Lady Essex

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Autor: Theodor Fontane
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Titel: Lady Essex
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 209–218
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1851
Verlag: Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst.
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld und Commons
Kurzbeschreibung: Die Titelfigur des unvollendeten Gedichts ist die skandalumwitterte Frances Howard (1591-1632)
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[209]
     Lady Essex.


               (Fragment.)

                    1.

In England wüthen zwei Thyrannen:
Der König Jacob[1] und die Pest,
Und Jener immer raft von dannen,
Was diese noch am Leben läßt.

5
Gesetz und Recht – des Volkes Pathen

Sind jedes Höflings Spiel und Spott,
Schon seufzen gilt als hochverrathen,
Und führt zu Kerker und Schaffott.

[210]
Im Staube liegt die heilge Sache
10
Des Volks, und bettelt vor dem Thron,

Schon aber weben Haß und Rache
Dein Siegeskleid – Revolution.
Schon schlummert Er in goldner Wiege,
Deß Stirne jenen Stempel trägt,

15
Den auf des Mordgeweihten Züge

Von Jugend auf das Schicksal prägt;
Schon athmet Cromwell[2], schon allnachtens
Tritt Englands Zukunft vor ihn hin,
Und legt die Keime künftgen Trachtens

20
In seinen ruhmbegiergen Sinn;

Schon graut der Tag, nur noch ein Kurzes
So steigt die Sonne blutigroth,
Doch für die Zeichen nahnden Sturzes
Ist jede Fürstenseele todt.

25
     An Jacobs Hof drückt ihren Stempel

Die Lust noch auf jedwede Stirn,

[211]
Noch ist sein Schloß ein Bacchustempel:

Die Flasche gilt, es gilt die Dirn’;
Wohl rast die Pest, doch jedes Opfer

30
Scheint nur zu rufen: „Frisch gelebt!

Wer weiß es ob der Tod den Klopfer
Nicht bald an Deiner Thüre hebt.“
Es ist, als ob das nahe Sterben
Dem Leben tausend Reize leiht,

35
Man jagt um seine Lust zu werben;

Genuß“ ist Losungswort der Zeit.

     Bei Hof ist Ball; schau, – scheint nicht eben
Die Schönheit selbst daher zu schweben?
Wer anders kann sie sein die Schlanke,

40
Zu der, wenn sie vorüberrauscht,

Ein jeder Sinn sich und Gedanke
Hinneiget und gefangen lauscht!
An ihrer Schönheit stumpft der Hohn.
Mehr als ein König auf dem Thron,

45
[212]
Wenn seine Blicke zornig irren,

Vermag ihr Auge zu verwirren;
Das bloße Flattern ihrer Locken
Macht schon des Höflings Zunge stocken,
Und selbst der Neid auf den sie späht,

50
Bewundert solche Majestät.


     Was ist’s, das bis in’s tiefste Herze
Selbst das Geschmeiß am Hof durchbebt,
Wenn anmuthvoll, mit leichtem Scherze,
Die Lady Essex näher schwebt!

55
Ist es das junogleiche Haupt,

Was jeder Brust den Athem raubt?
Ist’s jener Tugend hoher Geist
Der selbst die Spötter schweigen heißt,
Und Ehrfurcht auch von dem ertrotzt,

60
Der schier von allen Lastern strotzt?

Wie oder ist es nur ein Grauen,
Das sich in alle Herzen bahnt,

[213]
Weil man die finstren Mächte ahnt,

Die ihr im Busen Hütten bauen?

65
So ist’s! ein Ahnen flüstert leis:

All dieser Stolz ist Aetna-Eis,
Ist Lüge, die zu leugnen strebt
Die Lavagluth, die drunter lebt.


                    2.

     Der Herbst ist da; die Lust zu jagen

70
Lockt aus der Stadt nach Windsor-Schloß,

Und jetzt, vorbei an Heck und Hagen
Braust Jacob und sein Jägertroß.
Welch Leben das! die Rosse schäumen,
Die Meute klafft, die Pfeife gellt,

75
Der Wald erwacht aus seinen Träumen,

Und schauert, wenn ein Opfer fällt.
Schon dunkelt’s; doch das Blutvergeuden

[214]
Es dauert fort bis in die Nacht,

Bis Dürsten nach des Mahles Freuden,

80
Dem Durst nach Blut ein Ende macht.


     Heim ruft das Horn; bald in den Räumen
Des Schlosses lärmt man beim Bankett,
Man zecht, und statt der Rosse Schäumen,
Schäumt Wein und Freude um die Wett:

85
Toaste schallen hunderttönig,

Der Wein verschwistert Alt und Jung,
Und lüstern bringt zuletzt der König
Den Damen seine Huldigung.
„Die Schönen hoch!“ Der trunkne Alte

90
Er ruft’s, und blinzelt durch den Saal,

Sie aber, der sein Hoch erschallte,
Die Lady Essex fehlt beim Mahl.

     Indeß der königliche Zecher
Umsonst nach ihren Zügen gafft,

95
[215]
Leert sie den gifterfüllten Becher

Zurückgewiesner Leidenschaft.
Sie, die bei tausend Huldigungen
Ihr Herz mit kaltem Stolz bewehrt,
Sieht jeden Sieg, den sie errungen

100
In Niederlage jetzt verkehrt.

Umsonst, daß sie die Sinnenliebe
So lang bemeistert und gebannt,
Jetzt höhnen sie die eignen Triebe
Und[3] des Geliebten Widerstand.

105
     Sie ist allein; sein Bild betrachtend

Wächst wild die Gluth in ihrem Hirn,
Und eine Wolke legt sich nachtend
Um die gebieterische Stirn.
Wohl eine Wolke, doch nicht solche

110
Die sich in Wehmuthsthränen löst,

Nein, die des Zorns, die Blitzesdolche
In des Verhaßten Seele stößt.

[216]
Sie zürnt; und doch – ihr ist als riefe

Die Hoffnung Muth in ihre Brust,

115
Und aus des Auges dunkler Tiefe

Blickt mit dem Zorne dann – die Lust.

     Noch hängt sie, vor Verlangen zitternd,
An seinem Bild mit ganzem Blick
Dann aber, wie sich selbst verbitternd,

120
Ruft sie: „welch arm – erträumtes Glück!

Was soll dies kindische Betrachten,
Und dies Bewundern Zug um Zug?
Unwürdig mein und zu verachten
Ist dieser schale Selbstbetrug.

125
Ich will ihn selbst; mag leben – träumen

Eins sein in der Vergangenheit,
So lang der Freude Becher schäumen
Fühlt man den Reiz der Wirklichkeit.
Die sei’s!“

130
[217]
      Und hinter Teppichwänden,

Hervor aus wohlgeborgnem Schrank,
Nimmt rasch sie den aus Kupplerhänden
Heut erst erkauften Liebestrank.
Ihr Auge glüht; „nun denn Phiole,

135
Wenn voll du jener Zaubermacht,

Die selbst aus todtgebrannter Kohle
Noch neue Liebesflammen facht, –
Dann wirst du den gebornen Gluthen
Anweisen auch den rechten Lauf,

140
Und badend mich in Feuerfluthen

Geht mir ein neues Leben auf.“

     Sie spricht’s; – im Geiste weiter bauend,
Das Fläschchen in gekrampfter Hand,
Stutzt plötzlich sie, sich selbst erschauend

145
Genüber in der Spielgelwand.

Es ist als fasse sie ein Staunen

[218]
Vor ihrem eignen Ebenbild,

Sie hört den Stolz im Busen raunen:
Du bist es, draus Dir Rettung quillt!“

150
Sie hört’s, – hinklirrt das Glas in Scherben,

„Fahr wohl! – Du kümmerlicher Saft
Sollst nicht um Herzen für mich werben,
Und spotten meiner eignen Kraft.
Traun, ob der alte Höllenmeister

155
Auch selber Dich bereitet hätt’,

Ich biete Dir und ihm die Wett’;
Nur fort der letzte Rest von Lüge,
All Schein und Maske fahre hin,
Sehn soll er meine wahren Züge,

160
Und siegen werd’ ich, wie ich bin.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. König Jakob I. von England
  2. Oliver Cromwell
  3. Uud Vorlage