Lola Montez (Die Gartenlaube 1858)

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Titel: Lola Montez
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 239
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[239] Lola Montez, die nächstens nach Paris kommen wird und von einem Wirth als Dame de Comptoir für 30,000 Francs engagirt ist, besuchte früher auch einmal Berlin. Es war im Jahre 1843. Sie war zum ersten Male da, und ist auch nachher nie wieder hingekommen, denn es ging ihr schlecht dort. Mit der preußischen Polizei und den preußischen Criminalgerichten konnte auch Lola Montez nicht spaßen, und wäre der König nicht gewesen, es wäre ihr noch schlechter ergangen.

In den Herbstmonaten des Jahres 1843 befand sich auch der russische Kaiser Nikolaus in Berlin. Zwischen Nikolaus und Lola theilte sich die Aufmerksamkeit des Publicums. Das Publicum ist nun einmal so, überall, und das Berliner erst recht.

Am 17. September war in der Hasenheide bei Berlin eine große Parade zu Ehren des Kaisers Nikolaus, bei der auch Lola Montez nicht fehlte. Sie that, als wenn die Parade ihr zu Ehren sei. Sie flog zu Pferde heran, und ritt mitten durch die dicksten Haufen von Menschen, als wenn sie ein großer Herr, und sie durchbrach die Reihen der Soldaten, als wenn sie ein Feldherr sei. Sie mußte und wollte überall dabei sein und im nächsten Gefolge der regierenden Häupter.

Einem alten Wachtmeister von der Gensd’armerie wurde das doch zuletzt zu arg. Er ritt auf sie zu, und empfahl ihr sehr höflich – die Gensd’armen konnten damals noch sehr höflich sein –, daß sie sich mehr zurückhalten und die Leute nicht belästigen möge. Sie antwortete ihm mit einem derben spanischen Fluche und einem derben Schlage ihrer Reitpeitsche über das Gesicht.

Der alte Gensd’arm war verständig genug, auf der großen Parade, in der Nähe der Monarchen und im Angesichte von mehr als hunderttausend Zuschauern, keine weitern „Maßregeln“ zu ergreifen, die nur einen noch größern Skandal gemacht hätten.

Sein Vorgesetzter sah aber am andern Tage die Sache anders an. Ein Gensd’arm, gar ein Wachtmeister der Gensd’armen, aus feierlicher Parade, in der nächsten Nähe Allerhöchster Herrschaften, mit einer Peitsche in das Gesicht geschlagen! Der alte, brave Officier hatte keinen Ausdruck für das Schändliche, Empörende dieses Verbrechens. Er trug bei dem Criminalgerichte zu Berlin auf Bestrafung der „spanischen Tänzerin Lola Montez, zur Zeit in Berlin sich aufhaltend, und im Hotel de Russie logirend“ an.

Lola Montez wurde zum Criminalgerichte vorgeladen. Und dabei beging sie ein zweites schweres Verbrechen. Dem Criminalboten, der ihr die Vorladung überbrachte, zerriß sie das Papier vor der Nase, und die Stücke warf sie ihm vor die Füße. Das war gar Schmähung der Verordnungen der Obrigkeit. Eine zweite Untersuchung gegen Lola Montez. Sie lachte dazu.

Aber sie hatte viele Bekannte in Berlin, nicht blos unter den Officieren, sondern auch unter den Kammergerichts-Referendarien. Die letzteren setzten ihr auseinander, daß sie für ihre beiden schweren Verbrechen eine Strafe von mindestens drei Monaten Gefängniß, vielleicht sogar im Ochsenkopf (dem Berliner Arbeitshause) bekommen könne, und riethen ihr, als einziges Mittel, dieser Strafe zu entgehen, ein Begnadigungsgesuch an den König an.

Drei Monate Gefängniß, gar im Berliner Ochsenkopf, dem unfreiwilligen Versammlungsorte der gemeinsten Bummler und liederlichen Dirnen Berlins, das war der Tänzerin doch zu viel. Sie bat einen der Referendarien, ihr das Begnadigungsgesuch zu machen, und sandte es an den König ab.

Friedrich Wilhelm IV. hatte eigenhändig auf das Gesuch geschrieben, buchstäblich, wie folgt:

Mlle. Lola ist ein unartiges Kind und hübsches Mädchen, deren Betragen wir nicht so genau zu nehmen haben, da uns ihre Erziehung nicht anvertraut ist. Die Polizei-Behörde hat dafür zu sorgen, daß sie Berlin schleunig räume, und ist ihr ihr Paß sogleich zuzustellen.

F. W.

An den Polizei-Präsidenten von Puttkammer.“

Ein Datum hatte der König nicht beigefügt; der Polizei-Präsident hatte den Befehl am 3. Oktober erhalten.