Land und Leute/Nr. 28. Eine Bergpredigt in Franken

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Autor: unbekannt
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Titel: Eine Bergpredigt in Franken
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aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 587–589
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 28
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Land und Leute.
Nr. 28. Eine Bergpredigt in Franken.


Je landschaftlich interessanter ein Terrain, desto reicher gestaltet sich das Bild, welches sich dem Auge darbietet; da nun aber das Auge nicht in todter Weise das Gebotene aufnimmt, sondern durch dieses Organ ein gemüthlicher und seelischer Proceß vermittelt wird, so ist es nur natürlich, wenn der Gebirgsbauer ein reicheres Gemüthsleben besitzt, als sein Nachbar auf der Ebene, während ihn immerhin die auf das Praktische gerichtete und zugleich mühsame Thätigkeit genügend vor romantischer Sentimentalität bewahrt. Der fränkische Jura insbesondere, jenes zwischen der Altmühl und dem Maine, etwa von Eichstädt im Süden bis gegen Baireuth im Norden streichende Kalkgebirge, mit seiner mannigfaltigen Scenerie, den zerklüfteten Felsen, den wechselnden Waldbeständen und durchschnitten von lieblichen Thälern, giebt dem Gemüth mannigfache Anregungen, die sich auch, dem Gesagten entsprechend, in dem äußeren Leben der Bewohner farbiger widerspiegeln, als dies in der Ebene der Fall ist, und hin und wieder eine Blüthe treiben, welche uns durch ihre Eigenartigkeit überrascht.

Solche Blüthen sind die vielen Bergfeste, Bergkirchweihen, Bergpredigten, welche sich über das ganze Gebirge vom Hesselbis zum Staffelberge, in katholischen wie in protestantischen Gegenden, verbreiten und auch an Höhen haften, auf welchen die Capelle, die einst den Anlaß dazugegeben, längst zerstört oder in Trümmer zerfallen ist. Im protestantischen, ehemals Nürnberger Lande der Hersbruck-Altorfer Jurabucht sind es besonders das Arzloher Bergfest auf der Hubirg, wo der Geistliche von Pommelsbrunn in den Ruinen einer Capelle Predigt hält, und vor Allem die sogenannte Keilberger Kirchweih auf einer Höhe zwischen Altorf und Hersbruck, welche das schöne Thal von Henfenfeld bis Offenhausen abschließt. Hier ist, obschon von der Capelle selbst, die im sechszehnten Jahrhundert abbrannte, nur noch der Thurm stehen blieb, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts regelmäßig am Sonntag nach Kilian Gottesdienst gehalten worden. Da nun aber bei jeder Capelle ein Wirthshaus stehen muß und nach löblich deutschem Brauch kein Ding von Bedacht ohne einen Trunk vorgenommen werden kann, so fließt neben der Quelle geistlicher Erquickung die Quelle braunen Gerstensaftes, und an ihrem Ufer wachsen allerhand liebliche Früchte, die wir uns jetzt näher besehen wollen.

Rüsten wir uns denn zur Bergfahrt, um, von Nürnberg ausgehend, an dem ländlichen Feste Theil zu nehmen. Der wolkenlose Himmel verspricht einen herrlichen Tag, und so eilen wir mit dem ersten Frühzug der Ostbahn dem lieblichen Ottensoos zu, das sich im Glanz der Morgensonne erfrischend vom Hintergrund duftiger Berge abhebt. Durch Wälder, funkelnd im Lichte der Morgensonne, über Hutungen, bestanden mit mächtigen Eichen, führt uns der Fußpfad einen mäßigen Rücken hinunter nach Engelthal, und kurz vor diesem Orte auf die gute Districtsstraße, der zur Seite zwischen Erlengebüsch ein munterer Forellenbach rauscht. Bewaldete Berge ziehen sich auf beiden Seilen hin, und malerisch breitet sich quer dazwischen hinein das genannte Engelthal, vor der Reformation ein reiches Nonnenkloster. Thore vermitteln den Ein- und Austritt, und unter der Linde vor dem Wirthshause, umspielt von Kindern und von Hühnern umgackert, sitzt es sich nach anstrengendem Marsche gar behaglich. Doch wir wollen für jetzt ohne Aufenthalt dem Ziele unserer Wanderung zustreben. Haben sich uns schon vorher Landleute zugesellt, welche ein Gleiches beabsichtigen, so mehrt sich nun deren Zahl. Von den Bergen herab und über die Wiesen schimmern die Hemdärmel der Männer und Frauen, welche zu ihrer Erleichterung Rock oder Kittel an Stöcken und über den Arm tragen. Manch’ Fuhrwerk rollt staubaufwirbelnd und bringt den stolzen Bauer oder den Bürger des Städtchens, denn es ist heute Alles auf den Beinen. Indem wir uns so dem Dorfe Offenhausen nähern, läuten die Glocken der Ortskirche, und ein Mann, welcher sich uns beigesellt, bemerkt erläuternd, daß dies das erste Zeichen für den bevorstehenden Berggottesdienst sei. Mit möglichster Beredsamkeit schildert er die Freuden des Keilberges und schließt seine Lobrede mit Aeußerungen des Entzückens über die dort herrschende Ordnung.

[588] So steigen wir mählich den Berg hinan, von dessen bewaldeter Höhe der Thurm freundlich heruntergrüßt. Oben angelangt, erblicken wir flüchtig eine Reihe Buden, dann weiterhin unter schattigen Linden aufgeschlagene Tische und Bänke, wenden uns jedoch sogleich nach links, wo hohe Fichten und Föhren eine kleine Bergwiese umschließen. Hier steht das Thürmchen, an dessen Außenseite eine schön geschnitzte Kanzel angebracht ist, welche, zum Schutze gegen die Unbilden von Wind und Wetter sorgsam in Bretter verpackt, nur dies eine Mal im Jahre aus ihrer Umhüllung herausgeschält wird. Mittels hölzerner Böcke und übergelegter Bretter ist eine Anzahl von Sitzplätzen geschaffen, auf welchen dichtgedrängt das schöne Geschlecht vom Lande bereits Platz genommen hat. Welch’ eine Fülle von schwarzen Moirébändern am stattlichen Sonntagsputz einer gerechten, stolzen Bauersfrau, breit herniederwallend von der spitzen Haube über Schulter und Rücken bis auf den enggefalteten dunkeln Wollenrock; das sitzt hier Kopf bei Kopf, wallt und flattert in rabenschwarzem Glanz und nimmt sich zwar sehr stattlich, aber auch etwas schwerfällig aus. Sorgsam wählt die protestantische Bäuerin dunkle Farben für ihren Anzug und nur die hemdärmeligen Dirnen tragen etwas freundlichere Farben zur Schau. Anstatt der Hauben legen diese ein buntes Tuch schmal um die Stirn und lassen die Zipfel über den Rücken fallen, während die Haare in einem Kränzchen etwas über dem Wirbel liegen. Die Männer tragen den Langrock von dunkler Farbe in zuweilen noch sehr alterthümlichem Schnitt oder die Jacke mit zwei Reihen großer, blanker Knöpfe, den „Schalk“; die Lederhose und den Wadenstiefel hat hin und wieder schon der Pantalon verdrängt. Die wesentliche Beigabe, um einen ganzen Mann zu machen, fehlt jedoch keinem der Anwesenden. Es ist dies die gleich einer Schreibfeder hinter das Ohr gesteckte „Schmecken“ (Blume), und zwar je nach der Jahreszeit ein „Nägelein“ (Nelke), Hollerbüschel oder „Josefssteft“ (Narcisse); kecken Sinn, Unternehmungsgeist, Elasticität scheint diese Blumensprache ausdrücken zu sollen.

Zunächst dem Thurm hat sich der Cantor von Offenhausen mit der dortigen männlichen Schuljugend zur Stütze des Choralgesanges postirt, die große Mehrzahl der Anwesenden aber gruppirt sich, wie es dem Einzelnen gerade ansteht, auf dem unebenen Rasen, und so gestaltet sich dem Auge des erstaunten Fremden ein höchst malerisches und anziehendes Bild. Nun vernimmt man das Knallen einer Peitsche, und bald zeigt sich, von zwei Rossen gezogen, die Kutsche, welche den Pfarrer von Offenhausen, einen ehrwürdigen, weißhäuptigen Greis, zuführt, gelenkt von dem lederbehosten Knecht im knappen Wamms. Suchen wir uns denn auch einen Lagerplatz, der sich bald bei einer Gruppe von Stadtleuten findet, welche es sich auf einer Felsenterrasse bequem gemacht haben. Es sind Altorfer und liebe Freunde, da giebt es ein frohes Begegnen, und dazu blickt man an dieser Stelle so weit über das schöne Thal nach den jenseitigen Höhen hinüber, frisch und kräftigend umweht uns Bergesluft, und hoch oben kreist ein Falke, unten im Dorfe aber verklingen die Glocken, und vollstimmig ertönt nun der Choral; es sind bedeutende Eindrücke für das Gemüth, vereint thätig in diesem Moment.

Ueber den weiteren Verlauf des Gottesdienstes sei nur in Kürze bemerkt, daß die Predigt kurz und gut war, das Glöcklein des Klingelbeutels sich fleißig nach Kupfermünze umthat und daß wir uns, dem Beispiele Vieler folgend, bei den letzten Worten des Geistlichen leise davon machten, um unter den Linden noch zu einem guten Platze zu kommen. Bald hat sich auch die große Menge, gleich einem Bienenschwarm durcheinander summend und wogend, hier niedergelassen und laute Lust und Fröhlichkeit, die so lange zurückgehalten waren, machen sich geltend, wozu das treffliche Hersbrucker Lagerbier das Seinige beiträgt. Glücklich, wer im Besitze eines Steinkrugs zur Quelle des Nationalgetränks, welches gleich vom Wagen herab ausgeschenkt wird, pilgern kann, so oft es ihm beliebt. „Wer den Maßkrug sich errungen, stimm’ in unsren Jubel ein,“ das scheinen dir Hunderte fröhlicher Gesichter zuzunicken. Da ist ein Zutrinken, Grüßen und Händeschütteln, ein Scherzen und Necken, ein Drängen und Treiben voller Lust und Leben.

Jetzt aber macht knurrend unser Magen seine Ansprüche an etwas Consistentes geltend, und siehe da, geleitet von dem Feingefühl unseres Geruchsorgans, entdecken wir einen großen Heerd von Erde, an den Seiten bedeckt mit Fichtenzweigen, darüber einen eisernen Rost, auf welchem lieblich duftende Bratwürste schmoren. Manch’ hundert Dutzend ihrer Gattung harrt noch der Feuerprobe, und Landmädchen in schneeweißen Schürzen, den fächelnden Flederwisch in der Hand, bedienen den Heerd. Welch’ angenehmes Bild und wie ermuthigend zu kühnem Vorgehen gegen ein halbes Dutzend Würstchen, die auch gar bald schön gebräunt auf unserem Teller liegen!

Nebenan kegelt man auf zwei Bahnen um die Wette das Blaue vom Himmel herunter. Bahnen, welch’ stolze Bezeichnung für die Fichtenbretter, an deren einem Ende sich der Kegeljunge vergebens bemüht, eine gewisse symmetrische Aufstellung der neun wackeligen hölzernen Gesellen zu Stande zu bringen! Indeß die Kugeln sind doch annähernd rund und rollen, und Freunde des edlen Kegelspiels finden sich in Menge ein, um theils activ, theils in Rath und Meinung ihr Interesse hierfür zu bethätigen.

Vorüber an den beiden Gensd’armen und dem Herrn Brigadier, welche gähnend und Bier vertilgend zuschauen, zu jenen einfachen Verkaufsständen dort, zwischen denen sich das Volk prüfend und feilschend hin- und herbewegt. Vorher fesselt unsere Aufmerksamkeit noch der unvermeidliche Mann, welcher ein verehrungswürdiges Publicum in irgend einer Form verlockt, gegen ein paar Kreuzer Frau Fortunas Gunst herauszufordern. Dieser hier läßt mit eisernen Ringen nach Messern werfen, welche jedoch niemals getroffen werden. Eine Trophäe von kleinen Gewinngegenständen, welche dabei aufgerichtet ist, wird zu beiden Seiten von zwei Geschirren flankirt, von denen man den discretesten Gebrauch zu machen pflegt. – Nun, ländlich! sittlich! Daneben hat sich der Mann mit dem bekannten Türkenkopf etablirt, durch dessen langen gewundenen Hals die Kugel des Glücks unaufhörlich rollt. Gönnen wir den glücklichen Gewinnern ihre Salzfäßchen von gelbem Glas oder ihre bemalten Tassen und sehen wir, was auf dem reelleren Wege des Kaufs jene Bäuerin ihrem Handkorbe einverleibt. Ein buntcattunenes Halstuch legt sie zu einem Stellspiegel in roth- und goldpapiernem Rahmen, und ein Zuckerherz mit einem aufgeklebten schönen Spruch scheint bestimmt, als „Mitbringets“ dem Kleinen zu Hause einen süßen Augenblick zu bereiten, während der muthmaßliche Gatte, eine neue Sense in der einen Hand, den soeben erworbenen Wetzstein in der Tasche, noch ein Paar Hosenträger erhandelt und sich dabei viel mit seinem ledernen Geldbeutel zu schaffen macht, an welchem die Otternköpfchen (Kaurimuscheln) prangen. Feuerschwamm und Seilerwaaren, Schaufeln, Wagenketten, bunt bemalte hölzerne Haus- und Küchengeräthe etc. finden bereitwillige Abnehmer und werden vergnügt nach Hause getragen.

Von den Linden her ertönt indeß mancherlei Sing-Sang, meist in Fisteltönen, denn das gilt unseren Bauern für schön und kunstgerecht. So mancher hat sich auch schon an dem Quell „Cerevisia“ über Durst gelabt, und wenngleich sich keinerlei Rohheit bemerklich macht, so dürfte es doch als zweckmäßige Einrichtung betrachtet werden, daß nicht über eine gewisse Anzahl von Eimern Bieres verzapft wird. Am frühen Nachmittag geht mit diesem Naß auch das Fest zu Neige, und das genügsame Völkchen seiner Besucher zerstreut sich nach den vier Winden.

„Hat’s Ihnen gefallen?“ fragte der Bauer von heute früh, sich beim Hinabgehen zu uns gesellend. „Ja, schöner ist’s auf dem Keilberg, als auf irgend einer anderen Bergkirchweihe,“ meinte er auf meine ihn befriedigende Antwort, „und was das Schönste ist, die Ordnung! die Ordnung!“ – Ich mußte ihm Recht geben, und sollte es mir gelungen sein, dem freundlichen Leser der Gartenlaube ein gleiches Interesse für dieses schlichte Volksfest in einem verborgenen, aber reizenden Winkel des theuren großen Vaterlandes abzugewinnen, so möge er es nicht versäumen, im nächsten schönen Monat Juli, am Sonntag nach Kilian, falls ihn sein Weg in unsere Gegend führt, den Keilberg zu besteigen.



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Die Gartenlaube (1868) b 589.jpg

Die Keilberger Kirchweih.
Nach der Natur aufgenommen von Rud. Geißler.

Anmerkungen (Wikisource)