MKL1888:Brief

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Meyers Konversations-Lexikon
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417, 418, 419, 420

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Brief. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 3, S. 417. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Brief&oldid=- (Version vom 25.09.2014)

Brief (v. lat. breve, „kurzes Schriftstück“), schriftliche Mitteilung an abwesende Personen, also dem innern Wesen nach ein Surrogat für das Gespräch. Die Anzahl und Mannigfaltigkeit der Anlässe für briefliche Mitteilungen ist so unbegrenzt, daß eine erschöpfende Klassifikation der Briefe ganz unmöglich ist. Beispielsweise erwähnen wir: Geschäftsbriefe, freundschaftliche Briefe, Liebesbriefe, vertrauliche Briefe, d. h. solche, deren Inhalt nicht für Dritte bestimmt ist (in England meist mit der Überschrift „Private“ versehen oder als „confidential“ bezeichnet); Kondolenzbriefe, welche den Ausdruck der Teilnahme an einem Todesfall oder sonstigen traurigen Ereignis enthalten; Gratulationsbriefe, Ermahnungsbriefe, Geldbriefe, Dankbriefe, Drohbriefe, ostensible Briefe, d. h. solche, die dazu bestimmt sind, andern gezeigt zu werden; Steckbriefe (s. d.) etc. Offener B. (in einigen Fällen Epistel) wird ein für den Druck oder die Öffentlichkeit geschriebener B. genannt, der sich entweder nur der Form nach an eine bestimmte Persönlichkeit wendet, oder einen Angriff auf dieselbe enthält, wie überhaupt die Briefform ihrer Zwanglosigkeit wegen von alters her bei Schriftstellern aller Nationen beliebt ist. Das besondere Wesen des Briefstils beruht in der Natürlichkeit und der an den Charakter des Gesprächs erinnernden Unmittelbarkeit des Gedankenausdrucks. Tritt die schriftliche Mitteilung aus diesem Kreis hinaus, so wird sie, falls sie einen formellen oder amtlichen oder gelehrten Charakter annimmt, zum Schreiben oder Sendschreiben. Regierende Fürsten schreiben als solche keine Briefe an Standesgeringere, sondern erlassen Handschreiben. Kurze Briefe, ohne Beachtung der Briefformen an Personen in der Nähe gerichtet, heißen Billets. Ferner regelt die Kourtoisie alle herkömmlichen Titulaturen und Formeln und bestimmt Format, Zusammenlegung, Kouvert und Siegel des Briefs. Anweisung hierzu findet man in den sogen. Briefstellern oder Briefformularen.

Wenn auch geschichtliche Nachweise fehlen, so ist doch als unstreitig anzusehen, daß man Briefe schrieb, seitdem überhaupt die Schreibkunst bekannt war. Das Material, auf welchem in ältester Zeit geschrieben wurde, bestand in Holz- oder Steintafeln; bei den alten Ägyptern wurde nachweislich Jahrtausende vor Christo die Staude der Papyruspflanze zum Briefschreiben benutzt. Die Kopie eines alten Reliefs aus Benihassan von 2000 v. Chr., welche das Berliner Postmuseum aufbewahrt, zeigt, wie ein Diener dem Chef der Provinz eine Papyrusrolle, den Anmeldebrief asiatischer Einwanderer, überreicht. Inder und Chinesen benutzten schon frühzeitig Palmblätter zum Schreiben; der älteste historische B. soll derjenige sein, den der Inderkönig Strabrobates der Königin Semiramis übersandte. Urkundlich beglaubigt ist ferner die Absendung eines Briefs von David an Joab, den Urias bestellte (2. Sam. 11,14), und bei den Griechen der des Königs Prötos von Argos, welcher dem Bellerophontes an den König von Lykien mitgegeben ward. Aus der Überlieferung im sechsten Gesang der [418] „Ilias“ ergibt sich, daß zu Homers Zeiten, also 800 Jahre v. Chr., bei den Griechen ein B. aus Wachstäfelchen bestand, in welche die Schrift mittels Griffels eingeritzt wurde. Die Täfelchen, aus Holz, Erz oder in späterer Zeit aus Elfenbein bestehend, waren auf den beiden innern Seiten mit Wachs bestrichen und wurden übereinander gelegt, so daß die Schrift vor Verletzung bewahrt war. In dem Berliner Postmuseum sind mehrere dieser Täfelchen (bei den Griechen pinakes und deltoi, bei den Römern pugillares, codicilli oder tabelae genannt) aufbewahrt. Der Verschluß der Täfelchen wurde in der Weise hergestellt, daß man eine Schnur umlegte, diese schürzte und den geschürzten Knoten mit kretischer Siegelerde befestigte, deren Cicero in der Rede pro Flacco ausdrücklich als Briefverschlußmittel erwähnt. Die Schreibgriffel, mit denen man die Buchstaben ritzte, waren von Eisen; später findet man zierlich gearbeitete Bronzegriffel, deren Kopf dazu diente, das Wachs der Täfelchen bei dem Verbessern und Auswischen von Buchstaben besser zu glätten. Als die Berührungen der ägyptischen mit der griechischen und römischen Kultur immer zahlreicher wurden, kam auch der Papyrus ins Ausland und ersetzte die frühern unvollkommnern Briefformen. Im 3. Jahrh. n. Chr. tauchte das Pergament als Schreibstoff auf, und seit 1340 wurde in Europa das jetzige Lumpenpapier zum Briefschreiben verwendet. Von dieser Zeit ab nähert sich die äußere Form der Briefe immer mehr der uns bekannten modernen Form. Während man früher zum Verschließen der Briefe Wachs benutzte, in welchem Siegelringe abgedruckt wurden, kam im 15. Jahrh. Siegellack aus China nach Europa, und das erste Siegel aus Lack findet sich an einem Schreiben aus London von 1554. Im J. 1624 kamen in Speier die Oblaten auf. Seit 1820 benutzt man zum Einlegen der Briefe den Umschlag, das von Brewer in England erfundene Kouvert. Stephan fügte den alten Briefarten als neueste, auf dem Prinzip der Vereinfachung beruhende Briefform die Postkarte hinzu, welche unter den Kulturvölkern binnen kurzem so heimisch geworden ist, daß allein in Europa jetzt alljährlich 800 Mill. Postkarten Verwendung finden. Im J. 1880 kamen auf den Kopf der Bevölkerung in Großbritannien 35,5, in der Schweiz 22, in den Vereinigten Staaten 19, in Deutschland 16,5, in den Niederlanden 15, in Frankreich 13,1, Belgien 12,6, Dänemark 11,1, Luxemburg 11,1, Österreich 9,5, Italien 6,5, Schweden 6,3, Spanien 4,8, Ungarn 4,7, Griechenland 1,8, Rußland 1,2, Türkei 0,3 Briefe.

Das Stilistisch-Formelle des Briefs war bei Griechen und Römern gleich. Bei beiden setzte der Schreiber des Briefs seinen Namen nicht unter den B., sondern in die Überschrift und zwar vor den des Empfängers, z. B. Cicero Attico („Cicero an Atticus“). Die Griechen fügten der Unterschrift meist einen Glückwunsch etc. bei, die Römer dem Namen des Schreibenden und des Empfängers die Angabe der Würde und des Amtes, z. B.: Cicero consul M. Coelio aedili curuli, oder ebenfalls ein Zeichen der Vertraulichkeit, Freundschaft oder Gewogenheit, z. B.: Caius Sempronio suo, humanissimo, optimo, dulcissimo, animae suae etc., oder die Begrüßungsformel: Salutem plurimam dicit (abgekürzt S. P. D., „sagt schönsten Gruß“), oder Salutem dicit (abgekürzt S. D.), oder auch bloß Salutem (S.). Der Eingang des Briefs lautete bei den Römern gewöhnlich: „Si vales, bene est (oder gaudeo), ego valeo“ (abgekürzt S. V. B. E., oder G., E. V.), eine Formel, die in Deutschland in den untern Klassen noch weit verbreitet ist: „Wenn du gesund bist, soll es mich freuen, ich bin gesund“. Der Schluß lautete bei den Römern: Vale, oder Ave, oder Salve, oder Cura, ut valeas etc. („lebe wohl, sei gegrüßt, bleibe gesund“). Bisweilen bemerkte man auch das Datum im B. Seit der Kaiserzeit und besonders am byzantinischen Hofe verließ man allmählich die alte Einfachheit des klassischen Briefs und näherte sich zunächst in Staatsschreiben, Berichten u. dgl. und endlich auch in der Privatmitteilung der Umständlichkeit des neuern Briefstils. Sklaven und Freigelassene besorgten die Abfassung der Briefe und erhielten daher (a manu) den Namen Amanuensis.

Geschichte der Brieflitteratur.

Die Brieflitteratur der abendländischen Völker hat sich, insbesondere seit im Mittelalter kirchlicher und sonst amtlicher Verkehr die Korrespondenz wieder erweckt hatten, zu einem Umfang und Reichtum entwickelt, der nicht nur noch der Sichtung und Ordnung harrt, sondern auch noch lange nicht zu Tage gefördert ist, insofern viele für Staaten-, Litteratur- und Kulturgeschichte äußerst wichtige Dokumente noch in Archiven und Handschriftensammlungen der Bibliotheken verborgen liegen. In der griechischen Litteratur unterscheidet man Briefe aus der alten und neuern Zeit, echte und unechte. In den Schulen der griechischen Rhetoren wurden der Übung wegen zahlreiche Briefe abgefaßt, die man geschichtlichen Personen der Vergangenheit unterschob, und solche Übungs- oder Musterstücke sind fast alle früher der griechischen Blütezeit zugeschriebenen Briefe, die auf die Neuzeit herabgekommen sind, nur etwa mit Ausnahme einiger dem Redner Isokrates und dem Philosophen Epikur zugeschriebener Briefe. Solche Fälschungen sind z. B. die angeblichen Briefe des Pythagoras und seiner Anhänger; des Sokrates, seiner Freunde, Schüler und Nachfolger; die Briefe der Pythagoreischen Theano, des Platonikers Chion aus Heraklea, des Themistokles und besonders die durch die kritischen Behandlungen, zu denen sie Anlaß gegeben haben, merkwürdig gewordenen Briefe des Phalaris (vgl. Westermann, De epistolarum scriptoribus graecis, Leipz. 1851–58, 9 Tle.). Sammlungen griechischer Briefe von allerlei Verfassern besorgten: Ald. Manutius (Vened. 1499, 2 Bde.; lat. von Cujacius, Genf 1606), Joach. Camerarius (Tübing. 1540) und Eilh. Lubinus (Heidelb. 1601, 1605). Die neuern griechischen Briefe, aus dem 2. und den folgenden Jahrhunderten nach Christo, rühren zum Teil von den hervorragendsten Schriftstellern einer der Briefform sehr zugeneigten Litteraturperiode her und sind für die Kultur- und Litteraturgeschichte von großer Bedeutung. Unter ihnen sind die von Alkiphron besonders interessant als Sittenschilderungen, dagegen die von Libanios, Julian dem Apostaten und Fronto der darin enthaltenen geschichtlichen Daten wegen wichtig. Eine vollständige kritische Ausgabe der griechischen Briefschreiber (Epistolographen) gab R. Hercher heraus („Epistolographi graeci“, Par. 1873). Die römische Litteratur nennt nur wenige Epistolographen, die aber von desto größerer Bedeutung sind, indem ihre zahlreichen Briefe die Geschichte, Politik, Philosophie und Moral ihrer Zeit in das hellste Licht gesetzt und die Nachwelt nicht nur mit den trefflichsten Mustern der Briefschreibekunst beschenkt, sondern auch mit edlen Persönlichkeiten bekannt gemacht haben. Die große Trias besteht aus Cicero, Plinius und Seneca. Unter dem Einfluß der gesunkenen Zeit leidend erscheinen schon Magnus Ausonius, Symmachus und Sidonius Apollinaris. Im Mittelalter bediente man sich zu brieflichen Mitteilungen [419] in ganz Europa meist der lateinischen Sprache. Auch als in der Zeit der beginnenden Renaissance das Briefschreiben wieder als Kunst gepflegt wurde, behielt man zunächst die lateinische Sprache allgemein bei, so der Italiener Petrarca in seinen berühmten Briefen, und noch fast alle Humanisten des 16. Jahrh., wie z. B. Erasmus von Rotterdam, Konrad Celtes, Melanchthon, Scaliger, Lipsius, Casaubonus u. a., schrieben lateinisch. Auch die berühmten Epistolae obscurorum virorum (s. d.) sind lateinisch geschrieben; dagegen bediente sich Luther in seinen Briefen der deutschen Sprache, wie ja überhaupt in ganz Europa durch die Reformation die Herrschaft des Latein gebrochen wurde.

Die Anfänge des italienischen Briefstils können nicht als Muster gelten; Bembo und de la Casa lieferten gedankenarme und überkünstelte Arbeiten, und die große Schar ihrer nächsten Nachfolger bildete die zur Manier gemachte Unnatur immer weiter aus. Erst Annibale Caro, Manuzio, L. Dolce, Bentivoglio, P. Aretino, Bern. Tasso näherten sich dem einfachen und korrekten Stil des eigentlichen Briefs, und noch mehr geschah dies von Gozzi, Algarotti, Metastasio, Ugo Foscolo und den jüngern Italienern. Eine für seine Zeit wichtige Sammlung veranstaltete P. Manutius: „Lettere volgari di diversi nobilissimi uomini“ (Vened. 1542–64, 3 Bde.); für die neuere Zeit sind die „Lettere di varii illustri Italiani del secolo XVIII. e XIX.“ (Reggio 1841, 10 Bde.) zu erwähnen. Die Spanier besitzen in Ochoas „Epistolario español. Coleccion de cartas de Españoles ilustres“ (Madr. 1872, Bd. 1 u. 2) eine Sammlung ihres Briefschatzes. Die Franzosen, deren hohe gesellige Bildung den feinen und dabei ungezwungenen Briefton begünstigte, haben in diesem Genre Vortreffliches produziert. Am berühmtesten sind die Briefe von Rabelais, Pasquier, Patin, Pascal, Bellegarde, die der Marquise von Sévigné an ihre Tochter, die von Fontenelle, d’Argens, Montesquieu, Voltaire, Crébillon, die der Marquise Dudeffand, der Frau v. Graffigny, der Ninon de Lenclos und des ältern Racine, ferner die Briefe von Rousseau, Diderot, d’Alembert, Boursault und seiner Geliebten Babet, der Frau v. Maintenon, Frau v. Staël, die von Napoleon I. und Josephine, von L. Courier, Madame de Rémusat, Mérimée, George Sand u. a. Vgl. Crêpet, Trésor épistolaire de la France (Par. 1865, 2 Bde.). Noch wertvoller als die französischen sind die Briefe der Engländer. Mit germanischer Gründlichkeit und lachendem Humor ausgerüstet, wußte der englische Schriftsteller schon lange, ehe der deutsche Geist den steifen Zopf hat lüften können, mit gehaltvoller Belehrung Anmut und Frohsinn zu verbinden. Die Briefe eines Swift, Pope, Hughes, James Howell, Sir Will. Temple, Addison, Locke, Bolingbroke, Horace Walpole, Chesterfield, Shaftesbury, Richardson, dann der Lady Rachel Russell, Lady Mary Montague, die von Sterne, Gray, Johnson, W. Melmoth, Cowper, Lord Byron, Sydney Smith, Walter Scott, Th. Arnold, Charlotte Bronté u. a. sind zum großen Teil Erzeugnisse von klassischem Ruf, ebenso die sogen. Juniusbriefe (s. d.), welche großes Aufsehen erregten. Vgl. die Sammlungen: „Epistles elegant, familiar and instructive“ (Lond. 1791); „Letters written by eminent persons in the XVII. and XVIII. centuries“ (das. 1813, 3 Bde.) und Scoones, Four centuries of English letters (2. Aufl., das. 1881).

Später als alle übrigen Völker gelangte der Deutsche zu einem natürlichen und selbständigen Briefstil. Als nach der Verfallzeit des Dreißigjährigen Kriegs gegen Ende des 17. Jahrh. in Deutschland das Deutschschreiben wieder in die Mode kam, suchte man in wunderlichen Anweisungen zum Briefschreiben, den sogen. Briefstellern, eine Theorie des Briefstils zu begründen, indem man den dürren Kanzleistil mit den glatten französischen Wörtern und Floskeln spickte. Zu diesen Briefstellern gehören: die „Neu-Aufgerichtete Liebes-Cammer“ (1679), Tobias Schröters „Sonderbares Briefschränklein“ (Leipz. 1690), Talanders (Bohses) „Gründliche Anleitung zu deutschen Briefen, nach den Hauptregeln der deutschen Sprache“ (Jena 1700). Die Genannten nebst Neukirch, Menantes (Hunold) und Junker sowie Lünigs „Curiöses Hof- und Staatsschreiben und wohlstilisierte neue Briefe“ blieben bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts die einzigen Führer zu geschmackvoller Korrespondenz. Die erste bessere Erscheinung, die in dieses trostlose Treiben tritt, ist ein Weib, Gottscheds Gattin. Mit besserm Geschmack und feinerm Takt als ihr Gemahl begabt, scheute sie vor der Verzerrtheit der damaligen Sprache zurück und entfaltete in ihren Briefen alle Anmut edler Weiblichkeit. Neben ihr erhob sich als eine gleichstrebende und gleich weibliche litterarische Erscheinung Gellert, welcher 1751 mit seiner „Praktischen Abhandlung von dem guten Geschmack in Briefen“ (als Einleitung in die Sammlung seiner Briefe) hervortrat. Ein dritter redlicher Helfer war Stockhausen durch seine „Grundsätze wohleingerichteter Briefe“ (Helmstedt 1763). Seit dieser Zeit fanden allmählich bessere Muster, zumal englische, in Deutschland Eingang; gute Übersetzer und tüchtige Schriftsteller reinigten die entwürdigte Sprache von den fremden Schlacken, die deutschen Rhetoriker und Stilisten öffneten dem B. einen breiten Raum in ihren Lehrbüchern (Ernesti, Maaß, Adelung, Moritz, Pölitz etc.), und der Roman, der jetzt häufig in Briefform erschien, brachte die geläuterten Formen der Sprache ins große Publikum. Wie rasch seit der Frau Gottsched die Umwandlung der eben noch zwischen ungelenker, pedantischer Galanterie und zeremoniöser Steifheit schwankenden Sprache vor sich ging, ist mit einer Reihe von Namen dargethan: Lessing, Winckelmann, Klopstock, Herder, Rabener, Weiße, Garve, Sturz, Gleim, Abbt, Kant, Bürger, Lichtenberg, Joh. v. Müller, Matthisson, Hagedorn, Bodmer, Zollikofer, Geßner, Heinse, Wieland, Forster, Zimmermann, M. Mendelssohn, Fr. Heinr. Jacobi, v. Bonstetten, J. H. Voß, Jean Paul, v. Knebel, W. und A. v. Humboldt, Goethe, Schiller, Merck, Zelter, Karoline v. Wolzogen, Bettina (v. Arnim), Rahel (Frau v. Varnhagen), Gentz, J. Grimm, Börne, H. Heine, Fr. v. Raumer, F. Mendelssohn etc., eine Namenliste, die sich leicht verdoppeln und verdreifachen ließe und für den Reichtum der deutschen Brieflitteratur zeugen mag.

Sehr reich ist auch die epistolarische Litteratur des Morgenlandes. Die Briefsammlungen machen als „Inscha“ eine Hauptabteilung der mohammedanischen Litteratur aus, welche sich wieder in mehrere Unterabteilungen gliedert, unter denen besonders der abhandelnde Brief (risâle) reich entwickelt ist. Die berühmtern und wichtigern Sammlungen sind im Arabischen die von Ahmed el Attar (Bulak 1835), im Persischen die von dem Wesir und Dichter Mir Alischir; besonders geschätzt sind die Briefmuster Dschamis und Mir Alischirs, dann die von Saib, Ibnjemin und Mir Chosru. Unter den spätern Briefsammlungen zeichnet sich das „Inscha“ Abul Fazls von dem Großwesir des Großmoguls Mohammed [420] Akbar vor allen andern aus. Noch mehr als Araber und Perser haben die Türken die Briefstellerkunst ausgebildet, und ihre Briefsammlungen sind weit zahlreicher. Selbst Staatsmänner vom höchsten Rang zeichneten sich als kunstgeübte Briefsteller aus. Aus der frühern Zeit gelten als Muster die Briefe von dem Großwesir Mahmud Pascha, dem Wesir Mir Alischir, von Ahmed Kemalpaschasade und den Gebrüdern Dschelalsade, von den Dichtern Messihi, Sekaji, Lami und Latifi. Die Blüte der türkischen Briefstellerkunst fällt in das 17. Jahrh., wo die Muftis Jahja und Essad die talentvollen Briefschreiber zu Ämtern und Würden beförderten. Unter der großen Schar damaliger Briefsteller stellt der Bibliograph Hadschi Chalfa den Kerim Tschelebi obenan, andre den Nerkisfi. Der jüngste große Briefsteller der Türken war Aasim Ismael Efendi, der Mufti (gest. 1759). Für die Geschichte wichtig sind die „Munschaât humajun“, eine Sammlung wirklicher Geschäftsschreiben der türkischen Sultane an morgenländische und abendländische Herrscher und Wesire.

Die Blütezeit des Briefschreibens, als Kunst angesehen, ist heutzutage, wenigstens in der ganzen abendländischen Kulturwelt, wohl vorüber. Durch die enormen Erleichterungen des schriftlichen und mündlichen Verkehrs, welche die Eisenbahnen, Telegraphen und Dampfschiffe und die Entwickelung des Postwesens herbeigeführt haben, hat sich die Anzahl der Briefe in riesigem Maßstab vermehrt, aber sowohl der Umfang als die künstlerische Form der Briefe einen auffallenden Rückgang erfahren. Während man früher, um an Porto zu sparen, selten, aber dafür desto ausführlicher schrieb, ist bei einem Telegramm oder in einer Postkarte das Hauptstreben auf Kürze gerichtet. Anderseits bietet heutzutage für gelehrte oder ästhetische Abhandlungen, die sich früher in einem wissenschaftlichen oder schöngeistigen Briefwechsel bergen mußten, die so reich entwickelte periodische Presse eine Stelle, an der sie zu allgemeiner Geltung gelangen. Das „Wohlgeboren“ und andre pedantische Titulaturen und Formeln, die früher den Briefverkehr belasteten, sind im Verschwinden begriffen, und fast allgemein unterscheiden sich die heutigen Briefe von den frühern durch „mehr Inhalt, weniger Kunst“.

Brief (B) auf Kurszetteln bedeutet s. v. w. angeboten zu dem dabei bemerkten Preis, im Gegensatz zu Geld (G), d. h. gesucht. „Rumänier 90 B“ bedeutet, daß dies Effekt zu dem bezeichneten Kurs offeriert blieb, der wirkliche Preis, zu welchem die Abschlüsse gemacht werden, also niedriger ist, und zwar bleibt letzterer gewöhnlich etwa 1/8 oder ¼ Proz. (bei Notierung nach Stücken auch wohl um ½ Proz.) hinter dem Briefkurs zurück. Neuerdings ist jedoch an den deutschen Börsen der Buchstabe B durch P ersetzt worden, was als „Papier“ aufgelöst wird, aber dieselbe Bedeutung hat wie das früher übliche B. – Zuweilen bedeutet B. auch s. v. w. Wechsel, z. B. Briefe von der Hand, s. v. w. Wechsel, die der Verkäufer selbst ausstellt; gemachte Briefe (gemachte Papiere), s. v. w. Wechsel, die nicht vom Verkäufer ausgestellt, also schon in mehreren Händen gewesen sind.