Legende (Rilke)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Rainer Maria Rilke
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Legende
Untertitel:
aus: Das Buch der Bilder
2. Buch Teil 1, S. 69–72
Herausgeber:
Auflage: Zweite sehr vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1906
Verlag: Axel Junker Verlag
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin / Leipzig, Stuttgart
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons,
E-Text von eLib Austria Projekt
Kurzbeschreibung:
Signatur ÖNB 665257-B.Neu-Mag
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]



[69]
Die Heiligen drei Könige



[71]
Legende


Einst als am Saum der Wüsten sich
aufthat die Hand des Herrn
wie eine Frucht, die sommerlich
verkündet ihren Kern,

5
da war ein Wunder: Fern

erkannten und begrüßten sich
drei Könige und ein Stern.

Drei Könige von Unterwegs
und der Stern Ueberall,

10
die zogen alle (überlegs!)

so rechts ein Rex und links ein Rex
zu einem stillen Stall.

Was brachten die nicht alles mit
zum Stall von Betlehem!

15
Weithin erklirrte jeder Schritt,

und Der auf einem Rappen ritt,
saß sammten und bequem.
Und Der zu seiner Rechten ging,
der war ein goldner Mann,

20
und Der zu seiner Linken fing

mit Schwung und Schwing
und Klang und Kling
aus einem runden Silberding,
das wiegend und in Ringen hing,

25
ganz blau zu rauchen an.

Da lachte der Stern Ueberall
so seltsam über sie,
und lief voraus und stand am Stall
und sagte zu Marie:

30
[72]
Da bring ich eine Wanderschaft

aus vieler Fremde her.
Drei Könige mit Magenkraft,
von Gold und Topas schwer

35
und dunkel, tumb und heidenhaft, –

erschrick mir nicht zu sehr.
Sie haben alle drei zu Haus
zwölf Töchter, keinen Sohn,
so bitten sie sich Deinen aus

40
als Sonne ihres Himmelblaus

und Trost für ihren Thron.
Doch mußt Du nicht gleich glauben: Bloß
ein Funkelfürst und Heidenscheich
sei Deines Sohnes Los.

45
Bedenk, der Weg ist groß.

Sie wandern lange, Hirten gleich,
inzwischen fällt ihr reifes Reich
weiß Gott wem in den Schoß.
Und während hier, wie Westwind warm,

50
der Ochs ihr Ohr umschnaubt,

sind sie vielleicht schon alle arm
und so wie ohne Haupt.
Drum mach mit Deinem Lächeln licht
die Wirrnis, die sie sind,

55
und wende Du Dein Angesicht

nach Aufgang und Dein Kind;
dort liegt in blauen Linien
was jeder Dir verließ:
Smaragda und Rubinien

60
und die Tale von Türkis.