Kurzer Ueberblick über die Industriezweige der Stadt Chemnitz

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Titel: Kurzer Ueberblick über die Industriezweige der Stadt Chemnitz
Untertitel:
aus: Album der Sächsischen Industrie Band 1, in: Album der Sächsischen Industrie. Band 1, Seite 4–5
Herausgeber: Louis Oeser
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Louis Oeser
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Erscheinungsort: Neusalza
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Kurzer Ueberblick über die Industriezweige der Stadt Chemnitz.




Bevor wir auf die specielle Darstellung der einzelnen Fabrikanlagen unseres Vaterlandes übergehen, halten wir uns im allgemeinen Interesse für verpflichtet, noch ein kurzgedrängtes Bild von Sachsens erster Fabrikstadt, Chemnitz, hinsichtlich ihrer Gewerbsthätigkeit zu geben, da sich das ganze industrielle Leben Sachsens daselbst, auf einen Punkt zusammengedrängt, am treuesten spiegelt, und wir doch später sehr oft werden Gelegenheit nehmen müßen, auf die einzelnen Etablissements dieser Stadt von Zeit zu Zeit zurückzukommen.

Die Zuversicht, mit welcher man auf die fortgehende Entwickelung der Chemnitzer Industrie zu blicken gewohnt ist, gründet sich namentlich darauf, daß Chemnitz seine Thätigkeit nicht, wie viele andere Industriestädte Sachsens, auf einen Zweig, sondern auf sehr verschiedene gerichtet hat, die theilweise von einander fast ganz unabhängig sind, so daß der Schlag, den manchmal einzelne Geschäftszweige empfinden, fast niemals alle trifft.

Diejenigen Gewerbe, durch welche Chemnitz schon im Mittelalter und bis zum dreißigjährigen Kriege als Industriestadt galt, haben entweder ganz aufgehört, wie die Tuchmacherei, oder eine ganz andere Gestalt angenommen, wie die Leinweberei und Bleicherei; die jetzt in Chemnitz blühenden Gewerbe sind sämmtlich Kinder der neueren Zeit. Als die hervorragendsten nennen wir die Buntweberei, die Strumpfwirkerei, in beider Dienste die Färberei, die Druckerei, die Maschinenspinnerei in Baum- und Schaafwolle, und den Maschinenbau.

Die Buntweberei ist allerdings aus der mittelalterlichen Leinweberei hervorgegangen, hat sich aber in neuerer Zeit ganz auf die Anfertigung schwerer, meist aus Baumwolle, Schaafwolle und Seide gemischter Stoffe geworfen. Hervorragend ist die Fabrikation bunter Damaste, sogenannter Möbelstoffe, Decken und Teppiche, wozu sich erst seit einigen Jahren Mäntel- und Kleiderstoffe, wie sie namentlich Glauchau und Meerane liefern, gesellt haben. Die leichteren Buntwaaren, wie Ginghams etc. werden zwar von Chemnitzer Verlegern in Arbeit gegeben, größtentheils aber auswärts, in Frankenberg, Mittweida, Lengefeld bei Zschopau und an andern Orten gefertigt, weil der zu geringe Lohn für den Chemnitzer Weber nicht ausreicht. Die Weberei ist meistentheils noch Hausindustrie, so daß die Weber in ihren Wohnungen die mit Jacquard-, Tritt- und anderen Hilfsmaschinen versehenen Stühle haben und die nach Muster und erhaltener Zuthat gefertigten Waaren an den Fabrikanten abliefern, aber es bestehen jetzt auch viele geschlossene Etablissements, in denen theils auf Handstühlen, theils auf mechanischen Webstühlen an Wasser und Dampf gearbeitet wird. So z. B. bei Robert Hösel und Comp., Wilhelm Matthes jun., Ufert und Eifler, F. W. Schott, L. und W. Voigt, Eduard Lochmann u. m. a. Hauptsächlich werden die Waaren im Orient und in Amerika abgesetzt. Ganz neu für Chemnitz ist die mechanische Flanellweberei von C. M. Fiedler.

Nächst der Weberei entwickelte sich aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts die Strumpfwirkerei, deren Arbeiter sich jedoch nicht in der Stadt, sondern in den Dörfern der Umgegend befinden, so daß nur die Verlagsgeschäfte, Appreturen und geschlossenen Etablissements in der Stadt selbst sind, während sehr bedeutende Verlagsgeschäfte auch in Stollberg (das Woller’sche, das größte Sachsens) Limbach, Grüna, Hohenstein etc. gefunden werden. Man fertigt größtenteils baumwollne, geschnittene Waare zur Ausfuhr nach Amerika. Limbach betreibt hauptsächlich die Anfertigung halbseidener und seidener Waaren. Mechanische [5] Rundstühle sind vorzüglich in Chemnitz und Stollberg im Gange; die Anfertigung regulärer Waare hat in der ganzen Umgegend durch die Einführung des Ule-Heinig’schen Strumpfstuhles einen neuen Aufschwung genommen.

Die Kattundruckerei begann ebenfalls schon im vorigen Jahrhunderte, und Chemnitz machte während der Continentalsperre solche Fortschritte, daß es längere Zeit hindurch in Deutschland alle Concurrenten überstrahlte. In den letzten dreißiger Jahren jedoch gingen die größern Fabriken aus falscher Rücksichtnahme auf die Arbeiter mit Einführung der Maschinen und der Massenfabrikation nicht kräftig genug vorwärts, so daß sie von Berlin und Großenhain überflügelt wurden. Die größte Fabrik, Pflugbeil u. Comp., hörte ganz auf, und wenn es auch noch sehr achtbare größere und kleinere Kattundruckereien giebt, unter denen die Firmen Wapler und Richter, Becker und Schraps, Pfaff und Sohn voranstehen, so werden sie doch an Massenhaftigkeit der Leistungen von Berlin etc. weit überboten. Dagegen hat sich der Wolldruck entschieden gehoben und mehrere jüngere Etablissements erfreuen sich eines trefflichen Geschäftsganges.

Mit dem Jahre 1800 begann in Chemnitz die mechanische Baumwollspinnerei, und nachdem die ersten Jahre der Privilegien vorüber waren, verbreiteten sich die Spinnfabriken über die ganze Umgegend und bis weit hinauf in’s Gebirge, allenthalben unbenutzte Wasserkraft aufsuchend. Im Weichbilde der Stadt befinden sich nur wenige Spinnereien, welche größtentheils, wie die von J. S. Schwalbe u. Sohn, G. W. Schmidt und Seifert u. Breyer an Dampf gehen, während von etwa 36 in der weitern Umgegend an der Chemnitz, Zschopau, Flöha, Mulde etc. gelegenen Spinnfabriken die Comptoirs und Niederlagen in der Stadt sind und die kaufmännischen Geschäfte von da aus betrieben werden. Der Garnhandel ist wie der Wollhandel (60,000 Ballen jährlich) sehr lebhaft, und es wird das hiesige Garn vorzüglich als Strumpfgarn in der Umgegend verarbeitet oder, als für die Weber bestimmt, in die Lausitz und nach Schlesien verschickt. In Strickgarn hat Max Hauschild einen europäischen Ruf. – Jünger als die Baumwollspinnerei ist die Kammgarnspinnerei, für welche sich in der Stadt zwei Fabriken befinden, während die große Solbrig’sche Anstalt in dem eine Meile entfernten Harthau betrieben wird. Streichgarn wird nur in der Flanellfabrik von C. M. Fiedler gesponnen.

Der jüngste, aber außerordentlich schnell zu hoher Bedeutung gelangte Hauptzweig des hiesigen Chemnitzer Gewerbsbetriebes ist der Maschinenbau, als dessen eigentlichen Gründer man den kürzlich verstorbenen C. G. Haubold sen. betrachtet, dessen Andenken in der nächsten Zeit durch ein Denkmal geehrt werden wird. Zunächst war der Maschinenbau ein Kind der Spinnerei, indem das Streben galt, gute Maschinen für Spinner zu liefern, und bis auf den heutigen Tag ist auch der Ruf der Chemnitzer Maschinenbauanstalten ganz vorzüglich auf ihre Leistungen für die Spinnerei begründet gewesen, da sie hierin unbedingt in Deutschland den ersten Rang einnehmen, während es im Bau von andern Maschinen vielfache und großartige Concurrenz giebt. Der Raum gestattet hier nicht, die Maschinen, welche jetzt in Chemnitz gebaut werden, alle zu nennen, und wir heben nur als charakteristisch neben allen zur Spinnerei gehörigen Maschinen die mechanischen Webstühle, die Werkzeug-Maschinen und die Locomotiven und Dampf-Maschinen hervor. Als die größten Etablissements nennen wir die von Richard Hartmann, Götze u. Comp., C. G. Haubold jun., C. F. Schellenberg, Const. Pfaff, J. S. Schwalbe u. Sohn, Louis Schönherr u. Seidler, Joh. Zimmermann.

Näheres geben wir bei Beschreibung einzelner Etablissements, wobei wir auch auf andere nennenswerthe Fabrikanlagen eingehen werden.

Und so beginnen wir den Reihen der einzelnen Etablissements unseres ruhmgekrönten Vaterlandes mit einer Anstalt, die ebenso merkwürdig und berühmt ist durch den fast fabelhaften Aufschwung, welchen dieselbe in einer kurzen Reihe von Jahren genommen hat, als durch ihren Besitzer, dessen Geist mit ächt deutscher Tiefe, Unermüdlichkeit und Gründlichkeit den rastlosen, durch und durch von seinem Zwecke und Ziele durchdrungenen, zäh und unbeirrt ausdauernden englischen industriellen Sinn verbindet! Es ist dies: