Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski/X. Die Huldigung

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
<<<
X. Die Huldigung
>>>
{{{UNTERTITEL}}}
aus: Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski
Seite: {{{SEITE}}}
von: Georg Weerth
Zusammenfassung: {{{ZUSAMMENFASSUNG}}}
Anmerkung: {{{ANMERKUNG}}}
Bild
[[Bild:{{{BILD}}}|250px]]
Wikipedia-logo.png [[w:{{{WIKIPEDIA}}}|Artikel in der Wikipedia]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Wikisource-Indexseite
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe

[117]

X.
Die Huldigung.


Es ging Herrn von Schnapphahnski wie den jungen Katzen, die sechs Mal aus der Dachrinne in die Straße hinunterpurzeln können ohne den Hals zu brechen. Unser Ritter besaß wirklich vor allem [118] Andern die Eigenschaft, daß er ein unbeschreiblich zähes Leben hatte.

Nach so fatalen Niederlagen, wie sie unser Held in München und Wien erfuhr, würde jeder andere Mensch nach Indien, nach Amerika, oder nach einem Eiland des Stillen Oceans gereist sein. Nur ein Schnapphahnski durfte noch hoffen, auch an einem andern Orte eine Rolle spielen zu können.

Der Ritter konnte sich gratuliren, daß er deutscher Abkunft war, oder eigentlich wasserpolakischer. Wäre er als Pariser oder Londoner einmal in recht Schnapphahnski’scher Weise durchgefallen, so würde er sich schwerlich so schnell wieder erholt haben. Bei den vielen Höfen des deutschen Vaterlandes wußte sich der erfinderische Mann aber schon eher zu retten, und Gott weiß es, zu welchen verwünschten Prinzessen er sich noch hinabgelassen hätte, wenn nicht um die Mitte des Jahres 1840 durch den Tod eines großen Monarchen[1] plötzlich so viele Hindernisse für unsern Helden aus dem Wege geräumt worden wären, daß er schnell wieder den Plan aufgab, sich einstweilen nur in den mehr verborgenen Sphären des germanischen Adels herumzutreiben, und es abermals wagen zu können glaubte, sogar in Berlin sein holdes Antlitz von Neuem sehen zu lassen.

[119] Sollte man es glauben? Schnapphahnski wieder in Berlin! – Man wird über die Keckheit unseres Helden lachen, wenn man bedenkt, wie schmählich er das dortige Feld einst räumen mußte. Wurde nicht das Abenteuer aus O. in Schlesien und das Duell aus Troppau noch manchmal bei Hofe erzählt? Lächelte nicht Carlotta noch immer so selig von der Bühne hinab in das Parquett, wo der Adonis der Garde stand, und wußte man nicht noch allerwärts die rührende Geschichte jener armen Tänzerin, die sich geradeso großmüthig von des Ritters Diamanten trennte, wie der Ritter die Tänzerin ungroßmüthig im Stiche ließ? Aber alles das machte nichts. Der Ritter war davon überzeugt, daß noch etwas aus ihm werden könne. Sein gewaltigster Feind war dahin; neue Gesichter verdrängten die alten, und unser Held hätte nicht Schnapphahnski heißen müssen, wenn er nicht versucht hätte, die Wendung der Dinge auch für sich zu exploitiren. Keck setzte er den Fuß wieder in das Berliner Leben.

Schnapphahnski mußte etwas wagen, denn er hatte drei Sachen nöthig, drei Dinge, die man ungern im Leben zu entbehren pflegt. Unser Ritter bedurfte des Vergnügens, der Ehre und des Geldes; nach dem letzteren sehnte er sich am meisten. Für das Vergnügen war in Berlin schon gesorgt; Ehre konnte [120] der Umschwung der politischen Zustände mit sich bringen; mit dem Gelde sah es am schlimmsten aus, und kopfschüttelnd dachte unser Ritter bisweilen an das alte Sprüchwort: „Wo Geld ist, da ist der Teufel; aber wo kein’s ist, da ist er zwei Mal.“

Über die Geldverhältnisse unseres Helden finden wir in den schon erwähnten Dokumenten die genauesten und wichtigsten Aufschlüsse. Wir würden unserm Freunde gern die Demüthigungen ersparen, so vor allem Volke seine Tasche umzukehren. Leider sehen wir uns aber gewissermaßen dazu gezwungen, denn die spätem Liebesabenteuer unsers Ritters stehen in so genauem Zusammenhange mit seinem Beutel, daß wir wirklich das Eine nicht ohne das Andere schildern können.

„Die in der Wasserpolackei gelegenen Güter Schnapphahnski’s“ – heißt es in unsern Notizen – „waren fast gänzlich ertraglos, da enorme Schulden auf ihnen lasteten; Schulden, die dadurch täglich stiegen, daß der edle Ritter auch nicht im entferntesten nur soviel Einkünfte besaß, als zur Bezahlung der Hypothekenzinsen nöthig waren. Der Vater[2] Schnapphahnski’s schaffte sich einen Theil dieser Schulden auf höchst geniale Weise vom Halse, indem er sich seinerzeit freiwillig interdiciren ließ. Die Güter gingen durch dieses Manoeuvre auf den damals [121] noch blutjungen Ritter über, der die Schulden des Vaters nicht bezahlte, da Majorate nicht angreifbar sind und selbst auf die Revenuen derselben nur so lange von den Gläubigern gerechter Anspruch gemacht werden kann, als der eigentliche Schuldner Herr des Majorates ist.

Durch dieses feine Finanzkunststück der Familie Schnapphahnski war zwar mit den Schulden großentheils tabula rasa gemacht und manche bürgerliche Canaille ruiniert worden. Aus Mangel an jedem Betriebskapitale geriethen indeß die Güter sehr bald wieder in die alte Lage. Alle ihre Einkünfte wurden abermals verpfändet und der ganze Besitz war wiederum von Hypotheken erdrückt. An und für sich sind die Einkünfte dieser Güter sehr bedeutend.

Tzztzztzzt – hier trägt das Manuscript einen unaussprechlich schönen wasserpolackischen Namen, den wir dem Scharfsinn unserer Leser zu buchstabiren überlassen – also, an und für sich sind die Einkünfte dieser Güter sehr bedeutend. Tzztzztzzt hat in ganz Deutschland die beste Zucht von Merino-Mutterschaafen und Böcken – „ich bitte meine freundlichen Leserinnen höchst aufmerksam zu sein, da meine Skizzen über Herrn von Schnapphahnski in diesem Augenblicke sehr belehrend werden“ – „diese Merino-Mutterschaafe und Böcke werfen allein jährlich einen [122] Ertrag von 60,000 Thalern Revenue ab, von denen Se. Hochgeboren indeß damals nicht einen Heller besah.“ –

Armer Schnapphahnski! Für 60,000 Thaler Schaafe und Böcke und dann nicht einmal einen Pfennig Einkommen. – Das ist unbegreiflich, das ist entsetzlich! Uebrigens hat die Geschichte etwas sehr patriarchalisches. Man denke sich den kleinen Schnapphahnski „sporenklirrend, schnurrbartkräuselnd“ mitten zwischen seine Schafe und Böcke tretend. Zu seiner Rechten stehen die Schafe, zu seiner Linken die Böcke. „Verehrte Mutterschafe und Böcke,“ beginnt Schnapphahnski – „ich bin im höchsten Grade erfreut Euch wieder zu sehen. Ich habe viel gereis’t und außerordentliche Thaten bezeichnen meine Laufbahn. In O. in Schlesien, setzte ich dem Grafen S. ein Paar Hörner auf.„ – hier unterbrach den Redner das freudige Geblöck sämtlicher Böcke – In Troppau erschlug ich den wilden Menschenfresser, den Grafen G. (allgemeines Erstaunen). In Berlin kostete ich den Lilienleib Carlottens (alle Schaafe schlagen verschämt die Augen nieder). In Spanien erwarb ich mir unsterblichen Ruhm unter Don Carlos (Schaafe und Böcke brechen in Oho und Bravo aus). In München erschoß ich den Herzog von …… und wurde deswegen verbannt (schmerzliche Rührung [123] auf allen Gesichtern). In Wien drohte mich die Liebe der Damen zu erdrücken – (die Böcke wedeln und beißen einander in die Ohren). Verehrte Heerde, theure Majorats-Mutterschafe und Böcke! Ihr begreift, daß mich ein wehmüthig süßes Gefühl beschleichen muß, wenn ich nach so ungewöhnlichen Fahrten und Schicksalen endlich in Euren stillfriedlichen Kreis zurückkehre (stilles Einverständniß aller Seelen). O, es ist mir zu Muthe wie einem jener alten Nomaden, die uns das Buch der Bücher in so trefflichen, arabeskenhaften Mährchen zu schildern sucht. Gleiche ich nicht einem Joseph, einem Benjamin oder lieber jenem

– – – Sohne des Hethiten,
Der einst die Maulthier’ in der Wüst’ erfand,
Als er des Vaters Esel mußte hüten?
(Allgemeines Interesse.)

O, ihr Gespielen meiner Jugend, ihr lieben Angehörigen der Familie Schnapphahnski, seid mir gegrüßt, ja, seid mir von Herzen willkommen! Mit Euch aufgewachsen bin ich, ihr unvergleichlichen Mutterschaafe, und gern denke ich noch daran, wie ich Euch oft so zärtlich an die Lämmerschwänzchen faßte. Ja, mit Euch habe ich mich entwickelt, ihr herrlichen Böcke und nie werde ich vergessen, daß ich von Euch alle meine tollen Sprünge lernte, bis ich [124] endlich älter und erfahrener wurde, und zu einem großen Sündenbock gedieh (Rauschender Beifall.) Ihr Schafe zur Rechten und ihr Böcke zur Linken, hört meine Rede! Beide liebe ich euch, und es ist nur aus altadliger Courtoisie, daß ich mich gewöhnlich mehr der Rechten zuwende, ja, Euch ihr trefflichen Mutterschaafe, da ihr der Stamm und der Hort der ganzen Race seid. (Bravo! Bravo! auf der Rechten.) O, mein Enthusiasmus für Euch und für diese Versammlung kennt keine Gränzen. Mit euch, ihr Schaafe und Böcke, will ich schaffen und wirken für alle Schaafe und Böcke außerhalb dieser Versammlung. (Stürmische Jubelunterbrechung.) Groß ist unsere Aufgabe, aber nichts wird uns erschüttern. Einer der kühnsten Streiter stehe ich unter Euch, heiter das Haupt erhebend, und nur eins, ach, kränkt mich und schnürt mir das Herz zusammen (peinliche Aufmerksamkeit und lautlose Stille). Ja, eins nur thut mir weh, daß ihr herrlichen Merino-Mutterschaafe und Böcke all miteinander hypothezirt seid, und daß ihr nicht geschoren werdet – für mich.“

Es wird meinen Lesern nicht entgangen sein, daß die Beredsamkeit unsres Helden namentlich in einer tieftraurigen elegischen Wehmuth ihren Hauptreiz hat. Viele der ausgezeichnetsten Schaafe und Böcke haben mir versichert, daß sie bei verschiedenen [125] Gelegenheiten wahrhaft davon bezaubert gewesen seien und sich schon bereit gehalten hätten, den Demosthenes[3] der Wasserpolakei mit einem Donner des Applauses auf seinen Sitz zu begleiten, wenn nicht wider Erwarten, trotz aller adlig-patriarchalischen Phrasen, schließlich der Finanznoth blasse Wehmuth, tiefe Trauer zum Vorschein gekommen wäre und der ganze Sermon in einem unsterblichen Gelächter sein Ende erreicht hätte.

Ja, die Finanznoth! Sie spielt in dem Leben unseres Helden eine eben so große Rolle als die Liebe. Die Finanznoth war es auch, welche Sr. Hochgeboren vor allen Dingen wieder nach Berlin trieb.

Es wäre hier die Stelle, näher auf die Festlichkeiten einzugehen, die bei der Huldigung im Spätjahre 1840 in Berlin[4] statthatten. Wir unterlassen dies aber. Herr von Schnapphahnski hatte sich natürlich sehr darauf gefreut. Er hoffte, daß man bei dem allgemeinen Tumult nicht mehr an seine seltsame Vergangenheit denken würde. Mit der angebornen liebenswürdigen Frechheit glaubte er das Verlorene wieder erobern zu können und dann auch schnell zu Amt, Ehre und Credit, kurz, zu Allem zu gelangen was das Dasein wünschenswerth macht.

[126] „In Berlin“ – heißt es in unsern Manuscripten – „wartete Sr. Hochgeboren aber ein äußerst schlechter Empfang von Seiten der schlesischen Ritterschaft. Nach langen Debatten beschloß dieselbe nämlich, zu einem Diner, das sie als Korporation gab, Hrn. von Schnapphahnski nicht zuzulassen. Unser Ritter fand sich aber dennoch ein und setzte sich mit zu Tische. Da erhob sich die ganze Ritterschaft ...“


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Friedrich Wilhelm III. (* 3. August 1770 in Potsdam; † 7. Juni 1840 in Berlin) war König von Preußen
  2. Eduard Lichnowsky (* 19. September 1789, † 1. Januar 1845), deutscher Reichsgraf, schrieb die „Geschichte des Hauses Habsburg“
  3. Demosthenes (* 384 v. Chr.; † 322 v. Chr. in Kalaureia), bedeutender Redner des antiken Griechenlands.
  4. Am 15. Oktober 1840 empfängt König Friedrich Wilhelm IV. im Schloß zu Berlin die Huldigung der preußischen Stände.