Münchener Schönheiten

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Titel: Münchener Schönheiten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 882
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[877]
Die Gartenlaube (1877) b 877.jpg

Schöne Welt in München.
Originalzeichnung von Erdmann Wagner in München.

[882] Münchener Schönheiten. (Mit Abbildungen S. 877.) Wo sich eine Künstlercolonie seßhaft macht, da wird's auch immer schöne Frauen geben. Die Künstler sind nicht nur die Schönheitsmacher, sondern auch die Schönheitsfinder. Maler und schöne Frauen gehören zusammen wie Kette und Einschlag. König Ludwig der Erste konnte die Künstler wohl nach München berufen, aber gefesselt konnten sie nur durch der Schönheit magischen Reiz werden. Er baute ihnen Ateliers; er gab ihnen Aufträge und Gehälter, aber die Modelle für ihre idealen Schöpfungen mußten sie sich selbst suchen. Und sie fanden sie; sie brauchten gar nicht so weit zu gehen, nicht erst in die Berge, um sie unter dem malerischen Alpenhut zu entdecken; sie begegneten ihnen auf der Straße, auf Spazier- und an Vergnügungsorten, auf den Brettern, in den Salons – wenn München welche hätte. Sie fanden die Schönheit in allen gesellschaftlichen Schichten, von der vornehmsten Dame an, die im Bewußtsein ihrer achtundvierzig Ahnen die Marmortreppen zu dem königlichen Salon emporsteigt, bis hinab zu jener weiblichen Existenz, die im Sommer in den Kellern ihre höchsten Gaumengenüsse bei einem frischen „Radi“ und einem „Krügl“ Bier findet.

Wie der Himmel, der sich an schönen Sommertagen über München spannt, durch sein tiefes Azur an das nahe Italien erinnert, so auch der Typus der weiblichen Schönheit dort. Fülle der Formen, Farbe und Blut, dunkle Augen, volle Lippen, aus den Hüften sich hebender Gang sind die charakteristischen Merkmale der Münchener schönen Welt, deren uns hier der bekannte Maler Erdmann Wagner eine ganze Galerie vorgeführt. Wer mit dem Blatte in der Hand in München auf die Schönheitssuche gehen wollte, würde die Originale bald herausgefunden haben. König Ludwig der Erste hatte sich vor Jahren in seiner Residenz eine Schönheitsgalerie malen lassen, die noch heute bewundert wird. Auch die Kunst demokratisirt sich, und was früher nur ein König haben konnte, das kann heutzutage jeder Abonnent der „Gartenlaube“ haben; er kann sich seine Schönheitsgalerie in sein Kämmerlein hängen und deren sich königlich freuen.