Landschafter, Bildhauer und Zoologe zugleich

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Titel: Landschafter, Bildhauer und Zoologe zugleich
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 682–685
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Landschafter, Bildhauer und Zoologe zugleich.


Wenn man die bescheidene Stadt Wolfenbüttel besucht, wird einem unter den bekanntesten Sehenswürdigkeiten derselben eine naturwissenschaftlich-künstlerische Sammlung genannt, welche wohl in ihrer Art als ein Unicum bezeichnet werden muß. Dieselbe hat ihren Sitz in dem mittleren Stocke eines geräumigen, aber keineswegs modernen Hauses. Mächtige Glaskasten, selbst kleinen Gemächern an Umfang ähnelnd, schließen Thiergruppen allerlei Art ein, natürlich ausgestopfte, aber in allen möglichen Stellungen, nicht etwa in lebloser Ruhe, sondern voll des bezeichnendsten Lebens, in jeder Art von Bewegung, die ihrer Species eigenthümlich.

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Die Gartenlaube (1876) b 683.jpg

Der Harzer Wildkater.
Aus der Sammlung des Rath Scholz in Wolfenbüttel.

[684] Der Verfertiger dieser Gruppen, Rath Scholz, ist Landschafter, Thiermaler, Bildhauer und Zoologe zugleich, der den Thieren des Waldes, den vierfüßigen Bewohnern des Feldes, den Seglern der Lüfte das Geheimniß ihrer Eigenart abgelauscht hat. Die Art ihres Beisammenseins, ihrer Bewegungen und Affecte, die Weise, wie sie ihrer Nahrung nachgehen, ihr Leben und Weben in Busch und Schilf stellt er lebenswahr dar und weiß damit Naturbilder zu schaffen, die als Kunstwerke einzig in ihrer Art dastehen. Als Virtuos in einer Kunst, für welche keine Ateliers und Akademien zur Heranbildung existieren, hat Scholz sich selbst, seinem eigenen Nachdenken, seiner unerschöpflichen Geduld im Beobachten und Nachbilden und einem allerdings außerordentlichen Talente, das die Natur ihm gespendet, es zu danken, daß er es zu dieser künstlerischen Vollendung, die unsere Bewunderung erregen muß, gebracht hat.

Schon bei den Knaben war der Trieb zur Beschäftigung mit der Thierwelt ein sehr lebhafter, und da das väterliche Haus und die liebevolle Nachsicht der Eltern ihm darin viel Vorschub und Spielraum gewährten, so konnte es nicht fehlen, daß die Neigung dazu immer mehr in ihn wuchs. So entwickelte sich in ihm später in den Universitätszeiten zugleich die Lust, das Andenken der erbeuteten zoologischen Schätze länger, als die blos culinarische Verwendung dies gestattete, aufzubewahren. Zu diesem Zwecke begann der inzwischen in die Rechtslaufbahn eingetretene junge Mann die erlegten Thiere, besonders das Wildgeflügel, abzuhäuten und die Bälge auszustopfen.

Auf diese Weise entstand bald eine ganz hübsche Sammlung von Raub- und Wassergeflügel. Da nun Scholz eifrig bemüht war, nicht allein die Bälge gut zu präpariren, sondern auch die Körperformen so zu studiren und nachzuahmen, daß der todten Hülle Leben innezuwohnen schien, so hatte er es bald zu solcher Vollkommenheit im Ausstopfen und in der Darstellung gebracht, daß seine Arbeitern sich vortheilhaft vor vielen anderen auszeichneten und ihm selbst Anerbietungen von Conservatorstellen an naturhistorischen Cabineten gemacht wurden, die er allerdings, da er inzwischen längst in ein juristisches Amt eingerückt war, abzulehnen für gut fand.

Nun kam der harte Kampf mit dem Leben; vermehrte Amtsgeschäfte und Familiensorgen unterbrachen eine lange Reihe von Jahren die eingehendere Beschäftigung unseres Scholz mit der früheren Liebhaberei, obwohl sein Augenmerk stets mit Interesse darauf gerichtet blieb, und erst die Ruhe der reifern Mannesjahre ließ den alten Trieb recht lebendig wieder erwachen. Jetzt aber prägte sich seiner neubegonnenen Thätigkeit der Stempel des Strebens nach wissenschaftlicher und künstlerischer Vollendung auf. Das reife Sinnen des Mannes entwickelte eine bewunderungswürdige Klarheit im Durchschauen des Thierlebens. Dem Studium kam eine fast an’s Unglaubliche grenzende Geduld im Beobachten und Ausarbeiten zu Hülfe. Da der Plan einmal gefaßt war, die Thiere gleichsam lebend, im Verfolgen ihrer Gewohnheiten, in der Geselligkeit und beim Raube, im Schlafe und auf der Lauer, im Schnee des Winters, im reifen Aehrenfelde, im Edelweiß der unzugänglichen Berghalde, im frischen Laube des Eichengestrüpps oder im Röhricht des Sumpfes darzustellen, so mag man ermessen, wie weit die Forschung gehen mußte, um solche Darstellungen zu ermöglichen, solche Naturbilder zu schaffen. Nicht allein mußte das Thier in seiner natürlichen Haltung, im vollen Muskelspiele, ob schreitend, ob springend, ob lauschend, ob ruhend, dargestellt, es mußte ihm, wenn der Eindruck ein vollständiger sein sollte, gleichsam das Bewußtsein der Situation eingehaucht werden, in die Physiognomie das Wilde, Raubgierige oder Spielende, Aengstliche, Unbefangene, das Hungrige beim Raube, das Gesättigte in der Ruhe hineingezaubert werden; der Künstler mußte all dies in der Thierseele durchleben um es zum Ausdruck zu bringen. Wir begegnen hier in Scholz dem wirklichen Künstler, gewiß einzig in seiner Art; denn er versteht es, dem naturgetreuen Abbilde, der Copie der Natur, die Seele zu verleihen, die, wie der Geist das Menschenantlitz, so das Thier durchleuchtet. Bis zur Entwickelung dieses Bestrebens konnten wir Scholz einen äußerst tüchtigen Techniker nennen; seitdem nennen wir ihn einen Künstler, und zwar einen bedeutenden. Indeß, was hätte es geholfen, wenn er das Thierportrait auch noch so getreu vollendet! Mit dem geistig unvollkommenen Thiere ist es anders als mit dem Menschenantlitz. Bei jenem bedarf es der Naturstaffage, um ein gefälliges und deutliches Bild von seinem Leben und seinem Treiben zu geben; während das Menschenantlitz an und für sich künstlerischer Vorwurf ist, muß die Umgebung dem Thiere zu Hülfe kommen, um den Kunstzweck zu erfüllen. Hier hatte der Künstler eine wahrhafte Herculesarbeit, nicht an Kraft, aber an Geduld und Ausdauer zu leisten. Wie er dieser Herr geworden, mag unser Bild verdeutlichen.

Der mächtige Wildkater (in den Harzbergen erlegt) kommt aus düsterm Tannendickicht hervor; den Boden bedeckt Moos und abgestorbenes oder absterbendes Gras, trockenes Laub, Disteln; er macht sich zum Sprunge bereit; das gierige Auge schießt Blitze auf den sicheren Raub, auf eine Waldschnepfe, die mit ängstlichem Blicke in das Mooslager gebannt scheint, entlaubte Sträucher verschiedener Arten vor und über sich. Ein grauer Spätherbsthimmel hängt über dem Ganzen. Wie war es dem Photographen, der unserer heutigen Abbildung die Unterlage geschaffen hat, möglich, diesen Vorwurf zu einem so vollendeten naturwahren Bilde umzuschaffen? Das Blatt, der Grashalm, die Tannennadel ist nicht, wie man glauben sollte, der Natur selbst entnommen; all’ diese Naturproducte würden bald dem Zahne der Zeit verfallen. Sie müssen aus haltbarem Stoffe nachgebildet werden, damit Form und Farbe nicht wechsele. So hat der Künstler sich denn eine förmliche Naturwerkstatt eingerichtet. Wie er den Thieren des Waldes und Feldes ihr eigenstes, innerliches Leben abgelauscht, wie er, um der Körperform das naturgleiche Ansehen zu geben, Muskel und Knochen, kurz den Gliederbau, durch selbstbearbeitete Holzstücke nachahmte, da es nimmermehr gelungen sein würde, solche durch das weiche Stoffmaterial herzustellen, so hat er die Formen der Vegetation studirt und nach dem natürlichen Modelle aus Papier, allerhand Woll- und Baumwollstoffen, aus Seide sich Blätter, Blumen Gras etc. geschaffen. Man kann sich eine Vorstellung von der Mühseligkeit solcher Arbeit machen, wenn man an die unendliche Mannigfaltigkeit der Natur denkt. Die äußerste Gewissenhaftigkeit hat bei dieser Detailarbeit den Vorsitz geführt, denn auch in der Staffage wollte der Künstler sich nicht die geringste Abweichung vom Naturwahren gestatten. Der Zoologe und der Botaniker sollten beim Anschauen seiner Naturbilder gleiche Befriedigung empfinden. So stimmt die Vegetation des Sommers, des Herbstes, des Winters zu dem Pelze, dem Gefieder der Thiere, jede Pflanze zu dem Himmelsstriche, in dem dasselbe gewohnheisgemäß lebt. Und wie täuschend ist neben der Form die Farbe getroffen! Nicht genug aber, daß hier die äußerste Naturtreue walten mußte; es kam ferner darauf an, den Thieren und Thiergruppen in der Enge des Raumes eine Perspective zu schaffen, die das Ganze erst zu einem künstlerisch vollendeten Bilde machen konnte.

Der helle Vordergrund tont sich harmonisch vom Mittel- und dunkleren Hintergrunde ab; das kann wiederum nur durch die harmonische Anordnung in den Farben erreicht werden, da ja hier das Licht der freien Himmelsluft fehlt. – Und dieses Alles mußte in eines Mannes Kopfe ausgedacht und durch seine eigene Hand gestaltet werden. Scholz hat, mit Ausnahme geringer mechanischer Hülfe, Alles selbst geschaffen. Bis auf die aus weiter Ferne gekommenen häutete er die Thiere alle selbst ab; es sind ihm sogar einige mächtige Luchse aus den tiefen Wäldern Livlands mit Fleisch und Bein zur Bearbeitung zugesandt worden; er schnitzte das Holzgerüst für den Körper; er malte meist die krystallenen Augen selbst, um auch hier die minutiöseste Naturwahrheit herzurstellen. Zunge, Zähne, Gaumen wurden aus Leder, Elfenbein etc. gefertigt und täuschend gemalt; in Metall wurden die Formen zu den Blättern gegossen, Eichen-, Buchen-, Ahornblätter, wie die Natur die Darstellung nöthig machte; mit feinfühlendem Pinsel wurde der belebende Hauch des Frühlings und die Dürre des Winters der Vegetation aufgeprägt.

Gehen wir in den Räumen, die dieser künstlerischen Naturwerkstatt dienen, umher, so sehen wir reizende Gruppen von Land- und Wassergeflügel, Trappen im reifen Aehrenfelde, das unter der Gluth des Sommers zu schmachten scheint, prachtvolle Wildenten in üppigen Grün des Uferschilfes am blendenden Wasserspiegel, eine Kette Rebhühner, im Schneewetter unter dem Schutze des Waldrandes sich duckend, Biber und Ottern inmitten [685] der saftigen Vegetation des Flußufers, Wildkatzen und Füchse, sichernd auf der Waldblöße oder auf Beute stoßend im tiefen Tannendickicht.

Ein begüterter Mäcen und großer Jagdliebhaber, dem Scholz’ Kunst seit vielen Jahren bekannt ist, hat durch den hoch angesehenen Zoologen und Reisenden Professor G. Rodde in Tiflis die Bälge der Jagdthiere des Kaukasus Scholz übermachen lassen, um sie nach dessen unübertroffener Art wieder zum Leben zu erwecken. Da sehen wir auf unzugänglicher Felsenspitze den gewaltigen Steinbock mit seinem Weibe, den riesigen Lämmergeier, das wilde Schaf des Kaukasus. Doch wir fänden kein Ende, wollten wir die immer neu hervortretenden Kunstwerke beschreiben. Wir wünschten nur, daß sie alle durch die Photographie dem großen Publicum zugänglicher würden, da die Originale sich begreiflicher Weise nur in den Händen einzelner reicher Jagd- und Naturfreunde befinden. Es würden dadurch Naturbilder geschaffen, die alles bis dahin Gesehene an Treue der Darstellung überträfen. Aus den wenigen, etwa zwanzig, die davon existiren, kann man abnehmen, ein wie großer Fortschritt in der Darstellung für die Naturgeschichte davon zu erwarten sein würde, zumal wenn man selbst die besten Kupferwerke sich so weit von der Natur entfernen sieht, daß sie neben Scholz’ Naturbildern nur als schwache Plagiate erscheinen.

Leider ist unsere Zeit, die rasch lebende und ungeduldig strebende, nicht dazu angethan, diesem Meister Nachfolger erstehen zu lassen, wie er denn auch keinen Schüler gefunden hat, er, der zwar noch rüstig und gesund ist, doch längst auf der absteigenden Linie des Lebens steht. Mit Wehmuth erfüllt es uns, den Künstler einsam in seinem Atelier in einer Kunst wirken zu sehen, die neben dem Schönen fast mehr, als irgend eine andere, das Nützliche zum Endziel hat. Möge wenigstens ihm es noch lange vergönnt sein, ein Feld zu bearbeiten, das unter seiner Pflege so vorzügliche Früchte getragen!