Maler-Reise durch Sibirien

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Titel: Maler-Reise durch Sibirien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 65–67
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Maler-Reise durch Sibirien.

Der Engländer Atkinson ist zum Vergnügen und um seine Mappe mit Bildern zu füllen, mehrere Tausend Meilen durch Sibirien gereist und hat ein starkes, vielfach und vortrefflich mit colorirten Landschafts- und Menschenbildern ausgestattetes Buch darüber geschrieben. Nach diesen Bildern (und auch oft nach dem Texte) zu schließen, ist Sibirien ein Paradies, wenigstens „fleckerweise“, wie wir Sachsen sagen. „Um den Bea-See herum fand ich,“ sagt er, „die unzweifelhaft schönsten Gegenden der Welt.“ Und wenn er richtig gezeichnet hat, muß man das sofort den Bildern gegenüber zugeben. Wir können ihn hier nicht überall hin begleiten, durch Semipalatinsk, wo sich die russischen Karavanen mit denen von Taschkent) und Kokan begegnen und Waaren austauschen, an den Ufern des Tendschis-See hin (Balkasch Nov), wo die Russen eine Dampfflotte sammeln, von welcher die Times ganz ernstlich für Indien fürchtet (bis Kokan soll es nicht weit und von da bis Peschawur, wo das englische Indien schon anfängt, blos 100 geographische Meilen weit sein), durch Strecken der Mongolen, chinesischer Tataren, kirgisische Steppen und Theile Central-Asiens; wir begnügen uns mit einzelnen Bildern aus der merkwürdigen, russischen Riesenwelt, in welche jetzt mit frischer Kraft und festem Plane Cultur und Unternehmungsgeist hineingetragen wird, vielleicht bis Indien und China, über welches das sibirische Rußland schon hinausreicht – bis an’s Meer. Sibirien ist schon von Natur sehr reich, reich an Gold und Silber, nützlicheren Erzen und Kohlen. Atkinson meint, Sibirien sei reicher an Kohlen, als irgend ein Theil der Erde. Er fand dicke Kohlenlager offen liegend über einander, sogar eine 30 Fuß dicke Schicht in den Altaigebirgen. Damit kann man der wüthendsten Tyrannei des Winters trotzen und Maschinen treiben und die Petersburger Treibhäuser, die Erdbeeren und Kirschen frisch vom Baume im Januar liefern, im großartigsten Maßstabe anlegen. An Platz fehlt’s ohnehin nicht in Sibirien. Und was für ein Sommer! Zwar blos einer von 128 bis 150 Tagen jährlich und oft auf einer 600 Fuß dicken Eisdecke, auf welcher der Boden oben blos drei bis sechs Fuß aufthaut, aber auf dieser Eisdecke ein schneller, tropischer Sommer, der eine vierzig- bis funfzigfache Cerealien-Ernte empor, in Blüthe und Frucht treibt und unabsehbare Oeden des Winters in berauschende Reseda-Prairien verwandelt. Das Merkwürdigste ist, daß in Sibirien tropische und arktische Natur sich vielfach begegnen, ja miteinander freundschaftlich vereinigen. Der Tiger haust in Wäldern, in welchen der arktische Bär sein Winterschläfchen macht, und bei Nertschinsk wächst der Pfirsich-Baum wild mit süßen Früchten neben der nordischen, weißen, keuschen Birke. In den Regionen des Baikal-See’s bekämpfen und lieben sich einander arktische und tropische Faunen und Floren, Thiere und Pflanzen.

[66] Dieses Ineinandergreifen klimatischer Extreme wird durch die Beschaffenheit des Bodens und der raschen, energischen Sommersonne erklärt. Zwischen der dauernden inneren und der wechselnden oberen Erdwärme zieht sich eine dicke Eismauer hin, bei Jakutsk, der kältesten bewohnten Gegend, 630 Fuß dick, die im Sommer drei Fuß dick aufthaut, aber Weizen und Korn, Kohl, Kartoffeln u. s. w. treibt und reift. Unter der Eisdecke friert’s nie und unter ihr hervor drängen sich warme Quellen, die bei 23° Kälte (Réaumur) in der Luft noch 3° Wärme behalten und sich unten um Wurzeln und Stämme der Pflanzen lagern, da sie nicht wieder durch die untere feste Eisrinde eindringen können. In dem Thale des schwarzen Jakutflusses kam unser Reisender in eine tiefe, ganz mit Schnee gefüllte Kluft, aus welcher hohe Pappeln mit ihren grünbelaubten Kronen hervorragten, obgleich die Stämme 25 Fuß tief im Schnee und Eis staken. Nur dicht um ihre Stämme, neun Zoll breit, war der Schnee aufgethaut, so daß sie in Wasser standen. Oft sah er herrliche Blumen, nicht bescheidene, weiße Schneeglöckchen, frisch und freudig mit buntem Sommerputz durch Schneedecken hervorgucken. Sie haben Eile, denn der Sommer kommt eben so rasch, wie er verschwindet. Es klingt fabelhaft, wie schnell! Atkinson gerieth einmal mit seinem Wagen in einen Wald, wo er fünf Wochen vorher nur glatte, kahle, frostgebundene Schneedecke gefunden. Der Wald bestand aus Fenchel, der während der fünf Wochen zehn Fuß drei Zoll hoch aus der Eisdecke, jetzt ein tropisches Sommerleben, hervorgeschossen war. Manchmal wuchsen ihm Pflanzen, während er Landschaften zeichnete, über die ursprünglichen Umrisse hinaus. – So schnell kommt der Sommer, so schnell treibt er, so schnell wird er aber auch vom Winter weggetrieben. Manchmal legt man sich an einem schönen Septemberabende unter einem schattigen Baume schlafen (Gasthöfe gibt’s manchmal auf ein paar hundert Meilen umher eben so wenig, als menschliche Wohnungen) und erwacht unter ganz blätterlosen Zweigen, bedeckt mit sechs bis zehn Zoll hohem Schnee. Eine Woche, und die üppigste, grüne Sommerlandschaft starrt todt, wie ausgebrannt von wüthenden, eisig stechenden Buranstürmen, mit denen knatternde, laublose Wälder zackig geweihter Rennthiere und rasende Schneewolken, Wölfe und die in poetischen Liedern besungenen „Yämtschiks“, die über Hunderte von Meilen weg- und stegloser Wüste dahinfliegenden Postillone Sibiriens, um die Wette jagen und fegen. Und dann diese erhabenen, grandiosen Gebirgslandschaften! Im Winter lange, glänzende Nächte hindurch und gegenüber der von unten heraufscheinenden Sonne in den prächtigsten goldenen, blauen, orangenen Farbentinten wie Feen-Paläste und Diamantenburgen weithin erglänzend, dann wieder im Sommer unten mit Cedernwäldern (Gebirgs-Cedern) und reicher Weide beladen. Und diese Flüsse, Ströme, Wasserfälle! Ströme, unter dem plötzlich hereinbrechenden Sommer zu Oceanen aufschwellend und Hunderte, Tausende von Eisfestungen mit sich fortreißend, donnernd, krachend, rauschend, meilenweit hörbar, über Ebenen, durch Wälder, über Thal und Hügel, und sich ausdehnend mit diesen Riesenlasten über ungemessene Weiten bis hinunter in’s arktische Meer, wo diese sibirischen Riesenströme das ganze diamantene, oft 100 Fuß dicke oceanische Eis auf- und fortreißen und hinaustreiben bis weit in’s atlantische Meer – schwimmende Gletscherinseln, das Entsetzen der Schiffe. Und wie werden diese größten Giganten aller Ströme geboren? Ihr Vater ist ein halber Tropfen. Oben auf den Gebirgsspitzen verdichtet sich der Nebel zu Tropfen. Ein solcher fällt auf eine Felsenkante oben und halbirt sich. Die eine Hälfte fließt nach Süden ab, die andere nach Norden mit eisigem Thau zusammenfließend, sich ergänzend, verdoppelnd, immer rascher, immer massenhafter, bis der halbe Tropfen zu fließen, zu sickern, zu stürzen, zu rauschen anfängt und ihm von allen Seiten andere halbe Tropfen zustürzen, so daß er unten als Fluß und nach millionenfacher Bereicherung und tausendmeiligem Lauf als arktischer Oceanbrecher ankommt.

Auch an Menschen fehlt’s nicht in den ungeheueren Ausdehnungen Sibiriens. Sogar blühende Städte und Champagner trinkende, frohe, herzliche, luxuriöse Gastfreundschaft kommen vor. In Irkutsk, für das Herz Sibiriens gehalten, blüht ein Gymnasium, wo die Jungen alle Gymnasialwissenschaften und Deutsch, Englisch und Französisch lernen müssen, wie in Deutschland. Die nomadischen, wilden Völker auf ungeheueren Ebenen haben in ihrer Energie, fabelhaften Abhärtung und Courage etwas Poetisches und sehen zum Theil, nach den portraitirten Abbildungen zu schließen, herrisch schön aus. Unter den Kirgisen ist Courage die erste und Cardinaltugend.

„Um ihre Achtung zu gewinnen,“ erzählt uns Atkinson, „muß man vor allen Dingen der verwegenste Reiter sein. Hat er dazu ein scharfes, schnelles Auge und eine nie fehlende Hand beim Schießen, verehren sie ihn und sind seine freiwilligen Knechte. Ein Zeichen von Furcht vor irgend einer Gefahr – und es ist aus mit ihm.“

Unser Engländer war ein Mann für sie, riesig, ausdauernd und seine Kirgisen in Verwegenheit überbietend. Sie sagten ihm einmal, daß ein ausgetretener, reißender Strom mit dem Pferde nicht durchschwommen werden könne. Sofort trieb er sein Pferd in die donnernde Fluth und ritt kühn am andern Ufer daraus hervor. Ein Kirgisen-Häuptling, „der gigantischste und reichste Mann in den Steppen,“ schenkte ihm dafür ein Schaf, aber ein krankes. Atkinson schickt es zurück mit einem Complimente, daß der Häuptling in seinem großen Körper kaum das Herz einer Maus haben müsse. Der Riesenhäuptling wüthet, aber Alles um ihn her bewundert den verwegenen Engländer, der nicht nur gewagt habe, den reißenden Fluß zu durchreiten, sondern auch den stärksten, reichsten, größten Mann zu beleidigen. Dies sieht der Riese sofort ein – viele demüthige, civilisirte Christen, die Macht haben, beschämend – er bittet den Engländer um Verzeihung, ladet ihn zu sich ein und läßt sich mit Weib und Kindern und seinem Lieblingsadler zeichnen, so daß wir nun auch im Buche seine persönliche, wenn auch nur bildliche Bekanntschaft machen. Wir erfahren auch, wie’s in einer solchen reichen Kirgisenhäuslichkeit zugeht und aussieht.

„Des Nachts verirrt, hörten wir fernes Hundegebell. Zwei von uns ritten in der Richtung dieses Gebelles ab und schrieen uns zu, nachzukommen. Kurz darauf erreichten wir ein Aoul (improvisirtes Nomadendorf). Meine Kosaken schrieen den Häuptling heraus und machten mir’s in dessen Yourt (Hütte) bequem. Der Häuptling setzte mir zuvorkommend Ziegelsteinthee[1] und geräuchertes Pferdefleisch vor. Wir hatten durch unsern geräuschvollen, nächtlichen Einzug das ganze Dorf in Bewegung gebracht, so daß sich mein „Yourt“ bald mit Kirgisen füllte, die uns mit aller Macht anguckten. Ich gab dem alten Häuptling Theeblätter und weißen Zucker, worüber er ganz entzückt war, besonders da ich darauf bestand, daß er neben mir auf dem ausgebreiteten Teppich sitze, der Thür gegenüber, dem Ehrenplatze. Mein Wirth war ein schöner, alter Mann mit spärlichem, grauen Haar und einer tiefen Narbe an dem linken Backen, einem Denkmal eines früheren Raubzuges. Er trug einen Rock von braunem Pferdefell, dessen Mähne am Rücken herabhing, gegürtet mit einem scharlachfarbenen Shawl, mit einem kegelartig geformten Fuchsfelle als Mütze auf dem Kopfe und hochhackigen Schuhen an den Füßen. Seine Frau sah alt und schmutzig aus, bekleidet mit einem schwarzsammetnen „Kalat“, Oberrock, der sie bis auf die Füße einhüllte, gegürtet mit einem weißen Shawl und einer baumwollenen, turbanähnlichen Kopfbedeckung.

Die Kinder, in braunen Lammfellröcken, kauerten beim Feuer, mich unabgewandt in allen Bewegungen bewachend und anstaunend. Meine Kosaken machten mir ein Lager von Voilocks, Kameelhaarmatratzen, zurecht, zwischen welchen ich bald hübsch warm einschlief. Die Hütte war etwa 25 Fuß im Durchmesser und 10 Fuß hoch in der Mitte. Neben mir lagen mehrere kostbare Teppiche und standen mehrere Kisten voller Reichthum. Meine Kosaken legten sich quer vor die Thür schlafen (wie jedes Mal). Auf der andern Seite der Kisten schlief der alte Häuptling mit Familie.“

Das ist vornehmes Leben. Gemeine Sibirier kommen oft Jahre lang unter kein anderes Dach, als welches sie sich jeden Abend aufbauen. Auch graben sie sich oft blos in den Schnee, und schlafen darunter besser aus, wie wir civilisirten Mitglieder „scrophulösen Gesindels“ unter echten Eiderdaunen mit Wärmflasche.

Es gäbe noch vieles zu berichten von sibirischen Bergwerken und Eisengießereien, von Barnulka am Obflusse, wo alles in Sibirien gefundene Gold geschmolzen und in Barren jedes Jahr mit sechs Karavanen nach Petersburg geschafft wird, von Eisenbergwerken des Ural u. s. w., aber wir begnügen uns mit diesen Andeutungen aus dem neuesten Werke über das in nächster Zukunft [67] wahrscheinlich in die Geschichte tretende riesige Sibirien, durch welches eben die freudige Kunde wandert, daß es Wege gebe, aus der Leibeigenschaft zur Menschlichkeit auf eigenen Füßen sich zu erheben. Wir müssen zugeben, daß die neue russische Regierung, welche den Sclaven Freiheit bietet, auf besserem Wege ist, als die republikanische in Amerika, welche von den herrschenden Sclavenbesitzern gewählt ist, die den Grundsatz, daß die Republiken nicht ohne Sclaverei bestehen könnten, durch alle amerikanischen Staaten und selbst neue, wie Kansas, gegen die Gesetze der idealen Washington’schen Verfassung mit Revolvern, Mord und Blutvergießen geltend machen und aufrecht zu erhalten suchen.




  1. Eine aus Theeblättern und Blut bestehende feste Mischung, die, in kochendem Wasser aufgelöst, wie Suppe genossen wird.