Das höhere Lebensalter mit seinen Mängeln und Schwächen

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Das höhere Lebensalter mit seinen Mängeln und Schwächen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 63-65
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das höhere Lebensalter mit seinen Mängeln und Schwächen.

Wie ganz anders sähe es, und zwar in jeder Beziehung, in der Welt aus, wenn die Menschen hübsch bedächten, daß sie alt und durch den Verbrauch, wie eine Maschine, mit dem Alter zu Allem untauglicher würden! Das ist aber gerade das Schlimme beim Altern, daß man seine Altersschwächen nicht merkt und am allerwenigsten eingestehen will; daß man von einer lächerlichen Eitelkeit heimgesucht [64] wird, welche dem jüngeren, kräftigern Lebensalter weniger Tauglichkeit als sich selbst zugesteht, und daß man in dem kindischen Glauben befangen ist, jedenfalls eine von den wenigen Greisen-Ausnahmen zu sein, bei denen das Schwachwerden, besonders das geistige, nicht gar so deutlich vorschreitet und bemerkt wird. Denn daß es auch bei diesen existirt und daß auch bei den berühmtesten Greisen der Alterswasserkopf hier und da hervorguckt, kann nimmermehr weggeleugnet werden. – Wüßte man ferner, welche Veränderungen im Baue und Thätigsein der verschiedenen Organe unseres Körpers mit dem Alter eintreten, man würde eine Menge von Beschwerden, als unabänderliche Folgen der Jahre ebenso ruhig ertragen, als die weißen Haare und die Zahnlücken. Auch würde man vom Arzte nicht jung curirt zu werden verlangen, wohl aber Verordnungen beachten, durch deren Befolgung das Altern weiter hinausgeschoben wird.

Da nun die meisten Menschen, eben wegen des Schwächer- und Unbrauchbarer-Werdens im Alter, vorzüglich wegen der materiellen Veränderungen ihres Verstandesorgans (des Gehirns), nicht selbst einsehen wollen und können, wie der Zahn der Zeit an ihnen herum- und Brauchbares abgenagt hat, so sollten eigentlich Einrichtungen getroffen werden, mit deren Hülfe Menschen ohne alle Ausnahmen solche Stellungen, welche frische Körper- und Geisteskräfte verlangen, in gewissen Jahren verlassen müßten. Deshalb brauchten dieselben noch durchaus nicht absolut unthätig gemacht zu werden, sondern könnten darin, worin sie wirklich noch etwas Tüchtiges leisteten, recht gut noch zum Wohl der Menschheit benutzt werden. Man kann ja das Alter recht wohl ehren, und doch dessen Schwächen schädlich finden und unschädlich machen. Um wie Vieles besser würde es z. B. nicht in England aussehen, wenn nicht so viele alte Herren an der Spitze der Regierung ständen!

Wann beginnt denn nun eigentlich der Zeitraum der Abnahme oder des Welkens im menschlichen Leben und Körper? Wegen des sehr allmählichen Ueberganges von der Kraft des Mannesalters zur Gebrechlichkeit des Greisenalters läßt sich der Anfang dieser Lebensperiode nicht fest bestimmen, auch fällt derselbe bei verschiedenen Menschen, vorzüglich nach ihrer früheren Lebensweise, auf verschiedene Jahre. Gewöhnlich nimmt man an, daß der Eintritt dieses Zeitraums bei Männern zwischen das 50ste und 60ste, bei Frauen zwischen das 40ste und 50ste Jahr fällt. Jedoch trennt man diese Abnahme-Periode noch in ein erstes oder früheres und in ein zweites oder höheres Greisenalter. Das erste reicht bis gegen das 70ste Lebensjahr und gibt sich hauptsächlich durch Grauwerden der Haare, Ausfallen der Zähne, Abnahme der Kräfte, Runzelung der Haut und durch allmählich zunehmende Schwäche der Sinnes- und Geistesthätigkeiten zu erkennen. Das höhere Greisenalter liegt hinter dem 70sten Lebensjahre und jetzt sinkt der Mensch zu einer fast nur vegetativen Existenz und in geistiger Beziehung zur Kindheit herab.

Im höheren Lebensalter nehmen die körperlichen und geistigen Kräfte deshalb nach und nach ab, weil die verschiedenen Organe und Gewebe immerfort an Güte verlieren (d. i. die Involution). Diese Rückbildung der Organe geschieht aber nicht auf einmal und plötzlich, sondern allmählich und theilweise; bald ergreift sie dieses, bald jenes System zuerst und pflanzt sich successive auf die übrigen fort. Doch gibt es keine Regel für die Folge in dieser Rückbildung. Im Allgemeinen läßt sich nur sagen, daß diejenigen Organe, welche sich im Kinde zuerst entwickelten, im Alter auch zuletzt abtreten, also die Organe der Vegetation, während umgekehrt die zuletzt gereiften Organe, wie Geschlechts-, Sinnes- und Geistesorgane, im Alter zuerst von Schwäche heimgesucht werden. Die Erscheinungen des sinkenden Lebens sind meist solche, die in den Mittlern Lebensjahren als Krankheitserscheinungen angesehen und deshalb im Alter auch Involutionskrankheiten genannt werden (senetus ipsa morbus est). Natürlich unterliegt das Greisenalter auch noch den meisten Krankheiten der früheren Jahre, jedoch zeigen sich diese in Folge der Altersveränderungen in etwas anderer Gestalt, ja werden sogar oft von den Alterserscheinungen ganz verdeckt. Der greisenhafte Involutionszustand, das eigentliche Altern, hat zwar in jedem Organ und System seinen besondern Ausdruck, spricht sich aber auch in der Gesammterscheinung des Körpers durch eigenthümliche Zeichen von Blutmangel, Schwinden und Starrheit der festen Theile und Kraftlosigkeit der Verrichtungen aus, welche man auch als Altersschwäche, Greisendarrsucht, Abzehrung des Greisenalters (marasmus senilis, tabes senum) bezeichnet.

Das Charakteristische des Alters ist: Sinken der Bildungsthätigkeit (die Neubildung tritt zurück und die Mauserung überwiegt), Trägheit des Stoffwechsels (deshalb weniger Hunger und Durst), Massenabnahme (Abmagerung), Austrocknung, Starrwerden weicher, zusammenziehbarer Theile (der Muskelfasern und Gefäße), Entfärbung. Der Hauptgrund dieser Erscheinungen liegt zunächst in der schlechtern Beschaffenheit des Blutes und seiner Circulation; diese ist aber wieder in dem verschlechterten Zustande der abgenutzten Vegetations- (besonders der Verdauungs- und Athmungs-) Organe begründet.

Am Aeußern des Körpers zeigt sich das Altern durch folgende Erscheinungen: der Körper wird kleiner (wegen Verkleinerung der Wirbel und Knorpel) und magerer (wegen Schwund des Fettes, der Muskeln und selbst der Knochen), er sinkt ein und der Rücken krümmt sich; in Folge des Muskelschwundes tritt baldiges Ermüden nach Bewegungen, Zittern der Glieder und des Kopfes ein, der Gang wird steifer und langsamer, die Wirbelsäule verliert ihre Biegsamkeit. Die äußere Haut zeigt sich trocken, unelastisch, schlaff, lederartig zähe, runzlig, schmutziggraugelb und blutleer; die trockene, spröde Oberhaut schilfert sich reichlicher ab; die Nägel verdicken und krümmen sich, verschrumpfen und werden mißgestaltet. Der Kopf zittert, wankt und sinkt auf die Brust; die Haare ergrauen und fallen aus; am eingesunkenen Auge bildet sich rings am Rande der Hornhaut ein weißlicher Ring (der Greisenbogen oder Alterskreis) und die Augenlider schrumpfen etwas zusammen; der Gehörgang ist trocken und enthält eingedicktes Ohrenschmalz. Die Wangen und Schläfe fallen ein; an letzteren zeigt sich die Schläfepulsader deutlicher, härter und geschlängelter; die Kiefer verlieren die Zähne, werden niedriger und so verkürzt sich das Gesicht, das Kauen geschieht unvollkommener. Der Hals erscheint entweder lang und mager oder kurz und dick; der abgezehrte Brustkasten ist mißgestaltet, verkrümmt, entweder eingesunken, enger und flach, oder faßartig aufgetrieben, schwerer beweglich; der Bauch schlaff und runzlig; die Gliedmaßen abgezehrt und mager.

Im Innern des Greisenkörpers findet sich hauptsächlich der eigentliche Lebenssaft, das Blut nämlich, an Quantität und Qualität heruntergekommen; dieses ist dünnflüssiger, wässeriger, ärmer an nährenden Bestandtheilen und reicher an Auswurfs- oder Mauserstoffen. Deshalb ist aber auch die Ernährung aller Körpertheile schlechter und sämmtliche Absonderungen (Säfte) sind weniger gut. Diese Verschlechterung des Blutes kommt dadurch zu Stande, daß die Einfuhr der unentbehrlichen guten Bestandtheile (Nahrungssaft und Lebensluft) verringert ist und gleichzeitig auch die Ausfuhr der ältern schlechten Blutbestandtheile. – Was den Verdauungsapparat betrifft, so ist dessen Thätigkeit deshalb bedeutend herabgesetzt, weil alle ihm angehörigen Organe weniger gut ernährt und kraftloser sind. Zuvörderst können feste Speisen des Mangels tauglicher Zähne wegen nicht ordentlich gekaut und in Folge der geringern Speichel- und Schleimabsonderung nicht gut verschluckt werden; auch findet der Greis, da seine Zunge einen trocknern, rissigen, dickern oder dünnern Ueberzug hat, die meisten Speisen und Getränke scharf oder widerlich von Geschmack. Der Magen, weil er enger, mit dünnerer oder dickerer Schleimhaut ausgekleidet, schwächer an Muskelkraft und unfähiger zur Bereitung des eiweißverdauenden Magensaftes ist, wird leicht von Speisen erfüllt, verdaut dieselben langsamer und unvollkommener, leidet deshalb auch leicht an Magendrücken und sogar an Magenkrampf mit Erbrechen. Der engere Darmcanal bewegt, seiner schwächeren Muskulatur wegen, seinen Inhalt (Speisebrei und Koth) nur langsam fort, und daher rührt der träge und harte Stuhlgang. Eine ganz vollkommene Verdauung des Genossenen ist ferner darum nicht möglich, weil die Verdauungssäfte (Speichel, Galle, Magen- und Darmsaft) nicht in der gehörigen Quantität und Qualität von ihren Absonderungsorganen (Leber, Speicheldrüsen, Magen- und Darmdrusen) geliefert worden, da auch diese vom Schwunde befallen sind. Sodann kann der Speisesaft (d. i. das aus den Speisen gezogene flüssige Gute) aus Magen und Darmcanal nicht flott zum Blute hingeschafft werden, weil die hierbei thätigen Organe, die Lymphgefäße (Saugadern) und die Lymph- (Gekrös-) drüsen, ihrer Altersveränderungen halber, diesen Speisesaftfluß [65] erschweren. – So wird also in Folge der geschwächten Verdauung die Einfuhr von guten nahrhaften Stoffen (Speisesaft) in das Blut herabgesetzt und dieses natürlich in seiner Ernährungskraft beeinträchtigt.

Auch der Zutritt der ganz unentbehrlichen Lebensluft (des Sauerstoffs in der atmosphärischen Luft) zum Blute innerhalb der Lungen geht nicht mehr in dem gehörigen Maße vor sich, und zwar deshalb, weil der Athmungsapparat durch das Alter gelitten hat (weiter und starrer, weniger gut ausdehnbar geworden ist) und darum das Athmen weniger gut von statten geht. Der Brustkasten ist starrer, weniger beweglich und nur mit Mühe zu erweitern, um Luft einzuziehen, seine Knorpel sind verknöchert und seine Muskeln abgemagert; die Lungen haben ihre Elasticität und Contractilität verloren, sind zu weit und ziehen sich mit weniger Kraft zusammen, so daß die Luft nicht gehörig aus ihnen herausgetrieben wird; das Zwerchfell, der hauptsächlichste Athmungsmuskel, ist schlaff und matt, was ebenso gut auf das Ein- wie Ausathmen nachtheiligen Einfluß ausübt. Gewöhnlich leidet die den Athmungsapparat auskleidende Schleimhaut an chronischem Katarrh und deshalb haben die meisten Greise Husten mit einem zähen, grauen Auswurf (trockenes oder Schleimasthma.) – Die Reinigung des Blutes durch Ausscheiden seiner alten unbrauchbaren Bestandtheile (Gewebsschlacken) geht im Greisenalter deshalb unvollkommener vor sich, weil die dazu bestimmten Organe, nämlich die Nieren und Lungen, die Leber und Haut, ihrer Altersveränderungen halber unthätiger sind. Natürlich muß auf diese Weise das Blut ungehörig mit schlechten Stoffen geschwängert, also unrein werden.

Der Blutlauf, mit dessen Hülfe das Blut nach allen Theilen des Körpers hingeschafft wird, von dem also die ganze Ernährung, Leben und Gesundheit, abhängig ist, geht im Greisenkörper deshalb nicht so ordentlich vor sich, wie in den früheren Lebensjahren, weil die der Blutcirculation vorzugsweise dienenden Organe, das Herz und die Blutgefäße, von Entartungen heimgesucht wurden, welche die Thätigkeit derselben stören. Das Herz schlägt matter und setzt sogar bisweilen in seinem Schlagen aus, weil sein Fleisch welk und schwach geworden ist; die Adern, zumal die Pulsadern, sind in ihren Wänden starrer, weniger fähig sich zusammenzuziehen und leichter zerreißlich (daher Blutungen); sie verstopfen sich nicht selten mit Blutgerinnseln und veranlassen dann Brand (Altersbrand, besonders an den Zehen).

Die wichtigsten Altersveränderungen, weil sie auf die sogenannten geistigen Thätigkeiten nachtheiligen Einfluß ausüben, betreffen nun aber das Nervensystem, welches bei vorrückendem Greisenalter in allen seinen Theilen nach und nach verkümmert. Das Gehirn, dessen Thätigkeit in Bildung des Verstandes, Gefühls (Gemüths, Selbstbewußtseins) und Willens besteht, schrumpft ein und wird kleiner (Hirnschwund), leichter und zäher, seine Höhlen erweitern sich und füllen sich mit Wasser, ebenso die Räume außerhalb des Gehirns, zwischen diesem und der Schädelwand (d. i. der Alterswasserkopf). Die Nerven werden, ebenso wie die Nervenknoten und das Rückenmark, dünner, zäher, trockener, weniger leitungsfähig. Deshalb sind aber auch alle Empfindungen, besonders die der Sinnesorgane (deren einzelne Theile ebenfalls noch materielle Störungen erleiden) weit stumpfer. Der Schlaf ist entweder sparsamer oder auch widernatürlich vermehrt, artet bisweilen sogar in eine Art Betäubung mit stillen Delirien aus.

Der Hirnschwund und der Alterswasserkopf, das sind nun, ihrer Einwirkung auf die geistige Thätigkeit wegen, die schlimmsten Altersveränderungen und die ärgsten Feinde, aber weniger des Greises, als der ganzen Menschheit, denn sie erzeugen im Greise eine so falsche Meinung von seinen eigenen Geisteskräften und seinen Fähigkeiten, daß dadurch sehr oft die Strebungen reifer kräftiger Geistes gehindert und der Jugend altersschwache Ideen eingeprägt werden. Es hängt zwar im Greisenhirn das früher Erlebte und Erlernte noch ziemlich fest, weshalb sich auch die Erinnerung und Theilnahme der Alten immer mehr der Vergangenheit zuwendet und das Urtheil von vorgefaßten, eingewöhnten Meinungen beherrscht und gegen Neuerungen allzu mißtrauisch wird, – aber das Streben nach vorwärts, der Blick in die Ferne, das Interesse an der Gegenwart und am Weltlaufe, sowie ein unbefangenes Urtheil darüber, ist stets mehr oder weniger zu vermissen. Das Gedächtniß (zumal für das erst vor Kurzem Erfahrene und Gethane), die Fassungskraft und das Urtheil, die Entschlußfähigkeit und somit die Tüchtigkeit zu Geschäften werden immer schwächer, während die Schwatzhaftigkeit und Bedenklichkeit, der Eigensinn und die Hartnäckigkeit zunehmen. Die Phantasie ist erkaltet, die Erregbarkeit des Gefühls hat nachgelassen, die Affecte sind seltener und schwach, die Begehrungen beschränkt und ruhig; die Stimmung wird trüber und mürrisch und endlich erscheint das Kindischsein mit Vergeßlichkeit, Theilnahmlosigkeit, gänzlicher Stumpfheit der Sinne und selbst Blödsinn.

Diese von der materiellen Veränderung im Gehirn abhängigen geistigen Schwächen treten im Alter stets, bald früher bald später, bald in höherem bald in niederem Grade ein, Niemand wird davon verschont und darum wohl „Ehre dem Alter, aber nicht Macht.“ (Ueber die Krankheiten und die richtige Behandlung des Greisenalters später).

Bock.