Leben und Weben und der – Druck

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Textdaten
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Autor: Friedrich Georg Wieck
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Titel: Leben und Weben und der – Druck
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 399–401
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Aus der Welt der Weberei und des Webdrucks
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Aus der Gewerbswelt.

Mitgetheilt von Friedrich Georg Wieck.
Leben und Weben und der – Druck.

Leben und – Weben, so wie der Mann da in unserem Holzschnitt, ist eine große Kunst: nämlich nicht sowohl letzteres als ersteres. Denn der Mann webt einfachen glatten Kattun, von dem der Dampf mit der Webmaschine in derselben Zeit zehnmal mehr und zugleich besser macht als des Mannes fleißige Hand. Ja! es ist gewiß eine Kunst zu leben bei solchem Weben; und doch weben noch viele Tausende in unserem Vaterlande jenen glatten Kattun und leben noch; freilich so gut wie es nun eben geht. Sollen wir daher nicht die Maschine willkommen heißen, die dem Menschen die mühselige Arbeit abnimmt, bei der er ohnehin nichts mehr verdient und er gezwungen wird, irgend ein anderes Fach zu ergreifen, dessen Betreibung ihn besser lohnt? Denn bei allem mechanischen Fleiß hängt dem Menschen die geistige Trägheit doch stark an, und das alte morsche Werkzeug muß erst ganz zu Grunde gehen, ehe er sich entschließt, das neue bessere in die Hand zu nehmen, weil dessen Behandlung ein bischen Willenskraft und geistige Anstrengung kostet. Es giebt Weber in einigen Gegenden von Deutschland, die auf erbärmlichen Stühlen Kattun weben und nicht die Hälfte des Lohns verdienen, den ihre nicht geschickteren Brüder verdienen, weil diese in verbesserten Stühlen arbeiten. Und dies Mißverhältniß bestand schon vor zehn Jahren und besteht noch heute. [400] Wir werden in einem späteren Artikel von der „Musik der Weberei“ sprechen, und wie sie mit Farbentönen spielt und herrliche Kompositionen vor Augen führt. Dahin muß auch der Weber blicken und aus seinem alten Marterholz Blumen blühen, Gewinde und Ranken sich entfalten lassen, die, mit der Natur wetteifernd, erzeugt sind unter der Sonne der Kunst. Einfach und schlicht ausgedrückt will dies sagen: daß der Weber gemusterte Gewebe, bunte Waare, glänzende, schmiegsame, weiche Mischgewebe machen muß. Und dies vermag er, wenn er auf seinen einfachen Handstuhl jene wunderbare Vorrichtung stellt, der ein Mann seinen Namen gegeben hat, zu dem Napoleon einst sagte: Und Ihr wollt das thun, was Gott selbst nicht vermag: nämlich einen Knoten in einen Faden knüpfen, der an seinen beiden Enden festgehalten wird? Dieser Mann war der Franzose Jacquard, durch dessen Vorrichtung zum Musterweben – die Jacquardmaschine –

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viele, viele tausend Arbeiter, welche vor deren Erfindung die Musterlitzen zogen (sogenannte Ziehjungen), in Noth und Elend zu gerathen wähnten, während sie im Gegentheil in der Wirklichkeit bald mehr verdienten und Herren der Arbeit wurden, während sie früher deren Sklaven gewesen waren. Sie spielten nun mit den Mustern in den Geweben. Mit ihrem Weberschiffchen schrieben sie das Testament Ludwigs XVI. schwarz auf weiß und zeichneten Gemälde auf ihre Werften, so daß die Gobelins nach und nach viel von ihrer Merkwürdigkeit verloren, da der Fuß des Webers mit einem einzigen Tritt in seinem Stuhle etwas Aehnliches zu schaffen vermochte. Die persischen Schals, deren Anfertigungszeit nach Jahren berechnet wird, stellten die Schals der Jacquardweber in Bezug auf Schönheit und Fülle der Muster weit in den Schatten, so daß gegenwärtig eine gewisse Unvollkommenheit in Farbenformen und Figuren das Erkennungszeichen der ächten Kaschmirschals ist, weil man selbst die Verknüpfung der Fäden auf der Kehrseite nachzuahmen weiß. –

Nun aber fragen wir zurück. Wie kann nur ein Mensch glatten Kattun, etwa zu 12 Pfennige die Elle fertigen mögen, während ihm die Mittel gegeben sind, köstliche Zeuge „zu flechten und zu weben mit himmlischen Rosen ins irdische Leben?“ – Noch einmal: es ist die Gewohnheit, der Mangel an Anregung zu etwas Besserem; es ist die trübsinnige Unterwerfung unter eine vermeintlich unabänderliche Nothwendigkeit, es ist endlich Mangel an anderer Arbeit, was ihn nöthigt, bei der alten Arbeit zu bleiben. Freilich müssen wir nun aber nicht glauben, daß die Kunstweberei keine Mitbewerbung in anderen Fächern hätte. Sie begegnet deren mehreren. Die gefährlichste ist aber die der Zeugdruckerei. Diese übt oftmals einen sehr beengenden Druck auf die Musterweberei aus: denn sie ist im Stande, mit noch leichterer Mühe als es die Weberei mit Hülfe der Jacquardmaschine vermag, die herrlichsten Gebilde in den mannigfaltigsten, glänzendsten Farben auf die Oberfläche der Zeuge zu zaubern. Freilich macht sie es zuweilen zu schön und umhängt die zarte Gestalt einer Jungfrau mit Blumengewinden und Sträußen, daß sie aussieht wie ein bekränztes Opferlamm. Aber in ihren bescheidenen, und künstlerisch schönsten Mustern ist die Druckerei groß und mächtig geworden, und hat nicht allein die Kunst, sondern Chemie und Mechanik in ihren Sold genommen. Wieder sind es Maschinen gewesen, welche der Zeugdruckerei eine Entfaltung gegeben haben, die zwar nicht der der Buchdruckerei gleich kommt, aber doch so hoch getrieben ist, daß eine einzige Fabrik in Manchester im Stande wäre, das Bedürfniß der ganzen Welt an gedruckten Kattunkleidern zu befriedigen, während der Lesehunger der Welt wohl nicht von einer Buchdruckerei gestillt werden möchte. Wir lassen in

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unserem Bilde einen Blick auf eine jener mächtigen Zeugdruckmaschinen fallen, die, ohne Stillstand, Stück um Stück bis mit 16 Farben auf einmal bedrucken; Zeuge, deren Musterpracht die Ballsäle und Promenaden mit wandelnden Blumenbeeten bedeckt, so gefährlich für die Augen und Herzen der Männerwelt. – Es ist bemerkenswerth, daß die Männer gedruckte Zeuge verschmähen, und den Druck allenfalls nur auf Weste und Kravatte dulden. Dahingegen huldigen sie der Kunstweberei und befördert sie durch Annahme kunstvoll gearbeiteter Rock-, Westen- und Beinkleiderstoffe. Die Kunstweberei ist dankbar dafür, und hat [401] dies noch neulich von Frankreich aus dargethan durch Hervorbringung eines Pantalonzeugs, auf dem sich Adam und Eva unter dem Apfelbaum die Hände reichen. (Thatsächlich.)

Die Zeugdruckerei hinwiederum ist die Patronin des glatten Kattuns, dem sie emporhilft und in anständige Gesellschaft bringt; aber sie dankt es dem Handweber nicht, daß er so wohlfeil arbeitet. Lieber greift sie zur Maschinenwaare, die da viel schöner ist. Ihrer Meinung ist auch die Fabrikation einfach gefärbter Baumwollzeuge und das riesige Geschäft in dichten, weißen Waaren, mit denen England die Welt umspannt und im eigentlichsten Wortverstande die ganze Erde umspannen könnte, so daß sie, etwa vom Monde aus, anzusehen sein würde, wie ein Plum-Pudding.

So glauben wir denn nachgewiesen zu haben, daß Leben schwerer ist als Weben und der Druck groß ist.