Kurden- und Kosaken-Bilder

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Kurden- und Kosaken-Bilder
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36-37, S. 470-472;493-494
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[470]
Kurden- und Kosaken-Bilder.
I. Kurden.

Wo jenseits der Taurus- und Ararat-Gebirge in Kleinasien sich die zweifelhaften Grenzen zwischen der Türkei, Persien und dem neuen transkaukasischen Rußland und die alten kulturberühmten Flüsse Euphrat und Tigris winden, zwischen wilden Bergen, Seen, Flüssen, Wäldern, Hügeln, Thälern, Ebenen und Steppen und über Ruinen alter, mächtiger Staaten und Hauptstädte, die so merkwürdig klangen, als wir in der Dorfschule im alten Testamente lesen lernen sollten, in diesen weiten, fernen, ausgedehnten, unbekannten [471] Regionen treiben sich jetzt mit wilden Thieren um die Wette wilde, unabhängige, räuberische Völkerstämme herum, die theils dem Kaiser von Rußland, theils dem Schah von Persien, theils dem türkischen Sultan von Rechts- oder Eroberungswegen gehorchen sollen, im Ganzen aber, wie unsere deutschen Raubritter des Mittelalters, sich als ihre eigenen Herren betrachten, Steuern einnehmen, wo sie etwas finden, und im Uebrigen weder himmlischer noch irdischer Obrigkeit besondere Hochachtung beweisen, obgleich Einige in feierlichen Momenten zu Allah, Andere zum griechisch-christlichen Gott, Andere zu Götzen, und noch Andere gar zum leibhaftigen Satan beten.

Die Gartenlaube (1855) b 471.jpg

Kurden.

Im jetzigem Kriege dienen einige in der russischen, Andere in der asiatisch-türkischen, Andere in ihren eigenen Räuberarmeen. Unter diesen Bummlern und Barbaren auf den Ruinen vorchristlicher assyrischer, babylonischer, persischer, medischer und lydischer Kultur zeichnen sich die Kurden als die malerischsten, romantischsten und ritterlichsten aus. Da diese Herren jetzt in Asien besonders in dem Kampfe bei Kars und Erzerum eine bedeutende Rolle spielen, so verlohnt es sich schon der Mühe, sie ein wenig näher anzuschauen.

Die Kurden betrachten sich als die Hocharistokratie dieser herrlichen Wüsten und als unverfälschte Nachkommen des alten saracenischen Blutes , ohne maurische oder mongolische Mischung. Als der südliche Kaukasus und Kleinasien zwischen Rußland, Persien und der Türkei öfter vertheilt wurden, gab man sie der einen oder der andern Macht theilweise mit in den Kauf; aber wie auch die Nürnberger Keinen hängen, ehe sie ihn haben, wurden auch diese über hundert Meilen langen Strecken der Kurdenländereien weder an das eine noch an das andere Land wirklich angehangen, da die umherreitenden Familien und Stämme [472] weder sich selbst noch etwas von sich nehmen ließen, sondern bisher immer fortfuhren, auf eigene Rechnung überall, wo sie etwas fanden, Execution zu vollstrecken. Sie hielten es für eine besonderes Verdienst und ihre eigentliche ritterliche Lebensaufgabe, Russen, Türken und Perser, die sich als Mitbrüder oder gar Obrigkeit mausig machen wollen, nach allen Richtungen zu ennuyiren, ihnen das Leben schwer und dit Tasche, wenn sie etwas darin hatten, leicht zu machen. Sie stehen außer und über jedem Gesetze, das sie sich nicht selbst gegeben, und sind wahrhafte Freihändler, Manchesterschule, Richard Cobden ohne Phrase und Baumwolle. Sie reisen stets ohne Paßkarte und sind immer so lange obdachlos, bis sie sich irgendwo eine Schlafstelle zurechtmachen. Außer dem Gewerbe des Steuereinnehmens und Executionsvollstreckens an Jedem, der in ihr zeitweiliges Steuerviertel kommt, treiben sie gar keine Industrie. Die Pascha’s von Erzerum und Bagazeth, ihre eigentlichen Provinzial-Präsidenten, haben das Recht, jeden Raub und jede unbefugte Execution zu bestrafen, aber wenn Schuldige vorgeladen werden, kommen sie nicht, und wenn die Strafe an ihnen vollstreckt werden soll, sind sie immer nicht da. Außerdem sind sie so tapfer, schnell und elastisch geschickt, daß kein türkischer, persischer oder russischer Staatsbeamter, der immer eine gewisse Würde behaupten muß, flink genug ist, Einen zu fangen. Raubritter vom reinsten Wasser sind besonders die Kurden in den Regionen des Taurus.

Einige Stämme unter russischer Regierung haben sich allerdings so weit civilisiren lassen, daß sie sich in Dörfern an den Ufern des Aral hin niedergelassen haben und sich ein bischen regieren lassen, aber nicht im Sommer. Wenn es warm wird, blüht die alte Lust für’s Freie wieder auf, so daß sie davon und in Sommerwohnungen ziehen, unter Zelte, die sie bald hier, bald da aufschlagen. Da im Uebrigen Rußland klug genug ist, ihre alten Sitten und Gewohnheiten nicht zu stören und ihrer Tapferkeit und Ritterlichkeit zu schmeicheln, wie den Kosaken, sind sie mit der Zeit achtbare Anhänger der russischen Monarchie geworden, welche, was man auch dagegen sagen oder wünschen mag, doch über kurz oder lang wenigstens die ganze asiatische Türkei sich einverleibt.

Die Kurden sind berühmt als die tollkühnsten, tapfersten, schönsten, geschicktesten Ritter und Räuber. Die Erscheinung eines bewaffneten Kurden zu Pferde mit Lanze und Schild, mit seinen straffen, elastischen Gliedern, dem scharfgeschnittenen Kopfe und den schwarzen, scharfen, feurigen Augen, mit seinem leichtfüßigen Rosse spielend, gleicht noch heute dem großen Saladin in der Wüste, wie ihn Walter Scott als Ideal sarazenischer Krieger schilderte. Die meinen Kurden gehören zu den Suaniten, einer mohamedanischen Ketzersekte. Die unter Rußland haben etwas russisches Christenthum angenommen. Die Räuber und Ritter von Profession halten sich noch an ihre ursprügliche Religion, d. h. sie beten zum Teufel, der im Faust von sich sagt: „So ist denn Alles, was ihr Sünde, mit einem Wort das Böse nennt, mein eigentliches Element.“ Anständige, ehrliche Raubritter können eigentlich auch zu Niemand anders beten. Die Jeziden, ein Zweig der Kurden am Gokscha-See, opfern noch regelmäßig dem „Geiste der Finsterniß“, da sie glauben, er werde wieder zu Ehren und Herrschaft kommen (bei dieser westlichen Civilisation scheint’s auch fast so) und dann Allen, die ihn während seiner Verbannung nicht verleugneten, die Hülle und Fülle geben. Wo Raub und Gewalt die Form des Gesetzes und der Ordnung angenommen haben, ist ja auch der Teufel unter verschiedenen kostbaren Namen zu Ehren und Herrschaft gekommen, nur daß diese Yeziden ehrlicher und naiver sind.

Die Kurden sind oft geschildert und gezeichnet worden, neuerdings besonders von Fürst Gagarin, dessen Bild: Kurden durch einen Fluß reitend, um ein Geschäft zu machen, wir dieser Skizze beigefügt haben.

[493]
II. Kosaken.

Als die Engländer Kertsch, das asow’sche Meer und selbst die Mündungen des Don genommen hatten, erließ General Andrijanen, jetziger Hetman der Don-Kosaken, einen Aufruf an sämmtliche Bewohner der Donufer, worin er zu einem allgemeinen Landsturme gegen die Alliirten aufruft. Die Hauptstelle darin lautet:

„Liebe Kameraden! Die bitteren Feinde unseres geliebten Landes haben Besitz genommen von unsern Befestigungen in Kertsch, sind vorgedrungen in’s asow’sche Meer und drohen, unsere Küsten zu verwüsten. Euer Hetman rief Euch schon voriges Jahr um Euern Beistand an, um die Eindringlinge zu vertreiben. Jetzt ist die Stunde gekommen, dem Feinde die Unbezwinglichkeit Eurer Arme zu zeigen. Hat jemals ein Feind von außerhalb über Rußland gesiegt? Nein! So laßt uns denn rüsten, dem Feinde in einer Weise zu begegnen, wie sie dem Kaiser gefällt, und wie sie unsern Mitbrüdern als Muster von Tapferkeit und Selbstverleugnung dienen kann. Meine Freunde, bringt mit Euch so viel Waffen und Lebensmittel als möglich. Bei Eurer Ankunft hier (in Neu-Tscherkask) werdet Ihr mit Munition versehen und findet uns bereit, unser tapferes Corps zu verstärken.“ Nach einigen Details über Formirung von Colonnen und die Art der Märsche schließt der Aufruf: „Eilt hierher, Freunde! Eilt zu den Waffen, zur Vertheidigung Eures Landes und zum Ruhme unsers geliebten Kaisers!“

Die Gartenlaube (1855) b 493.jpg

Kosaken-Offizier und Tochter.

Man sieht, daß an den freiwilligen Patriotismus der Kosaken-Bevölkerung appelirt wird, so daß es scheint, als halte man selbst in Rußland die freie Vaterlandsliebe für wirksamer, als die sonst übliche Zwangsaushebung zum Soldatendienste. In Bezug auf die Kosaken wird das auch ganz besonders richtig sein. Sie sind von Natur gar nicht so außerordentlich tapfer und russisch-patriotisch, als wofür sie gelten und wie sie’s auch geworden sind, aber Rußland hat ihnen von jeher, seitdem sie ihre Unabhängigkeit verloren, besondere Tapferkeit und romantischen Patriotismus zugetraut und nachgerühmt. Dadurch sind sie tapfer und patriotisch geworden. Von Natur sind die Kosaken ganz liebenswürdige und kreuzfidele Leute, sonst aber nichts Apartes, sondern im Gegentheil alles Mögliche, namentlich in Bezug auf Abstammung und Race: Circassier, Russen, Malo-Russen, Tartaren, Griechen, Polen, Türken, Calmücken, Armenier und (ich möchte wetten) auch deutsche Schneidergesellen, eine Verknäuelung aller möglichen türkisch-russischen, russisch-tartarischen und chinesisch-mongolischen Misch- und Grenzvölker, deren Unzufriedene und Flüchtlinge sich in den ungeheuern Steppen Südrußlands zu verschiedenen Zeiten niederließen und am Don und andern Flüssen des asow’schen und caspischen Meeres mit der Zeit zusammenfanden. Die Abgeschlossenheit von der übrigen Welt, die Gemeinsamkeit in Leiden und Freunden des Kampfes mit der Natur, die natürliche Heiterkeit und Gutmüthigkeit der meisten Zweige des mongolischen Menschenstammes (insofern sie noch nicht durch künstliche Barbarei demoralisirt wurden) ließ bald aus deiser Mischung ein eigenes nationales Kosakenthum erwachsen, dessen Hauptcharakterzüge in Geduld und Ausdauer, Schnaps oder besser Punsch und heiterer Geschwätzigkeit, Tanz- und Gesangslust bestehen. Wer sich lebhaft vorstellen kann, was eine Steppe ist, wird in derselben leicht die [494] Mutter und Erzieherin dieser nationalen Charakterzüge und Tugenden erkennen.

Die neueste und beste Kunde von den Kosaken haben wir bis jetzt aus Herrn Wagner’s Reisewerke, und dieser verdankt das Beste einem Kosaken-Major, den er traf, und mit welchem er auf das Liebenswürdigste plauderte, wobei der Major so viel Punsch trank, wie kaum zehn ausgepichte deutsche Trinker zu einem Katzenjammer brauchen würden. Das alte, rohe, lustige Kosakenthum beschränkt sich nach seiner Behauptung jetzt auf die Steppen zwischen dem Don und der Manytsch und die Ufer des Sal. Im Hauptorte der Don-Kosaken, Neu-Therkask und südlich vom Don haben sich die Laster der Civilisation, Bankerott, Betrug, Unterschleif, Spiel, Champagner, Ehebruch und Ausschweifung eingefunden, aber nicht die Tugenden der Kultur. Nur im Innern der Steppen ist der Kosake noch Kosake: ein breitschulteriger, fast über den ganzen Körper behaarter Riese, auf dem Pferde und in Hütten von Stroh und Schilf oder unter Zelten lebend und weiterziehend, wenn Weide und Wild erschöpft sind. Die Kalmücken zwischen den Don- und Schwarze-Meer-Kosaken (am Kubanflusse herauf, der bei Anapa in’s asow’sche Meer mündet) machen jeden Herbst weite Wanderungen südlich, wie Zugvögel. Unter den Kosaken des schwarzen Meeres mit dem Hauptorte Ekoterinodar hat der benachbarte Krieg mit kaukasischen Stämmen fast alle ehemalige Ursprünglichkeit vertrieben.

Die Don-Kosaken waren und behaupteten sich lange als freie, nomadische Wilde, deren Eigenthümlichkeit sich den spätern Beimischungen mittheilte. Ungeheuere, unbegrenzte Steppen waren ihre freies, communistisch-gemeinsames Eigenthum, so daß sich keine Muschiks (leibeigene Bauern) und keine aristokratischen Grundbesitzer bilden konnten. Jeder konnte beliebig als Tscherednik oder Tabuntschik oder als Tschaban[1] durch die unaufhörliche Ebene streifen und nach seinem Willen und seiner Kraft leben. Kein Pschilt und kein Tschofokott [2] befindet sich unter den Kosaken.

Der Major erzählte besonders enthusiastisch die Heldenthaten seines Großvaters aus der Familie der Iguroffs, die als natürliche Aristokraten verehrt wurden, weil sie alle Kosakentugenden am Vollendetsten darstellten: sie waren Giganten von Gestalt und Kraft, Liebhaber schöner Pferde und Mädchen, die heroischsten Schnapstrinker, die geschicktesten Tänzer und ausgezeichnetsten Sänger. Man kann sich daraus leicht das Ideal eines Kosaken zusammenfügen. Am Eigenthümlichsten und Schönsten sind die alten Nationaltänze und Gesänge der Kosaken: erstere wahre Wunderkünste von Gymnastik, Kraft, Grazie und elastischer Geschicklichkeit, letztere mit ihren Mollaccorden, die mit wilden Passagen und Cadenzen rasch abwechseln, herzergreifend und bald wildberauschend, bald elegisch erweichend. Von gegenwärtiger Wichtigkeit wäre es, etwas Näheres über ihr Abhängigkeitsverhältniß zu Rußland zu erfahren. Doch auch ohne bestimmtere Kenntniß läßt sich denken, daß sie, im Wesentlichsten frei gelassen und als Patrioten und Helden ganz besonders geschmeichelt und russisch enthusiasmirt, weder zu den Engländern, noch zu den Franzosen übergehen werden. Erstere können Niemandem schmeicheln, ohne sich zu blamiren, letztere haben besonders durch die Plünderung von Kertsch alle Chancen verloren. Aus Allem ergiebt sich, daß die Kosaken auf anständigere Weise zur Ehre Rußlands kämpfen werden, als Palmerston und Compagnie.

Um den Lesern Gelegenheit zu einer persönlichen Bekanntschaft mit Kosaken zu verschaffen, haben wir das Portrait eines Kosaken-Offiziers und das seiner Tochter, vom Fürsten Gagarin, an Ort und Stelle aufgenommen, beigefügt, deren Physiognomien und Tracht sind im Bilde, ohne Worte verständlich.



  1. Tscherednik = Rindviehtreiber. Tabuntschik = Pferdehirt oder Aufseher. Tschaban = friedlicher Hirt.
  2. Pschilt, der Sclave bei den Circassiern, Tschokott, der freigelassene Sclave, der aber zu den Works oder Adeligen in einem Abhängigkeitsverhältnisse bleibt, wie bei uns in der feudalistischen Zeit der Vasall und Schutzbürger zu dem Grundherrn.