das Glück im Winkel ist). Es wurden Lieder gesungen und Reden gehalten, Reden ich weiss nicht mehr von wem, wahrscheinlich vom Bürgermeister Merkel und von dem damals jungen, mir aber doch schon recht alt vorkommenden Professor Dove, der vor vierzehn Tagen sein 50jähriges Doktorjubiläum gefeiert hat, damals aber Prorektor war; die Lieder dagegen [13] sang die ganze Versammlung, und als wir ganz hingerissen ‚Deutschland Deutschland über Alles‘ gesungen hatten, da erhob sich ein alter Herr von grosser Gestalt und mächtigem Kopf und stellte sich vor als der er war, Hoffmann von Fallersleben, der Dichter des Liedes. Wenn es etwas gab was die Stimmung noch heben konnte, so war es dies, und man konnte wieder so recht sehn, wie der Mensch danach verlangt, seiner Freude und Begeisterung einen persönlichen Ausdruck zu geben. Der Dichter war uns der Held des Abends und sein Lied wurde noch unzähligemal gesungen.

Wenn wir gefürchtet hatten, der Krieg möchte uns unter den Händen entschlüpfen, so waren wir ebenso falsch beraten wie die anderen, die gehofft hatten, dies sei das Ende. Nach Sedan hielt sich Strassburg noch vier Wochen und Metz acht Wochen lang. Wir erlebten in Göttingen noch beide Kapitulationen, Strassburg am 28. September, Metz am 31. Oktober. Die drei Monate waren überschritten und noch immer verlautete nichts von Aufbruch nach Frankreich. Der Dienst wurde immer lästiger und die Stimmung gedrückt. Mein Freund Gustav Jacobsen war der einzige unter uns, der trotz Krieg und Kriegessehnsucht den korrekten Friedenssoldaten herauszubeissen suchte. Zur Strafe wurde ihm eines Abends in der Bierzeitung, die ich pflichtmässig redigirte, die schnöde Parodie eines schönen Liedes, das wir so oft begeistert gesungen hatten, in den Mund gelegt, etwa folgendergestalt:

[14]

Das Volk steht auf, der Putz geht los!
Wer legt da die Hände faul in den Schoss?
Pfui über dich Buben unter den Spöttern,
Der du nicht dienst den Gamaschengöttern!
Bist doch ein tadelnswürdiger Wicht!
Ein deutscher Putzbursch putzt dich nicht,
Ein deutsches Schmalz beschmiert dich nicht
Und deutscher Lack lackiert dich nicht.
     Stosst mit an, Mann für Mann,
     Wer den Putzstock schwingen kann.

Da habt ihr eine Probe unseres damaligen Witzes. Wenn er lahm war, so hatten eben unsre Seelenflügel auch nicht mehr die rechte Schwung­kraft.

Da schien die Stunde zu schlagen. Es war am 10. oder 12. November, als wir das Wort „ausrücken“ hörten. Die Formen waren auch ganz die einer richtigen Mobilmachung. Aber als wir erfuhren, wohin es ginge, war es nicht nach Frankreich sondern nach Hannover „zur Küstenverteidigung“; wie im Wintermärchen, wo Böhmen an der See liegt. Die Eisenbahnfahrt war sehr greulich, denn ein Einjähriger in unserm Wagen (er war nicht Student, sondern wenn ich nicht irre ein junger Kaufmann, der Name ist mir entfallen) betrank sich dermassen in Schnaps, dass er krank wurde und bald nach der Ankunft in Hannover starb. Wir wurden in Bürgerhäusern einquartiert, ich mit etwa zwanzig andern in einem Hause in der Luisenstrasse, das ich mir neulich, als ich ein paar Stunden Aufenthalt in Hannover hatte, wenigstens von [15] aussen wieder angesehen habe. Wir wurden in einen grossen Bodenraum geführt, auf dem Stroh ausgelegt war, das sollte das Lager für die Einquartierung sein. Irgendwo stand ein Zuber mit Wasser, in dem sollten sich die waschen dürfen, die es nötig fänden. Später in Frankreich würden wir manchesmal mit einem solchen Quartier recht zufrieden gewesen sein; aber hier bäumte sich doch wenigstens in uns Einjährigen etwas dagegen auf, besonders gegen die Ruppigkeit des Hausherrn oder der Hausfrau oder beider. Wir waren nur zwei Einjährige, ausser[1] mir mein Freund Otto Schnitzler, ein wohlhabender junger Mensch (seine Eltern waren früh gestorben), der sonst weder von seiner Zeit noch von seinem Gelde einen nützlichen Gebrauch machte, aber als Kriegssoldat, besonders später im Felde, seine besten Eigenschaften, eine nie versagende Frische und Heiterkeit und Hilfsbereitschaft, hervorkehrte. Wir beiden griffen zu folgendem Mittel. Wir putzten und bürsteten uns blank (Extraanzüge waren natürlich nicht mitgenommen), kauften uns neue Handschuhe und liessen uns bei der Frau vom Hause melden. Sie nahm uns auch wirklich an, wir stellten uns als ihre Hausgenossen und Gäste vor, sagten garnichts über die Wohnung, aber machten eine Viertelstunde lang nach Kräften liebenswürdige und gebildete Conversation und küssten ihr zum Abschiede cavaliermässig die Hand. Kaum waren wir wieder oben auf dem Strohboden, als ein Hausmädchen kam, uns auf die Seite nahm und hinunterführte, wo uns die Frau vom [16] Hause in einem Fremdenzimmer mit zwei Betten empfing und vorlieb zu nehmen bat. Da wohnten wir nun volle vier Wochen lang, taten Garnisondienst wie in Göttingen, konnten gelegentlich ins Theater gehn (Sonntag und die Elmenreich spielten da, beide in ihrer Blüte, auch die Oper war sehr gut, an „Lucia von Lammermoor“ erinnere ich mich) oder ein Konzert hören (eine Aufführung des Messias in einer grossen Kirche); aber dabei mussten wir uns mehr und mehr an den Gedanken gewöhnen, dass sie in Frankreich ohne uns fertig werden würden. Eine grosse Freude hatte ich, da mein Vater mich eines Tages auf der Durchreise nach Berlin besuchte; der gute Hauptmann (vielmehr Premierleutnant) gab mir Urlaub, den zu erbitten ich selbst in die Höhle des Löwen ging, und wir konnten den ganzen Tag zusammen sein.

In den ersten Tagen des Dezember war es, und inzwischen rauher Winter geworden, da kam, als die Hoffnung schon fast erfroren war, eines Tages der Befehl, wir sollten uns zum Ausrücken fertig machen. Noch einige Tage dauerte es, in denen unser Kompagnieführer vor Aufregung über die bevorstehende Besichtigung halbtoll war (ich habe ihn zuletzt gesehen, als er einem Mann, weil er sich nicht rasiert hatte, drei Tage strengen Arrest gab), dann war es soweit. Es wurde nicht etwa das ganze Garnisonbataillon nachgeschickt, sondern wir Einjährigen und eine etwa ebenso grosse Anzahl Ersatzreservisten.

Wir wurden von zwei Offizieren geführt, einem [17] Hauptmann der Landwehr v. Bredow und einem Leutnant der Reserve Strack; beide waren sehr nette Leute, der Hauptmann ruhig und sicher, der Leutnant etwas leicht aufgeregt, aber auch freundlich und Mensch mit Menschen.

Am Sonnabend den 9. Dezember um 10 Uhr Morgens fuhren wir ab; und das war nun der Anfang meines Feldzuges.

Ich hatte in Erfahrung gebracht, dass wir über Köln und Bonn fahren würden, und so hatte ich den Meinigen in Bonn rechtzeitig Nachricht von unserer bevorstehenden Abreise geben können. Wir mussten annehmen, dass wir vor Abend durch Bonn kommen würden, denn die Abreise war auf den frühen Morgen angesetzt. Nun fuhren wir aber, wie gesagt, erst um 10 Uhr ab, und fahrplanmässig gingen die Militärzüge nicht; man musste unterwegs oft stundenlang warten, bis die Bahn frei war. So kamen wir erst morgens, kurz vor Tagesanbruch, auf dem Kölner Bahnhof an. Aus süssen Träumen, an denen mich die sieben Kameraden im Coupé dritter Klasse so wenig hinderten wie ich sie, wurde ich durch seltsame Rufe „Fritz, Fritz“ geweckt. Und da waren denn alle, mein Vater, meine Mutter, Tante Therese und Grete, Onkel Hans und Ernst, die aber damals weder Tanten noch Onkel waren, sondern Ernstchen wie jetzt Paulchen und Hans ein Jahr älter als Ulrich jetzt und wohl auch Obersekundaner. Sie waren den Nachmittag vorher nach Köln gefahren, hatten da erfahren, dass unser Zug erst morgens erwartet wurde, schliefen ein paar [18] Stunden in einem Hotel am Bahnhof und warteten dann den Zug ab. Als er eingefahren war, stellte mein Vater sich dem Hauptmann vor und der war so liebenswürdig, ihm das Coupé zweiter Klasse, in dem er mit Leutnant Strack fuhr, anzubieten, damit wir eine Zeitlang ungestört alle zusammen sein könnten. So fuhren wir nun über Bonn hinaus bis Rolandseck zusammen, und meine Eltern dachten sehr ernstlich, dass sie mich vielleicht zum letzten male sähen. Mir lagen solche Gedanken ziemlich fern, und ich glaube der übrigen Jugend auch; aber die guten und traurigen Augen meiner geliebten Mutter habe ich doch die ganzen nächsten Monate so gesehen wie sie auf dieser Fahrt an mir hingen. Das Allermütterlichste gab sie mir auf die Reise mit, nämlich erstens eine herrliche rote wollene Decke, die mir ein treuer Freund geworden ist, und zweitens einen Brotbeutel, der ganz unvorschriftsmässig war. Denn der vorschriftsmässige war etwa einen Fuss breit und anderthalb Fuss lang, aber dieser gewiss zwei Fuss breit und vier Fuss lang; der vorschrifts­mässige enthielt den gelieferten Proviant für einen Tag, dieser mütterliche aber zwei ganze Spickgänse, mehrere Würste, einen kalten Braten, Eier und tausend Dinge, dazu ein paar Graubrote (wie man bei uns in Bonn die Schwarzbrote nennt), von denen eins ausgehöhlt und mit einem Pfund Butter gefüllt war. Wäre ich allein gereist und wäre es eine gewöhnliche Reise gewesen, so hätte ich gar keine Aussicht gehabt, mit diesem Proviant fertig zu werden. Aber erstens dauerte die Reise, wie sich [19] allmählich zeigte, sechs Tage und fünf Nächte, und zweitens nährten sich meine Reisegefährten, besonders der eine, von dem ich gleich erzählen werde, mit an den Gaben meiner Mutter. Wenn die allgemeine Fütterung stattfand, bei der es oft sehr bunt zuging (meist wurde Speck, Brod, Kaffee und Schnaps geliefert) so konnten wir ruhig zusehn und uns des schönen Schatzes freuen; und doch waren wir nicht ganz zu Ende gekommen, als die Reise zu Ende war.

In Rolandseck also trennten wir uns, ich stieg wieder zu meinem Gepäck und Gewehr und die Reise ging durch das Rheintal mit beschneiten Bergen und eistreibendem Strom bei heller Sonne bis Bingen. Da wartete ein Freund, Dr. Witte, mit der Familie, bei der er Hauslehrer war, schon seit mehreren Stunden auf uns. Das war noch eine fröhliche Begrüssung, die letzte für lange Zeit. Von Bingen bis Landau schlief ich zwölf Stunden lang oder mehr, mit wenigen Unterbrechungen. Dann ging es ins Elsass, das hiess damals nach Frankreich hinein. Am Montag Vormittag fuhren wir vor Weissenburg mit schallendem „Heil dir im Siegerkranz“ über die Grenze. Nun waren wir in Feindes­land, und das merkten wir bald. Denn während bis dahin auf den Bahnhöfen und an den Wegen überall grüssende und Glück zuwinkende Menschen waren, stellten sich hier alte Weiber an dem vorbeifahrenden Zuge auf und machten die Geste des Halsabschneidens; einige sprangen mit Mistgabeln drohend aus den Häusern. Das erregte freilich nur Gelächter, [20] aber die Sache hatte doch eine sehr ernste Seite. Denn es musste aufs sorgsamste auf die Geleise geachtet werden, damit den Zügen nicht durch Franctireurs Schaden zugefügt würde. Darum wurde bei Tage langsam gefahren; bei Nacht aber war es überhaupt verboten zu fahren. So stand unser Zug die langen Winternächte von Dunkelwerden bis Hellwerden auf irgend einem Bahnhof, die Wagen waren verschlossen und wir durften nicht hinaus, derselben Gefahr wegen. Dazu kam, dass wir gleich am zweiten Tage aus den geräumigen deutschen Wagen, die uns über die Grenze gebracht hatten, in französische umgeschifft wurden. Die französischen Wagen 3. Klasse sind aber enger und niedriger als die deutschen; doch mussten auch in jedem dieser Coupés acht Soldaten untergebracht werden. Während wir nun in den deutschen Wagen die Tornister oben in die Fächer gelegt hatten, fanden die in den französischen oben keinen Platz, so dass sie unter die Sitze gelegt werden mussten; davon war die Folge, dass man die Beine nicht ausstrecken konnte und immer in derselben Stellung sitzen musste, Tag und Nacht, das Gewehr neben sich, wenn der Nebenmann es gestattete, sonst zwischen den Beinen. Das war wirklich qualvoll, mehr als ihr euch so denken könnt. Wenn nun der Zug während der Nacht hielt, so war es oft nicht möglich zu schlafen, da man sich zu sehr nach einer Schlafstellung sehnte und immer wach wurde; überdies schnarchten unsere Reisegefährten, wenn sie schliefen, und lärmten wenn sie wachten. Bei [21] Tage dagegen, wenn einem das Licht ins Auge schien, wurde die Müdigkeit unwiderstehlich, dann sass man immer im Schlaf oder Dusel, und konnte danach wieder in der Nacht um so weniger schlafen. Einmal wachte ich am hellen Mittag aus festem Schlaf dadurch auf, dass mein Gegenüber, ein biederer Bauernjunge, der sich die Stiefel ausgezogen und in dem unwiderstehlichen Drang sich Bewegung zu machen die Beine ausgestreckt hatte, mit seinen beiden Strümpfen auf meinem Gesicht lag.

Es war eine schreckliche Reise, und sie dauerte, wie gesagt, fünf Nächte (denn die stehn billig voran) und sechs Tage, die beiden in Deutschland eingerechnet, obwohl sie nur bis Troyes ging, das man von der Grenze aus in einem halben Tage er­reichen kann. Die Züge mussten eben warten, Umwege machen und sich schicken. Unser Weg ging auch keineswegs in gerader Linie: am 12. bis Saarburg, am 13. über Nancy und Toul nach Bar le Duc, am 14. über St. Dizier und Joinville nach Chaumont (hier mussten wir, weil Trupps von Franctireurs gemeldet waren, den grössten Teil der Nacht über wachbleiben), am 15. über Châtillon nach Troyes, dem Endpunkt unserer Fahrt. Mir wurde die Reise erleichtert durch die Gesellschaft meines Freundes Hermann Wietfeld, der neben mir sass und der nun wirklich mein liebster Freund war, und zwar vom ersten Tage an dass wir uns kennen lernten. Er war ein blonder Junge, mit lockigem Haar und blauen Augen, Sohn eines Bäckermeisters in Celle, [22] Theologe, sehr klug und begabt, aber ganz naiv und kindlich. Ich denke oft mit Rührung daran wie lieb er mich hatte, wenn er mir auch wohl durch Eifer­sucht das Leben schwer machte; denn ich durfte eigentlich mit keinem Anderen befreundet sein. Auf dieser Fahrt und während des ganzen Feldzuges, wenn wir zusammen waren (leider kamen wir beim Regiment in verschiedene Compagnien) sorgte er für mich wie nur ein Bruder es kann. Nach dem Kriege ging er bald nach Kurland als Hauslehrer und blieb da Jahrelang, so dass wir uns gar nicht wiedersahen. Erst im Jahre 1887 trafen wir uns wieder beim Universitätsjubiläum in Göttingen; aber da war er schon krank und ist bald gestorben.

Uebrigens waren wir ja schon lange nicht mehr Einjährige unter uns. Das hatte schon mit der Einstellung in die Compagnien aufgehört. Aber erst seit der Kriegsfahrt lebten wir mit der ganzen Mannschaft wirklich auf gleichem Fusse; und im Feindesland hörte bald jeder äussere Unterschied auf, als es keine Extrakleidung mehr gab, die Uniformen alle gleichmässig verbraucht und schäbig wurden, niemand sich waschen konnte und überhaupt oben auf blieb nur wer sich selber helfen konnte. Die Leute waren zum kleineren Teil Bauernsöhne, zum grösseren Fabrikarbeiter, besonders aus Bochum in Westfalen; auch unter diesen habe ich sehr gute und tüchtige Leute kennen gelernt, besonders einer namens Eike, ein Bochumer Arbeiter, mit dem ich oft im Quartier zusammenlag, ist mir in guter Erinnerung geblieben. Es waren aber auch böse [23] Gesellen darunter, mit denen man nicht gerne zu tun hatte. Das lernte man bald, dass man keinen Vorzug oder Vorteil irgend welcher Art beanspruchen konnte; die Schnüre bedeuteten nur, dass wir mehr leisten mussten als die Anderen; und oft hätten wir sie am liebsten abgetrennt. Aber das gehört schon in die spätere Zeit.

Ich hatte, als wir in die französischen Waggons eingepfercht wurden, einen Eckplatz bekommen und hielt das für einen Gewinn. Freilich hatte ich in Folge dessen nur einen Nachbar, und einen der mir besonders lieb war, aber ich musste schliesslich merken, dass die Tür, an der ich sass, ein schlimmer Nachbar war. Sie hatte unten eine klaffende Ritze, durch die mir beständig die kalte Winterluft an die Füsse fuhr; und als wir endlich in Troyes aus unserm Gefängniss herausgelassen wurden, musste ich auf einmal merken, dass ich die Füsse kaum bewegen und nur mit den grössten Schmerzen auftreten konnte. Der Gang vom Bahnhof ins Quartier wurde mir furchtbar schwer, und am nächstfolgenden Morgen, dem ersten Marschtage, glaubte ich in der ersten Stunde, ich würde es nicht aushalten. Dann aber fing die Bewegung an den Füssen gut zu tun, und während des Marsches und immer bald nach Anfang hörte der Schmerz auf. Aber die Gelenke blieben lange empfindlich.

Wir landeten also in Troyes in der Champagne, am 15. December, noch ziemlich weit von den Kriegsschauplätzen entfernt, die damals um Paris und hinter Orleans waren. Unser Regiment hatte die [24] Schlacht bei Beaune la Rolande, in der Nähe von Orleans, am 28. November mitgeschlagen. Da war Anton Rasper, einer unsrer Freunde, der schon bei Ausbruch des Krieges Soldat war, gefallen, mit der Fahne in der Hand, die 30 Kugellöcher hatte. Danach war Orleans genommen worden und wir wussten, dass das Regiment in der Nähe von Blois lag und uns erwartete. Dahin mussten wir also marschieren.

Zunächst blieben wir in Troyes. Zwei Stunden mussten wir auf Quartierbillets warten: ich kam in Quartier zu einem Gärtner vor der Stadt, zusammen mit Heinrich Lohmann, der auch noch öfter vorkommen wird. Wir hatten beide 4 Zoll 2 Strich und standen immer im Gliede zusammen, kamen daher auch, wenn nach der Reihenfolge abgeteilt wurde, oft ins Quartier zusammen. Er war ein blonder Westfale, aus Bielefeld, Mediciner im zweiten Semester, etwas eckig und von wenig Worten, aber kräftig und geschmeidig, ein guter Turner und zu allen Hantierungen geschickt. Wer im Felde mit ihm zusammen lag, brauchte ums Kochen nicht zu sorgen, und später, als es wieder Stuben mit Oefen gab, konnte er heizen wie ein Calefactor. Darum war er der Liebling der Compagnie. Wir beiden waren sehr verschieden von einander, vertrugen uns aber doch recht gut. Vor einigen Jahren habe ich ihn in Göttingen wiedergesehn, als beleibt und grau gewordenen Sanitätsrat; so lebt er in seinem alten Bielefeld und hat nicht geheiratet. Wir sind also immer noch recht verschieden, freuten uns aber wirklich [25] sehr uns wiederzusehn und gingen stundenlang in Erinnerungsgesprächen im Garten auf und ab.

Damals also wanderten wir mit Gepäck und Flinte, zum ersten mal in Feindesland, ich in Schmerzen, auf den Garten unseres Gärtners in der Vorstadt von Troyes zu, und schon auf dem Wege, als wir die abgelegene Strasse erfragen mussten, dann aber im Quartier und später noch oft dachte ich dankbar an Mademoiselle Hachette, die mich als Primaner in Bonn ein Französisch gelehrt hatte, das auch Franzosen verstehen konnten. Unser Gärtner war ein junger Mann mit einer jungen Frau, sie hatten wahrscheinlich erst in dem Unglücksjahr geheiratet. Das Paar empfing uns höflich, als wir un­seren Quartierzettel überreichten. Es war ein kleines Bauernhäuschen, mit dem einen Wohnzimmer, wie überall, an der einen Seite die Feuerstelle, an der andern das Bett; dann ein Schrank, Tisch und Stühle, der Boden mit Steinfliesen belegt. Der Mann führte uns in die Dachkammer, wo ein Bett für uns stand, das Ziel unsrer Sehnsucht, an das ich auch in den nächsten Wochen oft mit Sehnsucht gedacht habe; denn gar bald wurden Betten ein holdes Märchen. Wir machten uns so ordentlich wie wir irgend konn­ten, wuschen uns mit Wonne nach so langer Ent­behrung (denn was bedeutet ein Brunnen auf einem Bahnhof für so viele hundert Soldaten?) und verhehlten unsre Freude kaum, als wir zu einem wirklichen Souper gebeten wurden. An dem kleinen Tisch sassen der Mann und die Frau einander gegenüber und wir beiden desgleichen. Der Wirt füllte die [26] Suppe auf und gab mir zuerst, ich gab den Teller mit einem höflichen Wort der Hausfrau. Da war das Eis getaut und ihre Gesichter strahlten. Sie erzählten von der vorigen Einquartierung, es waren Husaren oder Dragoner gewesen, ils faisaient comme ça – und aus der schwachen Andeutung ergab sich, dass sie ihre Taschentücher vergessen haben mussten. Auch sonst hatten sie keine politesse, und unsre Wirte hatten vorgehabt, uns allein essen zu lassen; aber dann hatten sie gefunden dass wir les figures bonnes hatten und es mit uns versucht. Wie oft habe ich in der Folge dies Wort gehört, wenn im Quartier gelärmt wurde oder sonst ein Schrecken entstand: vous avez la figure bonne, ich sollte helfen; und meist ging es dann auch mit einem Wort, da es fast immer Missverständnisse aus Unkenntniss der Sprache waren. Denn ich muss gleich sagen, dass ich keine Böswilligkeiten von seiten unsrer Soldaten gegen friedliche Franzosen gesehen habe bis in die letzte Zeit vor dem Frieden hinein. Doch davon später.

Wie herrlich war es, sich ins Bett zu strecken! Aber wir sollten dess nicht lange froh werden. Denn mitten in der Nacht, so um 3 Uhr, wurde Alarm geschlagen. Wir erlebten das zum ersten mal, es ist ein sehr aufregender Eindruck an sich, und als wir aus dem Schlaf und schon im nächsten Augenblick in die Kleider fuhren und das Gepäck umwarfen, glaubten wir, dass uns Franctireurs über­fallen hätten. Als wir aber auf den Rendezvousplatz zusammengelaufen waren, stellte sich heraus, dass [27] nur unser Hauptmann hatte sehen wollen, ob wir auch richtig kommen würden. ‚Sie denken wohl, Sie wären bei Muttern? Bequemlichkeit spielt jetzt keine Rolle mehr‘ und solche Redewendungen begrüssten uns. Dann durften wir, da alles in Ordnung gewesen war, wieder ins Quartier zurück, wo wir weiter schlafen konnten, denn der nächste Tag war ein Ruhetag, an dem wir im besten Café der Stadt dinirten und sogar die Probe machten, ob der Champagnerwein wirklich wo er wächst am besten sei. Früh am nächsten Morgen wurde ausmarschiert. Der Hauptmann hatte übrigens ganz recht, gleich in der ersten Nacht einen solchen Versuch zu machen, denn es war eine sehr verantwortliche Aufgabe, solch ungeübte Truppe durch Feindesland zu führen, und er musste sicher sein, dass er sie in der Hand hatte.

Der 17. war also der erste Marschtag und da­mit der Anfang einer neuen Leidenszeit. Von meinen Füssen habe ich schon gesprochen. Schlimmer als der Schmerz in den Gelenken, der sich während des Marschirens abstumpfte, war das Schleppen von Tornister und Gewehr, die übrigens damals schwerer waren als jetzt. Nach kurzer Zeit zogen die Riemen schmerzhaft an, und dies Gefühl stumpfte sich nie ab. Das Gewehr wurde auch immer drückender. Allmählich hatte man nur den Gedanken: du musst jetzt Schritt für Schritt gleichmässig vorangehn, denn wenn du nur einen Schritt zurückbleibst, kannst du es nie wieder einbringen und bist verloren. Dabei gehen die französischen Chausseen wellenförmig, [28] immer Berg auf Berg ab, das ermüdet sehr. Am Wegrande standen die Kilometersteine, es wurde ganz genau der Kilometer in 12 Minuten abgegan­gen. Zuweilen wussten wir, wie gross der Tage­marsch sein sollte, dann konnten wir ihn an den Steinen abzählen. Zuweilen sah man den Kirchturm des erhofften Marschzieles in der Ferne und berechnete die Entfernung viel zu gering oder auch man musste an ihm vorbeimarschieren. Einmal kam es vor, dass wir nach einem besonders langen und beschwerlichen Marsch unser Ziel erreicht hatten und statt der Quartierbillets unsre Fouragiere die Nach­richt brachten, das Dorf sei von Einquartierung überfüllt; da mussten wir noch zehn Kilometer weitermarschieren und dachten nicht, dass wir es aushalten würden. Wie oft habe ich mir geschworen, nie mehr einen Kilometer freiwillig zu wandern! und wie untreu bin ich diesen Schwüren geworden. Die Gegend, durch die wir zogen, war trotz des Winters zum Teil sehr hübsch, besonders das Tal der Yonne; aber der Gedanke, dass man Natur und Landschaft geniessen könne, war einfach absurd. Unser Weg ging keineswegs in gerader Linie von Troyes nach Orleans, sondern über Estissac, Villeneuve, Dimont am 20. nach Joigny, einem hübschen Städtchen, in dem wir Ruhetag feierten; weiter in zwei anstrengenden Tagemärschen nach Montargis, wo wieder Ruhetag war; dann die Weihnachtsfeier­tage hindurch in starken Märschen über Bellegarde und Fay aux Loges nach Orleans, wo wir am 27. einrückten.

[29] Während des ersten Marsches wurde mir klar, dass mein Gepäck zu schwer war. Im Quartier musterte ich also den Inhalt meines Tornisters, um zu entscheiden was ich zurücklassen wollte. Das waren zunächst die nicht ganz notwendigen Reservesachen, vor allen das gewichtigste, ein zweites Paar Stiefel. Die hatte ich in Hannover neu machen lassen und wog sie nachdenklich immer wieder in der Hand, Da sagte ein biederer Ersatzreservist und Westfälinger, der mir zusah: ‚Sie trennen sich auch nicht leicht von irdischem Besitz‘, und die Stiefel flogen zu Boden. Ferner blieb in diesem Quartier die eiserne Ration zurück, das war eine Quantität Schiffs­zwieback, von einem Tannenbrett nicht zu unterscheiden, die man als die überflüssigste aller militärischen Einrichtungen für den äussersten Notfall immer bei sich führen sollte, dazu wurde sie beim Auszug geliefert. Man konnte aber sicher sein, dass einer dem ein solches Brett als etwas Essbares vor­käme, vor Hunger schon so geschwächt sein würde, dass er es nicht beissen könnte. Also liessen wirs liegen. Ferner muss ich leider gestehn, dass ich einen mitgenommenen Homer liegen liess, wahrscheinlich weil ich nach dem ersten Marschtage für die edleren Reizungen der Seele unempfindlich geworden war.

Ich will übrigens gleich sagen, dass ich nach einigen Wochen gegen diese Mühsale abgehärtet war. Ich war eben noch sehr jung und wuchs erst während des Feldzuges richtig aus; und in der Garnison waren wir für das Marschiren, die eigentliche Hauptleistung [30] des Infanteristen, zu wenig zurechtgedrillt worden. Schliesslich habe ich es durchgesetzt, kein einziges mal zurückzubleiben; freilich haben mir Schnitzler und Wietfeld, deren Füsse in besserer Verfassung waren, mehr als einmal den Kuhfuss getragen.

Die Quartiere waren in dieser Zeit meist ganz leidlich. Einmal passirte es freilich, dass unser Quartier, in das wir gewiesen waren, schon von Kavallerie besetzt war; ein andres zu suchen waren wir aber zu müde und legten uns auf die Steinfliesen des Hausflurs, den Tornister unter dem Kopf. Meist kamen wir in ein nettes Bauernhaus, mit einem grossen Wohnraum, über dem offenen Feuer im Kamin schaukelte der Suppenkessel; der Holzrauch, nach dem die Luft schmeckte, ist mir für alle Zeit als Erinnerungsgeruch an diese Zeit geblieben. Dann bekam man nach einiger Zeit eine gute Brodsuppe, oft auch Fleisch, und gleich bei der Ankunft himm­lischen Cidre. Der Gedanke an den im Quartier winkenden Cidre hat oft den Marsch erträglich oder auch noch unerträglicher gemacht. ‚Wenn ich im Quartier bin, lege ich mich unters Cidrefass und lasse mir den Hahn in den Mund laufen‘ – es war wohl gefährlich sich so süssen Phantasien hinzu­geben. Nach einigem Suchen gab es in den meisten Häusern auch roten Landwein, und oft war die eine Ecke der Stube oder auch ein Nebenraum ganz mit der Apfelernte angefüllt, in einem riesigen Haufen bis an die Decke; die Aepfel einzeln auszulegen wäre ganz unmöglich gewesen, Gelegentlich, aber [31] selten, fand man auch Kastanien. In den Quartieren war die Frau immer am Platze und sah nach dem Rechten, der Mann selten. Man hatte durchaus den Eindruck, dass der weibliche Teil der Bevölkerung der tüchtigere sei; und dieser Eindruck verstärkte sich, je mehr wir mit der Zeit in Gegenden kamen, die vom Kriege stärker mitgenommen waren.

Am 23. kamen wir, wie gesagt, in Montargis an, einem hübschen Landstädtchen; und als wir in die Quartiere auseinandergelassen wurden, vernahmen wir das goldene Wort ‚morgen Ruhetag‘. Ja, morgen war ja heiliger Abend, den wir tief in Feindesland verleben sollten. Unser aller Gedanken waren in der Heimat, und es wird wohl für die meisten das erste mal gewesen sein, dass sie Weihnachten nicht zu Hause feierten. Aber dass auch hier gefeiert werden musste, stand fest. Wir traten zusammen, nicht mehr die Göttinger Verbindungsgenossen allein, sondern auch andre gute Bekannte, die uns inzwischen näher gekommen waren. Vor allem stellte sich heraus, dass Wietfeld einen Wachsstock und Schaumgold aus Hannover mitgebracht und treulich durchgeschleppt hatte, als alles Entbehrliche aus den Tornistern flog; einen dünnen rosa Wachsstock. Aber einen Weihnachtsbaum hatte keiner mitge­bracht, und so wurde eine marsch- und opferwillige Patrouille nach einem Tannenwäldchen am Horizonte ausgeschickt und brachte einen richtigen kleinen Weihnachtsbaum zurück. Die rosa Lichter wurden ihm aufgesetzt, Aepfel und vergoldete Nüsse ange­hängt, und so stand er auf dem Tische. Für diesen [32] Tisch nebst zugehöriger Stube hatte eine Commission zu sorgen, zu der ich auch gehörte. Ich war in einem kleinen Wirtshaus einquartiert und verhandelte mit dem Wirt: er sollte uns eine eigne Stube in seinem überfüllten Hause für den Abend geben, einiges Essen und den nötigen Wein liefern; alles gegen Bezahlung natürlich, denn an Geld fehlte es uns nicht, da wir alle etwas mitgenommen und wenig Gelegenheit zum Ausgeben hatten. Der Wirt war sehr wenig geneigt und ich brachte nur allmählich heraus, warum er nicht daran wollte. Er dachte einfach, wir hätten die Absicht uns Ausschweifungen hinzugeben, für die sein Haus zu anständig wäre; nicht weil er uns als Feinden oder Preussen alles Schlechte zutraute, sondern weil er sich überhaupt nicht denken konnte, dass zwanzig junge Leute sich zu einem ganz harmlosen vergnügten Zusammensein versammeln würden. Als ihm dieser Irrtum ge­nommen war, war er ganz bereit. So sassen wir Abends an einem grossen Tisch in einer niedrigen Stube um den Weihnachtsbaum herum. Was wir zu essen bekamen, weiss ich nicht mehr. Die Hauptsache war, dass es Rotwein zur Genüge gab. Den so einfach flaschenweise zu trinken erschien uns nicht feierlich. Die Commission entschloss sich für Glühwein. Nun wollte aber die Wirtin zwar die Gläser, doch nicht ihre Terrine hergeben, denn sie fürchtete wohl immer noch, dass die nicht heil durch das Bacchanal kommen würde. Wir nahmen also unsere beiden Waschschüsseln, wir bereiteten den Glühwein in der Küche und ich, dem als Rheinländer [33] und Bowlenkundigen das Geschäft zugefallen war, trug mit Lohmann zusammen immer die leer getrunkene Schüssel hin und die volle her. Wir waren sehr vergnügt, vergassen Krieg und Not, liessen Alles leben was wir liebten und dachten uns jeder fort an seine Stelle daheim. Es war ohne Zweifel ein heiliger Abend von ganz einziger Art.

Am 27. kamen wir in Orleans an. Es war schon spät, nach einem anstrengendem Marsch, und wir dachten mit Sehnsucht an die Quartiere in der grossen Stadt, die wir uns nach Wunsch und Ge­fallen ausmalten. Aber die Stadt war von Truppen überfüllt und, wie es öfter vorkam, für uns als einen Ersatznachschub, der keinen festen Körper bildete und so zu sagen in keinem Buche stand, war schlecht gesorgt. Die Quartierbillets wurden ausgeteilt, ich bekam meins mit Schnitzler zusammen; aber als wir müde und durstig das ersehnte Haus gefunden hatten, starrte es von einquartierten Dragonern. Es war eine Enttäuschung, bei der man sich wohl zusammennehmen musste. Inzwischen war es Nacht geworden; aber uns auf den Hausflur oder in den Stall zu legen, während es doch gewiss in der Stadt noch unbelegte Häuser gab, konnten wir uns nicht entschliessen. Wir gingen also aufs Rathaus, wo der Maire mit der Einquartierungscommission in Permanenz sass, und verlangten anderes Quartier. „Messieurs“, sagte der Maire, „je puis vous offrir la maison de Mr. Liger qui est un riche cordonnier, mais il est mort“. Wir erklärten, dass uns die Gesellschaft des verstorbenen Herrn Liger sehr angenehm sein würde, liessen uns [34] das Billet ausstellen und machten uns auf den Weg. Ich habe den Namen der Strasse leider vergessen, aber sie war weit von der Mairie entfernt und es war schwer sie zu erfragen, denn die Stadt war von der Dunkelheit an wie ausgestorben. Ein paar Kavalleristen riefen uns in einer öden Strasse von der anderen Seite her zu: „Kameraden, wisst ihr wo es da und da hin geht?“ Welcher Gedanke! dafür konnten uns aber die Kavalleristen die Strasse zeigen, die wir suchten. Nun galt es das Haus zu finden. Laternen brannten nicht, es war tiefe Finsternis und keine Hausnummer zu erkennen. An einer Tür stieg ich auf Schnitzlers Schulter, nach­dem ich Gepäck und Gewehr abgelegt hatte, und zündete ein Streichholz an: es war die gesuchte Nr. 14. Aber wie sich dem todten Herrn Liger bemerklich machen? Wir schlugen den Klopfer an die Tür, dass es dröhnte; sonst kein Laut. Wir sahen mit unsern an die Finsterniss gewöhnten Augen am Hause hinauf und fanden, dass die Fensterläden verschlossen waren. Neues Klopfen, zuletzt mit den Gewehrkolben. Als wir bereits an die schreckliche Notwendigkeit dachten, ein drittes Quartierbillet auf der Mairie zu suchen, erhellte sich ein Fenster im zweiten Stock und eine ältere Dame fragte mit einem leisen furchtsamen Schreien her­unter: qui est là, qui est là? Wir legitimirten uns so gut es ging, mit unserm Billet von unten nach oben als Quartiergäste des Herrn Liger und antworteten auf ihre Einwendung, dass er todt sei, sehr höflich, wir kennten diesen Umstand und bedauerten [35] ihn, sähen ihn aber nicht als hinderlich an. Endlich kam die alte Dame mit ihrem Licht herunter und liess uns ein. Unsere unschädlichen Physiognomien beruhigten sie offenbar über ihre ärgsten Befürchtungen, sie führte uns oben in eine Stube, in der ein grosses Bett stand, und sagte: „voilà le lit du pauvre Mr. Liger qui est mort.“ In dem Moment waren wir ganz zufrieden mit der Katastrophe unsres Gastgebers, denn sonst hätte er selber darin gelegen. Wir aber waren zu Ende und hatten keinen andern Gedanken als das Bett vor uns. Von Abendessen war keine Rede mehr, wir warfen ab was wir trugen und legten uns einträchtig schlafen. Wir schliefen süss und sanft, aber mit einem Intermezzo. Beim ersten Morgengrauen wachten wir beide zu gleicher Zeit von einem Geräusch an der Tür auf. Die Tür stand offen, Herr Liger stand darin, anders als wir ihn uns gedacht hatten, ein Mann in den Dreissigen, im gewöhnlichen Hausrock mit Cylinder und Glacéhandschuhen (wir hatten öfter Franzosen in ihrem Hause so gekleidet gesehen), und sagte, indem er die behandschuhten Hände rieb und uns eine kleine Verbeugung machte: „pas chaud“ (jeder Franzose rieb sich für gewöhnlich die Hände und sagte pas chaud). Es war uns beiden gar nicht merkwürdig und wir schliefen gleich wieder ein. Aber als wir spät (denn es war Ruhetag) endgiltig erwachten, erinnerten wir uns beide zugleich mit einem Schauder, dass uns Mr. Liger qui est mort erschienen war. Wir fragten nachher unsre Wirtsdame, aber sie wollte von nichts wissen: „je [36] n’en sais rien, je ne veux pas m’y méler, je ne connais pas ce monsieur, messieurs.“ Ueberhaupt wurde sie ganz gesprächig. Sie war die Haushälterin des Herrn Liger und hatte gedacht, wegen dessen bekannter Qualität von Einquartierung frei zu bleiben, es war ihr auch bis jetzt geglückt. Mit uns war sie ganz zufrieden und kochte uns zu Mittag ein Ragout von einem lapin. Es war sauersüss und wenig für zwei Soldaten, die hungrig ins Bett gegangen waren, aber doch appetitlicher zubereitet als die Bauernkost zumeist. Sonst konnten wir uns den Tag über in der Stadt umsehn. Wir hatten nur einen Appell, und zwar auf dem Platz vor der herrlichen Kathedrale, den ich mir immer mit dem Krönungszug aus der Jungfrau von Orleans bevölkerte, obwohl er gar nicht dahin gehört.

Am 29. und 30. Dezember marschierten wir bis Blois, und da erlebte ich dann, nach dem Weihnachtsabend von Montargis, eine gleichfalls merkwürdige Silvesternacht. Unser Regiment stand nur etwa 30 Kilometer weiter und wir glaubten, dass wir es am nächsten Tage erreichen würden. Zunächst kamen wir in Quartiere, ich in ein elendes, mit 70 Mann zusammen in ein völlig verlassenes Haus. Am nächsten, dem Silvestertage, blieben wir in Ruhe. Lieutenant Strack, der uns in der letzten Zeit führte, kam Nachmittags in unser Quartier, rief mich und einen andern Einjährigen beiseite und sagte: er brauche zwei zuverlässige Leute, die die Nacht in seinem Quartier zu seiner Verfügung bleiben sollten. Aus der Richtung des Regiments [37] werde Geschützfeuer gehört; es sei möglich, dass wir noch in dieser Nacht zum Regiment stossen und am Gefecht teilnehmen müssten. Sobald er die Nachricht erhalte, müsse unsere Abteilung alarmiert werden. Da aber in der Stadt noch andere Truppen lägen, könne er nicht Alarm blasen lassen; die Leute müssten dann geweckt werden und wir sollten in die beiden Teile der Stadt laufen, in denen sie einquartiert wären, und die Unteroffiziere benachrichtigen. Erstens war ich sehr glücklich, dass er mich von allen als einen zuverlässigen Mann auswählte, und zweitens war ja die Sache ungeheuer interessant. Nun stand es also unmittelbar bevor wonach wir seit fünf Monaten leidenschaftlich, sehnsüchtig, resignirt ausgeschaut und was wir zuletzt vor den Mühen des Marsches fast aus den Augen verloren hatten wie den Wald vor Bäumen. Der Leutnant nahm uns gleich mit, er wohnte in einem alten Schloss, in dem es freilich anders aussah als in unserm Quartier. Uns wurde ein Saal im Erdgeschoss angewiesen, der Bursche machte Feuer im Kamin, stellte eine Lampe auf den Sims, brachte uns kalte Küche und im Auftrage des Leutnants zwei Flaschen alten Wein. Da sassen wir nun in dem romantischen Local auf Sesseln am Feuer und tranken uns in die Neujahrsnacht hinein. Den Andern habe ich leider vergessen, den Namen wenigstens, denn ich sehe ihn da vor mir sitzen, einen langen, schlanken Menschen mit angenehmem Gesicht; ich hatte ihn noch kaum kennen gelernt und beim Regiment kamen wir gleich in verschiedene Bataillone, [38] aber die Nacht unterhielten wir uns wie die Feuergarben, angeregt von der Situation wie wir waren, und schütteten unsre Herzen aus. Es war noch kaum Abend als wir anfingen; aber wir waren nicht müde geworden, als etwa um drei der Leutnant schickte, wir könnten nun schlafen gehn, es sei nichts mehr zu erwarten.

So begann mir das Jahr 1871.

Am 1. Januar blieben wir in Blois, kochten uns gutes Essen und tranken roten Wein, die Flasche zu 10 Sous. Am 2. rückten wir bei frühestem Morgen aus und hatten einen starken Marsch bis Montoire bei Vendôme, wo wir am Abend das Regiment im Biwak trafen. Es war ein merkwürdiges Wiedersehn, zunächst mit den Bekannten. Charles Jung begrüsste mich um einen Kopf gewachsen wie mir schien, mit Stoppelbart, in ganz verstürmtem graugewordenem Mantel. Dann das Regiment selbst, das wir nur als gedrilltes, geschniegeltes Garnisonregiment kannten: ein Haufe rauh und trotzig aussehender struppiger Krieger, die uns wie Kinder von oben her ansahen. Und wie wenige geworden! Das Regiment trat zusammen, um uns aufzunehmen, nun sahen wir wie stark die Reihen gelichtet waren. Unsere Ankunft wurde übrigens von allen gern gesehen, denn die Vielgeplagten konnten erwarten, dass wir frisches Volk nun einen Teil der Arbeit, und zwar mehr als auf unsern Durchschnitt kam, übernehmen würden.

Am ersten Morgen wurden wir in die Kompagnien aufgeteilt. Mit Lohmann blieb ich zusammen, wir [39] kamen beide in die erste Kompagnie und standen auch weiter Mann neben Mann. Auch Jacobsen kam in dieselbe Kompagnie, Wietfeld in die dritte, Schnitzler in eine andere Kompagnie, aber wenigstens beide in dasselbe Bataillon, das erste, unter dem Kommando des Hauptmanns v. Montbar. In meiner Kompagnie war auch Fritz Jäger, von dem ich noch nicht erzählt habe. Wir waren gleichzeitig auf die Universität und in die Verbindung gekommen, obwohl er (wie übrigens die meisten meiner Freunde) ein paar Jahr älter war als ich. Er war der Sohn eines Landwirts bei Schöningen in Braunschweig, studierte auch Philologie und war am 1. April als Einjähriger eingetreten, so dass er bei Ausbruch des Krieges schon fertiger Soldat war und gleich mit dem Regiment auszog. Wietfeld, er und ich, wir waren ein Trifolium, und beim Auszuge sprachen wir viel vom baldigen Wiedersehn. Ich hatte einen Ring mit einem Amethyst und eingravirten F, den mir einmal ein Onkel geschenkt hatte; ich trug ihn immer und wir sagten, es sei ein Talisman, der mir durch alle Fährlichkeiten des Lebens hindurchhalf. Als nun Fritz Jäger auszog, gab ich ihm den Talisman mit dem F und übertrug seinen Segen auf ihn; und er hatte gewirkt, denn Jäger war in 21 Gefechten gewesen, als wir ihn wiedersahen, darunter Mars la Tour, und nichts hatte ihn getroffen. Ich erkannte ihn an der Stimme wieder, denn er sah aus wie ein Kinderschreck, aber die Verwilderung war nur äusserlich, wie er denn überhaupt einer der besten und gutmütigsten Menschen war, die mir [40] vorgekommen sind. Und wie bald sollten wir alle ähnlich aussehn, mit Ausnahme des Bartes, der mir noch nicht wachsen wollte. Nun also gab mir Jäger nach der ersten Begrüssung den Ring wieder, denn er sagte ich hätte ihn jetzt ebenso nötig; und es half nichts, dass ich mich wehrte. Er hat uns dann aber beiden durchgeholfen.

Nur kurze Zeit waren wir etwas Neues und Fremdes und uns selber das Leben fremd und neu im Regiment, aus dem uns gleich eine kriegsgewohnte Luft anwehte und uns in ein festorganisirtes Treiben hineinriss. Es war eine scharfe Existenz, ohne Aeusserlichkeiten des Dienstes ausser Befehlen und Gehorchen wo etwas zu tun war, sonst freie Bewegung, aber wenig Sprechen, stets am Platze, stets die Kräfte gespannt. Jeder hatte das Gefühl, nachdenkend oder unbewusst, dass von der Pflichterfüllung jedes Einzelnen das Ganze abhinge, dass ihm das Leben nur gewonnen wäre wenn er es einsetzte. Nie sagte einer etwas in dieser Rich­tung, aber wer anders handelte wurde nicht geachtet. Auch die Entbehrungen wurden jetzt grösser und die Strapazen stiegen beständig; aber man ertrug sie leichter, teils weil der Körper sich gewöhnte teils weil die Gefahr hinzukam, nahe und gross, und die moralischen Kräfte zum Widerstand aufrief, sodass diese vielleicht zum ersten mal im Leben recht und stark lebendig und wach wurden.

Am ersten Tage wurde der Compagnie ein Hammel geliefert, den ein Metzger unter den Soldaten kunstgerecht zerkleinerte, so dass jeder [41] ein Stück bekam. Vielleicht noch ein oder zweimal sonst bekamen wir frisches Fleisch; sicher noch einmal, denn einmal war es Schweinefleisch. Das wurde dann im Kochkessel am offenen Feuer gekocht, womöglich etwas Kohl, wenn ein Garten oder Feld zu finden war, oder Reis, den wir regelmässig bekamen, eine Handvoll dazugetan. Wenn Ruhe war, so konnte ruhig gekocht werden, auch wenn es nur Kaffee war; Kaffee, das heisst einige schwachgeröstete Bohnen, die man mit Steinen oder einer leeren Flasche zerkleinerte; das gab dann ein hellbraunes, aber doch heisses Getränk. Wenn nicht Ruhe war, so konnte man natürlich auch nicht kochen. Einmal hatte ich Fleisch im Kessel, es war eben das Schweinefleisch, das Wasser kochte kaum, da wurde Alarm geblasen, wir sprangen auf, mein Kochgeschirr kippte um und das halbrohe Fleisch lag auf der Chaussee. Ich hob es auf und während ich das Gepäck umwarf und in die Reihe rannte, ass ich es auf; denn es war Gold wert, ich hätte es für zehn Thaler nicht wiederkaufen können. Wie oft habe ich mir gesagt: wenn man jetzt ekel wäre, müsste man verhungern. Darin hatten wir Einjährigen, wie sich schon auf dem Marsch zum Regiment gezeigt hatte, einen grossen Vorteil vor den Anderen: wir assen aus Ueberlegung was zu haben war, während besonders die Bauernjungen nichts herunterbrachten, was sie nicht auch zu Hause gegessen haben würden, und oft auf Unappetitlichkeiten erst aufmerksam machten, die wir nicht bemerkten oder nicht bemerken wollten.

[42] Es ist hiermit schon gesagt, dass die Verpflegung sehr mangelhaft war. Sie hörte in der nächsten Zeit fast auf, etwas Reis und Kaffee war eigentlich das einzige, was geliefert wurde; wir waren aber jetzt fast ganz auf die Lieferung angewiesen, da die Gegenden, durch die wir zogen, teils von den zurückgehenden Franzosenschaaren ausgesogen teils von Deutschen überschwemmt wurden. Wo es Quartiere gab, lagen die Zimmer von früheren Einquartierungen her voll Stroh, die Möbel waren aus­geräumt, die Wände kahl; in einem solchen Zimmer lagen etwa zwanzig Mann am Boden, schon damit Alles im Nu alarmirt werden konnte. Aber meistens wurde biwakirt. Wenn man in den Häusern nach Lebensmitteln fragte, so war die stete Antwort: nisk de pain, nisk de viande, nisk de vin, monsieur, niske du tout du tout du tout, und das Einzige was man bei gutem Suchen meistens fand, war der treffliche rote Landwein, der uns dann auch aufrecht und bei guter Gesundheit erhalten hat. Was man am schmerzlichsten entbehrte war das Brod, keineswegs das Fleisch; nach Brod hatte man eine heftige Sehnsucht und Begierde – die erst durch die Eroberung von Le Mans gestillt wurde.

Gleich in der zweiten Nacht kam ich auf Feldwache; und von da an fast jede Nacht, in der ersten Woche sechs oder siebenmal; ganz mit Recht, denn die alten Soldaten mussten einmal Ruhe haben. Die Feldwachen werden für die Sicherheit des Biwaks ausgestellt, sie sind im Freien, die Posten stehen an ausgesetzten Punkten und müssen verzweifelt [43] wach sein. Oft kam es zu Gefechten mit feindlichen Patrouillen oder ein Schuss irgendwo alarmirte die Wache. Auf Feldwache ist es eben nicht wie in der Garnison oder auf Manöver, wo auch die Feldwachmannschaft schlafen kann, wenn sie weder als Posten noch Patrouille beschäftigt ist. Das Schlafen hörte also sozusagen auf; und dabei waren die Tage durch Marsch oder Gefecht ungeheuer anstrengend. Zuweilen wenn auf der Chaussee ein Halt von zehn Minuten gemacht wurde, lag ich in der Zeit mit dem Kopf auf dem nächsten Steinhaufen und schlief.

Ueber eine andere Entbehrung will ich rascher hinweggehn. Das Wasser war selten und eigentlich nur zu erreichen, wenn Abends das Biwak bereitet wurde. Dann versammelte sich alles um den Ziehbrunnen des Ortes oder Gehöftes, in dessen Nähe man war, und jeder konnte sich nach langem Warten sein Kochgeschirr füllen. Was man von diesem kleinen Quantum zum Waschen nahm, das entzog man dem Kochen; und es war kein Zweifel, dass es noch nötiger war, etwas Warmes in als etwas Kaltes auf den Leib zu bekommen. Dazu wurde es mit Anfang Januar bitter kalt, bis 10 Grad R.; und Schlafzimmer gab es nicht, die meisten Tage kein Dach. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass meine Hände einmal aussehen könnten, wie sie es nach wenigen Tagen taten; und die aller anderen auch. Ein warmes Bad, ein reines Hemd, ein Butterbrod, ein Beefsteak – das waren so die Bildchen, die göttlichen, die damals den Traum beseligten; [44] denn im wachen Zustande liess man sie nicht zu, um die Seele nicht zu verweichlichen. Das Schlimmste hatte ich mir gleich in der ersten Nacht auf Feldwache geholt. Wir lagen leider nicht im reinen Freien, sondern in einem Stall oder Schuppen, in dem lag ein Bündel Stroh, und auf das legten wir uns in freien Momenten, nicht wissend dass in der Nacht vorher französische Gefangene darauf gelegen hatten, noch nicht wissend auch, dass ein solches Lager jeder erfahrene Soldat vermied. Wir nannten es Bienen; und es war die eigentliche Pest dieses Krieges.

Die Nächte wurden von jetzt an, wie gesagt, meist im Biwak zugebracht. Es gab aber keine Zelte, wie im Manöver, sondern wenn das Ziel erreicht war, wurden die Gewehre zusammengestellt, das Gepäck davor gelegt, der Helm ab und die Feldmütze aufgesetzt, dann von überallher Material zu grossen Feuern gesammelt, natürlich wenn der Feind nicht in der Nähe war. Dann wurden die Feuer angezündet, Wasser geholt und womöglich gekocht. Dann legte man sich, unter dem Schutz der Feldwachen, in die Mäntel gewickelt ums Feuer und schlief so gut es ging. Denn es war nicht leicht, bei der Kälte im Freien zu schlafen, wenn auch von der Feuerseite einige Wärme kam; und allmählich war auch das Feuer ausgebrannt. Ich hatte die herrliche rote Decke meiner Mutter, die es wert war dass ich sie auf dem Tornister mitschleppte. Aber ich erinnere mich gut, wie ich in einer solchen Nacht alle fünf um fünf Minuten einschlief [45] und fröstelnd aufwachte. Und doch erinnere ich mich nicht einer einzigen Erkältung aus der ganzen Zeit des Feldzuges.

Aber nun muss ich von meiner Feuertaufe erzählen.

In der Nacht vom 4. zum 5. Januar lag meine Kompagnie auf einem hochgelegenen Gehöft auf Vorposten. In einer Scheune war mein Zug untergebracht (jede Kompagnie hat drei Züge, den drei Gliedern entsprechend), so dass jeder Mann anderthalb Fuss breit auf dem ausgebreiteten Stroh zum Liegen hatte, mit der Feldmütze als Kopfkissen. Zwischen 3 und 4 Uhr wurde Alarm geschlagen. Als die Kompagnie sich versammelt hatte, sagte der Hauptmann: ‚Freiwillige zu einer Recognoscirung vor‘. Wir Einjährigen traten natürlich alle vor, auch einige Dreijährige und ein paar Unteroffiziere. Der Hauptmann wählte einen jungen Unteroffizier Köster aus, wie sich dann zeigte eine sehr gute Wahl, den Gefreiten Merx, einen erprobten älteren Soldaten, dazu etwa ein Dutzend jüngerer Leute, mich darunter. Es war also eine sehr starke Patrouille. Wir bekamen den Auftrag, zu erkunden ‚ob Thoré vom Feind besetzt wäre‘. Dieses Dorf lag zwei bis drei Stunden vorwärts von unserm Lager entfernt. Der Unteroffizier bekam eine Karte und wir zogen sofort munter los, das Gepäck blieb zurück, Gewehr über, die Patronentaschen gefüllt. Es war ein bequemer Spaziergang, so leicht beladen, durch das schöne Land im Morgengrauen, wir wurden ganz gesprächig, nahmen auch einmal [46] für eine Strecke ein des Weges kommendes Bäuerlein zu seinem grössten Schrecken als Führer mit, und der Unteroffizier hatte die Geistesgegenwart eine gleichfalls des Weges kommende Gans gefangen zu nehmen. Ich will nun gleich sagen, dass sie abwechselnd getragen und heil, soweit nämlich eine frischgeschlachtete Gans als heil bezeichnet werden kann, zurückgebracht wurde.

Als es dämmerte, ging unser Trupp dem Flusse entlang, an dem weithin etwas wie der Kirchturm von Thoré zu sehen war. Der Fluss zog durch eine Niederung; in ziemlich weiter Entfernung, an unsrer Seite des Flusses, lag ein niedriger Höhenzug, noch ganz im Morgennebel. Allmählich wurde es da oben helle und die schärfsten Augen unter uns wollten in bestimmten Abständen Wachtposten auf der Höhe sehen. Nun wurde unser Führer vorsichtiger und liess uns eine niedrige Böschung, die über dem Ufer lag, als Deckung beim Weitergehen nehmen. Da sahen wir auf einmal, und daran konnte nicht wohl ein Zweifel sein, auf der andern Seite des Flusses eine Reiterpatrouille herankommen, deren Blicken wir uns nicht entziehen konnten. Die Patrouille begleitete uns ausser Schussweite unserer Gewehre, behielt uns offenbar immer im Auge. Nun war unser Unteroffizier ein couragirter kleiner Mann, er hatte aber auch eine volle Flasche mitgenommen, die jetzt nichts weniger als voll war; sonst hätte er das Weitergehn doch wohl lieber unterlassen. Er sagte also: ‚Kameraden, unser Auftrag ist, zu sehn ob Thoré besetzt ist. Mancher [47] könnte aus dem was wir sehn behaupten, es wäre ganz sicher gesetzt. Aber wer von euch will zurückgehn, ohne den Auftrag aufs letzte ausgeführt zu haben? Vorwärts also!‘ Der Gefreite Merx lächelte uns zu, sagte: ‚Das ist was für euch Junge‘ und machte sichs in einer Deckung bequem; wir andern aber folgten selbstverständlich unserm Führer. Nun war es ganz hell geworden, vor uns lag das Dorf und auf dem Bergzuge waren jetzt die Posten ganz deutlich. Er war aber durchaus nicht so weit entfernt, dass nicht die Chassepots noch viel weiter hätten tragen können. Als wir, was ein ziemlich tolles Beginnen war, bis auf 80 Schritt an die Häuser herangekommen waren, knallte auf einmal vom ersten Hause her eine Salve auf uns zu und dann ein beständiges Gewehrfeuer hinter uns her. Denn beim ersten Schuss rief Unteroffizier Köster: ‚nun langsam und mit Deckung zurück! Deckung an den Bäumen!‘ Die Bäume, ziemlich jung und dünn, standen alleeartig an der Strasse, wir sprangen die etwa zehn Schritt von Baum zu Baum, möglichst in der doch sehr zweifelhaften Deckung. Gleichzeitig fing nun das Feuer von den Bergen her an und gleichzeitig ritten die paar Reiter an das Flussufer heran und schossen ihre Karabiner auf uns ab. So hörte ich also zum ersten mal die Kugeln pfeifen, und zwar über Kreuz von drei Seiten her, und so reichlich wie später kaum wieder. Sie tobten um uns her mit ihrem gräulichen Pfeifen ssü–ü–ü, prasselten in den Boden vor und hinter uns und an die Bäume, und wir konnten [48] nur vorsichtig zurückgehn. Selbst schossen wir nicht, es hätte uns aufgehalten und wir hatten eigentlich kein Ziel; die Reiter jagten hin und her und waren uns am wenigsten gefährlich. Wenn ihr nun fragt, was ich dabei empfand, so muss ich sagen: nicht viel mehr, als dass es eine sehr ernsthafte Situation sei; meine Gedanken waren nur: wenn du nun da gewesen wärst, wo die Kugel eben einschlug, so hätte sie dich getroffen. Es wurde keiner von uns getroffen. Nach kurzem Zurückgehn waren wir in Deckung und Sicherheit, da empfing uns lächelnd der Gefreite Merx. Und zwischen 10 und 11 Uhr konnten wir dem Hauptmann melden, dass Thoré vom Feinde besetzt sei.

Das war der Anfang der Aktion, die vor Le Mans endete. Das erfuhren wir später und es wurde uns klar, dass wir eigentlich eine geopferte Abteilung waren. Dass wir so zurückkamen, wurde als glänzende Leistung angesehn, und unser Führer Köster erschien nach kurzer Zeit mit dem eisernen Kreuz geschmückt.


Göttingen, 26. 8. 1905.

Bis hierher hatte ich in Oberhof geschrieben; nun bin ich wieder zu Haus und habe gleich die Feldbriefe und Karten hervorgesucht; es ist doch mehr darin als ich dachte und wird mir an manchem Punkt aushelfen. Zum wirklichen Erzählen mit Feder oder Bleistift ist es freilich selten gekommen; und oft bricht der Brief ab grade wo [49] man mehr von einer Sache hören möchte. Oft habe ich auch Entbehrungen oder Gefahren verschwiegen, da ich fand dass die Meinigen ohnedies genug Ungemütliches mit bezug auf mich zu denken hätten; jetzt darf ich ja aber auch damit ruhig heraus­rücken.

Zunächst möchte ich noch ein paar Bemerkungen an die Erlebnisse vom 5. Januar knüpfen. Dass der Gefreite Merx in sicherer Deckung zurückblieb, während wir vorgingen, war gewiss nicht was man von einem guten Soldaten erwartet; aber er war kein schlechter Soldat, wie ihr schon daraus sehn könnt, dass der Hauptmann ihn uns auf die gefährliche Reise mitgab. Er hielt es für sein gutes Recht, auch einmal vorsichtig zu sein, nachdem er seine Knochen so oft zu Markte getragen hatte. Ueberhaupt müsst ihr nicht denken, dass alle Soldaten immer mutig vorgingen. Ich kann nur sagen, dass alle Officiere und Unterofficiere natürlich, aber auch alle Einjährigen vorn waren, wenn es galt und die Kugeln pfiffen oder pfeifen wollten. Ich habe oft gesehn, dass Soldaten im Graben blieben, aber nie dass ein Einjähriger darunter war. Es ist kein Zweifel, dass die Einjährigen durch das militärische Pflichtgefühl, das allen gemeinsam war wie den Berufssoldaten, für die ganze Armee von grosser Wichtigkeit waren und es in jedem Kriege sein werden.

Dann ein Wort über das eiserne Kreuz, das der Unterofficier Köster gewiss mit Recht bekommen hatte. Natürlich konnte in einem solchen Falle die [50] Truppe nur in ihrem Führer belohnt werden. Aber dieses Princip wurde doch etwas zu ausschliesslich angewendet. Es ist wohl kein Officier, der überhaupt über die Grenze gekommen ist, ohne das eiserne Kreuz geblieben; und soweit sie vor dem Feinde gewesen sind, haben sie es gewiss alle verdient; denn die Bravour der Officiere war über jedes Lob erhaben. Das war auch die allgemeine Ansicht. Ich erinnere mich nur eines Falles, in dem es anders war. Ein Leutnant, der eine Zeit lang unsre Kompagnie führte und, ich weiss nicht mit welchem Recht oder Unrecht, in dem Rufe stand lieber hinter der Kompagnie zu sein, wenn vorne die Kugeln pfiffen, erschien eines Morgens mit dem Kreuz auf der Brust; da ging es durch die Reihen laut genug dass er es hören konnte und in einem Ton der ihn nicht erfreuen konnte: ‚er hädd et Krüz, er hädd et Krüz‘. Aber sonst war nie ein Widerspruch, auch nicht wenn einmal einer aus der Kompagnie dekorirt wurde. Nur geschah das eben äusserst selten, gewiss viel zu selten. Aus unsrer Kompagnie traf es nicht mehr als drei Leute, von uns sämmtlichen Göttinger Einjährigen einen einzigen, und der war dreimal verwundet worden. Das dritte mal stand ich nahe bei ihm, es war nur ein Streifschuss. Er hiess Grassmann und war ein sehr netter Student, Mathematiker, aus Stettin. Nun kann man aber sagen, dass die Einjährigen auch fast alle das Kreuz verdient haben und von der ganzen Armee wohl neun Zehntel; und man muss sagen, dass die Officiere in einem zu starken Masse bevorzugt worden [51] sind. Ihr müsst nicht etwa denken, dass ich es für mich erwartet hätte; davon war gar keine Rede; aber z. B. Fritz Jäger hatte es doppelt und dreifach verdient.

Unser Patrouillengang vom 5. Januar hatte den Feind aufgestört. Am folgenden Tage rückten wir aus unsrer Vorposten Stellung weiter vor; es fand ein heftiges Gefecht statt, an dem unser Regiment beteiligt war, aber wir blieben in Reserve. Abends kamen wir nach Montoire, einer kleinen netten Stadt, in der wir aber nicht etwa ruhig liegen durften; in der Nähe wurde gekämpft, wir waren stets im Felde, aber auch am 7. und 8. Januar in Arrièregarde. Diese Tage mit dem beständigen Hin- und Hermarschiren und der steten Spannung, ob wir in das Feuer, das wir knallen hörten, hineinkommen würden, waren kaum weniger anstrengend als die wirklichen Gefechtstage und dabei recht deprimirend. Den Erfolg merkten wir nur daraus, dass wir am 9. wieder vorrückten, im Morgennebel, bei scharfer Kälte. Diesmal waren wir vorn, wir stiessen sofort auf den Feind und kamen in starkes Feuer. Das Gefecht legte sich gegen Mittag und fing gegen Abend wieder an. Es war bei St. Pierre, eine weite Ebene mit niedrigen Hügeln. Der Feind war kaum zu sehn, er konnte aus grosser Entfernung schiessen, da die französischen Chassepots weiter trugen als unsre Gewehre. Nur von Zeit zu Zeit näherte sich eine Abteilung, dann schwärmten wir aus und verjagten sie oder zogen uns zurück, um nicht erdrückt oder umgangen zu werden. Dabei konnte man den [52] Gang des Gefechts nicht beurteilen. An diesem Tage, gleich am Morgen, erlebte ich zum erstenmal, dass eine Kugel unmittelbar neben mir einen Kame­raden traf. Ich weiss nicht mehr wie er hiess, erinnere mich aber genau, wie er aussah, ein langer blonder Westfälinger. Wir lagen zusammen an einer Hecke und schossen in die Rauchwölkchen der feindlichen Gewehrschüsse hinein, die am Horizont erschienen, ohne dass wir die Schützen sehen konnten. Das hässliche Gepfeife der blauen Bohnen war beständig um uns her. Auf einmal krachte es wie wenn eine Kugel in einen Baumstamm schlüge, mein Nebenmann tat einen Satz in seiner ganzen Länge und fiel hintenüber an den Boden, indem er rief: ‚nu möt ik starwen!‘ Er war neben dem Auge in die Schläfe getroffen. Der Leutnant, der in der Nähe war, liess den Leblosen durch zwei Soldaten hinter die Gefechtslinie in den Lazaretwagen bringen. Wir dachten nicht anders als das es mit ihm zu Ende sei; und ich war sehr überrascht, als ich ihn zufällig nach vier bis sechs Wochen wohlbehalten wiedersah. Es gibt da einen Gang, durch den die Kugel bequem hindurch fahren kann, ohne eine unheilbare Wunde zu hinterlassen, und den hatte sie benutzt; vielleicht lebt der Mann heute noch und erzählt auch grade seinen Kindern was er im Kriege erlebt hat.

Am Nachmittag ging ich mit einer Patrouille, die ein Leutnant führte und ein Unterofficier Na­mens Schulze, über das freie Feld. Das feindliche Feuer hatte längst geschwiegen, es fing gerade wieder ganz vereinzelt an, aber gegen die paar Pfiffe suchten wir [53] nicht einmal Deckung. Plötzlich krachte es neben mir. Die Kugel hatte die linke Hand des Unterofficiers getroffen, mit der er, nicht geschultert sondern frei am Lauf, das Gewehr trug. Ich sah mit stiller Bewunderung, wie er das Gewehr nicht fallen liess, sondern es in die andre Hand nahm und erst, als der Officier es ihm ernstlich befahl, zurückging um sich die zerschmetterte Hand verbinden zu lassen. Auch ihn sah ich später wieder, als er aus dem Lazaret entlassen war. Er hatte zwei steife Finger und das eiserne Kreuz.

Die Nacht, nachdem der Feind sich zurückgezogen hatte, biwakirten wir bei St. Pierre, übermüde, in bitterkalter Luft, in dem um unsre Feuer her tauenden Schnee. Als wir in Ruhe waren, hörten wir, dass ein Einjähriger, Falkenstein, Badenser, ein schwächlicher Mensch, älter als die meisten von uns, plötzlich einen schweren Anfall von Typhus bekommen hatte. Wir hatten ihn alle gern und waren gewohnt ihm zu helfen wo wir konnten. Am Morgen hörten wir, dass er gestorben war. Sein Körper hatte die Anstrengungen und Entbehrungen nicht ertragen.

Am folgenden Tage marschirten wir, ohne ins Feuer zu kommen, bis Grand Lucé. Mittags hatten wir an der Strasse Halt gemacht, um unsern Reis zu kochen, und hatten auf einem Felde in der Nahe einige Kohlköpfe dazu gefunden. Die Strasse führte über eine Anhöhe und meine Abteilung hatte ihre Feuerstelle neben einem Abhang, der in eine tiefe Einsenkung herunter ging. Mit Entsetzen sah ich [54] auf einmal, dass der Raum rechts unter mir angefüllt war mit verwundeten, sterbenden und todten Pferden, die offenbar nach einem Reiterkampf am vorigen Tage da hinein geworfen waren. Ich kann den An­blick nicht beschreiben, obwohl ich es könnte, denn das vergisst sich nicht. An diesem Mittag liess ich wirklich das zubereitete Essen stehn.

Bei Grand Lucé biwakirten wir nicht, sondern lagen in einigen Häusern des Ortes; ich mit einer ganzen Menge, wohl der halben Kompagnie, im Wirtshaus. Als wir nach etwas Ess- oder Trinkbaren suchten, fand Einer zum Entsetzen der Hausfrau (auch hier war, wie meist, vom Hausherrn nichts zu sehn) einen Raum, in dem auf Brettern an der Wand allerlei Liqueure, der Vorrat des Hauses, standen. Daraus hätte leicht eine allgemeine Betrunkenheit und grosses Unglück entstehen können; aber die Unterofficiere wussten was sie zu tun hatten und verhinderten das sehr geschickt. Da­gegen füllten wir uns die Feldflaschen für den folgenden Tag, der heisse Arbeit versprach. Denn Le Mans war nur einen Tagemarsch entfernt und wir wussten, dass dort eine Entscheidung bevorstand; wir hatten auch während des ganzen Tages Kanonendonner aus der Ferne gehört.

Am 11. Januar marschirten wir in aller Frühe aus und wanderten zehn Stunden lang, andre Truppenteile vor und hinter uns. Wir gingen zuweilen kreuz und quer, aber in der Richtung auf den Kanonen­donner zu, der früh angefangen hatte und ganz all­mählich näher wurde. Der Marsch war furchtbar [55] anstrengend; in den Nachmittagsstunden wurde öfter ein Halt gemacht, dann lag im Moment jeder bei seinem Gewehr auf dem Erdboden, um ein paar Minuten die Glieder zu ruhen. Gegen Abend kam unser Bataillon an eine Wegbiegung, wo wir in einiger Entfernung einen breiten Hügel sahen und davor unsre Artillerie, die den Hügel beschoss. Als wir näher kamen, verstummte das Kanonenfeuer; wir hörten später, dass der Artillerieangriff lange gedauert und nichts ausgerichtet hatte. Unser Bataillonscommandeur, Hauptmann v. Montbar, ritt an den General heran, der da commandirte, um zu melden; wir hielten jetzt neben der Artillerie. Nach kurzer Zeit kam der Hauptmann auf uns zugesprengt, sprang vom Pferde, zog den Degen und sagte: ‚Leute, ihr habt schon ein Stück Arbeit hinter euch, aber jetzt zeigt was ihr könnt. Das Bataillon schwärmt aus, jeder für sich an den Hügel heran, dort wird gesammelt und dann hinauf!‘ Er zeigte auf einen Punkt am Fuss des Hügels, wo, wie es schien, ein Weg hinaufführte. Zwischen uns und der Anhöhe lag ein in tiefen breiten Furchen gepflügtes ansteigendes Feld, da mussten wir hinüber. Alle Müdigkeit war verschwunden. Wir liefen ausgeschwärmt an das Feld hinan und sprangen, nur das Ziel im Auge, immer von einem Furchenwall über die Vertiefung hin auf den andern, mit Gepäck und Gewehr, von Zeit zu Zeit hinstürzend, aber rasch wieder auf den Beinen. Inzwischen hatte sich die Dämmerung gesenkt. Bei unsrer ersten Bewegung fing von der Höhe her das Gewehrfeuer heftig wieder [56] an, die Kugeln umzischten uns und das greuliche Geknarre der Mitrailleusen orgelte darein. Am Fuss des Hügels angekommen machte man zunächst einen kleinen Halt in gedeckter Stellung. Da fand ich mich mit Fritz Jäger zusammen. Wir verabredeten rasch, dass wenn einer von uns beiden fiele, der Andre den Eltern Nachricht geben solle. Da schlug eine Kugel zwischen uns in Jägers Mantel ein, ohne weiteren Schaden. Später hat sich daraus die Le­gende entwickelt, die Kugel habe den Talisman an meinem Finger gestreift; und Tatsache ist, dass dem blauen Stein am Ringe ein Stückchen ausge­brochen war.

Als das Bataillon sich an der angegebenen Stelle gesammelt hatte, liess der Hauptmann die Tamboure Sturmmarsch schlagen und die Spielleute Avanciren blasen, das kurze aufregende Signal immer hintereinander. Wir gingen im Sturmschritt und ohne Unterlass Hurrah schreiend durch die dunkle Nacht den Hügel hinan. Hinter mir schlug ein Tambour den Marsch und schrie immer dazwischen als sein persönliches Feldgeschrei Cognac! Cognac! Wir taten keinen Schuss, um uns pfiffen zuerst noch die Kugeln, dann hörten sie auf. Als wir auf der Höhe ankamen und einen Nahkampf erwarteten, fanden wir keinen Feind. Er hatte sich vom Rande des Plateaus zurückgezogen, in Schrecken und Flucht, wie wir später von Gefangenen hörten. Der grösste Teil muss gleich die ganze Stellung verlassen haben, aber eine feindliche Abteilung war geblieben und hielt, wie wir bald entdeckten, in unsrer Nähe, nicht [57] mehr als 150 Schritt von uns entfernt. Die Stärke dieser Truppen war unsern Führern natürlich ganz verborgen; wir blieben darum zuerst im Schnee unter den Gewehren stehen und stellten, nachdem sich ein paar Stunden lang nichts gerührt hatte, die Gewehre zusammen. Während dieses Stehens kam uns Hunger, Durst und Müdigkeit wieder zum Bewußtsein. Das einzige, was ich Stärkendes bei mir hatte, war die am Abend vorher mit Liqueur gefüllte Feldflasche. Wie es kam, dass sie noch unberührt war, kann ich wirklich nicht sagen; aber als ich sie jetzt zum Munde führte, hatte ich die schmerzliche Enttäuschung, dass es ein brandsüsses syrupartiges Getränke war. Neben mir stand mein Freund Gustav Jacobsen, den wir in ruhigen Zeiten wegen seiner Süssmäuligkeit zu necken pflegten. Er hatte einen kräftigen Cognac gegriffen, von dem gab er mir und trank selber mit Behagen den ganzen Inhalt meiner Flasche nach und nach herunter.

Die Posten wurden ausgestellt und wer wollte, durfte sich in seinen Mantel wickeln und auf den Schnee zum Schlafen legen. Ich wenigstens war in tiefem Schlummer, als plötzlich ‚an die Gewehre‘ gerufen wurde und ein Schauer von Schüssen knallte. Der Feind hatte uns überfallen wollen, war aber rechtzeitig empfangen worden, und nun wurde die Hälfte von uns, zwei Kompagnien, darunter meine, vorgeschickt, um ihn zurückzutreiben. Das Feuer verstummte bald, weiter im Dunkeln auf dem unbekannten Terrain vorzugehen war nicht geraten, [58] wir gingen also auf unsre Stellung zurück, um die lange Nacht abzuwarten.

Die Gewehre wurden wieder zusammengestellt, aber von Schlafen war jetzt natürlich keine Rede mehr. Wir waren nah an das Gehöft herangerückt, das auf der Höhe stand und von dem inzwischen ermittelt worden war, dass es von den Feinden verlassen war. Etwa ein halbes Dutzend Leute, darunter auch ich, gingen die Kellertreppe eines allein liegenden Wirtschaftsgebäudes hinunter; wahrscheinlich war Einer auf den Gedanken gekommen, dass da unten Wein zu finden sein möchte. Oben durfte natürlich von Feueranzünden keine Rede sein, des nahen Feindes wegen. Unten aber machten wir am Boden ein kleines Feuerchen aus Scheiten, die da lagen, und fühlten uns ganz gemächlich dabei. Der Raum war erhellt, es war ein kleines Kellergewölbe, kein Weinkeller, das war leider klar, überhaupt nichts Ess- oder Trinkbares zu sehen, nur landwirtschaftliche Inventarstücke, Holz und Kohlen. Doch, da stand ein Fässchen. Einer hatte sich darauf gesetzt; es war nichts natürlicher als dass er es mit seinem Faschinenmesser anstach so gut er konnte. Es floss aber kein Wein daraus, sondern eine dicke übelriechende Flüssigkeit, die keine weitere Aufmerksamkeit verdiente, wie sie aus dem Spundloch auf den Boden quoll und sich als ein dünnes Bächlein grade auf das Feuer zubewegte. Aber kaum hatten sich Bächlein und Feuerlein berührt, als eine heftige Flamme aufbrannte, nach dem Fässchen zurücklief und im Nu den ganzen Raum mit dickem [59] qualmendem Rauch erfüllte. Einer schrie ‚es ist Teer!‘, und wir hatten noch eben Zeit, die Treppe zu gewinnen. Als wir glücklich im Freien waren, verloren wir uns, ohne ein Wort zu äussern, unter den Andern. Im Haus waren keine Menschen, an Löschen war nicht zu denken, das Unglück musste seinen Lauf haben; warum sollten wir ohne Not melden, dass wir es angerichtet hatten? Es dauerte denn auch nur kurze Zeit, da schlugen die Flammen aus dem Keller und ergriffen den Holzbau, der nicht viel mehr als ein Schuppen war. Unser Hauptmann der sonst seine Ruhe nicht verlor, geriet in einige Aufregung; denn wenn der Feind so nahe war, wie wir annehmen mussten, so gab die plötzlich entstehende Helligkeit, die uns beleuchtete, seinen Gewehren das sicherste Ziel. Da zeigte sich aber, dass der Feind sich nach dem misslungenen Ueberfall in aller Stille zurückgezogen hatte. Kein Schuss kam, und die Patrouillen, die nun hinausgeschickt wurden, fanden weiter hin das Gelände leer. So kam es, dass das Feuer ruhig in die Höhe und dann hinunterbrennen durfte, ohne dass nach seinen Urhebern geforscht wurde.

Etwas Komisches, das aber leicht hätte traurig werden können, passirte noch, als die ersten Flammen kamen. Alles stürzte an das Haus heran und einige von uns hörten drinnen ein lautes Schreien um Hülfe. Das war sonderbar, denn wenn Einer im Hause war, konnte er ja herausspringen. Aber es bewegte sich nichts. Nun war die Stelle, an der geschrieen wurde, bald gefunden. Die Töne kamen [60] aus der Wand selbst, wie wenn jemand darin steckte. Einige Bretter wurden mit Faschinenmessern und Schanzaxt heruntergerissen, und es war die höchste Zeit, denn kaum gab das erste Brett nach, so fuhr mit dem quellenden Rauch der Kopf eines französischen Soldaten heraus, und der Leib hinterher wie von einer Feder geschnellt. Als unser Bataillon heraufstürmte und die Franzosen davonliefen, war der arme Kerl in seiner Angst in den Schuppen gekrochen und hatte sich da in einer Doppelwand ver­steckt, in der er eingeklemmt sass, so dass er nur noch schreien konnte, als er ausgeräuchert wurde. Nun war er überglücklich und erzählte von der Panik, die unser Kommen angerichtet hatte.

Nachdem das Feuer niedergebrannt war, blieben wir an der Stelle bis Tagesanbruch. Zuletzt haben wir wohl alle ein Stündchen geschlafen, wer nicht auf Posten war. Ich erwachte auf einem Fasse sitzend, das an der Wand des Hauptgebäudes unter der Dachtraufe stand und mit Eis überzogen war; und zwar erwachte ich davon, dass die Eiszapfen oben abtauten und mir ins Gesicht tropften. Das war das erste Zeichen, dass die Kälte nachliess.

Als es Tag war, traten wir an und zogen über das verlassene Plateau hinüber. Nun sahen wir erst, wie stark die Stellung war, durch Natur und Verschanzung, die der Feind Tag über hartnäckig verteidigt hatte und in der Nacht unserm kleinen Haufen überliess. Wir wussten natürlich noch nicht, dass dieser unser Angriff auf die Höhe von Tuilerie (so hiess das Gehöft) den Sieg bei Le Mans [61] entschieden hatte; in den nächsten Tagen merkten wir etwas davon, als der commandirende General von Voigts-Reetz bei einer Revue, die er abhielt, unser Bataillon in unerhörter Weise herausstrich und unser Hauptmann v. Montbar, den wir schwärmerisch liebten, mit dem eisernen Kreuz 1. Klasse erschien.

Nach 25 Jahren fand ich zu meiner Freude, dass Treitschke in der Rede, die er bei der Erinnerungsfeier zum Gedächtnis des grossen Krieges gehalten hat, diesen unsern Angriff als einziges Beispiel der von den Mannschaften verrichteten Heldentaten anführt, mit diesen Worten (S. 14): „Manche lernten selbst den Wert ihrer eigenen Siege erst nachträglich, wie durch Hörensagen kennen, so die tapfern Sechsundfünfziger, die in blutigem Nachtgefechte die Mobilgarden der Bretagne aus dem Hofe La Tuilerie hinausschlugen, ohne zu ahnen, dass sie damit der dreitägigen Schlacht von Le Mans die entscheidende Wendung gaben.“

Von der anderen Seite der Anhöhe sahen wir, in einer Entfernung von drei Kilometern, die Türme von Le Mans. Die Strassen, die zur Stadt führten, waren voll deutscher Truppen, von der Stadt her hörte man Gewehrfeuer. Die Strassen wurden in heftigem Kampf erobert; unser zweites und Füsilierbataillon kämpfte mit, wir blieben zuerst in unserer Stellung und dann auf der Landstrasse vor einer über die Sarthe führende Brücke stehen. Erst gegen Mittag bekamen wir den Befehl aufzubrechen; und nun zogen wir in die eroberte Stadt ein. In [62] der Vorstadt brannten Häuser, Türen und Fenster sah man zertrümmert. Vom Tore an durch die ganze Länge der Hauptstrasse, bis auf den Markt, stand eine ungeheure Colonne eroberter Proviantwagen. Das war die erste Frucht des Sieges. Auf dem Markt machten wir Halt und jeder bekam, direct vom Proviantwagen herunter, ein Laib Brot, ein kaum zu fassendes Glück nachdem wir so lange die köstliche Frucht der Demeter entbehrt hatten. Das zweite war, dass wir Quartiere bekamen und wenigstens zu zweien in einem Bett schlafen konnten. Ich war mit zwanzig Mann zusammen im Quartier, und es war doch ein himmlischer Zustand. Die nächsten beiden Tage, der 13. und 14., waren Ruhetage, wir hatten zu essen und zu trinken, ich schrieb einen langen Brief nach Hause fertig, den ich am 1. Januar in Blois angefangen hatte. „Hier befinden wir uns sehr wohl“ schrieb ich „und werden hoffentlich noch einige Zeit in ungestörter Ruhe bleiben“. Ach ja, am Abend des 14. kam der Befehl: „morgen früh 5 Uhr zum Ausrücken bereit“; und das wurde die schlimmste Arbeit, die Verfolgung des geschlagenen Feindes.

Die bittere Kälte hatte nachgelassen, dafür setzte jetzt ein mit Schnee vermischter Regen ein, durch den die Strassen, da es in den Nächten fror, förmlich mit Glatteis bedeckt wurden. Ihr könnt euch denken, was das für ein Marsch über die beständig auf- und abführenden Chausseen war. Während man den Schnee hatte abschütteln können, war man jetzt fast immer durchnässt und konnte [63] im Biwak die Kleider nicht ausziehn und trocknen. Diese drei Märsche waren nicht lang, aber furchtbar beschwerlich. Am ersten oder zweiten Abend war in der Nähe des Biwaks ein Bauernhaus, in das eine Anzahl von uns hineinschlüpfte, um im Kamin ein ordentliches Feuer zu machen. An dem kochten wir unsern Kaffee, d. h. einen Kochkessel voll Wasser mit einem Dutzend halber Kaffeebohnen, die nass wie sie waren nicht ordentlich zerkleinert werden konnten. Diesen Trank schlürfend sassen wir am Kaminfeuer, ich ganz vorne herangerückt. Auf einmal fühlte ich einen Schmerz an meinem rechten Schienbein. Was war es? Das Wasser in meinem Stiefel wollte auch zu kochen anfangen; der hohe Schaft des rechten war schon ganz von der Hitze zusammengeschrumpft, so dass ich ihn nicht ausziehen konnte und mit einem Taschenmesser vorn ein grosses Stück des Leders herausschneiden musste. Von da an ging ich einige Wochen lang mit dieser Ruine eines Schaftstiefels durch Dreck und Feuer.

Ueberhaupt bekamen unsere Kleidungsstücke in diesen Tagen den Rest. Ich musste jeden Abend mein eines Hosenbein von unten bis oben zusammennähen, damit es den nächsten Tag über notdürftig hielte. Viele von uns trugen eine französische Bauernhose, die sie hatten ergattern können. An der Strasse lagen in Menge vollgepackte Tornister, die die Franzosen weggeworfen hatten; rote Hosen konnte man natürlich nicht tragen, aber über die Stiefel freute man sich zuerst, bis sich zeigte, dass sie pappene Sohlen hatten. So schlecht war [64] diese letzte Armee, die das Land aufgebracht hatte, ausgerüstet worden.

Auch sonst war es deutlich, dass die Armee Chanzys nicht nur geschlagen, sondern demoralisirt war. Nicht nur Tornister lagen an der Strasse, sondern auch viele Gewehre. Oft wurden versprengte Abteilungen und Einzelne gefangen eingebracht. Einmal kam der Spassmacher der Kompagnie mit einem Trupp von etwa dreissig Franzosen an, die sich ihm ergeben hatten. Es war in der Tat mehr zu verwundern, dass diese Armee uns so viel zu schaffen gemacht hatte, als dass sie nun versagte. Denn es waren gänzlich unausgebildete Leute, die weder marschiren noch schiessen konnten, weder den Strapazen noch den moralischen Anforderungen des Krieges gewachsen waren. Bedeutung hatten sie noch jetzt durch ihre Menge und, sobald diese wieder wirksam werden konnte, ihre gute Führung; denn es gelang ihrem General Chanzy, die Reste bei Laval, drei Tagemärsche westlich von Le Mans, zu sammeln.

Am 17. marschierten wir bis vor Corbinières, nicht weit von Laval, wo wir die Nacht in einem schönen Schlosse blieben. Die Besitzer waren verschwunden, wie immer in vornehmen Häusern. Wir heizten den Kamin mit einigen Stühlen, weil der Diener, der allein im Hause war, erklärte, es sei kein Brennholz vorhanden. Wir fanden einen Schrank mit Wäsche und ich zog mit Wonne ein reines Hemd an. Das ist meines Wissens das einzige nicht [65] Ess- oder Trinkbare, was ich ohne Bezahlung mit­genommen habe, und ich hätte es gerne bezahlt.

Am 18. zogen wir gegen Laval, wieder unser Bataillon allein. Kurz vor dem Tor machten wir in einer Deckung Halt und die dritte Kompagnie wurde zur Recognoscirung vorgeschickt. Nach einiger Zeit erhob sich von der Stadt her ein gewaltiges Geschütz- und Gewehrfeuer; wir dachten nicht anders, als dass unsere Kameraden, die sich zu offen vorgewagt haben mussten, in Grund und Boden geschossen würden. Wietfeldt und Schnitzler waren darunter, ich war auch persönlich sehr besorgt. Es dauerte ziemlich lange, da bog unsere dritte Kompagnie um eine Ecke und kam wohlbehalten in unsere Deckung zurück, erhitzt und pulvergeschwärzt, aber kein Mann verwundet. Das war aber klar, dass Haupt­mann Montbar die Stadt zunächst nicht nehmen konnte. Wir marschirten einige Kilometer zurück nach dem Städtchen Soulgé; das war, wenn ich nicht irre, nach Westen zu der äusserste Punkt, den die deutsche Armee überhaupt besetzt gehalten hat.

Bei Soulgé lagen wir einige Tage in Vorpostenstellung. Am 20. war ich auf Feldwache, die wir durch rasch errichtete Barrikaden befestigt hatten. Wir wurden durch Reiterpatrouillen, afrikanische Spahis, den ganzen Tag in Atem gehalten. Sie ritten bis nah an unsre Verschanzung heran, schossen und flogen dann mit unglaublicher Schnelligkeit zurück. Während des Schiessens kam die Feldpost, und ich bekam den ersten Brief von Haus, denn während der Zeit in Frankreich hatte die Post uns [66] nicht erreicht. Ich las im Schützengraben mit dem Gewehr in der Hand, „während“, wie ich in einem Brief nach Hause schrieb, „die Kugeln pfiffen und ich dann und wann einen zu kühnen Spahi aufs Korn nehmen musste“. Von Onkel Hans bekam ich ein Päckchen Chocolade, die auch gleich im Laufgraben verzehrt wurde. In der Nacht stand ich Posten auf dem äussersten Punkt, ganz einsam, denn die nächsten rechts und links waren doch 50 bis 100 Schritt entfernt und die Nacht dunkel. Es war wärmer als sonst, Alles in tiefer Stille, ich in gespannter Aufmerksamkeit und Erwartung heranschleichender Feinde, aber doch sonderbar befangen in einer ruhigen, heimlichen Stimmung. Als von einem Ge­höft in der Ferne her der Hahn zu krähen anfing, klang es mir wie ein Zeichen des herankommenden Friedens. Und in der Tat brach an diesem Morgen die letzte Woche des Krieges an und ich hatte schon die letzten Kugeln pfeifen hören.

Den 21. Januar wurden wir von Vorposten abgelöst und marschierten in vier gelinden Tagemärschen (denn nun brauchten unsere Kräfte nicht mehr rücksichtslos angestrengt zu werden) nach Le Mans zurück, wo sich unser Armeekorps, das 10., concentrirte. Aus diesen Marschtagen ist mir eine Scene besonderer Art in Erinnerung. Meine Kompagnie kam um Mittag an einem hübschen Schlösschen vorbei, das in seinem blätterlosen Park an der Landstrasse stand. Es war doch der Mühe wert, einmal nachzusehn, ob es da ein gutes Mittagessen geben möchte. Eine Patrouille, zu der ich [67] auch gehörte, wurde hineingeschickt, um höflich nachzufragen. Die Besitzer waren natürlich nicht da. Eine ältere Wirtschafterin empfing uns an der Spitze einiger Mägde und sagte mit ungewöhnlicher Volubilität einigemale den bekannten Spruch her: nisk de vin, nisk de pain, nisk de viande, niske du tout du tout du tout, messieurs. Aber wir sahen uns in holder Verwunderung an, denn gleich beim Eintritt ins Haus überkam uns eine unbestimmte Glücksempfindung, die sich bald zu deutlicher Gewissheit steigerte: es roch nach frischgebackenem Brod! Da gab es denn kein weiteres Fragen, sondern wir gingen dem Geruche nach. Der führte uns gar bald freundlich an den Backofen, in dem noch die heissen Brode lagen. Aber fertig waren sie, wir baten sie herausholen zu dürfen und empfahlen der Dame, fürs Haus neue zu backen. Es werden so ein halbes Dutzend schöne grosse französische Weizenbrode gewesen sein. Dazu taten wir noch einen sehr glücklichen Fund in einer Kammer in der Nähe des Backofens, nämlich zwei ungeheuer grosse Töpfe mit Pflaumenmuss. Das alles brachten wir auf die Landstrasse hinaus, wo die Kompagnie wartete. Nun wurden die beiden Musstöpfe an den beiden Seiten der Strasse aufgestellt, die Brode eins nach dem anderen in Streifen zerschnitten, jeder bekam einen Schnitt, und dann defilirte Mann für Mann an den Musstöpfen rechts und links und jeder holte mit seinem Brod seine Portion Pflaumenmuss heraus. Es war nicht nur eine sehr vortreffliche Mahlzeit, sondern auch ein schöner Anblick.

[68] Am Nachmittag des 24. Januar rückten wir wieder in Le Mans ein. Am Tor erwartete uns ein General mit grosser Suite. Es war Prinz Friedrich Karl, der Commandeur der 3. Armee, der uns die Ehre erweisen wollte uns anzusehn. Wir zogen im Parademarsch an ihm vorbei, zerrissen und schmutzig und unvorschriftsmässig wie wir waren, in die Stadt hinein. Da bekamen wir gute Quartiere, ich mit Lohmann zusammen. An dem Abend hätten wir freilich nichts mehr zu essen bekommen, wenn wir nicht im Hause einen Sack mit Mehl gefunden hätten. Das war sehr erfreulich, weil man Eierkuchen davon backen konnte; Eier freilich gab es nicht, auch keine Milch, wohl aber Wasser, auch keine Butter oder anderes Fett zum Bestreichen der Pfanne. Aber Heinrich Lohmann liess sich nicht narren, er nahm das Talglicht, die gewöhnliche Beleuchtung in unsern Quartieren, und gab damit dem Teig die nötige Fähigkeit sich von der Pfanne zu lösen. So buk er einen Haufen von wohl zwanzig kleinen Pfannküchlein, so gross wie eine Untertasse, die unserm verwöhnten Gaumen trefflich zusagten. Das Recept war übrigens schon öfter angewendet worden. Einmal war es freilich nicht Mehl was wir fanden, sondern Gips; und da verzichteten wir denn auch auf die Zubereitung des Eierkuchens.

In Le Mans blieben wir eine Woche liegen; in voller Ruhe, der einzige Dienst war ein Appell täglich und einmal eine Nacht auf Wache. Wir assen und tranken in den Cafés oder sassen zu [69] Hause und schrieben Briefe, besserten unsere Sachen aus und schwatzten, besuchten uns gegenseitig in den Quartieren und führten ein Leben wie im halben Frieden. Von Hause kamen jetzt Tag aus Tag ein ausser Briefen und Zeitungen die kleinen Feldpostpacketchen, die vier Lot schwer sein durften und allerlei angenehme Kleinigkeiten enthielten. Am 24. Januar quittire ich über vier Päckchen, darin ein Taschentuch, zwei Paar Strümpfe, vier Lichte, in einem Pfefferkuchen und Marzipan, in einem Frankfurter Würstchen. Ein Freund von mir, Namens Himstedt, Mediciner, der eben den Doktor gemacht hatte und Arzt im 10. Trainbataillon war, begegnete mir zu meiner grössten Freude eines Tages auf der Strasse; er lag auch in Le Mans und hatte eine hübsche Offizierswohnung; da waren wir nun häufig zusammen.

Wie wir uns so ausruhten, erfüllte uns alle die Sehnsucht nach dem Frieden. Von Paris her hörte man, dass die Capitulation nahe sei, aber wir wagten nichts zu glauben. Die Soldaten riefen sich mit den französischen Bürgern auf der Strasse zu: Paris caput! In einem Brief vom 29. Januar schrieb ich: ‚wir sind heute in sehr freudiger Spannung, da das Gerücht über die Capitulation von Paris seit einigen Stunden mit der grössten Bestimmtheit auftritt; gebe der Himmel dass es wahr ist.‘ An demselben Abend sassen wir im Quartier zusammen, als wir die Zeitungsjungen durch die Strassen stürzen und ein Extrablatt ausrufen hörten: La capitulation de Paris est arrivée! Wir [70] stürzten hinunter und hielten das Blatt in der Hand, das uns nicht nur die Eroberung von Paris, sondern auch den Waffenstillstand und damit nach aller Voraussicht den Frieden verbürgte.

Die Sehnsucht nach dem Frieden war allgemein, bei Franzosen und Deutschen. Das Volk war dem Aufruf zur Massenerhebung, den die republikanische Regierung mit Gambetta an der Spitze erlassen hatte, mit gewaltigem Schwunge gefolgt und hatte grosse Armeen ins Feld gestellt. Auf unserm Marsch zum Regiment fanden wir überall die Phantasie der Leute erfüllt davon, dass uns Millionen neuer Soldaten entgegentreten würden. Allen stand es fest, dass keiner von uns lebendig aus dem Lande käme; das sagten uns die Frauen zuweilen mit herzlich gefühltem Mitleid. Auch hier gab es einen stets wiederholten Refrain: grand malheur, grand malheur pour nous et pour vous. Aber nach Le Mans war es allen klar geworden, dass diese rasch zusammengerafften Rekrutenschaaren den Aufgaben eines solchen Krieges nicht gewachsen waren. In der Bevölkerung war die Hoffnung verschwunden und an die Stelle aller anderen Empfindungen trat das Friedensbedürfniss. Aehnlich erging es uns Soldaten, sobald die Spannung gelöst war; wir hatten genug vom Kriege und unsere Seelen strebten in die Heimat. Mit Ingrimm dachten wir an die Möglichkeit, dass der Krieg durch die Unvernunft der französischen Kriegspartei wieder ausbrechen könnte, und wir waren nun meist mit unsern Quartierwirten gleicher Meinung über diesen Punkt.

[71] Wir verliessen Le Mans am 1. Februar und zogen durch eine vom Kriege wenig berührte Gegend mit dichten Tannenwäldern und bestellten Feldern in vier kleinen und angenehmen Tagemärschen nach St. Aubin, wo wir einige Tage liegen blieben. In einem Brief vom 5. Februar heisst es: ‚Diesen Brief schreibe ich im besten Zimmer eines reichen Bauerngehöfts; die Familie, mit der ich Freundschaft geschlossen habe, sitzt bei Tisch, die Aussicht aus dem Fenster ist reizend und in der einen Ecke liegt ein unermesslicher Haufen Aepfel, in der andern Säcke mit getrock­netem Obst, beides zu meinem Genuss. An die geringere Annehmlichkeit, mit 25 Mann zusammen im Quartier zu sein, hat man sich längst gewöhnt.‘ Dann ging es nach Dissay, einem kleinen Dorf in der Nahe von Château du Loir, da blieben wir fast vierzehn Tage. Mein Quartierwirt war ein junger Notar, der eine unangenehme alte Haushälterin hatte, aber selbst ein ganz netter Mann war; er unterhielt sich mit mir, gab mir französische Zeitungen und sah zu, wenn wir unser Essen kochten. Denn seit dem Waffenstillstand war es bestimmt, dass wir in den Quartieren nur Lager und Feuerstelle bekamen, alles übrige wurde nun wieder geliefert oder musste, wie der Wein, gekauft werden. Nun setzten wir also selber unsern Topf aufs Feuer, taten Fleisch, Kartoffeln und Reis hinein, und einer musste dabei sitzen, damit es nicht überkochte, und von Zeit zu Zeit die Kartoffeln anstechen, ob sie weich wären. Mein Notar unterhielt sich nur von Politik. [72] Bücher hatte er nicht und gelesen hatte er auch nicht viele. Einmal sagte er mir, er hätte einen Freiwilligen im Quartier gehabt, der hätte ausser allemand (was mit prussien dasselbe wäre) noch vier Sprachen gesprochen: hanovrien, bavarois, français und autrichien. Ich antwortete, die spräche ich auch.

Uebrigens hatte allmählich jeder deutsche Soldat französisch gelernt; er wusste folgende Worte: du pain, du vin, café, cognac, camarade, tout de suite, monsieur und madame. Das war genug um alles deutlich zu machen, wenn er eine Scala der Tonstärken zu Hülfe nahm und gelegentlich mit dem Gewehr auf den Tisch schlug. Wir teilten uns in tout de suite- und s’il vous plait-Soldaten; gegen diesen Unterschied waren alle Franzosen, auch die Bauerfrauen, in hohem Grade empfindlich. Dass wir beim Eintritt in ein Quartier mit s’il vous plait mehr erreicht hätten als mit tout de suite, kann ich nicht sagen. Vielmehr bekam man niemals eine andere Antwort als: nous n’en avons pas, auch wenn das Geforderte schon bereit stand; und der Dreijährige, der das nisk de pain, nisk de cognac, nisk du tout du tout einfach als Bejahung nahm, suchte und fand, war besser daran als der höfliche Einjährige. Aber, während man die Männer mit ihren schrecklich vielen Worten meist nicht ernst nahm, konnte man sich vor dem sicheren und würdigen Wesen der meisten Frauen nicht anders als mit Achtung und Höflichkeit benehmen.

Man kann überhaupt nicht sagen, dass der Soldat [73] in den Quartieren unbescheiden oder gewalttätig gewesen wäre, Fast überall lag im Bett ein krankes Kind oder sonst etwas Heiliges, und ich habe doch nie gesehn, dass der Simulant in seiner Ruhe gestört worden wäre; man legte sich ruhig aufs Stroh am Boden, wenn es Stroh gab. Ebenso ist es blosse Verläumdung, dass die Soldaten wertvolle Gegenstände mitgenommen hätten; nie habe ich erlebt, dass etwas ‚gerollt‘ oder ‚requirirt‘ worden wäre, was nicht zur bitteren Notdurft diente. Wenn auf Befehl etwas Gewaltsames geschah, so geschah es doch selten in rauher Weise. Einmal sah ich an, wie von einem Gehöft eine Kuh und ein Kalb requirirt wurden. Die Familie stand jammernd dabei; da sagte der Soldat, der sie berauben musste, mit tröstender Stimme, indem er auf die Kuh zeigte: grand malheur, und auf das Kalb: petit malheur. Erst in den letzten Wochen, zwischen Waffenstill­stand und Frieden, bemerkte man die Anfänge der Verwilderung. Da habe ich gesehen, wie ein Soldat eine alte Frau an den Haaren vom Kamin riss, weil sie seinen Befehl, ihn da sitzen zu lassen, nicht verstanden hatte. Es war die allgemeine Ansicht, dass schrecklich gehaust werden würde, wenn auf den Waffenstillstand neuer Krieg statt des Friedens folgen würde. Jetzt wurde jede Roheit von oben her unterdrückt, und bei Streitigkeiten entschieden die Officiere oft gegen die Soldaten, auch wenn sie eigentlich recht hatten. Aber wenn es wieder los­gegangen wäre, würde jede Rücksicht aufgehört haben.

[74] Auch während des Waffenstillstandes mussten wir uns vor den Franctireurs hüten; es war immer gefahrlich, sich allein in einsame Gegenden zu be­geben. Eines Tages ging ich mit einer Patrouille, die ein Leutnant führte, über verschiedene Dörfer in denen Franctireurnester ausgehoben werden sollten; d. h. ich ging nur bis ins nächste Dorf mit, das 6 bis 7 Kilometer entfernt war. Da traten wir in ein Bauernhaus und nahmen den Bauer fest, ohne Widerstand, aber unter jämmerlichem Geschrei seiner Frau und Kinder. Der Leutnant befahl mir, den Mann nach Dissay zu führen und der Feldwache zu übergeben. Ich liess also den baumlangen Menschen in der Zipfelmütze vor mir hergehn und folgte ihm mit geladenem Gewehr. Auf den Feldern arbeiteten die Leute und riefen ihm ängstliche Fragen zu. Auf diesem anderthalbstündigen Weg hätte ich ausserordentlich leicht von hinten erschossen werden können. Es passirte aber nichts weiter, ich lieferte meinen Gefangenen ab und glaube, dass er nach wenigen Tagen wieder frei nach Hause ging.

Sonst geschah in diesen Wochen nichts Kriegerisches. Vielmehr wurden wir neu eingekleidet, was höchst angenehm war; wir mussten aber auch die Sachen wieder halten wie im Frieden, nicht nur das Gewehr durch vorsichtiges Reiben allmählich ent­rosten, sondern auch Stiefel und Knöpfe putzen; und sogar der Friedensdienst mit Exercieren und Wachdienst wie in der Garnison fing wieder an. Eines Tages stand ich mit Schnitzler Doppelposten am Eingang des Dorfes, da kam unser Major angeritten, [75] den die Menschen Fischer, aber der Soldat Päcksgen nannte, weil er wie ein solches auf dem Pferde hing; wir präsentirten, er blieb vor Schnitzler halten, dem die Schuppenketten unvorschriftsmässig ums Kinn lagen, sah ihn scharf an und sprach das grosse Wort: ‚mit losen Schuppenketten schlägt man keinen Feind!‘

Eines anderen Tages trat das ganze Regiment an, das in verschiedenen Ortschaften lag, um vom Oberst besichtigt zu werden. Der Oberst war im Anfang des Krieges schwer verwundet worden, jetzt kam er zum Regiment zurück. Inzwischen waren seine beiden Söhne gefallen. Ein stattlicher Mann mit langem grauem Bart, sehr barsch und doch freundlich. Nachdem er die Reihen abgeschritten und vielen seiner alten Soldaten ein gutmütiges Wort gesagt, dann die Officiere um sich versammelt und angeredet hatte, hörte ich zu meinem grössten Erstaunen, wie er laut fragte: ‚in welcher Compagnie ist der Einjährige Leo?‘ Mein Hauptmann rief mich sofort heraus, ich kam eilig vor die Front und der Oberst nahm mich ganz beiseite. ‚Warum schreiben Sie nicht nach Hause?‘ fragte er. ‚Ich habe immer geschrieben, Herr Oberst, wenn wir Fühlung mit der Feldpost hatten‘ antwortete ich. ‚Nun dann wird der alte Herr ja jetzt zufrieden sein‘ sagte er, und ich durfte wieder gehn. Mein Vater hatte also in der Zeit der grössten Spannung, als täglich die Nachrichten über unsre Gefechte und endlich über die Schlacht bei Le Mans kamen, aber kein Brief von mir, da wir nichts auf die Post geben konnten, an den Obersten [76] geschrieben und ihn um Nachricht gebeten. Nun ist der liebe Gott der liebe Gott, aber der Herr Oberst ist der Herr Oberst, und ich, mit dem er sich so eigens unterhalten hatte, war auf einmal eine wichtige Person. Zuerst fragte mich der Feldwebel, dann der Hauptmann, was der Herr Oberst mit mir gehabt hätte. Ich sagte bescheiden aber fest: ‚Privatangelegenheiten, Herr Hauptmann‘, und ‚Herr Feldwebel‘. Und ich glaube noch heute, dass ich meine Beförderung zum Gefreiten diesem Privatverhältnis zum Herrn Oberst zu verdanken habe. Denn etwa eine Woche später wurde eine kleine Anzahl von Einjährigen unsrer Kompagnie zu Gefreiten ernannt, neun von 25 bis 30, und ich war darunter, während andere, die es zehnmal mehr verdient hatten, z. B. Jäger, nicht darunter waren. Angenehm war es sehr. Wietfeldt und Schnitzler schrieben eine Karte an meine Eltern, in der sie das Ereignis mitteilten und hinzufügten: ‚dieses wohl der erste derartige Fall in Ihrem Hause‘; nach dem Muster der Depesche des Kaisers an die Kaiserin, er habe den Kronprinzen zum Feldmarschall ernannt: ‚dieses der erste Fall in unserm Hause‘.

Am 21. Februar verliess das Regiment sein Cantonnement und wurde nach Tours gelegt, einer schönen grossen Stadt, die vom Kriege nicht berührt war. Die Loire fliesst da prächtig wie der Rhein bei Bonn und die gegenüber liegenden Uferberge sind von schimmernden Villen besät. Da hatte man endlich wieder den Eindruck des vollen treibenden Lebens, offene Läden, Wagenverkehr und geschäftige [77] Menschen auf den Strassen. Alles war auf die bevorstehende Entscheidung gespannt; denn die Nationalversammlung war gewählt und sollte am 1. März in Bordeaux zusammentreten. Endlich kam der Tag und mit ihm der Friede und die Gewissheit, dass es nun der Heimat zugehe.

Die Aussicht, gleich nach Hause zu kommen, war freilich keineswegs sicher; und in der Tat ist unser Regiment dann noch lange Monate in Frank­reich geblieben. Aber der Rückmarsch wurde doch angetreten, von Tours direct nach Blois. Für mich war dieser Marsch eine böse Sache. Ich hatte seit einigen Wochen eine kleine Wunde am Fuss, eine aufgelaufene Stelle, die nicht heilen wollte und schon in Dissay, dann weiter in Tours vom Regimentsarzt behandelt worden war. Die Wunde sah jetzt recht unangenehm aus und der Arzt fürchtete eine arge Verschlimmerung durch das andauernde Marschiren. Der Weg bis Blois bekam mir denn auch recht schlecht. In Blois wurden, da wieder eine Zeit beschwerlicher Märsche bevorstand, die Leute, die nicht marschtüchtig waren, ausgesondert, um kurzerhand nach Deutschland zurückgeschickt zu werden. Als der Arzt mich sah, sagte er: ‚Sie dürfen nicht weiter marschiren, es ist das beste, Sie ziehen heim.‘ Mir war es sehr lieb, da in Frankreich doch alles vor­bei war, so auf Flügeln nach Hause geschafft zu werden. Wir waren etwa ein Dutzend Leute, die so, als Kranke, in Blois ins Lazaret gebracht wurden, um bei erster Gelegenheit ‚evacuirt‘ zu werden, wie man das nannte. Im Hôtel de Dieu empfingen uns zwei [78] würdige französische Krankenschwestern und brach­ten uns in einen Krankensaal, in dem für jeden von uns ein Bett war. Wir legten uns, wie es verlangt wurde, am hellen Tage hinein; denn wir waren ja krank, obwohl die meisten wie ich mit einem kleinen Schaden am Fuss sonst frisch und gesund waren. Es dauerte nicht lange, da kam ein deutscher junger Militärarzt in den Saal, sah uns da liegen, verwunderte sich und sagte: ‚ja, was machen Sie denn hier? das ist ja der Raum für ansteckende Krankheiten‘. Da hatten uns die biedern Schwestern hineingelegt! Es hören und aus den Betten springen war eins. Wir zogen uns wieder an und auf den Rat des Arztes aus dem Hôtel de Dieu hinaus. Er riet uns, mit dem nächsten Zuge nach Orleans zu fahren, wo häufig Züge nach Deutschland abgingen. Es gelang trefflich. Denn auf dem Bahnhof von Orleans sah ich gleich beim Aussteigen den mir bekannten Bruder von Heinrich Lohmann in vollem Staat als Etappenofficier herumgehn; dieser in Beförderungsangelegenheiten dort allmächtige Mann brachte uns ohne weiteres auf einen Zug, der in ein paar Stunden über Frankfurt nach Hannover gehn sollte; und so hatten wir auf einmal Flügel bekommen.

Das Bild ist freilich etwas kühn; denn wenn die Hinreise sechs Tage gedauert hatte, so dauerte die Rückreise sieben Tage. Dafür sassen wir nicht einge­pfercht in Waggons dritter Klasse, sondern als Zuletztgekommene in einem bequemen Viehwagen, den wir ganz für uns hatten; in dem waren freilich keine Bänke, aber Kisten genug zum Sitzen und Platz [79] zum Liegen. Wir waren sehr vergnügt, unterhielten uns und sangen, und mein Fuss heilte bei diesem ruhigen Leben von selbst ohne weitere Hülfe.

Unser Weg ging über das eroberte Paris, über den östlichen Teil der Gürtelbahn, der durch das Arbeiterviertel Belleville führt. Es waren nicht die schönen Teile von Paris, die wir sahen, aber in der Ferne winkten doch die Türme von Notre Dame. Die Leute in den Strassen, die unser Zug kreuzte, blieben stehen, ballten die Fäuste und riefen uns Schimpfworte nach; ein Herr im Cylinder kam von einer Strassenecke herangelaufen, als er den Zug sah, raffte mit der behandschuhten Hand Steine auf und warf sie nach uns, was ihm dann die gamins mit Halloh nachmachten. Auf dem Bahnhof der Vor­stadt Aubervillers mussten wir halten. Ein Zug war verunglückt, eine Anzahl schwerverwundeter Soldaten lag auf Bahren und Matratzen, während sie verbunden wurden. Der Verkehr war gestört und wir blieben wohl einen halben Tag lang liegen. Dann ging es durch Frankreich mit der uns be­kannten Langsamkeit weiter. In Nancy blieben wir die Nacht im Militärlazaret. Die nächste Nacht blieben wir in Bewegung. Als wir am Morgen aufwachten, sahen wir am Horizont Türme im Nebel; wir fragten den Schaffner, welche Stadt das wäre, er sagte: ‚Worms‘. Der Name klang unbeschreiblich süss. Von nun an waren die Bahnhofe voll Menschen, die jedem aus Frankreich kommenden Zuge zujubelten; Damen brachten je nach der Tageszeit Kaffee oder Bier mit Butterbroden heran; in Giessen wurden [80] wir in eine mit Fahnen und Tannenzweigen geschmückte Halle geführt und festlich bewirtet. Endlich, endlich winkte uns aus der Ferne der liebe Jakobiturm mit seiner guten alten Mütze, und wir schickten ihm ein lautes Hurra als unsern Gruss entgegen.

So zog ich am 15. März 1871 wieder in Göttingen ein, ein glücklicher und feierlicher Tag; glücklich, denn der Heimatboden war uns wie ein Ge­schenk vom Himmel; feierlich, denn der Krieg hatte mich gelehrt das Leben ernster nehmen, gelehrt was Pflichterfüllung und Kraftanstrengung bedeuten und vermögen; und ich war entschlossen, dass die Lehre für mein Leben nicht verloren sein sollte.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: auser