Lebensbilder aus dem englischen Parlamente

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Titel: Lebensbilder aus dem englischen Parlamente
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aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 339–342
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[339]
Lebensbilder aus dem englischen Parlamente.
I.
Einführung. – Der Parlamentarismus, wie er scheint, ist, war und sein wird. – Eröffnung des Parlaments.

Wie überhaupt die falschesten Vorstellungen über England, aus frühern Zeiten vererbt und so wie Glaubensartikel in der Welt geltend und coursirend, vorherrschen, obgleich sie längst aus dem Leben gewichen oder zu Schatten geworden, so hat man besonders über das Parlament die feierlichsten und erhabensten Ansichten, und blickt mit Beschämung von den schläfrigen und machtlosen „Kammern“ zu Hause auf diese alte, souveraine, gesetzgebende Macht, vor der sich die Krone eben so demüthig beugt, wie jeder Unterthan dieser Krone in den drei vereinigten Königreichen Großbritanniens, und in fünfzig, über alle Erdtheile, Längen- und Breitengrade vertheilten Kolonien. In Deutschland wird dieser alte Heiligenschein um das englische Parlament durch tägliche Auszüge aus der schlesinger’schen „lithographischen Korrespondenz“ in den Zeitungen, durch gewissenhafte Excerpte aus den Parlamentsreden, durch Leitartikel in der kölnischen Zeitung und für den zweimeiligen Umkreis Berlins speciell durch die Raisonnements [340] Bernstein’s in der ,Berliner Volkszeitung“ abgeputzt und so im alten Glanze conservirt. Der gemüthliche „Constitutionalismus“ Deutschlands, der für seine Interessen zärtlich eingenommen weder kalt prüft, noch scharf sieht, sondern mit der religiösen Flamme für den Geldbeutel und die Industrieen der Besitzenden im Herzen glaubt, liebt und speciell hofft, daß in Deutschland mit der Zeit wohl auch etwas „Ober- und Unterhaus“ möglich werden könne, wird in seiner Kurzsichtigkeit besonders von der kölnischen Zeitung gepeppelt. Er glaubt einmal und ist viel zu „gesinnungstüchtig“, als daß er sich durch Thatsachen oder wohl gar durch Wissenschaft sollte in der Festigkeit und Ehrenhaftigkeit seines „Standpunktes“ incommodiren lassen.

Hat England nicht mehr Geld, als jede andere Nation? Und welch’ eine Flotte! Welche Größe! Welche Kolonieen! Welche Preß- und Versammlungsfreiheit! Sogar verbotene Sonntagsmusik! – Und was haben wir in Deutschland zu unserm Hering mit Kartoffeln? Nun, zunächst keine verbotene Sonntagsmusik. Das ist mehr werth, als wir uns vorstellen. Die englische Preß- und Versammlungsfreiheit ist in England viel stärker durch Parlamentsgesetz verboten, als bei uns. Gegen Parlamentsgesetz sind diese Güter und Bedürfnisse gebildeter Völker in England allgemeiner Brauch, Sitte und Gewohnheit geworden, durch die Macht der „Naturgeschichte des Volks“. Die Preßfreiheit ist durch Parlamentsgesetz noch so streng verboten, daß z. B. noch Jeder, der im Parlamente nachschreibt und es veröffentlicht, gesetzlich Prügel und Pranger bekommen müßte. Nichts als Mode, Naturgeschichte, daß die „Behörden“ und das Parlament eben so wenig an Erfüllung dieses Gesetzes mehr denken, als an Bestrafung des Schneiders, der gesetzlich verbotene übersponnene Knöpfe an den Rock seines Kunden nähte. Sir Benjamin Hall, der neue Gesundheitsbeamte Londons, Mitglied des Parlaments und der Regierung, ließ vorigen Sommer plötzlich Sonntags Nachmittags in den grünen, blühenden Kensington Gardens von London von Militär-Musikcorps seit Jahrhunderten streng verbotene Musik machen. Dieses Frühjahr ließ er von bewaffneten Werkzeugen des Gesetzes dieses alte, heilige Sonntagsgesetz, das Ideal mancher Frommen in deutschen Vaterländern, in vier Parks von lauter Staatsblasinstrumenten verhöhnen, und versprach den Deputationen, welche um Wiederherstellung der Sonntagsheiligkeit flehten und flennten, er werde, sobald es seine Mittel erlaubten, auch Buden für Wurst und Schinken und sonstige gemüthliche Volksgerüche neben die ungesetzlichen Musiktribünen bauen lassen.

Aber plötzlich erwachte das grimmig beleidigte, entheiligte Gesetz. Rache folgt der Frevelthat! Nein, zwar wurde die verbotene Sonntagsmusik im wunderschönen Monat Mai auf’s Neue verboten, aber nur, um beinahe die ganze Bevölkerung Londons auf die Beine zu bringen und alle zugänglichen Hände und Wände mit stürmischen Placaten für Aufrechterhaltung der verbotenen Sonntagsmusik zu füllen. Der Sonntag des 24. Mai war ein merkwürdiger Tag in der Kulturgeschichte Londons. Die schlechtesten deutschen Straßenmusikanten aus Fulda, die alle Straßen Londons wochentäglich mit ihren entsetzlichen Mißtönen füllen zur Freude der Londoner und zur Qual der in musikalischer Beziehung viel höher gebildeten Hunde, standen an diesem Sonntag Nachmittage auf Primrose Hill inmitten einer Volksversammlung von mindestens 100,000 Menschen neben Reihen bärmütziger, rother Soldaten und Gruppen bleistockbeknüppelter Blauröcke von Policemen, und schmetterten ihre Mißtöne den Hügel hinunter über das endlos ausgebreitete London, aus welchem die halbfertigen Thürme des neuen Parlamentsgebäudes gar schwächlich und schmachvoll gegen die triumphirenden Mißtöne der Anarchie aus Fulda heraufblickten.

Das englische Parlament ist mächtig, aber die Musikjungen aus dem hessischen Fulda zeigten sich mächtiger. Die Sonntagsmusik, seit Jahrhunderten streng verboten, jetzt auf’s Neue streng verboten, stürzte sich an diesem Sonntage, jeden Ton und das englische Gesetz doppelt verhöhnend, ungestraft neben Polizei und Militär aus den rostigen, verwahrlosten Blechinstrumenten fuldaer Blaseflegel. Hunde versteckten ihre Wedel schmerzvoll vor dieser Musik, aber warum blieb der doppelt geschärfte und bewaffnete Arm des Gesetzes gelähmt gegen diesen Triumphhohn des schlechtesten Abfalls aus dem musicirenden Fulda? Der Henker mag’s wissen, wie sie’s machten. Bloßes Entsetzen vor diesen Mißtönen konnte es nicht sein, denn der Engländer kann in musikalischer Beziehung mehr vertragen, als das starknervigste wilde Thier. Furcht vor der Volksmenge, welche diese doppelt verbotene Musik bestellt hatte und beschützte, konnte es auch nicht sein, denn noch im vorigen Sommer schlugen ein paar Dutzend Policemen unter eine halbe Million stolze, freie, tapfere Engländer im HydePark und trieben sie vor sich her, wie ein Sturmwind die Spreu und schlugen dabei Köpfe entzwei, als wären’s Haselnüsse.

Nun, wodurch siegten denn die fuldaer Musikjungen über das glorreiche Parlament? Wodurch? Durch „Naturgeschichte.“ Die Ausrottung des kahlen, öden, auf Andacht und stillen Orgien beschränkenden Sonntags wird eine Naturnothwendigkeit geworden sein, ein Bedürfniß für das bierverdummte, in Arbeit und Rauch und Schweiß und Schmutz und geistige Verwahrlosung eingefesselte Volk, ein erwachtes, erkanntes Bedürfniß. Dem Parlamente stehen Soldaten und Polizei zur Verfügung, aber das Gute hat es vor den meisten andern Soldaten- und Polizeibesitzern voraus, daß es sich nicht mehr damit abstrapazirt, geschichtlich Verkommenes mit Gewalt aufrecht zu erhalten. So werden in England die Gesetze nicht abgeschafft, sondern man läßt sie sterben und in das Meer der Vergessenheit fließen. Daher die blühende Preß-, Versammlungs-, Secten-, Gewerbe- und Handelsfreiheit, obgleich jede dieser Freiheiten gesetzlich noch verboten ist. Alle Freiheiten Englands sind gesetzwidrig, aber stark und kräftig, weil naturgeschichtlich nothwendig aus „Land und Leuten“ herausgewachsen.

Was das Parlament Glorioses besonders für sich hat, die Kriegsflotte, die Soldaten, die Kolonien – das sind Alles Krebse, die an dem Marke Englands fressen. Der Krieg für die naturgeschichtlich unsinnig und unmöglich gewordene Abhängigkeit Amerika’s von England kostete 124,000,000 Pfund Sterling, und Amerika wurde frei, und setzte nur dadurch die Engländer in den Stand, die Zinsen von dem Kapitale dieser parlamentarisch-patriotischen Bornirtheit zu zahlen. Der Krieg zur Vertilgung der napoleonischen Dynastie kostete noch mehr als 124 Millionen Pfund Sterling, und Napoleon III. ist nicht nur Kaiser von Frankreich, sondern auch Dictator über die englische Diplomatie. Die Flotte gegen Rußland kostete im letzten Kriege 100 Millionen und führte weder Krieg, noch erwarb sie sich Verdienste um den „Frieden“, der schon deshalb kein Frieden ist, weil vier Paragraphen von den Bedingungen verloren gegangen, und der Krieg gegen die kaukasischen Völker auch vom „neutralen“ schwarzen Meere aus schon diesen Sommer erneuert wird. Die Flotte und die Kolonieen, die England ein Ansehen geben, als reich’ es um die Erde herum, sind Werkzeuge und Glorien des Parlaments und der regierenden Klassen, aber Tod und Verderben für die Engländer, die mit allem Gelde und allem Schacher und allem Plack und aller Qual diese tödtlichen Spielzeuge des Parlaments nicht mehr bezahlen können. Diese „Glorien“ können nur noch den Schwachkopf von Profession und die Leitartikelschreiber des gemäßigten, vornehmen Constitutionalismus bestechen, aber nicht den unbefangenen Menschen, der Thatsachen und Naturgesetze studirt, statt sich in dem Gewirr von Phrasen zu berauschen.

„Der Parlamentarismus, wie er ist“ (nicht wie er war und nicht wie er den Leuten „außer dem Hause“ erscheint), besteht aus einer Fusion und Confusion von Standes- und großen Capitalsinteressen, die mit einander streiten, aber sich immer zu „paaren“ und in „Compromissen“ zu einigen wissen, wenn es gilt allgemeine oder nicht vertretene Volks- oder schwächere Sonderinteressen oder auch Privilegien und Rechte der Krone niederzuhalten. Die englische Krone ist denn auch factisch längst bloßer Talisman, bloßer Heiligenschein für diese im Parlamente vertretenen feudalistischen und Kapitalsinteressen geworden, eben so leer und hohl, wie die Größe, und Freiheit und Bildung und hohe Civilisation des englischen Volks. Von je hundert Menschen der niedern Klassen können oft kaum zehn ihren Namen schreiben. Ihr ganzer Ideenkreis drückt sich in vierzig Wörtern aus, worunter sich die Hälfte auf Bier, Gin, Trunkenheit, Pfandhaus und ein Schöpsenbein Sonnabends Abends beziehen. Noch neulich sagte ein Lord im Parlamente während der Discussion über die seit Jahren spielende „Erziehungsfrage“: der gemeine Arbeiter müsse von der frühesten Jugend an arbeiten, weshalb man ihm den schlechtesten Dienst erweise, wenn man die Kinder derselben durch Unterricht von der Arbeit abhalte und ihnen die Arbeit verleide. Das klingt oder ist vielmehr viel schlimmer als die Geständnisse des Grafen Pfeil in einer berliner Kammer. Deutschland machte diese

[341]
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Procession des Sprechers vom Unterhause nach dem Oberhause.

[342] Geständnisse moralisch todt, die Philosophie des englischen Lords ward vom Parlamente angenommen.

Dies zur Einleitung in eine kleine Reihe parlamentarischer Lebensbilder, aus welchen sich Jeder leicht den „Parlamentarismus“, wie er ist, vorstellen lernen kann.

Fangen wir mit dem Anfange an, der jährlichen steifen, lächerlich prunkenden Förmlichkeit der Eröffnung des Parlaments.

In der letzten Hälfte des Januar oder der ersten des Februar jedes Jahres, stellen sich eines Morgens eine Menge Volks, Weiber und Dienstmädchen mit Kindern und Fremde in zwei Reihen vom Buckingham-Palaste der Königin nach dem Parlamentsgebäude hin auf. Jungen klettern auf Bäume im St. James-Park und werden von Policemen in der Regel ganz freundschaftlich wieder heruntergenöthigt. Hinter der dünnen Doppelreihe von Menschen fährt manchmal eine Equipage mit sonderbar aufgeputzten Kutschern und Dienern hinten, die an alte Ritterschauspiele oder Kunstreiter oder Affen, die tanzen müssen, erinnern. Dann reiten wieder einige Exemplare der „Roßgarde“ auf und ab, schöne, ausgesuchte Riesen mit einem Putz, wie man ihn im Uebrigen blos an Figuren anbringt, die unter Glasglocken gestellt werden. So ein Kerl kostet als Gemeiner schon beinahe 3000 Thaler. Er sitzt auf einem Sattel von dem feinsten, weißen Vließe, das, wenn es naß wird, zusammenfällt und verdorben ist, ohne daß man es wieder ausschütteln kann, wie der gebadete Pudel sein Fell. Wahre Zierpuppen diese Leib-Roßgarde der Königin, deren Officierstellen als die fettesten und nichtsnutzigsten der feinsten Crème überflüssiger zweiter Lordssöhne privilegirt sind. – Später stellen sich sonderbar verkleidete fabelhafte Gestalten ein, die man sonst nirgend sieht, räthselhafte Beamte und Ruinen aus der Tower-Festung, die von alten Jahrhunderten her das Privilegium haben, vor der zum Parlamente fahrenden Königin in ihren alten, aus verschiedenen Jahrhunderten zusammengestoppelten Ritter- und Knappen-Kostümen zu Fuße einherzutrappeln. Seit vielen Jahren ist ein alter, sehr lahmer Ritter unter diesen Privilegirten, um dessentwillen die arme Königin immer ganz besonders langsam gefahren werden muß. So vergehen manche Stunden. Endlich setzt sich der Maskeradenzug vom Buckingham-Palaste aus in sehr unordentliche, zottelige, mit vielen Lücken versehene Bewegung. Die Königin, in einem Wagen mit einer großen Krone über sich, wird von lauter Privilegirten, Maskirten, Verkleideten, Entstellten unordentlich, langsam, mit grausamen, lächerlichen Förmlichkeiten, an denen sie kein Jota ändern darf, in’s Parlament geschleppt, damit sie die ihr vom Ministerio in die Hand gezwungene, jedesmal ausgesucht nichtssagende Thronrede, dem versammelten „Hause“ vorlese und es für eröffnet erkläre, ihm die Weihe, den Schein, das Privilegium, zwischen Krone und Volk Humbug mit beiden zu treiben, erneuere. Das Volk jubelt. Vor dem Parlamentsgebäude wird getrompetet, daß den Bläsern die Augen zum Kopfe herausstehen. Die Königin wird von Lords, in prächtigen, lächerlichen Schlepproben und oben unter Perrücken begraben, in Empfang genommen und in fabelhaft prächtige Räume, durch fabelhaft prächtige Corridors, gespickt mit der höchsten Auswahl weiblicher Aristokratie des Landes, in steifsten Förmlichkeiten geführt. Eine andere, fabelhafte Förmlichkeit, deren Details selbst die eingeweihtesten Engländer nicht capiren, bringt sie auf den Thron des unsäglich prächtigen Oberhauses. Um den Thron stehen merkwürdige Gestalten in Roben und Perrücken und der erste Herzog mit einem mächtigen Schwerte, das Niemand mehr schwingen kann, und noch mehr Humbug in andern Roben und andern Perrücken und moderne Offizierkleider, worin auch hohe Personen stecken, und andere Personen bis zum Kopfe ganz modern im Leibrock, aber oben mit einer Perrücke, daß sie kaum aus den Augen sehen können. Kein Mensch weiß, wozu diese Herren Perrücken tragen oder überhaupt da sind und Niemand kennt den geringsten Zusammenhang aller dieser Maskenwirthschaft ohne Witz und Sinn und Geschmack, mit der Gesetzgebung des Landes. Daß die Königin blos darüber lachen soll, wie sie öfter von ihrem gerührten Zwerchfelle zu thun genöthigt ward, kann unmöglich die wahre parlamentarische Bestimmung dieser Maskenunfreiheit sein.

Ist die Königin endlich glücklich auf den Thron gebracht, wird nach dem versammelten Unterhause geschickt und dieses aufgefordert, zu erscheinen. (Die Details der Förmlichkeiten sind auch hier so langweilig, daß wir unser Bild nicht damit verderben wollen.) Jetzt tritt zunächst der feierliche Moment der Procession „des Sprechers“ (Vorsitzender) im Unterhause nach dem Oberhause ein, vor dem Jeder den Hut abnehmen, den Jeder feierlich ansehen muß. Diese Procession ist in ihrem Haupttheile nach dem Leben in Holz geschnitten und hier mit abgedruckt worden. Da ist sie. Man muß es sehen, um’s zu glauben. Ja, so ist sie. So sieht sie aus, nur daß die Gesichter manchmal noch feierlicher, noch dümmer, noch hypokritischer aussehen. Sollen wir das Bild nun noch erklären? Da müßten wir einen Drehorgeltext und eine Drehorgel dazu haben und spielen und singen dazu. Da dies aber hier nicht zu machen ist, überlassen wir das Bild dem Leser unerklärt, damit er sich selbst einen Vers daraus mache.

Hinter der feierlichen Procession des Sprechers wird’s lustig. Die reichen Fabrikanten, Compagnie-Directoren, reich gewordene Shopkeepers, Juristen, Baronets und „Sir’s“ des Unterhauses, dicke, kugelige, feiste Herren, dünne, schmächtige Stutzer mit zu weiten Röcken, kahlköpfige, krumme, alte Gentlemen u. s. w. drängen sich so schulbubenmäßig herein, daß sie manchmal den Eingang verstopfen, rückwärts, vorwärts purzeln, sich gegenseitig auf die Hühneraugen treten und sich überhaupt geberden, daß die Königin, eben so wenig als andere Leute das Lachen verbeißen können. Hat sich das Unterhaus im Oberhause endlich auf seinen besondern Bänken zurechtgefunden, überreicht ein hoher Staatsmann der Königin knieend die Thronrede. Andere Herren knieen auch mit, ich weiß nicht, wer Alles. Die Königin liest das Glaubensbekenntniß des Ministeriums über die Lage des Landes laut und deutlich ab. Die Telegraphen spielen dabei nach allen Himmelsgegenden und die Jungen auf der Straße schreien die noch nicht gehaltene Thronrede für einen Penny aus. Das Haus ist eröffnet. Die Herren gehen nach Hause. Die Welt, besonders die politische und Zeitungsleitartikelschreiber, wetzen ihren Scharfsinn und bewaffnen das Auge politischen Tief- und Fernblickes auf das Wundervollste, um den Lesern in allen Sprachen zu deuten, was das Alles bedeute und bedeuten könne, was die Königin gelesen und was sie verschwiegen. Die Papiere auf den Börsen horchen, ob sie vor Schreck fallen oder vor Freude himmelhochjauchzend steigen sollen und fallen und steigen nach Herzenslust und Herzensangst über die Thronrede, bis nach 24 Stunden Alles vergessen ist und beide „Häuser“ nach Ueberwindung parlamentarischer Förmlichkeiten anderer Art endlich zum Geschäft übergehen.

Aus diesem angeblich weltwichtigen Geschäftsleben des Parlaments wollen wir dem Leser einige charakteristische Bilder herausheben und möglichst so einrahmen, daß man leicht rathen kann, was noch Alles über diese Rahmen hinaus sich bilden und gruppiren mag.

[376]
II.
John Arthur Roebuck.

Grade vor einem Jahre blickte ganz England und alles politische Publikum der Erde mit der größten Aufregung nur auf zwei Zeitereignisse, auf den „Kriegsschauplatz“ und auf den „roebuck’schen Antrag“. An einem heißen Juli-Abende erhob sich im Unterhause ein kleiner, kranker, verrunzelter, alter Mann mit spärlichem, sandigen Haar auf seinem gebeugten Haupte über einem blassen, galligen Gesichte, durch ein Leben fruchtlosen Kampfes verwüstet und zur Greisenschwäche abgedörrt durch eine lange Krankheit – der „wohlbekannte Senator“ – der alte, scharfe Radicale Mr. Roebuck. Mit schwacher, kränklicher, aber harscher Stimme stellte er seinen Antrag, der so lange gedroht hatte wie ein Gewitter in heißen, schwülen, verschmachtenden Tagen und so oft wieder „verschoben“ worden war, sein Tadelsvotum gegen das Ministerium Palmerston, unter dessen erbweiser Fürsorge die englische Armee auf der Krim verhungert, erfroren, durch dessen „Mißverwaltung“ England im Innern vor aller Welt seines Heiligenscheins, unter dem es für die „Civilisation“ gegen „Barbarei“ zu kämpfen vorgegeben, beraubt und von den „Sehenden“ bereits mitten in der Lüge und dem Verrath ertappt worden war.

Er schleuderte Blitze und donnerte, der alte berühmte Jupiter des parlamentarischen Radicalismus, er blickte Dolche aus seinen stechenden Augen, er redete zweischneidige Henkerschwerter von Thatsachen gegen das Ministerium; aber der Himmel blieb verschlossen über England. Es regnete nicht und Palmerston blieb König von Großbritannien. „Die Ministeranklage“, durch welche nach Burke’s Behauptung „England groß ward“, ist längst abgeschafft. [377] „Die Zeiten der Ministeranklage (und der Größe Englands) sind vorüber“, sagt schon R. Peel. Das Schlimmste, was dem Ministerio Palmerston von den Donnerern Roebuck, Layard, Bulwer Lytton, D’Israeli (denn diese brachten auch „Todesurtheile“ gegen das Ministerium ein) für die nachgewiesenen massenhaftesten Kriminal-Verbrechen hätte passiren können, war eine lächelnde Abgabe der Staatsruder an privilegirte Kollegen und Freunde, wie auf den Sturz des aberdeen’schen Ministeriums durch Roebuck ja auch dieselben Herren und Mißverwalter sich erhoben, nur daß die beiden Wechsel-Ministerial-Herren nach Dickens einmal unter dem Namen „Lord Dudle“ das andermal unter der Firma „Lord Nudle“ auftraten. Wenn England nicht parlamentarisch gedudelt wird, geschieht’s blos deshalb, weil die „feindlichen Brüder“ es während der Zeit auch einmal nudeln wollen.

Aber Roebuck siegte doch! Freilich er zwang die parlamentarischen Herren, ihm einen großen Gerichtshof zur speciellen Untersuchung der englischen Krim-Kriminalistik zu bewilligen. Da saß der alte, gebrochene Held Wochen lang alle Tage vor dem Angesichts der Oeffentlichkeit und des preß-, rede- und versammlungsfreien Volks und verhörte Generäle, Herzöge und Autoritäten und Zeugen höchsten Ranges und stellte durch ein zwanzigfoliobändiges Protokoll fest, daß die Ermordung der englischen Armee und der alten nationalen Glorie Großbritanniens wirklich das Werk der englischen Regierer und Befehlshaber gewesen, das Werk „schmutziger Vögel, die ihr eigenes Nest verunreinigen.“ Es entstand also die Frage, die damals in besonderen Broschüren besprochen ward: „Wen sollen wir hängen?“ Die Antwort lief darauf hinaus: Das System müssen wir hängen, das englische Regierungs- und Verwaltungssystem und allenfalls noch Den und Jenen, der schon todt ist und dem man daher beliebig viel Schuld auf den Grabhügel packen kann. Aber das System ist keine Person und eignet sich deshalb auch nicht zum Hängen. Außerdem ist das System, an welchem die englische Armee starb, die einzige Lebensquelle aller respectablen Familien von hoher Geburt und dicker Kasse. Das System müssen wir also auch leben lassen, denn daran sterben ja blos Leute, die nie eigentlich „geboren“ wurden. Und was liegt an denen? Was liegt überhaupt an Englands Größe im Allgemeinen? Kümmerten sich die römischen Kaiser und ihre Hofleute um Roms Größe und Wohlfahrt? Dachten gar nicht daran, und doch lebte das römische Weltreich noch 7 Jahrhunderte, nachdem es zu sterben angefangen. – „Après nous le déluge“, denken die privilegirten Klassen. Die Sündfluth wird erst nach uns kommen. So lange wir leben, hält auch das liebe heilige römische Reich Großbritanniens noch zusammen. Und wer wird sich um ungelegte Eier der Zukunft bekümmern?

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John Arthur Roebuck.

Alle roebuck’schen, layard’schen Verwaltungs-Reform-Blitze und Donner verzuckten und verhalten spurlos und die Schleußen des Himmels blieben verschlossen. Von den Reformen, welche die Regierung selbst bei Parlamentseröffnungen anzukündigen pflegt, werden in der Regel drei zurückgezogen, zwei verworfen und die drei übrigen in der „Gesetzfabrik“ so zugerichtet, daß aus Ruthen Skorpione werden. Die reformatorischen Anträge von Parlamentsmitgliedern selbst fallen regelmäßig durch oder werden mit Amendements angenommen, die nichts von der Reform übrig lassen. Und so wird der Leichengeruch immer stärker und Lord Burleigh’s Prophezeiung: „England wird nie fallen, wenn nicht durch sein Parlament,“ naht immer hörbarer, wie die Schritte des steinernen Gastes im Don Juan, um die gloriosen Friedensfeuerwerke vom 29. Mai als Höllenfeuerregen der Verdammniß zu wiederholen.

Roebuck, der durchgefallene Held der Geschichte, ist und bleibt dadurch eine Persönlichkeit, an deren Namen sich einst der bedeutendste Wendepunkt in der Geschichte des Verfalles Englands anschließen wird. Der Mann verdient näher angesehen zu werden. Aber wie sein Bild verständlich machen? Da steht er kahl ohne Vorder- und Hintergrund, ohne welchen er ein Räthsel bleibt. Die parlamentarischen Umgebungen, die sein Bild erst verständlich machen, sind aber so verwickelt und verworren, daß wir an der Möglichkeit verzweifeln, dieselben nur in groben Strichen anbringen und treffen zu können. Wir müssen uns damit trösten, daß das innere Leben des Parlaments nach und nach aus verschiedenen Bildern und Skizzen, die wir bringen werden, sich zu einem Ganzen und einer wahrheitsgetreuen Gliederung im Kopfe des aufmerksamen Lesers fügen und finden mögen.

Roebuck als Person und parlamentarische Größe läßt sich in folgenden biographischen Daten anschaulicher machen. Geboren 1801 zu Madras im englischen Indien, wo sein Vater Arzt war (wie sein Großvater, Kollege und Freund des berühmten James Watt, in Birmingham), als Knabe nach Kanada versetzt und dort erzogen, kam er erst 1824 nach England und zum eigentlichen Studium, und zwar der Rechte in dem „innern Temple“, wo das alte anglosächsische Recht gegen die parlamentarische Gesetzfabrikation noch einigen Schutz findet. Im Jahre 1832 ward er zur „Barre gerufen“ d. h. in die juristische Praxis eingeführt. Aber er war nicht berufen, für die Rechte Einzelner advokatisch zu streiten, sondern für die Gerechtigkeit gegen Alle. Zunächst rief ihn ein Ehrenamt aus seiner Privatthätigkeit zur öffentlichen. Das Parlament von Unter-Kanada bedurfte in seinem Streite mit dem Mutterlande eines Agenten in England. Es wählte dazu Roebuck, der in Kanada aufgewachsen, das Vertrauen auf seine Person und Talente dort zurückgelassen. Zugleich gab ihm die Aufregung in England, welche durch die betrügerische Reform-Bill Lord John Russel’s beschwichtigt ward (1832) Gelegenheit, seinen brennenden Eifer für das Wohl aller Klassen in energischen Reden und Flugschriften zu zeigen. Der junge Radikale ward dafür von den Wählern der Stadt Bath in’s Unterhaus des Parlaments berufen. Bald nach Eröffnung desselben 1833, als der Agitator O’Connell an den knorrigen, verworrenen Wurzeln der englischen Constitution rüttelte und die Thronrede „brutal und blutig“ nannte, stürzte sich auch der junge Roebuck mit wüthendem Eifer gegen die Person des damaligen Secretairs von Irland, dem er vorwarf, die Flamme der Unzufriedenheit, welche in O’Connell aufloderte, geschürt und genährt zu haben. Der aristokratisch-vornehme Secretair erwiederte ihm mit kaltem, verächtlichen Lächeln. „Ich verstehe [378] den Sinn dieses Lächelns“ fuhr Roebuck auf; „denn wenn es etwas giebt, wodurch sich die oligarchische Aristokratie empörender und erniedrigender vor allen andern Menschen auszeichnet, als durch ihre übrigen Vorzüge, so ist es deren allezeit bereites höhnisches Lächeln über die humanen und ehrlichen Meinungen und Gefühle unserer allgemein menschlichen Bedürfnisse und Ansprüche, die ihnen zu Ohren kommen.“ – Sie haben seitdem immer fortgelächelt und gehöhnt, Palmerston selbst über die Haufen Leichen, die ihnen auf der Krim geopfert worden waren, und über den roebuck’schen Antrag und über die roebuck’sche Krim-Untersuchungs-Folianten und sie lächeln immer noch, und Roebuck hat sich mit seinem Ernste und seiner Ehrlichkeit aufgerieben, wie sich von Cicero an sieben Jahrhunderte lang alle ehrlichen Naturen aufrieben, um das untergehende Rom zu retten, wie sich seitdem in jedem Volke, das die Mahnungen der Geschichte vornehm weghöhnt, die bessern Geister aufreiben und aufopfern, um in den dahinsterbenden von der Geschichte abfaulenden Massen noch die edele Substanz der Menschennatur zu vertreten. –

Roebuck konnte es bei allem Eifer und Ernste nie zu einer dauernden Macht gegen die mächtigere „Erbweisheit“ bringen. Allerdings hat der von ihm schon 1835 begonnene Kampf gegen Stempelsteuer der Zeitungen und mancher andere Kampf mit Sieg geendet, aber zu einer gründlichen Reform fehlte es ihm stets an Stimmen so sehr, daß er jetzt eigentlich als Vertreter des Radicalismus ganz allein steht oder vielmehr körperlich und geistig vollends zusammenbricht. (Wir werden später bei Skizzirung der parlamentarischen Parteien nachweisen, daß die Radikalen in England durchaus nichts Revolutionäres wollen und überhaupt mit den Radicalen in Deutschland nichts gemein haben.)

Im Jahre 1835 suchte er als Eigenthümer und Redacteur eines Journals: „Pamphlets für’s Volk“ zu wirken. Er ging tüchtig in’s Zeug und griff alles Faule und Feile rücksichtslos an, namentlich auch die faule, feile Presse. Drei Redacteure derselben forderten ihn. Zwei Forderungen wurden friedlich beseitigt, aber die dritte vom Redakteur des „Morning Chronicle“ endete nur, nachdem jeder zwei Kugeln abgeschossen, von denen keine traf.

Er sprach und schrieb phrasen- und gnadenlos, ohne Grazie, ohne Schonung, namentlich gegen die Whigs, die er als entschiedene Verräther an Volk und Land enthüllte. Aber die Whigs waren mächtig, so daß sie 1837 seine Wiederwahl in Bath zu verhindern im Stande waren. Vier Jahre später sahen die Wähler von Bath ein, daß sie sich hatten „bewhiggen“ lassen und wählten ihn wieder. Sein Feuer loderte wieder auf, besonders bitter persönlich gegen einen Neuaristokraten, der ihn deshalb forderte. Diesmal (1844) schoß er nicht, sondern las die Herausforderung dem Unterhause als eine Jugendthorheit seines Gegners vor, womit die Sache abgemacht war.

Seine Kämpfe nahmen verschiedene Zustände und Personen für ihr Object, besonders den pfiffigen, falschen Renegaten D’Israeli, der sich aber damit begnügte, Thatsachen durch spitze Phrasen und persönliche Aufziehungen zu bekämpfen. Im Jahre 1847 von den Wählern von Bath wieder verworfen, ward er 1850 von Sheffield gewählt. Der radicale Roebuck hatte jetzt nichts Eiligeres zu thun, als in einem Mißverständnisse über die auswärtige Politik Palmerston’s denselben vor einem Tadelsvotum in der griechischen Frage zu retten. Gar manche noch gescheidtere Köpfe als Roebuck hielten und halten Palmerston „für keinen russischen, keinen österreichischen, sondern für einen englischen Minister“, mit welcher verkündeten Neuigkeit Lord John Russel noch vor wenigen Jahren Beifallsstürme im ganzen Lande hervorrief, als wäre es das merkwürdigste, erfreulichste Wunder, daß Palmerston doch am Ende wirklich englischer Minister sei.

Daß Roebuck im Uebrigen kein Freund Palmerston’s und der Whigs war, bewies er bald durch seine „Geschichte der Whig-Partei“, worin er deren politische, gesteigerte Macht hauptsächlich der russel’schen Schein-Reformbill von 1832 zuschrieb. Diese Bill verschaffte den Kapitals- und Landes-Oligarchen nur mehr Wahlflecke, um sich dort mit schlechtem Bier und beizendem Tabak und Einkauf von Stimmen in die feste Burg der Privilegien, das Parlament, einzuschwindeln. – Einen andern Hauptbeweis seiner litterarischen Fähigkeit lieferte Roebuck in der „Geschichte der Kolonien Englands“, welche für die beste ihrer Art gehalten wird. Er schrieb diese Werke, nachdem er sich wegen Krankheit aus dem Parlament zurückgezogen hatte. Sein Vorsatz, sich von seinen bisherigen parlamentarischen, aufreibenden Kämpfen fern zu halten, zerstob aber in alle Winde, als die heimtückische, landesmörderische Krim-Expedition die ganzen britischen Inseln mit Entsetzen und Trauerflor überzog. Obgleich krank und gebrochen, sprang er auf und stürzte das Coalitions-Ministerium Aberdeen. Aber es bildete sich aus dem alten ein neues, wie das in England so parlamentarische, unantastbare Sitte ist, so daß die regierenden Familien fortwährend das Kunststück machen, welches ein Bauer seinem Sohne auf der Universität rieth. Er schickte ihm seinen alten Rock mit den Worten: Hier, lieber Gottfried, schicke ich Dir meinen alten Rock. Laß Dir einen neuen daraus machen.“ Roebuck nahm zwar den alten, ungenähten Rock vor und klopfte den dicksten Schmutz heraus d. h. er zwang das unter Palmerston’s Firma wieder auftretende Aberdeen-Ministerium, seine in Heuchelei und Verrath entschiedensten Mitglieder auszustoßen, aber sie und ihre Tanten, welche England eigentlich parlamentarisch am Leitseil ziehen, blieben doch Palmerston’s Freunde und Palmerston, was er der auswärtigen Politik funfzig Jahre lang gewesen.

Roebuck’s energische, aber durch Einsamkeit und Mangel an Gesundheit und Stimmen (die ja constitutiouell doch Alles sind) geschwächte Thätigkeit und Rede zur parlamentarischen Reinigung Englands sind verschollen, wie er selbst bald vollends zusammenbrechen wird. Palmerston und Parlament triumphiren. Der politische und historische Untergang Großbritanniens, als einer Hauptmacht unter den fünf Großmächten hat definitiv nach Außen begonnen, nachdem er im Innern längst parlamentarisch vorbereitet war. Dies geht nicht mit Dampf, sondern langsam und gründlich, wie Rom, wie Griechenland, wie Holland und Spanien u. s. w. Jahrhunderte brauchten, um von ihren „Höhen und Ausdehnungen“, auf denen die Sonne nicht unterging, so tief zu sinken und so eng zusammenzukriechen, daß es auch der Gesinnungstüchtige und, constitutionell Vertrauungsvolle, der parlamentarisch Gläubige, capiren mag.

England, das Land, wird nicht untergehen, wenn nicht geologisch Vulcan oder Neptun es unter Wasser setzen. Aber die bisherige historische, parlamentarische, englisch-nationale Herrlichkeit, die Macaulay so zauberisch und whiggistisch trügerisch zu schildern weiß, daß jeder brave Deutsche an sie glaubt, ist an der Grenze ihres Witzes angekommen.

Wie der Tod aus dem Parlamente quillt, wo die ehrlichsten, standhaftesten, mäßigsten und populärsten Reformer, wie Roebuck, und noch viel Bescheidenere vornehm niedergelächelt und todt geschwindelt werden, das wird in folgenden Thatsachen und Lebensbildern zur Anschauung gebracht werden.

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III. Layard und D’Israeli.


Zu den stärksten und hoffnungsvollsten Freunden Roebuck’s und den gefährlichsten Feinden der Krim- und Kriegsverbrecher gehörte Layard, der Niniveh-Bullen-Ausgraber. Man dachte eine Zeit lang, er werde seine starken Hörner gegen alle die Kriegsschwindler einlegen, sie in die Luft schleudern und Platz machen für sich und andere vernünftige Leute. Es ist ihm eben [488] so wenig gelungen, wie seinem Freunde Roebuck. Es fehlte theils ihm, theils dem Parlamente das Zeug dazu. In seinem Eifer blamirte er sich, machte er sich manchmal lächerlich. Und das ist im Parlamente schlimmer, als wenn man, wie das Ministerium Aberdeen, öffentlich des Brieferbrechens bezüchtigt wird. „Brieferbrechen sei schlimmer, als Börsenstehlen,“ sagte man dem Ministerio Aberdeen. Aber dies schadete ihm nicht im Geringsten, während Layard in seinem edlen Eifer sich manchmal einige Ungenauigkeiten in anklagenden Thatsachen zu Schulden kommen ließ und daran zu Grunde ging. Jeder schnappte danach und hielt sich daran, um auf diese Weise von dem assyrischen Stier der Reform los zu kommen.

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Austen Layard.

Austen Layard, der Entdecker und Auferwecker des alten Niniveh, vor einigen Jahren der Löwe in der Unterhaltung jeder gebildeten Gesellschaft, ist von französischer Abkunft. Seine Vorfahren flohen vor Bluthochzeiten und Bartholomäusnächten nach England und änderten ihren Namen Raymond in Layard. Die Familie lebte sich bald in englische Verhältnisse ein. Ein Vorfahr zeichnete sich militärisch und unseres Layard Großvater als Geistlicher in Bristol aus. Dessen zweiter Sohn lebte eine Zeit lang in Paris, wo ihm Austen am 5. März 1817 geboren ward. Layard studirte anfangs Rechte, ekelte sich aber bald davor und floh in die Welt hinaus Zunächst wollte er nach Indien, dessen Bewohner unter englischer Tortur nach einer feurigen Schilderung O’Connell’s auf das Entsetzlichste mißhandelt wurden. Layard wollte zur Erlösung der englisirten Indier beitragen, kam aber nur bis Süd-Persien, unter dessen wilden Stämmen er sich zwei Jahre lang neugierig und studirend herumtrieb. Ein Bericht darüber, namentlich über die commerciellen Aussichten, die sich dort für englische Waaren eröffneten, an das Ministerium gesandt, und außerdem veröffentlicht, brachte ihn zuerst vor das Auge der Oeffentlichkeit. Er traf mit einem befreundeten Häuptling im südlichen Persien die nöthigen Vorbereitungen zu Handelsverbindungen, als einer jener häufigen Stammes- und Parteikriege ausbrach, in welchem fast alle Freunde und Begleiter Layard’s ermordet wurden. Er selbst war einer der Wenigen, welche nach Constantinopel entkamen. Hier trat er mit dem englischen Gesandten Stratford de Redcliffe in Verbindung, der ihm Mittel zu seinen berühmten Ausgrabungen Ninivehs gab. Diese Ausgrabungen und deren Schätze sind vielfach geschildert worden. Wer hätte nicht gehört von den Gefahren, denen er von den abergläubischen Eingebornen offen ausgesetzt war, wenn er einen gigantischen Stier, einen Palast nach dem andern der seit zwanzig Jahrhunderten begrabenen Hauptstadt des alten Assyrer-Reichs enthüllte, auferstehen und über Steinblöcke und Sümpfe, Abgründe und Berge auf’s Schiff, in’s britische Museum spediren ließ? Diese Geschichten klangen sehr romantisch, und die antiquarischen und historischen Verdienste der Ausgrabungen sind groß genug; aber wir müssen sie hier bei Seite liegen lassen.

Auch die parlamentarische Thätigkeit Layard’s, in die er als berühmter, hoch protegirter Mann gerufen ward, war bis 1852 ganz bedeutungslos, da er fast alle Zeit der Verfolgung seiner literarischen und antiquarischen Studien opferte. Selbst von 1852 an blieb er als Unterstaatssecretair des Auswärtigen noch ohne parlamentarischen und staatsmännischeu Glanz. Die Anerbietungen des Derby- und des Aberdeen- und des Palmerston-Ministeriums, welche ihm alle Staatssecretairstellen anboten, wies er ab, weil ihm deren Schwindeleien und Durchstechereien gar zu widerlich waren. Als Parlamentsmitglied und Vertreter von Aylesbury verhielt er sich auch noch ruhig, bis der Krimschwindel und die „Mißverwaltung“, welcher ganze Armeen geopfert wurden, welcher das ganze historischn Ansehen Englands unterlag, die Herzen aller nicht schwindelnden Engländer empörte. Als Kenner des Ostens hatte er gleich von vorn herein ein besonderes Interesse an der „Rettung der Türkei“ genommen, und zwar ein anderes, als Stratford de Redcliffe, mit dem er 1853 nach Constantinopel gegangen war. Dieser englische Gesandte behandelte die Türkei wie ein gallsüchtiger, spleeniger Hausherr sein Gesinde – und noch schlimmer. Layard kehrte empört über diesen tyrannischen Kauz nach England zurück, und forderte vom Parlamente, daß es Aberdeen entweder absetzen oder ihn zwingen sollte, wirklich etwas Ehrliches für die Türkei zu thun. Er redete stark, aber Parlament und Minister blieben schwach. Beide schienen sich im Geheimen verständigt zu haben, daß die Türkei durchaus nicht gerettet und deshalb die englische Armee lieber ruinirt werden sollte.

Layard hatte keine Ruhe zu Hause, und reiste direct nach dem Kriegsschauplatze, wo er vom Hauptmaste des Kriegsschiffs Agamemnon die erste Schlacht an der Alma mit ansah. Er blieb auf der Krim bis nach der Schlacht bei Inkerman, und berichtete in der Times in lebendiger Schilderung und höchster Empörung darüber. Das gedruckte Wort wirkte wohl auf England, aber nicht auf die Regierung. Deshalb kam er zurück und griff sie im Parlamente an. Monate lang war das Land und mittelbar ganz Europa in Erwartung der großen Dinge, welche aus Layard’s reformatorischen und die Minister beinahe mit Galgen bedrohenden Anträgen hervorgehen sollten. Es kam aber nichts dabei heraus, als die Krim-Untersuchungs-Kommission. Und was kam aus der Krim-Untersuchungs-Kommission? Palmerston blieb, was er gewesen, und er machte den Frieden ganz seinem Charakter gemäß und leitete die Regierung, wie sie seit undenklichen Zeiten geführt worden war, im Interesse der regierenden Klassen, auswärtiger Einflüsse und nicht zum Ruhme Englands. Bei der ganzen Geschichte ward Niemand gehangen, als Layard, nämlich an den Nagel der Vergessenheit! Er spukt zwar noch zuweilen, wie Roebuck, als Reformator, aber nur als „respektabler“ Reformator für Geldsäcke, Banquiers, Eisenbahndirektoren und dergleichen Herren, die er an die Stelle der Aristokratie bringen helfen möchte. Wer aber Beide kennt und zwischen Beiden [489] die Wahl hat, wird ohne Weiteres zugeben, daß die Aristokraten viel anständiger mit dem Volke Humbug treiben, d. h. regieren, als die geldgeschwollenen Größen englischer Bourgeoisie. Es ist ein Glück für England, daß Layard’s Reformen abgewiesen wurden. Wer in England reformiren will, muß mit ganz andern Mitteln und Männern kommen, wie Layard. Daß er übrigens auf parlamentarischem Wege mit keiner Art von Reform durchkommen konnte, geht aus der Konstruktion des Parlaments und seiner Art, Gesetze und Geschäfte zu machen, deutlich hervor. Wir versparen uns eine Einführung in die Gesetzfabrikation und die Praxis des Parlaments bis auf das letzte Bild.

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D’Israeli.

Layard ist ein untersetzter, aber in seinem Auftreten und Reden etwas unsicherer Mann, ohne Genie, selbst ohne Rednergabe. Sein Ruhm liegt nicht sowohl in ihm selbst, als in seinen assyrischen Bullen. Die Schwingen, mit denen er sich aus der Unterwelt Englands in die obere hineinhob, bestanden wesentlich aus den Flügeln dieser alten assyrischen Ochsen. Aber mit denen wäre er auch noch nicht in die Höhe gekommen, wäre er nicht durch Stratford de Redeliffe den regierenden Klassen empfohlen worden. Als anständiger Mann und Gelehrter konnte er aber sein Gewissen nie ganz zum Schweigen bringen gegen den Schwindel des Regierens, so daß er die ihm gebotenen Staatsstellen in neuerer Zeit stets abwies. Aber es fehlten ihm dann auch die wahren Schwingen der Größe, als er gegen die Regierung auftrat. Er denkt und fühlt anständig, aber nicht tief und groß. Er hat, wie alle Engländer, kein Princip. Ohne Schwungkraft des Genius in sich, ohne Schwingen von außerhalb, konnte er blos eine Zeit lang hitzig flattern, aber nicht fliegen. „Ihr seid meine Schwingen,“ sprach Feldherr und König Pyrrhus zu seinem Heere. Die Victoriaflügel parlamentarischen Fluges sind Stimmen. Weder Layard, noch Roebuck, noch Bulwer, noch D’Israeli – die Hauptfeldherren gegen die Krim- und Kars- Verräther und Kriegsgichtbrüchigen – konnten nie so viel Genie und Geist beim Stimmeneinhandeln bieten, als Palmerston Geld, Stellen, Autorität, Witz und Unverschämtheit. Sie boten Mittelmäßigkeit und Mittelklassen und D’Israeli torystische Aristokratie für whiggistische Aristokratie. Die großen Massen dachten: es ist uns ganz egal, wer uns behumbugt, die Lord-Nudel- oder die Lord-Dudelfamilie, oder nahmen Partei für den alten, jovialen Schwerenöther Palmerston gegen die drohenden Geldsäcke oder kehrten der ganzen Wirthschaft überHaupt den Rücken, weil sie wohl wußten, daß in dem Kriege um Ministerwechsel und Reform nur die Mittelklassen und Aristokraten mit einander stritten und für sie, die großen, arbeitenden Massen, nichts abfallen könne, da beide stets sofort einig und stark sind, wenn von Unten und Außen etwas auf „parlamentarischem Wege“ erstrebt und erbeten wird.

Es gilt für unanständig, es ist ganz unparlamentarisch, sich für etwaige Anträge auf das Land, auf das Volk im Allgemeinen, auf Stimmen außerhalb zu stützen. Keiner will für unanständig gelten. Daher stützt er sich blos immer auf Parteien und Kliquen im Parlamente und bleibt so, wie er auch reden mag, ein Sklave dieser Kliquen, dem es nie gelingen kann, nie gestattet wird, etwas für Land und Leute im Großen zu thun.

Der Hauptschwerenöther dieses Parteigängerunwesens ist dieser langhaarige, lange Israel, der es vom Handel mit Verstand und alten Sachen schon einmal bis zum Finanzminister und der Leithammelschaft des Toryismus, der Derbyiten, gebracht hat. Geboren im December 1805, ist er immer noch ein angehender Fünfziger mit der Miene eines Mannes in seinen besten Jahren. Schon im 21sten Jahre machte er sich als Mitarbeiter an einer hochtorystischen Zeitung bemerkbar. Aber „The Representative“, wie die Zeitung hieß, lebte von dem auf 20,000 Pfund Sterling anschwellenden Verluste des Verlegers nur sieben Monate. Mit der Aristokratie ist kein Geschäft zu machen, dachte nun der Sprosse aus dem Stamme Benjamin und fing an, für Freiheit, allgemeines Wahlrecht, kurze Parlamente und allgemeine Reform zu schwärmen. Als solcher Schwärmer für Freiheit schwärmte er zugleich für den irischen Agitator O’Connell, durch welchen er auf verschiedene Wahlbühnen geführt ward, anfangs (1835) ohne, aber später (1837) mit Erfolg. Er saß bis 1841 für Maidstone, bis 1847 für Shrewsbury und seitdem für Buckinghamshire im Unterhause, so daß längst Jeder weiß, wer unter dem so oft in Parlamentreden spöttisch erwähnten „Mitgliede für Buckinghamshire“ gemeint sei.

Mit seiner Jungfernrede im Parlamente ward er so lange ausgelacht, bis er geschlagen und erschöpft niedersank, nicht aber, ohne vorher trotzig ausgerufen zu haben: „Ich will mich nun setzen, aber es wird eine Zeit kommen, wo Sie mich hören werden.“ Und so kam’s. Er gewann allmälig „das Ohr des Hauses“ für seine kühnen Sprüche, glänzenden Paradoxen und spöttischen Hiebe, und ist jetzt nicht nur der populärste Redner, sondern auch Häuptling der Ministerial-Partei Nudel, die allemal an’s Ruder konimt, wenn die Partei Dudel abgetrieben wird. Benjaminchenleben war als Ruhmesposaune Sir Robert Peel’s im „Hause“ aufgetreten, da dieser Aussicht hatte, ein „Ministerium zu bilden.“ Er bildete auch 1841 eins, aber ohne Benjaminchenleben, was nun seinen Lockenkopf senkte, um ihn mit dem grimmigsten Hasse gegen seinen ehemaligen Abgott, der noch dazu durch den Drang, Minister bleiben zu, wollen, nicht aus Ueberzeugung, zum Apostolat des Freihandels übergegangen war, wieder zu erheben.

Benjamin gehört zu der Sorte von Schacherjuden, welche meinen, der Handel müsse ein Privilegium seines Stammes bleiben. Er verfolgte den Freihandelapostel Robert Peel bis zu dessen Grabe und ward zuletzt aus demselben Dränge Freihändler, wie Robert Peel aus Liebe zum Ministerbleibenwollen. Wie Peel starb und die Whigs daran kamen, wie die Whigs gingen und die Tories wieder hereinschritten und Benjamin D’Israeli zu seinem eigenen und der Welt Erstaunen Finanzminister ward und wie er mit seinen Finanzreformen trotz des Uebertritts zum Freihandel durchfiel und die Tories deshalb wieder abtraten und ihre Ministerposten wieder den Whigs, denselben Namen, überließen, bis letztere wieder abtraten und erstere wieder dran kamen, darüber könnte man in einer Biographie D’Israeli’s recht gut dicke Bände schreiben; aber dieser ganze Schwindel ist so ideen- und geistlos, so feindlich gegen Alles, was man anständiger Weise parlamentarisches Leben, constitutionelle Fürsorge zum Wohle eines Volkes, Politik und Regierung nennen könnte, daß man es der Achtung [490] vor dem Leser schuldig ist, davon zu schweigen. Nur ein Wort über die fruchtlosen Angriffe D’Israeli’s und seiner Partei auf die palmersten’sche Wirthschaft, die aber blieb, obgleich sie sich und das Land bis zur schamvollsten Erniedrigung allseitig bloßgestellt hatte. Die Tories trauten ihrem Häuptling nicht recht und thaten nichts Rechts für ihn. Die Friedensmänner und Herren von Manchester und Kattun, welche D’Israeli in die Verschwörung zu ziehen versucht hatte, dachten: wozu sollen wir dem langen Israel wieder auf die Minister-Bank helfen? Jeder Andere ist mindestens eben so gut, wenn nicht besser. Und dem langen Israel, der in allen Parteien „gemacht“ und alle mißbraucht hat, traue der Teufel, aber wir nicht. So fiel auch er durch und es wurde weiter gedudelt, so das D’Israeli noch eine Zeit lang warten muß, ehe er wieder nudeln kann. Inzwischen bleibt er ein pikanter Stoff in langweiligem Hause. Jeder macht gern einen Witz über ihn, weil er gelegentlich Jeden einmal gebissen hat. Er gibt auch viel Stoff zur Komik. Er hat so seine Eigenheiten. Er kommt sehr fleißig, sogar ziemlich regelmäßig in’s Haus, stets allein und heimlich marschirend, Niemanden unterwegs ansehend oder gar mit sich reden lassend. Vor der Ühr zwischen beiden „Häusern“ vorbeischreitend, macht er jedesmal ohne Ausnahme einen heimlichen Blick auf deren Chifferblatt, so daß man ihn in dieser Situation schon karrikirt hat, setzt sich dann auf seinen Platz und stellt den Hut, den alle Andern aufbehalten, sorgfältig unter die Bank. Jetzt kreuzt er die Arme, sieht auf den Boden und bleibt so sitzen, bis er aufsteht, um zu reden. Ganze Stunden, ganze Abende sitzt er so ohne sein Gesicht zu bewegen oder zu seinem Nachbar Napier eine Silbe zu sagen. Diese automatische Regelmäßigkeit, sein einziger entblößter Lockenkopf unter Behutsamen und Bedachten und der Mechanismus seiner Beredsamkeit – das Alles sind kleine, eben durch Ausdauer mächtige Hülfsmittel, sich interessant zu halten. Er spricht, wie die Geister, nur um Mitternacht. Vor eilf bis zwölf Uhr in der Nacht tritt er nie als Redner auf. Nachts um die zwölfte Stunde verläßt er das Grab seines Sitzes und fängt an zu reden. Wer ihn noch nicht gehört, fühlt sich stets beinahe eine Stunde lang getäuscht. Die Meisten denken, er sei ein Redner, aber seit Brougham, dem H. Heine das herrlichste Denkmal gesetzt, gibt es keine Redner mehr im Parlamente, weil keine Herzen und Stoffe dazu mehr zugelassen werden. D’Israeli säuert und leiert etwa eine Stunde lang ziemlich gewöhnlich mit der Hand auf dem Tische und den Augen auf dem Boden. Dann nimmt er allmälig seine triumphirende Stellung, wie die gezeichnete, an und schießt los. Er bewegt sich, erhebt sich und verkündet die Periode des Witzes – von der Dauer einer Viertelstunde – durch sarkastische Winkel im Munde. Er spielt an, beißt direct, holt aus und haut epigrammatisch auf einen ganz unvorbereiteten Kopf. So macht er seine Kunststücke rasch hinter einander und hält sich dadurch in dem Rufe, eine Größe unter Zwergen, ein Einäugiger unter Blinden zu sein. Dabei ist nicht zu verschweigen, daß er ein besseres, namentlich in Adjectiven vortrefflicheres Englisch spricht, als jeder andere College, daß er als Verfasser von Romanen und Memoiren belesener, gebildeter, gewandter, unterrichteter, fleißiger ist, gewählter redet und schauspielert, als der Haufen seiner Genossen, die sich mehr oder weniger alle auf unreellere Weise in’s Haus hineingeboren, gekauft und geschwindelt haben, als D’Israeli, der mindestens insofern merkwürdig ist und ein Verdienst vor diesen Andern beanspruchen kann, als er sich ohne Reichthum, ohne Geburt, sogar mit einem jüdischen Stammbaume, durch bloßes Talent, durch List und Geschicklichkeit allmälig selbst so hoch in die Hohe schob.



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IV. Wilson. Lord Lyndhurst.

Unter den Equipagen, Reitern und Reiterinnen, die sich zu Tausenden im Hydepark herumtreiben, so lange die season, die Parlamentsperiode, dauert, bemerkt das Volk öfter einen Mann mittleren Alters, etwas ungeschickt und plebej im Sattel, mit einer unter den unzähligen kahlen Gesichtern frappant und scharf hervorstechenden Physiognomie, überhängender Braue, inhaltvoller Stirn, spekulativer Nase und seltsam lockig auslaufendem rothen Haar.

Look, that's Mr. Wilson of the Treasury“ – Sieh, das ist Mr. Wilson vom Staatsschatze – sagen die Leute. Blos Mr. Wilson, Staatsschatzsekretair, Sohn eines Posamentiergeschäfts. Nicht alle Herrschaften unter diesen Auserwählten sind Lords und Ladies. Im Gegentheil gibt’s viele hinausgeschmuggelte und importirte Grisettenwaare darunter. Nicht alle Staatsstellen besetzt man aus den „obersten Zehntausenden.“ Die Aemter und Stellen, welche Arbeit und Kenntniß verlangen, übergibt man gern tüchtigen Arbeitsbienen aus den untern Klassen, damit die angestellten Dronen aus den höchsten Klassen ihre höheren Gehalte und ihre Gehaltlosigkeit mit desto mehr Ruhe genießen können. Muster einer solchen Arbeitsbiene, eines solchen Talentes von Unten ist Mr. Wilson. Geboren 1805 in der kleinen Manufakturstadt Hawik am Teviotflusse, Sohn eines kleinen Posamentiers, wurde er durch den Vater in die Religion und prosaische Lebens und Sittenstrenge der Quäker eingeführt. Die Quäker zeichnen sich außer durch Röcke mit einer Reihe Knöpfe auch durch breitkrämpige

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Mr. Wilson.

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Lord Lyndhurst.

Hüte aus, welche sonst kein gewöhnlicher Hutmacher vorräthig hält, so daß mancher Quäker in Verlegenheit kommt, wenn er mit der luxuriösen Idee herumgeht, sich einen gläubigen neuen Hut anzuschaffen. Unter solchen Umständen erscheint es nicht auffallend, daß Posamentier und Vater Quäker, der sich den Luxus einer Frau und mehrerer Söhne angeschafft hatte, auf den Gedanken kam, einen Sprößling in der verwahrlosten Hutmacherkunst unterweisen und breitkrämpige Hüte machen lernen zu lassen. So ward unser Wilson ein Hutmacher, erst zu Hause, wo seine Wiege stand, dann in Newcastle und in London.

Während er nun so viele hirnlose Köpfe mit „Angströhren“ und Breitkrämpern bedeckte, dachte er immer, es sei gut, sich selbst nicht blos etwas auf, sondern auch in den Kopf zu bringen. Mit Schrecken halte er nämlich sehr oft beim Verkauf eines neuen Hutes bemerkt, daß der Hut eigentlich auf Nichts, auf einen bloßen [638] Schein und Schemen von Kopf gesetzt werde. So dachte er denn in seinem ziemlich geräumigen Kopfe: darin steckt etwas und hat noch viel mehr Platz! Ich will meinen Kopf nicht blos, wie andere Herren, auf den Schultern tragen, damit sie eine Stelle haben, wo sie einen Hut anbringen, sondern den Kopf um des Kopfes, um meinetwillen als Vorrathskammer und Kunstwerkstatt für die Schmiede meines Glückes. Also er lernte, er studirte, er schrieb, er dachte, er rechnete und sah dann, daß andere Leute unter ihren und seinen Hüten nicht denken und die Politiker und Staatsmänner besonders falsch rechnen. Das schrieb er auf und ließ er drucken. So entstanden seine Flugschriften: „Einfluß der Korngesetze“ (1840), „Fluctuationen des Geldes und Handels und der Industrie“ (1841), „Die Staatseinnahme oder was sollte der Schatzkanzler thun?“ u. s. w.

Endlich gründete er 1843 sogar eine fortlaufende Controle und Nachrechnung, das erste journalistische Organ für die neue, noch gänzlich mißverstandene und mißverwaltete Wissenschaft und Kunst der National-Oekonomie, der Staats- und Volkswirthschaft, den Oekonomisten: „The Economist,“ eine Wochenschrift, durch welche Wilson bald eine gefürchtete und geehrte Größe im Lande und sogar Parlamentsmitglied ward. Der ausgebrochene Streit der falsch und in Defekten gegen die Wilson’schen richtig Rechnenden, der Protektionisten und Schutzzöllner gegen die Freihändler, mit einigen Siegen der Letzteren, verschaffte den Wählern von Westbury die Ehre, Mr. Wilson für’s Parlament gegen die falschen oder absichtlichen Schwindelrechner durchzukämpfen (1847). In andern Ländern erfreute sich die neue Wissenschaft, daß auch in der Politik 2 mal 2 blos 4 ist, nicht solcher bescheidenen Siege, wie in England. England entging dadurch den Krämpfen von 1848, unter welchen das übrige Europa sich verrenkte. Aber die „obersten Zehntausend“ wußten, nachdem sie etwas Dampf durch die Sicherheitsventile abgelassen, auch wieder gehörig zu schließen; denn sie waren und sind nie Willens, wirklich richtig und offen zu rechnen und Rechnung abzulegen. Was aber mit den „Oekonomisten“ anfangen? In England steckt man gefährliche Leute nicht ein, sondern stellt sie an; man schießt ihnen nicht das Lebenslicht aus, sondern „etwas vor“ und wie die nobeln Künste sonst sich prakticiren lassen. Jedenfalls befinden sich Regierende und Regierte wohler dabei. Nicht der gewaltigste Tyrann der Erde könnte seinen Sklaven mit Gewalt so viel Geld auszapfen, als die Engländer an ihre zehntausend obersten Müssiggänger und Schwindler freiwillig und mit Patriotismus zahlen. In verschiedenen Ländern des übrigen Europa wäre ein Posamentiersohn und Hutmacher Wilson lebenslänglich eingesteckt worden, in England ward Mr. Wilson durch eine Sekretairstelle im Controleamte bestraft. Die Minister trafen hier, wie in den meisten ähnlichen Fällen, zwei Fliegen auf einen Schlag: sie machten sich einen mächtigen Feind zum Freunde und gewannen einen tüchtigen Arbeiter in ihre Bureaux voller hochgebornen Faullenzer und Herren, die ihren Kopf blos tragen, damit sie auch eine Stelle haben, wo ein Hut angebracht werden kann.

Mr. Wilson ließ nun, wie das Volk, freiwillig fünf gerade sein, während im übrigen Europa der strenge Befehl, daß fünf gerade sei, im Geheimen immer noch so allgemein und hartnäckig ketzerisch bezweifelt wird. Mr. Wilson blieb ein respektabler Mann und Oekonomist, und rettete den Freihandel öfter vor tückischen Angriffen, aber er ward auch Finanzsecretair des Staatsschatzes, und hatte darin stets so viel zu thun, daß er sich nicht gegen jeden Schwindel und jede kleine Freiheit der Nicht-Oekonomisten, d. h. mittelbar auch gegen sich selbst, auflehnen konnte. Wem der Herr oder Palmerston ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand, welchen Mr. Wilson schon vorher im bevorzugten Grade besaß. Dieser Verstand-Beamteter ist allerdings denn auch „danach.“ Einem geschenkten Gaul, sieht man nicht in’s Maul. Der „geschenkte“ Beamtenverstand sagt immer zu dem Gewissen: Kerl, verdirb mir die Karriere nicht und halt lieber dein beißendes Maul! Denkst du nicht an Weib und Kind und sonstige Angehörige! – Das Gewissen wird durch solche Erinnerungen gerührt, und läßt fortan fünf gerade sein. Und das Volk draußen, dem die Arithmetik nicht mit Polizei und Bayonnet beigebracht wird, ist auch gerührt über diese Freiheit und Milde, mit der es betrogen wird, und stolz auf einen Wilson, der aus den untern Klassen emporstieg, und diese nun vertritt und die Leute, welche der Regierung vorwerfen, daß sie Niemand von Unten hinanflasse, Lügen straft. Daß diese Straflüge selbst eine Lüge ist, merkt man nicht. Man nimmt überhaupt da, wo „so viel Freiheit herrscht,“ nichts so sehr genau, wie unter Verhältnissen erbarmungsloser, strikter Befehle und Kommando’s, welche unwillkürlich zur Opposition, zu Trotz und Tücke herausfordern.

Ein Beispiel anderer und ganz eigener Art des ausnahmlichen Emporsteigens aus untern und gar fernen Regionen in die höchste Schicht der englischen Gesellschaftsstrata liefert Lord Lyndhurst, ein Greis, der uns zuweilen in Bildergalerien und sonst mitten im Leben und unter dem Volke vorkam, und uns jedesmal als eine merkwürdige Persönlichkeit auffiel. Der Mann geht einher wie eine Mumie, vertrocknet und verschrumpft, wie altes Leder in Regen und Sonne, wie ein Haufen Backobst in die Gestalt eines Menschen zusammengedörrt, aber noch so zähe und tapfer, als wäre der 84jährige Greis ein gesunder Vierziger. Er war 1772 in Boston geboren, und kam aus den amerikanischen Republiken als armer Junge herüber nach London, ich weiß nicht wie. Von ihm selbst haben wir aber einmal gehört, daß er aus Mangel an einem Penny unter einer Themsebrücke schlief, und der spätere Lordkanzler von England sich öfter hungrig auf der Straße umhertreiben mußte. Copley, sein Vater, ein Maler, hatte selbst nicht immer zu essen gehabt. Deshalb war der Junge davongelaufen, um in England der berühmteste Jurist, Großsiegelbewahrer und Lordkanzler zu werden. Wie er dies eigentlich angefangen, scheint noch nicht im Detail öffentlich bekannt zu sein. Man weiß nur, daß er von der Zeit an, als er unter einer Themsebrücke schlief, bis jetzt, da er auf Lorbeeren ruht, ununterbrochen den eisernsten Fleiß, die unbeugsamste Willenskraft und die heroischste Ausdauer festhielt, so daß dieser interessante Kopf und diese von acht Jahrzehenden ungebrochene Gestalt mit seinen eisern gewordenen Muskeln den Ausspruch bekräftigt: „Der Mensch kann Alles, was er will.“

Ueber alle Notabilitäten Englands werden, wenn sie todt sind, mehrbändige Biographien und Memoiren geschrieben. Die Bände, welche einst diesen zähen, derben Lebensstoff bearbeitet vor die Öffentlichkeit stellen, werden jedenfalls zu den interessantesten Bereicherungen der reichen englischen Memoiren-Literatur gehören. Jetzt wissen wir, die wir ein Wort über diesen substantiellsten Kopf parlamentarischer, vielköpfiger Kopflosigkeit sagen wollten, nichts im Detail aufzubringen. Wir beschränken uns daher auf die Notizen, daß er 1804 die praktische Laufbahn eines Juristen begann, und rasch von Stufe zu Stufe stieg, bis er für seine Verdienste und seinen hohen juristischen Rang zur Pairswürde erhoben und so Mitglied des Oberhauses ward. Es ist eine zum Gesetz gewordene Sitte in England, daß Juristen des höchsten Ranges mit der Pairswürde bekleidet werden, in der Regel mit der Pairswürde auf ihre Lebenszeit, so daß sie nicht forterbt.

Wer sich um die diesjährigen Parlamentsverhandlungen bekümmert hat, wird sich erinnern, daß es gerade Lord Lyndhurst war, der durch seinen Antrag, die juristische Notabilität Sir James Parke mit der Pairswürde auf Lebenszeit zu beschenken, das größte Leben in diese traurige, vergangene Session rief. Das Leben entsprang aus dem aufgerührten Widerspruch zwischen Vorrechten der Krone und der Souverainität des Parlaments. Letzteres hat die Krone so weit zum Schatten ausgehöhlt, daß das Witzwort: „Das Parlament kann Alles, nur keine Frau zum Manne machen“ ziemlich wahr geworden. Wenn die Parlamentsmitglieder aus der einen Krone nicht 600 Kronen machten, könnten liberale Leute sagen: das ist eben die Freiheit in England, daß die Krone keine Macht hat. Wenn aber dafür 600 Menschen absolute Krone spielen, werden Monarchie, Demokratie und Republikanismus zu gleicher Zeit betrogen.

Lord Lyndhurst war ein Herkules von Fleiß und Ausdauer, aber nicht für das Land, sondern für die Kreise, in welche er sich hinaufgearbeitet. „Niemand wandelt ungestraft unter Palmen,“ sagt Goethe, Copley wandelte nicht unbelohnt aus seiner republikanischen Kindheit unter die Lords des Oberhauses hinauf.


[712]
V.
Drummond, der Erzengel. Ergebnisse und Schlußfolgerungen.

Die parlamentarischen Herren, welche wir bis jetzt persönlich vorgeführt haben, sind alle Parade-Pferde. Der große Haufen der andern Auserwählten besteht aus Mittelmäßigkeit, wenn nicht schlimmeren Ingredienzien. Auch diese hervorragenden Persönlichkeiten sind nur einäugige Könige unter Blinden. Es ist kein großer Mann, kein großer Redner unter ihnen. Wo Talent und Genie gar nicht mit concurriren können und nur Geld, Rang und Verbindungen die Wahlen beherrschen, ist dies nicht anders möglich. Einige von diesen persönlich vorgestellten Größen würden vielleicht manches Große und Gute gethan und durchgeführt haben, wenn sie nicht stets darauf beschränkt gewesen wären, es parlamentarisch, vermittelst der Stimmen von Privat- und Kliken- und Goldklang-Interessen und der Dummheit obendrein zu versuchen. Mit der Dummheit aber kämpfen, nach Schiller, Götter selbst vergebens, besonders wenn sie reich ist. Freilich nicht alle Reichen sind dumm, wiewohl sie nach dem Ausspruche des Heilandes alle schwerer in’s Himmelreich kommen, als ein Kameel durch ein Nadelöhr. Wenn sie nämlich klug und weise sind, benutzen sie diese Talente gern nur als Diener ihrer Habe, ihrer speciellen Geld- und Ranginteressen. Das Parlament erfreute sich lange zweier Muster dieser Art von Reichen unter Reichen, des Capitains Sipthorp und des Banquiers und Erzengels Mr. Drummond. Seitdem ersterer aber endlich gestorben ist, führt Mr. Drummond noch allein die Peitsche und Geißel und schüttelt er die Schellenkappe der Originalität unter den Hunderten von auserwählten Dutzendmenschen. Mr. Drummond ist vielleicht allein ein origineller, alter Kauz unter den Gesetzfabrikanten Englands. So oft sich der alte, trockene, schattenhafte, kahle, nur noch mit Backenbart bis über die Ohren hinaus umborstete Siebenziger erhebt, setzt sich Jeder in die Position den Horchens, wenn er auch den ganzen Abend hindurch keinem Worte eines Redners Aufmerksamkeit schenkte, denn Jeder weiß, daß er nur etwas Originelles, Burleskes, bitter Malitiöses und mitunter auch blitzartig Schlagendes hören wird, also etwas, wovon in beiden Häusern sonst keine Silbe zu erhaschen ist. So ungeheuer alt, so ungeheuer reich und dabei so witzig und scharf und eigen. Was kann es Wunderbareres im englischen Parlamente geben?

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Drummond, der Erzengel.

Mr. Drummond stammt aun einer alten schottischen Patrizierfamilie, die sich durch ihren jacobitischen Royalismus für die Stuart’s auszeichnete und dafür manche Verfolgungen erlitt. Sein Vater etablirte sich in der City von London als Banquier und heirathete eine Tochter Lord Melville’s, des Collegen und Freundes von William Pitt. So ward der jetzige Drummond „mit einem silbernen Löffel im Munde“ und einem Passe partout für die höchsten Kreise 1786 geboren und danach erzogen, so daß durch alle seine originellen Ein- und Ausfälle stets als Grundton Überschätzung des Reichthums und Ranges und Verachtung der ohne silbernen Löffel und ohne Stammbaum Geborenen hindurchging. Da ihm die christliche Lehre als solche, die höchst unrespectabel von Liebe zu den Armen, von einem gemeinschaftlichen himmlischen Vater und den Menschen im Allgemeinen als Kindern Gottes spricht, dabei sehr im Wege war, gründete er eine besondere Religion für die Reichen. Wenigstens ist er der eigentliche Schöpfer, Bauherr und Erzengel der religiösen Sekte, die ihren Namen von Eduard Irving ableitet. Die Irvingianer hielten ihre ersten Versammlungen 1826 im Schlosse Drummond’s, Albury Park, Surrey bei London, um über mehrere bis jetzt noch nicht in Erfüllung gegangene Prophezeihungen der Offenbarung Johannis u. s. w. zu discuriren. Daraus ging die Sekte der Irvingianer hervor, die in ihren Tempeln einen Reichthum und Luxus entwickelt, wie niemals die katholische Kirche in ihrer größten Blüthe. Wir wissen nicht, was die Irvingianer eigentlich glauben. Darauf kommt’s hier auch gar nicht an. Genug daß ihnen Drummond die originellste und luxuriöseste aller Kirchen mit Engelswohnungen am Gordon Square in London baute und er selbst Erzengel aller Engel und Chef der ganzen Sekte ist. Als Erzengel blieb er auch Banquier und wurde er seit 1847 als Vertreter eines Surrey-Stadttheiles von London Mitglied des Unterhauses, seit Sipthorp’s Tode auch dessen alleiniger Lustigmacher. Aber er rührt nicht blos das Zwerchfell, er bringt auch Galle zum Kochen, daß sie überläuft, wie z. B. 1851 den Irländern, als er das Innere von deren Nonnenklöstern mit kunstbaren Strichen und Streichen öffentlich ausmalte, besonders am 5. Mai 1853, als er in einer Discussion über Corruption und Bestechung bei Wahlen den Einkauf von Stimmen als nothwendige Institution in Schutz nahm und Alle, die dagegen sprachen, als freche Heuchler denuncirte. „Es gibt blos zwei Wege, die Menschen zu regieren,“ sagte er, „brutale Gewalt und Selbstinteresse. Nennt letzteres Corruption, Bestechung oder wie ihr wollt. Es ist unsere Regierungsform und herrscht vom Palaste der Königin an durch das Oberhaus, durch das Unterhaus, durch alle Lebens- und Verwaltungszweige hindurch. Das Unterhaus ist der große Aemter- und Stellenmarkt, wo Einlaßkarten für alle Bureau’s und fette Situationen ge- und verkauft werden.“ – Darauf wandte er sich persönlich an einen Collegen, der einen ihm unangenehmen Antrag gegen das Ministerium, das ihm keine Anstellung gegeben, loslassen wollte und sagte: „Dieser Antrag ist das Gequieke eines Ferkels, weil es keine „Brust“ von der Muttersau bekommen.“ – [713] In der Discussion über Aufhebung des Zeitungsstempels rief er die ganze, allmächtige, freie Presse Englands gegen sich unter die Waffen. Das bewaffnete, allmächtige freie Wort Englands that ihm aber mit allen Angriffen nicht das Geringste zu Leide, wie es überhaupt mit aller Macht und Freiheit niemals einem Mächtigen und Situirten etwas merklich zu Leide that. Drummond bezeichnete die freie Presse Englands als Dienerin und Sklavin der herrschenden Interessen, als eine privilegirte Bande von Speichelleckern und Lügnern und deshalb als größter Fluch des Landes. Er wurde dafür furchtbar angegriffen, aber weder er- noch widerlegt. –

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Zu einer Abstimmung „herbeigepeitschte“ Parlamentsmitglieder, nach Thorschluß ankommend.

Die Administrativ-Reformers gegen Krim- und Kriegsmißverwaltung, eine Zeit lang die Hoffnung und das Pathos der Liberalen in und außer dem Hause, schnauzte er so an: „Diese Narren wollen Schiffsmäkler, Aktienhändler, Eisenbahndirektoren und dergleichen Mittelklassengötzen an die Stelle der Regierung bringen. Der Staat aber besteht nicht aus Proviantschiffen und Börsenpapieren und Eisenbahnunglücksfällen. Diese Geldmenschen sind gar nicht fähig, zu begreifen, was der Staat ist, geschweige, ihn zu regieren.“ Man muß nicht blos Geldmensch, sondern auch von Geburt und Rang und auch „Erzengel“ sein, um den Staat zu regieren, war die eigentliche Meinung Drummond’s. Ein origineller Kauz, der bei allen echt stockenglischen Misanthropien und Standesschrullen das Gute für sich hat, daß er die Dinge und Lügen und Verschrobenheiten der englischen Staats- und Lebensverhältnisse öfter ohne Heuchelei beim rechten Namen nennt und den Muth hat, zu verlangen, daß man sie trotz dieses rechten Namens respectiren und conserviren müsse, weil sie zu den Bedingungen gehören, unter welchen allein die verschrobenen feudalistischen Zustände als Träger der herrschenden Rang- und Geldsackinteressen conservirt und cultivirt werden können. Das wollen die meisten andern Parlamentsmitglieder auch, aber ohne Courage, die Dinge beim rechten Namen zu nennen und daher mit heuchlerischen Phrasen von Freiheit, Volkswohl, Landesehre u. s. w. um sich werfend. Drummond hat diese Courage. Er ist so vornehm, so echt aristokratisch, so voller Verachtung gegen die große Menge und das Volk im Allgemeinen, daß er es unter seiner Würde hält, irgend etwas um der Presse, um der öffentlichen Meinung, um des Volkes willen zu beheucheln und zu beschönigen. Und so ist er ein alter Narr geworden, dem Jeder gern zuhört, weil er sich über die Feigheit und Heuchelei der Andern hinweg das Privilegium gesichert hat, witzig und spitzig die häßlichste, englische Wahrheit zu enthüllen und sie mit allen ihren Buckeln und Aergernissen ritterlich für die schönste Dulcinea auf Erden zu erklären.

Mit Ausfällen aller Art haut er alle Reformversuche nieder oder verkrüppelt sie wenigstens so, daß sie, durch eine Intrigue anderer Interessen durch alle „drei Lesungen“ geschleppt, seinen Interessen nicht viel schaden, den Liberalen oder gar dem Volke nicht viel nutzen können. Im Gegentheil. Man darf kühn behaupten, daß kein Parlamentsakt, der etwas einführt, jemals [714] Land und Leuten nützen kann. Das Parlament hat während seiner vielhundertjährigen Gesetzfabrikation so viel Schaden gethan, daß es nur verhältnißmäßig Gutes durch Abschaffung thun kann. Die ganze parlamentarische Thätigkeit ist nämlich im Wesentlichen nichts, als Einschwindelung von Interessen der bevorzugten Klassen in das alte anglo-sächsische Rechts- und Freiheitsleben.

Was wir in England Freiheit nennen, sind Ueberbleibsel des alten, germanischen Gemeindelebens, die aus dem wuchernden Unkraut parlamentarischer Gesetzfabrikation noch hervorragen und die Kraft dazu tief aus den Wurzeln anglo-sächsischer Rechtsgewohnheiten ziehen. Diese alten niedersächsischen Rechtsgewohnheiten und Selbstverwaltungssitten, die in dem Freiheitssinne der alten Germanen wurzelnd aus dem Volke zu Rechten und Gesetzen hervorwuchsen, wie Naturgesetze aus chemischen Prozessen, boten sich den alten Königen und Beamten grade so als Gesetze, wie der Naturforscher in den Bewegungen und Gestaltungen der Materie Gesetze entdeckt. Sie erforschten und sammelten die zu Rechtsgewohnheiten ausgeprägten Verwaltungs- und Selbstregierungssitten der Gemeinden, besonders unter Alfred dem Großen (870 bis 901) und sagten: das sind die Gesetze, durch welche sich die gemeinen Massen und Gemeinden regieren, das ist das gemeine Recht (common law) von Land und Leuten.

Es war der Stolz der alten anglo-sächsischen Könige und ihrer Beamten, über die Regeln und Bedingungen, unter welchen dieses Herzblut des Volks quoll und floß, zu wachen, nicht, ihm ihre Einfälle dafür octroyiren zu wollen. Zu diesem Amt waren König und Beamte gewählt und bestellt. So kamen sie oft in den Fall, Ausübung der Freiheit, Gebrauch des Jedem inwohnenden Rechts zu befehlen, nicht zu unterdrücken. Die lebendige, wirkliche Freiheit ist keine gebratene Taube, die dem Menschen in den Mund fliegt, sie will stets geübt, kultivirt, erwirklicht sein und legt daher in demselben Maße Pflichten auf, als sie Rechte und Genüsse gewährt.

Der alte germanische Staat der anglo-sächsischen Königreiche in England bestand aus Gruppen wirthschaftlicher Gemeinden („shires“), die nach alter niedersächsischer Art (wie noch heute, im Gegensatz zu den geschlossen liegenden slavischen Dörfern Deutschlands) frei umherlagen, da sich Jeder auf seinem Grundstück erbaute. Das Band, was, diese frei umher zerstreuten Grundbesitzer einigte, war ein staatliches im Kleinen, die Verwaltung und Rechtspflege innerhalb bestimmter Grenzen solcher Grundstücke. Es gab keinen Adel. Jeder konnte großer Grundbesitzer werden und beliebig von seinem Lande verpachten. Diese Grundbesitzer bildeten später mit ihren Pächtern oder Hintersassen, Stadtschaften, townships mit je einem erwählten Vorsteher für Gemeindeangelegenheiten, dem Reeve. Der Vorsteher weiterer Gemeinden, shires (Grafschaften) oder ganzer Bodengruppen, war Shire-Reeve, woraus das spatere Sheriff zusammenschnurrte. Kleine Ortsgemeinde-Versammlungen, größere unter dem Reeve, weitere unter dem Shire-Reeve u. s. w. gliederten sich empor zu einem Haupte oder der großen Rathsversammlung des Landes für alle Volks- und Landesangelegenheiten nicht localer Art, an deren Spitze der gewählte Landes-Reeve oder König stand. Aus dieser Rathsversammlung des Landes wuchs später polypenartig das Parlament zu einer Gesetze gebenden, machenden Körperschaft gegen common law und König heraus. Die vom Parlamente gemachten Gesetze nennt man im Gegensatz zum naturwüchsigen Rechte des Volks, dem common law, statute law, Statuten-Gesetz, das im Laufe der Jahrhunderte die anglo-sächsische Freiheit, wurzelnd im common law, so durch Masse, Confusionen und Sonderinteressen der Gesetzfabrikanten überwucherte, daß sie darunter erstickte und eben so zerfressen ward, wie das alte deutsche Recht durch importirtes und aufgezwungenes Gesetzemachwerk Roms, das kanonische und Justinianische Recht.

Und der Rest der anglo-sächsischen Freiheit? Er wäre längst todt und alles Recht unter Gesetzen begraben, wenn sich die Interessen der Gesetzgeber nicht fast immer gegenseitig neutralisirten und das Rechtsleben im Volke die meisten fabrizirten Gesetze von sich stieße. Die Parteien, d. h. die gruppirten Interessen im Parlamente, ruiniren zum großen Theile die Interessen anderer Gruppen, die sich ein Gesetz erschwindeln wollen, obgleich durch listige Ränke und Betrügereien Manches durchgeschmuggelt wird. Die alten beiden Hauptparteien von Tories und Whigs sind zerfallen. Whig ist jetzt Jeder, der hinter Lord John Russel herläuft, Tory jeder mit dem Abenteurer D’Israeli Stimmende. Vom Parteileben im deutschen Sinne hat man keine Ahnung. In Deutschland hat man eine Theorie, ein Prinzip für Rechts, Links und Centrum, hier blos ganz bestimmte Klassen-Interessen. Diese treten parlamentarisch als Manchestermänner, Peeliten, Irländer und Radikale auf. Ihnen gegenüber sind Tories und Whigs keine Parteien mehr, sondern Beide Vertreter aristokratischer Interessen. Die Manchestermänner sind personificirter Kattun, ganz ehr- und gesinnungslose Apostel des Profits, wo er auch herkomme, ähnlich den Peeliten, die aus der Baumwollenlordschaft Robert Peel’s hervorgegangen, die steifleinene Lehre der Manchesterschule etwas vornehmer, etwas gelehrter, etwas ausgedehnter vertreten, Jesuiten des Capitals mit dem Grundsatze: „der Mensch sei unter seinem Vorgesetzten, der Zahl, dem Geldstück, wie ein Leichnam,“ centralistisch, bureaukratisch, polizeilich, theologisch, heuchlerisch, namentlich voll grimmigen Hasses gegen das denkende Deutschland, 40 bis 50 an der Zahl mit dem Haupthelden Gladstone, der als Minister jeden befreundeten Wechselfälscher zu seiner Anstellung als Obersteuerbeamten in einer Kolonie kirchlich einsalbte. Die Hauptpartei und die größte Verlegenheit des Parlaments sind die Irländer, die „Brigade,“ Vertreter einer ganz andern, durch Glauben, Geschichte und Mißhandlung im grimmigsten Hasse gegen England einigen eigenen Race, 4 Bischöfe und 28 Pairs im Ober-, 100 Mitglieder im Unterhause, mit Auflösung des irländischen Parlaments im Jahre 1800 zum Theil für immer theuer gekauft, aber in der Mehrheit geschickt von Rom aus dirigirt, so daß sie, obgleich zu schwach, etwas selbst durchzusetzen, doch bei allen Abstimmungen im Dienste ihrer Interessen und im Hasse gegen England den Ausschlag geben.

Außerdem spricht man noch von Radikalen, d. h. solchen, die es mit keiner der genannten Parteien halten, selbst aber auch kein bestimmtes Programm, kein Prinzip haben und deshalb auch mit ihren Angriffen im Parlamente und vor dem Volke durchfielen.

Wie kann aber eine so zerfahrene Masse unsittlicher, egoistischer Klasseninteressen doch so unendliche Massen von Gesetzen fabriziren? Sie schachern und handeln sich gegenseitig Stimmen für ihre Interessen ein, etwa so: Hilf mir diese Bill für unsere Interessen durchbringen und ich helfe Dir bei der nächsten Fabrikation eines Gesetzes für Dich. Auf diese Weise müssen gerade sehr viele Gesetze gegeben werden, weil Jeder etwas haben und Jeder etwas thun will, um die nicht vertretenen Interessen, das Volk, zu beschwindeln und durch Taschenspielerei zu täuschen. Eine sehr beliebte Manipulation zur Ausgleichung der verschiedenen Interessen im Parlamente ist das Paaren, d. h. ein Kontrakt zwischen zwei Vertretern verschiedener Interessen, sich der Abstimmung bei gewissen Anträgen oder auf eine bestimmte Zeit zu enthalten, damit durch das Fehlen des Einen die andere Partei kein Uebergewicht erhalte. Die entgegengesetzte Praxis ist das Einpeitschen der ministeriellen Einpeitscher, welche die Verstecke, Kneipen und Meinungen jedes Mitgliedes kennen und daher für Abstimmungen die beiden Telegraphen im Parlamentsgebäude und lebendige Boten nach jedem Klub, nach der Oper und jedem Theile des Königreichs spielen lassen, um die nöthigen Stimmen herbeizuzaubern. Durch solche Manipulationen wußte sich Palmerston bei den gefährlichsten Abstimmungen Majoritäten einzupeitschen. Die Mitglieder des hohen Parlaments haben nämlich die schöne Gewohnheit, sehr oft außer dem Parlament umherzubummeln in den Restaurationszimmern, in den Klubbs, ja sogar fern in ihre Heimath. Braucht nun der Herr Minister die Stimmen, so werden durch Telegraphen, Boten, laufende und wasserfahrende, die bummelnden Gesetzgeber des Landes herbeigeholt und eilen nun eiligst herbei, um der Regierung oder irgend einer Partei beizustehen. Zuweilen gelang es lästigen, listigen Irländern die Herangepeitschten auf ihrem Fluge aufzuhalten, so daß sie erst nach Thorschluß, welcher jeder Abstimmung vorangeht, athemlos ankamen und just so komische Genrebilder darstellten, wie wir eins aus dem Leben hier in der heutigen Abbildung angefügt haben.

Eine andere Schwindelei gegen Parlamentsmitglieder, die gegen ein Interesse sind, das eine „Bill“ für sich durchbringen will, besteht in Maskirung derselben unter einem harmlosen, falschen Titel, dessen Inhalt man erst kennen lernt, wenn die Bill Gesetzeskraft erhalten. Darüber und über andere Gesetzfabrikationsgeheimnisse, z. B. nachherige Fälschung, wie sie Robert Peel und Palmerston öfter vornahmen, ließe sich noch Vieles sagen. Wir aber wollen diese wenigen Fakta reden lassen, die z. B. ein ganz [715] bestimmtes Licht auf den Ausspruch des Lord Burleigh werfen: „England wird nicht untergehen, wenn nicht durch sein Parlament.“ Der konfuse Haufen von beinahe 40,000 parlamentsfabrizirten Gesetzen, unter denen das alte Recht und die Freiheit Englands erstickt, vermehrt sich während jeder Session um etwa ein halbes Tausend von Machwerken der liederlichsten, verschwindeltesten Oglo- und Plutokratie, so daß schon Niemand mehr weiß, was Recht und Gesetz ist. Diese Ungewißheit des Gesetzes hat längst die größte Gleichgültigkeit gegen Recht und Gesetz hervorgerufen, so daß man sprüchwörtlich sagt: Recht hat der, der so lange bezahlen kann, bis er’s hat.

Wir sehen, daß die üblichen Ansichten vom englischen Parlamente nichts als eine alte, fortgeerbte Krankheit von Traditionen und Täuschungen sind. England war bisher trotz seines Parlaments etwas frei und stark. Es hat aber neuerdings lebensgefährliche Stöße bekommen durch’s Parlament.