MKL1888:Aachen

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Meyers Konversations-Lexikon
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Aachen. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 1, S. 2. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Aachen&oldid=2347202 (Version vom 07.06.2015)

Wappen von Aachen.

Aachen (franz. Aix la Chapelle, lat. Urbs Aquensis, Aquisgranum; hierzu der Stadtplan), 187 m ü. M., die uralte Krönungsstadt der deutschen Könige, Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks der preußischen Provinz Rheinland, liegt an einem Knotenpunkt der Belgisch-Rheinischen Eisenbahn, in einem angenehmen Kesselthal, welches von der Wurm bewässert und von den Vorhöhen des Hohen Venn umgrenzt wird. A. besteht aus der innern alten und der äußern neuen Stadt, wozu noch neueste prächtige Stadtteile außerhalb der alten Ringmauer kommen. Die meisten Straßen sind breit, und die Häuser, überwiegend mehrstöckige moderne Stein- oder in Zementbewurf verzierte Ziegelbauten, erinnern selten an das Mittelalter; als die schönsten Straßen sind die Wilhelms-, Hoch-, Theater-, Wall-, Harskamp-, Komphausbad-, Großkölnstraße, der Büchel und die sogen. Gräben (Damen-, Holz-, Kapuziner-, Templergraben) zu bemerken, welche, fast 4 km lang, die Mittelstadt von den ehemaligen Vorstädten trennen. Von den neuen Straßen sind im N. die Lousbergstraße, die Ludwigs-, Monheims- und Heinrichsallee, im O. der Adalbertssteinweg, im SW. der Boxgraben zu nennen. Bemerkenswerte Plätze sind der dreieckige Große Markt, mit der Bronzestatue Karls d. Gr. auf einem schönen Springbrunnen, der Friedrich-Wilhelmsplatz, der Theaterplatz, der Münsterplatz und der Kaiserplatz mit monumentalem Springbrunnen. Von den ehemaligen sieben Hauptthoren der Stadt stehen nur noch zwei: das Pontthor auf der Nordwestseite, in der Nähe des Bahnhofs der Maastrichter Eisenbahn, und das Marschierthor auf der Südseite, nahe den Bahnhöfen der Linksrheinischen u. der Bergisch-Märkischen Eisenbahn.

Unter den zahlreichen Kirchen nimmt die Aufmerksamkeit vor allen das altehrwürdige Münster in der Nähe des Marktes in Anspruch. Der älteste Teil und Kern des interessanten Gebäudes, das ein architektonisches Konglomerat aus den verschiedensten Perioden christlicher Baukunst bildet, ist die byzantinische Kaiserkapelle Karls d. Gr., ein achteckiger Bau von 31 m Höhe und etwa 16 m im Durchmesser, gebildet durch starke Pfeiler, auf welchen eine achteckige, den Mittelraum überdeckende Kuppel emporstrebt, und umgeben von einem 16seitigen, mit niedrigen Kreuzgewölben versehenen Umgang, über welchem, die Empore bildend, eine hohe Galerie herumläuft, die von schräg liegenden Tonnengewölben bedeckt und nach innen mit antiken bronzenen Gittern geschlossen ist. Über den Galeriebogen erhebt sich ein achteckiger Tambour mit Fensteröffnungen, auf welchem die Kuppel ruht. Dieses karolingische Oktogon, das eigentliche Schiff der Kirche, ward 796 nach byzantinischen Mustern begonnen und vom Meister Odo von Metz vollendet. Es erhielt am Dreikönigsfest 804 durch Papst Leo III. die Weihe; es ist das einzige noch vorhandene karolingische Münster in Deutschland. Die Mosaikbilder, welche die Kuppelwölbung und wahrscheinlich die ganze Kirche einst bedeckten, gingen verloren; in ersterer ist eins, die Majestas Domini mit den 24 Ältesten der Apokalypse, wiederhergestellt worden. Die schönen, meist antiken Granit-, Porphyr- und Marmorsäulen, welche (aus Rom, Trier und Ravenna herbeigeschafft) die Zwischenräume der Pfeiler des Oktogons schmückten [3] und 1794 von den Franzosen ausgebrochen und nach Paris entführt wurden, sind 1815 beim Friedensschluß, wenn auch nicht vollständig (die kostbarsten, namentlich zwei rote Porphyrsäulen, bilden noch heute einen vorzüglichen Schmuck der Antikengalerie des Louvre), zurückgegeben und 1846 auf Kosten des Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen an ihrer alten Stelle wieder aufgestellt und ergänzt worden. Westlich vor dem Oktogon steht ein Glockenturm, durch eine Steinbrücke mit jenem verbunden und flankiert von zwei runden (karolingischen) Treppentürmen, die nach den Reliquienkammern führen. Die ehemalige rechtwinkelige Altarnische an der Ostseite des Oktogons wurde später durch das angebaute hohe Chor verdrängt, welches, der zweitälteste Teil des Doms, 1353–1413 im gotischen Stil Aufgeführt wurde, 34,5 m hoch, 25 m lang und 12,5 m breit ist und insbesondere durch die prachtvollen modernen Glasgemälde seiner 13 großen Fenster (26,7 m hoch, 5 m breit) die Aufmerksamkeit fesselt. Auch zu beiden Seiten des Achtecks und des Chors wurden im 15. Jahrh. noch einige reichdekorierte gotische Kapellen angefügt, unter denen sich namentlich außer der Karlskapelle, die wie die übrigen im Innern restauriert ist, die Annakapelle durch ihre zierliche Form auszeichnet. Eine dritte Bauperiode, in die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts fallend, verunstaltete das damals schon planlos erweiterte Gebäude durch Anbau einer neuen Kapelle im Zopfstil (neben dem Eingangsturm), der Ungarischen, die jetzt den Domschatz birgt, sowie durch geschmacklose Rokokostukkatur und verschiedene Übermalungen im Innern. Die Entfernung dieser entstellenden Zuthaten und die Herstellung der Kirche in ihrer reinen und ursprünglichen Gestalt hat sich der 1849 gegründete Karlsverein zur Aufgabe gestellt. In der Mitte des Oktogons bezeichnet am Boden eine flache Steinplatte mit der Metallinschrift „Carole Magno“ die Stelle, unter welcher die Gebeine des Kaisers angeblich ruhten. Karls erstes Grab ist noch nicht gefunden; seit 1215 ruhen seine Gebeine im schönen Karlsschrein (vgl. Käntzeler, Karls d. Gr. Behälter, Aach. 1858, und in den Bonner „Jahrbüchern“, Heft 33). Außer Karl d. Gr. fand auch Kaiser Otto. III. seine Ruhestätte im Münster. Über Karls angeblicher Gruft hängt ein kolossaler Kronleuchter von vergoldetem Kupfer in Ringform (4 m im Durchmesser) für 48 Kerzen, eine kunstvolle Arbeit des Meisters Wibertus und von Kaiser Friedrich I. geschenkt. Die großen Heiligtümer des Münsters, welche alle sieben Jahre von der Turmgalerie vom 10. bis 24. Juli (zuletzt 1881) dem Volk gezeigt werden, sind: ein Unterkleid der Mutter Gottes von gelblichweißer Leinwand (eine Art Byssus), die Windeln des Christuskinds, das Lendentuch Christi und das Leintuch, auf welchem Johannes der Täufer enthauptet wurde. Ein interessanter Teil des kostbaren Münsterschatzes ist das angebliche Hifthorn Karls d. Gr. Auf der Empore des Oktogons (dem sogen. Hochmünster) ist der weißmarmorne, später mit Gold plattierte Kaiserstuhl aufgestellt, auf welchem Karl d. Gr. angeblich im Grab saß, und der dann vor und nach der Krönung von den spätern Kaisern im vollen Ornat eingenommen ward, eigentlich aber das Archisolium (der Erzthron) ist. Endlich ist noch die prachtvolle Evangelienkanzel in dem Chor zu erwähnen, die, bei feierlichen Messen zum Absingen des Evangeliums dienend, mit Goldblech überzogen und mit kostbaren Gemmen, merkwürdigen Elfenbeinreliefs und emaillierten Darstellungen geschmückt ist, ein Geschenk Kaiser Heinrichs II. Vgl. Quix, Historische Beschreibung der Munsterkirche zu A. (Aach. 1825); Debey, Die Münsterkirche zu A. und ihre Wiederherstellung (das. 1851); Schervier, Die Münsterkirche zu A. und deren Reliquien (das. 1853); Floß, Geschichtliche Nachrichten über die Aachener Heiligtümer (das. 1855); Bock, Karls d. Gr. Pfalzkapelle und ihre Kunstschätze (Köln 1866-67); Kessel, Geschichtliche Mitteilungen über die Heiligtümer der Stiftskirche zu A (Aach. 1874).

Außer dem Münster besitzt A. noch 27 Gotteshäuser, darunter 8 Pfarrkirchen, eine evangelische Kirche und eine neue Synagoge im maurischen Stil. Nur drei dieser Kirchen sind mittelalterlichen Ursprungs: die St. Foilans-Pfarrkirche (aus dem Anfang des 12. Jahrh.), die spätgotische Kirche zu St. Paul (mit einer Himmelfahrt von Schadow) und die Nikolauskirche. Unter den übrigen sind die gotische Marienkirche und die im romanischen Stil erbaute Redemptoristenkirche als Perlen moderner Baukunst sowie die Michaelskirche (1628 geweiht) wegen ihres berühmten Altarbilds (einer Pietà von Honthorst) und die neue Jakobskirche im Übergangsstil hervorzuheben.

Das historisch wichtigste profane Bauwerk Aachens, das im 14. Jahrh. erbaute gotische Rathaus, am Markt, an der Stelle der karolingischen Kaiserpfalz, nimmt sich besonders in der dem Markt zugekehrten Nordfronte majestätisch aus. An beiden Seiten erhoben sich bis zur Vernichtung ihres hohen Dachwerks durch die Feuersbrunst von 1883 zwei Türme, von denen der eine (östliche), der gewaltige Granusturm, aus dem 13. Jahrh. stammte (vgl. Kessel, Das Rathaus zu A., 1884). Im obern Geschoß enthält das Rathaus den schönen, 51 m langen und 19 m breiten Kaisersaal, der einst zur Abhaltung der Krönungsfestlichkeiten diente und jetzt vollständig restauriert ist. Von den übrigen öffentlichen Gebäuden sind zu nennen: das Kurhaus mit großem Konzertsaal, daneben die sogen. Alte Redoute (mit dem Suermondt-Museum und der Stadtbibliothek), der in griechischem Stil ausgeführte Elisen-Brunnen (1822-24 von Schinkel erbaut und nach der damaligen Kronprinzessin Elisabeth benannt), das Präsidialgebäude, das Theater (1822 von Cremer erbaut), das Regierungsgebäude, das gotische Karlshaus, das schloßähnliche Bürgerspital Mariahilf (1848 bis 1865 erbaut), das 1870 vollendete Polytechnikum (im italienischen Renaissancestil, von Cremer Sohn erbaut), das neue Gefangenhaus und großartige Fabrikbauten. Auf dem Platz, wo die drei Monarchen beim Kongreß 1818 Gott für den Frieden dankten, wurde 1844 ein Monument errichtet; ein Kriegerdenkmal (von Fr. Drake) steht vor dem Rheinischen Bahnhof. Merkwürdig ist noch das sogen. Gras, das ältere Bürgerhaus und ehemalige Gefängnis aus der Zeit Richards von Cornwallis, und die sogen. Aachener Masse, jetzt in der Technischen Hochschule, ein 3700 kg schwerer, vor dem Kaiserbad 1815 ausgegrabener Eisenblock, der die bei einem Brand zusammengeschmolzene Reiterstatue des Königs Theoderich I., nach andern (wohl richtiger) ein Meteorstein sein soll. – Eine großartige Wasserleitung, zu welch er das Wasser aus dem etwa 4 km entfernten Kohlenkalkgebirge mittels einer Stollenanlage gewonnen wird, und eine Pferdebahn sind jetzt vollendet.

Die Zahl der Einwohner, welche 1799: 23,699, 1825: 35,428 und 1867: 67,923 betrug, belief sich bei der Zählung von 1880 mit Einschluß der Garnison (2 Bat. Nr. 53) auf 85,551 Seelen (darunter 5396 Protestanten und 1091 Juden). Im September 1884 wurde die Gesamtbevölkerung auf 89,710 Personen berechnet.

[4] Der schon im Mittelalter blühende Gewerbfleiß Aachens hat sich in neuerer Zeit, begünstigt durch die reichen, erst seit wenigen Jahren erschlossenen Steinkohlenlager in der Nähe (Ausbeute 1882: 1,325,556 Ton.), noch bedeutend gehoben. Im J. 1879 waren in 294 Fabrikanlagen 14,592 Arbeiter, die an der Unterstützungskasse teilnahmen. Unter den Industriezweigen nimmt die Wollspinnerei, welche jährlich an 100,000 metr. Ztr. Garn aus meist überseeischer Wolle (aus dem Kapland und von Buenos Ayres) erzeugt, und die Fabrikation von Tuch und andern Woll- und Halbwollstoffen die erste Stelle ein. Der Tuchindustrie dienen in A. und Burtscheid über 80 größere Fabriken, die mit einer gleichen Anzahl von Dampfmaschinen von zusammen 3000 Pferdekräften und ca. 10,000 Arbeitern jährlich gegen 200,000 Stück Tuch im Wert von 36 Mill. Mk. produzieren. Eine große Anzahl von Tuch-Engrosgeschäften bewirkt den Verkauf der Fabrikate nach allen Gebieten des Weltmarktes. Nächstdem bildet die Fabrikation von Kratzen (die bedeutendste des Kontinents: 16 Etablissements mit 750 Maschinen) und besonders Näh-, Nähmaschinen- und Häkelnadeln Hauptzweige der Aachener Industrie. Zu den Nadeln, deren Fabrikation seit 1550 in A. blüht, und von denen 1882 in 25 Anstalten über 17,000 Mill. Stück aus etwa 5800 Ztr. Eisen erzeugt wurden, wird der erforderliche Stahldraht aus englischem Gußstahl in Altena und Iserlohn hergestellt; der Absatz geht besonders nach Spanien, Portugal, Italien und Österreich. Von Bedeutung ist ferner die Fabrikation von Glasknöpfen (410 Mill. Stück), Maschinen und Dampfkesseln, Luxus- und Eisenbahnwagen, Tabak, Zigarren, Chemikalien. Für letztere ist die Fabrik der Gesellschaft Rhenania im nahen Stollberg besonders wichtig. Ferner besitzt A. Fabriken für Steck-, Strick- und Vorstecknadeln (mit Glas- und Stahlköpfen), für Samt-, Leinen- und Posamentierwaren, Farben, Handschuhe, Messer, Regenschirme, feuerfeste Steine, Thonwaren, Zement, Steingutwaren, optische, physikalische und andre Instrumente, Knöpfe, Glocken, Mineralwässer, Papiertapeten, Feuerspritzen; zahlreiche Eisengießereien, Ziegeleien, Seifensiedereien, große Brauereien und Brennereien etc. Als Hauptstation der Belgisch-Rheinischen Eisenbahn, die hier mit der Bergisch-Märkischen und der Maastrichter Bahn zusammentrifft, ist A. zu einem wichtigen Stapelplatz des preußischen Handels geworden und hat außer den Erzeugnissen seiner Fabriken namentlich in Wolle, Getreide, Wein, Steinkohlen, Metallen, Leder, Holz etc. bedeutenden Verkehr. A. ist Sitz der A.-Münchener Feuerversicherungsgesellschaft (1825 von Hansemann gegründet), der Rückversicherungsgesellschaft, der A.-Höngener Bergwerksgesellschaft und der Aktiengesellschaft für Bergbau, Blei- und Zinkfabrikation zu Stollberg und in Westfalen. Den Geldverkehr vermitteln die Reichsbankstelle, Diskontogesellschaft, Bank für Handel und Gewerbe etc.

Als Wohlthätigkeitsanstalten sind zu nennen: das Mariahilfspital (mit 262 Betten, unter Leitung von Elisabethinerinnen), die Alexianer-Irrenanstalt, das Vinzenzspital für Unheilbare, die Mariannen-Entbindungsanstalt, die Annunciatenanstalt für weibliche Irre (Mariabrunn), das von Mitgliedern der evangelischen Gemeinde gegründete Luisenhospital, ein Armen- und Waisenhaus etc. An Bildungsanstalten besitzt A. ein katholisches Gymnasium (ein paritätisches Staatsgymnasium wird gebaut), die Rheinisch-Westfälische technische Hochschule (im Oktober 1870 eröffnet, im Winter 1883/84 mit 38 Lehrern und 200 Studierenden), ein Realgymnasium, eine Realschule mit gewerblichen Fachklassen, eine höhere Webschule, eine Handwerkerfortbildungsschule, die Stiftsschule, zwei höhere Töchterschulen, eine Taubstummenbildungsanstalt. Daneben bestehen sechs öffentliche Bibliotheken und zahlreiche Kunst- und naturhistorische Privatsammlungen. Zwölf Zeitungen und periodische Blätter erschienen 1884 in A. Das Stadtwappen (s. Abbildung, S. 2) ist ein im goldenen Feld ausgebreiteter schwarzer Adler mit ausgestreckter roter Zunge; die Farben Aachens sind Schwarz und Gelb.

Die Aachener Mineralquellen (Aquae Granenses) gehören zur Klasse der alkalisch-muriatischen Schwefelthermen und sind als solche Heilquellen ersten Ranges. Ihren Wärmegraden nach können sie sich mit den Schwefelthermen der Pyrenäen messen, ihrem Gehalt an Salzen nach kommen sie den Quellen von Wiesbaden, Baden-Baden und Karlsbad gleich. Sie entspringen auf dem an Thermen und Säuerlingen reichen Übergangsgebirge, welches ganz in der Nähe und selbst unterhalb der Stadt als Grauwackenschiefer und Übergangskalkstein zu Tage tritt, und befinden sich sämtlich innerhalb der Stadt. Man unterscheidet zwei Quellgruppen, die aus zahlreichen, nicht sämtlich benannten, ja mehrfach unterdrückten Adern bestehen, welche am Abhang der das Rathaus tragenden Höhe auf der Hof- und Büchelstraße (obere Gruppe) und der Komphausbadstraße (untere Gruppe) hervorbrechen. In der obern Gruppe ist die mächtigste und heißeste (44° R.), die Kaiserquelle im Gebäude des Kaiserbades (daselbst Reste eines Römerbades), so wasserreich, daß sie außer den eignen Bädern und dem Elisenbrunnen auch das Bad Zur Königin von Ungarn und das Neubad speist; bei dem Neubau des erstern in der Büchelstraße sind die Fundamente eines großen, von der 6. römischen Legion etwa in den Jahren 69–120 n. Chr. in der Nähe der Kaiserquelle errichteten Badegebäudes ausgegraben worden. Im Badehaus Zur Königin von Ungarn befindet sich ein Elektrisierheilapparat und im Kaiserbad für Brustkranke ein eigner Inhalationssaal. Zu der obern Quellgruppe zählt die Quirinusquelle (fast 40° R.), die mit zwei reichen Nebenquellen das gleichnamige Bad versieht. Zu der untern Quellgruppe auf der Komphausbadstraße gehört die aus vielen Adern zusammenfließende, von allen Thermen Aachens wasserreichste, das Rosenbad und das für Unbemittelte bestimmte Komphausbad versehende Rosenquelle (38° R.); sehr wasserreich ist auch hier die Corneliusquelle (36° R.), die das Cornelius- und Karlsbad speist. Alle Badehäuser sind gegenwärtig Eigentum der Stadt. Nach Analyse von Liebig sind in 10,000 g Wasser der Kaiserquelle enthalten:

Chlornatrium (Kochsalz) 26,161
Bromnatrium 0,036
Jodnatrium 0,005
Schwefelnatrium 0,136
Schwefelfaures Natron 2,836
Schwefelsaures Kali 1,527
Kohlensaures Natron 6,449
Kohlensaures Lithion 0,029
Kohlensaure Magnesia 0,506
Kohlensaurer Kalk 1,579
Kohlensaurer Strontian 0,002
Kohlensaures Eisenoxydul 0,095
Kiefelerde 0,661
Organische Materie 0,769
Zusammen:0 40,791
Freie Kohlensäure 05

[5] Dazu in unwägbarer Menge: kohlensaures Manganoxydul, Phosphorsäure, Thonerde, Fluorcalcium und (nach Wildenstein) auch Borsäure. An gasförmigen Bestandteilen sind außer Kohlensäure noch Stickstoff, Sauerstoff und etwas Grubengas darin enthalten. Wegen des sehr bedeutenden Schwefelgehalts (der nach neuern Versuchen für die Rosen- und Corneliusquelle der untern Gruppe fast gleich ermittelt worden) ist das Wasser anfangs nicht angenehm zu trinken; doch ist es leicht verdaulich, wie es sich auch als Badewasser durch Weichheit und Milde auszeichnet. Das Dampfbad ist reich an flüchtigem Schwefel, und die Douche, gewöhnlich mit Reiben (Frottieren) verbunden, wirkt eigentümlich kräftig. Die Wirkung der Aachener Schwefelthermen erstreckt sich hauptsächlich auf die drüsigen Organe sowie auf die Schleimhäute der Atmungs-, Verdauungs- und Geschlechtsorgane. Das Wasser wirkt, indem es leicht erregt, auflösend und wird daher mit Erfolg angewandt gegen Gicht, Rheumatismen, chronische Katarrhe, Unterleibsbeschwerden, Leberleiden, Blasen- und Merkurialkrankheiten, Neuralgien, Krankheiten des lymphatischen Systems, weibliche Krankheiten etc. Zu widerraten ist der Gebrauch dieser Quellen bei Vollblütigkeit, fieberhaften Beschwerden, bedeutender Schwäche innerer wichtiger Organe und großer allgemeiner Aufregung des Nervensystems. Der seit 1865 begonnene Versand des Wassers der Kaiserquelle ist durch eine neue Füllungsmethode wichtig geworden, da man nun überall sich das natürliche Aachener Schwefelwasser verschaffen kann. Die Sommersaison dauert vom 1. Mai bis Ende Oktober; in neuester Zeit hat auch die Wintersaison großen Aufschwung genommen. Außer den warmen Quellen hat A. noch mehrere kalte Eisenquellen, die den Wassern von Pyrmont und Schwalbach nicht nachstehen und meist äußerlich gegen allgemeine Schwäche, Unregelmäßigkeiten der Menstruation, Krämpfe etc. gebraucht werden, sowie eine Molkenkuranstalt. Vgl. Liebig, Chemische Untersuchungen der Schwefelquellen Aachens (Aach. 1851); Lersch, Geschichte des Bades A. (das. 1870); Derselbe, Die Thermalkur zu A. (das. 1872); Schuster, Verhaltungsmaßregeln etc. (3. Aufl., das. 1876); Reumont, Die Thermen von A. und Burtscheid (4. Aufl., das. 1877); Derselbe, Über Winterkuren an Schwefelthermen (das. 1877).

A. ist Sitz der Regierung, eines Landratsamts, eines Land- und Schwurgerichts sowie einer Handelskammer (mit Burtscheid). Der Landgerichtsbezirk umfaßt die 16 Amtsgerichte zu A., Aldenhoven, Blankenheim, Düren, Erkelenz, Eschweiler, Eupen, Geilenkirchen, Gemünd, Heinsberg, Jülich, Malmedy, Montjoie, St. Vith, Stolberg und Wegberg.

Die Umgebungen Aachens sind freundlich. Rings um die Stadt sind vortreffliche Promenaden angelegt, die mit Sorgfalt unterhalten werden (Stadtgarten in Verbindung mit einem botanischen Garten). Sehr anziehend ist der Spaziergang nach dem Lousberg, einem 250 m hohen Hügel nördlich von der Stadt, mit herrlicher Aussicht. Vom Lousberg, zugleich einem ergiebigen Fundort für Petrefakten der Kreideformation, durch einen Einschnitt getrennt, erhebt sich der Salvatorberg, mit Kapelle, 1883–84 nach den ältesten Plänen neu aufgebaut. Ein großartiges neues, im Bau befindliches Stadtviertel, überwiegend auf Burtscheider Gebiet, umgrenzt die neuerdings in ein Gartenrestaurant umgewandelte Frankenburg, den sagenhaften Lieblingsaufenthalt Karls d. Gr. und Fastradas, in parkartiger Umgebung. Zwei neue Badehäuser, das Schloßbad und das Luisenbad (zu Burtscheid gehörig), liegen nahebei in den neuen Straßenanlagen, welche A. mit Burtscheid (s. d.) verbindet.

Geschichte. A. gehört zu den ältesten Städten Deutschlands. Der um das 3. Jahrh. auftretende Name Aquisgranum wird von Apollo Granus hergeleitet, den die Römer bei Thermen verehrten. Die Bäder werden zuerst unter Alexander Severus erwähnt. Zu Cäsars Zeit wohnte hier der germanische Stamm der Eburonen. Schon unter König Pippin bestand daselbst um 753 eine königliche Pfalz, auf welcher Karl d. Gr. häufig Hof hielt. Im J. 881 wurde A. von den Normannen geplündert, erhob sich aber seit 966 als Sitz eines Pfalzgrafen zu höherer Bedeutung, bis dann dies Amt im 12. Jahrh. erlosch, da sich daraus die Pfalzgrafschaft bei Rhein entwickelte. Kaiser Friedrich I. verlieh der Stadt 1166 zwei Messen und ihren Kaufleuten Zollfreiheit durch das Reich, und Wilhelm von Holland erteilte 1250 den vom Rat beschlossenen Statuten seine Zustimmung; doch bestanden als königliche Beamte Vogt und Schultheiß auch weiter fort. Im Mittelalter zählte A. mehr als 100,000 Einw. Es hieß „des heiligen römischen Reichs freie Stadt“ und spielte im Rheinischen Städtebund eine hervorragende Rolle. Von Ludwig dem Frommen bis auf Ferdinand I. (813–1531) wurden hier 37 Kaiser und deutsche Könige gekrönt. Im J. 1450 erzwangen die Zünfte durch einen Ausstand Anteil am Stadtregiment. Die Reformation fand zeitig Eingang, ja 1587 wurde der katholische Magistrat verjagt, worauf 1588 die Reichsacht über A. ausgesprochen und von dem Kurfürsten Ernst von Köln vollstreckt ward. Im J. 1605 wies der Reichshofrat sämtliche Protestanten aus der Stadt, und als während des jülichschen Erbstreits durch die Nähe protestantischer Heere die Protestanten abermals die Oberhand gewannen, wurden spanische Truppen unter Spinola aus den Niederlanden herbeigerufen und durch sie 1614 das Edikt des Reichshofrats vollzogen. Die Verlegung der Krönungen nach Frankfurt, die Religionsstreitigkeiten und eine große Feuersbrunst 1656 führten Aachens Verfall herbei. Im J. 1793 und wieder 1794 besetzten die Franzosen die Stadt; 1801 wurde sie durch den Lüneviller Frieden französisch und Hauptstadt des Departements der Roer. Im J. 1815 fiel sie an Preußen. Von A. führen zwei Friedensschlüsse den Namen. Der erste Friede von A. beendigte 2. Mai 1668 den sogen. Devolutionskrieg (s. d.) Ludwigs XIV. gegen Spanien. Ludwig XIV. mußte sich mit einem Teil Flanderns, namentlich den Plätzen Charleroi, Ath, Audenarde, Douai, Tournay und Lille begnügen, wogegen Spanien die Franche-Comté zurückerhielt. Der zweite Friede von A., 18. Okt. 1748 zwischen Österreich, England, Holland und Sardinien einerseits und Frankreich, Spanien, dem Herzog von Modena und der Republik Genua anderseits abgeschlossen, beendigte den österreichischen Erbfolgekrieg. Österreich trat in diesem Frieden die italienischen Herzogtümer Parma, Piacenza und Guastalla an den spanischen Infanten Philipp ab und erhielt dafür die von den Franzosen eroberten österreichischen Niederlande zurück. Die Pragmatische Sanktion Kaiser Karls VI. ward von allen kontrahierenden Mächten anerkannt. Frankreich erhielt von den Engländern die Insel Cape Breton zurück und erkannte die Thronfolge des Hauses Hannover in England an. England erhielt Madras zurück, und der Assientotraktat von 1713 (s. Assiento) ward auf vier Jahre verlängert. Sardinien blieb im Besitz der ihm von Österreich 1743 abgetretenen mailändischen Landesteile. Auf dem [6] Aachener Kongreß (29. Sept. bis 21. Nov. 1818), zu welchem die Monarchen von Österreich, Rußland und Preußen persönlich erschienen, trat Frankreich der Heiligen Allianz bei. Zuerst wurde 9. Okt. mit Frankreich ein Vertrag geschlossen, wonach die Okkupationstruppen, anstatt 1820, sogleich abberufen werden sollten und die von Frankreich zu zahlende Kriegsentschädigung von 700 auf 265 Mill. Frank herabgesetzt wurde. Darauf erschien, von den Botschaftern der fünf Mächte unterzeichnet, 15. Nov. ein Protokoll, das im Sinn der Heiligen Allianz die Grundsätze der künftighin zu befolgenden Politik aussprach. Endlich erklärte der Kongreß das Großherzogtum Baden, von dem Österreich einen Teil an Bayern versprochen hatte, für unteilbar und gestand den Grafen von Hochberg das Recht der Nachfolge in Baden zu. Als Bevollmächtigte fungierten Metternich, Castlereagh und Wellington, Hardenberg und Bernstorff, Nesselrode und Kapo d’Istrias, als Vertreter Frankreichs Richelieu. Vgl. Benrath, A. und seine Umgebungen (3. Aufl., Aach. 1872); Lersch, A., Burtscheid und Umgebung (3. Aufl., das. 1881); Wagner, Beschreibung des Bergreviers A. (Bonn 1881); Quix, Geschichte der Stadt A. (Aach. 1841, 2 Bde.); Haagen, Geschichte Achens (das. 1874, 2 Bde.).

Der Regierungsbezirk Aachen (s. KarteRheinprovinz“) umfaßt 4154 qkm (75,43 QM.) mit (1880) 524,097 Einw. (126 auf 1 qkm) und zerfällt in die elf Kreise:

Kreise QKilom. QMeil. Einw. Einw.
auf 1 qkm
Aachen (Stadt) 30 0,55 85 551
Aachen (Land) 339 6,15 102 754 303
Düren 563 10,22 72 664 129
Erkelenz 289 5,25 38 561 130
Eupen 176 3,19 25 888 146
Geilenkirchen 197 3,59 26 265 138
Heinsberg 243 4,41 35 693 147
Jülich 318 5,78 42 007 132
Malmedy 813 14,76 30 974 38
Montjoie 362 6,57 18 176 32
Schleiden 824 14,96 45 564 55

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Band 17, Seite 1

[1] Aachen. Die Stadt zählte 1885: 95,725 Einw. (darunter 88,377 Katholiken, 6022 Evangelische, 1256 Juden), der Regierungsbezirk A.: 544,568 Einw. (darunter 519,753 Katholiken, 20,264 Evangelische, 4429 Juden). Die Kreise umfassen:

Kreise QKilom. QMeil. Einw. Auf 1 qkm
Aachen (Stadt) 31 0,55 95 725
Aachen (Land) 339 6,15 111 180 328
Düren 563 10,22 75 965 135
Erkelenz 289 5,25 37 788 131
Eupen 176 3,19 26 355 150
Geilenkirchen 197 3,59 26 001 132
Heinsberg 243 4,41 35 805 147
Jülich 318 5,78 41 802 131
Malmedy 813 14,76 30 441 37
Montjoie 362 6,57 18 603 51
Schleiden 824 14,96 44 903 55