Ledige Kinder

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Autor: Herman v. Schmid
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Titel: Ledige Kinder
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1–7, S. 1–4, 21–26, 41–46, 57–60, 73–76, 89–92, 113–116
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[1]
Ledige Kinder.
Erzählung aus dem oberbairischen Gebirg.
Von Herman v. Schmid.
1. Herum.

Der Einödhof zum Kogelbauern, der irgendwo in den oberbaierischen Bergen liegt, führt seinen Namen nicht umsonst.

Unmittelbar hinter dem Hause, das sich rückseits an eine breite, steilabfallende Felswand lehnte, als wenn es von derselben Schutz und Sicherheit erwartete, thürmte das Gestein sich zu einem hohen Gipfel empor, der im Munde des Volkes durch eine eigenthümliche Umbildung des Wortes Kegel als Kogel bezeichnet wurde. Das Haus selbst mit seinem doppelten, breiten Laubengang an dem obern, mit der hohen, fest geschlagenen Gräd[WS 1] um das untere Stockwerk lag auf einem grünen Grashange, als wäre es – nach einem Lieblingsausdrucke des Volkes – in eine Krippe[WS 2] hineingestellt. Ueber das kurze, duftige Gras erhoben sich einige schöne Bäume, besonders ein paar stattliche alte Linden, wie sie nach alter Sitte wohl bei keinem einzelnen Bauernhofe fehlen, und um den Anger herum, wie eine Einfassung, standen große hochgewachsene Kirschbäume, deren kleine Früchte sich eben hochroth zu färben begannen. Unter ihnen duckten sich niedrige Zwetschgensträucher; ihr Wuchs und die moosbedeckte Rinde ließ erkennen, daß ihr Standpunkt doch wohl zu hoch und kühl gelegen war, wenn auch der Kogel gleich einem riesigen Schirm die kältesten Windstriche abhalten mochte. Die Umgrenzung des Hofes nach der einen Seite wurde von einem Wäldchen gebildet, dessen alten hochstämmigen Fichten man es ansah, daß sie zu den Lieblingen des Besitzers gehörten und als solche in jeder Weise geschont wurden; nach der anderen Seite senkte sich der Abhang rasch einer beträchtlichen Tiefe zu, über deren von allerlei Sträuchern eingefaßten Rand hinweg sich eine weite Aussicht auf ein unten liegendes schmales Bergthälchen öffnete. Zwischen den Tannen desselben blitzte der blaue Spiegel eines kleinen Sees herauf; gegenüber bauten sich waldige Bergzüge über einander empor wie Stufen zu dem kahlen, langgestreckten grauen Felsengrate, der, die ganze Gegend beherrschend, sich wie ein behelmtes Riesenhaupt ansah; wohl eine geringere Einbildungskraft als die des sagenfreudigen Volkes hätte hingereicht, in den Linien desselben etwas wie die Züge eines menschlichen Angesichts, eines zur Hut für die ganze Gegend bestellten Wächters, zu erkennen, und so war es wohl zu erklären, wenn das Volk ihn den Wachterkopf nannte.

Der Kogelhof hieß also mit Recht eine Einöde; waren doch die zerstreuten Ansiedelungen anderer Bergbewohner stundenweit von ihm entfernt, und wenn die Insassen des Hofes Sonntags zu Hochamt und Predigt in die Pfarrkirche wanderten, mußte Einer schon ein gewandter Steiger sein, sollte er den Weg in anderthalb Stunden zurücklegen.

Mit der Oede und Einsamkeit war dem ländlichen Wohnplatze auch das Gepräge der Ruhe und Stille aufgedrückt. An gewöhnlichen Tagen war in und um denselben kein anderer Laut hörbar, als das Läuten der Kühe, die mit ihren dumpfen und doch wohlklingenden Schellen und Glocken auf den Abhängen weiden gingen, als der Ruf des Haushahnes, der sein weibliches Gefolge zusammenkrähte, der Schrei eines Geiers, der spähend über der Halde hing, oder der Ruf eines Raben, der bei eintretender Dämmerung seinem Waldneste zuflog. Mitunter klang wohl auch Jauchzen und Jodeln aus menschlicher Kehle über die Gegend hin, daß diese aufzuhorchen schien, wie verwundert über die Stimme, die ihr plötzlich geworden.

An einem Tage des beginnenden Herbstes, als bereits die Dolden der Vogelbeeren mit den Hagebutten an den Rosenwildlingen wetteiferten, sich lebhafter zu röthen, als die kälteren Nächte schon die Schlehen und die Beeren des Wachholders tiefer blau überhauchten, war der Ort äußerlich wohl derselbe, aber die Stille wie die Einsamkeit schien aus ihm gewichen zu sein. Von Zeit zu Zeit, vom Widerhall an den Bergen hin und her geschleudert, rollte der Knall von Schüssen durch die herbstlich klare Luft und verkündete, daß im Gehege der Berge die Jagdlust ihren Einzug gehalten und sich aufgemacht habe, den Berghirsch in den Wäldern aufzusuchen und der Gemse bis an ihre Felszinnen nachzuklettern. Wer aus dem Fichtenwäldchen trat, konnte schon von Weitem auch im Kogelhofe und dessen Umgebung eine ganz ungewöhnliche Bewegung bemerken; die Bewohner liefen eilfertig hin und wieder, als hätten sie einen besonderen Anlaß, die gewohnten ruhigen Geschäfte und Arbeiten des Tages bei Seite zu legen. Dazu ertönte manchmal vom Hofe her etwas wie fröhliches Lachen und Gesang, der sich aber nicht blos nebenher um die Arbeit rankte wie der Epheu um den Stamm, der nicht blos Schmuck oder flüchtige Verzierung war, sondern eine Hauptsache und eine eigene Thätigkeit für sich bildete.

An der Rückseite des Hauses führte über eine Quermauer ein Hochweg nach der Scheune, nicht eben von besonderer Breite; denn der Ertrag der wenigen Haberfelder, welche in der hohen [2] Lage noch zur Reife kamen, bedurfte keiner größeren Vorrichtungen noch Räumlichkeiten, um in Haus und Scheune untergebracht zu werden. Desto umfangreicher waren die Seitenabtheilungen, um die Mengen von Heu und Grummet zu versorgen, die als Futter zur Ueberwinterung des Viehes nöthig waren. Ein angenehmer Duft entströmte dem weit geöffneten und zurückgeschlagenen Thore und ließ dadurch den Inhalt der Scheunen errathen, der sonst kaum zu erkennen gewesen wäre. Die Seitenwände der Tenne waren mit Fichtenreisern so dicht besteckt, daß dieselbe wie ein großes grünes Gemach aussah, und die eintönige Farbe des Reisigs war wieder durch bunte, papierne Bandrosen, durch breite aus einander gerollte Leinwandstreifen von blendender Weiße unterbrochen; die blauen Köpfe von Astern oder die purpurnen der Dahlien waren hier und dort dazwischen gesteckt, wie lebendiges Edelgestein oder als blühende Haften, den Schmuck festzuhalten.

Das in der Tiefe gegenüber liegende Ausgangsthor der Scheune war geschlossen und zum Mittelpunkt oder Hauptstück der ganzen Verzierung benützt; auf ihm liefen die zierlich gefalteten weißen Streifen wie Strahlen zu einem Kranze zusammen, in dessen Mitte, aus flammenden Sonnenblumen gefügt, ein riesiges M prangte. Auf der Tenne selbst, die wie ein Ballsaal gekehrt war, stand eine Tafel, mit weißem, mächtigem Tischtuch gedeckt, an dessen Rändern die rothen Spitzen nicht fehlten, wie der einfache Geschmack der Landleute sie liebte. Die Gedecke zeigten, daß unter dem Geschirr des Hauses eingehende Musterung gehalten und manches Prachtstück hervorgesucht worden war, das vielleicht seit Urvätertagen nicht mehr von seinem Ehrenplatze gerückt worden. Es war klar, auf dem Kogelhofe wurde ein Gast erwartet, und das mußte ein viel bedeutenderer Mann sein als etwa ein Pfarrer oder Gutsbesitzer aus der Umgegend oder auch der Herr Landrichter, die auf einem Amts- oder Vergnügungsgang zum Kogelhof hinaufgestiegen kamen.

In der Tiefe der Tenne war ein Bauernbursche vollauf beschäftigt, an die ganze Ausschmückung noch die letzte bessernde Hand zu legen und mit dem Ausdrucke kecker Zufriedenheit in den Mienen das Ganze zu mustern, indem er hie und da eine Lücke in dem Tannenreisig enger zusammenzog, eine Blume feststeckte oder eine Falte in der Leinwand zurecht zupfte. Im Vordergrunde, auf der Schwelle des offenen Scheunenthores, saß ein Bauermädchen; sie hatte in der weißen Schürze einen Haufen Blumen vor sich liegen, aus denen sie mit geschickt wählender Hand einen mächtigen Strauß zusammenband. Es war nicht schwer zu errathen, woher die Blumen genommen waren; in geringer Entfernung, der Tenne gegenüber, von kleinen Holzstaketen eingezäunt, lag das Gartenviereck des Hauses, wo neben und zwischen den Beeten mit nutzbaren Kräutern der Salbei duftete, der Lavendel blühte, das Bandgras grünte und Rittersporn, Schwertl und „Gretl in der Staude“ sich breit machten. Der Strauß hatte bereits eine ansehnliche Größe erreicht, aber noch schien die Binderin nicht genug zu haben und hielt denselben vor sich hin, wie um zu bemessen, wo noch etwas von ihren Vorräthen angebracht werden könnte. Zu gleicher Zeit war der Bursche mit seiner Arbeit fertig geworden und stand nun müßig im Grund der Scheune; sein Blick war auf das Mädchen gewendet, kehrte sich aber rasch wieder ab, wenn dasselbe eine Bewegung machte, als ob es sich beobachtet wüßte.

Es war ein anmuthiges Bild, das die beiden Gestalten boten; jede für sich war schön und bedeutsam; beide mit einander mochten so nicht leicht wieder zu finden sein. Beide standen in der ersten Blüthe der Jugend; beide konnten gewissermaßen als Muster ihres Standes und Geschlechtes gelten. Der schlanke und doch derbkräftige Wuchs des Burschen trat durch die leicht anliegende Joppe aus grauem Lodentuch, den gestickten Gürtel, die kurze Lederhose und die stämmigen Beine mit den Wadenstrümpfen erst recht hervor, und das grüne Berglerhütchen mit Gemsbart und Spielhahnfeder saß auf dem braunen Kraushaar, als wäre es eigens für diesen hübschen, im Bewußtsein seiner Kraft etwas trotzigen Gesellen erfunden worden.

Auch das Mädchen war in die damals — es war vor mehr denn zwanzig Jahren — noch allgemein übliche Tracht der Bergler gekleidet, die jetzt fast nur noch bei alten Leuten und in abgelegenen Thälern gefunden wird, wohin Telegraph und Eisenbahn noch nicht gedrungen sind, sodaß mancher, der jetzt die Berge bereist, eine Enttäuschung erleben und den Erzähler im Verdacht haben kann, er tische ihm Fabeln und Märchen auf, welche die Wirklichkeit widerlegt. Der Anzug des Mädchens war nicht kostbar; die Trägerin gehörte offenbar nicht zu den Reichen der Gegend, aber alles an ihr war genau, anmuthig und mit sichtbar gutem Sinn geordnet. Auch im Sitzen standen ihr sowohl das schwarze Mieder mit dem silbernen Kettengeschnür, wie das franzenreiche seidene Brusttuch und das schwarze Halsflortuch mit filigraner[WS 3] Silberschnalle sehr wohl an. Das Mädchen hatte den Hut abgenommen und neben sich gelegt; er mochte ihr hinderlich gewesen sein, den Bindfaden um die Blumenstengel zu schlingen, den sie an einem Ende mit ihren blanken Zähnen hielt und etwas schwerfällig über sich hinweg zum Knoten schlang. Desto freier war das Gesicht zu sehen, ein Mädchengesicht, dem man nicht eben nachrühmen konnte, daß es von besonderer Schönheit sei, aber es lag in ihm ein angenehmer, freundlicher Ausdruck, der um den Mund als leichtes Lächeln schwebte, während um die Augen etwas wie ein Fältchen des Spottes und Muthwillens zuckte. So eifrig sie mit ihrer Arbeit beschäftigt war, fand sie doch auch Muße, manchmal flüchtig nach dem Burschen zu sehen. Es schien ihr eine Frage auf den Lippen zu schweben, die sie immer wieder zurückzuhalten für gut fand.

Dem Burschen währte endlich das Schweigen zu lange.

„Wie haben wir's denn eigentlich, Nannei?“ rief er, ohne seinen Platz zu verlassen. „Wird denn der Busch'n heut noch fertig, oder willst Dir auf morgen auch noch was aufheben? Wenn Du doch schon Kalender machst, mach fein viele Feiertäg' hinein!“

„Da müßt' ich mich erst besinnen,“ entgegnete Nannei aufblickend, aber ohne ihre Stellung zu verändern; „ich glaub', mit viel Feiertäg' wär' der Kogelbauer kaum recht zufrieden! Ich hab' auch an ganz was Andres denkt, Lenz. Ich hab' mich besonnen, was ich mit all dem Blumwerk anfangen soll. Ich hab' mir zu viel' abgebrockt und mein', es könnt noch einen zweiten großen und schönen Busch'n geben. Wär's nit das Gescheidteste, wenn ich noch einen binden thät' für die Königin? Denn wenn der König kommt, wird er wohl auch seine Königin bei ihm haben.“

„Seine Königin?“ rief der Bursche und brach in so lautes Lachen aus, daß dem Mädchen die Röthe des Zorns und der Beschämung in's Gesicht schoß. Sie ließ den Strauß sinken.

„No, was soll das hölzerne G'lachter bedeuten?“ rief sie und sah, als ob sie ihrer Frage Nachdruck geben wollte und wie zur Abwehr halb aufgerichtet, nach ihm hin.

„Mußt nit harb sein,“ entgegnete Lenz, nachdem er sich von seinem Lachen etwas erholt hatte; „aber so einen Diskurs, da müßt' eine Kuh lachen. Du bild'st Dir wohl ein, die Königin, eine so feine und vornehme Dam', steigt auch den Gemsen nach und kraxelt auf den Berg'n 'rum?“

„Ist das Alles?“ erwiderte sie kaltblütig; „ich hab' Wunder g'meint, was ich Dummes g'sagt hab'. Thut schon der Mühe ab, daß Du deswegen lachst, wie nit gescheidt — ich weiß freilich nit, wie es bei so hohen Herrschaften Brauch ist, aber dasselbe weiß ich — wann ich die Königin wär', ich müßt' da schon dabei sein — ich!“

Lenz konnte seine Lachlust noch immer nicht vollends bewältigen; die Antwort des Mädchens schien sie sogar noch zu steigern.

„Das glaub' ich wohl,“ pustete er heraus, „daß Du dabei wärst — wenn er Dich halt mitnehmen thät', der König!“

„O, das würde er wohl thun,“ versetzte Nannei mit der Zuversicht der Ueberlegenheit und setzte den Busch in einen Bierkrug aus weißem, mit blauen Blumen bemaltem Porcellan, der als ländliche Blumenvase auf dem Tische bereit stand. „Wenn ich's verlangen thät', müßt' er mich mitnehmen — das weiß ich, wenn ich auch nie keine Königin gewesen bin.“

„No, no,“ rief Lenz und steckte die Daumen beider Hände in den grünen Hosenträger, der sich unter der Joppe von dem schneeweißen Hemde kräftig abhob. „Du könntest vielleicht schon eine Königin abgeben. Anstellen thust Dich wenigstens, wie wenn Du als eine Prinzessin oder doch als Gräfin auf die Welt gekommen wärst. Du glaubst wohl, es müßt' Alles nach Deinem Kopf gehen?“

Das Mädchen hatte sich vollkommen erhoben und war dem [3] Burschen näher gekommen; beide standen sich gegenüber, fest einander anblickend: es war, als wollte jedes im Bewußtsein eigener Kraft die des anderen messen.

„Eigentlich ist das ein dummes Gerede,“ begann Nannei wieder, „aber ich mein', was vom König und von der Königin gilt, das gilt auch von Bauer und Bäuerin, und wenn ich auch nichts bin, als eine Bauerdirn, so mein' ich, es müßt' doch alles nach meinem Kopf gehen, wenn ich's haben wollt'.“

„Da möcht' ich schon zuschauen,“ rief Lenz und lachte wieder, noch spöttischer und ungläubiger als zuvor. „Ich bin nit Dein Bauer und Du nit meine Bäuerin, aber das möcht' ich erleben, ob ich thun müßt', was Du haben wollt'st. Im Gegentheil: Du mußt thun, was ich will, wenn ich's verlang'.“

„Freilich wohl,“ entgegnete sie stark und nicht ohne Hohn, „Du bist ja der Sohn vom Haus', der künftige Kogelbauer, und ich bin nur eine Magd.“

„So ist es nicht gemeint,“ rief Lenz; „es ist von einer ganz anderen Sach' die Red'.“

„So, von was denn sonst?“ erwiderte Nannei, indem sie ihn fast wie überrascht und unsicher ansah.

„Von dem, daß Du ein junges, schneidiges Dirn'l bist und ich ein junger, lebensfrischer Bub' ...“

„Wart' nur, wenn Du jetzt Soldat wirst, weil Du Dich hineingespielt hast, werden sie Dir die Frische schon ein bissel austreiben.“

„Wenn ich ein Narr wär'! Der Kogelhofer wird sich nit spotten lassen und für seinen einzigen Buben schon einen Mann stellen. Aber bei Dir, Nannei, da möcht' ich selber meinen Mann stellen und sehen, ob Du wirklich soviel Schneid' hast, als Du Dich anstellst. Komm einmal her und gieb mir ein Buss'l!“

Das Mädchen richtete sich auf, so hoch sie sich strecken konnte, und aus dem Auge traf ihn ein Blick, den man seiner sanften Bläue so wenig zugetraut hätte, wie dem heiteren Himmel einen plötzlichen Blitz.

„Sonst hast keine Schmerzen?“ fragte sie, indem das leise Beben ihrer Stimme ihre Erregung verrieth. „Die Buss'ln sind heuer nit geraten; mußt schon warten auf einen bessern Jahrgang.“

„Willst mir also keins geben?“ erwiderte Lenz. „Wenn ich mir's aber nehm'?“ fuhr er fort, indem er die Arme ausbreitete und Miene machte, auf sie loszugehen.

Sie aber stellte rasch den einen Fuß hinter den anderen, wie um feste Stellung zu haben.

„Das kannst ja probiren,“ sagte sie, „wenn Du wissen willst, wie tief von der Tennbrucken 'nunter ist auf den ebenen Boden.“

Sie war mit diesen Worten kaum zu Ende gekommen, als der Bursche schon vor ihr stand, ihr den Arm um den Leib schlang und mit der anderen Hand den zurückgedrängten Kopf an sich zu drängen suchte; dennoch war er ihr nicht zuvorgekommen, denn im nämlichen Augenblicke hatte sie seinen Arm von sich geschleudert und ihn zurückgestoßen, daß er schwankte und fast Mühe hatte, ihre Drohung nicht an sich verwirklicht zu sehen.

Was zuvor ein augenblicklicher Scherz gewesen, fing an, bedenklich zu werden.

Nannei war bis in den Mund kreideweiß geworden, aber sie stand fest aufgerichtet wie ein kundiger Fechter, der einem erneuten Angriff entgegensieht. Dem Lenz dagegen war die Gluth des Zornes in's Gesicht gestiegen, und er schickte sich an, sein Vorhaben mit Aufgebot seiner ganzen Stärke auszuführen. Noch ein Augenblick, so wäre der sonderbare Kampf in Wirklichkeit entbrannt – der laute Zuruf einer Männerstimme und die Stimmen vieler Leute verhinderten den Ausbruch. In der Erregung hatten Beide nicht bemerkt, daß bereits eine ziemliche Anzahl von Landleuten aus der Umgegend herangekommen war.

Allen voran, schon auf der Tennenbrück, stand ein alter Mann, der in lachender Verwunderung die Hände über dem Kopfe zusammenschlug.

„No, seid's so gut,“ rief er, „seid's so gut und rauft's gleich mit einander in aller Fruh! Wollt's vielleicht ein G'spiel aufführen, wenn der König kommt, und habt's Prob' gehalten?“

Der Mann war eine eigenthümliche Erscheinung. Während die anderen Ankömmlinge in der festtäglichen Landestracht gekommen und offenbar von der Neugier herbeigeführt worden waren, den König zu sehen, der, wie es hieß, heute im Kogelhofe frühstücken werde, schien er nicht daran gedacht zu haben, sein Aeußeres mit den Rücksichten auf einen so hohen Gast in Uebereinstimmung zu bringen. Er war unverkennbar in vollem Arbeiteranzuge gerade von der Arbeit weggelaufen. Ein Hemd von grobem Zwillich und Beinkleider von gleichem Stoffe bedeckten seinen Körper, beide aber waren wie das Gesicht berußt und mit schwarzen Schmierflecken bedeckt. Ein abgetragenes, rundes Lederkäppchen saß auf dem weißen, spärlichen Haar, und die Füße steckten in großen Holzschuhen, auf denen grobes Leder aufgenagelt war. Trotzdem war der Anblick des Alten kein widriger. Durch den Ruß hindurch waren die Züge eines freundlichen Angesichtes zu erkennen, und unter den weißen, starken Büschelbrauen blitzte ein dunkles Auge so lachend und munter, als wäre sein Leben das glücklichste und seine Arbeit die angenehmste und einträglichste der Welt.

Das Gesicht des Mädchens hellte sich bei seinem Anblick augenblicklich auf; sie rückte mit der einen Hand das Hütchen, das sie sich wieder aufgesetzt, in die rechte Lage und streckte ihm, näher tretend, die andere Hand entgegen.

„Grüß Gott, Vater!“ sagte sie, nicht ohne einige Verlegenheit über die eigenthümliche Stellung, in der er sie gefunden. „Ich hab' mich wehren müssen; der Lenzl hat woll'n –“

„Ja, ja,“ lachte der lustige Alte, „was der Lenzl woll'n hat, das hab' ich selber wohl gemerkt.“

Der Bursche unterbrach ihn. Mit der Zuversicht des Mädchens war auch sein Trotz gestiegen, und er schien nicht übel Lust zu haben, die unterbrochene Fehde jetzt mit dem Manne wieder aufzunehmen.

„Wenn's Dir etwa nicht recht ist, Pechler Kaspar, darfst es nur sagen, dann mach' ich Dir's recht.“

„Wär' schon ein rechtes Kraftstück'l,“ entgegnete dieser, „wenn Du über ein altes Mann'l wie mich herfallen thät'st.“

Der Bursche mochte die Berechtigung dieses Vorwurfs fühlen; sichtlich betroffen und wie zur Entschuldigung murmelte er halblaut vor sich hin:

„Sie ist ja selber schuld! An dem Buss'l wär' sie nicht g'storben, die hochgeistige Dingin!“

„Recht hat sie gehabt,“ sagte der Pechler, „und ich hätt' nicht geglaubt, daß ein junger, sauberer Bursch, wie der Kogelhofer Lenz, ein Buss'l nit anders zu kriegen weiß, als mit Gewalt. Du meinst wohl, weil Du einmal den Kogelhof bekommst, darfst Du übermüthig sein? Gieb Acht, gieb Acht, daß Du's nicht einmal klein beigeben mußt!“

Das Mädchen hatte ihn am Arme ergriffen und suchte ihn hinwegzuzerren. Sie hielt es zur Beendigung des Wortwechsels für das Beste, wenn sie die Beiden aus einander brachte.

„Komm mit in die Kuch'l, Vater!“ sagte sie, „es ist Zeit, daß ich nach den Nudeln schau'. Bringt der König auch den Wein mit, muß man ihm doch was Richtig's zum Essen aufsetzen.“

Der Rußige widerstrebte noch schwach, fügte sich aber doch. Die Leute waren allmählich immer näher gekommen, sodaß es gerathen schien, die Angelegenheit, von welcher die Wenigsten bisjetzt etwas begriffen haben mochten, nicht selbst offenkundig zu machen. Brummend folgte er Nannei in die Seitenthür, welche durch den Stall und von dort in den Vordertheil des Hauses und nach der Küche führte.

Hinter ihm füllte sich die Scheune mit einer großen Anzahl Menschen, die alle den Platz sehen wollten, wo der König ihnen die Ehre anthat, bei ihnen zu essen, und zugleich die Anstalten und Verzierungen bewunderten, die zu diesem Ende gemacht wurden. Es waren meistens Bauersleute in der Landestracht, Alte und Junge, Weiber, Mädchen und Kinder; es traf sich eben gut, daß sie ihre Neugierde mit einem anderen Zweck verbinden konnten. Es war ein abgewürdigter Feiertag, an welchem der Gebrauch forderte, eine Wallfahrt zum Sanct Laurenzi-Kirchlein zu machen, das unweit von einem Felszacken heruntersah. Doch fehlte es auch nicht an vornehmeren Leuten: mit den Fußgängern waren ein paar leichte Wägelchen angekommen, deren Insassen dem Bürgerstande – ja dem Adel angehörten.

Aus dem einen der Fuhrwerke kletterte nicht ohne Mühe ein wohlbeleibter, kurz gewachsener Mann, dem die Last seines Bauches und der kurze Athem jede solche Bewegung beschwerlich machte. Es gelang ihm nur mit Hülfe eines kleinen, aber behenden Mädchens, dessen Schönheit durch die unverkennbare [4] Aehnlichkeit mit dem Vater keineswegs besonders gefördert ward. Gleichwohl wäre ihre Erscheinung nicht gerade unangenehm gewesen, weil das Gesicht mit den wasserblauen Augen das unverkennbare Gepräge der Gutmütigkeit trug, wäre nicht der gute Eindruck des Gesichts durch den Körper wieder verwischt; denn die eine Seite war so stark gegen den Hals hinaufgeschoben, daß es unrecht gewesen wäre, blos von einer hohen Schulter zu reden, und daß der Begriff „Höcker“ dafür wohl der einzig richtige war.

Das andere Fuhrwerk trug einen noch bedeutsameren Insassen. Schon der Bauerknecht, der als Kutscher amtirte, zeigte durch die bordirte Schirmmütze und eine Art Livréerock, den er über die langen Lederhosen trug, daß sein Herr zu den eigentlichen Honoratioren der Gegend gehörte. Die Erscheinung desselben entsprach allerdings nicht ganz den Erwartungen, die sich mit dieser Stellung zu verbinden pflegen. Er sah etwas verkümmert und herabgekommen aus. Lang, schlank und von außerordentlicher Magerkeit, hatte er das Ansehen eines Menschen, der entweder kränkelt, oder der nöthigen Nahrung entbehrt. Zwar trug er einen Schnurrbart unter der spitzigen gebogenen Nase, der nach ungarischer Sitte herausfordernd gewichst und gesteift war, aber auch das reichte nicht hin, einen gewissen Ausdruck von Verschüchtertheit und Furcht zu verscheuchen, der an der ganzen Erscheinung haftete. Ein paar Knechte waren behülflich, die Pferde auszuspannen und die Wagen hinter das Haus zu schieben, zugleich aber das Gepäck des erstbeschriebenen Paares abzuladen, das durch seine Menge auf die Absicht eines längeren Verweilens schließen ließ.

In der Nähe hatten sich einige Bauersleute zusammengefunden, welche die Gäste betrachteten und nach gewohntem Bauernbrauch nicht unterließen, ihre Bemerkungen über dieselben zu machen.

„Da kriegt ja der Kogelhofer gar Einquartierung,“ sagte eine stattliche Bauersfrau, aus deren Haltung und Benehmen der Beweis des Wohlstandes und der Behäbigkeit noch mehr als aus dem goldenen Schmuck hervorleuchtete, den sie in Gestalt von Ringen und Ketten an Hand, Hals und Mieder trug. „Wer sind denn die Leute?“

„Wirst doch den dicken Krämer von Tölz kennen, bei dem Du schon hundertmal eingekauft hast?“ entgegnete lachend ihr Mann, bei dem die in's Knopfloch eingebundene Goldmünze den Vorsteher der Gemeinde erkennen ließ, in welche der Kogelhof eingepfarrt war. Im Gefühl seiner Würde hielt er sich für verpflichtet, da nicht zu fehlen, wo sein Landesherr das Bereich seiner Amtsgewalt betrat.

„Ist ja wahr,“ sagte die Bäuerin, „wo hab' ich denn nur meine Augen gehabt! Hätt' ihn ja gleich an seiner Tochter erkennen sollen, welche die Geldcasse überall mit herumschleppt, damit sich Einer über sie erbarmen und sie heirathen soll! Ich hab' sie zuletzt auf dem Fastenmarkt in Tölz gesehen; schöner ist sie nicht geworden seitdem.“

„Laß sie gehen!“ erwiderte der Vorsteher, „mußt Du überall Deinen Senf dazu geben? Sei froh, daß sie nit Deine Tochter ist, und sag' lieber, ob Du den anderen Herrn nit kennst!“

„Mit dem geht's mir wie Dir; ich mein' auch, ich hätt' ihn schon gesehen, weiß aber nicht, wo ich damit hin soll,“ war die Antwort der Frau.

„Da kann ich aushelfen,“ sagte lachend ein danebenstehender Bauerbursche. „Ich kenn' den Herrn, weil ich schon bei ihm im Dienst war. Das ist der Herr von Steinerling von Stein. Die Leute nennen ihn den Herrn Baron. Wenn er wirklich ein Baron ist, dann ist er jedenfalls einer von den nothigen; ich hab's bei ihm nicht länger ausgehalten als acht Tage.“

„Mir scheint, Du wirst jetzt auch liederlich, Hansgirgel,“ sagte der Vorstand mit einer Amtsmiene, „Du bleibst nirgends mehr länger als acht Tage.“

„O, ich blieb' wohl,“ lachte der Bursche, „aber der Herr von Steinerling hat jede Woche einen anderen Kutscher. Früher ist es ihm noch schlechter gegangen; da hat er nichts gehabt als ein kleines Haus — da, wo's der Kreuzstraße zugeht — das war jede Stunde zum Einfallen, wenn er's auch sein G'schloß genannt hat. Jetzt geht's ihm besser. Er hat die dicke Gabelbräuin, die reiche Wittib, geheirathet, die gern Frau Baronin geheißen hätt'.“

„So, der ist es?“ unterbrach ihn der Vorstand, „ich hab' schon davon gehört, daß sie so geizig sein soll.“

„Wie der helllichte Teufel,“ antwortete der Bursche. „Die zwiefelt den Herrn von Steinerling, daß er ausschaut, wie die theure Zeit.“

Der Bursche schien wohl geneigt, seine Kenntniß der Familie noch weitläufiger zum Besten zu geben, wurde aber durch die Annäherung des Herrn unterbrochen, der, um sich blickend und suchend, dem Hause zuschritt. Auch der kleine Dicke mit Tochter und Gepäck kam heran und trat Lenz entgegen, der eben auf die Fremdlinge und ihre Absicht aufmerksam geworden war und sie mit verwunderter und fragender Miene ansah.

„Wie ist es denn,“ fragte der Krämer, „kommt einem da Niemand entgegen, der Grüß Gott sagt? Wo steckt denn der Kogelbauer?“

„Müßt schon derweil mit mir vorlieb nehmen,“ sagte Lenz, „der Kogelbauer ist nicht daheim. Er hat mit dem König fort müssen auf die Gamsjagd, weil er die Steig' und Gäng' besser kennt, als die Jäger alle mit einander.“

„Ja, ja, das glaub' ich gern,“ rief der Dicke lachend, „das glaub' ich, daß der sich auskennt. Ist sein Lebtag ein alter Wildschütz gewesen.“

„Das thät' ich mir just schon ausbitten,“ entgegnete Lenz rasch, „möcht' schon wissen, wer meinem Vater was Unrechts nachsagen kann.“

„Was, Deinem Vater?“ rief der Mann erstaunt, indem er den Mantel, der ihm über die Schultern hing, abwarf und die Arme ausbreitete. „Also bist Du der Sohn, der Lenz?“

Ehe der Bursche sich dessen versehen und erwehren konnte, hatte der Dicke sein Vorhaben vollführt, hing ihm am Halse und drückte ihm einige derbschmatzende Küsse auf Mund und Wange und wo er eben damit zurecht kommen konnte.

„Da schau her, Philomena!“ fuhr er fort, als er endlich loslassen mußte, um Athem zu schöpfen, „das ist der Vetter Lenz. Weißt, mit dem Du so oft gespielt hast, wie Du noch ein kleines Dirndl warst. Geh, sag' ihm Grüß Gott! Gieb ihm auch einen Kuß! Unter so nahen Gefreundten braucht man sich nicht zu geniren.“

Lenz konnte sich nicht erwehren, mit halb unterdrücktem Lachen einen Schritt zurückzutreten. Er mußte unwillkürlich daran denken, wie er einige Augenblicke vorher in ähnlicher und doch so ganz anderer Lage gewesen war; er schien zu befürchten, daß Philomena nicht zögern werde, der väterlichen Aufforderung nachzukommen. Seine Besorgniß war aber grundlos. Das arme, verkümmerte Geschöpf hatte nicht den Muth, sich ihm zu nähern, wenn auch in den Augen etwas glänzte, was unverkennbares Wohlgefallen an dem schönen, geradegewachsenen Vetter verrieth.

[21] [22] ein recht tüchtiges Leut geworden sein; hab's schon gehört. Aber was soll mit dem Busch'n geschehen? Ist er blos für die Tafel oder soll sonst noch was passiren damit?“

„Das versteht sich,“ entgegnete Lenz. „Das ist ja die Hauptsach'. Wenn die Tafel aus ist und der König in den Wagen steigt, wird ihm der Strauß überreicht. Den muß er als Andenken mitnehmen.“

„Das ist gescheidt; das gefällt mir,“ bemerkte der Vorstand vergnügt. „Und wer ist's nachher, der ihn dem König überreicht?“

„Nun, das versteht sich wohl von selbst,“ sagte der Pechler, der aufmerksam geworden und näher getreten war. „Wer soll ihn sonst überreichen, als wer ihn gebunden hat, die Nannei?“

Ein augenblickliches Schweigen folgte der Entscheidung des Pechler – ein doppelsinniges Schweigen, welches zum Theil die Berechtigung derselben anerkannte, zum Theil als der Vorbote kommenden Widerspruches gedeutet werden konnte. Es war die Stille vor dem Gewitter. Der Vorstand stellte das erste Donnerrollen vor.

„Die Nannei?“ sagte er. „O nein, das geht ja doch nicht an; das kann nit sein.“

„Warum?“ grollte der Pechler entgegen. „Es muß doch wer aus dem Haus' sein – und da keine Bäuerin da ist –“

„Aber eine Magd, eine ganz gemeine Dirn'!“ meinte die Vorsteherin.

„Gemein?“ rief der Pechler. „Das ist sie nicht; sie ist ein fleißiger Dienstbot – ein rechtschaffenes und braves Leut.“

„Ich nehm' ihr nichts von ihrer Bravheit,“ erwiderte die hartnäckige Bäuerin, „aber es geht halt doch nicht.“

„Warum?“ rief der Pechler wieder und lauter als zuvor und streifte die Aermel seines Kittels empor, wie er es an seinem Schweel-Ofen zu thun pflegte, wenn es ein heißes Stück Arbeit gab. „Wer dem König den[WS 4] Busch'n giebt, muß doch auch etwas Sauberes sein; sonst erschrickt der König, wenn er den Strauß in die Hand nehmen muß – und ist die Nannei nicht das schönste Dirn'l in der ganzen G'meind'?“

„Kann sein, daß sie Dir so vorkommt, Pechler Kaspar,“ sagte eine junge Bäuerin, die sich neben dem Vorstand aufgepflanzt hatte und offenbar gesonnen war, der Frau desselben beizustehen. „Du hast sie aufgezogen von Kind auf; drum bist in sie verschamerirt. Sie ist auch aus keinem besseren Tegel gedreht als die Andern.“

„Aus keinem besseren?“ rief die Frau des Vorstandes, die schon anfing, heftig zu werden. „Ich mein', sie kann sich gar nicht zu den Andern hinstellen.“

„So!“ sagte der Pechler und stand bereits unmittelbar vor ihr, sodaß der Vorstand für nöthig fand, sich für alle Fälle mit seinem Ansehen und seiner Münze dazwischen zu schieben. „Warum soll die Nannei nicht so gut sein wie die Andern? 'Raus mit der Farb'!“ fragte er kampfbereit.

„Nun, wenn ich's sagen muß, so sag' ich's halt!“ fuhr die Frau fort. „Was soll man denn sagen, wenn der König den Busch'n nimmt und sich bedankt und fragt, wer denn das Wunderkind ist und wie's heißt? Soll man sagen, daß sie keinen Vater und keine Mutter hat? Daß sie gar nicht 'reingehört in die G'meind'? Daß sie nichts ist als – ein lediges Kind?“

Diesen Vorwurf schien der Alte nicht erwartet zu haben. Er war sichtbar eingeschüchtert und mußte eines Athemzuges Dauer sich besinnen, ehe er antworten konnte.

„Ein lediges Kind –“ sagte er kleinlaut, „das ist sie wohl. Aber das ist ja nit ihre Schuld. Das ist doch keine Schand' für sie.“

Die Anwesenden geriethen in unverkennbare unwillkürliche Bewegung. Die Rede des Alten war so ganz und schnurgerade gegen die öffentliche Meinung und das allgemeine Gefühl, daß sie lebhafte Entrüstung hervorrief.

„So, das wär' etwas Neues,“ gingen die Stimmen durch einander. „Das giebt's nicht bei uns; das lassen wir nicht aufkommen in der G'meind', daß solche ledige Kinder den unseren gleich wären. Freilich kann sie nichts dafür, sondern nur ihre Mutter, aber wir können auch nichts dafür, und das soll sie halt mit ihrer Mutter abmachen, wenn sie einmal mit ihr zusamm'kommt in der Ewigkeit.“

„Still da, Alle mit einander!“ überschrie der Vorstand den Lärm. „Fahr ab, Pechler Kaspar! Die Leut' haben Recht. Wenn der Kogelbauer da wär', müßt' er entscheiden – weil er aber nicht da ist, red' ich als Vorstand statt seiner. Es geht nicht. Von einem ledigen Kind kann der König den Buschen nicht annehmen. Es wär' eine Schand' für den Kogelhof und die ganze Gemeind'. Was müßt' der König von uns denken? Der braucht's gar nicht zu erfahren, daß es solche Kinder bei uns giebt. Also muß schon wer anderer den Buschen überreichen.“

Der Krämer hatte schon einige Male den Mund geöffnet, auch seine Meinung auszusprechen, hatte aber nie vermocht, mit seiner Fettstimme die anderen rauhen Kehlen zu übertönen. Jetzt gelang es ihm, eine winzige Lücke zu erhaschen und sich vernehmlich zu machen.

„Da wär' leicht abzuhelfen,“ sagte er, „da braucht's keinen Disputat. Es ist nur ein wahres Glück, daß es mir eingefallen ist, mit meiner Philomena herzureisen. Die ist aus der nächsten Freundschaft; meine Tochter soll den Busch'n übergeben.“

Der Ausweg fand wie ein salomonisches Urtheil den allgemeinsten Beifall.

„Ja, ja, so ist's recht,“ hieß es hin und wieder. „Auf die Art giebt's keinen Streit und keinen Verdruß; die alten Bräuch' bleiben in Ehren, und wir haben nicht Noth, so neumodische Sachen aufkommen zu lassen.“

Der Pechler sah wohl, daß dieser Einmüthigkeit gegenüber mit Worten nichts auszurichten war. Auch wäre nicht mehr Zeit dazu gewesen; denn von draußen ertönte Jauchzen und Jodeln durch einander, und einzelne Schüsse verkündeten, daß der erwartete und vermißte Fürst gefunden war und wohlbehalten sich dem Hause näherte.

Alles stürmte hinaus, ihn zu sehen, zu empfangen und seiner sich zu freuen. Der Pechler mit Lenz waren die letzten, die zurückgeblieben; er trat zu dem Burschen, sah ihn mit eigenthümlichen Blicken von unten bis oben an und fragte:

„Nun, was sagst denn Du zu der Geschichte?“

Lenz gab keine Antwort und verließ achselzuckend die Tenne.

„No,“ rief ihm der Andere halblaut nach, „hätt'st auch Deinen Zorn vergessen und ein Wörtel für's Nannei reden können – aber Dir und Allen ist's auch nicht geschenkt; das ledige Kind will ich Euch in ein Wachsel drucken. Ihr glaubt wohl, die Geschicht' wär' schon aus? Nichts da – der Pechler Kasparl schiebt Euch doch noch einen Riegel vor. – Ha, ha, ha!“ rief er, indem er laut lachend sich auf die Kniee schlug, „der König würd' eine Freud' haben, wenn ihm der Buckolorum den Buschen überreichen thät'.“

Die Ankunft des Königs war Ursache, daß Niemand auf seine Rede achtete und er unbemerkt sich ebenfalls unter die rufende und den Hut schwenkende Menge mischen konnte, durch welche der König in gewohnter Leutseligkeit und mit wohlwollendem Lächeln heran kam, nach allen Seiten seinen Dank durch freundliches Kopfnicken aussprechend. Der hohe Herr hatte Mühe, durch das Gedränge zu kommen, und die Diener waren vollauf beschäftigt, ihm Bahn zu machen und die Leute durch die Erzählung zum Zurückweichen zu veranlassen, daß die Majestät durch die Jagd und ein ihr auf derselben zugestoßenes Abenteuer etwas angegriffen und ermüdet sei. Die meisten folgten dem Zureden; dafür wurde der Kogelbauer desto eifriger in die Mitte genommen und mußte erzählen, was dem Könige zugestoßen, was denn eigentlich geschehen sei.

Nur die dicke Firma Rab und Geier ließ sich ebenso wenig bescheiden, wie der Freiherr von Steinerling zu beschwichtigen war. Der Krämer ruhte nicht, bis der König seine unzähligen Bücklinge mit einem besondern Gruße erwidert, ihn nach Namen und Wohnort gefragt und sich daran erinnert hatte, bei der Durchfahrt durch den letztern das Firmenschild über der Hausthür bemerkt zu haben, was den Eigenthümer über alle Maßen glücklich machte.

Der Freiherr war damit nicht zufrieden und schickte sich auf die Frage des Fürsten an, seinen ganzen Stammbaum zu entwickeln. Er habe es für seine Unterthanenpflicht gehalten, sagte er, als adeliger Besitzer aus der Umgegend seinem allergnädigsten Landesherrn auf der Durchreise aufzuwarten, und bedaure nur, ihm nicht auch seine Gemahlin aufführen zu können, die durch ein geschwollenes Bein am Ausgehen verhindert sei. Mit vergnügtem Lächeln hörte der König den Bericht und bedauerte lebhaft, die Gemahlin nicht kennen zu lernen. Er hoffe aber, setzte er hinzu, [23] ein andermal dafür entschädigt zu werden. Wenn er wieder in die Gegend komme, werde er nicht ermangeln, auch seine Frau mitzubringen und dem Herrn Baron vorzustellen.

Der Kogelbauer erzählte indessen zum dritten oder vierten Male, wie der König ihn auf den Stand mitgenommen, von welchem aus man schnurgerade über das Gewände in das Thal und auf den Kogelhof heruntergesehen. Nach Beendigung der Jagd habe der König gefragt, ob es nicht möglich sei, statt auf dem langen Umwege an der Rückseite des Berges geradezu über die Felsen hinab zum Kogelhof zu gelangen.

„‚Ja,‘ habe ich gesagt,“ erzählte er weiter, „‚möglich ist es schon, aber der Weg ist etwas wachs, und Schwindel darf man keinen haben.‘ Darauf hat der König seinen Büchsenspanner fortgeschickt und gesagt, ich solle ihn nur hinunterführen, er habe keine Furcht und auch keinen Schwindel. Was hab' ich machen wollen? Ich bin den Weg schon öfter gegangen, und hab' gewußt, es ist justament keine Gefahr dabei. Aber wie wir ein Stück weit abgestiegen waren, sind wir an einen Platz gekommen, wo es nimmer weiter gegangen ist. Da ist von den Gießregen im Frühjahr ein Trumm Felsen abgegangen gewesen, so groß wie ein Hüthaus, und hat auch vom Steig ein gut Stück mitgenommen, daß man sich schon Gemsfüß' hätt' wünschen mögen. Der Weg ist auf eine halbe Zimmerlänge nicht viel breiter gewesen als eine gute Hand. Auf der einen Seite ist das Geschröffe in die Höhe gestiegen, auf der andern der Abgrund 'nunter gefallen, und Umkehren wär' nit viel besser gewesen, als gleich selber hinunter springen. Ich hab's dem Herrn angesehen, daß ihm die Geschichte nicht gefallt. – Da hab' ich mich kurz zusammengenommen und hab' ihm angeboten, ihn auf die Achsel zu nehmen und 'nüber zu tragen. Er hat ‚Ja‘ gesagt, und ich bin auch glücklich mit ihm hinüber gekommen. – Wie wir aber drüben waren, da ist mir erst der Datterer in die Knie gefahren, daß ich mich an den Felsen hab' anheben müssen. ... Aber jetzt laßt mich aus, Leut'!“ unterbrach er sich, indem er sich losmachte, „der König ist schon gleich in der Tenne, und im Kogelhof muß der Kogelhofer doch der Erste sein, der ihm ‚Grüß Gott‘ sagt.“

Mit wenigen Schritten hatte er den Eingang erreicht und kam gerade recht, um den königlichen Gast unter der Thür willkommen zu heißen. Als er so auf der Erhöhung vor den Blicken Aller dastand, in seiner großen schlanken, markigen Gestalt, war es wohl Jedem klar, daß er der Mann war, solch ein Wagstück, wie das erzählte, zu vollführen. Er war das echte Muster eines Gebirgsbauern, der trotz der fast kahlen Stirn wie ein Baum dastand, welcher noch viele Jahre rüstig überdauern wird, ehe die Axt ihn erreicht oder der Sturmwind ihn bricht. Einem Kundigen wäre vielleicht die etwas stark geröthete Gesichtsfarbe bedenklich erschienen, die ja häufig, und nur zu oft mit Recht, als Anzeichen eines ungesunden Herzzustandes angesehen wird, aber die Gesammterscheinung ließ die Befürchtung im Ernste nicht aufkommen. Dieselbe wäre wohl bei einem Bewohner der Stadt berechtigt gewesen, nicht aber bei einem Manne, der im täglichen Genusse der freien Bergesluft und im Verkehr mit der Natur in jedem Athemzuge neue Kraft und Gesundheit in sich sog.

Es war ein freundlicher Anblick, König und Bauer so einander gegenüber zu sehen – auch der König war eine anziehende und dennoch gebietende Erscheinung: der Waidmannsanzug, den er für seine Jagden selbst ersonnen und den er mit den ihn begleitenden Cavalieren, Gelehrten und Schriftstellern zu tragen pflegte – der grünsammetne Leibrock mit dem goldenen Gürtel, die strammanliegenden grauen Beinkleider und der dunkle breitkrämpige Hut mit dem Adlerflaum – war ganz geeignet, den volksfreundlichen König nach jenen beiden Richtungen zu zeigen.

„Nun, Grüß Gott, Herr König,“ sagte der Bauer, „Grüß Gott auf dem Kogelhofe; es freut mich recht, daß Ihr bei mir einkehrt! Ich will auch über der Hausthür ein Taferl anbringen und darauf schreiben, was dem Haus heut für eine Ehre geschehen ist. Jetzt seid halt gern da und nehmt vorlieb!“

Der König bot dem sich tief verneigenden Bauer die Hand, die dieser ehrerbietig ergriff. Zugleich legte ihm der Fürst die andere Hand auf die Schulter.

„Ich bin sehr gern bei Euch, lieber Kogelhofer,“ sagte er, „und werde mir den heutigen Tag auch roth im Kalender anzeichnen. Ihr seid ein tüchtiger Mann,“ fuhr er fort, mit etwas erhobener Stimme und gegen die unten versammelte Volksmenge gerichtet, „das ist der Mann, der heut Euern König aus einer großen Gefahr gerettet hat. Ich danke ihm vor Euch Allen; er soll sich eine Gnade dafür ausbitten.“

„Hoch! Unser König soll leben und der Kogelhofer daneben!“ schrie das aufgeregte Volk, der Kogelhofer aber schüttelte lachend den kahlen Kopf.

„Eine Gnade?“ rief er. „Ich weiß keine. Mir ist es Gnade genug, daß mein König bei mir ein'kehrt hat.“

„Es bleibt dennoch bei dem, was ich gesagt habe,“ entgegnete der König, „und wenn es jetzt nicht ist, so besinnt Euch auf eine Bitte; welche es sei: sie soll Euch gewährt werden.“

„Nun, nachher werd' ich es mir halt überlegen,“ entgegnete der Bauer, „und werd' mich besinnen, bis mir eine rechte Gnade beifällt, daß es gleich der Mühe werth ist.“

Zustimmend nickte der Fürst und erkundigte sich nach den Familienverhältnissen seines Wirthes, der mit unverkennbarer Befangenheit und nicht ohne einige Zögerung erzählte, daß er auf dem Kogelhofe mit seinem einzigen Sohne ganz allein hause, daß die Mutter desselben schon gestorben, als der Knabe noch kaum ein Jahr alt war – daß er keine Lust verspürt habe, sich wieder zu verheirathen, und mit einer Schwester, die vor einigen Jahren auch heimgegangen, so fort gehaust habe, wie es eben auf den Berghöfen im Gebirge häufig der Gebrauch sei.

Inzwischen waren die königlichen Jagdwagen auf dem Fahrwege angekommen; das Flaschenfutter war aus denselben hervorgehoben und der Wein auf der Tafel zurecht gesetzt worden, um welche die Begleiter des Fürsten sich zu sammeln begannen.

Der König ließ sich ein gefülltes Glas geben; ein zweites reichte er dem Kogelbauer und forderte ihn auf, mit ihm anzustoßen.

„Trinkt!“ sagte er. „Das ist der edelste Wein, den es giebt, der wird uns gut thun. Wir bedürfen alle Beide der Stärkung nach den Strapazen, die wir durchgemacht haben.“

„Majestät sollen leben,“ entgegnete der Bauer, leerte sein Glas, setzte es aber, wie von Schwindel ergriffen, gleich wieder auf den Tisch und wankte in den Knieen, daß er sich an der Kante festhalten mußte, während sein Gesicht von augenblicklicher Blässe überflogen und unmittelbar darauf mit noch höherer Röthe als gewöhnlich überströmt war.

„Es ist nichts,“ sagte er, sich rasch aufraffend, da der König ihn verwundert betrachtete. „Es ist schon wieder vorbei. Ich glaub', ich spüre doch den Weg, den wir gemacht haben; ich bin halt auch schon über die Dreißiger hinaus.“

„Ihr habt der Ruhe so nöthig, wie ich,“ entgegnete der König, „sorgt, daß ich mich etwas zurückziehen kann, wenn der kleine Imbiß eingenommen sein wird!“

Das war bald geschehen. Nachdem etwas kalter Wildbraten auf der Tafel servirt worden war und Lenz eine mächtige Schüssel voll Schuksen und Kücheln, schön kraus, goldbraun und mürbe gebacken, aufgepflanzt hatte, zog sich der König zur Ruhe zurück. Vielleicht hätte auch der Kogelbauer dasselbe gethan, wäre ihm nicht der Krämer mit Philomenen in den Weg getreten, der schon lange auf einen solchen freien Augenblick gepaßt hatte.

Das Gesicht des Bauers verrieth keine Spur besonderen Vergnügens über die Ankunft seines Besuches. Er lud ihn zwar ein, neben ihm an der leer gewordenen Tafel Platz zu nehmen, aber es klang nicht eben freundlich, als er fragte, wie er zu der besondern Ehre komme, den Vetter und das Basl auf dem Kogelhof zu sehen.

„Ich weiß wohl, in den älteren Jahren wird man vergeßlich,“ setzte er hinzu, „aber mir ist, als ob wir justament nicht so gut Freund mit einander wären.“

„Ach ja!“ rief der Krämer, „das ist aber schon eine ewige Zeit her; da soll man solche alte Sachen gar nimmer denken.“

„So, so?“ erwiderte der Kogelhofer. „Nachher ist der Herr Vetter doch noch vergeßlicher als ich. Ich hab' den Denkzettel, den mir der Vetter damals gegeben hat, schon noch behalten und kann seinem Gedächtniß schon nachhelfen, wenn's Noth thut. Auf den Advent werden's wohl zwölf Jahre; da hab' ich den Vetter das letzte Mal g'sehen.“

„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der Krämer, dem diese Erinnerung nicht ganz behaglich zu sein schien, „volle zwölf Jahre! Es ist merkwürdig, wie die Zeit vergeht! Es ist recht schlecht von mir, daß ich mich so lang' nicht hab' sehen lassen.“

„Dös wär' gerade nicht das Schlechteste, was es giebt,“ [24] fuhr der unerbittliche Bauer fort. „Wißt Ihr noch? Es war selbiges Mal, wie meine Schwester, weil sie kränklich geworden, in die Stadt gezogen ist, um näher beim Doctor zu sein. Und wie sie bald darauf gestorben ist und der Vetter ihr das schöne Testament eingered't hat.“

„Eingered't?“ sagte der Krämer hastig. „Wie mag der Herr Vetter nur so was sagen! Es war ihr freier Wille. Ich war zu jener Zeit noch Oberschreiber am Landgericht und hab' ihr halt geholfen beim Testamentmachen, weil sie sich dabei nicht ausgekannt hat.“

„Eine saubere Helferei, bei der ich als leiblicher Bruder leer ausgegangen bin,“ sagte der Bauer, „während der Herr Oberschreiber als weitschichtiger Vetter das ganze Vermögen eingesteckt hat. Ist denn der Herr noch beim Gericht?“

„Schon lang nimmer!“

„Aha, ist er davon geschickt worden?“

„Warum nit gar! Ich bin selber gegangen; ich hab' die Schreiberei satt gehabt und hab' mir eine Krämerei gekauft und bin jetzt Handelsmann. Ich hab' den großen Laden auf dem Hauptplatz, und die Firma 'Rab und Geier' steht mit goldenen Buchstaben über der Hausthür.“

„Freut mich, freut mich,“ höhnte der Alte, „wenn die Erbschaft so gut angeschlagen und zum Vergolden ausgereicht hat.“

Er wollte sich erheben, aber der Krämer hielt ihn fest.

„Bleibt, Vetter,“ sagte er, „und laßt mit Euch reden! Ein Jeder ist sich halt selbst der Nächste. Das müßt Ihr bedenken und endlich einmal die alte Geschichte gut sein lassen, daß Gras darüber wachsen kann. Ich will's ja auch gut machen und will's nur gerad' heraus sagen: das ist die Ursach', wegen was ich her'kommen bin.“

„So? Da bin ich wirklich neugierig,“ sagte der Kogelhofer; der Krämer aber, etwas näher rückend, fuhr fort:

„Wir sind alle zwei schon in den Jahren, wo man daran denkt, Ordnung zu machen. Ich möchte je eher je lieber meinem Buben die Handlung übergeben; dann hab' ich nur noch meine Tochter. Ihr habt auch nur den einzigen Buben: wie wär's, wenn wir ein Paarl draus machten?“

„Ein Paarl? Aus meinem Sohn und Eurer –“

Er vollendete nicht und brach in ein prustendes Gelächter aus, wobei er mit der Faust auf den Tisch schlug, daß die Gläser und Flaschen tanzten.

„Nun, was ist dabei so zu lachen?“ fuhr ärgerlich der Krämer auf. „Ich rede in vollstem Ernst und sehe nicht ein, was da zum Lachen wäre.“

Noch immer lachend fuhr der Bauer fort:

„Recht habt Ihr, Vetter. Es wär' auch eigentlich mehr zum Weinen! Damit ist es aber nix.“

„So? und warum denn?“

„Warum? – Erstens, weil keine Stadtjungfer auf meinen Bauernhof taugt, und zweitens, weil, wenn ich doch um eine Schwiegertochter umschau, ich mir jedenfalls eine aussuch', die ihre g'raden Glieder und keinen Buckel hat.“

Der Krämer war hastig empor geschnellt und bäumte sich wie eine Natter, die sich, nach dem Volksglauben, zu Sprung und Biß bereit macht; der kärgliche Athem flog und das fest auf den Bauer gerichtete Auge funkelte giftig.

„So,“ stammelte er, „ist das eine Antwort auf einen solchen Vorschlag? Recht so! Das ist so eine rechte, übermüthige Bauernantwort. Aber das Gescheidteste wird sein, ich nehm' die Antwort noch nicht an. Ich bleib' doch heut' da, und morgen, und wenn wir darüber geschlafen haben, will ich Euch noch einmal fragen. Vielleicht überlegt Ihr's Euch, denn ich sag' Euch nur Eines im Voraus, Vetter: überlegt's Euch ja gut! Es könnte Euch leicht reuen.“

Er rannte fort; von dem boshaften Blicke mehr als von der Drohung betroffen, sah ihm der Kogelhofer nach.

„Wie wär' das?“ murmelte er in sich hinein. „Der schlechte Kerl droht mir? Mit was wohl? Was giebt's, womit man dem Kogelhofer drohen kann –?“

Er sprach nicht zu Ende; plötzlich schien ein Gedanke in ihm aufzublitzen, der ihn zucken machte, als wäre er wirklich vom Blitze getroffen. Er fuhr nachsinnend mit der Hand über den Kopf und dann trat er entschlossen zur Seitenthür der Scheune, von wo sich nahende Stimmen und Tritte hören ließen.

Der König hatte seine Ruhe bereits beendet und rüstete sich zur Abfahrt.

„Habt Ihr schon ausgeruht?“ fragte der Bauer, ihm entgegentretend. „Das habt Ihr aber kurz gemacht. Aber seid nicht harb, Majestät, wenn ich Euch noch aufhalt'! Ihr habt vorhin gesagt, daß ich mir eine Gnade ausbitten dürft'. Jetzt hab' ich mich besonnen; jetzt ist mir was eingefallen, um was ich Euch bitten soll. Aber ich kann's nur Euch allein sagen und kein anderer Mensch darf zuhören.“

Der gütige König war bereit; beide traten seitwärts in den Grund der Scheune.

Ernsten Angesichts vernahm der Fürst das Gesuch des Bauers. Es mußte kein geringes Anliegen sein, denn dem Mann schien es nicht leicht zu werden, die Sache vorzubringen: er mußte mehrmals absetzen, schwer aufathmen und hatte sichtliche Mühe, sich aufrecht zu erhalten. Endlich war das Gespräch, von Allen unter Staunen beobachtet, aber von Niemand verstanden, zu Ende. Der König zog seine Brieftasche hervor, in welcher er einige Worte verzeichnete, dann reichte er dem Bittsteller, zum Zeichen der Gewährung, die Hand, die dieser, ohne sich abhalten zu lassen, dankbar an die Lippen drückte.

„Ihr müßt mir das nicht wehren!“ rief er. „Das ist noch die größte Gnad', daß ich die Hand von einem so guten König busseln kann.“

Der Wagen fuhr vor.

Auf der Tenne hatten sich noch einmal alle Angehörigen des Hauses zusammen gefunden. Neben dem Vater stand Lenz; auch der Krämer mit Philomena fehlte nicht. Mit spöttisch-lachendem Gesicht schlich der rußige Pechler herein und führte Nannei an der Hand. ... Es war der Augenblick, in welchem der Blumenstrauß überreicht werden sollte.

Philomena und ihr Vater mühten sich ab, denselben zu entdecken. Es war vergebens. Der Krug war und blieb leer. Offenbar mußte Jemand den Strauß entwendet haben.

„Aber wo ist denn der Buschen?“ flüsterte es durch einander. Auch Nannei stand betroffen. Sie hatte von dem ganzen Vorfall und dem Streite wegen des Blumenstraußes weder erfahren, noch ahnte sie etwas davon – über und über in der Küche beschäftigt, hatte sie sich nicht eher loszumachen vermocht, als bis der Pechler ihr winkte, und sie also den Augenblick für gekommen hielt, in welchem ihr als Köchin wie als Kranzbinderin die gebührende Anerkennung zu Theil werden sollte. Ehe sie ihre Verwunderung über das Fehlen des Straußes auszusprechen vermochte, fühlte sie sich von dem Alten rückwärts gefaßt und durch eine Lücke vorwärts geschoben – dabei drückte er ihr zugleich von hinten den vermißten Buschen in die Hand.

Während der Kogelbauer und der Krämer am untern Ende der Tafel mit einander stritten, war er in die Tenne geschlichen und hatte den Gegenstand des Zwistes, der am obern Ende vor dem Gedecke des Königs gestanden, verschwinden lassen.

„Geh voran, Nannei!“ flüsterte er ihr zu, „wie der König die Brucken hinunter gehn will, ist's just die rechte Zeit.“

So schlau seine Berechnung gewesen, sie war doch ohne den Wirth gemacht. Im nämlichen Augenblicke, als Nannei vortrat, langte eine fremde Hand von der Seite herüber und entriß ihr den Busch.

Es war Lenz.

„Du wirst den Buschen nit übergeben, hochgeistige G'sellin,“ rief er mit spöttischem Lachen und einem Blick, in welchem der ganze Groll über die heutige Zurückweisung loderte. „Ein lediges Kind, das nit einmal einen Vater hat, gehört nit zu so was – das wär' eine Schand' für den ganzen Kogelhof!“

Der Vorfall kam so plötzlich und ging so rasch vorüber, daß kaum die ganz zunächst Stehenden etwas davon gewahr wurden. Philomena, der Lenz den Strauß gleichzeitig in die Hand gegeben, war besonnen genug, den Augenblick zu benützen: schon im nächsten Moment stand sie mit tiefem Knixen vor dem freundlich lächelnden König, der den Busch dankend, aber ohne weitere Frage annahm und die Scheunenbrücke hinunter schritt.

Der Pechler stand unbeweglich und starrte wie blitzgetroffen vor sich hin – Nannei war, wie von einem plötzlichen Schlage seitwärts geschleudert, an die Wand getaumelt.

Sie war außer Stande, einen klaren Gedanken zu fassen.

Nicht daß ihr Lenz den Strauß entrissen, nicht daß sie [26] dadurch um die erwartete Auszeichnung gekommen, war es, was sie vernichtete: die Worte thaten es, mit denen es geschehen war.

Hatte sie denn recht gehört?

Sie, die ihr Leben lang sich keines Unrechts bewußt gewesen; sie, die mit aller Mühe, mit allem Fleiße getrachtet, als ein ehrenhaftes, wenn auch armes Mädchen dazustehen; sie, die sich geschmeichelt hatte, daß Niemand in der Gemeinde von ihr ein unrechtes Wort zu sagen, sie mit einem schiefen Blicke anzusehen wagen durfte – sie sollte eine Person sein, die sich nicht recht öffentlich zeigen konnte, oder die, wenn sie es that, dem Ort und Hause, wo es geschah, zur Schande gereichte?

„Vater!“ rief sie, sich gewaltsam aufraffend und nach Athem ringend. „Vater – was hat er gesagt? Geschimpft hat er mich – ein lediges Kind hat er mich geheißen – und Du – Du stehst daneben, Vater, und leidest das? Du hilfst mir nicht? Red’ – bist Du denn nit, für was ich Dich meiner Lebtag gehalten hab’? Bist Du denn nit mein Vater?“

Sie ergriff und schüttelte den Alten beim Arm, um ihn aus seiner anscheinenden Betäubung zu reißen und zu einem Lebenszeichen zu veranlassen. Er blieb stumm, wandte sich von ihr ab und fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Augen, um sich die Thränen abzuwischen, die als einzige, nur zu verständliche Antwort ihm über die hageren Wangen rollten.

Mit einem Aufschrei des Schreckens ließ sie ihn los und brach auf einen Sitz zusammen; wie bewußtlos starrte sie vor sich hin, erst die Hände ringend, dann im Schooße in einander faltend, indeß ihre Brust wie von Krämpfen geschüttelt flog und vergebens nach dem lösenden Labsal der Thränen rang. – So war es denn wahr! Sie war vaterlos – war eines der unglücklichen Geschöpfe, die den eigenen Angehörigen ein Vorwurf, allen Andern eine Last, ein Gegenstand der Geringschätzung heranwachsen, wie ein auf den Weg verstreutes Samenkorn, das unter dem achtlosen Fuße des Wanderers zertreten wird oder verkümmert! Die wie verbotene Auswüchse am regelmäßigen Stamme nur mit Gleichgültigkeit betrachtet oder mit Widerwillen geduldet werden. Mit einem Male war der Schleier glücklicher Täuschung, der sie bis dahin liebevoll umgeben und eingehüllt hatte, zerrissen: blendend hell, mit dem grellen Feuerschein eines Brandes, der die Hütte, die ihr so lange eine Heimath gewesen, in Schutt und Trümmer verwandelt, lag ihr ganzes bisheriges Leben vor ihr. Manches, was sie nicht begriffen und wovon sie sich verletzt gefühlt hatte, ohne recht zu wissen, warum, lag nun auf einmal in schrecklicher Deutlichkeit vor ihr – manches hingeworfene Wort, manches kleine Ereigniß aus der Zeit der Schule und selbst der Kinderspiele, das sie gutmüthig auf Rechnung ihrer Armuth geschrieben, war jetzt zu furchtbarer Deutlichkeit erklärt – alle Fäden der Zusammengehörigkeit mit Familie, Haus, Gemeinde waren wie eben so viele Lebensadern abgerissen, und wie die Vergangenheit, lag auch die oft in der Stille so schön geträumte Zukunft verwüstet – einem Bergthale gleich, dessen Wiesen, Matten und Gärten eine plötzliche Ueberschwemmung unter Geröll, Schutt und Gestein begraben hat.

Deshalb also war auch Lenz so keck gegen sie gewesen! Deshalb hatte auch er, an dessen Erscheinung und Wesen ihr Auge und Herz mit geheimem, tiefverborgenem Wohlgefallen gehangen, es gewagt, so gegen sie aufzutreten und sie wie eine ehrlose Person zu behandeln!

Dieser, der bitterste Gedanke machte die Erstarrung ihres Schmerzes brechen – ihre Thränen flossen, und die Hände vor’s Gesicht schlagend, stürzte sie laut aufschluchzend aus der Tenne in’s Haus. Draußen aber übertönte den Klagelaut das Hochrufen des Volks und das Rollen der Räder, welche den Nannei’s Blumenstrauß in der Hand haltenden König von dannen trugen.

[41]
2. Hinum.

Trotz der sonstigen Beständigkeit des Herbstwetters hatte der Abend die Verheißungen des Morgens nicht erfüllt. Bald nach der Abfahrt des Königs waren Wolken über den Bergen aufgestiegen, und die Landleute wußten wohl, was es zu bedeuten hat, wenn der Wachterkopf seinen Hut aufsetzt. Die auf dem Kogelhofe versammelte Menge verlief sich so rasch, wie an einem Abhange verschüttetes Wasser; Alle eilten, um ihre Heimath zu erreichen oder doch den größten Theil ihres Weges dahin zurückzulegen, ehe das Ungewitter losbräche, das sich in gelblich grauen Massen immer dichter ballte und immer näher heranschob, bis auch der Kogel in einem Wolkenschleier verschwand, als wäre er nie hinter dem Bauernhofe gestanden. Auch das Fuhrwerk des Herrn von Steinerling sauste die Bergstraße hinunter, wie sehr dieselbe auch Aehnlichkeit mit dem verlassenen Rinnsal eines Bergbaches hatte und wie wenig die mageren Pferde auch an der raschen Bewegung Gefallen zu finden schienen.

Bald war es um den Hof wieder so einsam und still, wie in seinen gewöhnlichen ruhigen Tagen; nur hier und da war noch eine einzelne Person beschäftigt, die Spuren der stattgehabten Festlichkeit zu beseitigen oder vor dem drohenden Sturme zu bergen. Der Kogelhofer stand unter der Thür und sah mit der bedenklichen Miene, mit welcher der Landmann solche Erscheinungen zu betrachten pflegt, in das rasch ziehende Gewölk hinauf und schüttelte das kahle Haupt.

„Das giebt am Ende gar noch ein verlegenes Gewitter,“ sagte er, „das sich vom Sommer her verspätet hat. Wenn's nichts thut als blitzen und donnern, dann mag's angehen, aber wenn's etwa gar schauern wollt', das können wir nicht brauchen. Unten auf den Bergleiten und im Thal steht noch viel 'Treid' auf den Halmen. ... Mach', daß Du hineinkommst!“ rief er dann Nannei zu, die mit einer Magd eifrig daran war, die Rinder von der Weide in den Stall zu treiben. „Es kann jeden Augenblick losgehn; wie der Wind anhebt, ist das Wetter da. Sollte man doch nicht glauben, daß ein so schöner Tag im Handumkehren so umschlagen könnt'!“

„Ja, ja,“ entgegnete Nannei, die noch nicht Zeit gehabt hatte, ihren Sonntagsstaat abzulegen, „es geschieht wohl diemalen, daß ganz andere Sachen als das Wetter im Handumkehren umschlagen – es geht mit Glück und Unglück auch nicht anders.“

Die Nutzanwendung, die das Mädchen aus dem Wetter zu ziehen wußte, belustigte den Bauer.

„Was Du gescheidt bist!“ sagte er lachend, „könntest alle Stund' einen Pfarrer abgeben und mußt wenigstens einen Schulmeister heirathen. Aber wie schaust Du denn aus?“ fuhr er fort, als sie näher kam. „Du bist ja todtenblaß! Wirst Dich doch nicht vor dem Wetter fürchten? Oder ist Dir sonst nicht gut?“

„Kann schon sein,“ entgegnete das Mädchen, indem sie unter der Stallthür verschwand, „es trifft sich leicht, daß man ruttengesund ist und im Handumdrehen wird einem schlecht, daß man sich hinlegen und sterben könnt'.“

„Recht hast allemal,“ rief der Bauer, der gleichfalls rasch ernst geworden war, indem er sich über Stirn und Kopf fuhr, „es geht mir im Augenblick auch nicht anders. Ist mir wieder wie vorhin, als wenn mir schwindlig werden wollt'; es ist just, als wenn ich mir heut ein Bischen zuviel zugetraut hätte.“

Im Begriffe, in das Haus zu treten, wurde er des Lenz gewahr, der an der Scheune stand, um sie zu schließen.

„Laß nur Alles stehen wie's steht!“ rief er ihm zu, „morgen ist auch noch ein Tag zum Aufräumen.“

Er hatte das Wort noch nicht völlig ausgesprochen, als die längst erwartete Windsbraut herangesaust kam. Den kräftigen Händen des Burschen entfuhren die Thorflügel und schlugen schmetternd und krachend in einander, daß das Haus in seinen Grundvesten erbebte. Lenz hatte vollauf Zeit gehabt, das Thor ordentlich und gemächlich zu verschließen, allein er hatte einen Augenblick innegehalten, als Nannei mit den Thieren herangekommen war. Auch ihm entging das verstörte Aussehen und die Todtenfarbe des Mädchens nicht, aber es war nicht Mitleid und nicht Bedauern, was sich dabei in ihm regte, er empfand vielmehr eine Art schadenfroher Genugthuung, daß er ihr ihre Widerspänstigkeit so empfindlich heimgegeben hatte. Mochte sie zürnen und sich kränken: in einigen Tagen, meinte er, werde das schon wieder einschlafen, und wenn er ihr vollends ein gutes Wort gebe, werde sich wohl das frühere fröhliche freundliche Zusammenleben wieder einstellen, das unter den langjährigen Hausgenossen zur angenehmen Gewohnheit geworden war.

Wohl der einzige Fremde, der den Hof noch nicht verlassen hatte, war der rußige Pechler Kaspar, der sich in jedem Winkel des Hofes und seiner Umgebung herumdrückte, um Nannei aufzusuchen, [42] die ihm nach dem letzten Gespräch entkommen war und die er nicht mehr anzutreffen wußte. Auch ihn hatte das Begebniß stark angegriffen; er war durch den Ruß hindurch blaß geworden, die frühere lustige und listige Schnellkraft seines Wesens schien ihn verlassen zu haben. So schmerzlich er die Kränkung empfunden, die seinem Liebling zugefügt worden, war es doch hauptsächlich der Zorn, was ihn dazu brachte, manchmal unverständliche Worte vor sich hinzumurmeln und dabei mit den Händen in der Luft zu fuchteln, als habe er Jemand vor sich, den er es fühlen lassen möchte, daß mit den Jahren die Kraft nicht vollständig aus seinen Armen gewichen war. Er war grimmig über sich, weil sein so schön eingefädelter Plan vereitelt worden war; er war es gegen Lenz, der ihm das angethan, gegen den Vorsteher und dessen Weib und gegen die Nachbarn alle, die so einstimmig gegen das arme Mädchen aufgetreten, die das arme Ding geschmäht hatten und doch so viel Ursache hätten, an die Bibelstelle vom Aufheben des ersten Steines zu denken, oder, nach der Sprachweise des Volkes, „sich selbst bei der Nase zu nehmen“. Die Gedanken schnurrten ihm durch den Kopf wie das Rad einer ablaufenden Uhr. Jeder Augenblick brachte neue Pläne, wie er sich und Nannei dafür an ihnen rächen, wie er ihre gekränkte Ehre wieder herstellen solle und Lenz, vor Allem aber das hochmüthige Bauernvolk zu demüthigen vermöchte – jeder neue Einfall verdrängte den alten, um nach kurzem Bedenken ebenso unausführbar zu erscheinen, wie sein Vorgänger.

Endlich war er so glücklich, die Gesuchte in der Küche anzutreffen, wo sie eben beschäftigt war, ein paar Hühner zu brühen und zu rupfen, die zum Abendessen für die Gäste bestimmt waren; so zuwider dem reichen Bauern an und für sich der Besuch war, er wollte sich doch nicht filzig zeigen und hatte daher die Schlachtung der besten Stücke befohlen. Nannei stand vor dem Herde, auf welchem bereits der Bratspieß und das Bratgestelle zurecht gerückt waren. Der Schein des offen lodernden Feuers fiel auf ihr Gesicht und spielte darauf, daß es nicht zu unterscheiden war, ob der röthliche Schimmer von dessen natürlicher Farbe herrührte, ob das Zucken in ihren Mienen ein Zeichen innerer Erregung oder die Folge der Beleuchtung war.

„Ich such' Dich überall wie eine Stecknadel,“ begann der Alte das Gespräch, nachdem er eine Zeitlang auf eine Anrede Nannei's gewartet und sich auf dem Küchenbänkchen neben dem Wassereimer niedergelassen hatte, auf welchem die Schüssel mit den gebrühten Hühnern stand. „Wo steckst Du denn eigentlich? Wie ist Dir jetzt und was hast im Sinn?“

„Wo werd' ich sein?“ sagte sie, indem sie den Blick abwandte und auf das Feuer heftete, als ob darin etwas ganz Besonderes zu sehen gewesen wäre. „Es giebt doch über und über aufzuräumen im Hof. Ich hab' zuerst die Kühe hereingetrieben und ihnen Futter vorgesteckt; jetzt hab' ich alle Hände voll mit der Kocherei zu thun. – Und wie wird mir denn sein?“ fuhr sie nach einer kleinen Pause wie geringschätzig fort. „Wie halt alleweil! Ich wüßt' nicht, warum mir anders sein sollt' als sonst.“

„Mach' mir nichts weiß!“ sagte der Alte. „Du thust ja, als ob gar nichts vorgefallen wär'.“

„Es ist ja auch nichts Besonderes geschehen,“ sagte sie höhnisch – „nichts Anderes, als daß der Lenz und die Bauern sich mit mir einen groben Spaß gemacht haben. Das muß sich eine so keinnütze Person, wie ich, schon gefallen lassen.“

Der Alte machte wieder seine gewohnte Bewegung, indem er mit den Händen auf den Knieen trommelte; der Unmuth schien in ihm aufzusteigen, aber in demselben Augenblicke fiel der in ihm aufgequollene Zorn wie das Wasser in einem Zugbrunnen wieder zurück: Nannei's Kraft und Verstellungsvermögen hatte nur bis zu dieser Secunde gereicht, in der nächsten erlag sie dem Gewichte des Schmerzes, und ihr zurückgehaltenes Leid machte sich in einem plötzlichen schmerzhaften Aufschluchzen Luft. Wie emporgeschnellt stand der Alte aufrecht da und hülfsbereit neben ihr, aber das starke Mädchen hatte nicht mehr als die Erleichterung eines solchen Ausbruches bedurft, um die alte Fassung wieder zu gewinnen. Mit einer entschieden zurückweisenden Geberde trat sie von ihm hinweg und griff nach irgend einem Geschirr, das sie nicht bedurfte, blos um ihm auszuweichen.

„Das Gescheidteste ist wohl, wir reden nicht mehr von der dummen Geschichte,“ sagte sie, „das Allergescheidteste aber wäre freilich gewesen, wenn Du mich nicht so hättest aufwachsen lassen, wie ein Henn'l, das aus dem Ei kriecht und nicht weiß, wo's hergekommen ist! Wenn Du mir von Anfang an gesagt hättest, wer ich bin, dann hätt' ich es nicht anders gewußt und hätte heut' nicht Schand' und Spott aushalten müssen. – Es wird aber wohl auch noch zu verwinden sein,“ setzte sie hinzu, „darum laß die Fragerei nur gut sein, Pechler Kaspar!“

Dem Pechler war schon wieder ein warmes Wort der Erwiderung und Beruhigung auf der Zunge gesessen, aber nun vermochte er nicht, dasselbe auszusprechen. Daß Nannei ihm Vorwürfe machte – Vorwürfe wegen all der Liebe, die er ihr erwiesen, mit der er alles Unangenehme von ihr fern zu halten gesucht hatte – das traf den Alten wie ein Messerstich mitten in's Herz und machte ihm Puls und Athem stocken. Daß sie ihn obendrein nicht, wie sie von Kindesbeinen auf gethan, Vater geheißen, daß sie ihm den Namen gegeben hatte, mit dem ihn jeder, auch der fremdeste Mensch bezeichnete, das war mehr, als der Greis mit dem Kindergemüthe zu ertragen vermochte. Gleichwohl barg er in demselben so viel Mannesstolz und Kraft, daß auch er die Bewegung niederhielt, wenn gleich sie ihm beinahe die Kniee brechen machte.

„No, das ist ja recht schön,“ sagte er, ohne ein leichtes Schwanken der Stimme völlig unterdrücken zu können, „das ist ja recht gescheidt von Dir, daß Du so resolut bist. Wenn Du die Sache so leicht nimmst, nachher ist Alles gut, nachher wird mir auch kein graues Haar deswegen wachsen, wenn überhaupt,“ setzte er bitter lachend hinzu, „auf dem alten Schädel noch ein Haar wachsen könnt'. Nachher verzeih' mir halt, daß ich meine Sach' so dumm angestellt hab'! Nachher geh' ich halt meiner Weg' – das Henn'l ist ausgekrochen und braucht den Pechler Kaspar nicht mehr.“

Er wankte der Thür zu. Auf der Schwelle hielt er an; er vermochte nicht, sie zu überschreiten, ohne noch einen Blick auf den Herd und Nannei zurückzuwerfen.

Auch dem Mädchen zuckte es durch Herz und Sinn, ihn nicht so gehen zu lassen und ihm ein gutes herzliches Wort auf den Weg mitzugeben, aber sie wandte sich trotzig wieder ab, und der Alte verschwand im Dunkel des Hausgangs.

Ueber dem Hause war das Gewitter losgebrochen. Ein blendender Blitz zuckte durch die früh hereingebrochene Dämmerung, und ein furchtbarer Donnerschlag schien die Grundvesten der Erde und die Felsen in ihrer Festigkeit prüfen zu wollen. Mit demselben waren die Schleußen des Gewölkes geöffnet, und ein dichter Platzregen brauste hernieder.

Der Weg bis an den Rand des Waldes und durch denselben bis an die Pechlerhütte war nicht weit. Das war die Veranlassung gewesen, warum Nannei schon in jungen Jahren auf den Kogelhof zuerst als Helferin, dann als Dirne gekommen war; und es war doppelt günstig – hatte der Alte so doch die Möglichkeit gehabt, an Feierabenden oder, wenn es die Woche hindurch wegen vieler Arbeit nicht möglich gewesen war, wenigstens am Sonntage hinüberzukommen, um Nannei zu besuchen und sich an ihrem Gedeihen, ihrem Wohlergehen und ihrer Bravheit zu erfreuen.

Ungeachtet des kurzen Weges war der Alte bis zum Walde schon so durchnäßt, daß ihm das Wasser vom ganzen Leibe troff, aber er fühlte und achtete es nicht. Der Auftritt mit Nannei, die letzten harten Worte derselben waren hinter ihm her wie hetzende Hunde. Zugleich war ihm, was er über den Ereignissen völlig vergessen hatte, plötzlich wieder eingefallen, daß er vor seinem Fortgehen den Schweelofen augezündet, aber in der Hoffnung baldiger Rückkehr unterlassen hatte, das nöthige Holz und Harz nachzulegen.

Bald war die schluchtartige Enge erreicht, aus welcher ihm schon von ferne die Luftlöcher des Ofens wie ein Paar glühende Augen entgegenstrahlten; dichter Qualm, der Rauch und Gestank des Ofens, lag über der Erde wie eine schwere Wolke, welcher der Wind verwehrte, zwischen den riesigen Fichtenstämmen der Umgebung und den Felswänden, die das Thälchen umschlossen, in die Höhe zu steigen.

Hastig stürzte er auf den Ofen zu; es war glücklicher Weise noch nichts versäumt. Das Holz brannte ruhig fort, und aus dem Ausflußrohre quoll das Pech in hellen Tropfen langsam und lautlos in die vorgestellten Fässer, in denen es erkaltete. [43] Befriedigt öffnete er das Füllungsthürchen und ließ durch dasselbe eine Menge Fichtenharz gleiten, wie er es mit seinen Werkzeugen, dem Schaber und Scharrer, das Frühjahr und den Sommer hindurch von den Stämmen und Rinden in Vorrath gesammelt hatte.

„So,“ brummte er in sich hinein und griff nach der Brust, wo es so ungewohnt lastete und drückte, wie noch nie, „jetzt brennt es wohl fort bis in die Früh'; jetzt löscht der Brand nicht mehr aus – gerade so wenig wie der Brand auslöscht, der in mir da drinn' angezündet ist.“

Er trat in die Hütte und setzte sich unweit einer Wandöffnung nieder, durch welche er auf den Ofen sah und dessen Wärme einströmen lassen konnte, um sich daran zu trocknen und zugleich die kleine Stube zu erhellen.

Es war ein höchst einfacher Sitz, roh aus Tannenholz zusammengenagelt und nichts weniger als bequem; dennoch sank er bald wie auf dem weichsten Ruhebette in tiefes Nachdenken, aus welchem ihn auch die Stimmen der Hausgenossen nicht erweckten, die den Hausherrn nach ihrer Weise begrüßten.

Der alte Pechler hatte es verstanden, die Einsamkeit seines Wohnsitzes zu beleben, und weil Menschengäste für ihn eine Seltenheit waren, hatte er den Wald und seine Bevölkerung zu sich geladen. Die Einrichtung des Gemaches war die denkbar schlichteste; über dem Boden waren leichte Bretterlagen befestigt; eine armselige Bettstelle mit Stroh und einer Decke darüber, ein unscheinbarer Tisch und ein paar schlechte Geschirre über dem dürftigen Herde bildeten das ganze Inventar.

Dafür waren die Wände mit allem Schmucke ausgestattet, den der Wald zu bieten vermag. An denselben waren allerlei wunderlich gestaltete Wurzeln aufgehangen, die wie Schlangen oder Ungeheuer an der Decke hinaufzukriechen schienen; große, zierlich geformte Baumschwämme waren angebracht, um allerlei Spielwerk zu tragen, das die Einsamkeit erdichtet und geschnitzt hatte. Kleine Sennhütten aus dicker Eichenrinde, aus Tannenzapfen geposselte Männlein mit mächtigen Moosbärten, allerlei ausgeblasene und an Schnüren gereihte Vogeleier, Stöcke mit wunderlichen Griffen zeugten von der geschickten Hand wie von der lebhaften Einbildungskraft und dem klugen Sinn des einsamen Waldbewohners.

Aber auch an lebenden Genossen fehlte es nicht in der Stube. In der Nähe des Ofens lag ein Igel zusammengeballt, an dessen Stacheln noch einige aufgespießte Holzäpfel verriethen, daß das Thier erst von einer Futterstreife heimgekommen war. Ueber demselben hüpfte ein rothes Eichhörnchen auf einem Stängelchen hin und wieder; ein zahmer Kolkrabe mit gestutzten Flügeln kam herbei und setzte sich krächzend auf die Kniee des Pechlers, die gewohnten Liebkosungen erwartend. Aus einem Käfige krähte ein Nußhäher, mit den weißblauen Fittigen schlagend; aus einem anderen schmetterte ein Fink, und über dem Thürgesimse saß ein mächtiger Auf (Eule), der ebenfalls die Flügel regte und den dicken Kopf mit den runden Glotzaugen wie ungeduldig drehte, weil er nicht loszukommen vermochte.

„Gebt Ruh', Cameraden!“ sagte der Alte. „Ich hör' Euch schon, aber ich habe jetzt keine Zeit, mich mit Euch abzugeben; mir gehen ganz andere Dinge im Kopf' herum.“

Er setzte den unwillig krächzenden Raben auf das Fensterbrett neben sich, warf seine Jacke über den ruhelosen Finken und drohte der Eule mit einem kleinen Stocke, und die Thiere schienen den Willen ihres Herrn zu verstehen und fügten sich in sein Gebot; sie wurden allmählich still, und bald regte sich nichts mehr in dem nächtlichen, nur von dem äußeren Feuerscheine kümmerlich erhellten Gemach, als der schwer beklommene Athemzug des Greises und der Schlag der alten Hänge-Uhr, die bedächtig diese Athemzüge zu zählen schien.

So waren einige Stunden vergangen; längst war das Gewitter verhallt; der Regen hatte aufgehört, und durch die Fichten ging nur noch das Rauschen erfrischender und beruhigender Kühlung, wie sie auf solchen Aufruhr in der Natur zu folgen pflegt. Auch über den Alten war die Ruhe gekommen; unmerklich hatte ihn der Schlummer umfangen und ihm das greise Haupt auf die Brust herabgesenkt.

Erschrocken fuhr er nach einer Weile empor, denn der Rabe am Fenster begann zu flattern, als wenn er ihn wecken und etwas melden wollte; auch war ihm gerade, als hätte sich an der Thür der Hütte ein leises Klopfen vernehmen lassen. Er hatte sich auch nicht getäuscht; das Pochen wiederholte sich, und auf sein verwundertes „Herein!“ öffnete sich die Thür. Eine Mädchengestalt erschien auf der Schwelle, die er trotz des schwach einfallenden Feuerscheines zu erkennen glaubte – gleichwohl eilte er derselben nicht entgegen, sondern trat einen Schritt zurück, als habe er Scheu vor ihr, wie vor einer gespenstigen Erscheinung.

„Du bist es, Nannei?!“ rief er dann unsicher. „Bist es denn wirklich oder ist es Dein Geist?“

„Ich bin's schon,“ erwiderte sie, indeß über ihr bleiches Angesicht etwas wie ein demüthiges Lächeln glitt, das den Zorn des Alten entwaffnet hätte, wäre dies nicht schon durch den ersten Laut der bekannten, jetzt so schüchtern gedämpften Stimme bewirkt gewesen.

„Ich bin's schon,“ wiederholte sie, „wirst Dich wundern, warum ich so daher komm', wie der Dieb in der Nacht – ich will mir nur was holen und will Dich auch bitten, Du sollst's mir nicht nachtragen, daß ich so ungut gewesen bin mit Dir. Du sollst nicht harb sein auf mich und sollst mir erlauben, daß ich wieder Vater zu Dir sagen darf.“

Sie machte eine Bewegung, als ob sie vor dem Alten sich niederbeugen wollte, und haschte nach der Hand desselben, um ihre Lippen darauf zu drücken, aber ehe sie den Vorsatz ausführen konnte, lag sie schon an seiner Brust, mit dem Kopfe auf der Schulter und ließ ihre Thränen reichlich auf den groben Zwillich niederströmen.

Der Alte lachte und weinte durch einander.

„Ist schon gut, Nannei, ist schon gut,“ stotterte er, „ist alles vergeben und vergessen. Ich hab's alleweil' denkt, daß Dir's nicht Ernst sein kann mit Deinem Reden – sag' Du nur wieder Vater zu mir wie von eh! Ich bin's gewesen, seit Du auf der Welt bist, und will's bleiben, so lang' ich noch einen Schnaufer thun kann. Aber setz' Dich nieder,“ fuhr er fort, „setz' Dich auf das Bett her und raste aus und erzähl' mir nachher, wie's weiter gegangen ist auf dem Kogelhof und wie Du jetzt so auf einmal daher kommst bei der nachtschlafenden Zeit!“

„Das siehst ja, Vater,“ sagte sie, indem sie seiner Anweisung folgte und ein starkes Bündel, das sie in der Hand trug, neben sich auf das Bett niederlegte. „Du siehst ja, daß ich auf der Wanderschaft bin.“

Der Pechler klopfte wieder mit den Händen auf die Kniee.

„Was?“ sagte er. „Du willst davon bei Nacht und Nebel?“

„Ja,“ entgegnete sie, „das kannst Dir wohl denken, Vater, daß nach dem, was sie mir heut' angethan haben, auf dem Kogelhofe meines Bleibens nicht mehr ist. Da hab' ich meine sieben Zwetschgen zusammengepackt, hab' meine Arbeit vollends fertig gemacht und bin wie ein Mäusel zum Hausthor hinausgeschlichen. Ich geh' in eine andere Gegend, wo mich Niemand kennt und Niemand d'rum anschaut, daß –“

Sie stockte; das harte Wort wollte nicht über ihre Lippen.

„Morgen in aller Früh muß ich schon weit weg sein, daß sie mich nicht finden, wenn sie mich etwa suchen thäten, weil ich unter der Zeit aus dem Dienst gelaufen bin. Aber ich habe nicht so fort gekonnt; ich hab' Dir zuerst 'B'hüt Gott!' sagen müssen, Vater, und nachher –“ setzte sie etwas zögernd hinzu, „nachher hab' ich halt noch zwei schwere Sachen auf dem Herzen.“

„Was sind denn das für schwere Sachen?“ fragte der Alte. „Gewiß noch ein Gruß an den übermüthigen Buben, den Lenz?“

„Vater,“ sagte sie, und sah ihn ernst an, „so 'was wirst doch nicht glauben von Deiner Nannei? Ich wünsch' dem Lenz alles Glück auf der Welt, aber für mich ist er so gut, wie wenn er gestorben und begraben wär'. Die eine schwere Sach' ist schon abgemacht, weil wir wieder gut sind mit einander und Du wieder mein Vater sein willst – die zweite schwere Sach' aber ist die, daß ich gar nichts weiß von den Leuten, denen ich eigentlich angehört hab'. Ich seh' wohl ein, warum Du mir bis auf den heutigen Tag nichts davon gesagt hast, aber jetzt ist es nicht mehr nothwendig, daß Du mich verschonen willst – das Aergste weiß ich ja doch schon, und ehe ich mein Glück unter fremden Leuten probir', möcht' ich, daß Du mir erzählst, was Du weißt – Du mußt ja alles wissen; sonst hättest Du Dich wohl nicht um mich angenommen und mich aufgezogen wie Dein eigenes Kind.“

Der Alte hatte sich wieder auf seinem Stuhl am Guckloch [44] niedergelassen und sah einen Augenblick nachdenklich in die Gluth der Schüröffnung hinaus.

„Ich will zuvor ein wenig hinausgehen und nach dem Ofen sehen,“ sagte er, „dann wird's wohl das Beste sein, ich erzähl' Dir, was ich weiß – wenn's auch nicht viel ist und Du darnach so gescheidt bist, wie zuvor.“

Er ging hinaus, und Nannei sah, wie er das Schürloch öffnete, darin lange herum stocherte und die brennenden Scheiter durch einander warf, daß die Funken stoben. Es war, als ob er auch von den Kohlen seiner Erinnerung die Asche abstoßen und sie zu neuem Glühen bringen wollte.

„Bevor ich Dir von Dir selber etwas sag',“ begann er, als er wieder ihr gegenüber saß, „muß ich schon auch ein bissel von mir erzählen. Nannei, ich bin meiner Lebtag' ein armer Teufel gewesen; ich bin auch einer geblieben und werd's bleiben, bis ich in die Gruben hineinfall', aber wenn ich auch nie Gesottenes und Gebratenes besonders viel gehabt habe, Hunger hab' ich doch nie gelitten und hab' alleweil unsern Herrgott einen guten Mann sein lassen. In dem Dörf'l, wo ich daheim war, bin ich oft zu einem Nachbarn, einem Schuster, in den Heimgarten gegangen und habe ihm zugeschaut, wie er die schweren Bauernstiefeln gehämmert, gedoppelt und vernagelt hat; ich hab' Gefallen an dem Handwerk gefunden, hab' es gelernt, bin dann ein paar Jahre als Handwerksbursche mit dem Felleisen auf dem Rücken herumgewandert und – ein ordentlicher Schuhknecht geworden. Unten im Dorf, wo ich auch hinkommen bin, ist damals kein Schuster gewesen; ich hab' meine Alte da kennen gelernt; die Gemeinde hat mich aufg'nommen und heirathen lassen, und so ist der Himmel voll Baßgeigen gehängt. Leider hat sie halt nicht lange gedauert, die Glückseligkeit, und der hinkende Bot' ist nicht ausgeblieben. Einmal ist's Nachts Feuer ausgekommen im Dorf' – ich war nicht der Letzte beim Löschen und Heraustragen. Da ist ein brennender Balken heruntergestürzt und hat mich an der rechten Hand getroffen, daß ich Monate lang wie ein Siech herumgegangen bin, und wie ich zuletzt curirt war, sind mir die zwei Finger steif geblieben – da ist's vorbei gewesen mit der Schusterei, und der Bettelmann war so gut wie fertig.“

Ein schwerer Seufzer rang sich aus der Brust der Zuhörerin; auch der Erzähler mußte einen Augenblick inne halten.

Mit sichtbarer Bewegung berichtete er dann weiter, wie die Noth nun tausend Mann stark bei ihm eingezogen sei, wie das Weib sich als Tagwerkerin bei den Bauern der Umgegend verdingen mußte und ihm selbst nichts übrig blieb, als in den Forst zu gehen, Aeste zu sammeln, Besen zu binden und allenfalls beim Aufklaftern von Holz behülflich zu sein. Das Liebste wäre ihm schon damals gewesen, wenn man ihm gestattet hätte, das Harz von den Fichten und Föhren abzukratzen, Pech daraus zu sieden und Schmiere zu kochen; allein der Förster besorgte, er könnte die Bäume beschädigen und sonstigen Unfug treiben, und weil dieser ein ungünstiges Gutachten abgab, verweigerte der Landrichter standhaft die Bewilligung. So war es immer tiefer und rascher abwärts gegangen; es kam dazu, daß man ihm das Häuschen und die wenigen Geräthschaften und Werkzeuge verkaufte und ihn schließlich mit seinem Weibe in das Gemeinde- oder Hüthaus aufnahm, weil man ihm doch einmal die Heirathbewilligung gegeben hatte, ihn also nicht fortweisen konnte, und weil er sich doch seine Krüppelhaftigkeit durch die Hülfeleistung beim Brand in der Gemeinde zugezogen hatte.

„Das war nun freilich eine Zeit,“ fuhr er fort, „in welcher der Schmalhans bei uns Küchenmeister und Kellner gewesen ist, und oft hab' ich mit aufgehobenen Händen Gott gedankt, daß wir allein geblieben sind und nicht auch ein Häuflein hungriger Kinder um uns herum haben sitzen sehen. Da einmal,“ sagte er tief aufathmend, „einmal am Abend – es war schon völlig Nacht geworden – am Schutz-Engelfest jährt's sich wieder – da sind's just achtzehn Jahre – da haben wir uns gerad' niederlegen wollen, als wir vor dem Hause ein Weinen und ein Jammern und eine menschliche Stimme gehört haben, und wie mein Weib hinausgeht, um nachzusehen, findet sie eine fremde Frau draußen auf dem Boden liegend; die war ganz todtmüde und ohnmächtig gewesen, hat ganz verwirrt daher geredet, noch dazu in einer Sprach', die wir nicht verstanden haben und in der nur manchmal ein einzelnes deutsches Wort vor'kommen ist.

Du weißt, das Hüthaus liegt ziemlich weit vom Dorfe; die Frau hat immer um 'Wasser! Wasser!' gebeten; wir haben ihr also eins gegeben und haben sie dann in's Haus hineingetragen und auf das Bett gelegt, ich aber bin in's Dorf hineingelaufen zum Vorsteher und zum Herrn Pfarrer; denn ich habe gemeint, die Frau wird's nimmer lang machen. Die Zwei sind auch gleich mit mir hinausgelaufen, der Vorsteher schon in der größten Angst, es könnt' eine neue Last auf die Gemeinde kommen. Aber wie wir draußen waren, ist die Frau schon fast in den letzten Zügen gelegen; sie hat nicht mehr reden können, und nur wie sie den Pfarrer in seinem geistlichen Gewande gesehen hat, da hat sie den Mund verzogen, als wenn sie noch lächeln wollt', und hat mit den letzten Kräften die Hand zum Gesicht hinaufgeschoben und das Kreuz gemacht – dann hat sie den letzten Schnaufer gethan, mein Weib aber hat ein kleines Kind auf dem Arm gehabt; das hat sie in ihren Schurz eingewickelt, ein Mäderl mit einem lieben herzigen Gesichtl, aber so schwach, daß es jeden Augenblick zum Auslöschen war. Der Pfarrer hat gemeint, das Kind würde den Morgen nicht erleben, hat ihm die Nothtaufe gegeben, und wir haben ihm den Namen Nannei gegeben, nach meiner guten Alten, die auch so geheißen hat und die in der Geschwindigkeit Gevatter gestanden ist. Das Kind'l, Nannei,“ schloß der Alte, „das wirst Du schon errathen haben, bist Du gewesen, und die todte fremde Frau war Deine Mutter. Am andern Tage ist sie im Freithof eingegraben worden, und weil nichts zum Zahlen da war, gleich im Eck' neben dem Beinhaus – Du kennst den Fleck ja wohl; Du hast mich öfter gefragt, warum ich immer davor stehen bleiben thät'? Ich hab' Dir gesagt, daß mir der wilde weiße Rosenbusch, der dort steht, so gut gefallen thät' – in der Wahrheit aber hab' ich, so oft ich vorbei gegangen bin, an Deine arme Mutter denkt und ein 'Vater Unser' für sie gebet't.“

Die Erinnerung hatte den Alten so ergriffen, daß er inne halten mußte; auch Nannei war auf das Lager gesunken, drückte das Gesicht auf Hand und Arm nieder und weinte bitterlich.

„Am andern Tage,“ begann Kaspar wieder, „ist das ganze Dorf zusammengelaufen und hat Zeter und Mordio geschrieen, daß die Gemeind' ein fremdes Kind auf dem Halse haben müßte; das Kind solle fort; der Landrichter müsse sorgen, daß es anderswo untergebracht werde. Aber der Landrichter hat gesagt, das ginge nicht an; das Kind sei einmal da geboren, und wo es geboren sei, da habe es auch seine vorsorgliche Heimath so lange, bis die wirkliche ausfindig gemacht werde, und so lange müsse die Gemeinde für dasselbe sorgen. Da war nun Feuer im Dach, und der Vorstand wollte das Kind irgendwo in Kost geben, bei armen Leuten, die selbst nichts hatten als die Noth und die einen 'Bettel' dafür empfangen sollten. Aber wie sie nun kamen und den armen Narren holen wollten, da haben wir uns nicht mehr trennen können von dem Kind. Es war so auffallend schnell gerathen und gewachsen; wir hatten es lieb gewonnen und erklärten der Gemeinde, wir wollten es behalten und nichts dafür verlangen, wenn man mir die Erlaubniß zum Harzsammeln und Pecheln geben wollte. Das hat geholfen; das war Allen recht; der Vorstand sagte über Hals und Kopf ja; der Pfarrer war nicht dawider; drum willigte auch der Förster ein, und nun hatte der Landrichter nichts mehr dagegen einzuwenden – Gott tröste sie alle Vier!“ fügte er hinzu, „es thut ihnen allen schon lange kein Zahn mehr weh. Seitdem habe ich mir nun diese Hütte gebaut; da haben wir schlecht und recht fortgehaust, bis mir mein Weib desertirt ist in die Ewigkeit und bis Du herangewachsen bist und mich auch allein gelassen hast.“ –

Nannei war eine Weile zu sehr ergriffen um den Erzähler mit Fragen zu bestürmen; als sie etwas ruhiger geworden war, verlangte sie zu wissen, ob denn keine Nachforschungen stattgefunden und ob gar nichts über die Herkunft der Frau ermittelt worden sei.

„Nichts, nichts!“ erwiderte der Pechler. „Der Landrichter hat sich's angelegen sein lassen und hat in der halben Welt herum geschrieben, aber nirgends ist etwas zu erfahren gewesen. Die Frau hat gar kein Zeichen an sich gehabt, kein Ring'l, kein Amulett, kurz, gar nichts. Mein Weib hat ein einziges Tuch von ihr aufgehoben, das sie um den Hals gehabt hat – das hab' ich in meiner Truhen liegen und will Dir's zeigen. Morgen, wenn's Tag geworden ist, oder wenn Dir einmal darum ist, daß Du es sehen willst.

[46] Nannei machte eine abweisende Geberde; sie lehnte sich tiefer auf das Lager zurück, und nur das Schüttern und Zucken ihrer Schultern zeigte, daß sie noch immer dem Geschick der Mutter und ihrem eigenen ein Thränenopfer brachte. Allmählich wurde die Bewegung ruhiger; das viele Weinen und die Aufregungen des Tages hatten sie ermüdet und Kopf und Herz für den Schlaf empfänglich gemacht. Der Alte horchte auf ihre Athemzüge und regte sich nicht, um sie nicht zu wecken. Nach einiger Zeit übermannte das Ruhebedürfniß auch ihn. Als er am Morgen erwachte und nach dem Lager hinüberblickte, war dasselbe leer; bei Tagesgrauen war Nannei leise und vorsichtig, um ihn nicht zu stören, aus der Thür geschlüpft.

Indessen hatte das heimliche Entweichen Nannei's auch auf dem Kogelhofe seine Wirkung geäußert.

[57] In der großen Wohnstube des Kogelhofes war es am Abend des ereignißreichen Tages wohl um Vieles traulicher und heimlicher als in der Waldhütte des Pechlers. Die Stube trug, wie das ganze Haus, das Gepräge einer alten Zeit; anderthalb Jahrhunderte mochten dahingegangen sein, seit hier keine ändernde oder bessernde Hand die Wände oder Einrichtungsgegenstände berührt hatte. Die Täfelung an der Decke und an den Wänden zeigte, daß sie aus einer Zeit stammte, in welcher die Gegend noch reicher mit Eichbäumen bestanden war; sie war ganz aus den schönsten Balken und Brettern dieses Holzes gezimmert, das durch die Länge der Zeit ein so tiefes Braun angenommen hatte, wie die größte Kunst es hervorzubringen nicht vermocht hätte. Auch die an den Wänden umlaufenden Bänke, der mächtige Tisch und die sogenannte Brücke, die hinter dem großen Kachelofen sich gemächlich in den Winkel schmiegte, waren aus demselben Holze gefügt und stimmten in Form und Farbe zu einander und zur Umgebung, als wären sie aus einem Stamm geschnitten. Die nicht großen, tief in die dicke Mauer eingelassenen Fenster waren mit kleinen runden, bleigefaßten Scheiben eingeglast, durch welche nur gedämpftes Licht eindrang, sodaß der Bewohner schon früh für nöthig befunden hatte, eine kleine Oellampe anzuzünden, deren Schein kaum die Stube ausfüllte und nur eben knapp hinreichte, überall die Umrisse erkennen zu lassen.

Die Ehehalten (Hausgesinde) hatten bereits zu Abend gegessen, das Tischgebet verrichtet und sich in ihre Kammern begeben; dennoch war der Tisch in der Ecke noch weiß gedeckt und, wie an demselben Morgen die königliche Tafel, mit zwei stattlichen Gedecken besetzt, welche der Gäste harrten. Letztere verweilten noch auf ihren Zimmern; der Verkehr mit dem alten Kogelhofer mochte ihnen nach dem stattgefundenen Gespräche nicht genug verlockend sein, um sich früher einzustellen, als das Essen aufgetragen sein würde.

Der alte Kogelhofer, der an der innern Tischecke saß, stimmte in jeder Weise zur Umgebung. Er war selbst ein Stück alter Zeit, wie über seinem Kopf der kleine Hausaltar mit dem geschnitzten, schwarz angerauchten Kreuzbild und der aus weißem Papier gefalteten Figur, die eine Taube als Sinnbild des heiligen Geistes vorstellen sollte. Hinter dem Kreuze steckte ein Büschel Kräuter, aus den Kätzchen der Palmweide, den glänzenden Zweigen der Stechpalme und den Ruthen des Sebenbaumes (Sadebaum – eine Wachholderart) gebunden und gleich dem geweihten rothen Wachsstock, der auf dem Tische qualmte, die geheime Kraft besitzend, den Blitz abzuleiten und das Haus vor dem Donnerschlag zu bewahren.

Der Alte hatte eben aus dem am Fenstersims liegenden dicken und abgegriffenen Buche „Der Himmelsschlüssel“ von Pater Kochem seine Hornzwickbrille hervorgenommen, sie auf die Nase geklemmt und den Hauskalender heruntergeholt, der ebenfalls an der Fensterwand aufgehängt war. Er blätterte darin, als die Thür aufging und Lenz eintrat, der sich ruhig auf die Ofenbank setzte, wohl in Erwartung der Dinge, die der Abend noch bringen sollte; da er den Vater beschäftigt sah, fand er es nicht gerathen, ein Gespräch anzufangen. Auch war ihm selbst nicht um ein solches zu thun; sein Wesen war sichtlich gedrückt, ganz im Gegensatz zu seinem sonstigen entschiedenen Auftreten. Es war, als ob ihn etwas im Innern beschäftigte, was seine Aufmerksamkeit von äußeren Dingen ablenkte – er war nach dem Volksausdruck etwas dasig (kleinlaut) geworden.

Der Kogelhofer hatte eben die am Ende des Kalenders angehefteten Blätter aufgeschlagen, auf welchen nach altem Brauche die merkwürdigsten Ereignisse aus dem kleinen Kreislaufe des bäuerlichen Haushaltes eingetragen waren.

„Muß doch den Tag in den Kalender schreiben, wann der König auf dem Kogelhofe zu Mittag gespeist hat,“ sagte er für sich hin, indem er ein kleines Tintenglas der allereinfachsten Art und einen mächtigen langbärtigen Gänsekiel zurecht machte, welche beide bewiesen, daß sie wohl diejenigen Geräthschaften waren, die auf dem Kogelhof die wenigste Verwendung fanden.

„Wo ist denn nur gleich ein leeres Platzl?“ fuhr er für sich fort, worauf er einige der schon vorhandenen Einträge halblaut überlas. „Am 15. Mai zur Ader gelassen – am 5. Juli hat die gelbe Allgäuerin gekälbert – am 8. August den Schecken verkauft – aber was ist denn das?“ unterbrach er sich plötzlich, „da steht ja gar was, das ich gar nicht geschrieben hab', und die Tinten ist noch ganz frisch!“ Er schob die Brille zurück, um besser zu sehen und las mit immer steigendem Staunen: „5. September, als am St. Laurenzitag, ist die Nannei unter der Zeit ausgestanden und hat derentwegen ihren Lohn hinten gelassen.“

„Wie wär' mir das?“ rief der Alte aufspringend, und warf den Kalender auf den Tisch. „Ist denn der Kogelhof ein Taubenschlag 'worden, aus dem man aus- und einfliegt, wie man nur [58] will? Was untersteht sich das Leut, mir nichts, dir nichts, ohne aufzusagen, mitten unter der Zeit davonzulaufen und es noch obendrein selbst in den Kalender zu schreiben? Warum ist sie fort? Weißt Du was davon?“

Lenz war nicht minder überrascht; auch er war hastig aufgesprungen, als er den Vater den seltsamen Eintrag lesen hörte. Jetzt stand er am Tisch, hatte den Kalender aufgehoben und las selbst, als müsse er sich überzeugen, daß es wirklich so dastehe, wie der Vater gelesen. Schweigend legte er dann den Kalender wieder auf den Tisch und wendete sich der Thür zu.

„No, was ist's? Wohin willst?“ rief der Alte. „Warum giebst keine Antwort? Aber ich brauch' Deine Antwort nicht,“ fuhr er fort, „ich kann's Dir an der Nasen absehen, daß Du von der Geschichte weißt. Was hat's gegeben? Die Nannei ist alleweil brav, ordentlich und fleißig gewesen die ganzen zehn Jahr' her, seit sie auf dem Kogelhof ist. Sie hat zu uns gehalten, wie wenn sie zu uns gehören thät', und ich hab' sie auch so gehalten, als wenn's nicht anders wär'. Das muß schon was Besonderes sein, daß sie so Knall und Fall auf und davon ist. Darum hat sie auch schon vorhin so verdraht ausgesehen. Also 'raus mit der Farb'! Was hat's 'geben?“

Der Sohn konnte nicht länger umgehen, die Frage des Vaters zu beantworten, und begann ziemlich stockend zu erzählen, was sich mit dem Blumenstrauß zugetragen. Ueber Gesicht und Stirn des Bauers stieg die Röthe des Zornes empor, zu dem er ohnehin sehr geneigt war.

„Das kommt mir aber spaßig vor,“ sagte er dann kopfschüttelnd. „Das Nannei hat sich nie etwas eingebildet, nie überhoben, und wenn sie den Buschen gebunden hat, sehe ich nicht ein, warum sie ihn nicht auch hätte überreichen sollen. Der König hat ihn ja kaum angeschaut. Da muß ich genau wissen, wie es zugegangen ist – da steckt noch was dahinter.“

Lenz zögerte noch immer. Es wurde ihm sichtbar schwer, die Einzelnheiten zu erzählen, wie Nannei vom Pechler Kaspar den Strauß bereits in die Hand bekommen hatte, und wie er selbst es gewesen, der ihn ihr wieder abgenommen und an Philomena gegeben hatte.

„Hättest auch was Gescheiteres thun können!“ brummte der Bauer ärgerlich. „Aber dabei weiß ich immer noch nicht mehr als zuvor. Die Nannei wird sich darüber wohl geärgert haben, das kann ich mir denken, aber deswegen läuft sie nicht davon, dazu ist sie zu vernünftig. Schieß einmal los: warum hast Du ihr den Buschen abgenommen? Gefällt Dir denn der Buckel gar so gut, daß Du ihr nicht hast wollen Weh geschehen lassen?“

„Ich bin nicht schuld daran gewesen,“ entgegnete Lenz, der allmählich den alten Trotz wieder fand, „aber der Vorsteher hat gesagt und alle Bauern haben gesagt –“

„Was haben s' denn gesagt, die pfiffigen Bauern alle mit einander?“

„Daß es eine Schand' wär' für den Kogelhof, wenn das Nannei dem König den Buschen giebt, weil – weil –“

„Weil?“ rief der Alte ungeduldig.

„Weil – na, weil sie halt ein lediges Kind ist.“

„Was?“ rief der Alte, plötzlich wie außer sich gerathend. „Und das hast ihr wohl gar gesagt? Hast es dem Madel vorgeworfen?“

Lenz' Schweigen war die beredteste Antwort. Der Alte stand so zornig und drohend vor dem Burschen, als sei er nicht übel gesonnen, ihn die Schwere seiner väterlichen Hand fühlen zu lassen.

„Da hast was Recht's angefangen,“ rief er dann, sich gewaltsam mäßigend und die Hand an die Stirn pressend, wo sich immer, wenn er in Zorn gerieth, ein eigenthümlicher Druck fühlbar machte. „Kannst Dir was einbilden darauf, das brave Dirndl vom Kogelhof vertrieben zu haben. Die bringt Niemand so leicht wieder zurück.“

„Das wird auch Niemand wollen; bis morgen haben wir zehn andere Dirnen.“

„Das glaub' ich wohl. Jetzt versteh' ich freilich, warum sie ausgestanden ist. Das Dirndl hat Ehr' im Leib, und Dir,“ setzte er leise hinzu, weil vor der Thür sich Schritte hören ließen, „Dir sag' ich nur: es giebt leicht Jemand, der sie wieder zurückbringen möcht', und es kostet mich ein einziges Wort, so machst Du selber Dich bei Nacht und Nebel auf den Weg und suchst sie und bittest sie mit aufgehobenen Händen, bis sie wieder kommt.

„Da darf sie sich das Warten nicht verdrießen lassen,“ sagte Lenz höhnisch auflachend.

„Ich will Dich ein anderes Mal daran mahnen, wenn Niemand in der Nähe ist,“ sagte der Alte in einem eigenthümlich gemilderten und rasch gedämpften Ton. „Jetzt mach', daß Da fortkommst! Ich will mich bald niederlegen, es ist mir den ganzen Tag schon ein paar Mal so letz (unwohl) gewesen. Sag's dem Oberknecht, wenn er morgen in der Fruh mit den zwei Füllen auf den Pferdemarkt geht, soll er im Vorbeigehen zum Bader hinspringen und soll ihn auf morgen zu mir bestellen. Jetzt aber schau, wo die Gäst' bleiben, und wenn die Nannei nimmer da ist, soll halt die Trautl die Hendel auftragen.“

Er wollte nach der Klinke greifen, als die Thür aufging und Philomena mit einem Leuchter in der Hand auf der Schwelle erschien. „O, da ist ja die Jungfer Bas!“ fuhr er zu ihr gewendet in einem Tone fort, in welchem der eben empfundene Aerger durch den Spott hörbar wurde. „Die Jungfer Bas muß halt mit meinem Buben allein vorlieb nehmen und der Vetter Kramer auch. Ich bin ein wenig übelauf – ich glaub', die Freud' über den Besuch hat mich so angegriffen. Hab's ja schon gehört, daß ich mich bei der Jungfer Bas zu bedanken hab, weil sie, wie ich nicht daheim gewesen bin, so für die Ehr' vom Kogelhof gesorgt und dem König der Nannei ihren Buschen übergeben hat. Nun, der Lenz wird's schon statt meiner thun; der kann besser mit dem Maul fort, als ich alter Krachezer. Gute Nacht bei einander!“

Er ging, indem er die Thür ziemlich entschieden hinter sich zuzog; stumm und verlegen standen die beiden Zurückbleibenden einander gegenüber. Das wie mit Blut übergossene Gesicht des Mädchens verrieth nur zu deutlich, daß sie den Stachel in den Worten des Bauers empfunden hatte; Lenz befand sich seit der Nachricht von Nannei's Entweichung und dem Gespräch mit dem Vater in so befangener Stimmung, daß er sich selber nicht klar war, was eigentlich in ihm vorging. Manchmal war ihm, als müßte er hell auflachen über die empfindliche Bauerndirn', die einen prachtvollen Dienst aufgab, weil man sie nicht wie eine wilde Prinzessin gehätschelt und auf den Händen getragen – er kam aber nicht dazu, denn im Augenblick durchzuckte ihn wieder plötzlich ein geheimer Schmerz, als wäre ihm ein Theil seiner selbst entrissen, von dem er bisher nichts gewußt oder doch nicht geglaubt hatte, wie schwer er ihn verschmerzen würde.

Die Base faßte sich zuerst und hielt Lenz zurück, als er sich entfernen wollte, um, wie er sagte, nach der Küche zu schauen. „Bleib da, Vetter!“ sagte sie mit zitternder Stimme, und über das unschöne Gesicht ging trotz der Verwirrung ein so herzlicher Ausdruck, daß er dasselbe fast gewinnend erscheinen ließ. „Der Vater führt so eigene Reden, daß ich mit Dir darüber sprechen muß. Komm,“ sagte sie und faßte seine Hand, die er ihr, obwohl er bei der Berührung zuckte, widerstrebend ließ, „komm, setzen wir uns an den Tisch, reden wir aufrichtig mit einander, so recht vom Herzen weg!“

Lenz lachte halblaut als Antwort; es war derselbe spöttische Ton, der aus der Rede des Vaters geklungen; wußte er doch, was nun kommen werde! Die Anspielungen des Krämers waren zu plump gewesen, als daß er sie nicht hätte verstehen sollen: es war offenbar darauf abgesehen, ihm die verwachsene Person als Frau aufzuhängen. Im Stillen legte er sich daher den Bescheid zurecht, den er geben wollte, wenn sie nun mit dem Antrag angerückt kommen würde.

„Ich weiß nicht,“ begann sie, „was der Vater mit dem Blumenstrauß gemeint hat. Ich hab' ihm in der Schnelligkeit gar nicht sagen können, daß ich mich nicht dazu gedrängt hab'. Ich habe über die ganze Blumengeschichte kein Sterbenswörtchen gesprochen, und wenn ich gewußt hätte, daß deswegen ein solcher Verdruß entstünde und dem Vater oder Dir an der Dirn' soviel gelegen wär', so hätt' ich ihr und Euch die Freude wohl lassen können.“

„Mir?“ stieß Lenz hastig heraus, als gälte es, irgend eine schwere Beschuldigung zu widerlegen. „Mir liegt nichts an der Dirn'.“ Er sprach die volle Wahrheit. Was war ihm, dem Bauernsohn, dem reichen einzigen Erben, an der Bauerndirne gelegen?

[59] Und doch war es, als er das Wort aussprach, als ob etwas in ihm widerstrebte und ihn heimlich Lügen strafe.

„Desto besser!“ sagte Philomena. „Dann können wir von etwas Anderem reden. – Du wirst wohl schon gemerkt haben, wie mein Vater gesinnt ist,“ sagte sie stockend, indem sie an der Schürze niedersah und spielend deren Saum umbog. „Er will meinem Bruder die Krämerei übergeben und mich – will er zur Kogelbäuerin machen.“

„Ja, ja,“ sagte Lenz halb lachend. „Das hätt' ich wohl merken müssen, wenn ich auch blind und thoret (taub) gewesen wär', aber –“

„Behalt Dein 'Aber', Vetter!“ unterbrach sie ihn, „und laß mich ausreden, eh' mein Vater herunterkommt! Ich seh' wohl ein, was das für mich für eine Ehre wär'; es wär' auch eine ganz gute Versorgung, wenn ich Kogelhoferin würde, und ich könnt' Dir so weit auch ganz gut sein –“

„Nur schade,“ platzte Lenz heraus, „daß zum Gutsein ihrer Zwei gehören.“

„Das sag' ich auch,“ rief Philomena wie erleichtert, „und gerad' deswegen will ich mit Dir reden.“

Lenz war es, als ob er unvermuthet mit kühlem Wasser übergossen würde.

„Mein Bruder,“ fuhr sie fort, „ist nicht gern bei der Krämerei. Er kann das Ladenhocken nicht leiden; ihm ist's wohler in Wald und Feld, und er möcht' nichts lieber als ein Förster oder Jäger werden. Ich aber, damit ich's nur gerad' heraus sag', ich bin gern im Geschäft, ich bin vom Kloster her, wo ich aufgezogen worden bin, die sitzende Lebensart gewohnt und möchte dabei bleiben. Ich glaub' auch, daß ich gar keinen Sinn hab' und kein Geschick zu einer Bäuerin.“

Lenz war so beschämt, daß er vergebens nach einer Antwort suchte; er hatte sich schon vorbereitet, einen Korb zu geben, und bekam selbst einen in unverblümtester Weise überreicht.

Philomena schien einen Augenblick auf eine Erwiderung zu warten; als keine kam, fuhr sie fort, aber die Fortsetzung klang merklich beklommener, als der Anfang geklungen hatte: „Und so muß ich Dir halt sagen, Vetter, daß Du mir nicht bös sein sollst, wenn ich Dich nicht mag, und daß Du mir helfen sollst, wie ich von Dir loskomm'!“

„Nun, das wird nicht so schwer sein,“ rief Lenz halb ärgerlich. „Du darfst Deinem Vater nur sagen, daß Du nicht Kogelhoferin werden willst.“

„Das kann ich nicht,“ entgegnete sie wie erschrocken. „Das untersteh' ich mich nicht; der Vater ist gar zu bös. Da hab' ich mir halt gedacht, es wär' das Allerbeste, wenn Du es über Dich nähmst und thätst dem Vater sagen, daß Du mich nicht magst. Der Maxl hat auch gemeint –“

„Der Maxl? Wer ist das?“ fragte Lenz ahnend und die Veränderung in den Zügen des Mädchens beobachtend, die sich über die begangene Uebereilung purpurroth färbten.

„Der Maxl,“ erwiderte sie kaum verständlich, „das ist halt unser Commis.“

Lenz konnte nicht länger an sich halten. Die Lage, in der er sich befand, war so eigen, daß er unwillkürlich in Lachen ausbrach, das aber keineswegs vergnügt, sondern fast wie erbittert klang. Welche Demüthigungen hatte ihm dieser Tag gebracht! Eine Bauerndirne, die so tief unter ihm stand, hatte sich trotzig und hoffährtig gegen ihn benommen, hatte keinen Augenblick gezögert, ihm ganz und gar aus dem Wege zu gehen, und ihm dadurch so recht gezeigt, wie blutwenig ihr an ihm gelegen war, und nun, zum Schlusse des Tages, mußte er erfahren, daß eine bucklige Dirne, die zu nehmen ihm im Traume nicht eingefallen wäre, ihn verschmähte.

„No, wenn's weiter nichts ist,“ rief er, „kann ich Dir und dem Maxl schon helfen. Ich will's dem Vater schon ausdeutschen, daß ich Dich nicht mag. – Wenn Dir statt eines reichen Bauern ein Schubladlzieher lieber ist – den kannst Du haben.“

Philomena kam nicht mehr dazu, zu antworten, denn der Krämer trat ein, pustend wie immer und wie immer zu Späßen und Neckereien aufgelegt.

„So ist's recht!“ rief er lachend. „Ihr Zwei seid da so mutterseelenallein im Zwielicht, zwischen Dunkel und Siehstmichnicht? Das freut mich – im Dunkeln ist gut munkeln.“

„Der Vetter wird schon Recht haben,“ sagte Lenz, indem er nach der Thürklinke griff, „und wenn der Vetter erst erfahren thät', was wir Zwei zusammen gemunkelt haben, das thät' ihn erst freuen. Jetzt muß ich aber doch schauen, wo das Essen so lang bleibt.“

Damit ging Lenz aus der Stube und überließ beide Gäste ihren einsamen Betrachtungen, die sehr verschiedener Art sein mochten; während das Mädchen im Bewußtsein, ihren Willen erreicht zu haben, vergnügt vor sich hin lächelte, wollte dem dicken Krämer die Sache nicht recht behagen. „Es gefällt mir nicht,“ murrte er, während eine Magd mit den gebratenen Hühnern eintrat und sie auf den Tisch stellte. „Wenn das morgen nicht aus einem andern Ton geht, werd' ich Eines aufspielen. Heut' aber will ich mich nicht mehr ärgern und mir den Appetit zu den Hendeln nicht verderben, die prächtig ausschauen.“ Er schickte sich auch sogleich an, seinen Vorsatz zu erfüllen und die Hühner so kunstgerecht zu zerlegen, als wäre er einmal Vorschneider bei einer fürstlichen Tafel gewesen.

Es währte nicht lange, so war das Mahl verzehrt, und bald war Alles zur Ruhe gegangen. Stille lag im ganzen Hause; nur die Dachtraufen gingen noch vernehmbar, und eine finstere Wetternacht legte sich mit undurchdringlichem Schwarz auf die einsame Gegend. Als aber der Hahn auf dem Hofe krähte und es im Osten hell zu werden anfing, war der ganze Himmel wieder klar: der Vollmond hatte nach dem Glauben des Volkes seine Schuldigkeit gethan und das ganze Wetter aufgesogen. Nichts war von dem gewaltigen Sturm übrig geblieben, und die Gefahren, womit er gedroht, hatten sich in Segen verwandelt, der in Millionen von Perlen und Diamanten an Blättern und Halmen blitzte. Im ruhig klaren Aether stieg der Kogel über seinen Schützling, den Kogelhof, hinan, und auch der Wachterkopf hatte es für unnöthig gefunden, den Sturmhut länger aufzubehalten.

Noch war es ziemlich früh, als der alte Bauer durch Geräusch aus dem Schlafe geweckt wurde, in den er erst gegen Morgen, nach einer halb durchwachten, halb unruhig durchträumten Nacht versunken war. Ein Blick durch das Fenster zeigte ihm, daß einer der Knechte das Scheunenthor geöffnet hatte und aus demselben das Wägelchen des Krämers herausschob, um es fahrbereit zu machen.

„Was ist's denn?“ rief er durch das schnell geöffnete Fenster halblaut hinab. „Ist's so eilig mit dem Einspannen?“

„Guten Morgen, Kogelbauer!“ rief der Knecht zurück. „Ich weiß nicht wie's ist, aber der Herr Rab hat gestern spät noch gesagt, ich soll für alle Fälle das Wägerl herrichten; er müßt' erst sehen, was heut für ein Wind geht. Da richt' ich halt her,“ sagte er nach dem Himmel emporsehend, „denn ich mein', es geht der beste Wind von der Welt.“

Der Bauer antwortete nicht; er schloß das Fenster und lachte in sich hinein.

„Den Wind, den der Kramer möcht', den kenn' ich,“ sagte er, „ich glaub' aber wohl, daß sich das Fahnl bald dreht.“

Der Gedanke, die ungebetenen Gäste so unvermuthet und bald los zu werden, hatte ihn ganz vergnügt gemacht, und als die Frühstücksstunde gekommen war, zögerte er nicht, in die Stube hinunter zu gehen und den Krämer zu begrüßen. Er war ein zu gerader Mann, als daß er vermocht hätte, diesem ein Bedauern über seine schnelle und unvermuthete Abreise auszusprechen, das er nicht empfand, aber wenn er ihn auch zu den Gästen rechnete, von denen man lieber die Fersen sieht als die Zehen, so wollte er doch ein Uebriges thun und den alten Verdruß, den er immer noch nicht verwinden konnte, wenigstens nicht mehr zeigen und sich mit der Hoffnung trösten, daß die Gäste sobald nicht wiederkehren würden.

Es sollte anders kommen.

Auch der Krämer war früh zur Hand; seine Nachtruhe schien noch minder gut gewesen zu sein als die des Bauers; während dieser offenbar gestärkt und rüstig aussah, war der Krämer ganz gegen Gewohnheit blaß; vermuthlich hatte der Aerger über das gestrige Mißlingen seines wohldurchdachten Planes ihn nachträglich noch mehr verstimmt, oder er konnte ein unwillkürliches Bangen über den Erfolg des bevorstehenden neuen Angriffs nicht bemeistern.

Nach kurzer Begrüßung setzte sich der Krämer an den Tisch, wo die Schalen bereits des Kaffees harrten, der Bauer aber ging mit großen Schritten in der Stube auf und nieder. Lenz hatte

[60] nichts Besseres zu thun gewußt, als wieder auf der Ofenbank Platz zu nehmen, und wieder saß Philomena in der Nähe: es schien, als wollte sie sich, wenn es zum Kampfe käme, des Bundesgenossen versichern.

Ueber Allen lag ein gedrücktes Gefühl, wie die Vorahnung dessen, was die nächsten Augenblicke bringen sollten.

Der Eintritt des Knechtes, welcher meldete, der Wagen sei zum Einspannen bereit, brach das Eis und brachte die darunter festgehaltenen Wellen in Fluß.

„Also ist es Ernst?“ sagte der Kogelhofer. „Der Vetter hat sich also anders entschlossen und will schon fortreisen? Habt Ihr gestern nicht gesagt, Ihr wolltet länger bleiben?“

„Das hab’ ich wohl gesagt,“ entgegnete der Krämer, indem er einen Blick auf den Alten heftete, der diesen stille stehen machte. „Es ist auch gerade noch keine ganz ausgemachte Sache, daß ich reise. Es wird nur auf den Vetter ankommen, ob ich mich nicht anders resolvir’. Wie ist’s? Guter Rath kommt oft über Nacht. Wie haben wir’s heut mit einander?“

„Wenn’s weiter nichts ist,“ rief der Alte, in welchem die Regungen des Jähzorns wie Funken aus der Asche aufstiebten, „wenn den Vetter sonst nichts aufhalt’ auf dem Kogelhof, dann kann er alle Bot’ reisen, wohin er will, meinetwegen nach Tripsdrill oder wo der Pfeffer wachst.“

„Ich kann’s doch noch nicht recht glauben,“ entgegnete Rab gereizt, aber an sich haltend. „Ich mein’ immer noch, der Vetter Kogelhofer sollte sich’s besser überlegen, und weil die Kinder doch einmal da sind, will ich gleich Alles heraussagen, damit sie’s auch hören und wissen, wie sie dran sind. Ich will meine Handlung meinem Sohn geben; Ihr sollt den Lenz zum Kogelhofbauer machen und meine Philomena zur Bäuerin.“

Das Hin- und Widergehen des Alten ward zum Rennen.

„No, wenn Ihr’s nicht anders wollt, habe ich auch nichts dagegen,“ schrie er. „Von mir aus können’s die Kinder auch hören, daß ich davon nichts wissen will; von mir aus könnt Ihr Eure Kramerei sieden oder braten, aber über den Kogelhof bin ich Herr; den übergeb’ ich erst, wenn’s mich g’freut, und die Bäuerin such’ ich mir aus nach meinem Gusto und nicht –“

Er wollte noch etwas hinzusetzen, aber ein halb unwillkürliches Mitleid mit dem verunstalteten Mädchen, das in der Gewißheit, daß sich jetzt sein Lebensschicksal entscheide, so bleich und entsetzt da saß, als sollte sie ihr Todesurtheil vernehmen, hielt den Rest auf seiner Zunge fest.

„Ich hab’ Euch gestern schon Alles gesagt, Vetter,“ brach der Bauer ab, „und sehe nicht ein, warum wir das leere Stroh noch einmal dreschen sollen. Sollt’ mich doch wundern, wenn Ihr meine Rede vergessen hättet.“

„Ich hab’ sie nicht vergessen,“ entgegnete der Krämer nach Luft ringend, „aber es kommt mir vor, als hättet Ihr die meinige nicht recht verstanden. Ich hab’ gesagt, Ihr sollt Alles wohl bedenken, damit ’s Euch nicht reut, was Ihr thut!“

„Was?“ rief der Kogelhofer, indem er vor seinen Gegner hinsprang und die Faust gegen ihn erhob, kaum mehr Herr über seine bebenden Glieder und über seine Zunge, „Ihr untersteht Euch noch ’mal, mir zu drohen? Es giebt keinen Menschen auf der Welt, der sich vor den Kogelhofer hinstellen und ihm drohen darf, ohne daß er ihn niederschlägt wie einen Stier, und Du, verflixter Bandelkramer, Du willst mir drohen?!“

Lenz war aufgesprungen und hatte sich zwischen Vater und Vetter gestellt, um es nicht zur Gewalt kommen zu lassen, die so nahe lag, wie das Auffliegen eines Pulverfasses, dem ein Funke bereits nahe gebracht war.

„Ja, ich kann’s,“ war die Antwort des Krämers, der, je mehr sein Widerpart in Hitze gerieth, immer kälter und giftiger wurde. „Ja, ich kann’s; ich sag’ es nochmal und will’s Euch auch sagen, Vetter, mit was ich Euch drohen kann – aber ich thu’ dabei noch ein Uebriges und will’s Euch nicht vor den Kindern sagen, sondern blos in’s Ohr.“

Der Alte stand unbewegt. Seine Stirnadern schlugen ihm sichtbar; die Augen schienen aus den Höhlen treten zu wollen. Der Krämer trat zu ihm, neigte sich zu seinem Ohre und flüsterte ihm einige Worte zu. Es konnten nur wenige Worte sein, die er sprach, denn sie währten keine Secunde. Desto gewaltiger war die Wirkung.

Die große mächtige Gestalt des Kogelhofers war, als ob sie vom Blitze getroffen wäre: er hob die Arme empor, wie gewaltsam nach Luft ringend, und im nächsten Augenblick stürzte er mit einem dumpfen, unverständlichen Laute zu Boden.

Ein allgemeiner Aufschrei des Schreckens begleitete den Sturz. ... So mag es sein, wenn plötzlich unter den Füßen des Menschen die alte treue Erde schwankt und das Dach des vertrauten Wohnhauses über ihm zusammenzubrechen droht. Man hob den regungslosen Körper auf die Bank; herbeigebrachtes kaltes Wasser wurde über den Kopf gegossen, aber es war Alles vergeblich – schon nach wenigen Augenblicken mußte auch der Unkundigste erkennen, daß die Flamme des Lebens wirklich ausgelöscht war. Hatten noch Zweifel bestanden, so wurden sie durch die Ankunft des Baders gehoben, der nach Auftrag des Bauers richtig bestellt worden war und nicht gesäumt hatte, den reichen Kogelhofer zu besuchen.

Philomena, vom Anblicke des plötzlichen Todes, der ihr wohl noch nie geworden, wie versteinert, vermochte nichts, als ihre Thränen stromweise rinnen zu lassen; auch der Krämer war bestürzt, aber er war dennoch der Erste, der kaltes Blut genug besaß, die Lage der Dinge zu übersehen und sofort für sich zu benutzen.

Der erste Schmerz des Sohnes grenzte an Besinnungslosigkeit. Noch lange versuchte er, den Vater, der eben so kräftig und aufrecht vor ihm gestanden und nun plötzlich unwiderruflich als Leiche dalag, durch Zurufe zu sich zu bringen; er faßte ihn an Armen und Händen, als ob er ihn dadurch aus der Erstarrung wecken könnte. Nachher machte sich sein Leid wohl auch in Thränen Luft, aber nicht in den weichen lindernden Tropfen, welche den Schmerz zu lösen vermögen; sie hatten etwas von der Gluth des schmelzenden Erzes, das beim geringsten Hemmniß seine Hülle zu sprengen droht.

Als er bei einem Seitenblicke den Krämer gewahrte, der die Rolle des alten Bauers übernommen zu haben schien und mit scheinbar tiefem Nachdenken in der Stube hin und wieder lief, schlug sein Schmerz in grimmigen Zorn um.

„Seid Ihr alleweil noch da?“ rief er ihn an, indem er auf ihn zusprang, ihn an beiden Rockkrägen faßte und schüttelte. „Ihr seid’s, der den Vater umgebracht hat. Macht, daß Ihr mir aus den Augen und aus dem Haus’ kommt!“

„Oho!“ sagte der Krämer, indem er stehen blieb und die Arme des Burschen von sich schleuderte. „Nimm Dein Maul nicht gar zu voll! Du willst mich hinausschieben? Nimm Dich in Acht, daß ich den Stiel nicht umkehr’ und Dich hinausschaff’! Dummer Teufel! Nicht ich hab’ Deinen Vater umgebracht; sein unsinniger Zorn hat’s gethan und sein Gewissen, weil das wahr gewesen ist, was ich ihm – wegen Deiner gesagt hab’,“ schloß er mit boshafter Betonung.

[73] Lenz war über diese Wendung, über die ihm so kalt entgegentretende maßlose Kühnheit so ergriffen, daß er sich wie gelähmt vorkam und nicht gleich wußte, wie er an dem frechen Gaste sein Hausrecht zu üben vermöge.

„Und wenn Du wissen willst, was ich Deinem Vater gesagt hab: das kannst Du jeden Augenblick erfahren,“ setzte der Krämer mit höhnischem Auflachen hinzu. „Jetzt braucht’s kein Geheimniß mehr. Du hast doch gehört, was ich Deinem Vater vor seinem End’ für einen Antrag gemacht hab’? Damit Du aber siehst, wie gut ich’s mit Dir mein’, sag’ ich’s noch ’mal auch zu Dir: Nimm meine Tochter, heirath’ meine Philomena, und Alles soll gut, Alles vergeben und vergessen sein, und wir sind die besten Freund’.“

Lenz antwortete nicht; er kehrte ihm verächtlich den Rücken und riß die Stubenthür auf.

„Hinaus!“ rief er, losbrechend. „Da hat der Zimmermann ein Loch gelassen. Hinaus, wenn ich mich nicht vergreifen soll an Euch …!“

„Das ist recht, daß Du die Thür aufmachst,“ sagte der Krämer. „Es handelt sich nur um die Frage, wer hinausspaziert. Wer meinst Du denn eigentlich, daß Du bist? Du glaubst wohl, jetzt, weil der Alte seinen letzten Schnaufer gethan hat, Du bist der Erbe und der Herr aus dem Kogelhof? – Du bist der gar Niemand! Nichts als ein Knecht, ein Bettelbub’, den ich jeden Augenblick aus dem Haus’ jagen kann.“

Der Krämer hatte immer lauter geschrieen sodaß die ohnehin in der Nähe befindlichen Bewohner und Genossen des Hauses herbeigeeilt waren und nun durch die offene Thür neugierige Zeugen des traurigen Auftrittes wurden, der sich an der kaum kalt gewordenen Leiche ihres alten Herrn abzuspielen begann.

„Kommt’s nur Alle her!“ fuhr der Krämer fort. „Ihr müßt’s Alle doch einmal erfahren. Der Lenz ist wohl der Sohn vom alten Kogelhofer, aber der ist mit seiner Mutter nicht verheirathet gewesen, wie der Bub’ zur Welt gekommen ist, und die Mutter ist gestorben, ehe er sie hat heirathen können. Er ist also ein lediges Kind und hat nicht mehr Recht auf den Hof, als ein Spatz auf dem Schwanz davontragen kann! Alles mit einander gehört den nächsten Freunden, und der nächste Gefreundte bin ich.“

Ein Gemurmel ging durch die Menge, die sich immer vergrößerte. Mit Sturmesgeschwindigkeit hatte sich die Kunde von dem plötzlichen Tode des Kogelhofers in den nächsten Orten und Höfen verbreitet und aus denselben und von den Feldern weg die Leute herbeigerufen, um sich von dem Unglaublichen zu überzeugen und noch Unglaublicheres zu vernehmen.

Auch der Vorsteher war darunter und Viele von denen, die noch gestern dem Feste beigewohnt hatten und nun den Ort der Freude über Nacht in einen Ort der Trübsal und der Verwirrung verkehrt sahen.

Obwohl noch Niemand etwas Anderes wußte, als die einseitige Behauptung des Krämers, die offenbar zu seinen eigenen Gunsten gesprochen war, so waren doch die Meisten nur zu sehr geneigt, seinen Worten Glauben zu schenken. Das Ungewöhnliche wird von der Menge immer am liebsten geglaubt, zumal wenn es einem Reichen oder Mächtigen zum Nachtheil gereicht, dem man es wohl gönnt, daß es auch ihm nicht erspart bleibe, die Bitterkeiten des Lebens zu kosten. Gar mancher unter den Anwesenden fühlte sich von Schadenfreude gekitzelt, daß auf dem Kogelhof auch einmal das Unglück eingekehrt war; andere erkannten darin eine Bestätigung des alten Spruches, daß Hochmuth vor dem Fall komme, und auch an solchen fehlte es nicht, die dem übermüthigen Lenz eine tüchtige Lehre vollauf gönnten.

Ein Gerichtsdiener traf ein, im Auftrage des Landrichters, der in der Nachbarschaft ein Geschäft besorgte und von dem plötzlichen Todesfall gehört hatte. Er brachte einen Befehl desselben, die Leiche bis zu seiner Ankunft unberührt liegen zu lassen.

In Lenzens Natur mußte etwas vom Wesen seines Vaters liegen: das Blut drängte sich ihm fortwährend wie betäubend gegen den Kopf; sein Gemüthszustaud spottete vollends aller Beschreibung. Er wußte nicht, was er dem Krämer erwidern sollte; die Beschuldigung war auf ihn hereingestürzt, wie ein vom Dach auf den arglos Vorübergehenden herabfallender Stein, und der einzige Mund, der Klarheit zu schaffen vermocht hätte, war geschlossen auf immer. Lange Zeit saß er brütend, während es ihm im Kopfe sauste und brauste, als ob er sich unter einem Wasserfall befinde; wie willenlos ließ er sich endlich von Philomena aus der Stube geleiten, um sich in der frischen Luft zu erholen. Er hörte nicht Alles, was um ihn her gesprochen wurde, aber was er hörte, wäre zu anderer Zeit hinreichend gewesen, daß er sich auf die Spötter und Tadler gestürzt und sie mit seinen Fäusten zurecht gewiesen hätte.

Es litt ihn indessen nicht lange im Freien, aber bis zu [74] seiner Rückkehr wußte der Krämer die Zeit wohl auszunützen, um die große Neuigkeit, die er gebracht, zu erklären und vollkommen begreiflich zu machen. Manche erinnerten sich jetzt ganz genau, daß der Kogelhofer früher in einer andern Gegend im Flachland ansässig gewesen, daß er vor nicht ganz zwanzig Jahren auf den Kogelhof, den er gekauft hatte, gezogen sei, daß er allein, ohne Frau, wie er sagte als Wittwer, gekommen war und einen kleinen Knaben mitgebracht hatte, den er für seinen Sohn ausgegeben. Niemand hatte damals daran gezweifelt; Niemand hatte für nothwendig gefunden, über die Verhältnisse eines so wohlhabenden und ordentlichen Mannes weitere Erkundigungen einzuziehen: demnach konnte das, was der Krämer behauptete, wahr sein; mindestens konnte Niemand das Gegentheil beweisen.

„Ich bin zu selbiger Zeit noch ein junger Bursch gewesen,“ sagte der Vorsteher wie erklärend, „aber ich weiß noch Alles, wie wenn's gestern gewesen wäre. Wenn die Mutter schon gestorben gewesen ist, hat sie der Kogelhofer nimmer heirathen können – dann beißt die Maus keinen Faden ab; dann ist der Lenz wirklich ein lediges Kind; dann gehört ihm der Hof nicht.“

Die Ankunft des Landrichters vereinigte die ganze Versammlung. Auch Lenz kam in's Zimmer zurück; er war jetzt gefaßt genug, um dem Beamten mit Ruhe entgegenzutreten. Zu seinem Entsetzen vernahm er aus dem Munde desselben die volle Bestätigung der schrecklichen Nachricht, daß er mit Einem Schlage einer reichen Erbschaft beraubt und einer jener Menschen war, die er noch Tags vorher selber als anrüchig, als nicht makelfrei bezeichnet. Ein wackeres unschuldiges Mädchen hatte er deshalb gekränkt! Neben den todten Vater stellte sich ihm Nannei's Bild, und er mußte alle Kraft zusammennehmen, als er auch des Pechler Kaspar gewahr wurde und derselbe sich die herbe Genugthuung nicht versagen konnte, im Vorübergehen ihm auf die Schulter zu klopfen und zuzuflüstern: „Hab' ich's nicht gesagt, Lenz, Du wirst auch noch lernen, klein beigeben?“

Der Beamte hatte eben die Herstellung der Heereslisten für den Jahrgang beendet und war dabei durch Anfrage eines auswärtigen Pfarramtes nach einem in dortigen Tauflisten eingetragenen Knaben, eben nach Lenz, auf die Umstände bei dessen Geburt aufmerksam geworden. Er hatte sich vorgenommen, bei nächster Gelegenheit mit dem Kogelhofer über die Sache zu sprechen und sie zu ordnen – die Gelegenheit wäre nun allerdings gegeben gewesen, aber wie die Ordnung herbeigeführt werden könnte, war nicht mehr abzusehen. Lenz sei, sagte er, wie die Sache liege, in dem Augenblicke, in welchem der Tod des Vaters eintrat, nicht dessen rechter Sohn gewesen; ein anderer Nachkomme sei nicht vorhanden, daher sei derselbe ohne Hinterlassung von Blut- und Notherben verstorben, und der Rücklaß gehe an die Seitenverwandten über, unter denen allerdings, so viel ihm vorläufig bekannt, der Herr Kaufmann Rab, Firma Rab und Geier, als nächster und ausschließender Erbe erscheine. Er äußerte sein Bedauern mit dem plötzlich arm gewordenen Sohn eines reichen Bauern und über die unbegreifliche und echt bauernhafte Sorglosigkeit und Säumniß des Verstorbenen, der so lange gezögert hatte, die Angelegenheit zu ordnen, bis sie nicht mehr geordnet werden konnte. Er sprach zugleich die Hoffnung aus, daß der Erbe wohl Gründen der Billigkeit statt geben und sich zu einem Vergleich herbeilassen werde, der beide Theile befriedige.

„Jeden Augenblick, Gnaden Herr Landrichter!“ rief der Krämer, der begierig die Gelegenheit ergriff, seinen Edelmuth und seine Uneigennützigkeit zu zeigen. „Ich hab' ihm schon einen Vorschlag gemacht, der unter Brüdern nicht schöner lauten könnt'. Er braucht nur Ja zu sagen.“

Lenz sah Aller Augen auf sich gerichtet: er konnte nicht mehr daran zweifeln, daß der grausame Umsturz seines Schicksals wirklich eingetreten war, und wenn er auch die Möglichkeit desselben noch nicht begriffen, war er doch desto entschlossener, der unerbittlichen Wirklichkeit Stand zu halten und all den neugierigen und theilnahmslosen Zuschauern die Freude, ihn gedemüthigt zu sehen, nicht zu gewähren.

„Wenn's Gnaden Herr Landrichter auch bestätigen,“ sagte er mit ziemlicher Festigkeit, „dann muß ich's wohl glauben, daß ich so ein unglücklicher Mensch, ein lediges Kind bin, und werd' mich dreinfinden müssen, wenn ich's auch nicht versteh', wie mein guter Vater nie was davon gesagt hat. Mit dem Vergleich aber ist es nichts; den macht mir der Herr nur zum Spott. Also,“ schloß er, gegen den Beamten gewendet, „hab' ich gar nichts, ich hab' gar kein Recht an den Hof?“

„Nichts,“ erwiderte der Beamte. „Das Gesetz giebt Dir nur Anspruch auf Unterhalt während des kindlichen Alters, den Du wohl empfangen haben wirst. Für Deine Dienstleistungen im Hause gebührt Dir eine Entschädigung.“

„Dank' schön, Gnaden Herr Landrichter!“ sagte Lenz. „Ich hab' mich nicht für einen Knecht gehalten und bin nicht als Knecht gehalten worden; ich kann kein' Lohn annehmen wie ein Knecht. ... Nachher möcht' ich nur um mein G'wand bitten, und daß Gnaden Herr Landrichter erlauben, weil ich doch Soldat werden muß und keinen Mann mehr stellen kann, daß ich gleich einrücken dürft'. Nachher mach' Platz, Gesindel!“ fuhr er fort, als der Landrichter keine Einwendung vorbrachte. „Auseinander, damit ich nicht Einen von Euch nehm' und die Andern damit niederschlag'!“

Er stürzte hinaus. – –

Während so die Ereignisse auf dem Kogelhof in wenigen Stunden das Obere zu unterst gekehrt hatten, war Nannei auf ihrer Wanderung in das Dorf gekommen, wo die Pfarrkirche und um sie herum der Friedhof lag, der sie seit den Entdeckungen der letzten Nacht so nahe anging. Sie hatte sich auf dem Friedhofe in einem Gebüsche verborgen gehalten, bis der gewöhnliche Frühgottesdienst zu Ende war; sie wußte, daß dann der Ort einsam war, und brauchte nicht zu fürchten, Jemandem zu begegnen, der sie allenfalls angeredet und ausgefragt haben würde. Als sie dann in ihrem Verstecke gesehen, wie der Pfarrer seinen Weg zum Pfarrhofe eingeschlagen und auch der Meßner ihm bald gefolgt war, ward es leer und stille auf der Ruhestätte der Todten; nur noch hier und da stand an einem der Kreuze mit verbleichender Inschrift ein altes Mütterchen, das zu Hause keine Arbeit mehr versäumte und an den Gräbern der mit ihr jung Gewesenen ein Vaterunser sprach, sich über die Zeit der Wiedervereinigung mit ihnen nach seiner Art Gedanken machte und dann, zwischen Erinnerung und Hoffnung, endlicher Vergangenheit und unendlicher Zukunft getheilt, dem Austragskämmerchen zuhinkte, das für sie das Vorgemach des eigenen Grabes bildete.

Endlich hatte sich das Fallgitter des Eingangs hinter dem letzten Besucher geschlossen; nichts war mehr hörbar, als der schwere, eintönige Gang der Thurmuhr; nichts regte sich, als ein lustiges Grasmückenpaar, das neben dem Beinhaus in der Ecke auf dem weißen Rosenbusch genistet hatte, vor welchem Nannei aufschluchzend in's Knie sank. Hier also, unter ihr, unter dem dicht verwachsenen Rasen war ein Herz vermodert, das ihr so nahe angehörte, wie kein anderes hienieden – das Herz einer Mutter, die sie nicht gesehen, von der sie nichts gewußt hatte und auch nichts wissen sollte, bis sie einst Alles von ihr selbst erfahren würde: einst, in dem so sehnlich gehofften, so unerschüttert geglaubten Jenseits! Der Gedanke erfüllte ihr ganzes Innere mit unsäglicher Wehmuth, um so inniger, als ja auch sie im Begriffe stand, eine Wanderung anzutreten, deren Ziele und Wege ihr unbekannt waren gleich jenen der Armen, die jedenfalls nicht das Glück unter den Rasenboden zu ihren Füßen gebettet hatte. Sie saß, nachdem sie sich thränenlos geweint hatte, in dem hohen Grase nieder, pflückte einige der weißen Rosen, die noch spärlich an dem Strauch zerstreut waren, und versuchte ihre Geschicklichkeit, einen Kranz daraus zu winden, den sie in die Zweige hing.

Sie zählte die Schläge nicht, mit welchen allmählich eine Viertelstunde um die andere im Vorüberschweben an die Glocke streifte; sie hatte ja nichts zu versäumen. Noch früh genug konnte sie an den nächsten Bahnhof kommen und von dort die Hauptstadt erreichen, in deren Menschenfluth sie sich und ihre traurige Geschichte zu verbergen gedachte. Wie das geschehen könne und werde, war der Gedanke, der sie nächst diesem beschäftigte – eigentlich nicht ein Gedanke, sondern eine Fülle von solchen, die wie Fäden eines verworrenen Gespinnstes sich kreuzten.

Der Meßner ging wieder vorüber, ohne auf sie zu achten; er stieg zum Mittagsläuten auf den Thurm. Als die Töne verhallt waren und der Mann zurückkam, schreckte sie aus ihrem Brüten und wollte aufbrechen. Gleichwohl mußte sie noch verweilen, denn der Meßner hielt draußen hart unter der Kirchenmauer an, und so sehr ihn daheim die Mittagssuppe locken mochte, so schien doch das, was ihn zum Verweilen zwang, noch lockender zu sein.

[75] Es war das Gespräch mit einem ihm begegnenden Manne, welches so nahe bei Nannei geführt wurde, daß sie jedes Wort verstehen mußte: der Mann brachte die Kunde von dem, was in den wenigen Stunden seit ihrer Flucht sich auf dem Kogelhofe ereignet hatte.

Halb aufgerichtet, lauschte sie immer eifriger – sie wußte nicht, ob sie träume oder ob draußen ein Wahnsinniger erzähle. Der alte Kogelhofer, bei und mit dem sie so lange gelebt, bei dem sie eigentlich herangewachsen, der immer so gut mit ihr gewesen – er sollte plötzlich nicht mehr unter den Lebenden weilen! Der schöne Kogelhof sollte in fremde Hände kommen! Lenz, der trotz aller Wildheit doch ein herzensguter Mensch war, sollte aus dem Hause, das er schon für sein Eigenthum angesehen, gleich ihr verdrängt, sollte gleich ihr mit einem Makel behaftet werden, den nichts, nichts wieder abzuwaschen im Stande war! Es war für den ersten Augenblick so unbegreiflich wie schrecklich. Was sollte aus dem verbannten Burschen werden, der, wenn auch ein tüchtiger Arbeiter, sich doch schon als Herrn geglaubt und gefühlt hatte, wenn er nun sein Brod mit seiner Hände Arbeit um Lohn und als Knecht verdienen sollte?

Wie ihre Gedanken ergänzend, fuhr jenseits der Mauer der Erzähler fort: „Es schadet ihm eigentlich nichts, dem Lenz; der hochmüthige Bursch' soll nur auch lernen, was es heißt, selber arbeiten und selber verdienen. Er kann's jetzt gleich ernsthaft probiren; er muß ja ohnehin einrücken und in die Caserne, denn mit dem Einstandsmann ist's nichts mehr. Da wird's schmale Bissen geben, wenn er nicht ein tüchtiges Spendirgeld hat, und ich glaub' nicht, daß der Krämer viel spendirt haben wird, der heißt nicht umsonst 'Rab und Geier'.“

„Wo ist denn der Lenz jetzt?“ fragte die Stimme des Meßners entgegen, und der Erzähler antwortete:

„Wo wird er sein? Es heißt, er sei gleich aus dem Haus fort und in die weite Welt. Er hätt' von seinem todten Vater Abschied genommen und hätt' ihn um Verzeihung gebeten, daß er ihn nicht zu Grabe geleiten könnt' – er könnt' unmöglich den Leuten noch 'mal unter die Augen treten. Er wird halt schon auf dem Weg nach München sein.“

Die Männer trennten sich, und bald verhallten ihre Schritte in der einsamen Dorfgasse. Nannei horchte, bis der letzte Laut verklungen war; dann, auf den Knieen liegend, zog sie ein Päckchen aus der Rocktasche hervor, welches ihre in ein altes Zeitungsblatt gewickelte Baarschaft enthielt – ein beträchtliches Sümmchen, das für den Fleiß und die Sparsamkeit des Mädchens das glänzendste Zeugniß gab. Rasch war das Geld getheilt, das Blatt durchgerissen und jede Hälfte gesondert eingewickelt.

Nannei's Entschluß war gefaßt.

Jetzt, nachdem sie den Tod des Kogelhofers erfahren, vermochte sie nicht die Gegend zu verlassen, ohne mit ihrem dankbaren und gewiß leidtragenden Herzen hinter der Bahre drein gegangen zu sein – jetzt war sie gezwungen, einige Tage zu verweilen und bei ihrem Pflegevater Herberge zu suchen. Sie hatte ihr ganzes Herz voll Groll gegen Lenz aus dem Kogelhofe und noch aus der Pechlerhütte mit fortgetragen; jetzt war davon keine Spur mehr in ihr vorhanden – jetzt war Alles vergeben und vergessen, jetzt war ja auch er arm und unglücklich wie sie.

Am liebsten hätte sie ihm selbst gesagt, daß sie ihm nicht mehr zürne, aber sie fühlte zugleich: das ging nicht an. Für sie war, wie sie zu ihrem Pflegevater gesagt, Lenz nicht mehr auf der Welt – er brauchte auch nicht zu erfahren, wie sie über ihn dachte; es war ihm ja doch nichts daran gelegen gewesen. Aber wenn sie etwas für ihn thun konnte, um ihm im ersten Augenblick aus der Verlegenheit zu helfen, so war das gewiß nichts Unrechtes.

Sie verließ den Kirchhof und schlug einen weniger betretenen Feldweg ein, der sie am schnellsten in die Umgebung des Kogelhofes brachte. Sie maß an der eigenen Empfindung ab, daß Lenz kaum Lust haben würde in der Nähe zu bleiben und sich unter den Leuten sehen zu lassen; sie vermuthete daher, daß er sich wohl irgendwo verborgen habe, bis Abend und Dunkelheit ihm ein unbemerktes Entkommen möglich machen würden.

Bald war ein Höhepunkt erreicht, von welchem aus der Kogelhof und die ganze Hochflur, auf der er stand, zu übersehen war. Wie schön war der Anblick! Wie prachtvoll der Kogel von der untergehenden Sonne beleuchtet, daß er wie ein hoch aufloderndes Freudenfeuer aussah! Wie ruhig und still lag der friedliche Einödhof da! Und aus dem Kamin des schweigenden Hauses stieg eine leichte Rauchwolke auf, als würde darin zur vertrauten häuslichen Mahlzeit gerüstet, und doch lag in dem Hause die Leiche eines wackern Mannes, mit welchem das Glück aus der noch gestern so freudenreichen Heimstatt gewichen war!

Indem sie ihre Blicke nach allen Richtungen umherschweifen ließ, hätte sie beinahe vor Schrecken und Ueberraschung laut aufgeschrieen: auf einer Waldblöße, in die sie hineinsehen konnte, war ein Mann im Grase stehen geblieben, der erst bedenklich um sich sah, dann sich unter einer großen Buche zu Boden warf und das Gesicht in den Armen verbarg, während der Hut neben ihn auf dem Boden rollte.

„Er ist es,“ flüsterte sie, gleich als ob er sie hören könnte, obwohl er eine Viertelstunde von ihr entfernt sein mochte.

Der nächste Augenblick fand sie schon auf dem Wege, um die Waldblöße zu erreichen und den Gesuchten, wie ein Jäger ein Wild, unmerklich und von fern einzukreisen.

Bald waren es nur noch wenige Schritte, die sie von ihm trennten; hohes Haselgebüsch deckte sie vor ihm. Lenz regte sich nicht; er schien in einem Zustande, der an vollständige Erschöpfung und Betäubung grenzte.

Mit angehaltenem Athem kam sie auf dem weichen, moosigen Waldrand lautlos näher und ließ ihr Päckchen in den Hut des Schläfers gleiten.

Sie schlich zurück. Da – fast wäre sie vor Schreck in die Kniee gesunken: ein Rabe, der auf dem Buchenwipfel gesessen, hatte sich raschelnd erhoben und schwebte mit klatschendem Flügelschlag in die Abenddämmerung hinaus.

Der Schläfer regte sich nicht.




3. G'radaus.

Der frisch aufgeschüttete Hügel hatte sich über dem alten Kogelhofer geschlossen, und aus der Kirche verkündete die ernst-feierliche Musik, daß auch das Traueramt bereits seinem Ende nahe. Sonst wurde diese Kunst beim ländlichen Gottesdienste in höchst einfacher Weise geübt: ein paar Mädchen oder Kinder sangen zur Orgel die hergebrachten einfachen Choräle; beim Begräbniß eines so reichen Mannes aber, wie des Bauers vom Kogelhofe, hatte auch der Schullehrer ein Uebriges gethan. Nicht minder hatte der Krämer von Tölz als muthmaßlicher Erbe demselben aufgetragen, es ja nicht an Pomp und Pracht fehlen zu lassen: denn Alles sollte sehen und mit Händen greifen, wie dankbar er gegen den Verstorbenen und wie unbegründet all das Gerede sei, welches die Leute sich nicht nehmen ließen, daß der unerwartet frühzeitige Tod eigentlich in Folge eines Wortwechsels eingetreten sei, den Beide mit einander gehabt. So hatte der Lehrer, der zugleich Meßner, Kirchendiener, Orgelspieler und Chorregent war, sich nicht mit den wenigen künstlerischen Kräften des Dorfes begnügt, sondern aus dem nahen Marktflecken die Hornisten und Posaunenbläser kommen lassen, welche beim „Dies irae“ und „Libera“ ihre Instrumente so mächtig ertönen ließen, daß die Herzen aller Hörer wie vor einem wirklichen Conterfei des jüngsten Tages in der tiefsten Tiefe erbebten.

Eben erbrauste die Schlußcadenz der Orgel in das letzte Amen des Pfarrers; die Thurmglocken, die bis dahin geschwiegen, fingen wieder an sich zu bewegen und verkündeten den Beginn des Umgangs, welcher bei Leichenfeierlichkeiten sich aus der Kirche und um dieselbe zum frischen Grabe bewegte, um an demselben noch einmal für die ewige Ruhe des Heimgegangenen zu beten und bis zur Errichtung eines ordentlichen Denkmals ein buntfarbiges Holzkreuz auf den Hügel zu setzen.

Das Hauptthor der Kirche öffnete sich; eine mächtige schwarze Fahne mit weißem Kreuze tauchte, sich senkend, unter demselben hervor, zu beiden Seiten von großen Stangenlaternen umgeben, in denen trübe rothe Kerzen brannten; hinter deren Trägern schritt ein Knabe im weißen Chorrock, mit einem großen Crucifix, worauf dann die psalmodirenden Geistlichen, die zur Erhöhung der Feierlichkeit aus der Nachbarschaft geladen waren, mit den Hornisten und Posaunenbläsern folgten. An sie schloß sich der Pfarrer im Rauchmantel, und an diesen wieder ein Theil der weiblichen Dorfjugend, durchweg in tiefstem Schwarz. In Mitten derselben gingen einige ebenso gekleidete

[76] Jungfrauen, welche das bunt bemalte Holzkreuz und die Flitterkronen aus buntem Papier, Rauschgold und künstlichen Blumen trugen, welche auf den Sarg gelegt, dann aber in der Kirche, meist im Eingang des Thurmes, wo die Glockenseile herabhängen, aufbewahrt werden, bis sie zerfallen, wie bis dahin wohl auch meist die Erinnerung an Den zerfallen ist, dem sie das Geleit gegeben. Die nächsten Angehörigen oder Verwandten schlossen den geordneten Zug; dahinter drängte ziemlich willkürlich die ganze übrige trauernde Gemeinde.

Auch Nannei hatte, ihrem Vorsatz gemäß, dem Begräbniß-Gottesdienst beigewohnt. Die Erinnerung an die erst vor so kurzer Zeit erlittene Demüthigung war aber so lebhaft in ihr, daß sie sich in der Kirche alle Mühe gab, nicht aufzufallen; sie drückte sich ängstlich in einen Winkel unter der Empore und vergrub die verweinten Augen in das Gebetbuch, damit sie ja nicht gesehen oder gar erkannt werden sollte.

Sie war allein. Ihr Pflegevater, der Pechler Kaspar, fehlte bei der Feierlichkeit, wohl weil er eines Anzuges entbehrte, wie er zu einem solchen Anlaß schicklich war.

Auch nachher war das Mädchen bestrebt, dem Gedränge und den Augen der Menge zu entgehen, und hatte sich daher bei Beginn des Zuges durch eine Seitenthür in's Freie geflüchtet. Sie wollte noch einen Besuch an dem Grabe mit dem weißen Rosenstrauche machen, zu welchem sie auf einem Nebenwege unbeachtet zu kommen hoffte – war es doch der abgelegenste Theil des Kirchhofes, wo sich derselbe nebst dem Beinhause befand. Diesmal aber hatte sie trotz aller Klugheit falsch gerechnet; denn der Zug kam ihr auf seinem Wege um die Kirche unmittelbar entgegen. Sie mußte, um auszuweichen, seitwärts zwischen die Gräberreihen treten, und als der Zug, immer breiter werdend, auf dem schmalen Kirchenwege nicht mehr Raum genug hatte, befand sie sich, ohne zu wissen wie, mitten unter den Leuten, und zwar gerade mitten unter den schwarzgekleideten Jungfrauen mit dem Kreuz und den Todtenkronen.

Die im Zuge Dahinschreitenden hatten alle die Rosenkränze um die Hand geschlungen und sagten mit lauter, kreischender Stimme die Litanei her, indem ein Vorbeter die Gebete vorsprach, in welche sie dann Alle antwortend einfielen. Schon nach wenigen Augenblicken verrieth einige Schwankung in dem gleichmäßige Tonfall der Betenden, daß etwas geschehen sein mußte, was die Aufmerksamkeit derselben ablenkte; es währte nicht lange, bis sich in die heiligen Worte sehr weltlich klingende Ausrufungen des Unwillens mischten. Durch den plötzlich eingetretenen Todesfall war auch die Kunde von allem Uebrigen, was sich im Zusammenhang mit dem königlichen Besuche auf dem Kogelhofe zugetragen, überallhin auf Windesflügeln wie Unkrautsamen ausgestreut worden und hatte nicht verfehlt, das günstigste Erdreich zu finden; und wenn man schon wegen der Geschichte mit dem Blumenbusche Nannei des Hochmuths beschuldigte, war dieses in noch höherem Grade der Fall, als man von ihrem plötzlichen und heimlichen Dienstaustritt erfuhr, der offenbar mit dem Vorausgegangenen im Zusammenhange stand. Die jetzige Begegnung aber steigerte die ungünstige Stimmung gegen das arme Mädchen zum Aeußersten, denn es lag nahe, in dieser Anwesenheit Nannei's beim Begräbnisse nur eine trotzige Fortsetzung ihres Benehmens zu erkennen.

„Was ist denn das? Wie kommt denn die daher? Wie untersteht sich denn das Leut, unter die Klagjungfrauen zu gehen?“ waren die bald immer vernehmlicher klingenden Einschaltungen zwischen den Bitten des „Vater unser“, und der Zug drohte in's Stocken zu gerathen. Der unweit des Pfarrers einherschreitende Gemeindevorsteher ward jedoch des Vorgangs kaum gewahr, als er auch schon den Grund desselben entdeckte und so eilig wie möglich sich durch die Trauernden drängte, um ihn zu beseitigen.

Im vollen Bewußtsein seiner Amtswürde, mit einem Kopfe, der gleich dem eines Truthahns glühte, sprang er auf Nannei zu und hatte sie im Nu am Arm gefaßt und bei Seite gerissen, daß der Zug seinen Weg fortsetzen konnte; Nannei, die in ihrer Verwirrung ganz unbehülflich dagestanden, war gegen die Kirchenwand getaumelt und hielt sich an einem Kreuze fest.

„Mußt Du Dich g'rad' in den Weg stellen? Was hast Du hier zu thun?“ schrie der Vorsteher mit unterdrückter Stimme, aber noch immer laut genug, daß alle Umstehenden es wohl hören konnten. „Willst Du uns auch da noch Unfrieden machen?“

Das Unerwartete hatte Nannei einen Augenblick außer Fassung gebracht. Anrede und Benehmen des Vorstandes gaben ihr dieselbe zurück. Sie richtete sich gegen ihn auf, und durch die Thränen, die ihr Auge umflorten, traf ihn ein so kräftiger Blick, wie er Lenz getroffen hatte bei der entscheidenden Begebenheit in der Festtenne.

„Warum soll ich nicht da sein?“ fragte sie fest. „Ich mein', ich hab' wohl ein Recht dazu. Es ist nur meine Schuldigkeit, daß ich dem braven Mann die letzte Ehre erweise, der mir schier wie ein Vater gewesen ist und bei dem ich aufgewachsen bin.“

„Ja, und dem Du davon gelaufen bist noch vor seinem Hinende!“ entgegnete der Vorsteher spöttisch. „Ich kann mir denken, was das für eine Betrübniß sein muß. Aber es ist mir ganz recht, daß ich Dich antreffe; als Vorsteher habe ich ohnehin noch ein Wört'l mit Dir zu reden. Bei uns ist es nicht der Brauch, aus dem Dienst zu laufen, ohne daß man vorher aufsagt zur rechten Zeit. Ich werde es dem Gemeindediener sagen, daß er Dich packt und auf das Landgericht führt.“

„Da werde ich mich auch zu verantworten wissen,“ entgegnete Nannei, deren Festigkeit und Schnellkraft immer mehr emporstrebte, je mehr man sie zu beugen versuchte. „Ich habe ein gutes Gewissen und fürchte mich vor keinem Menschen, und wenn er noch zehn solche Pfennige im Knopfloch hätte wie Ihr. Ich laufe Euch nicht davon; wenn ich das gewollt hätte, hätte ich es lange gekonnt, und wer mich sucht, der kann mich finden. Ihr wißt, wo ich daheim bin: in der Hütte des Pechler Kaspar, da bin ich zu treffen.“

Der Vorsteher schien unschlüssig, was er beginnen sollte. Wohl hatte sich bereits der größte Theil des Zuges weiter bewegt und war um die Kirche verschwunden; das Verstummen des Gesanges zeigte auch, daß die Feier beendet war – dennoch war eine ansehnliche Anzahl Neugieriger zurückgeblieben, die sehen wollten, welchen Ausgang das so unfeierliche Nachspiel haben werde. Ein einfacher Rückzug erschien dem Vorsteher als eine Beeinträchtigung seiner Würde, und für eine Fortsetzung seiner Thätigkeit mochte ihm der Ort und wohl auch der Anlaß nicht besonders geeignet scheinen. Zum Glück wurde er seiner Zweifel durch einen Zwischenfall enthoben.

[89] „Wer will was vom Pechler Kaspar?“ rief auf einmal der Alte, indem er zwischen den Grabkreuzen auftauchte, sodaß er zwischen Nannei und den Vorsteher zu halten kam. Beide waren überrascht von dem unvermutheten Anblick, um so mehr als das Aussehen des Rußigen ein ganz ungewöhnliches war. Seine Augen funkelten; seine Wangen und seine Glatze glühten, als ob er neben seinem Schweelofen säße, über sein Gesicht aber war trotz allen Rußes ein solcher Ausdruck von Lustigkeit ergossen, daß der Vorsteher, der seinen Mann kennen mochte, einen Schritt zurücktrat.

„Was hast?“ sagte er, indem er ihn bedenklich musterte. „Bist übergeschnappt oder hast einen Rausch?“

„Noch nicht,“ rief Kaspar, „aber es kann sich heute schon noch so etwas herauswachsen. Hast Du nach mir verlangt, Vorsteher? Mir ist es recht; ich habe auch gerade zu Dir gewollt. Ich bin gelaufen wie ein Wiesel; der Weg vom Wald her zum Dorfe muß heut' um die Hälfte kürzer sein, oder meine Füße sind um so viel länger geworden.“

Auch Nannei schien die Besorgniß des Vorstehers zu theilen.

„Was ist denn, Vater?“ sagte sie, indem sie ihren Arm unter den seinigen schob. „Ich wollte mich gerade auch auf den Weg machen zu Dir,“ sagte sie, „komm, gehen wir mit einander!“

„Das thun wir auch,“ rief der Pechler laut lachend, schlug sich aber sogleich wie abmahnend auf den Mund.

„Bst!“ fuhr er fort, „wer wird die armen Seelen beleidigen und auf dem Friedhofe so laut lachen! – Komm, Vorsteher, komm hinaus auf den Hof, auf die Gass'n! Ja, auf die Gass'n – da ist es mir am liebsten, und weil Du doch vom Gemeindediener geredet hast, laß es gleich ausläuten, damit fein gewiß das ganze Dorf zusammenläuft!“

Der Vorsteher hielt es für das Klügste, den offenbar sinnverwirrten Menschen bei Seite oder vor Allem aus dem Friedhof hinauszubringen, der zum Schauplatz solcher Auftritte wohl am allerwenigsten geeignet war. Er gab dem Pechler ein Zeichen, voranzugehen. Dieser schritt auch, Nannei fest am Arm führend, aufrecht und mit lachendem Gesicht durch die Menge auf die Straße, wo in nicht großer Entfernung das Pfarrhaus sich aus den grünen Wipfeln des Baumgartens erhob.

Nannei wollte unwillkürlich den Alten schnell in einen Seitenweg ziehen und so aus den Augen der Menge entfernen, er aber widerstrebte so entschieden, daß sie ihr Vorhaben aufgeben und zusehen mußte, wie er mitten auf der Straße stehen blieb und auch den Vorstand zum Stehenbleiben anhielt.

„So,“ rief er, „das ist gerade ein rechtes Platzl, wo Jedes Alles sehen und hören kann, und jetzt ist es an Dir, Vorsteher, daß Du den Anfang machst. Du bist neulich die Hauptperson gewesen, wie Ihr Alle zusammen geholfen habt, das Mädel da herunterzusetzen – Du hast gesagt, es wär' eine Schand' für den Kogelhof, wenn sie dem König den Buschen übergeben thät', weil sie ein lediges Kind ist – jetzt mach's wieder gut und bitt sie um Verzeihung!“

„Mach, daß Du nach Haus kommst, alter Fabelhans!“ entgegnete der Vorstand und versuchte den Ring von Menschen zu durchbrechen, der sich rasch um die Gruppe gebildet hatte und bereits immer dichter zusammenschloß.

„Bitt sie um Verzeihung, sag' ich!“ rief der Kaspar wieder, „denn das Nannei ist kein lediges Kind.“

Diese Worte wirkten so überraschend, wie eine bei Nacht auflodernde Flamme, welche plötzlich die ganze Umgebung erhellt und in ganz neuen Farben und Umrissen erscheinen läßt. Ausrufungen des Staunens, des Zweifels und des Spottes ertönten durch einander; auch der Vorsteher verweilte noch einen Augenblick und rief:

„Also ist sie kein lediges Kind?! Meinetwegen! Ich bin zu der Zeit, wo sie auf die Welt gekommen ist, auswärts im Dienst gewesen; ich weiß nichts von ihr, als was mein Vater mir erzählt hat. Du hast Dich schon damals um sie angenommen; ich vergönn' Dir's, wenn Du's herausgebracht hast, daß sie etwa gar eine verloren gegangene Prinzessin ist.“

„Lach nur! Du hast nicht so weit daneben geschossen,“ sagte der Pechler, indem er unter seiner Jacke ein dunkles, wollenes Umschlagtuch hervorzog, wie sie in manchen Gegenden von den Frauen über Brust und Schulter getragen und unter den Armen hindurch auf dem Rücken geknüpft zu werden pflegen. Zugleich hob er einen goldenen Fingerring in die Höhe und ließ ihn in der Sonne funkeln.

„Da, schaut her!“ rief er. „Das ist ein Trauring; den hat das fremde Weib, der Nannei ihre Mutter, gehabt. Sie ist also eine verheirathete Frau gewesen und die Nannei ist kein lediges Kind.“

Schnell hatte der Vorsteher den Ring erfaßt und betrachtete ihn, während Nannei, im höchsten Grade ergriffen, [90] ebenfalls die Hand darnach ausstreckte, um das erste Zeichen und Andenken einer unbekannten Mutter zu besehen und zu begrüßen.

„Das ist wirklich ein Trauring,“ sagte der Vorsteher bedächtig. „Es stehen inwendig eine Jahrzahl und vier Anfangsbuchstaben. Aber das beweist nichts. Das fremde Weib kann wohl den Ring bei sich gehabt haben, wer aber weiß, ob er ihr gehört hat oder wo sie ihn aufgeklaubt hat. An der Hand hat sie ihn nicht gehabt, das weiß ich ganz gewiß; mein Vater hat mir gesagt, daß sie gar nichts an sich gehabt hat, kein einziges Kennzeichen.“

„Und doch beweist der Ring Alles,“ rief der Pechler wieder, während Nannei den Ring aus den Händen des Vorstehers riß und unter ausbrechenden Thränen an die Lippen drückte. Es war etwas in ihr, was ihr sagte, daß es keine Täuschung sei, daß sie wirklich ein Kleinod in Händen halte, das einmal die längst vermoderte, theure Mutterhand geschmückt hatte.

Wie in unbekannte Gegenden und Zeiten entrückt, vernahm sie kaum, wie der Pechler weiter erzählte, das Tuch sei dasjenige, welches die fremde Frau bei ihrer Ankunft getragen. Es sei das einzige Kleidungsstück, das von ihr übrig geblieben, welches seine selige Alte zu sich genommen und aufbewahrt hatte, nicht um es zu gebrauchen, sondern um es für das Kind aufzuheben als dessen einziges Erbe und Erinnerungszeichen. Im Laufe der Jahre, da man dem Mädchen seine Abkunft verschwiegen und es wie ein eigenes Kind behandelt hatte, und zumal nach dem Tod der Pechlerin war das Tuch völlig in Vergessenheit gerathen und hatte tief am Boden der Truhe gelegen, wo die wenigen besseren Habseligkeiten des ärmlichen Hausstandes verwahrt waren. Erst Nannei's Flucht und die Frage nach ihren Eltern hatten den Pechler wieder an dessen Vorhandensein erinnert. Heute nun, nach dem Begräbniß des Kogelhofer's, war es ihm wieder in den Sinn gekommen; er wollte der Nannei, wenn sie heimgekehrt sein werde, das Tuch zeigen und übergeben, und hatte deshalb den Morgen benutzt, die Truhe und deren vergessene Schätze zu durchstöbern. Er hatte das alte, doch noch wohl erhaltene Tuch zum ersten Male näher betrachtet und zu seiner nicht geringen Ueberraschung bemerkt, daß dasselbe bei der Berührung ein eigenthümliches knisterndes Geräusch hören ließ; er hatte näher nachgeforscht und bald entdeckt, daß das Geräusch von dem oberen Theile des Tuches herrührte, wo an der dickeren Stelle, die in der Regel an den Nacken zu liegen kam, ein rauschendes Stück Papier eingenäht zu sein schien. Rasch hatte er die Naht entfernt und mit wachsendem Staunen ein dünnes Päckchen wahrgenommen, in welches der Trauring und noch ein Papier, das wie ein Brief aussah, gewickelt war. „Und so wird's wohl sein,“ schloß er seine Erzählung, „daß, wie Du immer sagst, Vorsteher, die Maus da keinen Faden abbeißt und daß die Nannei kein lediges Kind ist, und was da auf dem Papier geschrieben steht, da wird vielleicht auch darin zu lesen sein, wer ihre Leute gewesen sind.“

„Das kann schon sein,“ sagte der Vorstand, indem er das Blatt nach allen Seiten betrachtete. „Das kann ich zwar nicht lesen, weil's nicht deutsch ist, aber da ist ein Siegel darauf, wie auf einem Zeugniß. – Da kommt der Herr Pfarrer aus der Kirch'; der wird es uns wohl lesen und ausdeutschen können.“

Der Pfarrer, der inzwischen in der Sacristei sein Kirchengewand abgelegt hatte, trat hinzu und hörte nicht ohne steigende Verwunderung, was sich zugetragen und welch' unerwartete Wendung in dem Schicksal eines bis zur Stunde unbedeutenden und unbeachteten Mädchens sich zu vollziehen schien.

„Das ist französisch,“ begann er, nachdem er das Papier näher geprüft hatte, „und in Wirklichkeit ein vom Pfarramt St. Sulpice in Algier in aller Form ausgestellter Trauschein über die richtig vollzogene Vermählung der Demoiselle Rose Blanchard mit Jules Baron de Steinerling auf Stein, Sergeantmajor im dritten kaiserlich französischen Regiment Chasseurs d'Afrique. – Seltsames Schicksal!“ rief der Geistliche. „Ich erinnere mich wohl, im Taufbuch den Eintrag meines Vorfahrs gelesen zu haben, daß er das neugeborne Töchterchen einer unbekannten Frau getauft, die nicht mehr zu sprechen vermocht, aber durch das Kreuzzeichen, das sie noch sterbend auf das Antlitz gezeichnet, sich als katholische Christin erwiesen habe. – Und sieh,“ begann er wieder, „da unten ist eine Bestätigung des Regimentscommandos beigefügt, daß Monsieur Jules de Steinerling in einem Gefecht mit den Arabern gefallen, und daß dessen Wittwe sich nach Deutschland begeben wolle, um die Verwandten ihres Mannes dort aufzusuchen.“

Feierliche Stille lag auf der versammelten Menge. In den leicht erregbaren Gemüthern war die erst so lustig spottende Stimmung allmählich in Verwunderung übergegangen; nun fehlte nicht viel, daß Allen die Augen übergingen, hatte doch sogar der Vorstand bei der Rede des Pfarrers langsam den Hut abgenommen, weil es ihm vorkam, als wenn er in der Kirche wäre.

Am wenigsten vermochte der Pechler Kaspar selbst seine Ergriffenheit zu verbergen und zu bemeistern. Er weinte und schluchzte durch einander. Er und seine gute Alte waren es ja doch gewesen, die das Mädchen erhalten und erzogen – ihre Liebe zu dem armen Waislein hatte sich nun glänzend gerechtfertigt, und auch sein Verlangen nach Vergeltung an allen Denen, die seinem Liebling weh gethan und ihm so rauh auf's Herz getreten, war gesättigt – gründlicher, als er in seinen kühnsten Träumen es zu erwarten vermocht hatte.

Jedes war so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß die Hauptperson des ganzen Ereignisses einen Augenblick dabei völlig außer Acht gekommen war. Der Pfarrer war es, der zuerst ihre Abwesenheit bemerkte, der Pechler aber hinwieder war der Erste, der errieth, warum und wohin sie sich entfernt haben mochte. Wortlos, sich mit dem Aermel das Gesicht abtrocknend, trat er zur Thür des Kirchhofes ... unweit des Beinhauses, vor dem weißen Rosenstrauch, knieete Nannei auf dem Rasen.

Das Herz hatte sie getrieben, der armen unglücklichen Mutter zuerst in's Grab hinunter zu erzählen, daß nun aller Makel von ihrem Andenken genommen war, und ihr jetzt erst so recht die volle ewige Ruhe hinunterzuwünschen.

Der Pechler war an der Schwelle stehen geblieben. Viele Neugierige hatten nachgedrängt, aber Niemand störte die Betende.

Gab es doch viel Anziehenderes und Wichtigeres zu thun, nämlich in möglichster Schnelligkeit nach allen Seiten hin zu verbreiten, daß die Pechler-Nannei vom Kogelhof ihre Eltern gefunden habe, freilich alle Beide schon als Verstorbene; daß sie eine heimliche Baronin und der alte Baron Steinerling von Stein, den jedes Kind in der Umgegend kannte, ihr Großvater gewesen sei.

Es galt nun, überall die Bruchstücke alter Erinnerung zusammenzutragen und daraus ein Luftgebäude zusammenzufügen, wie das Alles habe kommen können, und sich über und über zu verwundern, wie die Geschichte so lange verborgen geblieben. Namentlich die Weiber konnten sich nicht genug erzählen, wie sie schon immer geglaubt hätten, in der Nannei müsse etwas Besonderes stecken, weil sie in vielen Dingen so eigen gewesen. Sie wußten sich nun wohl zu erinnern, wie sie oft ein so vornehmes Geschau gehabt, als wäre sie eine verwunschene Prinzessin und hätte sich nur als Bäuerin verkleidet. Man erinnerte sich nun auch auf einmal ganz genau, daß man sie immer besonders gern gehabt, daß man ihr nie etwas in den Weg gelegt und daß nur der Vorsteher es gewesen, der in seiner übertriebenen Geschäftigkeit sie gekränkt habe.

Auch die Gestalt ihres Vaters, des jungen Baron Steinerling, trat immer deutlicher aus dem Nebel der Vergangenheit hervor. Man besann sich auf sein Aussehen und daß er immer mit seinem Vater, der ihn hart und streng gehalten, auf gespanntem Fuß gelebt habe und auf einmal in die weite Welt gegangen und verschollen sei. Alles, der Vater voran, hatte ihn vergessen und längst für verstorben und verdorben gehalten.

Auch darüber kam man bald in's Reine, daß das Vergnügen des Alten über diese unerwartet wiedergefundene Enkelin kein besonders großes sein werde; waren doch seine Härte und sein Geiz es gewesen, die den Sohn vom Hause getrieben, war er doch seit dieser Zeit noch geiziger geworden und stand seit seiner Verheirathung mit der reiche Bräuers-Wittwe so stark unter deren Botmäßigkeit, daß sich mit Bestimmtheit voraussehen ließ, welcher Empfang der Bauernmagd zu Theil werden würde, wenn sie sich als Enkelin und Erbin bei ihm vorstellte. Je verwickelter aber die Zukunft gegenüber der entwickelten Vergangenheit sich gestalten mochte, desto anziehender war das ganze Ereigniß, das ohne Zweifel auf Menschenalter hinaus den hervorragenden Mittelpunkt der Dorfchronik zu bilden bestimmt schien.

[91] Dennoch sollte bald noch mehr Denkwürdiges in derselben zu verzeichnen sein.

In den Verhältnissen des Kogelhofes lag der fruchtbarste Keim dazu; denn daß die Frage über Besitz und Erbschaft des Hofes nicht mit dem im ersten Augenblicke vom Landrichter abgegebenen Spruche zu Ende sein konnte, lag Jedermann vor Augen. Hätte Lenz in seiner Aufregung länger gezögert, so würde er noch mit angesehen haben, wie der vorsichtige Beamte, um ja Niemanden zu beeinträchtigen, es für gut befunden hatte, das ganze Besitzthum, ungeachtet des Widerspruches der Firma Rab und Geier, der einstweiligen Aufsicht und Verwaltung des Oberknechtes, eines alten, als treu und verlässig bekannten Mannes, zu übergeben und dann das Amtssiegel an alle hauptsächlichen Behältnisse, Kisten und Kasten anzulegen, in welchen Geld oder etwaige Aufschreibungen des Alten oder wohl gar ein von demselben hinterlassenes Testament enthalten sein konnten.

Auch schien dem klugen Manne nothwendig, über den schnellen Tod des Bauers und insbesondere über dessen Veranlassung Nachforschungen zu pflegen; stand doch fest, daß der Krämer, der jetzt als Erbschaftsprätendent auftrat, den Alten bedroht und daß die ihm in's Ohr geflüsterte Drohung wirklich eine so gewaltige Wirkung hervorgebracht hatte, daß man dahinter irgend ein bedeutsames Ereigniß vermuthen mußte.

Deshalb hatte der Landrichter auf die nächste Zeit eine eigene Tagfahrt auf den Kogelhof angesetzt, in welcher der Rücklaß selbst „festgestellt, inventirt, reserirt, extradirt“ und jede andere damit zusammenhängende Frage gelöst werden sollte; deshalb waren dazu auch alle Personen geladen, von welchen irgend ein Aufschluß zu hoffen war. Insbesondere war Lenz befohlen worden, trotz seines Unwillens und Widerwillens, sich dabei einzufinden, weil ja bei ihm, als dem vermeintlichen Sohne und Erben, die nächste Aufklärung gesucht werden mußte.

Auch Nannei war unter den Geladenen.

So kam es, daß am bestimmten Tage der Kogelhof der Sammelplatz einer ziemlich zahlreichen Gesellschaft war, deren Mitglieder dem Kommenden mit sehr verschiedenen Empfindungen entgegensahen.

In der unangenehmsten Stimmung war wohl der Krämer, Firma Rab und Geier, der im ersten Augenblicke den Kogelhof schon fest in seinen Krallen zu haben geglaubt hatte und jetzt den Aufschub peinlich empfand, wenn auch ein begründeter Zweifel über den endlichen, für ihn günstigen Ausgang, wie er meinte, vernünftiger Weise nicht denkbar war. Dennoch mußte er an sich halten und heiter erscheinen – lag es doch in seinem Vortheil, sich den Anschein zu geben, als ob auch er die möglichste Gründlichkeit der Verhandlung auf das Lebhafteste wünsche; man hätte sonst glauben können, er habe Ursache, ein genaueres Eindringen in die Verhältnisse zu fürchten.

Sein Aerger stammte übriges aus mehreren Wurzeln, und nicht die geringste unter diesen war es, daß er inzwischen daheim eine Entdeckung gemacht hatte, die seine Pläne, selbst wenn ihm die Durchführung gelungen wäre, von fremder Seite her über den Haufen zu werfen drohte.

Als er eben einmal in der Ladenthür unter der goldenen Firma gestanden und dort von einem Nachbar den Glückwunsch wegen der großen Erbschaft huldvoll in Empfang genommen, war seine freudige Stimmung durch ein Gepolter unterbrochen worden, das aus dem etwas dämmerigen Hintergrunde des Ladens kam und ihn zugleich mit dem neugierigen und glückwünschenden Nachbar auf den dunklen Schauplatz desselben rief. In dem anstoßenden Gewölbe, wo die verschiedenen Specereien und Flüssigkeiten in größeren Kisten und Fässern aufbewahrt waren, ward ihm ein Anblick, der ihn beinahe in eine Steinsäule verwandelt hätte, um so mehr als auch der nachbarliche Gratulant Zeuge derselben geworden war. Der Commis und seine Tochter waren dort beschäftigt gewesen, eine Partie aus einem Syrupfaß abzufüllen, und hatten den unbewachten Augenblick für günstig gehalten, sich über die Hoffnungslosigkeit ihrer Liebe zu trösten. Er, mit dem Trichter in der Hand, hatte sich von der Staffelei zu ihr herunter gebeugt und dabei übersehen, daß die braune Flüssigkeit nicht in das dafür bestimmte Geschirr, sondern durch den Trichter ihm auf die Brust floß; sein immer tieferes Herniederbeugen und ihr steigendes Emporstrecken hatte zuletzt zu Kuß und Umarmung geführt – darüber kam das Gestell, auf welchem Maxl stand, in's Schwanken; es fiel polternd um, und vor des keuchenden Krämers Blicken zeigte sich auf Philomena's weißer Ladenschürze das Brustbild Maxl's mit wahrhaft lithographischer Genauigkeit abgedrückt. –

Nicht minder erregt und befangen, wenn auch aus ganz anderen Gründen, war Lenz. Hatte er schon dem Befehle des Gerichtes mit Widerstreben gehorcht, so war die Peinlichkeit seiner Empfindung noch gewachsen, als er dadurch nicht nur genöthigt war, all den bekannten Leuten unter die Augen zu treten, sondern als ihm auch mit jedem Schritte die Neuigkeit von der mit Nannei vorgegangenen Aenderung begegnete. Die wenigen Tage des Unglücks und der Trennung hatten hingereicht, um ihn über seine Stellung zu Nannei und seine Gefühle für sie in einer Weise aufzuklären, daß keine Täuschung mehr möglich war. – Jetzt war ihm auf einmal klar, daß er sie lieb gehabt, so lange er sie gekannt – daß, wenn sie einmal mit einander gehadert, dieses von seiner Seite immer nur deswegen geschah, weil er zwar manchmal geglaubt, daß auch sie ihm gewogen sei, sie ihn aber meist so hochmüthig und von oben herab behandelt hatte, daß er an ihrer Gesinnung immer wieder irre geworden. Jetzt gestand er sich zu eigener Qual, daß, wenn er sich einmal im Stillen als Bauer auf dem Kogelhofe gedacht, die Bäuerin immer Nannei so ähnlich gesehen hatte, wie deren Spiegelbild, und daß er sich oft mit dem Gedanken geängstigt hatte, was wohl sein Vater sagen werde, wenn er mit einem solchen Heirathsplane angerückt käme.

Das war nun für immer vorbei.

Nicht genug, daß er nun arm geworden und in dieselbe Schmach verfallen war, die er ihr vorgeworfen, war sie noch obendrein reich und vornehm geworden und dadurch zwischen ihr und ihm eine Kluft entstanden, über die es keine Brücke gab. Es war kein Wunder, wenn sein Gemüth mit Bitterkeit überfüllt war und wenn er das Ende der Verhandlung, sollte sie noch so schlimm ausfallen, sehnlichst herbeiwünschte. Dann wollte er in der Caserne im Soldatenstande das Vorgefallene, Reichthum, Heimath und Liebe vergessen und, wenn dann einmal seine Zeit ausgedient sein würde, in die Welt gehen, um daheim ebenfalls vergessen zu werden.

Das Einzige, was aus dem stürmischen Meere seines Gemüths wie eine ruhig grünende Insel hervorragte, war das Begebniß mit dem Päckchen Geld, das, während er auf der Waldblöße gelegen, ihm in den Hut geworfen worden war.

Er haßte, er verachtete alle Leute seiner Bekanntschaft, die ganze Einwohnerschaft des Dorfes und der Gegend war ihm widerlich; er hatte die hämischen Bemerkungen über sein Schicksal nur zu wohl gehört; die lachenden Blicke der Vorübergehenden waren ihm nicht entgangen, und sein Groll hatte die Schadenfreude, wo sie vielleicht in Wirklichkeit nicht vorhanden war, hineingelesen. Jenes Geschenk aber bewies unwiderleglich, daß doch noch Jemand in der Nähe sein mußte, der sich um ihn kümmerte, der für ihn sorgte – ein reines Herz, das dies Alles ohne Eigennutz that; sonst würde dasselbe nicht auf seinen Dank verzichtet haben. Vergebens ging er alle Möglichkeiten in Gedanken durch, den Geber zu errathen, und wenn auch manchmal Nannei vor seine Seele trat, mußte er den Gedanken immer gleich als Thorheit zurückweisen. Hatte er sie doch so bitter gekränkt, daß er unmöglich denken durfte, sie habe sich dafür auf solche Weise gerächt! Der letzte Gedanke drückte noch den allerschärfsten Stachel in sein Herz; denn immer stieg dabei das Bild vor seiner Seele empor, auf welche unedle Art er selber, als sie seinen Uebermuth zurückgewiesen, an ihr Rache genommen.

Nannei war trotz des Außerordentlichen, das sie betroffen, ruhig und gefaßt; sie war es um so mehr, da sie von dem Vorgefallenen weitere Folgen weder wünschte noch erwartete. Sie hatte ihre Mutter gefunden; sie hatte nun einen Punkt, an den ihre Gedanken sich heften, einen Gegenstand, auf den sie ihre Sehnsucht richten konnte, und war zufrieden. Es war nicht in ihrem Sinne, einer besseren und höheren Standesclasse anzugehören; sie wollte ihr Leben lang bei dem Loose, das ihr zu Theil geworden, verbleiben, und wenn auch ihre Zufriedenheit mit demselben in den letzten Tagen einen Stoß erlitten hatte, war das völlig wieder ausgeglichen. Sie wollte keine Ansprüche an die neugefundenen Verwandten erheben; die feste und stolze Art ihres Wesens ließ es nicht zu; sie meinte, nicht an ihr läge es, sich bei denselben zu melden, sondern sie selbst müßten kommen, sie aufzusuchen, [92] wenn ihnen an dem neuen Familiengliede etwas gelegen sei. Natürlich hatte sich der Pechler eifrigst dagegen verwahrt; ihm war die für Nannei erlangte Genugthuung noch immer nicht hinreichend: er sah sie schon im Geiste in der vierspännigen Kutsche sitzen, mit dem bordirten Bedienten auf dem Bock und dem gemalten Wappen auf dem Kutschenschlage – er sah auf dem Straßenrand die Bauern, von denen sie verhöhnt worden war, wie sie dastanden, mit abgezogenen Hüten, die boshaften Gesichter vom Schmutze der Räder bespritzt. Er hatte nicht geruht, bis sie ihm endlich gestattete, an ihrer Stelle zum Baron Steinerling von Stein zu gehen, ihm die ganze Geschichte, wenn er sie noch nicht erfahren haben sollte, zu erzählen, ihm die gefundenen Beweisstücke zu zeigen und von ihm zu hören, wie er die Sache aufnehme und was er zu thun gesonnen sei. Diese Antwort sollte dann über Nannei's Zukunft entscheiden; wenigstens versprach sie dem Alten, vor seiner Rückkehr die Heimath nicht zu verlassen und überhaupt keinen entscheidenden Schritt zu thun.

Der Tag der Erbschaftsverhandlung auf dem Kogelhofe schien dazu der geeignetste; dort wollte Nannei ihn erwarten, dahin sollte er mit den Nachrichten kommen, wenn er nicht, wie er sich einbildete, gleich mit dem Baron angefahren käme.

Was Nannei am allermeisten beunruhigte, war, daß aller Wahrscheinlichkeit nach nicht vermieden werden konnte, Lenz zu begegnen. Ihm konnte ein solches Zusammentreffen unmöglich erwünscht sein, weil das Schicksal zur gleichen Zeit, in der es sie emporgehoben, ihn niedergeworfen – ihr selber schlug das Herz stark bei dem Gedanken, und sie wußte nicht, ob sie nach dem Geschehenen ihm gegenüber auf ihrem Groll beharren oder sich so benehmen solle, als ob zwischen ihnen gar nichts Besonderes vorgefallen sei. Es erschien ihr schließlich als das Klügste, sich so viel wie möglich zurückzuziehen und eine Begegnung ganz zu vermeiden. Hoffentlich ließ der Pechler nicht gar zu lange auf sich warten; dann hielt sie ja ohnehin nichts mehr an dem Orte fest, den sie für immer verlassen sollte und den noch einmal wieder zusehen sie doch mit geheimer Freude erfüllte.

Sie machte sich ein Vergnügen daraus, so weit es ohne aufzufallen möglich war, das ganze Haus in allen Räumen zu durchwandern und sich dort der bei fröhlicher Arbeit verlebten Stunden und Jahre zu erinnern. Es war wohl natürlich, wenn sie auch dem Stalle einen Besuch abstattete und aus diesem auf die Tenne trat, die jetzt mit weitgeöffnetem Thore die Balkenwände und Heulager in vollster Schmucklosigkeit zeigte, und doch von ihrer Erinnerung noch mit all den Kränzen des Festes behangen, das für sie einen so unseligen Ausgang gehabt hatte.

Nachdenklich stand sie einen Augenblick an dem Platze still, an welchem Lenz so keck gegen sie das Wort geführt hatte. Sie lebte den ganzen Vorfall in der Erinnerung noch einmal durch, und zwar so lebhaft, daß sie zuletzt glaubte, Lenz wirklich vor sich zu sehen. Allmählich nahm das Gedankenbild immer mehr Gestalt und Wirklichkeit an – wie aus einem Halbschlafe erwachend, fuhr sie erschreckt zusammen: denn Lenz stand leibhaftig vor ihr.

Vermutlich hatten ihn ähnliche Abschiedsgedanken dahin geführt, oder er suchte die Zeit bis zur Ankunft der Gerichtspersonen sich zu vertreiben und gleichfalls den Gaffern aus dem Wege zu gehen.

Auch Lenz gewahrte Nannei sofort, und wie sie, machte er eine halbe Wendung zur Flucht; aber sie blieben beide und standen sich eine Weile gegenüber, ehe ihnen die beklommenen Atemzüge Luft und Rede gestatteten.

[113] Lenz war es, der zuerst sich vollständig wiederfand.

„Grüß Gott!“ sagte er, „das trifft sich aber gut, daß wir zwei justament da zusammen kommen.“

„Ja, es trifft sich recht schön,“ war Nannei's halblaute Erwiderung.

„Es ist mir auch recht lieb, daß ich Enk (Euch) so finde, Fräulein Nannei oder wie ich Enk jetzt etwa tituliren muß.“

„Sag' halt: Nannei, wie Du alleweil gesagt hast!“

„Wenn Ihr das erlaubt, Fräulein Nannei,“ begann er wieder, „ist es mir schon recht. Es thät' mich recht hart ankommen, das Ihrzen, und wird mir ohnehin schwer genug, das zu sagen, was ich sagen möchte. Ich möcht' Enk halt Glück wünschen.“

„So? Kommt Dich das hart an?“ erwiderte sie rasch. „Dann kannst Du es gut sein lassen; ich bin nicht versessen darauf.“

„Ihr müßt's nicht so nehmen,“ entgegnete er, indem er den Hut in den Händen drehte und gegen seine sonstige Art wie verwirrt dastand. „Ich weiß diemalen nicht, was ich denke, geschweige denn, was ich rede. Der Glückwunsch kommt mich freilich nicht hart an, aber das Andere, was noch dabei ist.“

„Was wäre denn das?“ fragte Nannei, deren Herz sich bewegte, als sie die Befangenheit und Weichheit des sonst so trotzigen Burschen gewahrte.

„Daß ich gegen Dich, will sagen gegen Enk so keck und übermüthig gewesen bin,“ fuhr er stockend fort, „und daß ich Enk selbigmal den Buschen abgenommen habe, und daß ich Enk bitten möcht', Du solltest mir's nicht nachtragen und nicht harb sein. Ich hab's hart genug büßen müssen – ich glaub', es ist eine Strafe Gottes gewesen, was über mich gekommen ist.“

„Du brauchst mich nicht um Verzeihung zu bitten, Lenz,“ entgegnete Nannei gütig, „Du hast mir nichts angethan; ich weiß ja, daß es nicht so bös gemeint war.“

„Ist's wahr, Nannei?“ erwiderte er freudig. „Ist's wirklich wahr, Fräulein Nannei? Verzeihst mir's wirklich? Nachher wird mir gleich leicht um's Herz; nachher fällt mir das Fortgehen vom Kogelhof doch nicht gar so schwer. Gieb mir die Hand drauf, daß Du mir nichts nachtragst!“

„Da hast Du alle zwei!“ sagte sie und streckte ihm die Hände entgegen, die er eifrig ergriff. „Geh' halt in Gottes Namen, Lenz!“ fuhr sie fort. „Sei rechtschaffen, dann wird unser Herrgott auch schon ein Einsehen haben und Alles noch recht machen mit Dir.“

Lenz nickte stumm; reden konnte er nicht; er stand wie angewurzelt und ließ auch die Hände nicht los, die in den seinigen so warm und traulich lagen. Auch Nannei dachte nicht daran, sie zurückzuziehen – es lag etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen, aber sie fanden die Laute nicht dazu.

Wagengerassel scheuchte die Beiden aus einander. Der Landrichter war angekommen, und die beginnende Inventur rief Lenz in dessen Nähe.

Das langwierige Geschäft nahm mehrere Stunden in Anspruch. Es war keine Kleinigkeit, bis alle Wohnräume des Hauses, alle Scheuen und Ställe durchgegangen, bis sämmtliche Einrichtungsgegenstände, Betten und Kästen mit Inhalt, Pferde und Kühe mit Schiff und Geschirr aufgeschrieben, geschätzt und [114] in's Protokoll eingetragen waren, dessen Abfassung der Schreiber in der Wohnstube an derselben Tischecke besorgte, wo der alte Kogelhofer die Ankunft seines Königs in den Kalender einzutragen gedacht hatte. So eifrig und genau Alles durchsucht wurde, fand sich jedoch nirgends eine Spur von Papieren, in welche der Alte etwa seinen letzten Willen niedergeschrieben oder irgend welche Nachricht oder Andeutung über seine Erlebnisse gemacht hätte.

Der einzige Anhaltspunkt, der darüber zu erlangen war, kam von einem Bauer aus dem Flachlande, aus der Gegend, wo der Kogelhofer zuerst daheim gewesen; derselbe war eigens hereingekommen, um über das Schicksal des alten Freundes und Jugendbekannten genauere Erkundigungen einzuziehen, als in der Ferne möglich war. Der Mann wußte aus den eigenen Erlebnissen ziemlich genau Bescheid zu geben, wie der selige Kogelhofer gegen den Willen seines Vaters eine Liebschaft angefangen hatte mit einem geringen Mädchen, einer Bauernmagd, die nicht blos blutarm, sondern auch die Tochter eines Kleingütlers war, mit dem der Vater seit Jahren in abgesagter Feindschaft lebte. Der Alte hatte daher von einer Heirath durchaus nichts wissen wollen; es hatte viel Verdruß und Zorn darüber abgegeben, aber es half nichts mehr; das Unglück war geschehen, und als Lenz auf die Welt gekommen, war bereits vollends jeder Ausweg mit Brettern verschlagen. Der Vater hatte sich bei Seel' und Seelenheil verschworen, daß er die Heirath nun und nimmer zugeben würde; er war, wie der Kogelhofer, ein jähzorniger Mann gewesen, der denn auch einmal bei einem Disput mit dem Sohne vom Schlag gerührt ward. Als das geschah, war es aber schon zu spät gewesen, dem Mädchen seine Ehre wiederzugeben – sie hatte sich hinunter gehärmt und gekränkt und war vom Kindbett nicht mehr aufgestanden – dem Kogelhofer aber war es unheimlich geworden, und er hatte einen neuen Wohnort aufgesucht.

Endlich waren die meisten Gelasse durchforscht, der Landrichter schritt nur noch zu einer letzten Besichtigung an den Stuben und Kammern vorüber, in welchen die Ehehalten wohnten und ihre Habseligkeiten aufbewahrt hatten. Auch an dem Kämmerchen, das Nannei bewohnt hatte, ging er vorüber; die Thür stand offen; es war nichts Besonderes in demselben zu bemerken. Dennoch war Lenz mit einem Satz über der Schwelle und hob ein am Boden liegendes Blatt auf, das er rasch in die Tasche steckte.

Die Bewegung war wohl dem Landrichter, nicht aber den Geieraugen des Krämers entgangen, der allen Ernstes darauf drang, daß Lenz das Papier vorzeige, welches vielleicht Wichtiges und Geldwerthes enthalten könne. – Lachend, doch erröthend zog Lenz das Blatt hervor.

„Es ist nichts,“ sagte er, „nichts als ein Stück alte Zeitung; ich hab's nur aufgehoben, weil ich so alte Sachen oft gern nachlesen mag.“

Der Landrichter überzeugte sich davon, nahm das Blatt, drückte es zu einem Knäuel zusammen und warf es wieder zu Boden. Der Zug bewegte sich die Stiege herab, Lenz aber wußte es so einzurichten, daß er der Letzte war. Niemand achtete seiner, als er, wie ein Habicht auf seine Beute, nach dem Papier schoß und es in Sicherheit brachte.

In der Stube sollte zum Schluß das Verhandlungsprotokoll und die förmliche Erklärung des Krämers aufgenommen werden, daß er nach dem pfarramtlichen Zeugniß, welches er vorsichtiger Weise beigebracht hatte, den Antrag stelle, den Rücklaß an ihn, als einzigen und nächsten Erben, herauszugehen. Der Beamte war eben im Begriffe, die entsprechenden Sätze zu dictiren, als durch die kleinen Rundscheiben der Fenster die lustigen Töne eines Posthorns schmetterten und ein Dienstbote mit der Meldung in's Zimmer stürzte, ein Staffettenreiter sei angekommen, der für den Landrichter ein Schreiben vom König bringe.

Der Postillon folgte dem Boten auf dem Fuß. Der Glanzhut mit dem mächtigen weiß und blauen Federbusch, die blaue Jacke mit den silberbesetzten schwarzen Sammtaufschlägen, die rothe Weste, die blanke Reithose und die noch blankeren Reitstiefel ließen erkennen, daß der Posthalter die Depesche für sehr wichtig gehalten haben mußte und daher dem Postillon befohlen hatte, sich in große Gala zu werfen.

Kaum eine Secunde verging, und wie auf Commando war, was auf dem Kogelhof anwesend war, in der Stube zusammen gekommen; ein Schweigen tiefster Erwartung lagerte darüber, höchstens unterbrochen durch das gedämpfte Flüstern, von welchem nur einzelne Worte zu verstehen waren. „Ein Schreiben vom König! Wenn das der alte Kogelhofer erlebt hätte! Was mag wohl darin stehen, in dem Schreiben?“

Nur der Krämer theilte die freudig erregte Stimmung der Uebrigen nicht. „Ein Schreiben vom König?“ sagte er lachend und halblaut, doch so, daß der Landrichter, der eben das Schriftstück aufschnitt, es wohl vernehmen konnte. „Was wird darin stehen? Was kann denn darin stehen? Das habe ich lange gemerkt, daß der Kogelhofer, wie ihn der König aufgefordert hat, sich eine Gnade auszubitten, ihn darum angegangen hat, er solle Lenz für ein eheliches Kind erklären.“

„Nun, wenn es so wäre?“ fragte der Landrichter, indem er einen Blick auf das Blatt warf und dann den Krämer fest ansah.

„Dann möcht's dem Lenz auch nichts mehr helfen,“ erwiderte Rab. „So lange der Kogelhofer gelebt hat, hätte das geschehen können; da hat es noch keine Erbschaft gegeben, aber jetzt ist es damit vorbei. Der Kogelhofer ist vor der Legitimation gestorben, damals also war Lenz ein lediges Kind; ich habe geerbt, und was ich geerbt habe, das kann kein Kaiser und kein König mir mehr nehmen.“

Der Landrichter hielt immer noch den Blick auf den Krämer geheftet. „Es ist erstaunlich,“ sagte er dann, „wie gut Sie die Zeit, während der Sie bei Gericht verwendet waren, benutzten, um sich Gesetzkenntnisse zu verschaffen. Sie haben auch ganz recht, mein Herr, und doch haben Sie geirrt. Dieses Blatt – hört Ihr, Leute! – dieses Blatt enthält wirklich die Erklärung Seiner Majestät, worin derselbe kraft allerhöchster königlicher Machtvollkommenheit der Geburt des Bauernsohnes Lorenz Reiter vom Kogelhof jeden Makel nimmt.“

Aus der allgemeinen Stille brach ein nicht minder allgemeines Brausen von Stimmen los: Verwunderung, Freude, Zorn machten sich um die Wette laut, und der Schreiber hatte Mühe, die Ruhe soweit herzustellen daß die weitere Mittheilung des Landrichters vernommen werden konnte.

„Das Schreiben rührt wirklich von dem Cabinetsrath Seiner Majestät her,“ begann der Beamte wieder; „es enthält die Nachricht, daß der König, der gewohnt ist, jeden Abend Alles, was ihm tagüber vorgekommen, zu erledigen, dieser Gewohnheit auch an dem Tage, an welchem er auf dem Kogelhofe gewesen, treu blieb. Spät Abends noch, als er schon ermüdet sich zur Ruhe begeben wollte, hatte er in seinem Taschenbuche die Notiz über das Gesuch des Kogelhofers gefunden; er hatte sofort noch in der Nacht den Cabinetsrath rufen lassen und ihm die Genehmigung des Gesuches in die Feder dictirt: 'Der brave Kogelhofer,' sagte er dabei, 'hat sich auch nicht besonnen, mich über den Abgrund wegzutragen; so will ich mich auch nicht besinnen, seinen Wunsch zu erfüllen.' Das allerhöchste Decret wird in den nächsten Tagen eintreffen, und diese Nachricht kommt nur voraus zur Beruhigung des Alten – leider,“ schloß der Beamte ergriffen, „ist derselbe inzwischen bereits in die ewige Ruhe hinüber gegangen.“

„Das geht nicht an!“ rief der Krämer. „Ich protestire, Gnaden Herr Landrichter.“

„Es ist vergebens,“ antwortete dieser; „die Legitimation des Königs ist noch am 5. September Abends erfolgt; Lorenz Reiter war also bei dem am 6. September erfolgten Tode seines Vaters vollkommen erbfähig und erbberechtigt und ist demnach von Gottes und Rechts wegen rechtmäßiger Besitzer und Bauer auf dem Kogelhofe. Ich schließe daher die heutige Verhandlung, indem ich sie für aufgehoben erkläre bis zum Eintreffen des allerhöchsten Bescheides. Das kann ich aber heut wohl nicht besser thun, als indem ich sage: Hoch lebe unser gnädiger König!“

Der einstimmige Zuruf der Anwesenden war betäubend. Wenn auch im ersten Augenblick die Stimmung vielfach gegen Lenz gewesen war, hatte doch der furchtbare Ernst derselben bald mildernd gewirkt, und jetzt, da der König so recht wie eine Hand der Gnade aus den Wolken eingegriffen hatte, waren alle umgewandelt.

Nur der Krämer konnte nicht einstimmen; er war bereits aus der Stube auf den Hof gerannt und bedurfte diesmal keines Knechtes, um sein Wägelchen aus der Scheune zu schieben und [115] sein Rößlein anzuschirren. Niemand war ihm dabei behülflich, Niemand hinderte ihn; Alle sahen seinem Beginnen aus der Ferne zu. Als er aber Philomena trotz ihrer verweinten Augen einen Puff gegeben, damit sie sich schneller auf dem Sitze zurechtfinden sollte, und dann wegfuhr, konnte er wohl, trotz des Rädergerassels, vernehmen, wie die Burschen ihm mit Spottliedern den Abschied gaben. Sie sangen:

„B'hüt Gott, sagt der Teufel,
Herr Geier und Rab,
Jetzt putz' halt den Schnabel
Und die Krallen fein ab!“

Die Freude des neuen Kogelhofers zu schildern, wäre vergebliche Mühe. Er hatte vom Landrichter das Cabinetsschreiben sich geben lassen und hörte nicht auf, das Glück bringende Blatt und das Siegel desselben an den Mund zu drücken; den ganzen Inhalt seines Lederbeutelchens aber schüttete er in den Hut des Postillons aus und wußte dann nichts Besseres zu thun, als einem der Nachbarn und Umstehenden nach dem andern die Hände zu schütteln oder ihm um den Hals zu fallen. Sogar den Pechler Kaspar, der ihm in den Weg kam, hielt er so fest, als wenn er ihn gar nicht mehr loslassen wollte.

Der Alte stieß ihn zurück; er war in der übelsten Laune, denn die Nachrichten, die er zu bringen hatte, konnten nicht schlechter sein.

Nannei hatte sein Kommen bemerkt und winkte ihm wieder nach der einsamen Tenne, wo sie am ungestörtesten ihn anhören zu können hoffen durfte.

Der Alte hatte seine diplomatische Sendung erfüllt, aber der Erfolg war gewesen, wie Nannei's richtiges Gefühl ihn vorhergesehen hatte. Der alte Baron hatte sich wie ein Unsinniger geberdet.

Er habe schon von der Geschichte gehört, schrie er, und er wolle sehen, ob Jemand sich unterstehen würde, Ansprüche gegen ihn zu erheben. Es sei Alles nicht wahr und eine abgekartete Sache; der Ring und der Trauschein seien nicht echt, und wenn sie es wären, habe das Weib sie offenbar gestohlen. Uebrigens habe er seinen Sohn längst enterbt und verstoßen, und wenn derselbe heute wiederkäme, würde er nichts von ihm zu fordern haben; um so weniger also könne eine angebliche Tochter von ihm etwas beanspruchen.

„'Ich habe selber nichts,' hat er geschrieen,“ erzählte der Pechler; „'ich bin selber ein armer Mann und bin's durch Niemand anderes geworden, als meinen ungerathenen Sohn. Macht, daß Ihr weiter kommt, oder ich lasse den großen Hofhund los.' – Ich glaube,“ schloß der Erzähler, „wenn ich nicht gutwillig gegangen wäre, er hätte wirklich Ernst gemacht und mich durch den Hund hinaushetzen lassen. – Nimm Dir's nicht zu Herzen!“ fuhr er fort, als er gewahrte, daß Nannei, wider Willen von dem Berichte ergriffen, sich eine Thräne abwischte; „wir wollen's ihm schon zeigen, dem Baron. Ich hab' schon mit Einem gesprochen, der was von der Juri versteht; der hat mir gesagt, wie wir's anfangen müssen, daß er doch zu Kreuz kriechen muß. Es wird doch schon noch Alles recht werden.“

„Das wird's, Vater – ganz gewiß wird noch Alles recht werden,“ sagte Nannei, indem sie die Hand des Alten faßte und herzlich drückte. „Ich brauch' keinen andern Vater und will keinen andern, als Dich. Von mir aus sollen die vornehmen Leut' dort thun, was sie wollen; ich will nichts von ihnen.“

„Aber was soll denn mit Dir werden?“ fragte der Alte. „Du wärst doch versorgt gewesen, und so mußt Du Dein Lebtag ein armseliger Dienstbot' bleiben.“

„Wenn's mir so bestimmt ist, muß ich 's auch annehmen,“ entgegnete Nannei, „es ist besser so. Ich hab' mir's wohl überlegt und hab' am Grabe mit meiner Mutter Zwiesprach gehalten – auf dem Land' bin ich geboren; auf dem Land' bei den Bauern bin ich aufgewachsen – ich thät' doch nicht hineintaugen unter die vornehmen Leut'. Eine Bäuerin bin ich gewesen; eine Bäuerin will ich bleiben; es wird auch noch einen Ort für mich geben, wo ich ein Heimath'l finde.“

„Eine Heimath wär' nicht schwer zu finden,“ sagte Lenz, der, von Beiden unbemerkt, hinzugetreten war und Alles mit angehört hatte! „Wie wär's, Nannei, wenn Du wieder auf den Kogelhof kämst?“

„Das ist nit schön von Dir, Lenz,“ erwiderte Nannei mit gesenktem Blick, „daß Du Dein Gespött mit mir treibst. Du weißt doch, daß das nicht angeht.“

„Mach', daß Du weiter kommst!“ fuhr Kaspar unwillig in die Höhe. „Schwimmst erst einen Augenblick oben, und bist schon wieder übermütig?“

„Was hast denn, Alter?“ entgegnete Lenz. „Ich habe nichts Uebermüthiges im Sinn. Gieb mir eine Antwort, Nannei! Du wirst schon davon gehört haben, daß ein neuer Bauer auf dem Kogelhofe ist, welcher eine Bäuerin braucht. Weißt mir keine?“

Nannei erröthete: sie fühlte sich von einem leichten Beben ergriffen, aber sie schwieg.

„Schau, Nannei!“ fuhr er nähertretend fort, „jetzt darf ich reden, und jetzt will ich auch reden und will Alles sagen, was ich schon so lang' auf der Seel' gehabt habe. Ich hab' es selber nie recht gewußt, aber ich hab' Dich gern, für mein Leben gern – geh, nimm mich an und werd' mein Weib!“

Sie schwieg noch immer.

„Bin ich Dir denn zuwider?“ begann er wieder. „Du hast mir doch verziehen! Kannst es denn gar nicht in Dir finden, daß Du mir auch gut bist oder doch mir gut werden könnt'st?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich glaub' Dir's nit,“ sagte Lenz, „und selbst, wenn Du es sagen thät'st – ich könnt's nicht glauben, weil ich's besser weiß. – Du schau her, kennst das?“ fuhr er fort, indem er das in der Kammer gefundene Zeitungsblatt hervorzog, „das da hab' ich in Deiner Kammer gefunden – es ist der Camerad von dem Zettel, in den ein gewisses Geld eingewickelt gewesen ist, das ich an einem gewissen Tage an einem gewissen Platz in meinem Hut gefunden habe – das Geld ist also von Dir gewesen, Nannei; Du bist die Einzige gewesen, die sich um mich gekümmert hat, Du hast Dein Spargeld mit mir getheilt und Du willst mich nicht gern haben? Geh, sei nicht falsch mit Dir selber, sag's, daß Du mich auch gern hast, sag's, daß Du mein Weib, meine Bäuerin sein willst!“

Er trat näher. Wie einst breitete er die Arme gegen sie aus.

„Wenn ich jetzt wieder ein Buß'l von Dir möcht',“ sagte er, „wenn ich's auf diese Weise verlange, Nannei, wirst mir nachher auch einen Renner geben?“

Sie widerstrebt nicht, als er den Arm um ihre Hüfte schlang, sie an sich zog und küßte. In Thränen sank ihr Köpfchen ihm an die Brust.

Dem Pechler Kaspar aber war es in die Beine gefahren, sodaß er sich auf einen Hackestock niedersetzen mußte und verwundert nach alter Gewohnheit mit den Händen auf die Kniee trommelte. –

Der Herbst verging; der Winter kam und verging auch, und als im Auswärts die Schwalben wieder kamen, da wurde auf dem Kogelhofe eine Hochzeit gefeiert, wie sie selten vorkam in den Bergen. Die Einrichtungen auf dem Hofe waren getroffen, und auch die anderen Verhältnisse hatten sich inzwischen geordnet, wie es von Niemand erwartet worden war, nun aber von Allen gut geheißen wurde.

Nannei hatte die Zeit doch im Hause des Barons zugebracht; denn seine dicke bürgerliche Ehehälfte war durchaus nicht mit ihm einverstanden, als sie erfuhr, wie er sich gegen die neugefundene Enkelin benommen hatte, und setzte es durch, daß Nannei in's Haus des Großvaters komme. Die Triebfeder ihres ganzen Wesens war die Eitelkeit – aus Eitelkeit, um des Titels willen hatte sie den dürftigen Baron geheirathet; aus Eitelkeit zeigte sie sich gegen Nannei freundlich und großmüthig: war sie doch gewiß, daß auf dreißig Stunden im Umkreis nur von ihr geredet und ihre Güte gepriesen wurde. War sie auch mehr als sparsam, so war ihr doch bei solcher Veranlassung auch eine ansehnliche Ausgabe nicht zu theuer. Sie verstand, den Widerstand des ohnehin eingeschüchterten Barons gründlich zu brechen – um so leichter, als die Furcht, wie seine strenge Gebieterin die Enkelgeschichte aufnehmen werde, die Haupttriebfeder seiner Ungeberbigkeit gewesen war.

„Ein Heirathsgut,“ hatte die einstige Bräuerswittwe gesagt, „kannst Du dem Mädel nicht geben, weil Du selber nichts hast, [116] aber eine Ausstattung soll sie von mir haben, wie sie sich für mich schickt. Ich will den Leuten zeigen, daß ich nicht umsonst eine Baronin bin und daß ich versteh', was 'noblisch' ist.“

So kam es denn, daß, als am Tage vor der Hochzeit der sogenannte Kammerwagen nach dem Kogelhofe fuhr, in allen Dörfern das zusammenlaufende Volk darüber einig war, eine solche Pracht, ein ähnlicher Reichthum sei seit Menschengedenken nicht gesehen worden. Der Wagen, wie die sechs davor gespannten Pferde waren über und über mit Kränzen und Bändern geschmückt; das große Himmelbett, das zwischen offenen vollen Leinwandkästen die Mitte des Wagens einnahm, war ein wahres Prachtstück an Weiße, Weichheit und Schönheit – über demselben als Giebel erhob sich, dem Brauche gemäß, das Spinnrad, und am Ende schaukelte die bunt bemalte unvermeidliche Wiege.

Im Hochzeitszuge selbst schritt unter den Kranzeljungfern auch Philomena, die Tochter des Krämers – diesmal mit freudig verklärtem Angesicht, denn Nannei's Bemühungen und der Macht der Verhältnisse war es gelungen, den Alten mürbe zu machen – in wenig Wochen sollte sie mit dem geliebten Maxl denselben Freudenweg wandeln. Der Vorsteher hatte sich's nicht nehmen lassen und de- und wehmüthig gebeten, die Braut als Beiständer geleiten zu dürfen, und ihr dadurch seine frühere Grobheit abzubitten, auf der rechten Seite aber ging ihr der Pechler Kaspar, diesmal völlig unkenntlich, denn er war säuberlichst gewaschen und steckte in einem Anzug, wie er im ganzen Leben noch keinen auf dem Leibe getragen. Dennoch war die hervorragendste Erscheinung des Zuges die Ehrenmutter der Braut, die Frau Baronin Steinerling von Stein, weiland die reiche Gabelbräuerswittwe, die, mit Ringen, Ketten, Brochen, Armbändern und Medaillons belastet, wie ein wandelnder Juwelierladen einherschritt, verklärt von dem Bewußtsein ihres wirklich „noblischen“ Aussehens und Benehmens.

Nach der Trauung ging das neue Ehepaar auf den Friedhof zum Besuch der beiden ihnen so theueren und bedeutungsvollen Gräber; über denselben reichten und drückten sie sich nochmals mit stummem Gelöbniß die Hände.

Das Hochzeitsmahl, das nach der Landessitte den Tag beschloß, verlief in ungestörtester Fröhlichkeit, und der Pechler war gewissenhaft genug, sich den schon beim Umgang nach dem Traueramt versprochenen Haarbeutel in bester Form anzubinden.

Im folgenden Herbst sprach der König abermals bei der Vorüberfahrt auf dem Kogelhof ein und nahm den Dank der Glücklichen entgegen; die Nachricht von all den eingetretenen Ereignissen hatte den Fürsten zu einem kleinen Umwege veranlaßt. Er kam gerade an einem Tage, an welchem das „noblische“ Ehepaar sich zum Besuche eingefunden hatte; der Baron genoß die Genugthuung, seinem allerhöchsten Landesherrn wirklich seine „Gemahlin“ vorstellen zu können, welche vor lauter Verbeugungen fast in die Kniee sank, und mit heiterem Lächeln wiederholte der König sein Bedauern, daß er allein sei und also dem Herrn Baron „seine Frau“ nicht hinwider vorstellen könne.

Bei der Abfahrt stand die junge Kogelhoferin oder, wie das Volk sie am liebsten nannte, die „Baronbäurin“ am Schlage des königlichen Wagens und reichte dem König, diesmal ohne Hinderniß, einen „Buschen“ von Blumen, der, wenn auch in Eile gebunden, dem vom vorigen Jahre nicht nachstand.


Der Erzähler hat die „Baronbäurin“ selber gekannt und manchmal auf seinen Gebirgswanderungen bei einer Schüssel Milch sich der rührigen rüstigen Frau, ihres Haushalts und der blühenden Kinder erfreut, die vor dem Hause mit dem alten Pechler Kaspar spielten und tollten, den es allmählich aus seiner Pechhütte hereingezogen hatte und der nun den Posten einer Kinderfrau vortrefflich ausfüllte.

Jetzt ist längst ein Sohn Nannei's auf dem Hofe; sie selbst ist schon heimgegangen, viel früher, als es nach Alter und Art nöthig gewesen wäre – in der Gegend aber lebt die Erinnerung an sie noch fort, und wo noch der alte Brauch in Uebung ist, daß im Winter die Mädchen mit ihren Spinnrädern im „Heimgarten“ zusammenkommen und sich Geschichten erzählen, da ist wohl noch manchmal die Rede von der Baronbäurin und von den sonderbaren Schicksalen der zwei „ledigen Kinder“.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Laubengang – hölzerne Gallerie; Gräd: breite, gepflasterte oder hölzerne Stufe.
  2. Weihnachtsvorstellung.
  3. Vorlage: filigranerner
  4. Vorlage: dem