Land und Leute/Nr. 25. Das Höllenthal

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ludwig Steub
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Höllenthal
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 148-152
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 25
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[148]
Land und Leute.
Nr. 25. Bilder aus dem Schwarzwald. Von Ludwig Steub.
I. Das Höllenthal.

„Ja, ja,“ sagte der fürstliche Rath zu Donaueschingen, als wir den weitem Reiseplan beriethen, „wenn Sie da hinunterkommen über St. Blasien nach Herrischried und Rickenbach – das sind die rechten Hotzennester!“

Am andern Morgen fuhren wir auch wieder von Donaueschingen fort und dachten nicht weiter an die Hotzen; dagegen beschäftigte uns die Anschauung der Landschaft, welche allmählich bedeutender zu werden begann. Einem Touristen, der es gut mit sich selber meint, soll es zwar überall gefallen, aber es kommt ihm doch schwer an, alle Vergleichungen fern zu halten. Bisher hatten wir uns wenig auf’s Bewundern verlegt, da wir noch immer der letzten Wanderungen in anderen Gebirgen eingedenk waren. Auf dem hohen Rechberg und dem Hohenstaufen war zwar, wie uns dünkte, viel Wald und Feld, aber sonst wenig Erhebliches zu sehen, – den hohen Neuffen und den Hohenzollern hatte es verregnet, – die gewöhnliche Landschaft an der Straße her schien nur gewöhnlichen Anforderungen genügend, – die kleinen würtembergischen Städtchen mit ihren ungepflasterten Straßen und

[149]
Die Gartenlaube (1868) b 149.jpg

Vor dem Stern der Hölle.
Nach der Natur aufgenommen von Theodor Pixis.

[150] den traurigen schiefstreichenden Häuschen mit den schlottrigen Riegelwänden und den schadhaften Hohlziegeldächern darüber gefielen mir auch nicht recht, obgleich ich mir immer vorsagte, daß schon viele berühmte Männer daraus hervorgegangen. Mein Reisegefährte dagegen behauptete, daß sie sehr malerisch und lobenswerth seien, glaubte auch, viele stille Sitze junger Liebe und häuslicher Glückseligkeit da zu entdecken. Das einnehmendste von allen Gebäuden schien mir das Posthaus zu Urach, welches mir durch seine classische Verpflegung die innigste Achtung abgewann.

Nicht ohne provincielle Schönheit ist auch das Donauthal von Sigmaringen aufwärts, wo sich an dem langsam fließenden Strome die abenteuerlichsten Felsen aufbauen und hoch am Berge die alten Vesten stehen. Nur daß wir auf den Rath eines besondern Naturfreundes auch das Schloß Wehrenwag bestiegen, will mich fast heut noch reuen. Für liebe Gäste wird da nämlich der steilste und unbequemste Weg gewählt, um ihnen zu zeigen, wie die Sigmaringer steigen können. In furchtbarer Hitze kamen wir ganz durchnäßt oben an, um ein Glas bitteres Bier zu trinken, das ausgeleerte Schloß zu besehen und eine Aussicht zu bewundern, die auch nicht lohnender war, als die kleinen Beduten im Thale. Nach einer Stunde auf einem kaum fußbreiten schlüpfrigen Geisweglein, wo jeder Fehltritt an’s Genick ging, wieder hinunter, tiefer und immer tiefer, bis wir wieder auf der Straße waren, mit gebrochenen Knieen, durch und durch in Schweiß gebadet, Rock und Schuhe zerrissen – die Table d’hôte in Beuron und den Omnibus in Friedingen versäumt! Es ist oft nichts bedenklicher, als die Liebenswürdigkeit der Gastfreunde! Wenn der Wanderer eben vom Rigi herunterkommt, führen sie ihn noch auf den Gänsebühel hinterm Dorfe: wenn er gerade die Adelsberger Grotte besehen, muß er auch noch irgend einen Dachsbau im Stadtwäldchen bewundern!

Endlich hatten wir aber auch den Schwarzwald gefunden! Die volksthümliche Geographie ist bekanntlich viel schwerer zu erlernen, als die gelehrte. Ihre alten, von dem Zahn der Zeit und dem Roste der Jahrhunderte angefressenen Länder haben oft einen Mittelpunkt, aber keine Grenzen. Von dem oberschwäbischen Allgäu z. B. weiß man wohl, daß es um die alte Reichsstadt Kempten herum liegt, aber wie weit es sich in’s hügelige Schwaben heraus erstrecke, kann man nicht leicht erfragen. Auch die berühmte Stadt Augsburg galt den Aelteren als im Ries (in Rhätien) gelegen, während die Neueren diese Landschaft nur um Nördlingen zu finden glauben. Es gab eine Zeit, wo ich selbst noch der Meinung war, das gelehrte Tübingen liege im Schwarzwalde, aber als ich diese berühmte Universitätsstadt erreicht hatte, deutete man da in unbekannte Gegenden gegen Abend und sagte, er müsse wohl da drüben sein. In Hechingen hieß es, man gehöre zum Fürstenthum Hohenzollern, in Sigmaringen rühmte man sich, im Donauthal zu liegen, und überall sprach man in einem Tone, als sei man ängstlich, mit den westlichen Nachbarn verwechselt werden, und als sei überhaupt Niemand zu beneiden, den die Vorsehung zum Schwarzwälder bestimmt. Erst in Tuttlingen trafen wir einen bescheidenen Posthalter, welcher auf die Frage, wo denn endlich der Schwarzwald anhebe, nach einigem Besinnen zur Antwort gab: mit vollem Bewußtsein könne er das nicht sagen, aber er mache sich nicht viel daraus, wenn man ihn für einen Schwarzwälder halte. Dies war ein willkommener Anhaltspunkt für unsere volksthümliche Geographie – endlich waren wir doch, wo wir schon längst sein wollten.

Der besondere Reiz dieses Waldgebirges, sein Eigenthümliches und Ueberraschendes ging uns aber doch erst auf in der Hölle. Diese ist eine enge Schlucht, drei Stunden von Freiburg, im wilden Gebirg gelegen, ehemals sehr steil und unwegsam, jetzt aber durch die Arbeit der letzten Menschenalter ganz angenehm hergestellt, mit seiner Straße belegt, mit guten Wirthshäusern ausgestattet. Es kommt viel reisendes Volk daher, welches betrachten will, wie das Thal immer wilder und schauerlicher wird, wie die Dreisam mit lautem Geräusch über die Felsenblöcke schäumt, die steinernen Wände immer steiler und schroffer emporstarren und zuletzt der Schlund so enge zusammengeht, daß einmal vor uralten Zeiten in schwindelnder Höhe oben von einem Felsenvorsprung ein Hirsch zum andern sprang, wovon die Spalte jetzt noch der Hirschensprung heißt.

Von hier aus wird auch der Feldberg bestiegen, der Rigi des Schwarzwaldes. Wir wollen nicht verheimlichen, daß wir eigentlich seinetwegen in die Hölle gefahren. Aber der Himmel war nicht günstig und wir überlegten lang, ob wir den Gang wagen, auf schönere Stunden warten oder den Wanderstab wieder weiter setzen sollten, als plötzlich ein junger Gelehrter aus dem Norden mit junger Frau und Schwester des Weges kam, alsbald nach einem Führer rief und den Gedanken auszuführen begann, der uns hierher gebracht. Obgleich wir selbst im Lauf der Zeiten, was Reisepflichten betrifft, etwas nachlässig und von laxer Observanz geworden sind, so wissen wir doch an Andern Gewissenhaftigkeit zu schätzen und konnten daher dem zierlichen Kleeblatt unsere Hochachtung nicht versagen, als es den schlängelnden Bergpfad rüstig hinanstrebte, ja selbst dann nicht, als es nach etlichen Stunden wieder ganz erschöpft herniederstieg und die Botschaft brachte, daß es zwar auf der Höhe gewesen, aber der vielen Nebel wegen gar nichts gesehen habe.

Nicht als ob wir in dieser langen Zeit immer nur dem lauten Geräusch der schäumenden Dreisam gelauscht, die schroffen Wände angestarrt oder dem Spiel der Wolken zugeschaut – im Gegentheil: wir hatten uns, als wir vom Hirschensprung wieder rückwärts gegangen, bald unter das gastliche Dach des „Sterns“ zurückgezogen, des schönsten Sterns der Hölle, und hatten uns zu trösten versucht. Seit uns (dies ist aber kein emphatischer Plural, sondern schließt immer meinen Herrn Reisegefährten, den Maler, mit ein) – seit uns der einst so wunderschöne Blick in die deutsche Zukunft etwas umnebelt scheint, legen wir überhaupt auf Fernsichten nicht mehr so viel Werth. Eine helle Wirthsstube mit freundlichen Leuten gewährt uns oft mehr Vergnügen, als ein trübes Panorama auf ragender Bergeshöhe, und die Einsicht in ein nahes klares Glas Wein ersetzte uns schon manchmal zu voller Genüge die Aussicht auf einen fernen verschleierten Gletscher. So thaten wir uns denn in der Hölle so gütlich wie möglich, gern verzichtend auf die Freuden des „Himmelreichs“, welches ein anderes Wirthshaus ist, das weiter unten liegt. Hier auch kamen endlich in voller Lebhaftigkeit jene berühmten Forellen des Schwarzwaldes an uns heran, jene schmackhaften Fische, nach denen wir bisher an Neckar und Donau vergeblich gefragt hatten. Und selbst wenn wir uns nur an’s Fenster legten, hatten wir des Schönen genug zu schauen: die lange Steig, an der wir heruntergekommen, die sich aus und ein an den weiten Falten des Berges zu Thale zieht, – steile, doch grüne Berghänge, die der Schwarzwald krönte, rothe Felsenwände, da und dort aus dem Grase stechend, Sturzbäche verschiedener Art, – im engen Thale dagegen, gleich über der Straße, die stattliche Scheune mit vorspringendem Dache, den glänzenden Fenstern, der schmucken Altane, auf welcher sich die Nelken wiegten, Alles zierlich in Holz gearbeitet und mit seinen Farben bemalt.

Am Fuße der steilen Halde steht eine kleine gothische Capelle, mitten in einem kleinen Ziergärtchen, von gelbem Geländer geschützt. An ihrer Seite strömt der braune Bach, der sich mit anständigem Zürnen über die Steine wirft und dabei selbstverständlich weiß aufschäumt – angenehme Rundschau, zwar klein beisammen, aber doch groß genug, um uns die Aeußerung abzugewinnen, daß wir endlich einmal in eine Gegend gekommen, welche abzumalen der Mühe werth wäre. Die traurigen Riegelwände waren seit gestern fast verschwunden. Man sieht da mehrentheils wohlständige, kernhafte Gebäude Mit alpenhaften Vordächern oder solche, die im hölzernen Schuppenpanzer glänzen. Dieses und auch das Innere der Häuser, die wir heute schaulustig betraten, erinnerte mit holder Macht an die stattliche Reinlichkeit des Bregrenzer Waldes.

Während wir so am Fenster schauten, geschah es, daß wir plötzlich hinter unserm Rücken ein englisches Gespräch erklingen hörten. Sollte Herr Benjamin Disraeli oder Lord John Russell mit Dienerschaft unangemeldet im Stern erschienen sein? Ach nein, es war nur der Wirth vom Bärenthal und der von Todtnau, die sich in fremder Sprache über ihre häuslichen Angelegenheiten zu unterhalten begannen. Der Schwarzwälder geht nämlich gern auf Reisen, um die Länder der Welt zu sehen, besucht auch die britischen Inseln, lernt die Sprache, die man dort gebraucht, arbeitet, thut sich um, erwirbt sich Ehre und Gold, kehrt dann wieder in seinen dunklen Tannenforst zurück, und wenn er da einen Andern findet, der’s auch versteht, so stimmt er ein englisches Zwiegespräch an, welches Beide in der Uebung erhält und Niemanden beleidigt.

Der eine der Wirthe mit seinem fein rasirten Kinn und den [151] mächtigen wohlgepflegten Whiskers war einem wahren Engländer auch zum Sprechen ähnlich, obwohl bescheidener, als ein solcher gewöhnlich sein mag, der andere aber, auch wenn er englisch sprach, blieb ganz und gar der einfache und redliche Wirth von Todtnau, ein sehr gefälliger dienstbereiter Mann, der mir keine Ruhe ließ, bis ich mich auf sein Wägelchen setzte und mit ihm gratis ein paar Stunden dahin rollte.

Diese Gegend in der Hölle hat sich auch unser Herr Maler auserwählt, um einen weidlichen Holzstock damit zu bezeichnen. Die Landschaft ist, wie Jeder, der hingehen will, sich überzeugen wird, mit Portraitähnlichkeit getroffen. Die ragenden Felsen und die schwarzen Tannen bedürfen keiner Erklärung. Das alte vorzeitliche Kirchlein, welches wir absichtlich noch nicht erwähnt, ist Sanct Oswald geweiht, dem angelsächsischen König, von dem das Mittelalter so wunderliche Mähren zu erzählen wußte. Unter dem kleinen Gotteshaus ist an der Straße ein Kleeblatt von Steinhauern angebracht, ein Manns- und zwei Weibsbilder, an welchen das Drahtvisir, das ihr Antlitz vor den springenden Splittern schützen soll, als ethnographische Merkwürdigkeit nicht zu übersehen ist. – Der untere Theil des Bildes stellt eine Gartenlaube dar, welche an der Seite des Sterns zu finden ist. Der perlende Wein im Glase scheint anzudeuten, daß man guter Dinge ist und sich eines angenehmen Sommerabends erfreuen will. Die beiden hübschen Mädchen sprechen für sich selbst und geben meiner Auslegung keinen Raum. Nur für unachtsame Beschauer wäre allenfalls die Bemerkung zu spendiren, daß sie in der schmucken Landestracht erscheinen. Der Freund und Begleiter, der Maler und Zeichner, ist an dem Skizzenbuche und dem Griffel, den er in der kunstreichen Hand hält, leicht zu erkennen. Seine Haltung ist durchdrungen von jener Güte und Milde, welche er dem anderen Geschlecht entgegenzubringen pflegt und welche selten ohne gleichgestimmte Erwiderung bleibt. Rückwärts sitzt ein Anderer, der eben in einem Gespräche mit der hochachtbaren Frau Wirthin begriffen ist, an welches sich diese aber schwerlich mehr erinnert. Wir erkennen darin den Verfasser dieser Schilderungen, der sich zwar mit seinem alternden Haupte ungern in Holz schneiden läßt, aber in diesem Falle von seinem Begleiter freundlichst gebeten wurde, seine Gestalt, wie sie immer auch sein möge, dem Publicum nicht vorzuenthalten, vielmehr in dieser Zeichnung eher eine Abschlagszahlung auf künftige Unsterblichkeit zu sehen. Letzteres Motiv ließ die Bitte begreiflichermaßen ganz unwiderstehlich erscheinen.

Von der Hölle wieder rückwärts gehend, kamen wir in hochgelegene Landschaften, an den Titösen, nach Lenzkirch, an den Schluchsee und dann hinunter in ein tiefes enges Waldthal, welches sehr berühmt ist. Wer von seiner Jugend an in Büchern gelesen, der hat da wohl auch öfter den Namen Sanct Blasien gefunden. Nun gut, hier unten liegt es, das alte Stift, im kühlen Waldesschatten. Schon vor mehr als tausend Jahren, war da an der Alb eine kleine Zelle, die von den edlen Herren der Gegend immer mehr begabt und bereichert wurde. Einen eigentlichen Namen hatte sie noch nicht, sollte aber bald einen erhalten. Sonst sehnt sich zwar jeder gute Christ für die Zeit, wo er das Zeitliche gesegnet, nach Ruhe und Frieden im stillen Grabe, aber ihren Heiligen hat die Christenheit ein solches nie vergönnen wollen. Diese mußten vielmehr in den frommen alten Zeiten nach ihrem Tode immerdar herumfahren in der Welt wie die gesuchtesten Colonialwaaren und da ein Fingerlein, dort ein Armbein, hier einen Zahn, da einen Fuß zur Verehrung zurücklassen. Diese Knochen wurden dann in Gold gefaßt und zeigten sich sehr heilkräftig.

Gegen Hochgewitter, Mißwachs, Feldmäuse, schwere Geburten und Anderes wußte man fast kein besseres Mittel. Wie es den Heiligen einst bei der Auferstehung gehen wird, z. B. dem heiligen Dionysius, wenn er das eine Bein in St. Denis und das andere in Regensburg suchen muß, oder dem heiligen Sebastian, dessen Hirnschale drei Male vorhanden ist, nämlich zu Ebersberg, zu Laon und einmal – unwissend wo – in Italien, oder dem heiligen Marcus, welcher einen Leib zu Venedig und einen zweiten zu Reichenau im Bodensee liegen hat – wie es da ergehen wird, sag’ ich, das kann Niemand voraussehen und es ist daher am besten, sich den Kopf nicht darüber zu zerbrechen. In besagter Weise war aber dazumal auch St. Blasius mit allen seinen Gebeinen auf der Wanderschaft. Er kam aus Cappadocien, wo er Bischof zu Sebaste gewesen und ein Märtyrer für den Glauben geworden war. Uns dem langen Wege von Cappadocien bis in den Schwarzwald hatte er vielleicht schon manche entbehrliche Gliedmaßen abgegeben, aber in der Hauptsache war er doch noch leidlich beisammen, so daß ihn die Mönche in jener kleinen Zelle um Geld und gute Worte einhandelten, dem Kloster seinen Namen gaben und ihn selbst bei den Schwarzwäldern in große Verehrung brachten. Dieses soll im neunten Jahrhundert geschehen sein. In denselben Tagen auch wurde das Kloster zu einer Abtei erhoben, welche immer kräftiger emporblühte, reich, mächtig und sogar gelehrt wurde. Zahlreiche Privilegien der Kaiser und der Päpste erhöhten ihren Glanz; auch an schönen Titeln und Würden fehlte es nicht. Seit Jahrhunderten schon durfte der Abt die Insul tragen, von Bondorf nannte er sich einen Grafen und saß dafür im Reichstage; Maria Theresia, die Kaiserin, erhob ihn aber noch höher, nämlich in den Fürstenstand des heiligen römischen Reiches, und ernannte ihn zu des Hauses Oesterreich Erberzhofcaplan.

Die einsamen Benedictiner von St. Blasien haben sich immerdar fleißig auf die Wissenschaften, namentlich auf die Geschichte verlegt. Ambrosius Eichhorn und Trutpert Neugart gaben im vorigen Jahrhundert sehr schöne Urkundenbücher heraus, in denen schon mancher Geschichtsforscher emsig herumgeblättert hat.

Ich freute mich auf die alte Abtei, die einst so viel Ruhm und Glück, freilich auch manche Noth und Kümmerniß erlebt, und da ich hin und wieder auch Romantiker bin, so konnte ich den Augenblick kaum erwarten, „wo das Kloster aus der Mitte düstrer Linden sah“. Zwei spitze Thürme, altersgrau, melancholisch, mit gothischen Fenstern, meinte ich, würden da bald hervorbrechen, die aus dem finstern Walde ahnungsvoll gegen Himmel ragen und ein harmonisches Geläute ergießen möchten über Berg und Thal.

Aber als wir um die letzte Ecke bogen, stand plötzlich das Pantheon vor uns, das römische Pantheon, täuschend nachgeahmt, zum Sprechen getroffen und in den Schwarzwald verpflanzt, mit riesiger Kuppel und einem blinkenden Kreuz darauf. „Pfui,“ rief ich, „das geht ja nicht – dieses Pantheon paßt ja in diese Gründe, die der Jagd und Viehzucht geweiht sind, eben so wenig wie eine Almenhütte in die Gärten des Vaticans! Gebt mir doch, ihr Vandalen, das alte Kloster heraus mit seinen verschwisterten Spitzthürmen, den hohen Dom mit den gemalten Fensterscheiben und dem ästereichen Säulenwald, den düstern Kreuzgang mit dem gebrochenen Lichte, das durch die Hollunderbüsche streicht und mystisch auf die alten Grabsteine mit den schönen Helmzierden fällt! Gebt mir das alte Kloster wieder und stellt diesen neuen geruchlosen Prachtbau irgendwo anders auf, etwa auf der grünen Haide bei München, wo er sich in den griechisch geschwängerten Lüften viel heimischer finden, wo er auch seinen ebenbürtigen Nachbarn begegnen und keiner fühlenden Seele im Wege umgehen wird, wie hier.“

Der Himmel war wieder trübe und die Luft sehr kühl. Das Pantheon schien zu frieren und uns selber wurde es auch nicht warm. In die Kirche gingen wir zwar, doch fanden wir sie so weiß und so leer, wie ein neuangestrichenes Heumagazin. Es kann da nicht gut beten sein, denn wie zum Trinken, so wünscht der Deutsche ja auch zu seiner Andacht ein gewisses traumhaftes Helldunkel. Sonst ist nichts zu sehen.

Da die Mönche ihre Alterthümer zuerst nicht achteten, die Grabmäler und die Gebeine ihrer Stifter auf den Mist warfen und sich von einem Franzosen des letzten Jahrhunderts diese Kuppel hersetzen ließen, so ist auch über ihre Neuerungen wieder der Gräuel der Verwüstung gekommen. Das kupferne Dach ist längst herabgehoben und lebt jetzt nur ganz unkenntlich in den Kupferkreuzern fort, welche zu Karlsruhe daraus geschlagen worden sind (es ist durch ein neueres aus Zinkplatten ersetzt). Auch die vielbewunderte Orgel flötet jetzt in der badischen Hauptstadt ihre Engelsstimmen. Desselben gleichen sind dahin auch verschiedene Marmorsäulen gegangen. Die gelehrten Benedictiner flüchteten sich nach St. Paul in Kärnthen, nahmen viel Geld und Kostbarkeiten, auch Handschriften und Codices mit. Wo aber der Leib des cappadocischen Heiligen geblieben, das kann ich aus meinen dürftigen Quellen leider nicht entnehmen.

Aus der Mönchscaserne ist im Lauf der neueren Zeiten eine Baumwollspinnerei geworden; ihrer Maschinen tiefe Stimme ersetzt jetzt die verstummte Orgel und schnurrt in melancholischen Klängen durch die Waldeinsamkeit. In den weiten Klosterhöfen sprießt [152] reichliches Gras, Breitwegerich und Schöllkraut. Im ganzen Orte, wenn man ihn nach allen Richtungen durchstreift, sieht man nicht so viel Seelen wie an der Table d’hôte im dortigen Gasthofe. Es sollen dies aber fast lauter Beamte sein, vom großherzoglichen Oberamte, alle sehr fleißig, welche, wenn sie den Löffel weglegen, sogleich wieder zu regieren anfangen.

Drum saßen wir denn alsbald ganz allein an dem leeren Tischtuch. Alsbald zog auch eine unauslöschliche Sehnsucht nach einer beliebigen Ferne in unsere Herzen ein, und so eilten wir denn, das entgötterte Heiligthum so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Kaum daß wir noch unsere Zeche bezahlten und vom Wirthe Abschied nahmen. Eine gleiche Langweile, wie in St. Blasiens Schatten, hatte ich in diesem Leben noch nicht empfunden. Ich fühlte mich immer leichter, je mehr das tiefe Schnurren der Maschine verhallte, und als auch das blinkende Kreuz hinter dem Walde verschwunden, war es gerade, als wäre mir eine ganze kupferne Kuppel vom Herzen gefallen.

Nach Höhenschwand ging damals unser Weg – nach Höhenschwand, welches so zu sagen der Berg Nebo ist, von dessen Gipfel aus man das ganze Land Canaan (V. Mos. 34), nämlich die Schweiz und alle ihre Alpen vom Jura bis hinüber zu den Tiroler Bergen übersehen kann. Die Schweizer halten ungemein viel auf diese Aussicht, obgleich sie noch auf großherzoglich badischem Boden gelegen ist; sie ziehen oft clubweise herauf, um sie zu genießen, sie zeichnen sie kunstgerecht und beschreiben sie, so gut sie können, kurz sie lassen ihr die sorgfältigste Pflege angedeihen, wie einem theuren Hausschatz und edlen Kleinod.

Auch wir waren schon im Voraus befangen von ihrem mächtigen Eindrucke und zogen wohlbewaffnet einher mit Augengläsern, Opernguckern und verschiedenen Fernröhren. Aber als wir auf dem Belvedere, das eine Viertelstunde vom Dorfe gelegen ist, angekommen waren, sahen wir nichts als einen ungeheuren Wolkenvorhang, welcher vor der schönen Helvetia stand und uns alle ihre Reize, wie man zu sagen pflegt, neidisch verhüllte. Die untergehende Sonne beschien ihn wohl mit sanften Strahlen, er wurde auch gelb und roth davon, aber er erhob sich nicht. Nur da und dort, gerade über dem Horizont, sah man in weitester Ferne etliche silberne Flocken durchschimmern, fast wie zerrissene und zerstreute Zindelstücke. Das waren die Jungfrau, das Finsteraarhorn und andere Celebritäten. Die Basaltkegel des Hegau dagegen waren unverschleiert und deutlich sichtbar. Nachdem wir aber so viel erwartet hatten, wollten wir uns gar nicht herablassen, auch diese noch zu bewundern.

„Ein schmerzhafter Tag!“ seufzte da der Maler. „Diese langweilige Klosterfabrik und dieses langweilige Belvedere mit seiner unsichtbaren Aussicht! Jetzt, da ich mit der Natur kein Glück habe, gäbe ich Alles für einen kurzweiligen Menschen, namentlich, wenn er eine Nationaltracht anhätte, so daß man ihn ordentlich zeichnen könnte.“

„Ja, da müssen Sie,“ sprach ein Bauer, der auf dem nächsten Felde arbeitete, „nach Immeneich hinuntergehen, da isch e Hotz!“

„Hotz – Hotz – Hotz,“ wiederholte der Maler, „haben wir das Wort nicht schon gehört? ,Herrischried und Rickenbach, das sind die rechten Hotzennester,’ sagt’ es nicht der fürstliche Rath zu Donaueschingen? Auf, laßt uns hinuntergehen nach Immeneich, zum Hotzen, mich drängt das Herz, den Biedermann zu schauen!“

Also nach Immeneich zum Hotzen!