Laß dem Thoren seine Thorheit

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Textdaten
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Autor: Albert Ludwig Grimm
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Titel: Laß dem Thoren seine Thorheit
Untertitel:
aus: Lina’s Mährchenbuch, Band 1, S. 203–206
Herausgeber:
Auflage: 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1837]
Verlag: Julius Moritz Gebhardt
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Quelle: Exemplar der Staatsbibliothek Berlin auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[203]
5.
Laß dem Thoren seine Thorheit.

[204] Einst saßen etliche Affen in einer kühlen Frühlingsnacht in dem Garten eines Königs, und froren gewaltig; denn sie waren aus einem heißen Lande dahin gebracht, und waren der kühlen Witterung nicht gewohnt. Da fand einer ein Johanneswürmchen im Grase, und glaubte, weil es so hellen Schein gab, er könne damit ein Feuer anzünden. Darum zeigt’ er’s fröhlich den andern Affen, und sie sprangen vor Freuden in die Höhe, und jauchzten, und liefen herum, und sammelten dürre Blätter und dürre Reiser, und legten sie über das leuchtende Würmlein und bliesen aus vollen Backen, und meinten, es solle bald eine helle Flamme daraus in die Höhe flackern, daran sie sich wärmen möchten nach aller Lust. Die dürren Blätter wollten aber nicht Feuer fangen, wie lang sie auch darein bliesen. Da glaubten sie, es sey das Laub etwas feucht, und gingen hin, und sammelten trockene Grashalme, und legten derselben eine Hand voll über das Würmlein, und bliesen von Neuem mit großem Eifer. Aber auch die trocknen [205] Grashalme wollten nicht auflodern in wärmender Flamme. Sie glaubten aber noch nicht, daß die Schuld an dem leuchtenden Funken liege, denn sie dachten, sonst könne er nicht so hell schimmern, und glaubten, es fehle nur am stärkeren Blasen, und bliesen bald zusammen bald abwechselnd in Einem fort, und schrieen viel dazwischen, und verwunderten sich laut, daß das Feuer gar nicht brennen wolle.

Da weckten sie durch ihr Geschrei eine Nachtigall auf, die in einem nahen Busche schlief, und diese bemerkte das unnütze Geschäft der thörichten Affen. Und als sie es so lange fort trieben, da rief sie ihnen zu: „Was mühet ihr euch denn so vergeblich und unnütz? Ihr habt ja gar kein Feuer, und blaset doch als hättet ihr eine Kohle da drinnen. Der arme Wurm da drinnen wird nun und nimmermehr euer Feuer entzünden.“

Aber die Affen verhöhnten sie, und ließen sich nicht irren in ihrer Thorheit und bliesen von Neuem.

Da schalt sie die Nachtigall und sprach: „Ei, ihr thörichten Geschöpfe, so hört doch auf vernünftigen Rath. Setzet euch lieber in einer Ecke recht nahe zusammen, und wärmet euch einander mit eurer eigenen Wärme. Das arme Würmlein, das ihr zu Tode ängstet mit euerm Blasen, kann euch nicht wärmen.“

Aber die Affen bliesen fort und achteten nicht auf die

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Grimm Linas Maerchenbuch I 205aa.jpg

Laß dem Thoren seine Thorheit!

[206] Nachtigall. Da ärgerte sie sich über die hartnäckige Thorheit, und hüpfte von ihren Zweigen herunter und näher zu den Affen, und sprach in nicht kleiner Erbitterung: „O, ihr thörichtesten aller Thoren, die ihr nicht hört, was man euch gutmeinend räth, so hört doch auf. Seid ihr denn nicht alberner, als das albernste Geschöpf. Man schilt den Esel seiner Dummheit halber, aber ihr verdientet noch eher gescholten zu werden, denn ihr seid thöricht und albern und dumm, und noch eigensinnig und hartnäckig dazu.“

Das verdroß aber die Affen, und sie hatte es noch nicht ausgesagt, so griff schon einer hin, und faßte sie, und erwürgte sie mit seinen Fingern.

Aber die andern Affen freueten sich dessen, und sprachen: „das war Recht. Was geht es dich einfältige Nachtigall an? Wir haben ja für uns geblasen, und haben noch nicht verlangt, daß sie uns helfen sollte.“ Und darauf bliesen sie wieder von Neuem, und wenn es nicht Tag geworden und die Sonne[1] hervorgekommen wäre, da es denn wieder warm ward, so hätten sie fortgeblasen, und bliesen noch bis auf diese Stunde.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Sonnne