Land und Leute/Nr. 24. Im Krugbäckerland

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Im Krugbäckerland
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 108, 110–111
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 24: Rheinische Keramik
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Keulse potten.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[108]
Land und Leute.
Nr. 24. Im Krugbäckerland.
I.

Es war Sonnabends und gerade am 1. December, als ich nach dem Frühstück meinen kleinen, gemüthlichen, hart am Rhein winkenden Gasthof „Zur Lorelei“ in Coblenz verließ und einen niedlichen Dampfer bestieg, der mich nach dem eine halbe Meile stromabwärts und auf dem anderen Ufer gelegenen preußischen Städtchen Vallendar brachte. Es ist ein kleines, schmutziges, Städtchen mit etwas Schifffahrt und einigen Tuchfabriken, die aber noch in Folge des Krieges darniederlagen. Ohne Aufenthalt durchschritt ich die engen Gassen und verfolgte zum Thore hinaus die alte unchaussirte Landstraße, die gleich hinter der Kirche ziemlich steil mehrere hundert Fuß hoch hinansteigt. Schon der Berg, an welchen sich Vallendar lehnt, reizte meine Aufmerksamkeit [110] und Bewunderung durch seine theils schneeweißen, theils rindfleischrothen Thonschichten, und wie ich weiter wanderte, sah ich, daß der ganze Boden rings umher dieselbe Beschaffenheit zeigt. Der Weg lief durch ein Wäldchen, und als ich wieder in’s Freie trat, hatte ich die ehemalige nassauische Grenze passirt und damit das Krug- oder Kannenbäckerland erreicht, welches sich am südwestlichen Abhange des Westerwaldes ausbreitet, den größten Theil der Aemter Selters und Montabaur einnimmt, mehrere Quadratmeilen umfaßt und durch eine besondere Industrie weit und breit berühmt ist.

Hier wohnen nämlich in zwölf meist großen Dörfern über zweihundert Thonwaarenfabrikanten, sogenannte Krug-, Kannen-, Weißwaaren- und Pfeifenbäcker, die alljährlich an 260,000 Centner Waaren im Durchschnittswerthe von 1,600,000 Gulden anfertigen und diese über Europa und nach Amerika versenden. Dort zur Rechten lag unten im Thale Grenzhausen, wie man mir sagte, das bedeutendste unter den zwölf Dörfern, und das heutige Ziel meiner Reise. Aus einer Menge von Schloten in den blauen Winterhimmel hohe, schwarze Dampfsäulen entsendend, die oben zusammenflossen und niedersinkend das ganze Dorf umwallten, schien es in Feuersgefahr und ich erwartete jeden Augenblick die rothen Flammen hervorbrechen zu sehen. Rings umher auf den kahlen Feldern erhoben sich zahlreiche Pyramiden, von zusammengestellten langen Stangen erbaut, über deren Bedeutung ich im Unklaren blieb, bis ich hinterher erführ, daß es Hopfenstangen seien. Alle andern Feldfrüchte werden im Krugbäckerland nur für den eigenen Bedarf angebaut, Hopfen dagegen wird in bedeutenden Quantitäten ausgeführt und kommt merkwürdigerweise von Köln und Mainz wieder herein.

Man hatte mich an einen Herrn W. Blum den Zweiten gewiesen, der als Großhändler und Fabrikant zu den ersten und wohlhabendsten Industriellen des Landstrichs gehört. Ich fand in ihm einen schlichten, hageren, aber wohlerhaltenen Sechsziger und einen äußerst scharfen Kopf, der mir über seine Heimath die beste Auskunft gab und dabei auch seine Lebensgeschichte berührte.

Er war noch vor dreißig Jahren ein armer Krugbäcker gewesen, welcher für seine Waaren nur mühsam Absatz fand. Mit diesen pflegten seine Handwerksgenossen den Rhein auf- und abwärts zu den Messen der nächsten Städte zu fahren und, wenn sie Glück hatten und Alles verkaufen konnten, zu Fuß wieder heimzukehren. Blum wagte sich mit einer Ladung von Kannen und Krügen nach Amsterdam, fand jedoch keine Käufer, worauf er unverzagt weiter ging und über die See nach Ostfriesland und Oldenburg schiffte. Das Wagniß gelang; er schlug den ganzen Vorrath los und erhielt weitere Bestellungen, die er nach seiner Heimkehr rasch besorgte und spedirte. Fortan verfolgte er diese Reisen und dehnte sie immer weiter aus; die Aufträge vermehrten sich derart, daß er sie allein nicht mehr ausführen konnte, sondern Anderen mit übertragen mußte. Endlich gab er die eigene Fabrikation ganz auf und betrieb das Geschäft rein kaufmännisch, indem er großartige Lieferungen von Thonwaaren übernahm, mit deren Anfertigung er die Krug- und Kannenbäcker rings umher beschäftigte. Gegenwärtig handelt er mit diesen und ähnlichen Artikeln bis Petersburg und nach Amerika; daneben betreibt er eine Knochenmühle und Erdfarben- (Ocker-) Fabrik für Tüncher und Anstreicher. Von seinen Mitbürgern verehrt und geschätzt, saß er 1848 bis 1851 in der Kammer und ist zur Zeit Mitglied der Limburger Handelskammer. Sein Beispiel ist nicht ohne Nachfolge geblieben. Jetzt reisen viele der größeren Kannenbäcker entweder selbst, oder halten besondere Reisende für ihr Geschäft.

Die Thonindustrie im Krugbäckerlande reicht bis in’s vierzehnte Jahrhundert zurück. Anfangs war sie nur Häfnerei, d. h. es wurde blos gemeines irdenes Topfgeschirr angefertigt, bis man sich seit dem sechszehnten Jahrhundert ausschließlich auf Steinzeug warf. Die Krug- und Kannenbäcker waren zu Zünften verbunden, die der Entwickelung des Gewerbes enge Schranken zogen. So wurde die Gattung der Waaren, die jeder zu backen bekam, durch’s Loos bestimmt, die Zahl der Gebäcke, über die kein Meister hinausgehen durfte, von der Zunft festgesetzt. Das fertige Gebäck ward von den Zunftvorstehern besichtigt und das Mangelhafte ausgeschieden. Der Preis aber für die Waare wurde nach Anhören der Zunft von der Landesregierung festgesetzt. Trotz dieser hemmenden Schranken stand im sechszehnten und zu Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts die Kannenbäckerei in großem Flor, weil damals das gemeine Steinzeug die Stelle des Porcellans vertrat und, wie dieses heute, als Luxusgegenstand diente. Eine schöne Sammlung von Gefäßen aus jener Zeit, die sich durch Güte, Accuratesse und geschmackvolle Verzierungen auszeichnen, befindet sich auf Burg Stolzenfels. Mit dem Jahre 1816 hörte der Zunftzwang auf und es traten die Krug- und Kannenbäcker zu Innungen zusammen, welche in den verschiedensten Dörfern gemeinsame Thongrubenfelder als Eigenthum oder in Belehnung besitzen.

Als ich Herrn Blum verlassen hatte, führte Herr Müller, der evangelische Pfarrer des Orts, ein kleiner noch junger und flinker Mann, mich mit großem Eifer von Haus zu Haus und damit von Werkstatt zu Werkstatt, denn das Dorf zählt unter zwölfhundert Bewohnern gegen vierzig Thonwaarenfabrikanten nebst ihren Gehülfen, Lehrlingen und Familien.

Einige fertigen nur Krüge, welche theils an die Mineralwasserbrunnen gehen, theils nach den Ostseehäfen kommen, wo sie mit Genèvre gefüllt und dann in alle Welttheile, besonders nach Amerika versandt werden. Die Zahl der Krugbäcker im ganzen District beträgt über hundert, welche fast mit ebenso vielen Gesellen arbeiten und jährlich an zehn Millionen Krüge fabriciren. Die Krugbäcker, von denen nur vier in Grenzhausen wohnen, sind unter ihren Collegen die Plebejer. Ihre Waare, welche nur geringe Kunstfertigkeit, aber verhältnißmäßig große Auslagen an Thon, Salz und Holz erfordert, wird äußerst schlecht bezahlt – tausend Krüge mit sechsunddreißig Gulden, wovon fast zwei Drittel baare Auslagen sind – und muß öfters um Spottpreise verschleudert werden; namentlich hat der amerikanische Krieg sie sehr niedergedrückt. Die Krugbäcker essen häufig „vorgegessenes Brod“, d. h. sie leben von Vorschüssen, und der Verdienst ist schon verzehrt, ehe die Waare abgeliefert wird.

Die Kannenbäcker, deren Zahl im ganzen District etwa zweiundzwanzig beträgt, fertigen nur sogenanntes Maßgut, steinerne Bierkannen, wie sie in Süddeutschland, vorzüglich in Baiern, massenhaft in Gebrauch sind. Sie werden nach dem Gemäß des Landes gemacht, woher sie bestellt sind. Nach Hessen, Frankfurt etc. gehen bauchige Bierkrüge von einem halben bis zu einem Maß, welche in den Wirthschaften dem Gast nebst Trinkglas vorgesetzt werden; über ganz Deutschland birnförmige Krüge bis zu sechs Maß haltend, die in den Wirthschaften zum Heraufholen des Getränks aus dem Keller, in den Haushaltungen zur Aufbewahrung des Trinkwassers, Essigs etc. verwendet werden. Man sucht die Kannen so weiß wie möglich zu backen und verziert sie mit Malereien von Smalte. Seit einer Reihe von Jahren werden auch in Metallformen gepreßte Kännchen mit erhabenen Bildern fabricirt, die oft sehr schön gerathen und meist den Gambrinus, Scenen aus Wilhelm Tell, des Jägers Tod etc. vorstellen.

Die vielen Haushaltungsgefäße, welche die größere Masse des Steinzeugs bilden, werden von den Fabrikanten gefertigt, die ihr Product Weißwaare nennen, gegen achtzig im Ganzen. Dazu gehören die Milch- und Einmachtöpfe vom kleinsten bis zum Gehalt von zehn Maß, Küchengefäße und Schüsseln jeder Façon und Größe; ferner Wichstöpfe, Gefäße für Apothekerwaaren und Chemikalien, Ballons für Säuren, Wulf’sche Flaschen-Retorten, endlich Fässer.

„Diese Fässer,“ sagte Pfarrer Müller, „können noch eine große Zukunft haben. Es ist ein Lieblingsproject von mir, steinerne Lagerfässer für Wein herstellen und einführen zu lassen; in ihnen würde der Wein weder zehren noch absterben, mithin, wenn er in’s Faß gefüllt ist, durchaus keine Nachbehandlung mehr nöthig haben.“

Die Weißwaaren- und Kannenbäckerei bewegt sich in günstigern Verhältnissen. Unter diesen Fabrikanten finden sich viele wohlhabende Leute: gar manche mögen wohl einen Besitz von zehn bis zwanzig Tausend Gulden haben.

Der Thon, aus welchem das hiesige Steinzeug gemacht wird, findet sich fast in allen Gemarkungen des Krugbäckerlandes, gewöhnlich acht bis vierzig Fuß unter der Erde und sieben bis dreißig Fuß mächtig. Als Thongräber ernähren sich wohl über hundert Männer. Man verarbeitet rothen, gelben, blauen und weißen Thon; die drei ersten Sorten zu Krügen, besonders die blaue, weil sie die fetteste ist; die weiße zu Kannen und Weißwaaren. Der Krugbäcker verarbeitet den Thon am liebsten so frisch, wie er aus der Erde kommt; die andern Fabrikanten lassen ihn erst unter luftigen Schuppen trocknen oder „edel“ werden. [111] Das Stampfen und Kneten des Thons geschieht noch mit Füßen und Händen, eine überaus harte, anstrengende Arbeit. Ebenso werden die Geschirre vom sogenannten „Wirker“ auf der gewöhnlichen Drehscheibe noch aus freier Hand geformt. Das Garbrennen der Waaren geschieht in einigen Fällen durch Steinkohlen, meistens aber durch Holz, welches hier in hohem Preise steht; die Weißwaarenbäcker haben bisher nur Holz mit Erfolg verwenden können.

Zwischen den Fabrikanten und ihren Gehülfen und Dienstleuten besteht noch ein patriarchalisches Verhältniß, letztere nennen die Herrschaft „Vetter“ und „Base“. Dieselbe Vertraulichkeit waltet auch zwischen dem Pastor und seiner Gemeinde ob. Er redet die Männer und Frauen meist bei ihrem Vornamen, die jüngeren sogar mit „Du“ an, während die Kinder auch von ihm als vom „Pastors Vetter“ sprechen und seine Frau „Pastors Base“ tituliren. Dagegen ist, wie er mich versicherte, der Umgang zwischen Eltern und Kindern entschieden ein zu vertraulicher. Weil die Kinder mit den Eltern stets zusammen sind, werden sie in alle Verhältnisse eingeweiht und schon früh um Rath gefragt. Es kommt vor, daß bei gewissen Familienereignissen die Mutter sich vor dem Unwillen des vierzehnjährigen Sohnes fürchtet.

„Im Uebrigen,“ sagte der Pfarrei, „kann ich den Krug- und Kannenbäckern in Grenzhausen und in den andern evangelischen Dörfern das beste Zeugniß ausstellen. Sie sind sehr arbeit- und sparsam, letzteres bis zum Geize; mäßig und nüchtern, ehrlich und bieder; die Kaufleute in Vallendar borgen einem Grenzhäuser auf das bloße Wort. Man findet unter ihnen viel Neigung zur Lectüre; die Gartenlaube wird in den meisten Familien gehalten. Die Kinder werden fleißig zur Schule geschickt, und wenn es die Mittel erlauben, läßt man ihnen gleich oder hinterher einen gehobenen Unterricht privatim ertheilen. Die im katholischen Nachbardorfe Höhr schicken ihre Söhne sogar auf belgische Institute, freilich oft blos des Namens halber. Gegenwärtig ist unter den Kannenbäckern der Ehrgeiz verbreitet, ihre Söhne als einjährige Freiwillige in die preußische Armee treten zu lassen, was indeß, obwohl es bekanntlich mit den Anforderungen gar leicht genommen wird, häufig dennoch an dem Mangel der nothwendigsten Vorbildung scheitert.

Vom Aberglauben ist, da die religiöse Anschauung der Bevölkerung im Allgemeinen eine rationalistische, im Krugbäckerlande gar nicht die Rede, weder in den protestantischen noch in den katholischen Dörfern. Diese letztern gehörten früher zum Kurfürstenthum Trier, jene zu den Fürstlich Wied’schen Besitzungen. Grenzhausen ist seit 1564 protestantisch, wo sich Hermann, Erzbischof von Köln und Fürst von Wied, für die neue Lehre erklärte. Noch heute ist hier viel Anhänglichkeit verbreitet an das Haus Wied, namentlich auch an den gegenwärtigen Fürsten Hermann, der bekanntlich ein geistvoller Philosoph und Schwager unseres entthronten Herzogs ist. Sonst hat das Krugbäckerland in Trachten, Sitten und Gebräuchen ebensowenig etwas Eigenthümliches bewahrt wie andere Fabrikdistricte: auch hier hat die Industrie Alles nivellirt.“

„Wie aber stehen die protestantischen Dörfer zu den katholischen?“

„Nur in gewerblicher Hinsicht waltet zwischen allen Dörfern mancherlei Eifersüchtelei und Ueberhebung ob; die Confession hingegen hat uns erst in neuester Zeit und dann auch nur mittelbar getrennt. Der katholische Pfarrer im benachbarten Höhr ist mein Duzbruder, wir besuchten uns gegenseitig und standen im freundschaftlichsten Verkehr. Starb in Grenzhausen ein Katholik, so begleitete ich die Leiche bis an das Kirchhofsthor, wo mir mein katholischer Amtsbruder entgegentrat; wir reichten uns die Hände und ich überlieferte ihm den Sarg. Dieses schöne Verhältniß hat aber der jüngste Krieg zerrissen; die protestantischen Dörfer nahmen für Preußen, die katholischen für Oesterreich und den Bund Partei. Seitdem ist zwischen Grenzhausen und Höhr ein Riß eingetreten, und der katholische Pfarrer hat allen Umgang mit uns abgebrochen, vielleicht weil der Bischof ihm denselben verboten. Es ist mir aufrichtig leid!“

Dann kamen wir wieder auf die Industrie des Ortes zu sprechen, die ich, insofern sie einen ganzen District erfüllt und darin allein herrscht, als eine höchst merkwürdige und wichtige rühmte.

„Und dennoch hat ihr der Herzog, der doch nur über ein kleines Ländchen gebot, welches er in Einem Tage durchreisen konnte, während seiner ganzen Regierung nie einen Blick geschenkt,“ sagte der Pfarrer. „Wie oft hat er in Montabaur, eine Stunde von hier, gejagt; aber nie ist er nach Grenzhausen gekommen! Und doch hätte gerade die Thonwaarenfabrikation, die Tausenden von Menschen Beschäftigung und Existenz gewährt und noch einer weit größeren Ausdehnung fähig ist, die Aufmerksamkeit und Pflege der Regierung verdient.“

„Wie Ihnen schon selber nicht entgangen sein wird,“ fuhr er fort, „tritt die Industrie zum größten Theile noch heute wie vor hundert Jahren im Gewande des Handwerks auf, und wenn schon die Krug- und Kannenbäcker sich ‚Fabrikanten‘ nennen, ist von einem fabrikmäßigen Geschäftsbetrieb noch wenig die Rede. Dazu fehlt es ebenso sehr an Capitalien wie an Speculationsgeist. Allwöchentlich geht unser Rohthon in Hunderten von Wagen an den Rhein, um in auswärtigen Fabriken verarbeitet zu werden; ein Beweis, welch’ vortreffliches Material wir besitzen und daß durch die massenhafte Ausfuhr der hiesigen Bevölkerung kein geringer Arbeitsverdienst entzogen wird. Die Ausbeutung des Thones selbst wird in der unverantwortlichsten Weise betrieben. Wenn nach Willkür Gruben aufgeworfen, einige Wochen ausgebeutet und, sobald dieselben mit Einsturz drohen oder sich Wasser zeigt, wieder zugeworfen oder liegen gelassen werden, so ist das ein Raubsystem, welches zum Mindesten den Nachtheil hat, daß das ausgezeichnete Material nicht in dem Maße gewonnen wird, wie es sein sollte. Noch mehr läßt die Bearbeitung des Thones und die Anfertigung der Geschirre zu wünschen übrig. Beides könnte durch Anwendung von Maschinen weit leichter, billiger und besser geschehen. Gerade dadurch nimmt die englische Thonindustrie einen so hervorragenden Rang ein, da es niemals möglich ist, aus freier Hand Gefäße in solcher Vollkommenheit und Güte zu drehen, wie es Maschine und Preßeinrichtung thun. Unsere Industriellen müßten ihre Söhne nach Frankreich und England schicken, um die dortige Fabrikationsweise kennen zu lernen. Ueberhaupt fehlt es unseren Bäckern an theoretischer und künstlerischer Bildung. Man kennt hier noch nicht die Anwendung des Cements, und die Gefäße sind in Folge mangelhafter Anfertigung zu sehr dem Schwinden, Zerreißen und Zerspringen ausgesetzt. – Auch die Construction der Brennöfen ist noch eine sehr mangelhafte, indem sie ein zu großes Heizungsmaterial erfordern und eine Unmasse Holz als dicken schwarzen Rauch entweichen lassen, unter neun bis zehn Klaftern Holz ungefähr eine ganze Klafter. Es müßten Musteröfen gebaut, eine Musterfabrik angelegt werden, welche die Fortschritte in Technik und Wissenschaft zur allgemeinen Kenntniß und Anschauung brächten. Es müßten die gesammten Fabrikanten zu einer Association zusammentreten, um den Thon gemeinschaftlich graben und bearbeiten zu lassen, um auf gemeinsames Lager zu arbeiten und den Verkauf durch eine Commission betreiben zu lassen. Das würde die Ausdehnung und Hebung der Industrie schnell und ungemein fördern. Aber zu Alledem gehört Geld und die Initiative der Regierung. Was diese sonst noch in äußerer und localer Hinsicht für uns thun kann, sollen Sie morgen im Gewerbeverein, den ich Ihretwegen zusammenberufen will, von den Fabrikanten selber hören.“