Pius des Neunten Leben und Gewohnheiten

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Pius des Neunten Leben und Gewohnheiten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 111–112
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[111] Pius des Neunten Leben und Gewohnheiten. Ist man auch kein Anhänger des Papstthums, so hat doch vielleicht eine Schilderung des Lebens und Treibens Pius’ des Neunten für Manchen Interesse, da derselbe einer der trefflichsten und wohlmeinendsten, wenn auch nicht kräftigsten Vertreter des Papstthums und aller Wahrscheinlichkeit nach der letzte Nachfolger Petri auf dem apostolischen Stuhle sein dürfte. Der erste Papst, der heilige Petrus, bestieg den heiligen Stuhl im Jahre 34 nach Chr. Geb., der letzte Papst, Pius der Neunte, wurde im Jahre 1846 gewählt. Er ist jetzt ein schöner Greis von vierundsiebenzig Jahren, der sich im weltlichen Leben Johann Maria von Mastai-Ferretti nannte und am 13. Mai 1792 zu Sinigaglia geboren wurde. Anfangs hatte er die Absicht, sich dem militärischen Stande zu widmen, doch wählte er dann den geistlichen Beruf und wurde nach mehrjährigen gefahrvollen Missionsreisen von dem damaligen Papste Leo dem Zwölften zum Director eines dem heiligen Michael geweihten Hospizes ernannt; im Jahre 1827 wurde er Bischof von Spoleto. Sein Vorgänger, Papst Gregor der Sechszehnte, machte ihn 1832 zum Erzbischof von Imola und verlieh ihm 1840 die Cardinalswürde. Was man ihm sonst auch vorwerfen möge, so lassen sich ihm doch die mildesten [112] echt christlichen Tugenden mit der würdevollsten Einfachheit verbunden, nicht abstreiten, die ihn im Verein mit vielem Unglück zu einer wirkliche Theilnahme erweckenden Erscheinung machen.

Pius der Neunte besitzt eine kräftige Constitution, seine Gestalt reicht über die Mittelgröße, er hat eine breite Brust, kleine, volle Hände und sein Gang ist langsam, aber selbst bei den feierlichsten Gelegenheiten einfach und ungezwungen. Der mächtige Kopf mit den regelmäßigen, harmonischen Gesichtszügen läßt auf seltene Fähigkeiten schließen; die hohe, breite Stirn ist von reichem, silberweißem Haar umkränzt. Beim ersten Anblick bringt das Antlitz des Kirchenfürsten durch den Ausdruck von freundlicher Güte einen überwältigenden Eindruck hervor. Die Züge sind überaus einnehmend und haben durchaus nichts Gewöhnliches oder gar Abstoßendes an sich. Die Nase ist nicht groß, aber adlerartig und ideal geformt; der Schnitt des Mundes, der sich mehr nach dem vorstehenden Kinn zuneigt, ist eigenthümlich, da man inmitten der Unterlippe gleichsam einen vertieften Einschnitt bemerkt. Die ganze rechte Seite des Körpers ist etwas schwächer als die linke: die rechte Wange ist weniger voll, das rechte Auge mehr verschleiert durch das Augenlid, das rechte Ohr hat einen Einschnitt, was jedenfalls einem Unfalle in der Kindheit zuzuschreiben ist. Das ganze Gesicht wird wundersam beleuchtet durch den Glanz und den leutseligen Blick der großen schwarzen Augen.

Jeden Tag steht der Papst des Morgens halb sieben Uhr auf, im Sommer wohl noch etwas früher. Er ist gewöhnt, sich in vielen Dingen selbst zu bedienen, und rasirt sich daher auch selbst. Ueberhaupt hat er gar keine aristokratischen Gewohnheiten beigehalten, als den Geschmack für eine außerordentliche Reinlichkeit. Um halb acht Uhr liest er die Messe in seinem Oratorium, dann wohnt er einer von einem der Hauspriester gelesenen Messe bei, so daß um halb neun Uhr seine priesterlichen Pflichten beendigt sind. Nachdem er die Seele durch Gebet gestärkt hat, ist sein Geist frei und gesammelt für die Arbeiten des Tages. Er verläßt die Capelle und nimmt ein leichtes Frühstück ein, das in Biscuits und einer Mischung von Kaffee und Chocolade besteht. Jetzt erhalten der Majordomus, der Oberstkämmerer und die Geheim-Secretäre ihre Anweisungen über die Audienzen und Verwaltungsangelegenheiten. Dann erscheinen auf den Seitengalerien des Vaticans die Beamten und Bittsteller und bald darauf kommen die Staatsminister, Cardinäle, einige Klostervorsteher, sowie Gesandte oder Fremde, die dem Papst vorgestellt zu sein wünschen, zur Audienz. Der Papst empfängt Alle ohne Ausnahme in seinem Arbeitscabinet, welches mit der strengsten Einfachheit möblirt ist. Die ganze Einrichtung besteht in einem großen Tisch, auf dem sich ein Crucifix und ein Schreibzeug befindet, einem Armstuhl, auf dem der Papst selber sitzt, und einem andern, der für den Gast bestimmt ist.

Um drei Uhr ist die Empfangszeit zu Ende und der heilige Vater begiebt sich in den Speisesaal im rechten Flügel, der die Aussicht auf den Monte Cavallo hat. Dieser Saal ist sehr groß und enthält blos einen mit rothem Sammet bedeckten Tisch nebst einem Armstuhl, welche auf einem erhöhten Tritt stehen und von einem Baldachin mit dem päpstlichen Wappen überragt werden. In Rom speist der Papst, dem Herkommen gemäß, stets allein, nur auf dem Lande, z. B. in Frascati oder Albano, empfängt er einige Cardinäle und Prälaten bei Tisch. Der Haushalt der letzten Päpste war schon immer sehr einfach und ihre Tafel höchst frugal; unter Gregor dem Sechszehnten kostete dieselbe täglich drei römische Thaler und Pius der Neunte, welcher für seinen Tisch als Erzbischof und Cardinal täglich blos einen Thaler ausgab, ist dieser Gewohnheit auch als Papst treu geblieben, natürlich nur, wenn er allein speist. Nach der Mahlzeit zieht er sich in sein Schlafzimmer zurück, wo er sich eine kurze Siesta vergönnt; um vier Uhr steht der Wagen bereit, der ihn auf’s Land führt, wo er gewöhnlich eine Stunde lang spazieren geht, um dann um sechs Uhr bereits wieder im Vatican einzutreffen. Jetzt setzt er sich nieder zur Arbeit, die er nicht vor halb elf Uhr unterbricht; nach einem Gebet und einer Betrachtung in seinem Oratorium zieht er sich dann in sein Schlafgemach zurück, während sein Hausminister eingeführt wird, der jeden Abend beim Schlafengehen des Papstes zugegen sein muß. Er unterhält ihn dabei mit Neuigkeiten und Auskünften über innere Angelegenheiten; wenn Pius der Neunte nicht mehr antwortet, schließt der Minister die Bettvorhänge und geht, nachdem er sich zuvor noch überzeugt hat, daß der Diener des Papstes, welcher in dem Zimmer neben dem Schlafcabinet schlafen muß, auch wirklich zugegen ist.

Bei den früheren Päpsten war es Gebrauch, im Sommer bei großer Hitze stets Sorbet, Gefrorenes und andere Erfrischungen in Fülle bereit zu halten, und die Ueberraschung Pius’ des Neunten war groß, als er einst kurz nach seiner Erhebung zum Papst eine Orangenlimonade verlangte und die Diener mit einer ganzen Masse verschiedener Erfrischungen und Backwerk erscheinen sah. Nachdem er dies Alles zurückgeschickt, ließ er sich ein Messer und eine Orange geben, deren Saft er selbst in ein Glas drückte, während er strenge befahl, ihm ferner nichts Anderes zu bringen, wenn man ihn nicht erzürnen wolle. Diese Einfachheit und Enthaltsamkeit beobachtet Pius der Neunte in Allem, was seine Person betrifft. Seine Leibwäsche war noch lange Zeit dieselbe, welche. er in Imola als Bischof besaß; nach fünfzehnmonatlicher Regierung besaß er nichts Neues als die Soutane, welche er sich gleich nach seiner Ernennung zum Papste anfertigen ließ, und dieser Rock aus weißem, feinem Cashmir zeigte bei der außerordentlichen Reinlichkeit eines Besitzers keine andere Flecken als die Spuren einiger Körnchen Schnupftabak, wovon der heilige Vater reichlichen Gebrauch macht. Wenn alle katholischen Geistlichen diesem ihrem Oberhaupt an Milde, Einfachheit und Sittenstrenge glichen, so stände es besser um die katholische Kirche, und um die gesammte Welt!