MKL1888:Swift

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Swift“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 15 (1889), Seite 451452
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Swift. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 15, Seite 451–452. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Swift (Version vom 08.08.2021)

[451] Swift, Jonathan, polit. Satiriker der Engländer, geb. 30. Nov. 1667 zu Dublin, zeigte bereits als Knabe jene Misanthropie und stolze Selbstgenügsamkeit, welche S. als Mann charakterisieren und ihn zu einer der originellsten, aber auch abstoßendsten litterarischen Erscheinungen gemacht haben. Drei Jahre seiner Kindheit brachte er in England zu, kam dann auf die Schule zu Kilkenny, studierte seit 1682 im Trinity College zu Dublin und ward 1688 Sekretär Sir William Temples zu Norr Park in Surrey. Als Temple 1699 starb, gab S. dessen politische Schriften heraus und ging dann als Kaplan des Earl Berkeley, Vizekönigs von Irland, dorthin zurück. Seine Pfarrstelle zu Laracor brachte ihm 400 Pfd. Sterl. jährlich ein. Bis 1710 lebte er daselbst, machte aber alljährlich Besuche in England und zugleich die Bekanntschaft der leitenden Staatsmänner der Whigpartei, welche damals das Ministerium in Händen hatten. Zu gunsten der Whigminister veröffentlichte er 1701 das Pamphlet „A discourse of the contests and dissensions between the nobles and commons of Athens and Rome“. 1710 unterhandelte S. im Auftrag des Erzbischofs King, Primas von Irland, über die Abschaffung der seitens der Iren an die englische Regierung zu zahlenden Zehnten, und seine Bemühungen waren so erfolgreich, daß er bei seiner Rückkehr nach Irland mit Glockengeläute empfangen wurde. Indes sehnte er sich nach England zurück, um dem Herde der hohen Politik näher zu sein, und da er bei den Whigs nicht reüssiert hatte, machte er sich kein Gewissen daraus, nunmehr zu den Tories überzugehen und seine frühern Parteigenossen mit noch heftigerer Satire zu befehden als zuvor die Tories. Das Ziel seines Ehrgeizes war ein englischer Bischofsitz; die Minister waren auch nicht abgeneigt, ihm einen solchen zu verschaffen, allein ihre Bemühungen blieben fruchtlos, und S. wurde zu seiner höchsten Enttäuschung nur mit dem Dekanat von St. Patrick in Dublin bedacht. Während seines nun folgenden Aufenthalts in Irland (1714–26) wußte er von neuem den höchsten Grad der Popularität zu erlangen, indem er in heftigen Pamphleten, besonders in den „Drapier’s letters“ („Tuchhändlerbriefe“, 1723), gegen die englischen Minister die Lage des unglücklichen Landes darlegte, was ihm mannigfache Verfolgungen seitens der Regierung zuzog. Zu seinem Groll über die Vernichtung seiner ehrgeizigen Hoffnungen kam um jene Zeit der tragische Ausgang einer Doppelliebe. S. hatte längst ein inniges Verhältnis mit Esther Johnson (Stella genannt), die er in Sir Temples Haus hatte kennen lernen, faßte dann eine zweite Neigung zu einer andern jungen Dame in London, Esther van Homrigh (Vanessa), der er aber sein Verhältnis zu Stella nicht zu gestehen wagte. Nach der Entdeckung starb Vanessa aus Gram (1723) und einige Jahre später (1728) auch Stella, mit der er sich kurz vorher noch heimlich hatte trauen lassen (vgl. sein „Journal to Stella“; deutsch, Berl. 1866). Allmählich schwanden seine Geisteskräfte; er starb 19. Okt. 1745 in Dublin und wurde in der Kathedrale von St. Patrick begraben. Als Schriftsteller wurde S. berühmt durch die zuerst anonym herausgegebenen Schriften: „Battle of the books“ (1697) und „The tale of a tub“ (1704; deutsch von Boxberger, Stuttg. 1884). Letzteres ist ein beißendes Pasquill gegen Papismus, Luthertum und Calvinismus; in den Abenteuern der drei Helden Peter, Jack und Martin werden die Streitigkeiten jener drei Kirchen veranschaulicht. Die „Bücherschlacht“ ist der Form nach eine Art Parodie der Homerischen Schlachten und behandelt eine Frage, die damals das ganze litterarische Europa beschäftigte, nämlich die Überlegenheit der Alten (Griechen und Römer) über die Modernen. S. entschied sich für die erstern und entfaltete dabei, wie im „Märchen von der Tonne“, einen Sarkasmus, der ihn zum gefürchtetsten Pamphletisten seiner Zeit machte. Seit 1724 war S. mit der Abfassung seines berühmtesten Werkes: „Travels of Lemuel Gulliver“, beschäftigt, das 1726 erschien und allgemein die höchste Bewunderung erregte, [452] auch in fast alle zivilisierten Sprachen übersetzt wurde. Es enthält in einfacher und natürlicher Sprache und unter der Miene der größten Ernsthaftigkeit eine ergötzliche Satire auf menschliche Thorheit und Schwäche im allgemeinen, mit zahlreichen Schlaglichtern auf die politischen, religiösen und sozialen Zustände des damaligen England, ist aber auch nicht frei von manchem Verletzenden, wozu namentlich die von Swifts Menschenhaß eingegebene Schilderung der Yahoo gehört. Von Schriften sind noch anzuführen: die im Verein mit Pope herausgegebenen „Miscellanies“ (1727, 3 Bde.) und die posthume „History of the four last years of Queen Anne“. Seine Werke wurden herausgegeben von Hawkesworth (Lond. 1755, 14 Quartbände, Oktavausgabe in 24 Bänden), Sheridan (das. 1784, 17 Bde.), Walter Scott (mit Biographie, das. 1814, 19 Bde.; neue Ausg. 1883, 10 Bde.), Roscoe (das. 1853, 2 Bde.), Purves (das. 1868). Sein Briefwechsel erschien in 3 Bänden (Lond. 1766) und in Auswahl von Lane Pool (das. 1885). Eine Übersetzung der humoristischen Werke lieferte Kottenkamp (Stuttg. 1844, 3 Bde.). Aussprüche von S. sammelte Regis („Swiftbüchlein“, biographisch-chronologisch geordnet, Berl. 1847). Vgl. auch R. M. Meyer, J. S. und G. Lichtenberg (Berl. 1886). Sein Leben beschrieben S. Johnson, Sheridan (Dubl. 1787), Forster (unvollendet; Bd. 1, bis 1711 reichend, Lond. 1875), H. Craik (das. 1882); kürzer L. Stephen (das. 1882).