Das Denkmal der Königin Luise für Berlin

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Adolf Rosenberg
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Denkmal der Königin Luise für Berlin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 4–7
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[4]
Das Denkmal der Königin Luise für Berlin.

Am 10. März, dem hundertsten Geburtstage der Königin Luise, die nach der Prophezeiung des jugendlichen Freiheitssängers „zum Schutzgeist deutscher Sache“ geworden ist und deren hehres Bild auch zum zweiten Mal den über den Rhein ziehenden Heerschaaren Alldeutschlands als leuchtendes Panier voranschwebte, beschlossen die städtischen Behörden von Berlin, der edlen Frau, welche die Morgenröthe der Freiheit und den Tag der Erlösung nicht mehr schauen sollte, in einem der schönsten Theile des Thiergartens ein Denkmal zu errichten. Es ist eine Stätte, die schon durch Erinnerungen an die verewigte Königin geweiht ist. Als die königliche Familie nach fern von der Hauptstadt verlebten Jahren tiefster Trauer am 22. December 1809 wieder in ihre Residenz einzog, setzten Bewohner der Thiergartengegend „ihrer heimkehrenden Königin“ einen schlichten Denkstein auf einer kleinen Insel des Parkes, welche seitdem den Namen „Luisen-Insel“ trägt und alljährlich am 10. März von [5]

Die Gartenlaube (1880) b 005.jpg

Die Encke'sche Königin Luisen-Statue für den Thiergarten in Berlin.
Nach einer in Encke's Atelier für die „Gartenlaube“ gefertigten photographischen Aufnahme.


pietätvollen Händen in einen köstlichen Blumenwald verwandelt wird. Hinter dieser Insel erhebt sich auf freiem Platze, inmitten dichtbelaubter Baumriesen, das Denkmal Friedrich Wilhelm's des Dritten, jene um ihres herrlichen Frieses willen so außerordentlich populär gewordene Meisterschöpfung Friedrich Drake's, welche ebenfalls von der Berliner Bürgerschaft gestiftet und am 3. August 1849 enthüllt worden ist. Neben diesem Denkmal ihres Gatten soll das der Königin Luise seinen Platz finden, und dieser Umstand war für seine Composition maßgebend.

Die Wahl der städtischen Behörden fiel auf den Bildhauer Erdmann Encke, der durch die herrliche Idealfigur einer Berolina, welche die Siegesstraße unserer heimkehrenden Krieger im Juni 1871 schmückte, ein glückliches Talent für Formenschönheit und monumentale Würde bekundet hatte. Erdmann Encke, geboren am 26. Januar 1843 in Berlin, ist ein Schüler Albert Wolff's, der mit Drake zu den würdigsten Nachfolgern Christian Rauch's, des Altmeisters der Berliner Bildhauerschule, gehört. In den Traditionen dieser Schule hat sich auch Encke herangebildet. Aber er weiß mit den Hauptgrundsätzen derselben, einer strengen Durchbildung der Form und einer eindringlichen, realistischen Charakteristik, einen weichen, poetischen Zug zu verbinden, welcher die Formenstrenge angenehm mildert. Obwohl ihn seine individuelle Begabung deshalb vorzugsweise für die Idealplastik befähigt, hat der Künstler sowohl in dem Standbilde Jahn's für den Turnplatz in der Berliner Hasenhaide, wie auch in einer Anzahl Portraitbüsten einen vollentwickelten Sinn für das [6] Charakteristische der äußeren Erscheinung gezeigt. In einer Bronzestatue des ersten Kurfürsten von Brandenburg für die Façade des Berliner Rathhauses hat er bewiesen, daß er sogar den Ausdruck männlicher Energie und Entschlossenheit zu erreichen im Stande ist.

Am 22. März 1877, dem achtzigsten Geburtstage Kaiser Wilhelm's, hatte Encke sein Werk bereits so weit gefördert, daß das Hülfsmodell der Statue in der alten Capelle des Königsschlosses aufgestellt werden konnte. Als Kaiser Wilhelm am Festvormittag den Rittersaal verließ, in welchem ihm der König von Sachsen im Namen der deutschen Fürsten A. von Werner's Kolossalbild „Die Kaiserproclamation in Versailles“ überreicht hatte, fiel der Blick des greisen Herrschers auf das Ebenbild seiner verklärten Mutter, welches ihm aus einem Gebüsch dunkelgrüner Blattpflanzen entgegenleuchtete.

Encke ging alsbald an die Ausführung in Marmor, und heute ist seine Arbeit so weit gediehen, daß, nach dem Wunsche des Kaisers, die Enthüllung des Denkmals am 10. März dieses Jahres, dem Geburtstage der Königin, erfolgen kann. Der Aufbau desselben schließt sich eng an den des Drake'schen an. Um den cylindrischen Sockel schlingt sich ein Hochrelief, welches in lebensvollen Gestalten an der Vorderseite den Auszug in den Befreiungskampf und an der Rückseite die glückliche Heimkehr der Sieger schildert, während dazwischen einerseits die Mildthätigkeit gegen die Zurückgebliebenen, andererseits die Barmherzigkeit, welche Verwundete und Kranke pflegt, durch realistisch aufgefaßte Gruppen verkörpert werden.

Auf Grund der diesem Artikel beigegebenen wohlgelungenen Abbildung, der ersten künstlerisch ausgeführten, welche in die Oeffentlichkeit gelangt, mögen die Leser sich ein Urtheil über den unbeschreiblichen Formenreiz der edlen Gestalt bilden, der durch den majestätischen Fluß der in breite, ruhige Falten angeordneten Gewandung noch gehoben wird. Die Auffassung der Gesichtszüge wird freilich auf den ersten Blick manchen befremden. Der Künstler hat nicht die jugendliche, von holdem Liebreiz umflossene Fürstin dargestellt, wie sie in den Schilderungen ihrer begeisterten Zeitgenossen lebt, sondern die von der Last des Unglücks gebeugte Dulderin, deren Züge von tiefer Schwermuth erfüllt sind. Es ist die Gattin, welche um die gekränkte Ehre ihres Gemahls trauert, die Mutter, welche um die Zukunft ihrer Kinder sorgt, die deutsche Frau, an deren Herzen das Leiden und die Schmach ihres Vaterlandes nagen. Aber aus diesen gramerfüllten Zügen leuchtet noch siegreich der Abglanz jener seltenen Schönheit hervor, die auf alle, welche das Glück hatten, mit der Königin in Berührung zu kommen, einen so tief ergreifenden Eindruck machte.

Wenn wir uns das Bild der Königin vor die Seele rufen wollen, sind wir in erster Linie auf ihre eigenen Aeußerungen angewiesen, denn die Künstler ihrer Zeit haben uns so gut wie ganz im Stich gelassen. Wohl existiren zahlreiche Bildnisse der hohen Frau, Gemälde, Stiche, Zeichnungen und Büsten, aber dieselben widersprechen einander so sehr in den wesentlichsten Zügen, daß man keinem von ihnen ein Autoritätsrecht beimessen kann. Die deutsche Kunst befand sich in dem letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts und in dem ersten des unsrigen bekanntlich in einem Uebergangsstadium, in jener Umwandlung aus dem kleinlichen Dosenstil des Rococozeitalters in die ernste, großartige Formensprache der Antike, durch welche sie ihre endliche Wiedergeburt feierte. Während die eine Hälfte der Künstler noch von dem Geist der Rococozeit beseelt war, berauschte sich die andere bereits an den erhabenen Vorbildern griechisch-römischer Kunst. Den Ersteren fehlte das Verständniß für das Große und Erhabene, den Anderen der Sinn für das individuelle Leben der Persönlichkeit. So kam es, daß die Kunst des Portraitmalers in jener Zeit gerade am wenigsten den Idealen der Bildnißmalerei entsprach, welche Holbein, van Dyck und Rembrandt durch ihre Schöpfungen für die Nachwelt gebildet haben. Während die Maler des Rococos alles Große in's Kleine zogen, den geistigen Gesammteindruck über der gewissenhaften Aufzählung der äußeren Eigenthümlichkeiten vernachlässigten, schufen die Vertreter des neuen Stils statt der Individuen Typen von allgemeiner Schönheit, denen es an individuellem Reize gebrach. Unter diesen Gesichtspunkten sind die meisten Bildnisse der Königin Luise zu beurtheilen, und aus ihnen heraus ist ihre große Verschiedenheit zu erklären. Nur die Büste Gottfried Schadow's macht eine Ausnahme davon. Der Altmeister der Berliner Bildhauerkunst war trotz seiner Neigung für die Antike doch zu sehr Realist, um nicht den Spuren der Natur so getreu zu folgen wie es ihm seine Kräfte erlaubten und der damalige Zeitgeschmack gestattete, welcher der Sucht, Alles zu idealisiren, entgegen kam. Im Jahre 1794, also kurz nach dem festlichen Einzuge der Kronprinzessin Luise in Berlin, modellirte sie Schadow, zugleich mit ihrem jungen Gatten, im kronprinzlichen Palast. Während die Büste des Letzteren später in Marmor ausgeführt wurde, ist uns die erstere nur in Gips erhalten. Nach fünf Jahren fertigte Schadow noch eine zweite Büste von der nunmehrigen Königin, welche von der früheren nur durch die Wendung des Kopfes, durch vollere Rundung der Wangen und freieren Gesichtsausdruck verschieden ist.

Dann war es noch einmal Rauch, der eine Büste der Königin modelliren durfte, kurz nachdem er aus dem königlichen Dienst entlassen worden war, um nach Italien, dem Lande seiner Sehnsucht, zu ziehen und dort seine künstlerische Reife zu empfangen. Die Königin strahlte im Glanze höchster weiblicher Anmuth und innigsten Familienglücks – sie hatte eben das dreißigste Lebensjahr vollendet – als Rauch in den Tagen vom 27. Juni bis zum 23. Juli in Charlottenburg ihre Büste fertigte. Aber sein Geist war nicht mehr ganz bei der Sache; er war ihm bereits in das Land der Künste vorausgeeilt. Nach seinem eigenen Urtheile gerieth er bei der Arbeit in's Steife und Trockene, und als die Marmorausführung sechs Jahre später, nach dem Tode der Königin, an den König gelangte, hatte dieser besonders an der Aehnlichkeit Mancherlei auszusetzen. Die berühmte Grabstatue, die Rauch nachmals für das Mausoleum in Charlottenburg schuf, macht noch weniger Anspruch auf Portraitähnlichkeit: sie ist eine Idealfigur, welche die Züge der Königin nur im Allgemeinen festhält.

Aber vielleicht entspricht gerade eine solche Idealisirung am meisten dem Bilde, welches enthusiastische Zeitgenossen, Goethe und Jean Paul an der Spitze, von der holden Königin entworfen haben. Wenn Jean Paul sie eine „gekrönte Aphrodite“ nennt, deren Sprache und Umgang ebenso reizend ist, wie ihre Musengestalt, so wird man geneigt sein, dies für eine poetische Hyperbel des dankbaren Dichters zu halten, welcher bei seiner Anwesenheit in Berlin in der Königin eine warmherzige Beschützerin und Verehrerin seiner Muse fand. Aber der besonnenere und kühlere Goethe hatte acht Jahre früher, als er die Prinzessin Luise und ihre Schwester während der Belagerung von Mainz, kurz nach ihrer Verlobung mit den preußischen Prinzen, im Hauptquartier zu Bodenheim sah, unter dem 29. Mai 1793 nicht minder überschwänglich geschrieben: „Gegen Abend ward uns, mir aber besonders, ein liebenswürdiges Schauspiel bereitet. Die Prinzessinnen von Mecklenburg hatten im Hauptquartier zu Bodenheim bei Seiner Majestät dem König gespeist und besuchten nach der Tafel das Lager. Ich heftelte mich in mein Zelt ein und durfte so die hohen Herrschaften, welche unmittelbar davor ganz vertraulich auf- und abgingen, auf das Genaueste betrachten. Und wirklich konnte man in diesem Kriegsgetümmel die beiden jungen Damen für himmlische Erscheinungen halten, deren Eindruck auch mir niemals verlöschen wird.“

Noch größer war der Enthusiasmus der Berliner, nachdem die beiden Prinzessinnen ihren Einzug gehalten hatten. „Im Jahre 1794,“ so schrieb nachmals der alte Schadow, „hatte sich in Berlin ein Zauber verbreitet, welcher über alle Stände ausging, durch das Erscheinen der hohen Schwestern, Gemahlinnen der Söhne des Königs. Es entstanden Parteien, welcher von Beiden der Vorrang der Schönheit zukomme.“

Daß sich mit diesen äußeren Vorzügen der Königin Luise eine unwiderstehliche Liebenswürdigkeit paarte, geht ebenfalls aus allen Zeugnissen hervor, eine Liebenswürdigkeit, vor welcher selbst das Eis des preußischen Hofceremoniells schmolz. Die Memoiren der Oberhofmeisterin Gräfin von Voß, welche neunundsechszig Jahre am preußischen Hofe gelebt hat und genug Menschenkenntniß besaß, um den Kern unter der Schale zu erkennen, bieten uns zahlreiche Belege für die hohen Charaktervorzüge der Königin, die sich gleich vom Anbeginn in ihrer sieghaften Kraft zeigten und auch die Herzen der Widerstrebenden in ihrer Umgebung gewannen. „Die Prinzessin ist wirklich anbetungswürdig,“ schreibt die Gräfin am 31. December 1793 in ihr Tagebuch, „so gut

[7] und so reizend zugleich, und der Kronprinz ist ein so redlicher vortrefflicher Mann, daß man ihm das seltene Glück einer solchen Ehe, den Besitz eines solchen Engels innig gönnt.“ Und im Winter 1794: „Die Kronprinzessin hatte einen wunderschönen Wuchs; ihre Erscheinung war zugleich edel und lieblich, jeder, der sie sah, fühlte sich unwiderstehlich angezogen und gefesselt.“

War die Königin schon bei Lebzeiten der Gegenstand schwärmerischer Verehrung und Liebe, so steigerte sich nach ihrem Tode diese Verehrung bis zur Anbetung. Blücher's Wort bei der Nachricht vom Tode seiner Königin: „Die Heilige ist im Himmel“ war nur der Dolmetsch der allgemeinen Volksstimme, das Echo des Volksglaubens, dem Frau von Berg einen so schönen Ausdruck gegeben hat: „Es war etwas in ihr, was wir eine Verklärung des Lebens nennen möchten, was dem Gewöhnlichen im Leben so ungleich war und in dessen Nähe man sich gleichsam so veredelt und beglückt fühlte, daß der Königin der Name 'Engel' bei Denen, die ihr Wesen ganz durchschauten, vorzugsweise geworden war. 'Der Engel' wurde sie genannt von Allen, deren Herzen sie am nächsten war.“

Und dieser Engel begeisterte die zornigen Rachegesänge unserer Dichter; er schwebte den Heeren voran, die über den Rhein gingen und den Tod und die Schmach der Königin blutig rächten. Der Gedanke der Einigung Deutschlands gewann nicht in Friedrich dem Großen, sondern im Geiste einer Frau, dem der Königin Luise zuerst eine feste Gestalt, aber die Heere, die für die hohe Frau hinauszogen, haben ihren Lieblingsgedanken nicht verwirklichen können.

„Von unserer Seite wird nie etwas geschehen, was nicht mit der strengsten Ehre verträglich ist und was nicht mit dem Ganzen geht,“ so schrieb die Königin, als Napoleon den Versuch machte, Preußen durch eine vorgehaltene Lockspeise von den übrigen deutschen Staaten zu isoliren. Sie sprach zuerst von ihrem „vielgeliebten Germanien“, und darum konnte ihr Sohn, Friedrich Wilhelm der Vierte, mit Recht sagen: „Deutschlands Einheit liegt mir am Herzen; sie ist ein Erbtheil meiner Mutter.“

„Als ein Stern in dunkler Nachts“, befreit von allen Schlacken der Endlichkeit, so lebt die Königin Luise im Gedächtniß des preußischen, nunmehr auch des deutschen Volkes fort. Wenn aber das Volk seine Ideale haben muß, so fordert daneben auch die Geschichte ihr Recht. Und die historische Königin Luise, die schlichte Frau, die an Bescheidenheit und Einfachheit keiner ihrer Unterthaninnen nachstand, sie, die selbst von sich sagte: „Die Nachwelt wird mich nicht unter die berühmten Frauen zählen“ – sie hat Encke in seinem Marmorbilde verkörpert, dessen rührende Schönheit eine ebenso eindringliche Sprache redet, wie die stolzeste Apotheose irdischer Majestät.

Adolf Rosenberg.